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Mittwoch, 22. Januar 2025

"Mein Herz, das ist ein Bienenhaus!" (1898)

Unsere Vorfahren waren sangesfreudige Menschen.

Abb. 1: Familie Bading im Jahr 1917 - Gustav Bading (1870-1941), Emma Bading, geb. Mohr (1882-1968) mit ihren Kindern Emma (geb. 1904), Otto (1906-1979), Elfriede (geb. 1913) und Lucie (geb. 1916)*)

Und sie erzählten sich auch gerne Geschichten. Wenn meine westhavelländische Großeltern-Generation von ihrer Jugend erzählte, wurde fast immer auch Singen, Tanz und Musik erwähnt. Meine Großtante Emma Lindenberg, geb. Bading (Abb. 1. oben links) hat mir einmal Ende der 1970er Jahre aus Wusterwitz in der damaligen DDR über ihre Jugend auf einem Bauernhof in Bahnitz an der Havel geschrieben (zit. n. Stgr2012):

Meine Kindheit war Arbeit. Bis 14 Jahren ging ich in die Schule. Als ich raus kam (1918), wurde hart gearbeitet. Die Arbeitskräfte und wir mußten arbeiten: die Kühe melken, schleudern, buttern, alles mit der Hand, wir hatten keine Maschinen, die Schweine füttern, Kartoffeln dämpfen für das Vieh, für Gänse, Hühner, Enten. Die wurden dann im Herbst geschlachtet und verkauft. Holz und Kohle reinholen, heizen. Im Winter wurde das Korn gedroschen, immer ein paar Stunden vormittags und nachmittags. Denn Geld wurde auch gebraucht und Futter brauchten wir für das Vieh auch. (...) Wir hatten noch keinen Fernseher noch Radio und haben gesungen aus voller Kehle.

Meine Oma (1910-1984) hat 1981 über ihre Kindheit in Zollchow aufgeschrieben (zit. n. Prl2017):

Unsere Kindheit war schön! Ich habe gerade einen Brief meiner Schwester Friedel in der Hand, sie schreibt, weißt Du noch ... Und Großvater Eggert, er besaß einen Schleppkahn, schipperte damit auf Elbe und Havel Frachtgut. Bis Hamburg kam er. Er konnte so viel Geschichten von seinen Fahrten erzählen. Wenn er bei uns war, fand sich auch die Jugend ein. Es dauerte nicht lange und er nahm sein Schifferklavier. Und während die Eltern und Freunde sich vor dem Haus auf der Bank unter der Linde von der schweren Arbeit ausruhten, tanzten die Jungen unter der Friedenseiche all die alten Volkstänze "Mutter Wisch", "Ich nahm die Brille von meinen Augen", "Ick sehe di", "Dreimal Samtband um Rock" oder wie all die alten Volkstänze hießen, bis mein Vater "Schluß" sagte. Am nächsten Tag früh um fünf Uhr begann ja die Arbeit wieder. Es waren schöne Jahre ...

Zu dem kurzen Liedchen "Ich nahm die Brille vor meine Augen" finden sich Belege. Als dessen Entstehungsjahre finden sich die Angaben 1924 (Volksliedarchiv) und 1930 (Schwaben-Kultur) (s.a. "Kinderspiele und Spiellieder", GB1979). Zu den anderen hier genannten "Tänzen" (?) finden sich zunächst keine Angaben. Dabei klingt doch zumindest "Dreimal Samtband um Rock" sehr spezifisch ... Es scheint sich aber doch mehr um Kinderlieder und -spiele gehandelt zu haben, von denen meine Oma berichtete.

Abb. 2: "Mein Herz, das ist ein Bienenhaus" (Postkarte, um 1898)

Aus der Urgroßeltern-Generation des Verfassers dieser Zeilen hat sich überliefert, daß der Urgroßvater Gustav Hermann Otto Bading (geb. 1870 in Bahnitz; gest. 1941 in Bahnitz) (Abb. 1 oben rechts) in den 1890er Jahren seinen Vetter in Köln besucht habe und dort "mit der reichsten Jüdin Kölns" getanzt habe nach dem Schlager "Mein Herz, das ist ein Bienenhaus". In der mündlichen Familienüberlieferung war immer vom "Bienenkorb" die Rede, was zeigt, daß dieser Schlager lange wieder vergessen war. Aber dank Internet kann man ja dieser Angabe nun leicht nachgehen. 

Der "Bienenhaus-Marsch" war schon 1860 von dem deutschböhmischen Kapellmeister und Komponisten Hermann Josef Schneider (1862 in Tepl,  gestorben 1921 in Saaz) komponiert worden (GB) (DtLied). Sein Text lautet (s. Yt, 1930):

Mein Herz, das ist ein Bienenhaus,
Die Mädchen sind darin die Bienen,
Sie fliegen ein, sie fliegen aus,
So wie es ist im Bienenhaus.
Du meines Herzens Klause
Refrain: Holdria holdrio
Holdria holdrio
Holdria ho, Holdria ho,
Holdria ho, Holdria ho.

Sie fliegen aus, sie fliegen ein,
Die lieben kleinen Bienen,
Und bringen auf den Lippen fein,
Den süßen Honig mir herein
In meines Herzens Klause.
Refrain

Doch eine ist die Königin,
Sie liebe ich vor allem,
Und wenn sie mit mir ziehen will,
Dann blieb ja keine andre drin.
In meines Herzens Klause.
Refrain

Und wenn ihr Auge trübe blickt,
Und geht zum Weinen über,
Dann, süße Königin, vergib,
Ich hab' ja alle Mädchen lieb.
Doch dich, dich liebe ich vor allen.
Refrain

Wirklich populär scheint dieser Schlager aber in ganz Deutschland erst im Jahr 1898 geworden zu sein (s. Yt, 1930). Zahlreiche Bildpostkarten erschienen in diesen Jahren mit Motiven zu diesem Lied (s. Abb. 2). Sie zeigen ebenfalls auf, wie populär es war. Und auf Google Bücher finden sich zahlreiche Bezugnahmen auf diesen "Gassenhauer" in der Literatur jener Jahre und später. Ein Willi Ostermann in Berlin parodierte das Lied sogar schon im selben Jahr mit dem Text (Kellendr):

Mein Herz, das ist ein Bienenhaus,
so hört man nur noch auf den Straßen.
Man lärmt's und singt's in jedem Haus
das schöne Lied vom Bienenhaus.
In jeder Damenkapelle
Auch singt die Großmama
Holdria holldria
Und alte Jungfrau'n rufen's aus:
Mein Herz, das ist ein Bienenhaus!

Um 1900 entstand der Wandervogel. Und zur gleichen Zeit, 1901, schrieb etwa ein Wilhelm Teichmann in einem Aufsatz zum Thema "Unsere elsässischen Volkslieder" ("Jahrbuch für Geschichte, Sprache und Literatur Elsaß-Lothringens") (GB):

Wo ist das Volkslied zu Hause? (...) Steigen wir etwas weiter hinab zu den unteren städtischen Schichten. An Sangeslust fehlt es ihnen durchaus nicht. Was uns aber in der Stadt in die Ohren tönt, ist mehr der Gassenhauer. Von der Bühne, oft auch nur aus dem Tingeltangel unter die Leute geworfen, werden Worte und Weisen begierig aufgefangen, eine Zeitlang von jedermann gesungen und gepfiffen, - und dann wieder vergessen. Welcher ordentliche Gassenjunge pfeift jetzt noch: Mein Herz, das ist ein Bienenhaus - ? Hinter diesem von der jeweiligen Mode getragenen Singsang tritt das eigentliche Volkslied in der Stadt sehr zurück ...  

1898 war mein Urgroßvater 28 Jahre alt, von daher paßt die Familienüberlieferung ganz gut. Aber ansonsten kann er sich das gut und gerne auch nur ausgedacht haben, der leichtfertige Vogel, um all die Frauen zu erheitern, wenn sie beim Rübenhacken auf dem Feld versammelt waren. Daß er solche und andere Dinge beim Rübenhacken erzählt hätte, wird zumindest in der "Familiensaga" überliefert.

Sogar daß dieser Gassenhauer auch unter den "oberen Zehntausend" populär war, ist belegt. Etwa durch eine Illustration von Ferdinand von Reznicek mit dem Titel "Der Frahsee (La Française) / Mein Herz, das ist ein Bienenhaus" (Meistdr).

Wie auch immer. Schietegal! Unsere Vorfahren, das waren sangesfrohe Menschen. Und ihrem Gustav wird seine Emma (s. Abb. 1) schon Mohres gelehrt haben, was all die lieben Bienen betrifft!

Soweit zum Volksleben in Brandenburg in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Eine weitere Großmutter des Verfassers dieser Zeilen (1910-1995) stammte aus Wien (Strg2014) und wurde früh mit ihren vier Schwestern Mitglied im "Wandervogel". Auch sie hat natürlich ihr Leben lang gerne all die vielen Volkslieder gesungen und insbesondere auch zu Weihnachten sehr gerne auch so manches gehaltvollere Weihnachtslied. 

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*) Fuhr ein Fotograf über die Dörfer und bot Familienfotografien an? Oder fuhr die Familie nach Brandenburg, um sich beim Fotografen fotografieren zu lassen? Da alle etwas steif wirken, ist eher letzteres zu vermuten.

Sonntag, 28. August 2011

"Der lindenumsäumte Tempelweg Preußens ...."

Ganz Berlin eine große Fußgängerzone ....

Wer die letzte öffentliche Lesung der Dichterin Agnes Miegel (1879 -  1964, Wiki), die auf Tonband aufgenommen worden ist (1), sich einmal angehört hat, der wird wohl nicht so leicht den Tonfall vergessen, die Stimmung, die Bewegtheit in der Stimme, mit denen bei dieser Lesung unter so vielem anderen auch vom "lindenumsäumten Tempelweg Preußens" vorgelesen wurde, "den jeder von uns einmal gehen mußte".

Worte und Stimmungen einer ganz anderen Zeit. Das gilt schon für die 1960er Jahre. Und dabei ist diese Zeit auch heute erst 100 Jahre her. - 100 Jahre, die in unserem Zeitempfinden vielleicht doch "länger" gedauert haben als bloß 100 Jahre?
Abb. 1: Die Neue Wache "Unter den Linden" in Berlin um 1900
Wenn man mit dem Klang dieser Stimme in der Erinnerung seither in Berlin "Unter den Linden" bummelt und spazieren geht, jenem "lindenumsäumten Tempelweg Preußens" nach den Worten Agnes Miegels, sucht man sie zumeist wohl vergeblich, jene Stimmung, die diese Dichterin zu solchen Worten hatte veranlassen können in Erinnerung an ihre eigene Kinder- und Jugendzeit um 1900.

Abb. 2: Das Zeughaus "Unter den Linden" in Berlin um 1900
Bevor der Miegel-Text im Zusammenhang gebracht werden soll, in dem diese Worte enthalten sind, soll zunächst ein Tonbeispiel gebracht werden, offenbar ebenfalls aus der letzten Lesung Agnes Miegels, um einen Eindruck von der Stimmung zu erhalten, den auch jener Text bei der Lesung erzeugen konnte (nur die ersten 50 Sekunden):


In dem Text, auf den es uns hier ankommt, spricht Agnes Miegel von ihrer Kindheit, und wie sie mit ihren auch vom Elternhaus und der gesellschaftlichen Umwelt geprägten Kinderaugen von Königsberg im "abgelegenen" Ostpreußen aus in die Welt hineinblickte und wie sie diese Welt erlebte und ersehnte. Dabei schreibt sie dann unter anderem (1):
... Und Ferne - was war Ferne? Ferne waren die Hochseedampfer im Hundegatt und an der Grünen Brücke. ...
Abb. 3: Siegesallee im Großen Tiergarten in Berlin um 1910
Und sie kommt von diesen auf "Schweden und Schottland, Holland und Dänemark" zu sprechen, auf die Städte Danzig und Memel, die mit diesen Dampfern zu erreichen waren oder von wo dieselben kamen. Und dann kommt sie auf Hamburg zu sprechen:
... Hamburg, das aus blinzelnden Feueraugen über die graue Nordsee blickt, von dessen Kai man mit Dampfern, groß wie eine Stadt, überall hinfahren konnte, wohin man sich sehnte - wenn man erst groß war! Aber wo man hinkam, so gewiß wie auf die Schulbank und an den Komunionstisch - das war Berlin! Berlin, tief im Land über Weichsel und Nogat, über Niederung und Heidesand, über Oder und Bruch - Berlin! Nicht das Sterntaler-Märchen, das auch so hieß, von dem wir uns abends im Winter, wenn draußen die Sterne in der eisigen Frostnacht funkelten, heimlich noch im Bett erzählten, jene immer helle Weihnachtsmarktstadt, wo jeder Arme Arbeit fand und auf den Reichen Kuchen und Braten warteten - nein, nicht jenes Berlin. Sondern das andere Berlin zwischen Brandenburger Tor und Wache, der lindengesäumte Tempelweg Preußens, den jeder von uns einmal gehen mußte, um vor der Siegesgöttin, die dort vor den Wolken ihr Viergespann lenkt, das heilige Feldzeichen erhoben, sich erschauernd als das Kind des Volks zu fühlen, das sie geführt. Um sich voll ergriffener Ehrfurcht zu fragen, wie man das eigne kleine Ich in der stummen Selbstzucht pflichterfüllten Alltags solchen Ruhms, solch strenger Größe wert erweisen könnte!
In dieser Welt wuchs ich, aus ihr kamen, die mich erzogen. Keinen andern Ehrgeiz, keine andre Aufgabe kannten sie als diese.
Abb. 4: Unter den Linden, Ecke Friedrichstraße um 1900
Wirklich, eine andere Zeit! Auch unsereiner kam in den 1980er Jahren noch fast so "gewiß" wie um 1900 auf Schulfahrten nach Berlin, um das "eigene kleine Ich" - unter anderem - mit einer Mauer zu konfrontieren, die sich damals durch Berlin zog und das gesellschaftliche Leben beiderseits tief und beängstigend voneinander schied. Also was für eine ganz andere Stimmung als jene von Agnes Miegel um 1900! - Und heute?

Agnes Miegel lernte "Unter den Linden" im Jahr 1900 übrigens auch ihre erste und einzige große Liebe ihres Lebens kennen, wie erst lange nach ihrem Tod bekannt wurde, nämlich den Balladendichter Börries Freiherr von Münchhausen, mit dem sich eben dort unter den Augen ihres altbacken-konservativen Vaters ein tief in ihr ganzes künftiges Leben eingreifendes uneheliches Verhältnis anspann.

Abb. 5: Unter den Linden, Cafe Bauer um 1900
Aber heute sucht man, wie gesagt, jene ergriffene oder auch nur gesellschaftlich lebensfrohe Stimmung der Zeit um 1900 "Unter den Linden" vergebens. "Promenieren"? Autos rasen vorbei und verbreiten eine Unruhe, die auch unter den zahllosen Touristen aus aller Welt keine Besinnung mehr wollen aufkommen lassen.
Abb. 6: Potsdamer Platz um 1900 / rechte Bildmitte: Mann mit Pickelhaube und Koffer ;-)

Berlin - Die Welt von gestern in Farbe

Doch nun ist ein neuer Bildband erschienen "Berlin - Die Welt von gestern in Farbe" (3, 4). In der gleichen Reihe mit ähnlich gestalteten Bänden zu "Bayern", "Venedig", "Wien", den "Alpen", "Steiermark", "Salzkammergut" oder "Niederösterreich". Und die hier gebrachten "kolorierten" Fotos sind so lebensnah, wirken so unmittelbar, daß man anhand ihrer zum ersten mal geradezu körperlich zu spüren meint die Ruhe des Lebens in einer Großstadt wie Berlin um 1900. "Verkehrsberuhigt" heißt es ganz richtig zu einem dieser Fotos im "Tagesspiegel". Wie eindrucksvoll: Eine ganze große Stadt "verkehrsberuhigt". Eine einzige große Fußgängerzone!

Abb. 7: Spree und Dom um 1900
Wie konnten nur damals schon Leute über "die Großstadt" klagen? Und was würden diese erst heute sagen? Jedenfalls: Man stelle sich Berlin einmal so heute vor - und man wird mit der dichten Bebauung in dieser Großstadtwüste schon eher versöhnt sein, bzw. den Stadtplanern des 19. Jahrhunderts weniger grollen, als man das bislang vielleicht getan und sie dabei für gänzlich übergeschnappt gehalten hat. 
Abb. 8: Das Brandenburger Tor um 1900 - voll war es auch damals schon ...
Etwa wenn man hört, daß es schon vor 1914 Pläne gegeben hat, das gesamte Tempelhofer Feld zu überbauen. Das war also auch schon damals geplant ... Aber die Stadtplaner von damals entschuldigt mehr als jene, die heute so etwas planen. Alle Straßen planten sie, ohne sich dessen bewußt zu sein, als Fußgängerzonen.


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1. Ostpreußen - Es war ein Land. CD: Es war ein Land von Agnes Miegel (Audio CD - Bublies 1986)
2. Agnes Miegel zum 85. Geburtstag am 9. März 1964. Hrsg. von der Landsmannschaft Ostpreußen, S. 11f (freie pdf.-Datei)
3. Christian Brandstätter (Hg.): Berlin – Die Welt von gestern in Farbe. Mit Texten von Philipp Blom. Brandstätter-Verlag, 160 Seiten
4. Lars von Törne: Kolorierte historische Fotos - Berliner Blütejahre. Tagesspiegel, 23.04.2011

Abb. 9: Bismarck-Denkmal vor dem Reichstag um 1900