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Dienstag, 31. März 2026

Als Soldat und Kriegsgefangener im Elsaß 1944 bis 1947

Ergänzendes zum Lebensbericht meines Opas Otto Bading (1906-1979)

Der vorliegende Blogartikel ist eine Ergänzung zu dem schon 2012 veröffentlichten Lebensbericht über meinen Opa Otto Bading (1906-1979), der 1942 als einfacher Rekrut zur deutschen Wehrmacht eingezogen worden war und ab dann nur noch bei Ernteurlauben zu seiner Familie nach Hause kam (s. StNat2012)

 Abb. 1: Deutsche Kriegsgefangene im Elsaß - Standbild aus dem Dokumentarfilm "La libération de l'Alsace" (Yt) - "Un film du conseil general du bas-Rhin" (1968)

Mein Opa geriet im Elsaß in Kriegsgefangenschaft und gehörte dann zu den 37.000 deutschen Kriegsgefangenen, die nach 1945 im Elsaß festgehalten wurden (Lalsace2025) (Wiki):

Fast eine Million deutscher Kriegsgefangener wurden nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bis 1948 in Frankreich festgehalten, was gegen die Genfer Konventionen und den Status von Kriegsgefangenen verstieß. Sie wurden zur Zwangsarbeit in der Landwirtschaft und im Bergbau gezwungen.

Schon 2023 hatten wir ergänzende Ausführungen zum Lebensbericht meines Opas über die Kämpfe rund um Thann im Elsaß erarbeitet, in denen mein Opa im Dezember 1944 in Kriegsgefangenschaft geraten ist. Diese Ausführungen sollen hier zunächst den ersten Teil vorliegenden Blogartikels bilden. Danach gehen wir auf seine Zeit als Kriegsgefangener im Elsaß ein.

"Das ganze Elsaß hätte bis zum 3. Dezember 1944 befreit sein können ..."

Im Elsaß stand Ende 1944 die deutsche 19. Armee (Wiki) in Abwehrkämpfen gegen die 1. französische Armee (Wiki), die sich das Rhone-Tal entlang nach Norden vorgekämpft hatte.

Abb. 2: Die HKL des LXIII. Armeekorps am 24. November 1944 im Elsaß: Sie umfaßte Thann in weitem Bogen und war bei Bischwiller von Thann nur noch grob fünf Kilometer entfernt - Sie reichte von Rimbach-Guebviller im Norden über Masevaux und Reppe bis Montreux Vieux im Süden (GMaps)

Die 19. Armee hatte im September 1943 als Besatzungsarmee die gesamte französische Mittelmeerküste besetzt gehalten und war seit August 1944 von der 1. französischen Armee ins Rhone-Tal und entlang der Schweizer Grenze in schweren Kämpfen zurück gedrängt worden. Am 20. November 1944 hatte sie die Sperrfestung Belfort räumen müssen, vierzig Kilometer südwestlich von Thann im Elsaß, wo mein Opa vier Wochen später in Gefangenschaft geraten sollte. Die Geschehnisse werden auf der Internetseite des Museums in Türkheim im Elsaß folgendermaßen dargestellt (MusTürkheim):

Das doppelte Vordringen zum Rhein
14. November 1944
- Beginn der alliierten Offensive in Richtung Elsaß.
19. November 1944
- der Rhein wird in Rosenau erreicht (CC3 der 1. Panzerdiv.)
21. November 1944
- Befreiung von Mühlhausen durch die 1. Panzerdivision (dann von Belfort durch die 5. PD - 2. DIM)
Parallel zu diesen Operationen wird Straßburg am 23. November 1944 befreit durch die 2. Panzerdivision (General Leclerc) angeknüpft an die 7. amerikanische Armee von General Patch.
Die 19. Armee ist reduziert auf 20.000 Leute, das entspricht einer französischen Division.
Am 30. November 1944 ändert General de Lattre plötzlich die Angriffslinie seiner Armee, d.h. "von Süden nach Norden über das Flachland" wird zu "von Osten nach Westen über die Berge".
Warum?
Das ganze Elsaß hätte zum 3. Dezember 44 befreit sein können.

Was für ein erschütternder Satz. Ist hier einmal erneut - wie bei so vielen anderen Gelegenheiten  - die "Hintergrund-Regie" in diesem Krieg zu spüren? Wenn die Westalliierten zu schnell vorgerückt wären, wären sie vor den Russen in Berlin oder sogar an der Oder gewesen. Die Kriegszielplanungen und -Vereinbarungen der Westmächte mit der Sowjetunion sahen aber ein Zusammentreffen beider Mächte an der Elbe vor (6) - so wie es dann auch geschehen ist - unter anderem aufgrund des langen Hinauszögerns der Errichtung der Zweiten Front im Westen. Wäre diese Entscheidung im Elsaß wiederum zurück zu führen auf "Hintergrund-Regie", hieße das einmal erneut, daß die ganzen weiteren schweren Menschenverluste im Elsaß auf deutscher wie auf westalliierter Seite zurück zu führen wären auf das westliche Kriegsziel: Sowjetisierung Osteuropas bis zur Elbe - um damit die Deutschen gründlich zu traumatisieren und für Umerziehung empfänglich zu machen - und nicht nur oberflächlich (6).

Man möchte wissen, wer der Verfasser dieses Museumstextes war und woher er seine Sicherheit bei diesem Satz nimmt. (Das Museum in Türkheim bei Colmar hat auch eine eigene Facebook-Seite [Fb]). 

Der deutsche Entlastungsangriff in den Ardennen begann erst am 16. Dezember 1944, also mehr als zwei Wochen später. Soll das heißen, daß man diesem Entlastungsangriff mit der vollständigen Besetzung des Elsaß hätte zuvor kommen können? Welche Überlegungen und Umstände führten zu dieser militärischen Entscheidungen des Generals de Lattre (1889-1952) (Wiki) Ende November 1944, des nachmaligen, in Filmaufnahmen so onkelhaft auftretenden "Befreiers des Elsaß"? Dieser Frage können wir an dieser Stelle nicht erschöpfend nachgehen.

Der Frontbogen um Colmar

Im Frontbogen um Colmar sollten von Dezember 1944 bis Februar 1945 die schwersten Kämpfe des Zweiten Weltkrieges geführt werden, die innerhalb der heutigen Grenzen Frankreichs stattgefunden haben -  nach denen in der Normandie im Juni und Juli 1944. Zu den Kämpfen um Colmar lesen wir (MusTürkheim):

Ein Frontbogen formt sich um Colmar: eine 160 km lange Front zieht sich zu einem Kreis zusammen, südlich von Straßburg bis Mühlhausen über die Gipfel der Vogesen.
Die Operationen
Verstärkung der 19. Deutschen Armee:
Ankunft von frischen Truppen aus Deutschland (9 Infanteriedivisionen + 2 Panzerbrigaden).

An der linken Flanke der 19. deutschen Armee verteidigt das LXIII. deutsche Armeekorps (s. Abb. 3).

Abb. 3: Der Frontbogen um Colmar, deutsche Lagekarte vom 1. Dezember 1944 (LdW) - Thann wird hier von der deutschen 189. Infanteriedivision verteidigt

Wir lesen (LexdW):

Das Korps bildete die südliche Flanke der deutschen Westgrenze und lehnte sich an die Schweizer Grenze an. Am 18. November stießen alliierte Verbände durch die burgundische Pforte und öffneten so den Weg in die elsässische Tiefebene. Am 20. November wurde Belfort durch französische Einheiten besetzt und das Korps baute östlich der Stadt eine neue HKL auf. Am Abend des 24. November befand sich die Front des Korps in der Linie Rimbach - Masevaux - Reppe - Montreux Vieux.

Den Verlauf dieser Frontlinie muß man sich klar machen, wenn man den weiteren Verlauf der Kämpfe verstehen will (s. GMaps) (Abb. 2-4-).

Abb. 4: Ausschnitt aus Karte 3 - Thann etwa in Bildmitte (neben der Divisions-Zahl "189")

Dieser weitere Verlauf war offenbar sehr deutlich von der oben genannten Entscheidung des Generals de Lattre beeinflußt. Das heißt, die Deutschen verteidigten auf den waldreichen Bergen auf der Westseite von Thann die Stadt, und zwar Richtung Westen und auch Richtung Nordwesten, Richtung Bischweiler hin. Von dort her griffen die Franzosen der 1. Armee an, obwohl sie womöglich viel leichter durch die Ebene des Rheintales bei Straßburg gen Norden hätten durchstoßen können. Es ist das übrigens dieselbe Region, die während des Ersten Weltkrieges schwere Kämpfe erlebt hat, etwa rund um den nördlich von Than gelegenen Hartmannsweilerkopf. Wir lesen weiter  (LexdW):

Unter ständigen alliierten Angriffen und schweren Verlusten ging das Korps bis zum 10. Dezember 1944 auf die Linie Thann - Südrand St. André - südlich von Straßburg - Südteil Nonnebruchwald - Westrand Reiningen zurück. Am 14. November hatte das Korps noch eine Kampfstärke von 9.280 Mann. An diesem Tag (10. Dezember) ging nach schweren Kämpfen der Ort Thann verloren.

Vier Divisionen standen im Rahmen dieses Korps zu jenem Zeitpunkt im Einsatz. Keine der genannten stammte, soweit übersehbar, als solche aus Brandenburg. Die 198. Infanterie-Division (Wiki) unter dem Befehl des Generals Otto Schiel (1895-1990) (Wiki) verteidigte - laut ChatGPT im Raum Thann, neben der 189. Infanterie-Division und anderen Heeresteilen, mit denen dort die deutsche Front übereilt verstärkt worden war.

Immerhin waren ja 9 Infanteriedivisionen neu der Front im Elsaß zugeführt worden. Alle Divisionen, die damals an der Westfront zum Einsatz kamen, insbesondere dann auch in der Ardennen-Offensive, waren ja dann Divisionen, die bei der Verteidigung der Ostgrenzen des Deutschen Reiches gegen die Sowjetunion fehlten.

Abb. 5: In den waldreichen Bergen westlich von Thann im Elsaß, auf dem Stauffen, dem Zuber und dem Steinby verlief die deutsche Hauptkampflinie, Front Richtung Westen - Auf einem dieser Berge wird mein Opa am 9. Dezember 1944 in Gefangenschaft geraten sein, nachdem Thann selbst schon von den Franzosen eingenommen worden war 

Die Amerikaner hatten also im Norden den Rhein erreicht und die Franzosen im Süden. Und dazwischen hielten die deutschen Soldaten in den Vogesen den Brückenkopf Colmar.

Aus dem Tagebuch eines Elsässers in Thann

Auch in Thann wartet ein Elsässer, J. Baumann, auf die Befreiung durch die Franzosen. Er machte sich Tagebuch-Notizen, in denen er sich über die Zurückeroberung Straßburgs und Mühlhausens freute und konsequenterweise schon in den nächsten Tagen mit der Befreiung von Thann rechnete. Diese sollte allerdings - zur Überraschung aller - noch viele Wochen auf sich warten lassen (9). Wir lesen (7):

Die Amerikaner und die 2. Pz. Div. befreien Straßburg am 25. November. Die 1. (französische) Armee erreicht am 18. November den Rhein und befreit am 20. Mühlhausen. Die Befreiung von Colmar, das sich in der Mitte des Kessels befindet, der die noch von den Deutschen besetzte Region bildet, scheint daher ganz nahe. Es sollten jedoch noch zweieinhalb Monate an Kämpfen einer seltenen Heftigkeit notwendig sein, bis die 1. Armee den deutschen Widerstand bezwingen konnte.

J. Baumann berichtet, daß man ab 22. November in Thann den Gefechtslärm vom 40 Kilometer entfernten Belfort herüber hörte. Er berichtet, wie in den Folgetagen der NS-Kreisleiter des Ortes und die Leiter anderer NS-Formationen ihre Sachen packten und abreisten, begleitet von der klammheimlichen Freude der beobachtenden Elsässer vor Ort - wie J. Baumann, die dem nationalsozialistischen Deutschland ablehnend gegenüber standen.

Die Kämpfe um Thann im Elsaß

Am 1. Dezember 1944 schreibt dieser Baumann in sein Tagebuch (9):

Heute Morgen um 10.30 Uhr gab der Kampfkommandant Oberstleutnant Wellenkamp den letzten verbliebenen deutschen Zivilisten Befehle, Thann unverzüglich zu verlassen. 

Am 2. Dezember (9):

Der deutsche Widerstand versteifte sich. Teile der Batterien, die nach Steinbach abgeordnet worden waren, kehrten über Nacht auf ihre alten Positionen in Thann zurück und schießen so viel sie können.

Steinbach liegt vier Kilometer östlich der Stadt (GMaps). Die deutschen Batterien schießen von Thann aus in die waldreichen Bergen westlich und nordwestlich von Thann. Dort wird mein Opa eingesetzt gewesen sein. Am 5. Dezember schreibt J. Baumann (9):

Von der Rosenburg und der Engelsburg aus feuern die Deutschen in Richtung Weckenthalkopf und in Richtung Alenborn. Truppen, zu Fuß oder motorisiert, fließen vom Saint-Amarin-Tal zurück (nach Süden) in die Ebene, während kleine Gruppen (nach Westen) ins Steinby-Tal stürmen. Sie marschieren im Gänsemarsch, müde, gleichgültig, schmutzig. Das ist freilich nicht mehr die "stolze Wehrmacht"! Und doch wehren sich diese Lumpen wie verrückt! 

Saint Amarin liegt zehn Kilometer nördlich von Thann, hinter Bitschwiller. Allenbourn ist eine kleine Siedlung am gleichnamigen Bachlauf vier Kilometer nordwestlich von Thann, hinter dem Weckenthalkopf. Vielleicht befand sich mein Opa unter den im Gänsemarsch ins Steinby-Tal marschierenden Soldaten. Dort sollten - nach Aussage von J. Baumann - am 9. Dezember viele deutsche Gefangene gemacht werden. Doch zunächst schreibt er über den 7. Dezember (9, S. 2):

Es kam der 7. Dezember. Die Offensive begann. Bitschiviller wurde (von den Franzosen) genommen. Am nächsten Tag findet der Angriff auf Thann statt.

Zum selben Tag schreibt er (9, S. 10):

Um 7 Uhr morgens, nach einer relativ ruhigen Nacht erschüttert ein höllischer Lärm unsere Herzen. Es ist die Generaloffensive auf Thann. Geschosse fallen hart auf die Höhe von Leimbach. (...) Das Bombardement dauert - mit nur wenigen Unterbrechungen - bis zu 10 Stunden. Nachmittags beginnt der Tanz erneut im Bereich Steinby. Die Bevölkerung hat sich in die Keller geflüchtet und wartet ungeduldig und ängstlich auf die kommenden Ereignisse. Nach 14 Stunden wird die Brücke Halle aux Blé mit Hilfe einer gewaltigen Sprengladung gesprengt.

Am 8. Dezember kommen laut Tagebuch durch den Beschuß zahlreiche Bürger von Thann ums Leben oder werden verletzt (9). 

Die Deutschen ziehen sich am 8. Dezember nach Süden und Südosten auf Vieux-Thann zurück. Sie sprengen um 11 Uhr die Bungert-Brücke. Die Franzosen ziehen in Thann ein. Der Tagebuch-Verfasser schreibt (9, S. 2):

Unsere Soldaten - Legionäre, marokkanische Infanterie, Jäger aus Afrika - erobern in schwerem Kampf die von den "Boches" gehaltenen Häuser, Haus für Haus, Straße für Straße, Viertel für Viertel. Der Zufall im Fortschritt der Kämpfe schafft seltsame Situationen. Überquellende Freude in einer Gasse, die bereits befreit ist, Angst und Unsicherheit in einer anderen, in der der Kampf immer noch tobt. Völlige Unkenntnis der Sachlage 50 Schritte weiter. Am 10. wird Thann schließlich vollständig gesäubert. Aber es ist noch nicht das Ende des Geschehens. Denn der Feind steht immer noch ganz nah. Manche bleiben nur wenige hundert Meter von der Stadt entfernt stehen, klammern sich an die "Drackhüffa", verschanzen sich in den Häusern von Vieux-Thann, werden in den Wäldern des Herrenstubenkopfes überfallen.

Der Herrenstubenkopf liegt vier Kilometer nord-nordöstlich der Stadt. Der Zeitzeuge berichtet von einem Tunnel eineinhalb Kilometer nördlich der Stadtmitte, in dem sich deutsche Truppenteile verschanzt haben. Dieser ist schwer umkämpft. Am Ende gehen dort etwa 50 deutsche Soldaten in Gefangenschaft. Drei deutsche Panzer passieren im Rückzug nach Süden das Rathaus und bekämpfen die von Norden her nachdrängenden französischen Panzer. Um 16.40 Uhr dringen die französischen Panzer bis zum Rathaus vor.

Abb. 6: Von solchen Bergen wie dem Aussichtsberg Stauffen, Blick Richtung Norden hinunter auf die Stadt Thann im Elsaß, wird mein Opa am 9. Dezember 1944 in französische Kriegsgefangenschaft gegangen sein

Die Deutschen halten aber immer noch die Waldregion Steinby vier Kilometer westlich der Stadt, sowie die Berge Zuber und Stauffen in den waldreichen Bergen dazwischen (GMaps). Durch das Eindringen der Franzosen nach Thann hinein sind diesen Truppenteilen die Rückzugswege abgeschnitten. Der Zeitzeuge aus Thann schildert für den 9. Dezember einzelne Abschnitte des Kampfes um Thann. Er schildert den Kampf von Mörsern und Panzern in einzelnen Stadtteilen. Von Norden her kämpfen sich die Franzosen in den waldreichen Bergen vor (9):

Bedroht davon, umgangen zu werden, nutzen die Deutschen die Nacht aus, um sich zurückzuziehen. Auch in Richtung Steinby geht der (französische) Vormarsch weiter. Am Morgen wurde dieser Bereich zwischen 8 und 12 Uhr mit extremer Gewalt bombardiert, die offenbar darauf abzielte, den Rückzug der dortigen deutschen Truppen zu verhindern, die den Stauffen verteidigten, und die ihn erst in der Nacht zuvor durch Truppenteile aus Guebwiller verstärkt hatten. Über die Rue Kléber schieben sich die Panzer bis zum Croix du Stauffen hinauf, zeitweise sogar bis zum Staudamm des Parks, nachdem er einen deutschen Maschinengewehrschützen hart getroffen und liquidiert hatte, der wie ein Verrückter vor dem Restaurant Subiger geschossen hatte. Der Unvorsichtige ist am Fuße des Gekreuzigten zusammengebrochen, seine Arme wurden amputiert.

Guebwiller liegt 18 Kilometer nordöstlich von Thann und der Stauffen ist ein Aussichtsberg im Südosten von Thann. Die Rue Kléber führt vom Zentrum des Ortes aus nach Süden bis Leimbach. Mit Croix du Stauffen ist aber hier nicht das Lothringer Kreuz auf dem Berg gemeint, sondern ein Jesuskreuz an einem Haus in der Rue Kléber, das sich wohl noch nördlich des erwähnten "Park Albert 1er" befand.

9. Dezember 1944 - Gefangennahme auf waldigen Bergeshöhen

Am 10. Dezember schreibt J. Baumann in seinen Notizen (9):

In der Nacht evakuierten die Deutschen die Höhen von Stauffen und der Zuber-Aussicht. Die französischen Panzer dringen weiter in das Steinby vor. Sie holen dort 62 Gefangene aus dem Huck-Haus. Im Jenn-Haus ergeben sich weitere 25. 

Wenn wir es recht verstehen, handelte es sich dort oben in den Bergen um Wanderhütten. Es ist nahe liegend, daß sich mein Opa unter den hier gefangen Genommenen befunden hat. 

In einer allgemeineren Darstellung heißt es über diesen Angriff der 1. französische Armee (7):

Die Offensive beginnt am 5. Dezember, jedoch muß sich die 1. Armee angesichts des deutschen Widerstandes mit einem Vorrücken an den Flanken des Kessels und der Befreiung von Thann im Süden (10. Dezember) und Schlettstatt im Norden zufrieden geben.

Von Thann aus wurden nicht in Gefangenschaft geratene deutsche Truppenteile auch wieder 50 Kilometer weiter nach Norden an den Mont de Sigolsheim verlegt, wo die Kämpfe dann für diese Truppenteile weiter gingen (8):

Werner Schauer, Jahrgang 1925, damals Infanterist im Grenadierregiment 1213, schrieb sehr ausführliche Erinnerungen an seine Erlebnisse im "Brückenkopf Kolmar". Sein Bericht bestätigt, wie zusammengewürfelt und zum Teil unerfahren die Einheiten waren, die in diesen Tagen eingesetzt wurden. Er hatte bereits ab 7.12. an Kämpfen um den Mont de Sigolsheim teilgenommen. Am 12.12. sollte sein Regiment, wie es im Divisionsbefehl hieß, "im Zusammenwirken mit dem von Nordwesten angreifenden Regiment Ayrer den Feind auf dem Mont de Sigolsheim (vernichten)". (...) Er berichtet aber vom Angriff des Regiments Ayrer am 12. Dezember und dem Tod des Kommandeurs. Am Vortag hatte Schauer in Kientzheim einen Stabsfeldwebel kennen gelernt, der mit 22 älteren Luft-Nachrichten-Soldaten - dem Rest seiner in früheren Kämpfen bei Thann dezimierten Kompanie - jetzt am Mont de Sigolsheim eingesetzt werden sollte. Aus seinem Bericht zum 12.12.: "Abends höre ich, daß beim Angriff morgens um 10 Uhr der Zug des Stabsfeldwebels am linken Berghang von Granatwerfer-Salven wie von einer Lawine überrollt wurde. Dem Stabsfeldwebel zerriß es die linke Hand und den Arm. Die paar Überlebenden brachten ihn nach unten in den großen Weinkeller. Er konnte glücklich sehr schnell via Ammerschweier, Colmar, Breisach nach Freiburg gebracht werden. Unser Bataillonsarzt glaubt, daß er überleben wird. Unsere Gruppe ... war in etwa Bergesmitte eingesetzt und kam heil zurück."

Wir lesen (MusTürkheim): 

Am 6. Dezember übernimmt Reichsführer Himmler persönlich das Kommando aller im Kampf stehenden Truppen im Frontbogen von Colmar.
Colmar hört die Kanonen und hofft, wird aber noch nicht befreit.
Ende Dezember 1944: die Verteidigung von Straßburg ist in Frage gestellt durch die Gegenoffensive von von Rundstedt in den Ardennen. Eisenhower will seine Position aufgeben und seine Linien in die Vogesen (zurück) verlegen.

5. Januar 1945 - Deutsche Gegenangriffe bei Straßburg - Schwere Verlust für die Alliierten

Auf dem englischsprachigen Wikipedia lesen wir (Wiki):

Am 16. Dezember 1944 griffen die Deutschen in den Ardennen an. Die sogenannte Ardennenoffensive zwang die US-Truppen, große Mengen aus Elsaß und Lothringen nach Norden zu verlegen, um dem deutschen Angriff entgegenzuwirken. Im Januar wurden weitere US-Truppen als Reaktion auf die deutsche Gegenoffensive im nördlichen Elsaß, das Unternehmen Nordwind, nach Norden verlegt. Himmler nutzte die gedehnten alliierten Linien und befahl die Rückeroberung Straßburgs. Deutsche Truppen griffen am 5. Januar 1945 bei Gambsheim über den Rhein an und besetzten bald einen Brückenkopf mit den Städten Herrlisheim, Drusenheim und Offendorf nördlich von Straßburg. Südlich von Straßburg griffen deutsche Truppen im Colmarer Kessel am 7. Januar nach Norden in Richtung Straßburg an und fügten dem französischen II. Korps schwere Verluste zu, konnten die französische Verteidigung aber letztlich nicht durchbrechen.
Verstärkt durch Teile der 10. SS-Panzerdivision, hielten die deutschen Truppen im Brückenkopf Gambsheim im Januar 1945 den US-amerikanischen und französischen Gegenangriffen stand und schlugen die 12. US-Panzerdivision bei Herrlisheim schwer. Die deutschen Erfolge im Januar markierten jedoch den Höhepunkt für das Oberrheinische Oberkommando. Der Brückenkopf Gambsheim und weiter südlich der Kessel von Colmar wurden von den Alliierten erst im Laufe des Februars 1945 eingenommen.

Die Stadt Colmar selbst ist aufgrund all dieser Vorgänge erst am 2. Februar 1945 von den Westalliierten nach schweren Kämpfen besetzt worden (Wiki) (1). In Colmar erhielt mein Opa seinen Kriegsgefangenen-Ausweis ausgestellt.  

Kriegsgefangenschaft - Hunger und Zwangsarbeit

Während eines Urlaubes in Türkheim bei Colmar im Elsaß tauchen einmal erneut Fragen auf, wie es meinem Opa nicht nur in den Kämpfen bei Thann ergangen sein mag, sondern auch später in Kriegsgefangenschaft bis 1947 im Elsaß. Da sein Kriegsgefangenen-Ausweis in Colmar ausgestellt worden ist, und da er seine drei Jahre Kriegsgefangenschaft nur im Elsaß verbracht hat, könnte es nahe liegend sein zu vermuten, daß er die längste Zeit auch in einem Kriegsgefangenenlager in oder bei Colmar festgehalten worden ist.

Was es heißt, Kriegsgefangener zu sein, war meinem Opa längst klar. Er hatte selbst seit 1941 im Havelland zwei russische Kriegsgefangene auf dem Hof und hatte bis 1942 als Ortsgruppenleiter und Amtsvorsteher seines Dorfes den Bauern die Kriegsgefangenen zugeteilt oder auch wieder entzogen, wenn sie auf einem Hof schlecht behandelt worden sind. Nun war er selbst Kriegsgefangener.

Von einem deutschen Kriegsgefangenen, der bei Colmar als Kriegsgefangener festgehalten wurde, findet sich ein recht konkreter Bericht über das dort Erlebte (4). Man hat sofort das Gefühl, daß mein Opa vieles davon sehr ähnlich erlebt haben könnte - vielleicht sogar ebenfalls in Colmar oder im Umland von Colmar.  

Hungerlager in Colmar (1945 bis 1947) 

Das Kriegsgefangenen-Schicksal eines Franz Bernkopf, der aus dem Riesengebirge im österreichischen Schlesien stammte, könnte also in vielem dem meines Opas geähnelt haben (4):

Im August 1947 wurde mein Vater Franz Bernkopf, der 1997 verstorben ist, aus französischer Kriegsgefangenschaft in Colmar entlassen. Er konnte allerdings nicht in seine Heimat im Riesengebirge zurückkehren, sondern fand seine Familie als vertriebene Sudetendeutsche auf einem Bauernhof in Gschwendt, Gemeinde Ascha, wo sie nach einem Aufenthalt im Flüchtlingslager Muckenwinkling eine Unterkunft gefunden hatten. Ihre Adresse hatte er durch einen glücklichen Zufall erfahren. An einem heißen Augusttag stand plötzlich ein Mann in abgerissener Wehrmachtsuniform vor dem Hoftor. Instinktiv spürte ich: Das ist mein Vater! Drei Jahre, seit meinem sechsten Lebensjahr, hatte ich ihn nicht mehr gesehen.

Sehr ähnlich könnte es auch gewesen sein, als mein Opa drei Monate später, im November 1947 aus der Kriegsgefangenschaft im Elsaß entlassen worden war und zurück nach Bahnitz an der Havel kam. Der einzige Unterschied: Der älteste Sohn meines Opas war nicht neun, sondern im Jahr 1947 schon 13 Jahre alt. Wir lesen weiter in dem Bericht (4):

Nachdem sich mein Vater nach einigen Wochen an das Leben in Freiheit gewöhnt hatte, erzählte er manchmal aus der Zeit der Gefangenschaft in Frankreich. Für ein Kind mit neun Jahren hörten sich Vaters Erzählungen wie Geschichten aus einer anderen Welt an. Und es war ja auch eine andere Welt – die Welt der Gefangenschaft mit ihrem unsäglichen Leid, Hunger und Elend, die ein Kind nicht fassen konnte.
Erst 22 Jahre später, 1969 wurden Colmar und die Umgebung für mich zur erlebten Gegenwart. Zufällig hatte mein Vater in alten Aufzeichnungen die Anschrift seines damaligen Kommandoführers im Gefangenenlager Colmar gefunden. Er schrieb ihm einen Brief und dankte ihm, daß er den Kriegsgefangenen, Franz Bernkopf, vor dem Hungertod gerettet hatte.
Bei einem Morgenappell hatte Kommandoführer Arrus gefragt, wer mit der Sense Gras mähen könne. Vater meldete sich als Erster. Arrus nahm den Gefangenen Franz Bernkopf mit zu sich nach Hause und beschäftigte ihn für einige Zeit. Er mußte einen Bahndamm mähen und Holz hacken und wurde dort auch verpflegt. Das war seine Rettung, denn viele seiner Kameraden waren im Lager bereits an Unterernährung gestorben. Obwohl er sich noch in Kriegsgefangenschaft befand, durfte er sich frei bewegen. Für all das sei er ihm heute noch dankbar, so Franz Bernkopf in seinem Brief.

Alles das steht völlig im Einklang mit dem, was auch mein Opa erzählt hat. Auch ihm ging es nach der Einquartierung in einem Privathaushalt wesentlich besser. Auch er hat mir, dem Verfasser dieser Zeilen, das Mähen mit der Sense beigebracht. Weiter im zitierten Bericht (4):

Er bat den Oberbürgermeister, nach dem Verbleib des Herrn Arrus zu forschen und fragte, ob der Bildhauer Antonie noch am Leben sei, der mithilfe der Gefangenen das Denkmal am Hartmannsweilerkopf geschaffen habe. (...) Nur zehn Tage später erhielt Franz Bernkopf ein Antwortschreiben aus Colmar. In ihm stand die genaue Anschrift des ehemaligen Kommandoführers Louis Arrus, aber auch, daß der Bildhauer Antonie bereits gestorben sei. (...)
Im August 1969 machte ich mich zusammen mit meinem Vater auf die Reise in seine Vergangenheit. (...) Der Bürgermeister (...) sprach als gebürtiger Elsässer natürlich deutsch, so war die Unterhaltung kein Problem.
Plötzlich öffnete sich Tür und zur größten Überraschung meines Vaters betrat Louis Arrus den Raum. Der Bürgermeister hatte ihn in der Zwischenzeit rufen lassen. Nun hatte Vater das Ziel der Reise erreicht: Er konnte seinem „Lebensretter" danken, der ihn vor dem Hungertod bewahrt hatte. (...)
Von der „Rapp-Kaserne", dem ehemaligen Gefangenenlager war nichts mehr vorhanden. Ich glaube, Vater war froh darüber. (...) Alt-Colmar mit seinen alemannischen Fachwerkhäusern gefiel uns besser. Das Viertel, die „Krütenau" (Krautgarten), wird durch seine schöne Lage am Fluß Lauch auch als „Klein-Venedig" bezeichnet. Natürlich besuchten wir auch das „Unterlinden-Museum", denn hier befindet sich der berühmte Isenheimer Altar von Mathias Grünewald.

Offenbar das Hauptgebäude der Rapp-Kaserne in Colmar ist doch noch erhalten. Man findet es nur wenige hundert Meter westlich des Hauptbahnhofs an der Ecke "avenue de la Liberté" und "avenue du Général de Gaulle" (GMaps). Diese Kaserne ist 1887 bis 1889 erbaut worden und wird als "schönes Beispiel deutscher Militärarchitektur" angesprochen (ArchiWiki). Das Zentrum der Stadt Colmar liegt östlich des Hauptbahnhofs, dort liegt auch das angesprochene Unterlinden-Museum, nur eine Viertelstunde Fußweg von der Rapp-Kaserne entfernt (GMaps).

Abb. 7: Halb zivil, halb militärisch - Kriegsgefangenenlager Colmar, wohl 1947 (aus 4) - Meinen Opa kann ich auf der Fotografie nicht erkennen, aber nahe liegend, daß er sich in ähnlicher Lage befand wie die hier Fotografierten 

Der Hintergrund der Haltung der Elsässer gegenüber den deutschen Kriegsgefangenen wird folgendermaßen erläutert (France24):

Die meisten Elsässer im wehrfähigen Alter, die „Malgré-nous“ (die Wehrpflichtigen), wurden zwangsweise in die deutsche Armee eingezogen. „Sie sind eine elsässische Mutter. Ihr Sohn trägt zwangsweise eine deutsche Uniform. Colmar ist befreit. Sie versteht sehr gut, was mit den deutschen Soldaten geschieht. Ich glaube, sie wollte nichts feiern“, resümiert der Historiker.

Der schon erwähnte Isenheimer Altar in Colmar spielte auch für den wohl bekanntesten deutschen Kriegsgefangenen im Elsaß, für den deutsche Maler Otto Dix, eine nicht geringe Rolle (Wintzenheim):

Der bekannteste Kriegsgefangene im KZ Colmar-Logelbach: Otto Dix (1891–1969). (...) Otto Dix wurde im Februar 1945 zum Volkssturm eingezogen. Er war in einem Bunker bei Bühl in Baden stationiert und geriet im April 1945 während des alliierten Vormarsches in Gefangenschaft. Über Baden-Baden und Straßburg erreichte er das KZ Colmar-Logelbach, das sich im ehemaligen Haussmann-Werk befand, das 1961 niederbrannte. Ein französischer Offizier aus Colmar zeigte ihm den Artikel „DIX“ in der Propyläen-Kunstgeschichte, woraufhin Dix Kontakt zu dem Maler Robert Gall aufnahm. Gall war bekannt für seine sakrale Kunst, darunter die vom Hortus Deliciarum inspirierte Dekoration, die sich noch heute auf dem Mont Sainte-Odile befindet. In Galls Atelier in Colmar, Rue Charles-Grad 12, entstanden die Skizze und das Triptychon „Madonna vor Stacheldraht und Trümmern mit Paulus und Petrus“ (Trippticon 1945). Zwischen den beiden Männern verband eine tiefe Freundschaft. Sie besuchten sich regelmäßig, um den Isenheimer Altar und die Madonna mit dem Rosenstrauch zu bewundern, die damals vorübergehend im Museum Unterlinden ausgestellt war.
Offiziell arbeitete Dix als Gärtner für die Familie Gall, doch sein Gastgeber nahm ihn auch mit ins kriegszerstörte Elsaß, zu den Ruinen des ehemaligen Colmarer Kessels, wo sie gemeinsam skizzierten. Parallel dazu fand Dix Arbeit bei der Karosseriebaufirma Dürr und Gangloff und fertigte spezielle Transparentfolien für die Befreiungsfeierlichkeiten an, die das Bildnis von General de Gaulle zeigten. In dieser Zeit holte Robert Gall Dix, ohne ihn namentlich zu erwähnen, zu Jess-Borocco, um das unvergessliche Plakat zur Feier der Wiedererrichtung des von den Nazis zerstörten Rapp-Denkmals zu gestalten. Ein seltenes und bewegendes Beispiel grenzüberschreitender kreativer Zusammenarbeit im schwierigen Kontext der unmittelbaren Nachkriegszeit, genauer gesagt – offiziell – zum ersten Jahrestag der Befreiung am 2. und 3. Februar 1946. In der Zwischenzeit fertigte der Kriegsgefangene Otto Dix Auftragsarbeiten an – Porträts und Landschaften der Vogesen –, die ihm ein relativ gutes, wenn auch nicht unglückliches Überleben bis zu seiner Befreiung und Rückkehr nach Deutschland, nach Hemmenhofen, im Februar 1946 ermöglichten.
Im Konzentrationslager Logelbach war Dix einer Künstlergruppe zugeteilt worden, deren Fortbestand vom Wohlwollen der französischen Behörden abhing. Hier liegt der Ursprung des Triptychons, dessen Skizze sich heute im Museum von Colmar befindet. Das gemalte Triptychon fand sofort einen Käufer und schmückte nie die katholische Gefangenenkapelle. Eine vereinfachte Version der zentralen Komposition wurde angefertigt; diese befindet sich heute in der Abtei Beuron im oberen Donautal. Das gemalte Triptychon hingegen befindet sich seit 1988 in Berlin, in der Wallfahrtskirche Maria Frieden (Bezirk Tempelhof, Ortsteil Mariendorf). Die Skizze begleitete Dix nach Hemmenhofen und kehrte erst nach seinem Tod 1969 nach Colmar zurück, als posthume Würdigung der Freundschaft zu Robert Gall, einem gebürtigen Colmarer.
Auszug aus den Memoiren des Bildhauers Hermann Berges (verstorben), der 1945/46 Kriegsgefangener in Colmar war:
Als Dix Teil der Künstlergruppe im Lager war, begannen die Vorarbeiten für den Altar der Kapelle. Fertiggestellt wurde jedoch nur das Marienbild. Die festen Seitentafeln wurden später von dem Maler Schober mit Kohle gezeichnet. Sie zeigten die Heiligen Petrus und Paulus in Gefangenschaft. Der unten abgebildete Holzschnitt zeigt die beiden Kohlezeichnungen von Schober an ihrem Platz.
Die vereinfachte Version der Madonna, die auf einem Kupferstich von 1946 zu sehen ist, ist signiert von W. Schick (einem weiteren Kriegsgefangenen und Künstler aus dem Lager Logelbach). Sie befindet sich heute in Beuron.
Ich selbst, Kriegsgefangener Hermann Berges, kehrte im Dezember 1945 krank ins Lager zurück. Als Bildhauer wurde ich Mitglied der Künstlergruppe. Otto Dix sowie die Feldgeistlichen beider Konfessionen hatten sich für mich eingesetzt. Schließlich wurde ich mit der Ausstattung der beiden Kapellen beauftragt.
Im Sommer 1946 wurde ich gebeten, eine Kopie von Dix’ Madonna anzufertigen. Es war wichtig, daß sich das Original nicht mehr im Lager befand.

Das "ehemalige Haussmann-Werk" (gouvfr) befand sich in der Haussmannstraße (rue Haussmann) in Logelbach, nur 2,3 Kilometer von der Rapp-Kaserne in Colmar entfernt (GMaps).

Familienzusammenführung 1947 im Elsaß?

Mein Opa schrieb 1947 nach Hause, seine Familie solle doch ins Elsaß kommen und sie könnten sich hier eine neue Existenz aufbauen. Womöglich sah er mittelfristig sogar die Möglichkeit, im Elsaß den Bauernhof jener Madame zu übernehmen, bei der er Arbeit gefunden hatte. Meine Oma hat es aber abgelehnt, mit vier minderjährigen Kindern den eigenen Bauernhof in Bahnitz aufzugeben und ins Elsaß zu kommen. Deshalb kam es auch nicht dazu. Was war aber die Grundlage der "Idee" meines Opas?

Den deutschen Kriegsgefangenen, bzw. Zwangsarbeitern in Frankreich ist tatsächlich das Angebot gemacht worden, als Gastarbeiter in Frankreich zu bleiben. Denn der demographische Niedergang Frankreichs hatte schon viel früher begonnen als in Deutschland. Und der französischen Wirtschaft fehlten schon zu jener Zeit Arbeitnehmer, insbesondere in der Landwirtschaft und im Bergbau (Wiki):

Im November 1946 beschlossen die französischen Behörden die Einführung des sogenannten Systems der „freien Arbeiter“. 

Zeitzeugen berichten (Wiki):

„Damals war Deutschland geteilt. Da ich direkt an der Ost-West-Grenze lebte, schrieb mir mein Vater: ‚Bleib noch ein bisschen hier.‘ Also arbeitete ich ein Jahr lang als freier Gefangener. Ich hatte die gleichen Rechte wie ein Franzose; ich war wirklich frei. Und dann schrieb mir mein Vater: ‚Komm nicht gleich zurück, denn die Russen sind hier.‘ Ich hörte auf ihn, lernte meine Frau kennen und blieb dann hier.“ Ähnlich erging es einem anderen freien Arbeiter, Gottfried Pelz, wie seine Frau bezeugt: „Sein deutsches Zuhause lag im sowjetischen Sektor, in Wiesenburg. Er zog es vor, in Frankreich zu bleiben, wo wir heirateten.“

Um die ehemaligen deutschen Kriegsgefangenen in Frankreich als Arbeitskräfte zu halten, wurde ihnen schließlich sogar die Familienzusammenführung angeboten, allerdings wurde im nächsten Schritt Elsaß-Lothringen davon wieder ausgenommen (Wiki):

Für Elsaß und Lothringen galt im Hinblick auf die Familienzusammenführung und die Ansiedlung freier Arbeitskräfte eine Sonderregelung. Nach mehrwöchigen Beratungen beschloß der Ministerrat am 16. Juli 1947, daß diese Regionen zwar ausnahmslos alle Kriegsgefangenen, die sich für die Freiheit entschieden hatten, in freie Arbeitskräfte umwandeln sollten, diese aber unter keinen Umständen behalten dürften; sie sollten „in die Departements im Landesinneren“ verlegt werden. Daher war es ausgeschlossen, deutsche Familien dort anzusiedeln. Diese Sonderregelung war naturgemäß politisch motiviert, insbesondere durch die Befürchtung, die ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung in Elsaß-Lothringen könnte beeinträchtigt werden. Für diese Regionen beschloß die Regierung, die fehlenden deutschen Arbeitskräfte durch ungarische und italienische zu ersetzen. Unseres Wissens gab es nur eine Ausnahme von dieser regionalen Regelung. Im November 1947, angesichts der unzureichenden Zahl von Einwanderern, die in den Bergwerken der beiden Regionen arbeiteten, und der mangelnden Begeisterung der Charbonnages de France, andere Bergleute als Deutsche einzustellen, stimmte die Regierung auf Bitte des Ministers für Handel und Industrie zu, freie deutsche Arbeiter den Bergbaubetrieben des Ostens zuzuweisen und mit der Ansiedlung von 1.000 ihrer Familien zu beginnen.

Die genannte Ausnahmeregelung wird auch meinen Opa - unabhängig von der Weigerung meiner Oma -  von seinen Plänen wieder abgebracht haben.

Dieser Blogartikel soll bei Gelegenheit weiter ergänzt werden.

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  1. 1945 - Die Befreiung von Colmar (memoire) [20.5.2023]
  2. Wolfgang Krebs. André Hugel, Eberhard Neher: Der Krieg im Elsaß Ende 1944 und die sinnlosen Opfer (pdf) In: diess.: Wir waren Feinde: Elsässer, Deutsche, Amerikaner erinnern an die Kämpfe um die "Poche de Colmar" im Dezember 1944. Centaurus Verlag & Media 2015 (168 S.)
  3. J. Baumann: Chronique de la liberation de Thann. Extraits d'un Journal de guerre. 20.11.1944-5.2.1945. Erarbeitet bis zum 1. Dezember 1945 (pdf)
  4. Alois Bernkopf: Die zweite Rückkehr eines Kriegsgefangenen. Arbeitskreis Heimatgeschichte Mitterfels, 15. September 2014 (Heimatgeschichte2014)
  5. Schuften für den Erzfeind. Ein Film von Fabien Théofilakis und Philippe Tourancheau. Saarländischer Rundfunk 2017 (Yt2017)
  6. Bading, Ingo: Wie kam Stalin in die Mitte Europas? - Kriegsziele der westlichen Demokratien seit 1941. Magisterarbeit Universität Mainz 1994 (Acad)
  7. Bading, Ingo: "Wer auf dem Tiger reitet, kann nicht absitzen" - Adolf Hitler angefeuert von Hellsehern und Astrologen. 2013 (Lulu)

Donnerstag, 20. September 2012

Berlin-Neukölln - Im April 1945 verteidigt von französischer Waffen-SS

Ein Buch des französischen Schriftstellers und Militärhistorikers Jean Mabire (1927 - 2006)

Es ist nicht ganz einfach, Literatur über die letzten Kämpfe in Berlin im April 1945 zu finden. Zumindest solche, die auch möglichst dicht am Geschehen vor Ort dran ist. Für diese ist das Interesse dieses Blogs gewachsen, seit die Geschichte des Dienstgebäudes des Großen Generalstabes in Berlin erarbeitet worden ist und man dabei auch auf die Rolle gestoßen ist, die daselbe in den Endkämpfen 1945 im Bezirk Tiergarten gespielt hat (GA-j!, März 2012). Seine Rolle manifestiert sich zum Beispiel dadurch, daß vor diesem Gebäude haufenweise russische Panzer abgeschossen worden waren, die über die Moltkebrücke vorgedrungen waren (siehe dort). Wie aber, so fragt man sich, haben die Soldaten selbst diese Kämpfe erlebt?

Viele militärgeschichtliche Bücher, die zwischenzeitlich zu diesem Thema eingesehen worden sind, behandeln diese Kämpfe eher oberflächlich.*) Auf einem militärgeschichtlichen Forum irgendwo im Netz wurde auf ein Buch eines Jean Mabire über die französische Freiwilligen-Division der Waffen SS "Charlemagne" (Wiki) hingewiesen (1). Das hatten wir im Hinterkopf behalten. Und nun hält man es in Händen. UInd es läßt einen nicht mehr los.


Abb. 1: Französische Freiwillige der Waffen-SS, Oktober 1943

Wie präzise die Vorgänge innerhalb dieser Division im Frühjahr 1945 geschildert werden. Die schweren Kämpfe in Pommern und der Ausbruch aus dem Kessel in Pommern, wobei ein Regiment fast vollständig auf freiem Feld von russischen Einheiten aller Waffengattungen zusammengeschossen worden ist. Und wobei sich die übrigen Einheiten nur in mühevollen Nachtmärschen über die Oder retten konnten.

Auch das Denken und die Haltung der überlebenden Soldaten innerhalb dieser Division ist recht genau geschildert. Sowohl derer, die Anfang April 1945 freiwillig auf Weiterkampf verzichteten und sich in Baubataillione eingliedern ließen (etwa 400), wie derer, die freiwillig weiterkämpften (etwa 600), und die sich selbst bewußt waren, wie "absurd" ihr Verhalten in den Augen so vieler erscheinen mußte. Schließlich war ihr Heimatland Frankreich zu diesem Zeitpunkt schon von westalliierten Truppen besetzt.

Noch auf der Fahrt in den Einsatz (von Mecklenburg nach Berlin hinein) tippten sich viele - zumindest nach der Schilderung von Mabire - mit dem Zeigefinger - halb belustigt, halb kopfschüttelnd - auf die eigene Stirne. Sie begegneten auf der Straße übrigens Heinrich Himmler, der gerade von Seperatfriedensverhandlungen mit dem Grafen Bernadotte zurückkehrte und nur müde aus seinem Wagen heraus grüßte.

Die ersten französischen Freiwilligen waren von der Regierung Petain 1941 nach Rußland geschickt worden als reguläre Truppenteile des mit Deutschland verbündeten französischen Staates. Andere Franzosen haben in verschiedenen anderen Einheiten Dienst geleistet. Sie wurden alle schließlich 1944 in der Divsion Charlemagne gesammelt. Es gab ältere Soldaten, die französisch-patriotisch eingestellt waren. Viele jüngere Soldaten aber waren auf den insbesondere von der Waffen-SS propagierten europäischen Gedanken eingeschworen, was sich auch darin zeigte, daß sie ihre Soldatenlieder auf Deutsch sangen.

Berlin-Neukölln und die Waffen-SS-Division "Charlemagne"

Als letzte größere militärische Einheit schlüpfen die Angehörigen dieser Division von Westen her in den Einschließungsring von Berlin hinein. Sie übernachten im Wald am Spreeufer in der Nähe des Olympiastadions. Und sie werden dann nach Neukölln zum Einsatz geführt. Der Stadtteil Neukölln steht in den nächsten Tagen im Mittelpunkt der Kämpfe dieser Division, deren in Berlin im Kampf stehende Teile im April 1945 nur noch ein Regiment ausmachen. Links von dem Regiment Charlemagne waren dänische SS-Einheiten der Division "Nordland" eingesetzt. Das Rathaus Neukölln bildete den Gefechtsstand des Regimentes. Die Soldaten verteidigten Teile des Flughafens Tempelhof und die angrenzenden Friedhöfe rund um die Hasenheide. Rückwärtige Sammelstelle war der Hermannsplatz, wo sich auch eine Sanitätsstelle befand. Das Rathaus Neukölln wurde am 26. April 1945 bis zum äußersten von den Franzosen verteidigt.

Mit seinen Kämpfen und Gefallenen hat sich diese Division Charlemagne - so weiß man es nach der Lektüre dieses Buches - tief in die Geschichte des Stadtteiles Berlin-Neukölln eingegraben. Und man sieht die Straßen Neuköllns zwischen Hermannsplatz und Rathaus und darüber hinaus nach der Lektüre dieses Buches anders als zuvor. Dieser Stadtteil, der heute als einer der klassischsten, von türkischen Migranten bewohnten Stadtteile Deutschlands gilt. 1945 ließen sich junge französische Nationalsozialisten in der Verteidigung dieses Stadtteiles durch Granatbeschuß die Gedärme zerfetzen  und setzten ihr Leben für ihn ein.

Granatvolltreffer töteten gleich zu Anfang und auch später noch mehrfach gleich mehrere Soldaten des Regimentes auf einmal. Die Rote Armee überschüttete die deutschen Verteidiger mit einer ungeheuer starken Massierung von Artilleriebeschuß (s. Abb. 2 und 4).

Viele der französischen Soldaten hofften auf die "Wunderwaffe". Andere konnten nicht glauben, daß die Amerikaner an der Elbe stehen bleiben würden und den Russen Berlin überlassen würden. Und so redete sich jeder einen etwas anderen Sinn ein, den dieser Kampf noch haben könnte.

Abb. 2: Stalinorgeln in Berlin, 1945

Kennzeichnend ist auch das Wort eines weiterkämpfenden Kameraden zu einem zum Baubataillon übertretenden Kameraden: "Wenn die Deutschen in Paris wären, würdet Ihr bessere Nationalsozialisten sein wollen als wir." (1, S. 99) Das heißt: Diejenigen, die weiterkämpften, wollten einfach geradlinig bleiben in ihrem Verhalten. Sie wollten nicht plötzlich kneifen, wenn es mal nicht so gut lief mit dem, was sie als ihre eigenen Überzeugungen erachteten.

Warum meldeten sich Franzosen noch 1945 freiwillig?

Diese Einstellung ist es wohl, die sich Mabire so viel Mühe gibt, möglichst präzise zu beschreiben. Und die Tatsache, daß er dieselbe so präzise beschreibt, ist wohl der Grund dafür, daß man sein Buch so schwer aus der Hand legen kann. Für eine Sache sein Leben einzusetzen, wenn ein Erfolg absehbar ist, ist - wohl - noch verhältnismäßig leicht. Aber der Einsatz des eigenen Lebens in Fällen, wo andere einen, wenn sie könnten, nur noch als "Kriegsverlängerer" beschimpfen würden, die sich "verheizen" lassen würden - oder gar Schlimmeres, ist sicherlich noch einmal etwas ganz anderes.


Abb. 3: Russische Soldaten im Häuserkampf in Berlin, April 1945

Aber darum ging es diesen zumeist nur 20 Jahre alten Soldaten der Waffen-SS schon lange nicht mehr. Wer sich Anfang April 1945 als Franzose, der den Kampf um Pommern überlebt hatte, zum Weiterkampf entschloß, obwohl er jederzeit auch anders könnte (- anders übrigens als die damals eingesetzten deutschen Soldaten, die sich nicht so einfach zu Baubataillonen "abmelden" konnten) - nach all den Erfahrungen, die diese Soldaten in den letzten Monaten und Jahren seit 1941 an der Ostfront hatten sammeln können, der mußte mehr oder weniger mit seinem Leben innerlich abgeschlossen haben. Und der mußte zu allem entschlossen sein. Er mußte gefaßt sein auf vieles. Und der war auch auf vieles gefaßt.

Der zweite Einsatzort des Regimentes Charlemagne war dann der Nordrand des Belle-Alliance-Platzes (heute der Mehring-Platz am Halleschen Tor) (1, S. 282). Von dort zogen sich die Einheiten vom 28. April bis 2. Mai schwer kämpfend zurück zunächst auf die Hedemannstraße (sie heißt noch heute so), dann auf die Puttkammerstraße, dann auf das Prinz-Albrecht-Palais (die Gestapo-Zentrale) in der Anhalterstraße. Und schließlich auf das Luftfahrtministerium von Hermann Göring in der damaligen Prinz-Albrecht-Straße (heute Niederkirchnerstraße).

Dabei kam es immer wieder zu schweren Häuserkämpfen. Man schoß aus dem ersten Stockwerk heraus, man schoß aus dem Keller heraus, man schoß vom Dach herunter. Man warf Handgranaten und schoß immer wieder russische Panzer mit der Panzerfaust ab. Diese waren in den engen Straßen zwar zunächst beängstigend für die Verteidiger aber dennoch so gut wie chancenlos. Sie wurden dennoch immer wieder - obwohl sich die russischen Panzerbesatzungen oft weigerten, diese Selbstmordkommandos auszuführen - nach vorne geschickt. Deshalb auch die hohen Abschußzahlen, für die auf deutscher Seite noch in den Endtagen Ritterkreuze und Eiserne Kreuze verliehen wurden. Mitunter mußten die Panzer aber auf so nahe Entfernung hin abgeschossen werden, daß der Panzerfaust-Schütze selbst von der Explosion des Panzers getötet wurde.


Abb. 4: Sowjetische Artillerie vor Berlin, April 1945

Die Soldaten wurden mitunter auch von einstürzenden Gebäudeteilen verschüttet und kamen dabei ums Leben oder nur schwer verletzt wieder heraus. Schwer war es für verwundete Soldaten, aus der Kampfzone zu kommen und sich in den Häuserruinen zurecht zu finden. Oft war gar nicht klar, ob bestimmte Häuser schon von den Gegnern besetzt waren oder zur eigenen Seite gehörten. Zu zuständigen Lazarette, wo man einigermaßen versorgt wurde, wurde man dann in den Führerbunker der Reichskanzlei, in den Luftschutzbunker des Hotels Adlon und in die U-Bahnstationen der Friedrichstraße getragen, geführt oder geschickt.

Mit diesen Worten seien nur wenige Inhalte angedeutet. Die beigegebenen Abbildungen ergänzen vieles. Man ist erstaunt, wieviele Fotos aus diesen letzten Kämpfen auf verschiedenen militärgeschichtlichen Foren im Internet zusammengetragen werden. In diesem Beitrag können davon nur wenige gebracht werden.

Auch die Schicksale der Soldaten, die bis zur Kapitulation überlebten, waren sehr unterschiedlich. Von einem wird berichtet, daß ihn ein russischer Soldat aus der Gefangenenkolonne herausholte und einfach erschoß. Viele wurden nach ihrer Heimkehr nach Frankreich zu vieljähriger Gefängnisstrafe verurteilt, weil sie sich als Freiwillige gemeldet hatten. In Bad Reichenhall wurden zwölf Angehörige dieser Division, wie Mabire berichtet, von französischen Einheiten ohne jedes kriegsgerichtliche Verfahren erschossen. Der französische General Jacques-Philippe Leclerc (1902-1947)(Wiki) schnautzte sie an: "Schämt Ihr Euch nicht, deutsche Uniformen zu tragen?" Sie antworteten: "Sie tragen doch mit ihrer amerikanischen Uniform auch keine französische." Dieser Trotz scheint den General so zornig gemacht zu haben, daß er die zwölf kurzerhand erschießen ließ. (Das englischsprachige und das französischsprachige Wikipedia sind zu diesem Vorfall viel ausführlicher und ganz neutral. Im Gegensatz zu dem gegenwärtigen deutschsprachigen, das diese Geschehnisse nur mit einem Satz berührt, nach dem es bloß "Revisionisten" wären, die diese Ereginisse dem General vorwerfen!!!)


Abb. 5: Schützenpanzerwagen der dänischen Waffen-SS ("Nordland") in der Friedrichstraße, 2. Mai 1945

Wer war der Autor Jean Mabire?

Während des Lesens des hier behandelten Buches beginnt man auch nach dem Autor desselben zu fragen. Einem Autor, der fähig ist, allen Beteiligten an diesem Geschehen - wie immer sie sich auch verhalten haben - volle Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Der aber vor allem auch den Geist und das Denken unter den zumeist 20-jährigen Freiwilligen innerhalb dieser französischen Waffen-SS-Division im April 1945 so präzise zu beschreiben weiß, daß die "Absurdität" derselben ebenso deutlich zutage tritt, wie jene schon genannte selbst empfundene Geradlinigkeit.

Von einem dieser Freiwilligen sagt er, er sei der Waffen-SS beigetreten, wie man einer Religionsgemeinschaft beitritt. - - - Solche Sätze hatte man zuvor über die Waffen-SS noch nicht gelesen. Oder waren sie einem nur nicht aufgefallen? Aber sie scheinen doch zu passen. Läßt Mabire doch an anderen Stellen erkennen, daß er vor allem auch den in dieser Division kämpfenden Nichtchristen, "Neuheiden" volle Gerechtigkeit widerfahren läßt. Als ihnen bei der Neuaufstellung nach den Kämpfen in Pommern Wehrmacht-Koppelschlösser übersandt werden mit der Aufschrift "Gott mit uns!", tragen sie dieselben nicht, da dieser Spruch nicht zu ihrer Truppe passen würde. Und sie setzen sich damit durch. Erst als sie Koppelschlösser mit dem SS-Spruch "Unsere Ehre heißt Treue" erhalten, tragen sie wieder welche.

Abb. 6: Jean Mabire

An solchen Einzelheiten wird sowohl der Geist dieser Truppe - als auch jenes Autors erkennbar, der diesen Geist so präzise zu benennen gewillt ist - anstatt ihn gar zu schnell zu übergehen und für unwesentlich beiseite zu schieben. Soweit Statistiken bislang schon ausgewertet worden sind, belegen sie ja, daß schon im Jahr 1941 in manchen SS-Einheiten nur noch eine Minderheit der Angehörigen Mitglieder einer der großen christlichen Kirchen gewesen sind.

Über Jean Mabire (1927-2006)(Wiki) findet sich im Netz noch kein deutschsprachiger Wikipedia-Beitrag. Soweit man es Google-Übersetzungen des französischen Wikipedia-Eintrages entnehmen kann, wird Mabire eine zu weitgehende Verherrlichung der Waffen-SS vorgeworfen. Nur von dem hier behandelten Buch aus geurteilt, kann gesagt werden: wer ein wahrhaftiges Bild von den Soldaten der Waffen-SS geben will, wer erst einmal nur schildern will, "wie es eigentlich gewesen" ist, muß die Motivationen dieser Soldaten auch sehr genau schildern. Der kann über das Selbstverständnis dieser Soldaten nicht oberflächlich hinweggehen. Da Mabire selbst ein idealistischer Soldat im Algerienkrieg Frankreichs war, fällt es ihm offenbar nicht schwer, präzise Schilderungen zu geben von Soldaten, die einerseits idealistisch eingestellt sind, denen andererseits aber auch immer wieder im Hinterkopf so manche Absurdität bewußt ist, als die man sowohl selbst das eigene Handeln empfinden kann, wie das natürlich auch andere können.

Monographien über "Volkserwecker"

Als französischer Freiwilliger der Waffen-SS erlebte man den Zweiten Weltkrieg ja ganz anders als ein durchschnittlicher deutscher Soldat. Sei dieser deutsche Soldat Angehöriger der Wehrmacht oder der Waffen-SS gewesen. Man hatte ja einen ganz anderen Blick, der auch eine gewisse innere Distanz miteinschloß, bzw. der auch wohl mit einem noch anderen Einsatzwillen einhergegangen sein könnte, als dieser in durchschnittlichen deutschen Einheiten vorhanden gewesen sein mag.

Einem ins Deutsche übersetzten Blogbeitrag kann derjenige, der des Französischen nicht kundig ist, schon viele Auskünfte über den Schriftsteller Jean Mabire entnehmen (2). Mabire fühlte sich seiner Herkunft aus der Normandie immer tief verbunden. Hier liest man (das Deutsch wurde im folgenden verbessert):
Mabire wurde in den 1970er Jahren der französische Militärhistoriker der deutschen und europäischen Waffen-SS, der französischen Alpenjäger, der deutschen Fallschirmjäger, der britischen Rotbarette, usw. Diese Monographien erschienen im großen Pariser Verlagshaus Fayard. Er wurde dadurch berühmt, viel gelesen, ohne je ausgeschlossen zu werden. Denn sein strahlendes Charisma konnte jede Schwierigkeit in wunderlicher Weise zur Seite schieben.
Noch interessanter sind vielleicht die folgenden Angaben (Hervorhebung nicht im Original):
Weiter hat er Anfang der 1980er Jahre mit einer Serie begonnen, die er leider nicht weiterschreiben konnte, was er sehr bedauerte: Monographien über Männer, die er „Volkserwecker“ nannte, wie Grundtvig in Dänemark, Padraig Pearse in Irland, Petöfi in Ungarn. Mabire blieb insofern dieser Grundidee der Volksbefreiung durch geistige Rückkehr zu einer idealen, entfremdungsfreien Vergangenheit treu, wie zur Zeit seines jugendlichen Engagements für die Wiedergeburt seiner geliebten Heimat Normandie.

Bei den genannten patriotischen Schriftstellern und Politikern handelt es sich um den dänischen Pädagogen und Politiker N. F. S. Grundtvig (1783-1872) (Wiki), den irischen Schriftsteller und Führer der Aufständischen Padraig Pearse (1879-1916) (Wiki) und den ungarische Dichter und Volksheld Sandor Petöfi (1823-1849) (Wiki). Der Verfasser dieses Blogartikels Robert Steuckers ist Mabire das letzte mal im Dezember 2005 begegnet, als Mabire schon an Krebs erkrankt war:

Jean Mabire hat mit seiner hellen Stimme und seinem unvergleichbaren Sinn für Nuancen pausenlos und systematisch über seine Ideen, seine neuesten  Entdeckungen gesprochen, als ob er gar keine heimtückische Krankheit hätte. (...) Und dann kam das letzte Händeschütteln, lang, fest und kräftig, mit der ungebrochenen männlichen Kraft eines Freikorps-Offiziers. Und auch mit diesem tiefen kraftvollen blauen Blick, in dem noch so viel vitale Kraft gelegen war. Dieser Blick bleibt mir für immer in mein Gedächtnis geprägt. Ende Januar kam ein gelassener Abschiedsbrief an alle Freunde, in dem Mabire sein eigenes Ende ankündigte. Europa hat einige Wochen später einen seiner besten Söhne verloren. 

Das Grab Mabire's wird nicht von einem christlichen Kreuz geziert, sondern von germanischen Runen.

Jean Mabire und die neuheidnische "Neue Rechte" in Frankreich 

Sicherlich ist es sinnvoll, das Umfeld auszuleuchten, in dem das Werk Mabire's heute hochgehalten wird: Der Verfasser des eben zitierten Nachrufes, Robert Steuckers, gilt laut deutscher Bundesregierung von 1991 (pdf) als führender Vertreter der "Neuen Rechten" in Belgien. 1992 hat er als enger Mitarbeiter von Alain de Benoist (geb. 1943) (Wiki) Moskau besucht (Jungle World, 1998). 1998 hat er der Wochenzeitung "Junge Freiheit" ein Interview gegeben. 1999 hatte "Jungle World" die offenbar keineswegs ganz uninteressanten, weil zum Teil ideenreichen neuheidnischen, nichtchristlichen Aktivitäten Robert Steucker's im Blick. Desweiteren war Dominque Venner (geb. 1935) (Wiki) ein langjähriger Freund von Mabire, der auch eine Biographie für die Internetseite für Jean Mabire verfaßt hat. Das Buch "Heide sein zu einem neuen Anfang" von Alain de Benoist ist einem schon vor Jahren sehr nichtssagend vorgekommen. de Benoist ist auf eine Pariser Eliteschule gegangen, die aus einem Jesuitenkolleg hervorgegangen ist. Jedenfalls kommt einem da dieser Mabire auf den ersten Blick viel interessanter vor.

Im Antiquariats-Buchhandel heißt es über eines seiner wenigen weiteren ins Deutsche übersetzten Bücher, nämlich eines über die "SS-Panzer-Division Wiking" (Wiki) (Justbooks):

Aus zahlreichen Nationen sammelten sich Freiwillige in der Division Wiking, um im Zweiten Weltkrieg an der Ostfront auf deutscher Seite für eine gemeinsame Idee zu kämpfen. Durch ihre Waffentaten wurde die 5. SS-Panzer-Division Wiking weltbekannt. Der Autor Jean Mabire stellt eindrücklich dar, wie aus Dänen, Norwegern, Finnen, Schweden, Holländern, Flamen, Schweizern und Volksdeutschen anderer europäischer Länder ein einheitlicher, schlagkräftiger Verband wurde. Er schildert Ausbildung,  Alltag, Taten und die beispiellose Härte des Einsatzes bis zum langen Weg durch Osterreich und Bayern in die Gefangenschaft. (...) Das Buch ist ein wertvoller Beitrag zur Aufarbeitung.

Viele Soldaten der Waffen-SS und der Wehrmacht haben nach eigenem Selbstverständnis zwischen 1939 und 1945 Mitteleuropa gegen jenen Materialismus und Existenzialismus verteidigt, wie er von den Armeen der westlichen Demorkatien und der Sowjetunion 1945 nach Mitteleuropa hineingetragen worden ist. Und wie er dort bis heute - immer noch scheinbar weitgehend alternativlos - vorherrscht.

Woher stammt die Mordmoral in Teilen der SS?

Daß der neuheidnische Gedanke, der Kirchen-, Logen- und Okkultismuskritik mit einschloß, und für den das Dritte Reich nun einmal auch stand, von zahlreichen internationalen satanistischen Okkultlogen auf ganz andere Wege geführt werden konnte ("gehijackt" werden konnte), als das 20-Jährigen damals bewußt war und bewußt sein konnte (worüber aber inzwischen viel gesagt werden kann, wie viele Beiträge diese Blogs aufzeigen), steht auf einem anderen Blatt und ändert nichts an dem Selbstverständnis vieler dieser Soldaten. Über dieses Selbstverständnis kann nicht einfach leichtfertig hinweg gegangen werden. Ein solcher Idealismus sollte aber auch nie wieder von satanistischen Okkultlogen mißbraucht werden können. In den internationalen Kriegen und im internationalen "Terrormanagment" von heute geschieht aber vielfach sehr viel ähnliches wie das, was während des Zweiten Weltkrieges geschehen ist.

Viele Tatsachen weisen darauf hin, daß die seit den frühen 1920er Jahren in die SA, in die SS und in die Reichswehr/Wehrmacht hineingetragene elitäre Mordmoral aus eben diesen Okkultlogen stammt und von diesen angefeuert worden ist. So waren nämlich schon die Morde an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, an Matthias Erzberger und Walter Rathenau, worauf selten hinwiesen wird - - - Logenmorde. Es waren Morde, zu denen die Todesurteile im von vormaligen Freimaurern gegründeten Thule-Orden gesprochen worden sind (vgl. Wikipedia). Von diesen Logenmorden führt ganz offensichtlich über zahlreiche weitere "Fememorde" im Zusammenhang mit den Freikorps und der Schwarzen Reichswehr, dann über die Morde der SA ab etwa 1930 eine gerade Linie hin bis zu Einrichtung der Einsatzkommandos der SS im Reichssicherheitshauptamt durch das Skaldenordens-Mitglied Werner Best ab 1938 für Mordeinsätze in ganz Europa.

Dazu ist hier auf dem Blog schon viel veröffentlicht worden und wird noch mehr veröffentlicht werden.

Lothar Loewe als Hitlerjunge in den Kämpfen um Berlin

Ergänzung 19.4.2021. Auch der spätere ARD-Auslandskorrespondent Lothar Loewe (1929-2010)(Wiki) war als Hitlerjunge ebenfalls an den Endkämpfen von Berlin beteiligt (8) (1:17:15):

Wir bezogen unsere Gefechtsstellung am Flugplatz Tempelhof am 21. oder 20. April. Und ich habe dann die Kämpfe hier in Berlin miterlebt bis zum Ende, auch bis zum Ausbruch aus Berlin. Am 2. Mai wurde ja in Berlin kapituliert, nicht aber im Westen der Stadt, dort gab es ja einen großen Ausbruchversuch über Spandau, um die Wenck-Armee, die in Nauen stehen sollte, zu erreichen. Und daran habe ich teilgenommen. Und am 30. April ergab es sich, daß ich auch einen sowjetischen Panzer abgeschossen habe mit einer Panzerfaust. (...) Der Abschuß eines Panzers in den Straßen war gar nicht so schwierig. Meine Kameraden und ich haben die Gefahr, getroffen zu werden, verwundet zu werden oder gar umzukommen, eigentlich unterschätzt. Die Angst kam später. Nach dem Abschuß, als dieser Panzer auseinander flog, und die russische Infanterie in dieser Straße also vordrang, und wir uns sehr schnell durch Kellergänge und andere Straßen zurückziehen mußten, dann kam die Angst. Und die Angst, die eigentliche, große Angst vor dem Tode kam nach meiner Verwundung. Wenn Sie erstmal verwundet sind, dann sind Sie so geschockt und so schockiert .... (...) Ich war immer noch gehfähig und hatte immer noch den Wunsch, den Russen zu entgehen. Und das ist der Grund, weshalb ich mit meiner Einheit dann an diesem Ausbruch teilgenommen habe. Aber ich habe dann eigentlich keinen Schuß mehr abgefeuert und hatte jedesmal Angst, wenn irgend eine Granate einschlug. Ich hatte eine schreckliche Angst, nochmal getroffen zu werden.

Über die Zeit nach der Gefangennahme berichtet er (8) (1:22.28):

Wir marschierten quer durch Berlin. Wir kamen in Spandau an und marschierten die Heerstraße ... über die zerstörte Heerstraßen-Brücke balancierten wir über die Brückentrümmer, und dann in einer riesigen Kolonne, vielleicht zehn-, vielleicht fünfzehntausend Gefangene und marschierten dann den Kaiserdamm, also die Ost-West-Achse runter quer durch Berlin. Berlin sah aus wie Karthago. Die Brände waren erloschen, die Russen waren da, die Straßenschilder waren russisch, russische weibliche Soldaten regelten den Verkehr, (...) Viehherden, Rinderherden wurden über den Kaiserdamm gen Osten getrieben. (...) Die Stadt machte eigentlich den Eindruck einer russischen Stadt. Ich habe nicht für möglich gehalten, daß Deutschland je wieder in irgendeiner Form gedeihen konnte.

/ Letzte Überarbeitung:
19.4.2021 /
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*) Le Tissier beispielsweise (5) gibt einen guten Überblick über den Gesamtablauf. Aber in seinem Buch kommt das konkrete Geschehen vor Ort fast immer zu kurz. Mabire führt er in seinem Literaturverzeichnis an, hat ihn aber offensichtlich nicht ausgewertet. Wenn Le Tissier das häufiger gemacht hat, wird man seine Darstellung noch nicht als die angemessenste bezeichnen dürfen.
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  1. Mabire, Jean: Berlin im Todeskampf 1945.: Französische Freiwillige der Waffen-SS als letzte Verteidiger der Reichskanzlei. 1977. Nebel Verlag GmbH, 2002 (Google Bücher)
  2. Steuckers, Robert: In Memoriam Jean Mabire. Dimanche 18 décembre 2011.
  3. Venner, Dominique: Jean Mabire. Auf: Jean-Mabire.com 
  4. Mabire, Jean: Blutiger Sommer in Peking. Der Boxeraufstand in Augenzeugenberichten. Verlag Paul Neff, Wien [u.a.] 1978 (398 S.); Ullstein, Luebbe Bergisch-Gladbach 1978, 1980, 1983; Bertelsmann, Gütersloh um 1980
  5. Mabire, Jean: Die SS-Panzer-Division "Wiking". Germanische Freiwillige im Kampf für Europa. Mit zahlreichen Bildtafeln. Karl W. Schütz-Verlag, Preußisch Oldendorf 1983; Edition Dörfler im Nebel Verlag, Egolsheim 2001, 2002 (432 S.)  
  6. Panzer Marsch. Verlag: Grancher, 2011
  7. Le Tissier, Tony: Der Kampf um Berlin 1945. Von den Seelower Höhen zur Reichskanzlei. Ullstein Verlag, Frankfurt/Main 1991 (engl. 1988)  
  8. Lothar Loewe (Journalist), Als Hitlerjunge im Kriegseinsatz in Berlin 1945. In: Irmgard von zur Mühlen: Ansichten vom Ende - Einsatz an der Ostfront 1945 (ohne Jahr, nach 1991), CHRONOS-MEDIA History, https://youtu.be/j7Ln9M5xvdI, 3:40,  1:17:15, 1:22.28