Posts mit dem Label 1945 werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label 1945 werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Dienstag, 31. März 2026

Als Soldat und Kriegsgefangener im Elsaß 1944 bis 1947

Ergänzendes zum Lebensbericht meines Opas Otto Bading (1906-1979)

Der vorliegende Blogartikel ist eine Ergänzung zu dem schon 2012 veröffentlichten Lebensbericht über meinen Opa Otto Bading (1906-1979), der 1942 als einfacher Rekrut zur deutschen Wehrmacht eingezogen worden war und ab dann nur noch bei Ernteurlauben zu seiner Familie nach Hause kam (s. StNat2012)

 Abb. 1: Deutsche Kriegsgefangene im Elsaß - Standbild aus dem Dokumentarfilm "La libération de l'Alsace" (Yt) - "Un film du conseil general du bas-Rhin" (1968)

Mein Opa geriet im Elsaß in Kriegsgefangenschaft und gehörte dann zu den 37.000 deutschen Kriegsgefangenen, die nach 1945 im Elsaß festgehalten wurden (Lalsace2025) (Wiki):

Fast eine Million deutscher Kriegsgefangener wurden nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bis 1948 in Frankreich festgehalten, was gegen die Genfer Konventionen und den Status von Kriegsgefangenen verstieß. Sie wurden zur Zwangsarbeit in der Landwirtschaft und im Bergbau gezwungen.

Schon 2023 hatten wir ergänzende Ausführungen zum Lebensbericht meines Opas über die Kämpfe rund um Thann im Elsaß erarbeitet, in denen mein Opa im Dezember 1944 in Kriegsgefangenschaft geraten ist. Diese Ausführungen sollen hier zunächst den ersten Teil vorliegenden Blogartikels bilden. Danach gehen wir auf seine Zeit als Kriegsgefangener im Elsaß ein.

"Das ganze Elsaß hätte bis zum 3. Dezember 1944 befreit sein können ..."

Im Elsaß stand Ende 1944 die deutsche 19. Armee (Wiki) in Abwehrkämpfen gegen die 1. französische Armee (Wiki), die sich das Rhone-Tal entlang nach Norden vorgekämpft hatte.

Abb. 2: Die HKL des LXIII. Armeekorps am 24. November 1944 im Elsaß: Sie umfaßte Thann in weitem Bogen und war bei Bischwiller von Thann nur noch grob fünf Kilometer entfernt - Sie reichte von Rimbach-Guebviller im Norden über Masevaux und Reppe bis Montreux Vieux im Süden (GMaps)

Die 19. Armee hatte im September 1943 als Besatzungsarmee die gesamte französische Mittelmeerküste besetzt gehalten und war seit August 1944 von der 1. französischen Armee ins Rhone-Tal und entlang der Schweizer Grenze in schweren Kämpfen zurück gedrängt worden. Am 20. November 1944 hatte sie die Sperrfestung Belfort räumen müssen, vierzig Kilometer südwestlich von Thann im Elsaß, wo mein Opa vier Wochen später in Gefangenschaft geraten sollte. Die Geschehnisse werden auf der Internetseite des Museums in Türkheim im Elsaß folgendermaßen dargestellt (MusTürkheim):

Das doppelte Vordringen zum Rhein
14. November 1944
- Beginn der alliierten Offensive in Richtung Elsaß.
19. November 1944
- der Rhein wird in Rosenau erreicht (CC3 der 1. Panzerdiv.)
21. November 1944
- Befreiung von Mühlhausen durch die 1. Panzerdivision (dann von Belfort durch die 5. PD - 2. DIM)
Parallel zu diesen Operationen wird Straßburg am 23. November 1944 befreit durch die 2. Panzerdivision (General Leclerc) angeknüpft an die 7. amerikanische Armee von General Patch.
Die 19. Armee ist reduziert auf 20.000 Leute, das entspricht einer französischen Division.
Am 30. November 1944 ändert General de Lattre plötzlich die Angriffslinie seiner Armee, d.h. "von Süden nach Norden über das Flachland" wird zu "von Osten nach Westen über die Berge".
Warum?
Das ganze Elsaß hätte zum 3. Dezember 44 befreit sein können.

Was für ein erschütternder Satz. Ist hier einmal erneut - wie bei so vielen anderen Gelegenheiten  - die "Hintergrund-Regie" in diesem Krieg zu spüren? Wenn die Westalliierten zu schnell vorgerückt wären, wären sie vor den Russen in Berlin oder sogar an der Oder gewesen. Die Kriegszielplanungen und -Vereinbarungen der Westmächte mit der Sowjetunion sahen aber ein Zusammentreffen beider Mächte an der Elbe vor (6) - so wie es dann auch geschehen ist - unter anderem aufgrund des langen Hinauszögerns der Errichtung der Zweiten Front im Westen. Wäre diese Entscheidung im Elsaß wiederum zurück zu führen auf "Hintergrund-Regie", hieße das einmal erneut, daß die ganzen weiteren schweren Menschenverluste im Elsaß auf deutscher wie auf westalliierter Seite zurück zu führen wären auf das westliche Kriegsziel: Sowjetisierung Osteuropas bis zur Elbe - um damit die Deutschen gründlich zu traumatisieren und für Umerziehung empfänglich zu machen - und nicht nur oberflächlich (6).

Man möchte wissen, wer der Verfasser dieses Museumstextes war und woher er seine Sicherheit bei diesem Satz nimmt. (Das Museum in Türkheim bei Colmar hat auch eine eigene Facebook-Seite [Fb]). 

Der deutsche Entlastungsangriff in den Ardennen begann erst am 16. Dezember 1944, also mehr als zwei Wochen später. Soll das heißen, daß man diesem Entlastungsangriff mit der vollständigen Besetzung des Elsaß hätte zuvor kommen können? Welche Überlegungen und Umstände führten zu dieser militärischen Entscheidungen des Generals de Lattre (1889-1952) (Wiki) Ende November 1944, des nachmaligen, in Filmaufnahmen so onkelhaft auftretenden "Befreiers des Elsaß"? Dieser Frage können wir an dieser Stelle nicht erschöpfend nachgehen.

Der Frontbogen um Colmar

Im Frontbogen um Colmar sollten von Dezember 1944 bis Februar 1945 die schwersten Kämpfe des Zweiten Weltkrieges geführt werden, die innerhalb der heutigen Grenzen Frankreichs stattgefunden haben -  nach denen in der Normandie im Juni und Juli 1944. Zu den Kämpfen um Colmar lesen wir (MusTürkheim):

Ein Frontbogen formt sich um Colmar: eine 160 km lange Front zieht sich zu einem Kreis zusammen, südlich von Straßburg bis Mühlhausen über die Gipfel der Vogesen.
Die Operationen
Verstärkung der 19. Deutschen Armee:
Ankunft von frischen Truppen aus Deutschland (9 Infanteriedivisionen + 2 Panzerbrigaden).

An der linken Flanke der 19. deutschen Armee verteidigt das LXIII. deutsche Armeekorps (s. Abb. 3).

Abb. 3: Der Frontbogen um Colmar, deutsche Lagekarte vom 1. Dezember 1944 (LdW) - Thann wird hier von der deutschen 189. Infanteriedivision verteidigt

Wir lesen (LexdW):

Das Korps bildete die südliche Flanke der deutschen Westgrenze und lehnte sich an die Schweizer Grenze an. Am 18. November stießen alliierte Verbände durch die burgundische Pforte und öffneten so den Weg in die elsässische Tiefebene. Am 20. November wurde Belfort durch französische Einheiten besetzt und das Korps baute östlich der Stadt eine neue HKL auf. Am Abend des 24. November befand sich die Front des Korps in der Linie Rimbach - Masevaux - Reppe - Montreux Vieux.

Den Verlauf dieser Frontlinie muß man sich klar machen, wenn man den weiteren Verlauf der Kämpfe verstehen will (s. GMaps) (Abb. 2-4-).

Abb. 4: Ausschnitt aus Karte 3 - Thann etwa in Bildmitte (neben der Divisions-Zahl "189")

Dieser weitere Verlauf war offenbar sehr deutlich von der oben genannten Entscheidung des Generals de Lattre beeinflußt. Das heißt, die Deutschen verteidigten auf den waldreichen Bergen auf der Westseite von Thann die Stadt, und zwar Richtung Westen und auch Richtung Nordwesten, Richtung Bischweiler hin. Von dort her griffen die Franzosen der 1. Armee an, obwohl sie womöglich viel leichter durch die Ebene des Rheintales bei Straßburg gen Norden hätten durchstoßen können. Es ist das übrigens dieselbe Region, die während des Ersten Weltkrieges schwere Kämpfe erlebt hat, etwa rund um den nördlich von Than gelegenen Hartmannsweilerkopf. Wir lesen weiter  (LexdW):

Unter ständigen alliierten Angriffen und schweren Verlusten ging das Korps bis zum 10. Dezember 1944 auf die Linie Thann - Südrand St. André - südlich von Straßburg - Südteil Nonnebruchwald - Westrand Reiningen zurück. Am 14. November hatte das Korps noch eine Kampfstärke von 9.280 Mann. An diesem Tag (10. Dezember) ging nach schweren Kämpfen der Ort Thann verloren.

Vier Divisionen standen im Rahmen dieses Korps zu jenem Zeitpunkt im Einsatz. Keine der genannten stammte, soweit übersehbar, als solche aus Brandenburg. Die 198. Infanterie-Division (Wiki) unter dem Befehl des Generals Otto Schiel (1895-1990) (Wiki) verteidigte - laut ChatGPT im Raum Thann, neben der 189. Infanterie-Division und anderen Heeresteilen, mit denen dort die deutsche Front übereilt verstärkt worden war.

Immerhin waren ja 9 Infanteriedivisionen neu der Front im Elsaß zugeführt worden. Alle Divisionen, die damals an der Westfront zum Einsatz kamen, insbesondere dann auch in der Ardennen-Offensive, waren ja dann Divisionen, die bei der Verteidigung der Ostgrenzen des Deutschen Reiches gegen die Sowjetunion fehlten.

Abb. 5: In den waldreichen Bergen westlich von Thann im Elsaß, auf dem Stauffen, dem Zuber und dem Steinby verlief die deutsche Hauptkampflinie, Front Richtung Westen - Auf einem dieser Berge wird mein Opa am 9. Dezember 1944 in Gefangenschaft geraten sein, nachdem Thann selbst schon von den Franzosen eingenommen worden war 

Die Amerikaner hatten also im Norden den Rhein erreicht und die Franzosen im Süden. Und dazwischen hielten die deutschen Soldaten in den Vogesen den Brückenkopf Colmar.

Aus dem Tagebuch eines Elsässers in Thann

Auch in Thann wartet ein Elsässer, J. Baumann, auf die Befreiung durch die Franzosen. Er machte sich Tagebuch-Notizen, in denen er sich über die Zurückeroberung Straßburgs und Mühlhausens freute und konsequenterweise schon in den nächsten Tagen mit der Befreiung von Thann rechnete. Diese sollte allerdings - zur Überraschung aller - noch viele Wochen auf sich warten lassen (9). Wir lesen (7):

Die Amerikaner und die 2. Pz. Div. befreien Straßburg am 25. November. Die 1. (französische) Armee erreicht am 18. November den Rhein und befreit am 20. Mühlhausen. Die Befreiung von Colmar, das sich in der Mitte des Kessels befindet, der die noch von den Deutschen besetzte Region bildet, scheint daher ganz nahe. Es sollten jedoch noch zweieinhalb Monate an Kämpfen einer seltenen Heftigkeit notwendig sein, bis die 1. Armee den deutschen Widerstand bezwingen konnte.

J. Baumann berichtet, daß man ab 22. November in Thann den Gefechtslärm vom 40 Kilometer entfernten Belfort herüber hörte. Er berichtet, wie in den Folgetagen der NS-Kreisleiter des Ortes und die Leiter anderer NS-Formationen ihre Sachen packten und abreisten, begleitet von der klammheimlichen Freude der beobachtenden Elsässer vor Ort - wie J. Baumann, die dem nationalsozialistischen Deutschland ablehnend gegenüber standen.

Die Kämpfe um Thann im Elsaß

Am 1. Dezember 1944 schreibt dieser Baumann in sein Tagebuch (9):

Heute Morgen um 10.30 Uhr gab der Kampfkommandant Oberstleutnant Wellenkamp den letzten verbliebenen deutschen Zivilisten Befehle, Thann unverzüglich zu verlassen. 

Am 2. Dezember (9):

Der deutsche Widerstand versteifte sich. Teile der Batterien, die nach Steinbach abgeordnet worden waren, kehrten über Nacht auf ihre alten Positionen in Thann zurück und schießen so viel sie können.

Steinbach liegt vier Kilometer östlich der Stadt (GMaps). Die deutschen Batterien schießen von Thann aus in die waldreichen Bergen westlich und nordwestlich von Thann. Dort wird mein Opa eingesetzt gewesen sein. Am 5. Dezember schreibt J. Baumann (9):

Von der Rosenburg und der Engelsburg aus feuern die Deutschen in Richtung Weckenthalkopf und in Richtung Alenborn. Truppen, zu Fuß oder motorisiert, fließen vom Saint-Amarin-Tal zurück (nach Süden) in die Ebene, während kleine Gruppen (nach Westen) ins Steinby-Tal stürmen. Sie marschieren im Gänsemarsch, müde, gleichgültig, schmutzig. Das ist freilich nicht mehr die "stolze Wehrmacht"! Und doch wehren sich diese Lumpen wie verrückt! 

Saint Amarin liegt zehn Kilometer nördlich von Thann, hinter Bitschwiller. Allenbourn ist eine kleine Siedlung am gleichnamigen Bachlauf vier Kilometer nordwestlich von Thann, hinter dem Weckenthalkopf. Vielleicht befand sich mein Opa unter den im Gänsemarsch ins Steinby-Tal marschierenden Soldaten. Dort sollten - nach Aussage von J. Baumann - am 9. Dezember viele deutsche Gefangene gemacht werden. Doch zunächst schreibt er über den 7. Dezember (9, S. 2):

Es kam der 7. Dezember. Die Offensive begann. Bitschiviller wurde (von den Franzosen) genommen. Am nächsten Tag findet der Angriff auf Thann statt.

Zum selben Tag schreibt er (9, S. 10):

Um 7 Uhr morgens, nach einer relativ ruhigen Nacht erschüttert ein höllischer Lärm unsere Herzen. Es ist die Generaloffensive auf Thann. Geschosse fallen hart auf die Höhe von Leimbach. (...) Das Bombardement dauert - mit nur wenigen Unterbrechungen - bis zu 10 Stunden. Nachmittags beginnt der Tanz erneut im Bereich Steinby. Die Bevölkerung hat sich in die Keller geflüchtet und wartet ungeduldig und ängstlich auf die kommenden Ereignisse. Nach 14 Stunden wird die Brücke Halle aux Blé mit Hilfe einer gewaltigen Sprengladung gesprengt.

Am 8. Dezember kommen laut Tagebuch durch den Beschuß zahlreiche Bürger von Thann ums Leben oder werden verletzt (9). 

Die Deutschen ziehen sich am 8. Dezember nach Süden und Südosten auf Vieux-Thann zurück. Sie sprengen um 11 Uhr die Bungert-Brücke. Die Franzosen ziehen in Thann ein. Der Tagebuch-Verfasser schreibt (9, S. 2):

Unsere Soldaten - Legionäre, marokkanische Infanterie, Jäger aus Afrika - erobern in schwerem Kampf die von den "Boches" gehaltenen Häuser, Haus für Haus, Straße für Straße, Viertel für Viertel. Der Zufall im Fortschritt der Kämpfe schafft seltsame Situationen. Überquellende Freude in einer Gasse, die bereits befreit ist, Angst und Unsicherheit in einer anderen, in der der Kampf immer noch tobt. Völlige Unkenntnis der Sachlage 50 Schritte weiter. Am 10. wird Thann schließlich vollständig gesäubert. Aber es ist noch nicht das Ende des Geschehens. Denn der Feind steht immer noch ganz nah. Manche bleiben nur wenige hundert Meter von der Stadt entfernt stehen, klammern sich an die "Drackhüffa", verschanzen sich in den Häusern von Vieux-Thann, werden in den Wäldern des Herrenstubenkopfes überfallen.

Der Herrenstubenkopf liegt vier Kilometer nord-nordöstlich der Stadt. Der Zeitzeuge berichtet von einem Tunnel eineinhalb Kilometer nördlich der Stadtmitte, in dem sich deutsche Truppenteile verschanzt haben. Dieser ist schwer umkämpft. Am Ende gehen dort etwa 50 deutsche Soldaten in Gefangenschaft. Drei deutsche Panzer passieren im Rückzug nach Süden das Rathaus und bekämpfen die von Norden her nachdrängenden französischen Panzer. Um 16.40 Uhr dringen die französischen Panzer bis zum Rathaus vor.

Abb. 6: Von solchen Bergen wie dem Aussichtsberg Stauffen, Blick Richtung Norden hinunter auf die Stadt Thann im Elsaß, wird mein Opa am 9. Dezember 1944 in französische Kriegsgefangenschaft gegangen sein

Die Deutschen halten aber immer noch die Waldregion Steinby vier Kilometer westlich der Stadt, sowie die Berge Zuber und Stauffen in den waldreichen Bergen dazwischen (GMaps). Durch das Eindringen der Franzosen nach Thann hinein sind diesen Truppenteilen die Rückzugswege abgeschnitten. Der Zeitzeuge aus Thann schildert für den 9. Dezember einzelne Abschnitte des Kampfes um Thann. Er schildert den Kampf von Mörsern und Panzern in einzelnen Stadtteilen. Von Norden her kämpfen sich die Franzosen in den waldreichen Bergen vor (9):

Bedroht davon, umgangen zu werden, nutzen die Deutschen die Nacht aus, um sich zurückzuziehen. Auch in Richtung Steinby geht der (französische) Vormarsch weiter. Am Morgen wurde dieser Bereich zwischen 8 und 12 Uhr mit extremer Gewalt bombardiert, die offenbar darauf abzielte, den Rückzug der dortigen deutschen Truppen zu verhindern, die den Stauffen verteidigten, und die ihn erst in der Nacht zuvor durch Truppenteile aus Guebwiller verstärkt hatten. Über die Rue Kléber schieben sich die Panzer bis zum Croix du Stauffen hinauf, zeitweise sogar bis zum Staudamm des Parks, nachdem er einen deutschen Maschinengewehrschützen hart getroffen und liquidiert hatte, der wie ein Verrückter vor dem Restaurant Subiger geschossen hatte. Der Unvorsichtige ist am Fuße des Gekreuzigten zusammengebrochen, seine Arme wurden amputiert.

Guebwiller liegt 18 Kilometer nordöstlich von Thann und der Stauffen ist ein Aussichtsberg im Südosten von Thann. Die Rue Kléber führt vom Zentrum des Ortes aus nach Süden bis Leimbach. Mit Croix du Stauffen ist aber hier nicht das Lothringer Kreuz auf dem Berg gemeint, sondern ein Jesuskreuz an einem Haus in der Rue Kléber, das sich wohl noch nördlich des erwähnten "Park Albert 1er" befand.

9. Dezember 1944 - Gefangennahme auf waldigen Bergeshöhen

Am 10. Dezember schreibt J. Baumann in seinen Notizen (9):

In der Nacht evakuierten die Deutschen die Höhen von Stauffen und der Zuber-Aussicht. Die französischen Panzer dringen weiter in das Steinby vor. Sie holen dort 62 Gefangene aus dem Huck-Haus. Im Jenn-Haus ergeben sich weitere 25. 

Wenn wir es recht verstehen, handelte es sich dort oben in den Bergen um Wanderhütten. Es ist nahe liegend, daß sich mein Opa unter den hier gefangen Genommenen befunden hat. 

In einer allgemeineren Darstellung heißt es über diesen Angriff der 1. französische Armee (7):

Die Offensive beginnt am 5. Dezember, jedoch muß sich die 1. Armee angesichts des deutschen Widerstandes mit einem Vorrücken an den Flanken des Kessels und der Befreiung von Thann im Süden (10. Dezember) und Schlettstatt im Norden zufrieden geben.

Von Thann aus wurden nicht in Gefangenschaft geratene deutsche Truppenteile auch wieder 50 Kilometer weiter nach Norden an den Mont de Sigolsheim verlegt, wo die Kämpfe dann für diese Truppenteile weiter gingen (8):

Werner Schauer, Jahrgang 1925, damals Infanterist im Grenadierregiment 1213, schrieb sehr ausführliche Erinnerungen an seine Erlebnisse im "Brückenkopf Kolmar". Sein Bericht bestätigt, wie zusammengewürfelt und zum Teil unerfahren die Einheiten waren, die in diesen Tagen eingesetzt wurden. Er hatte bereits ab 7.12. an Kämpfen um den Mont de Sigolsheim teilgenommen. Am 12.12. sollte sein Regiment, wie es im Divisionsbefehl hieß, "im Zusammenwirken mit dem von Nordwesten angreifenden Regiment Ayrer den Feind auf dem Mont de Sigolsheim (vernichten)". (...) Er berichtet aber vom Angriff des Regiments Ayrer am 12. Dezember und dem Tod des Kommandeurs. Am Vortag hatte Schauer in Kientzheim einen Stabsfeldwebel kennen gelernt, der mit 22 älteren Luft-Nachrichten-Soldaten - dem Rest seiner in früheren Kämpfen bei Thann dezimierten Kompanie - jetzt am Mont de Sigolsheim eingesetzt werden sollte. Aus seinem Bericht zum 12.12.: "Abends höre ich, daß beim Angriff morgens um 10 Uhr der Zug des Stabsfeldwebels am linken Berghang von Granatwerfer-Salven wie von einer Lawine überrollt wurde. Dem Stabsfeldwebel zerriß es die linke Hand und den Arm. Die paar Überlebenden brachten ihn nach unten in den großen Weinkeller. Er konnte glücklich sehr schnell via Ammerschweier, Colmar, Breisach nach Freiburg gebracht werden. Unser Bataillonsarzt glaubt, daß er überleben wird. Unsere Gruppe ... war in etwa Bergesmitte eingesetzt und kam heil zurück."

Wir lesen (MusTürkheim): 

Am 6. Dezember übernimmt Reichsführer Himmler persönlich das Kommando aller im Kampf stehenden Truppen im Frontbogen von Colmar.
Colmar hört die Kanonen und hofft, wird aber noch nicht befreit.
Ende Dezember 1944: die Verteidigung von Straßburg ist in Frage gestellt durch die Gegenoffensive von von Rundstedt in den Ardennen. Eisenhower will seine Position aufgeben und seine Linien in die Vogesen (zurück) verlegen.

5. Januar 1945 - Deutsche Gegenangriffe bei Straßburg - Schwere Verlust für die Alliierten

Auf dem englischsprachigen Wikipedia lesen wir (Wiki):

Am 16. Dezember 1944 griffen die Deutschen in den Ardennen an. Die sogenannte Ardennenoffensive zwang die US-Truppen, große Mengen aus Elsaß und Lothringen nach Norden zu verlegen, um dem deutschen Angriff entgegenzuwirken. Im Januar wurden weitere US-Truppen als Reaktion auf die deutsche Gegenoffensive im nördlichen Elsaß, das Unternehmen Nordwind, nach Norden verlegt. Himmler nutzte die gedehnten alliierten Linien und befahl die Rückeroberung Straßburgs. Deutsche Truppen griffen am 5. Januar 1945 bei Gambsheim über den Rhein an und besetzten bald einen Brückenkopf mit den Städten Herrlisheim, Drusenheim und Offendorf nördlich von Straßburg. Südlich von Straßburg griffen deutsche Truppen im Colmarer Kessel am 7. Januar nach Norden in Richtung Straßburg an und fügten dem französischen II. Korps schwere Verluste zu, konnten die französische Verteidigung aber letztlich nicht durchbrechen.
Verstärkt durch Teile der 10. SS-Panzerdivision, hielten die deutschen Truppen im Brückenkopf Gambsheim im Januar 1945 den US-amerikanischen und französischen Gegenangriffen stand und schlugen die 12. US-Panzerdivision bei Herrlisheim schwer. Die deutschen Erfolge im Januar markierten jedoch den Höhepunkt für das Oberrheinische Oberkommando. Der Brückenkopf Gambsheim und weiter südlich der Kessel von Colmar wurden von den Alliierten erst im Laufe des Februars 1945 eingenommen.

Die Stadt Colmar selbst ist aufgrund all dieser Vorgänge erst am 2. Februar 1945 von den Westalliierten nach schweren Kämpfen besetzt worden (Wiki) (1). In Colmar erhielt mein Opa seinen Kriegsgefangenen-Ausweis ausgestellt.  

Kriegsgefangenschaft - Hunger und Zwangsarbeit

Während eines Urlaubes in Türkheim bei Colmar im Elsaß tauchen einmal erneut Fragen auf, wie es meinem Opa nicht nur in den Kämpfen bei Thann ergangen sein mag, sondern auch später in Kriegsgefangenschaft bis 1947 im Elsaß. Da sein Kriegsgefangenen-Ausweis in Colmar ausgestellt worden ist, und da er seine drei Jahre Kriegsgefangenschaft nur im Elsaß verbracht hat, könnte es nahe liegend sein zu vermuten, daß er die längste Zeit auch in einem Kriegsgefangenenlager in oder bei Colmar festgehalten worden ist.

Was es heißt, Kriegsgefangener zu sein, war meinem Opa längst klar. Er hatte selbst seit 1941 im Havelland zwei russische Kriegsgefangene auf dem Hof und hatte bis 1942 als Ortsgruppenleiter und Amtsvorsteher seines Dorfes den Bauern die Kriegsgefangenen zugeteilt oder auch wieder entzogen, wenn sie auf einem Hof schlecht behandelt worden sind. Nun war er selbst Kriegsgefangener.

Von einem deutschen Kriegsgefangenen, der bei Colmar als Kriegsgefangener festgehalten wurde, findet sich ein recht konkreter Bericht über das dort Erlebte (4). Man hat sofort das Gefühl, daß mein Opa vieles davon sehr ähnlich erlebt haben könnte - vielleicht sogar ebenfalls in Colmar oder im Umland von Colmar.  

Hungerlager in Colmar (1945 bis 1947) 

Das Kriegsgefangenen-Schicksal eines Franz Bernkopf, der aus dem Riesengebirge im österreichischen Schlesien stammte, könnte also in vielem dem meines Opas geähnelt haben (4):

Im August 1947 wurde mein Vater Franz Bernkopf, der 1997 verstorben ist, aus französischer Kriegsgefangenschaft in Colmar entlassen. Er konnte allerdings nicht in seine Heimat im Riesengebirge zurückkehren, sondern fand seine Familie als vertriebene Sudetendeutsche auf einem Bauernhof in Gschwendt, Gemeinde Ascha, wo sie nach einem Aufenthalt im Flüchtlingslager Muckenwinkling eine Unterkunft gefunden hatten. Ihre Adresse hatte er durch einen glücklichen Zufall erfahren. An einem heißen Augusttag stand plötzlich ein Mann in abgerissener Wehrmachtsuniform vor dem Hoftor. Instinktiv spürte ich: Das ist mein Vater! Drei Jahre, seit meinem sechsten Lebensjahr, hatte ich ihn nicht mehr gesehen.

Sehr ähnlich könnte es auch gewesen sein, als mein Opa drei Monate später, im November 1947 aus der Kriegsgefangenschaft im Elsaß entlassen worden war und zurück nach Bahnitz an der Havel kam. Der einzige Unterschied: Der älteste Sohn meines Opas war nicht neun, sondern im Jahr 1947 schon 13 Jahre alt. Wir lesen weiter in dem Bericht (4):

Nachdem sich mein Vater nach einigen Wochen an das Leben in Freiheit gewöhnt hatte, erzählte er manchmal aus der Zeit der Gefangenschaft in Frankreich. Für ein Kind mit neun Jahren hörten sich Vaters Erzählungen wie Geschichten aus einer anderen Welt an. Und es war ja auch eine andere Welt – die Welt der Gefangenschaft mit ihrem unsäglichen Leid, Hunger und Elend, die ein Kind nicht fassen konnte.
Erst 22 Jahre später, 1969 wurden Colmar und die Umgebung für mich zur erlebten Gegenwart. Zufällig hatte mein Vater in alten Aufzeichnungen die Anschrift seines damaligen Kommandoführers im Gefangenenlager Colmar gefunden. Er schrieb ihm einen Brief und dankte ihm, daß er den Kriegsgefangenen, Franz Bernkopf, vor dem Hungertod gerettet hatte.
Bei einem Morgenappell hatte Kommandoführer Arrus gefragt, wer mit der Sense Gras mähen könne. Vater meldete sich als Erster. Arrus nahm den Gefangenen Franz Bernkopf mit zu sich nach Hause und beschäftigte ihn für einige Zeit. Er mußte einen Bahndamm mähen und Holz hacken und wurde dort auch verpflegt. Das war seine Rettung, denn viele seiner Kameraden waren im Lager bereits an Unterernährung gestorben. Obwohl er sich noch in Kriegsgefangenschaft befand, durfte er sich frei bewegen. Für all das sei er ihm heute noch dankbar, so Franz Bernkopf in seinem Brief.

Alles das steht völlig im Einklang mit dem, was auch mein Opa erzählt hat. Auch ihm ging es nach der Einquartierung in einem Privathaushalt wesentlich besser. Auch er hat mir, dem Verfasser dieser Zeilen, das Mähen mit der Sense beigebracht. Weiter im zitierten Bericht (4):

Er bat den Oberbürgermeister, nach dem Verbleib des Herrn Arrus zu forschen und fragte, ob der Bildhauer Antonie noch am Leben sei, der mithilfe der Gefangenen das Denkmal am Hartmannsweilerkopf geschaffen habe. (...) Nur zehn Tage später erhielt Franz Bernkopf ein Antwortschreiben aus Colmar. In ihm stand die genaue Anschrift des ehemaligen Kommandoführers Louis Arrus, aber auch, daß der Bildhauer Antonie bereits gestorben sei. (...)
Im August 1969 machte ich mich zusammen mit meinem Vater auf die Reise in seine Vergangenheit. (...) Der Bürgermeister (...) sprach als gebürtiger Elsässer natürlich deutsch, so war die Unterhaltung kein Problem.
Plötzlich öffnete sich Tür und zur größten Überraschung meines Vaters betrat Louis Arrus den Raum. Der Bürgermeister hatte ihn in der Zwischenzeit rufen lassen. Nun hatte Vater das Ziel der Reise erreicht: Er konnte seinem „Lebensretter" danken, der ihn vor dem Hungertod bewahrt hatte. (...)
Von der „Rapp-Kaserne", dem ehemaligen Gefangenenlager war nichts mehr vorhanden. Ich glaube, Vater war froh darüber. (...) Alt-Colmar mit seinen alemannischen Fachwerkhäusern gefiel uns besser. Das Viertel, die „Krütenau" (Krautgarten), wird durch seine schöne Lage am Fluß Lauch auch als „Klein-Venedig" bezeichnet. Natürlich besuchten wir auch das „Unterlinden-Museum", denn hier befindet sich der berühmte Isenheimer Altar von Mathias Grünewald.

Offenbar das Hauptgebäude der Rapp-Kaserne in Colmar ist doch noch erhalten. Man findet es nur wenige hundert Meter westlich des Hauptbahnhofs an der Ecke "avenue de la Liberté" und "avenue du Général de Gaulle" (GMaps). Diese Kaserne ist 1887 bis 1889 erbaut worden und wird als "schönes Beispiel deutscher Militärarchitektur" angesprochen (ArchiWiki). Das Zentrum der Stadt Colmar liegt östlich des Hauptbahnhofs, dort liegt auch das angesprochene Unterlinden-Museum, nur eine Viertelstunde Fußweg von der Rapp-Kaserne entfernt (GMaps).

Abb. 7: Halb zivil, halb militärisch - Kriegsgefangenenlager Colmar, wohl 1947 (aus 4) - Meinen Opa kann ich auf der Fotografie nicht erkennen, aber nahe liegend, daß er sich in ähnlicher Lage befand wie die hier Fotografierten 

Der Hintergrund der Haltung der Elsässer gegenüber den deutschen Kriegsgefangenen wird folgendermaßen erläutert (France24):

Die meisten Elsässer im wehrfähigen Alter, die „Malgré-nous“ (die Wehrpflichtigen), wurden zwangsweise in die deutsche Armee eingezogen. „Sie sind eine elsässische Mutter. Ihr Sohn trägt zwangsweise eine deutsche Uniform. Colmar ist befreit. Sie versteht sehr gut, was mit den deutschen Soldaten geschieht. Ich glaube, sie wollte nichts feiern“, resümiert der Historiker.

Der schon erwähnte Isenheimer Altar in Colmar spielte auch für den wohl bekanntesten deutschen Kriegsgefangenen im Elsaß, für den deutsche Maler Otto Dix, eine nicht geringe Rolle (Wintzenheim):

Der bekannteste Kriegsgefangene im KZ Colmar-Logelbach: Otto Dix (1891–1969). (...) Otto Dix wurde im Februar 1945 zum Volkssturm eingezogen. Er war in einem Bunker bei Bühl in Baden stationiert und geriet im April 1945 während des alliierten Vormarsches in Gefangenschaft. Über Baden-Baden und Straßburg erreichte er das KZ Colmar-Logelbach, das sich im ehemaligen Haussmann-Werk befand, das 1961 niederbrannte. Ein französischer Offizier aus Colmar zeigte ihm den Artikel „DIX“ in der Propyläen-Kunstgeschichte, woraufhin Dix Kontakt zu dem Maler Robert Gall aufnahm. Gall war bekannt für seine sakrale Kunst, darunter die vom Hortus Deliciarum inspirierte Dekoration, die sich noch heute auf dem Mont Sainte-Odile befindet. In Galls Atelier in Colmar, Rue Charles-Grad 12, entstanden die Skizze und das Triptychon „Madonna vor Stacheldraht und Trümmern mit Paulus und Petrus“ (Trippticon 1945). Zwischen den beiden Männern verband eine tiefe Freundschaft. Sie besuchten sich regelmäßig, um den Isenheimer Altar und die Madonna mit dem Rosenstrauch zu bewundern, die damals vorübergehend im Museum Unterlinden ausgestellt war.
Offiziell arbeitete Dix als Gärtner für die Familie Gall, doch sein Gastgeber nahm ihn auch mit ins kriegszerstörte Elsaß, zu den Ruinen des ehemaligen Colmarer Kessels, wo sie gemeinsam skizzierten. Parallel dazu fand Dix Arbeit bei der Karosseriebaufirma Dürr und Gangloff und fertigte spezielle Transparentfolien für die Befreiungsfeierlichkeiten an, die das Bildnis von General de Gaulle zeigten. In dieser Zeit holte Robert Gall Dix, ohne ihn namentlich zu erwähnen, zu Jess-Borocco, um das unvergessliche Plakat zur Feier der Wiedererrichtung des von den Nazis zerstörten Rapp-Denkmals zu gestalten. Ein seltenes und bewegendes Beispiel grenzüberschreitender kreativer Zusammenarbeit im schwierigen Kontext der unmittelbaren Nachkriegszeit, genauer gesagt – offiziell – zum ersten Jahrestag der Befreiung am 2. und 3. Februar 1946. In der Zwischenzeit fertigte der Kriegsgefangene Otto Dix Auftragsarbeiten an – Porträts und Landschaften der Vogesen –, die ihm ein relativ gutes, wenn auch nicht unglückliches Überleben bis zu seiner Befreiung und Rückkehr nach Deutschland, nach Hemmenhofen, im Februar 1946 ermöglichten.
Im Konzentrationslager Logelbach war Dix einer Künstlergruppe zugeteilt worden, deren Fortbestand vom Wohlwollen der französischen Behörden abhing. Hier liegt der Ursprung des Triptychons, dessen Skizze sich heute im Museum von Colmar befindet. Das gemalte Triptychon fand sofort einen Käufer und schmückte nie die katholische Gefangenenkapelle. Eine vereinfachte Version der zentralen Komposition wurde angefertigt; diese befindet sich heute in der Abtei Beuron im oberen Donautal. Das gemalte Triptychon hingegen befindet sich seit 1988 in Berlin, in der Wallfahrtskirche Maria Frieden (Bezirk Tempelhof, Ortsteil Mariendorf). Die Skizze begleitete Dix nach Hemmenhofen und kehrte erst nach seinem Tod 1969 nach Colmar zurück, als posthume Würdigung der Freundschaft zu Robert Gall, einem gebürtigen Colmarer.
Auszug aus den Memoiren des Bildhauers Hermann Berges (verstorben), der 1945/46 Kriegsgefangener in Colmar war:
Als Dix Teil der Künstlergruppe im Lager war, begannen die Vorarbeiten für den Altar der Kapelle. Fertiggestellt wurde jedoch nur das Marienbild. Die festen Seitentafeln wurden später von dem Maler Schober mit Kohle gezeichnet. Sie zeigten die Heiligen Petrus und Paulus in Gefangenschaft. Der unten abgebildete Holzschnitt zeigt die beiden Kohlezeichnungen von Schober an ihrem Platz.
Die vereinfachte Version der Madonna, die auf einem Kupferstich von 1946 zu sehen ist, ist signiert von W. Schick (einem weiteren Kriegsgefangenen und Künstler aus dem Lager Logelbach). Sie befindet sich heute in Beuron.
Ich selbst, Kriegsgefangener Hermann Berges, kehrte im Dezember 1945 krank ins Lager zurück. Als Bildhauer wurde ich Mitglied der Künstlergruppe. Otto Dix sowie die Feldgeistlichen beider Konfessionen hatten sich für mich eingesetzt. Schließlich wurde ich mit der Ausstattung der beiden Kapellen beauftragt.
Im Sommer 1946 wurde ich gebeten, eine Kopie von Dix’ Madonna anzufertigen. Es war wichtig, daß sich das Original nicht mehr im Lager befand.

Das "ehemalige Haussmann-Werk" (gouvfr) befand sich in der Haussmannstraße (rue Haussmann) in Logelbach, nur 2,3 Kilometer von der Rapp-Kaserne in Colmar entfernt (GMaps).

Familienzusammenführung 1947 im Elsaß?

Mein Opa schrieb 1947 nach Hause, seine Familie solle doch ins Elsaß kommen und sie könnten sich hier eine neue Existenz aufbauen. Womöglich sah er mittelfristig sogar die Möglichkeit, im Elsaß den Bauernhof jener Madame zu übernehmen, bei der er Arbeit gefunden hatte. Meine Oma hat es aber abgelehnt, mit vier minderjährigen Kindern den eigenen Bauernhof in Bahnitz aufzugeben und ins Elsaß zu kommen. Deshalb kam es auch nicht dazu. Was war aber die Grundlage der "Idee" meines Opas?

Den deutschen Kriegsgefangenen, bzw. Zwangsarbeitern in Frankreich ist tatsächlich das Angebot gemacht worden, als Gastarbeiter in Frankreich zu bleiben. Denn der demographische Niedergang Frankreichs hatte schon viel früher begonnen als in Deutschland. Und der französischen Wirtschaft fehlten schon zu jener Zeit Arbeitnehmer, insbesondere in der Landwirtschaft und im Bergbau (Wiki):

Im November 1946 beschlossen die französischen Behörden die Einführung des sogenannten Systems der „freien Arbeiter“. 

Zeitzeugen berichten (Wiki):

„Damals war Deutschland geteilt. Da ich direkt an der Ost-West-Grenze lebte, schrieb mir mein Vater: ‚Bleib noch ein bisschen hier.‘ Also arbeitete ich ein Jahr lang als freier Gefangener. Ich hatte die gleichen Rechte wie ein Franzose; ich war wirklich frei. Und dann schrieb mir mein Vater: ‚Komm nicht gleich zurück, denn die Russen sind hier.‘ Ich hörte auf ihn, lernte meine Frau kennen und blieb dann hier.“ Ähnlich erging es einem anderen freien Arbeiter, Gottfried Pelz, wie seine Frau bezeugt: „Sein deutsches Zuhause lag im sowjetischen Sektor, in Wiesenburg. Er zog es vor, in Frankreich zu bleiben, wo wir heirateten.“

Um die ehemaligen deutschen Kriegsgefangenen in Frankreich als Arbeitskräfte zu halten, wurde ihnen schließlich sogar die Familienzusammenführung angeboten, allerdings wurde im nächsten Schritt Elsaß-Lothringen davon wieder ausgenommen (Wiki):

Für Elsaß und Lothringen galt im Hinblick auf die Familienzusammenführung und die Ansiedlung freier Arbeitskräfte eine Sonderregelung. Nach mehrwöchigen Beratungen beschloß der Ministerrat am 16. Juli 1947, daß diese Regionen zwar ausnahmslos alle Kriegsgefangenen, die sich für die Freiheit entschieden hatten, in freie Arbeitskräfte umwandeln sollten, diese aber unter keinen Umständen behalten dürften; sie sollten „in die Departements im Landesinneren“ verlegt werden. Daher war es ausgeschlossen, deutsche Familien dort anzusiedeln. Diese Sonderregelung war naturgemäß politisch motiviert, insbesondere durch die Befürchtung, die ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung in Elsaß-Lothringen könnte beeinträchtigt werden. Für diese Regionen beschloß die Regierung, die fehlenden deutschen Arbeitskräfte durch ungarische und italienische zu ersetzen. Unseres Wissens gab es nur eine Ausnahme von dieser regionalen Regelung. Im November 1947, angesichts der unzureichenden Zahl von Einwanderern, die in den Bergwerken der beiden Regionen arbeiteten, und der mangelnden Begeisterung der Charbonnages de France, andere Bergleute als Deutsche einzustellen, stimmte die Regierung auf Bitte des Ministers für Handel und Industrie zu, freie deutsche Arbeiter den Bergbaubetrieben des Ostens zuzuweisen und mit der Ansiedlung von 1.000 ihrer Familien zu beginnen.

Die genannte Ausnahmeregelung wird auch meinen Opa - unabhängig von der Weigerung meiner Oma -  von seinen Plänen wieder abgebracht haben.

Dieser Blogartikel soll bei Gelegenheit weiter ergänzt werden.

_____________

  1. 1945 - Die Befreiung von Colmar (memoire) [20.5.2023]
  2. Wolfgang Krebs. André Hugel, Eberhard Neher: Der Krieg im Elsaß Ende 1944 und die sinnlosen Opfer (pdf) In: diess.: Wir waren Feinde: Elsässer, Deutsche, Amerikaner erinnern an die Kämpfe um die "Poche de Colmar" im Dezember 1944. Centaurus Verlag & Media 2015 (168 S.)
  3. J. Baumann: Chronique de la liberation de Thann. Extraits d'un Journal de guerre. 20.11.1944-5.2.1945. Erarbeitet bis zum 1. Dezember 1945 (pdf)
  4. Alois Bernkopf: Die zweite Rückkehr eines Kriegsgefangenen. Arbeitskreis Heimatgeschichte Mitterfels, 15. September 2014 (Heimatgeschichte2014)
  5. Schuften für den Erzfeind. Ein Film von Fabien Théofilakis und Philippe Tourancheau. Saarländischer Rundfunk 2017 (Yt2017)
  6. Bading, Ingo: Wie kam Stalin in die Mitte Europas? - Kriegsziele der westlichen Demokratien seit 1941. Magisterarbeit Universität Mainz 1994 (Acad)
  7. Bading, Ingo: "Wer auf dem Tiger reitet, kann nicht absitzen" - Adolf Hitler angefeuert von Hellsehern und Astrologen. 2013 (Lulu)

Samstag, 17. Oktober 2020

Das Rosenköpfchen

Der entflogene Zierpapagei ...
- Oder: Aus dem Leben einer Ostpreußin

Du hast doch einen Vogel, dachte er (der Autor dieser Zeilen). Er war von der Arbeit nach Hause gekommen und schmierte noch die Kette seines Fahrrads. Flattert ihm da plötzlich ein Vogel auf den Fahrradhelm. Dort konnte dieser Vogel aber nicht sitzen bleiben, da das Plastik des Helmes zu glatt ist. Schreck laß nach.

Was für ein Vogel ist das denn? Der Vogel flatterte orientierungslos im Innenhof herum, setzte sich immer wieder auf's Balkongeländer. Ein strahlend heller, gelber Vogel - offensichtlich ein Exot.

Abb. 1: Rosenköpfchen 
(Charles J Sharp, CC BY-SA 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0>, via Wikimedia Commons)

In seiner Wohnung im ersten Stock angekommen, öffnete er Autor das Küchenfenster. Er streute neugierig Vogelfutter auf die Fensterbank. Und der kleine Vogel stürzte sich mit Heißhunger darauf. Leichter als gedacht, war der Vogel so in die Wohnung zu locken. Fenster zu. 

Bald schien der Vogel sich in der Küche zu Hause zu fühlen. Er flatterte nicht mehr weiter, er wollte auch gar nicht mehr weg. Er bekam Futter und Wasser. Recht bald freundet er sich mit der Hausfrau an. Er saß ihr auf der Schulter. Einen Tag später hatte er sich auch an den Autor dieser Zeilen gewöhnt. Er saß ihm alle Stunden, die er zu Hause verbrachte, auf der Schulter. Ein lieber kleiner Kerl.

Natürlich wird bald Bilder-Suche auf Google unternommen, um herauszukriegen, was das für ein Vogel ist.

Es handelte sich um ein Rosenköpfchen (Agapornis roseicollis) (Wiki). Das sind Zierpapageien, Kleinpapageien, die ursprünglich aus Namibia stammen, der früheren Kolonie Deutsch-Südwest-Afrika. Sie sind kleiner als die weitaus bekannteren (Ara-)Papageien. Vor allem aber sie sind auffallend verträgliche, umgängliche, kleine Vögel, überraschend anrührend, wenn sie mit einem den Haushalt teilen. Es geht eine wohltuende Zuneigung von den kleinen Gesellen aus.

Sie brauchen viel Gesellschaft. So ist überall zu lesen. Sie sitzen gern den ganzen Tag über auf der Schulter ihrer Mitbewohner, stören sie dabei aber - bis auf die eine oder andere kleine Ausscheidung - gar nicht. Sie leben paarweise und bleiben einander treu - ein Leben lang. Die Gattung heißt deshalb auch "Die Unzertrennlichen". Um dieser ihrer Eigenschaft willen sollen sie auch als Paar gehalten werden, es sei denn, man verbringt als Besitzer mit seinem Rosenköpfchen täglich selbst viel Zeit.

Wer wohl der frühere Besitzer sein mochte? Suchanzeigen wurden im Internet eingestellt, auf Facebook: Ob wohl jemand im Ort ein entflogenes Rosenköpfchen sucht? Zwei Tage später kamen in Facebook-Gruppen und anderwärts schon Rückmeldungen in Form von Hinweisen auf eine Suchanzeige in der Tageszeitung. Sie paßte nahtlos auf den kleinen Vogel.

Wer aber nun stellte sich als seine Besitzerin heraus? Am Telefon meldete sich eine alte Dame. Sie sprach unverkennbar ostpreußischen Dialekt. Schon eine Viertelstunde später war der Autor dieser Zeilen mit dem kleinen Vogel im Schuhkarton in ihrer Wohnung. Der Vogel begrüßte seine Besitzerin stürmisch. Und da die alte Frau so selten Besuch erhielt, erzählte sie schon auf nur wenige Fragen hin. Denn ein Wappen von Zinten an der Wand, ein Bierkrug mit einem Ostpreußen-Emblem mit Elchschaufel ließen solche Fragen schnell aufkommen. Sie erzählt sehr gern und fast ohne Umschweife von ihrem Leben. Es war kein wirklich glückliches, wie sie sagt.

Zinten, ein Städtchen in Ostpreußen - 1945 

Sie ist 89 Jahre alt, also 1929 geboren. Sie war 16, als der Krieg zu Ende ging. Sie lebte in Zinten (Wiki). Das ist ein kleines Städtchen 30 Kilometer südlich von Königsberg im Ermland. Sie hatte noch einen jüngeren Bruder. Der Vater war im Kriegseinsatz auf der Halbinsel Hela. Sie wollten nicht fliehen wie die anderen, da der Großvater schon den Russen-Einmarsch von 1914 miterlebt hatte. Der Großvater sagte: die Russen tun nichts. Sie wurden aber dennoch von den Wehrmacht-Feldjägern von Ort zu Ort weiter nach Westen getrieben. So landeten sie schließlich mit Handwagen in Danzig. Dort kamen sie nicht mehr weiter, die Russen besetzten die Stadt und dort lebten sie noch länger. Bald wurde die Mutter von den Russen nach Sibirien verschleppt. Der Großvater sagte den beiden Kindern: Wir gehen jetzt wieder nach Hause nach Zinten. Auf der leeren Autobahn und durch viele verlassene Dörfer wanderten sie von Danzig nach Zinten. 

Ganz Zinten war dem Erdboden gleich gemacht, nur noch die Siedlungshäuser standen. Dort sammelten sich nach und nach die vor Ort verbliebenen Deutschen aus der ganzen Gegend. Von ihnen gab es noch viele. Sie wurden von den Russen eingesetzt beim Einbringen der noch von den Deutschen ausgesäten Ernte, zum Kartoffel-Setzen, zum Helfen beim Abtransport von Möbeln nach Rußland. 

Sie haben dort sehr gehungert. Ihr jüngerer Bruder verhungerte. Jeden Tag wurden mit dem Handwagen die Verhungerten aus der Siedlung gefahren. Nur wer arbeitete, bekam zu essen. Das erste Jahr war das Schlimmste. Sie lebte dort drei Jahre. 

Irgendwann wurden sie alle - in Preußisch-Eylau - in einen langen Zug mit vielen Waggons gesetzt. Niemand wußte, wohin es ginge. Ein Mann sagte: Wenn der Zug nach links fährt, fahren wir nach Sibirien. Wenn der Zug nach rechts fährt, fahren wir nach Deutschland. Der Zug fuhr nach Deutschland. Sie landete in Sachsen-Anhalt. Sie fand Arbeit auf Bauernhöfen, wo die vormaligen "Polen-Mädchen" fehlten. Die Mutter kam aus Sibirien zurück. Sie war so aufgeschwemmt gewesen, daß man dachte, sie wäre schwanger. Als Krankenschwester sollte sie einen Rücktransport begleiten. So kam sie nach Hause. Auch der Vater kam nach Hause. 

Aber die Eltern hatten sich entfremdet. Es gelang ihnen auch nicht, eine gemeinsame Wohnung zu finden. Sie arbeiteten verarmt auf verschiedenen Höfen, freundeten sich jeweils mit anderen Partnern an. Für die Tochter war bei ihren Eltern kein Platz mehr. Sie konnte nicht mehr zu ihren Eltern ziehen. 

An der Grenze in Berlin lernte sie ihren späteren Mann kennen. Erst nach 1989 erfuhr sie, daß dieser all die Jahre über bei der Stasi gearbeitet hat. Sie hat davon nie etwas erfahren. Er war SED-Funktionär. Auch wußte sie nicht, daß er schon für zwei Kinder Unterhalt bezahlen mußte. Sie selbst wurde schnell schwanger. Und in der Folge hatte sie dann acht Kinder. Damit sie keine weiteren bekäme, fuhr sie nach Berlin, um sich dort Chinin zu kaufen.

Nach 1989 traf sie sich regelmäßig mit ihren Schulfreundinnen auf Vertriebenen-Treffen. Sie besuchten sich auch untereinander und unternahmen gemeinsame Reisen, etwa nach Österreich. Die meisten von ihnen sind schon gestorben. Nur in Lothringen wohnt noch eine Freundin.

So erfuhr ich von Zinten, einer Kleinstadt in Ostpreußen und von dem Schicksal seiner Bewohner.*)

Das Rosenköpfchen hatte einen unaufmerksamen Moment genutzt, um einmal ein wenig "auf Reisen" zu gehen. Zwei Kilometer war er durch die Stadt geflogen. Nun war er wieder zu Hause.

__________

*) Über Zinten ist zu lesen (Wiki):

Während der Kesselschlacht von Heiligenbeil im Februar 1945 (...), bei der die 4. Armee der deutschen Wehrmacht zerschlagen wurde, wechselte Zinten mehrmals die militärische Besatzung und wurde ebenso wie die benachbarte Kreisstadt im stärksten Ausmaß zerstört. (...) Die Altstadt wurde nicht wieder aufgebaut, von der Kirche steht nur noch ein Turmfragment.

/ Erste Fassung erstellt:
14.9.2018 / 
__________________________
  1. Schmeelke, Karl-Heinz: Von Gumbinnen bis Balga. Der Kampf um Ostpreußen. Kriegstagebuch 1944/45. 2. FschPzGrDiv. HG. Zur Verfügung gestellt von der Internetzeitung "Das Kleeblatt" aus Maintal im Jahr 2010, http://www.klee-klaus.de/gumbinnen_bis_balga.htm

Montag, 15. Juli 2019

Unislaw - Ein Dorf im Kulmer Land an der Weichsel

Das westpreußische Dorf Unislaw an der Weichsel in den Jahren 1919 bis 1949
Gliederung:
A. Leben vor 1939
B. Grausamkeiten im September 1939 und danach
C. Die Flucht und die Kämpfe um die Festung Thorn Januar/Februar 1945
D. Hunger, Seuchen, Zwangsarbeit, Grausamkeiten, Deportationen nach Sibirien (bis 1949)

Mit dem Dorf Unislaw (Kulmisch Wenzlau) (Wiki) an der Weichsel  beschäftigte sich der erste Teil dieses Aufsatzes (Preußen lebt) aus dem Anlaß, daß in einer internationalen Archäologie-Zeitschrift von der Ausgrabung einer mittelalterlichen Ordensburg daselbst von Seiten polnischer Archäologen der Universität Thorn berichtet worden war. Der Aufsatz gibt auch nicht andeutungsweise ein Wissen von den schweren Schicksalen der Bewohner dieses Dorfes im Zwanzigsten Jahrhundert kund, und daß diese Bewohner zu mindestens einem Drittel seit der Ordensritterzeit Deutsche waren. Deshalb soll in diesem zweiten Teil einiges über das berichtet werden, was die Bewohner in Unislaw zwischen 1919 und 1949 erlebten. Erst nach längerer Recherche stoßen wir darauf, daß der Westdeutsche Rundfunk im Jahr 2009 eine Dokumentation erstellt hat (4), in der einiges von dem Schicksal des Dorfes Unislaw - aufgrund der Erinnerungen eines ehemaligen deutschen Bewohners (Hanno Henatsch) - sehr unmittelbar zur Sprache kommt. Der Film ist - nicht nur deshalb - sehr bewegend. Er vermittelt auch allgemein einen wertvollen Eindruck von dem Leben und Schicksal der deutschen Minderheit im polnischen Machtbereich in der Zwischenkriegszeit.

Worauf aber auch der Film nur sehr kurz an seinem Ende hinweist, ist wiederum der Umstand, daß fast jeder Ort, der von Deutschen bewohnt worden war östlich der Elbe im Jahr 1945 schwere bis schwerste Schicksale erlebt hat, daß seine Bewohner durch die Hölle auf Erden gegangen sind. All dies sei im folgenden aufgezeigt anhand des Beispiels des Dorfes Unislaw in Westpreußen, soweit dies aufgrund der Quellenlage möglich ist.

In Unislaw gab es eine Zuckerfabrik, die zugleich Kunsthonigfabrik war. Sie war weit über das Dorf hinaus bekannt unter dem Namen "Unamel". Ihr Inhaber war die Familie des Fabrikdirektors Henatsch, des Vaters des schon erwähnten Hanno Henatsch. 

Abb. 1: Der Bahnhof und die Zuckerfabrik von Unislaw - Postkarte, aus der Zeit vor 1914

Die Firma trug in den 1920er Jahren den Namen "Unamel".

Die Familie Henatsch in Unislaw

1919 hieß es in der Chemiker-Zeitung über ihren Inhaber und Fabrikdirektor (siehe Google Bücher):

Dr. Wilhelm Henatsch beging am 1. April sein 25-jähriges Jubiläum als Direktor der Zuckerfabrik Unislaw.

Seit dem 19. Jahrhundert war die Fabrik im Besitz der Familie Henatsch und ging in jener Zeit von Dr. Wilhem Henatsch Vater auf Dr. Wilhelm Henatsch Sohn über. Wilhelm Henatsch Sohn wurde der "König von Unislaw" genannt und war eine eindrucksvolle Unternehmer-Persönlichkeit, wie sich sein Sohn Hanno erinnert (4, 17:30). 1922 erbaute die Familie in Unislaw auch eine prächtige Villa, die heute nicht mehr in einem so schönen Zustand wie damals ist und von polnischen Familien bewohnt wird (4, 18:30).

Aufgrund des Versailler Vertrages kam das Kulmer Land, zu dem Unislaw gehörte, am 20. Januar 1920 ohne Volksabstimmung unter polnische Oberhoheit. Über den Anteil der Nationalitäten im Landkreis Kulm (also im Kulmer Land) ist schon im ersten Teil berichtet worden. 1910 lebten in ihm 28.000 Katholiken neben 20.000 Protestanten (Wiki), wobei fast alle Katholiken Polen und fast alle Protestanten Deutsche waren. Dies war auch schon 1821 so gewesen, als dort 17.000 Katholiken neben 12.000 Protestanten (Wiki) gelebt hatten. Die Deutschen hatten im Land seit Jahrhunderten den wirtschaftlich und kulturell dominierenden Volksteil dargestellt, auch dort, wo sie zahlenmäßig in der Minderheit waren. Auch der Domänenpächter in Unislaw trug 1876 zum Beispiel einen deutschen Namen, ebenso ein anderer Bauer ("Besitzer"). Ein Organist des Dorfes trug einen polnischen Namen (GB).

Der Reichstagswahlkreis Marienwerder, zu dem Unislaw mit dem Kreis Kulm gehörte, hatte bis 1912 in unregelmäßigem Wechsel einmal einen Abgeordneten der Polnischen Fraktion in den Reichstag gewählt, einmal einen Abgeordneten der deutschen Nationalliberalen Partei (Wiki). In Unislaw selbst wurden Dorf und Gut voneinander unterschieden. In beiden gab es jeweils zwei Drittel Polen und ein Drittel Deutsche, im Dorf 247 Polen und 115 Deutsche, auf dem Gut 125 Polen und 45 Deutsche (1, S. 136). Diese Zahlen machen also klar: Dies war nicht nur die Heimat von Polen, sondern seit vielen Jahrhunderten auch die Heimat von Deutschen. Wie weiter unten noch sichtbar wird, gab es im Land selbst viele Polen, die den Deutschen wohlwollend gegenüber standen, ebenso umgekehrt. Oft wurde der Haß zwischen beiden Volksteilen von außen in dieses Land hinein getragen von Seiten von Menschen, die es nicht seit Jahrhunderten gewohnt waren, Tür an Tür mit Menschen einer anderen Volkszugehörigkeit zusammen zu leben.

Abb. 2: Unislaw vor 1914 - Postkarte

Aufgrund der äußeren politischen Verhetzung mußten dann bis 1939 eine Million Deutsche aus dem nun polnischen Machtbereich ihre Heimat verlassen. Auf einem Dorf wie Unislaw konnten die Deutschen in dieser Zeit weitaus weniger leicht verdrängt werden als aus einer Stadt wie Graudenz, wo viele Deutsche zuvor im Staatsdienst gearbeitet hatten, zu dem sie nun vom polnischen Staat nicht mehr zugelassen wurden. 

Es wird berichtet von der zwangsweisen Einschulung der deutschen Kinder in polnische Schulen und von den Schwierigkeiten der Deutschen im Landkreis Kulm, eine deutsche Privatschule betreiben zu können (2). Ebenso gab es von polnischer Seite aus viele Bemühungen, den deutschen Unternehmern das Leben schwer zu machen, um sie zum Verlassen des Landes zu bringen. Aber (5, S. 124):

Auch die ländliche deutsche Industrie will sich nicht unterkriegen lassen. In Unislaw gründet Dr. Wilhelm Andreas Henatsch, Hannos Vater, 1922 eine Fabrik für Kunsthonig, die "Unamel".

In Kulm gelang es, eine Grundschule als deutsche Privatschule betreiben zu können (2). Die Kinder des Fabrikdirktors Dr. Wilhelm Henatsch (1895-1945) und seiner Frau  Elisabeth Henatsch (geb. Böning) (1896-1989) (MyHeritage) wurden aber in den ersten vier Grundschulklassen von einem Hauslehrer unterrichtet. Das Paar hatte 1921 geheiratet und es kamen sechs Kinder auf die Welt, die alle in Unislaw geboren worden waren (Geni, Ancestry): Wilhelm (1922), Johannes (1923), Hanno (1924), Aleit (1926), Sophie (1927) und Christoph (1929).

In der "Zeitschrift des Vereins der Deutschen Zucker-Industrie" und ähnlichen Zeitschriften wird Wilhelm Henatsch seit 1899 oft erwähnt, wobei es sich zunächst um den Vater, dann den Sohn handeln wird. Beide waren also auch in der Verbandsarbeit der deutschen Zuckerindustrie sehr rührig tätig (siehe Google Bücher). Die Erinnerungen der Familie an die Jahre 1945 und 1946 sind enthalten in der "Dokumentation der Vertreibung" (3), die von Hanno Henatsch auch in der schon genannten WDR-Dokumentation des Jahres 2009 (4-6). In ihr erzählt er vor der Kamera aus seinem Leben (z.B. 4, Minute 3:38):

Die ersten vier Schuljahre haben wir nicht in der polnischen Volksschule absolviert, sondern wurden unterrichtet durch Hauslehrer. Natürlich kam da die polnische Sprache viel zu kurz. Der Hauslehrer, der konnte ja kaum Polnisch.
Abb. 3: Blick in die deutsche Goethe-Schule in Graudenz, eingeweiht 1933, vorne eine Nachbildung der Naumburger Stifterfiguren

Und es wird auch berichtet (5, S. 145):

Ein Landei wie Hanno Henatsch, der 1933 aus Unislaw nach ....

Mit sieben Jahren wurde Hanno Henatsch ab 1933 auf die im selben Jahr eingeweihte, im Bauhaus-Stil errichtete große deutsche Goetheschule nach Graudenz geschickt (4, 11:10). Eine Goetheschülerin berichtet was auch sonst in dem Film deutlich wird, auch anhand der Inneneinrichtung der Goetheschule Abb. 3) (4, 22:55):

Wir waren wirklich deutsch. Und wir waren uns dessen auch bewußt. Ich glaube, wir waren deutscher als die Deutschen im Reich. Und waren es gerne.

Nach der Machtübernahme der NSDAP im Deutschen Reich hat sich diese junge Generation der "Auslandsdeutschen" - wie fast überall in Ostmitteleuropa und auch außerhalb von Europa - zunehmend stärker dem Nationalsozialismus zugewandt. Die deutsche Jugend im polnischen Machtbereich war unter anderem im "Wanderbund" organisiert, der sich immer mehr an der Hitlerjugend orientierte (5, S. 150):

Daß der Wanderbund in diesen Jahren der Hitlerjugend immer ähnlicher wird, können die Zeitzeugen nur bestätigen. "Wir waren die besseren Nazis!" Hanno Henatsch quält die Frage, warum er sich hat verführen lassen, immer noch. "Wahnsinn!" Wer noch ein bisschen Verstand im Kopf gehabt ...

Wenn man sich allerdings die damalige Unterdrückung der Deutschen im polnischen Machtbereich klar macht und ihre Verdrängung aus demselben, wenn man sich zugleich die stark nationalistisch organisierte gleichaltrige polnische Jugend veranschaulicht, dann wird es wohl nicht mehr so schwer sein nachzuvollziehen, daß sich die junge Generation der deutschen Volksgruppe innerlich einer Bewegung innerhalb des Reiches zugewandt hat, die für eine machtvolle deutsche Außenpolitik einstand. Die Lage für die deutsche Volksgruppe im polnischen Machtbereich konnte sich dadurch allerdings insgesamt nicht verbessern, im Gegenteil. Und das war auch vielen älteren Angehörigen der deutschen Volksgruppe bewußt, die oft zur Mäßigung rieten. All diese Entwicklungen sollten dann bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges die schrecklichsten Folgen nach sich ziehen.

September 1939 - Unislaw erlebt die Verschleppungsmärsche der Deutschen

Im September 1939, bei Kriegsbeginn kam es zur Verschleppung und Ermordung tausender von Angehörigen der deutschen Volksgruppe im polnischen Machtbereich. Diese Vorgänge gingen in die Geschichte ein unter dem Schlagwort vom "Bromberger Blutsonntag", weil die deutsche Wehrmacht hier erstmals auf dieses Geschehen stieß und weil das dortige Geschehen sofort von der Propaganda des Deutschen Reiches ausgeschlachtet wurde. Diese Vorgänge spielten sich aber in ganz Polen ab, nicht nur in Bromberg. Zunächst waren die führenden Angehörigen der deutschen Volksgruppe von den polnischen Behörden interniert worden. Sie sollten schließlich in ein großes Konzentrationslager für Deutsche bei Warschau überführt werden (2, S. 281f):

Seit März 1939 verschärften sich die antideutschen Maßnahmen der Behörden. Durch Verweigerung von Zahlungsaufschüben und rücksichtslose Pfändung zwecks Steuereintreibung wurde deutschen Firmen die Existenzgrundlage entzogen, so auch der Kunsthonigfirma "Unamel" des Dr. Henatsch in Unislaw. (...) Mit Kriegsausbruch setzte die Verhaftungswelle ein und dauerte bis zum 2. 9. an. Am 1. 9. wurden die Gefängnisse geöffnet. Am Abend befahl der Starost den Polizeistationen, die "entlassenen Häftlinge deutscher Nationalität sofort festzunehmen und in Richtung Unislaw zu dirigieren". Die Verhafteten wurden, da keine Bahnverbindung mehr vorhanden war, meist gefesselt über Unislaw - wo sie mit den Graudenzer zusammentrafen - nach Thorn gebracht. Hierher kamen auch die Internierten aus anderen Kreisen. Von Thorn aus mußten sie entweder am Verschleppungsmarch nach Lowitsch oder nach Warschau teilnehmen.

Ein Verschlepptenzug von 43 "führenden" Angehörigen der deutschen Minderheit aus dem Kreis Schwetz Richtung Warschau kam ebenfalls durch Unislaw und wurde dann über Thorn Richtung Lowitsch dirigiert. Schwetz liegt am linken Flußufer der Weichsel gegenüber von Kulm. Es sei hier auszugsweise zitiert, was ein Teilnehmer dieses Zuges, der Schwetzer Arzt Dr. med. Studzinski, über diesen grauenhaften Marsch, über die vielen Gewalttaten, Erschießungen und Massaker, die diesen Zug begleiteten, gleich nach seiner Befreiung durch die Wehrmacht, also noch 1939 aufgeschrieben hat. Studzinski war zunächst in Einzelhaft genommen worden, wurde dann aber nach und nach mit anderen Verhafteten zusammen gebracht (7):

.... Wir machten von jetzt ab gemeinsam den Höllenmarsch in treuer Kameradschaft  bis nach Lowitsch mit; es war bei unserem Abmarsch der 2. September. Alte Herren über 70 Jahre, schwer Herzkranke, sie waren dabei, es gab kein Erbarmen. Unser Senior, Herr Schulz aus Dragaß, hatte sage und schreibe ein Alter von 82 Jahren. Über die Schwarzwasser-Brücke zwischen der Ordensburg des Heinrich von Plauen und der Ordenskirche, ging dann dieser Zug, bewacht von Polizei und Hilfspolizei nach der Kulmer Fähre. (...) Wir hörten von der Beschießung von Graudenz und langsam stieg die Hoffnung in uns auf, daß wir vielleicht nicht mehr über die Weichsel kommen würden. Doch (...) ein Dampfer mit Prahm setzte uns über. Es ging durch die Stadt  Kulm bis zum dortigen Landratsamt. (...) Hier bei dem Spießrutenlaufen durch die Stadt bekamen wir zum ersten Male die unflätigsten Beschimpfungen und Schmähungen der Bevölkerung zu spüren. "Schlagt doch die  deutschen Hunde tot! Wozu transportiert ihr die deutschen Schweine noch weiter? Jagt sie doch in  die Weichsel!" So geiferte die wilde Horde. (...) Auf der Chaussee nach Unislaw ging es weiter bis zu einem Bahnhof. (...) Dann wurden deutsche Bauernwagen requiriert, auf denen wir bis Unislaw fuhren. (...) Durch Unislaw wurden wir wieder beschimpft, dann auf dem Bahnhof in aller Eile verladen, und weiter ging es per Bahn nach Thorn. Bekamen wir in Kulm und Unislaw schon Schmähungen und Beschimpfungen zu hören, so steigerte sich dieses abscheuliche Betragen der Bevölkerung in Thorn um ein Bedeutendes. Hier gab es schon neben Flüchen Fußtritte und Steinwürfe. (...) Nach zwölfstündigem Marsch zogen wir halbverdurstet in Alexandrowo ein, liefen Spießruten durch die ganze Stadt, wurden beschimpft, mit Steinen beworfen. (...) Am Morgen des 4. September 1939 wurden wir dann in Richtung  Wloclawek in zwei Viehwagen verladen (...), wo wir wieder Spießruten durch die Stadt laufen mußten. (...) Schon in  der Stadt begann neben dem unglaublichsten Beschimpfen das Mißhandeln. Steinwürfe, Kolbenschläge bekam jeder von uns. Mit unglaublicher Roheit wurde Kamerad Alfred Werner aus Groß-Sanskau zerschlagen, nach ihm kam ich an die Reihe. Eine nach meiner Erinnerung in Briefträgeruniform gekleidete Bestie schlug mir ins rechte Auge, man erzählte mir später, er soll mit einem Hammer geschlagen haben. Dies war das Signal für die übrigen, nun ihrerseits mit Kolben auf mich einzuschlagen. Ins Gesicht, auf den Kopf traf man mich, ich brach auf der anderen Seite  der Chaussee bewußtlos zusammen, wälzte mich auf der Straße, wurde durch rohe Stöße mit Gewehrläufen in Bauch, Brust und Rücken zum Bewußtsein gebracht und mit repetiertem Gewehr bedroht, erschossen zu werden, falls ich nicht sofort weiterlief. Der Selbsterhaltungstrieb gab mir die Kraft, aufzuspringen, ich ging wieder in Reih und Glied und  merkte nun, daß mein Gesicht, mein Hemd, mein Anzug von Blut überlaufen war, daß das linke Auge gänzlich zugeschwollen war, und daß ich keine Sehkraft mehr darauf hatte. Das rechte Auge war auch halb zugeschlagen, die Sehkraft herabgesetzt. In diesem Zustand mußte ich noch weitere 30 Kilometer marschieren. (...) Alle diese Wunden werden heilen, aber bluten wird stets unser armes Herz über den Verlust unserer lieben, erschlagenen und erschossenen Kameraden auf diesem Höllenmarsch von Wloclawek.

Mindestens fünf Männer der 43 dieses Zuges sind dann erschlagen oder erschossen worden. Aber das reichte nicht. In der Zuckerfabrik Chodzen, wo mehrere solcher deutscher Verschlepptenzüge gesammelt wurden, ging es weiter:

In diesem Moment schlug die vertierte Bande mit Gewehrkolben auf uns arme, wehrlose Menschen ein. Ein entsetzliches Geschrei, ein einziges Stöhnen war zu hören. Wir lagen zusammengeschlagen am Boden. Als wir allmählich zu uns kamen, merkten wir, daß alle am Leben waren. (...) Leidensgenossen aus den Kreisen Graudenz, Strasburg, Hohensalza und aus anderen Kreisen konnten wir begrüßen. Schätzungsweise lagen in diesem Schuppen 800 Mann, Männer und Frauen. (...) In aller  Frühe des 7. September mußten wir dann in fünf Kolonnen zu je 800 Mann antreten und wurden über Chodecz nach Kutno weitergetrieben.

Dabei wurden alle erschossen, die nicht weiter gehen konnten. Hinter Lowitsch wurden die Verschlepptenzüge dann von der deutschen Wehrmacht eingeholt und befreit. Der Historiker Hugo Rasmus zählt - aufgrund der Vorarbeiten von Oberstudienrat Dr. August Müller (1895-1989) (Am) - in seinem Buch 43 Deutsche des Landkreises Kulm namentlich auf, die im Zuge dieser September-Ereignisse ermordet wurden (2).

Herbst 1939 - Der deutsche "Selbstschutz" unternimmt Strafaktionen und Hinrichtungen

Wie ging es weiter (2, S. 283):

In der Nacht vom 3. auf den 4. September 1939 setzte das II. deutsche Korps südwestlich Kulm bei Tolpolno am westlichen Weichselufer über den Strom und nahm die Masse des Kreisgebietes Kulm mit der Kreisstadt in Besitz. 

Die ansässige deutsche Bevölkerung hatte die Hölle durchlebt und brauchte Tage, Wochen und Monate, um das Geschehene zu verarbeiten. Familien mußten sich erst wieder finden - und oftmals blieben Angehörige vermißt. Auf der anderen Seite gab es die große Freude und Erleichterung darüber, nun zum Deutschen Reich zu gehören. Die vielen Ermordungen von Deutschen riefen nun deutsche Standgerichte hervor, die insbesondere von Seiten des "Deutschen Selbstschutzes" betrieben wurden. Dieser erschoß drei polnische Männer in den Wäldern bei Raciniewo in der Gemeinde Unislaw (8, S. 221). Männer polnischer Volkszugehörigkeit aus Unislaw waren auch unter 220 Männern, die in Plutowo und unter 400, die in Male Czyste erschossen wurden (8, S. 221). Ob es auch in Unislaw zu Aussiedlungen von Polen kam und zur Ansiedlung von deutschen Rücksiedlern (aus dem Baltikum oder aus Wolhynien oder anderwärts) muß einstweilen dahin stehen. Im Film heißt es (39:30):

Hanno Henatsch und sein Freund Erich Abramowski machen Abitur. Und sie müssen bald danach als deutsche Soldaten in den Krieg. Über hundert Jungen aus der Goethe-Schule werden nicht zurückkehren.

1942 wurde Unislaw offiziell in Kulmisch Wenzlau umbenannt (9).

Abb. 3: General Otto-Joachim Lüdecke, Mai 1944, rückseitig beschriftet mit "Mein Patient General Lüdecke in Agram im Mai 1944" - Lüdecke sollte 1945 zum Festungskommandanten von Thorn ernannt werden

1943 entstand noch einmal ein Farbfilm über die landschaftlichen und kulturellen Schönheiten des Weichsellandes. Es ist ein Film voller Ruhe und Gelassenheit. In ihm wird auch die Stadt Kulm an der Weichsel gezeigt.

1943/44 - Letzte Filmaufnahmen des Weichsellandes aus deutscher Zeit

Während des Zweiten Weltkrieges leisteten in der Kunsthonigfabrik, bzw. Zuckerfabrik von Unislaw (bzw. Kulmisch Wenzlau) Polen aus Kulm Zwangsarbeit (10, 11). Im August 1944 reisten deutsche Studenten der Universität Danzig zum Stellungsbau ins Weichselland und dabei entstanden private Filmaufnahmen (Kronberg):

Private Aufnahmen gefilmt von Werner Kronenberg, damals Student an der Technischen Hochschule in Danzig, als "studentischer" Teilzeitsoldat eingesetzt in Frankreich, auf dem Balkan und bei der Invasion in die UdSSR. Im August 1944 werden Studenten aus Danzig zu Schanzarbeiten nach Westpreußen beordert. Kulm an der Weichsel, Weiterfahrt mit dem Autobus nach Marienwerder, Schloßbesichtigung kurz, Marienburg: Die Burg, Bahnhof und Ort Gartsch, Bahnsteig, Wartende, von dort Spaziergang in Umgebung, Wiesen Felder, junge Frauen als Begleitung, Spaziergang Fortsetzung, Zugfahrt.
Insert: Der Feind bedroht die deutschen Grenzen von Osten, Schanzarbeiten der Studenten der Technischen Hochschule Danzig in Gollub an der Drewens, 9. August 1944, Abfahrt in Danzig, Zug über Graudenz, Marienburg nach Gollup, männliche und weibliche Studierende mit Gepäck, Burg, Ortsname Elgers, gemeinsames Kartoffelschälen im Freien, an der Drewenz, Idylle, Küken, Kühe auf der Weide, Leibisch, Schule Kroppen, Schanzarbeiten mit Schaufel und Hacke, Ausheben Schützengräben, Erklärung im Film: Wie ein Graben entsteht: Systhematisch gefilmt. Zug zurück nach Danzig.
Abb. 4: Die Angriffsspitzen der Roten Armee erreichen die Weichsel bei Thorn und Kulm, um den 23. Januar 1945 (aus: Schäufler)

Am 12. Januar 1945 begann der Großangriff der Russen auf den Weichselbogen (Wiki) und auf Ostpreußen.

12. Januar 1945 - Die Rote Armee tritt an zum Großangriff auf Europa 

Am selben Tag waren die Henatsch's noch bei der großen Hasenjagd auf dem Gut der Familie Abramowski. Über die Gefahr, daß sie Russen angreifen könnten, sprach niemand (Film 40:40). 

Die deutschen Behörden in Ost- und Westpreußen gaben viel zu spät die Befehle zum Räumen und zum Trecken nach Westen. Wer vorher zu fliehen versuchte, wurde oft schwer bestraft. 

Als der Treckbefehl schließlich kam, konnten sich viele Deutsche nicht zur Flucht entschließen.

21. Januar 1945 - Thorn und Graudenz werden zur Festung erklärt

Am 21. Januar 1945 durchbrachen die Russen den äußeren, nur schwach besetzten Sicherungsring von Thorn, sowie die so gut wie gar nicht besetzte Drewenzstellung nordöstlich von Thorn (Lüdecke). Thorn liegt auf dem Nordufer der Weichsel, knapp 30 Kilometer südlich von Unislaw. Adolf Hitler befahl die Ablösung des Festungskommandanten von Thorn. Sein Nachfolger, der General Otto-Joachim Lüdecke (1894-1971) (Wiki), der 1943 das Ritterkreuz erhalten hatte, erhielt die Anweisung (Lüdecke):

ich solle umgehend den Festungskommandanten ablösen und in Thorn die Lage wieder herstellen, Thorn sei ein ganz besonders wichtiger Eckpfeiler und müsse unter allen Umständen bis zum letzten Mann gehalten werden.
Lüdecke berichtet weiter:
Ich begab mich sofort von Danzig im PKW nach Thorn. Von Marienburg ab über Graudenz - Culmsee waren die Strassen völlig verstopft von zurückflutenden Trecks, die die Weichsel hinter sich zu bringen bestrebt waren.
Fabrikdirektor Wilhelm Henatsch, der Vater des damals 21-jährigen Hanno Henatsch in Unislaw, konnte sich in diesen Tagen nicht zum Trecken entschließen (5, S. 177):
Es dauert etwa eine Stunde, bis Hanno Henatsch das Szenario vor unseren Augen ausgebreitet hat: eine Situation auf Leben und Tod, in der er, der einunzwanzigjährige Hanno, seinem Vater Contra gibt: "Das ist unser Todesurteil!" Noch heute muß er ....
Und über den weiteren Verlauf der Ereignisse (5, S. 178):
Jetzt ist es Hanno Henatsch, der drängt und den weinenden Freund zur Umkehr bewegt. "Jemandem in einer Grenzsituation einen Rat geben, das darf man nicht. Da spielen Leute Schicksal. Das darf man nicht!" (...) Für Unislaw hatten die Behörden nach langem Zögern Treckbefehl erteilt, und dagegen setzte er einen Gegentreckbefehl. Allgemeine Verwirrung? Der Vater verleugnete offensichtlich die Wirklichkeit. Die Ehefrau, zwei Töchter und zwei Söhne waren noch in Unislaw, es ging nicht nur um ... Über sechzig Jahre, sagt Hanno Henatsch, quälte er sich damit herum. Und er werde diese Frage mit ins Grab nehmen. Was mag seinen damals fünfzigjährigen Vater bewegt haben? Heimatliebe? Woanders zu leben, hat er sich vermutlich nicht vorstellen können. Heldentum? Wollte er diesmal nicht "feige ...
Warum sich Hanno Henatsch bis zu seinem Lebensende mit dieser Frage herumquält, wird verständlich, wenn man von den Folgeereignissen erfährt. Im Film sagt er (42:00):
Meine Mutter sagte: Kannst du nicht die Schwester noch mitnehmen auf dem Motorrad?

Da er leicht verletzt war, wollte er das auf den vereisten Straßen in der Kälte nicht riskieren.

Abb. 5: Der Ausbruch der deutschen Festungsbesatzung aus Thorn, 5. Februar 1945 (aus Schäufler)

Lüdecke berichtet weiter:

Es fehlte überall an Straßenkommandanten, die mit ihren Organen die Verstopfungen zu entwirren in der Lage gewesen wären. Auf diese Weise kam ich erst am 22.1. gegen 23 Uhr in Thorn an und übernahm noch in der Nacht den Befehl.
Lüdecke:
Von den zugesagten 2 weiteren Divisionen meldete sich im Verlauf des 23.1. eine stark angeschlagene Division - 7l. (?) Division unter Führung des Generalmajors Schlieper - die aus der Kampfgegend von Warschau kam und deren Nachhuten in Fühlung mit den nachdrängenden Russen standen.
Lüdecke:
Die Angriffe der Russen auf Thorn waren (anfangs) nicht als ernst zu bezeichnen. Er stieß ohne Rücksicht auf diesen "Eckpfeiler" südlich und nördlich durch. Südlich auf Bromberg und Posen - vor Bromberg stand er am 23.1., vor Posen am 24.1. - nördlich auf Kulm und Graudenz. Er überschritt die Weichsel südlich Kulm bei Topolno meines Wissens am 25.1.
Topolno liegt auf der westlichen Weichselseite gegenüber von Kokocko. Letzteres liegt zehn Kilometer nördlich von Unislaw. Lüdecke weiter:
Nakel und Bromberg fielen am 23.1. in seine Hand. Die im Ausbau befindliche Netzestellung war nicht besetzt, abgesehen von schwachen Sicherungen, die an den Hauptübergängen behelfsmässig zusammengezogen waren. Bromberg selbst wurde verteidigt und umkämpft, ebenso Fordon, wie engere Umgebung der Weichselbrücke. Beide wichtigen Punkte wurden aber vom Russen von Westen umgangen, der von der Netze aus in nördlicher Richtung auf die Ostsee vorstieß mit dem Ziel, die in Ost- und Westpreußen befindlichen Kräfte einzukesseln und ihnen ein zweites Kurland zu bereiten.
Am 23. Januar stießen die Russen auch an Graudenz, Marienwerder und der Marienburg vorbei bis nach Elbing an der Ostsee vor. Lüdecke weiter:
Am 25.1. hatte sich der russische Belagerungsring um Thorn geschlossen.
Dies war auch der Tag, an dem die Russen Unislaw besetzten. Nach dem Einbruch der Russen in den Ort Unislaw am 25. Januar 1945 wurden die Dorfbewohner in einer Baracke der Zuckerfabrik zusammen getrieben. Die Stadt Kulm ist am 27. Januar 1945 von der Roten Armee eingenommen worden. Der damals 15-jährige J. Henatsch berichtet über seinen Vater, sich selbst und seine damals 19-jährige Schwester A. Henatsch (3, S. 3):
Am 25. Januar 1945 brachen die Russen in mein Heimatdorf ein. Sie belegten unser Haus und begannen bald mit ihren Vernehmungen. Mein Vater wurde zuerst abgeführt; am 29. Januar abends erschienen vier Soldaten, die meine Schwester A. und eine Stunde später zwei Soldaten, die mich in die Gefangenschaft brachten. Wir kamen in ein Haus im Dorf, in dem schon eine Anzahl Deutsche, eingedeutschte Polen und Nationalpolen saßen.
Von Elisabeth Henatsch, der Mutter von Hanno Henatsch, sowie von ihrem Sohn J. Henatsch liegen Erlebnisberichte vor, von ersterer (6):
Im polnischen Durchgangslager Kulm und bei der Zwangsarbeit: Ein amtlich beglaubigter, sechsseitiger maschinenschriftlicher Bericht von Dr. Elisabeth Henatsch aus Unislaw/Kr. Kulm vom März 1946.
Dieser Bericht ist offensichtlich identisch mit einem entsprechenden - allerdings anonymisierten - in der "Dokumentation der Vertreibung" (3, S. 501-506). (Anonymisiert sicherlich, weil sich noch Familienangehörige in sowjetischen Arbeitslagern befanden.) Elisabeth Henatsch, die Mutter von J. und A. Henatsch, berichtet (3, S. 501):
Die Russen (...) nahmen in den ersten Tagen eine große Anzahl Männer und Frauen (Deutsche, eingedeutschte Polen und Nationalpolen) gefangen und führten sie am 1. Februar 1945 nach Rußland ab.
In einer Anmerkung wird dazu zusammenfassend berichtet (3, S. 501):
Im Zuge dieser Zwangsdeportation wurde auch der 15jährige Sohn der Verfasserin nach Rußland verschleppt, im Herbst 1945 schwerkrank entlassen, und ihre 19jährige Tochter, die im Sommer 1946 in einem russischen Zwangsarbeitslager starb. - Der Ehemann der Verfasserin, nach dem Russeneinbruch in Zivilgefangenschaft abgeführt, wurde vor dem Abtransport bei einem Fluchtversuch erschossen.

Dieses Geschehen bildet also den Hintergrund dafür, daß Hanno Henatsch, ein weiterer Sohn von Elisabeth Henatsch, sich bis an sein Lebensende mit der Frage herum schlug, warum sein Vater den Gegentreckbefehl gegeben hatte. - Die in Unislaw zurück gebliebenen Dorfbewohner erlebten nun die sich noch tagelang hinziehenden Kämpfe um den Ort (3, S. 506), die sich aus dem Ausbruchversuch der Festungsbesatzung Thorn entlang des Ostufers der Weichsel ergab.

2. Februar 1945 - Ausbruch der Deutschen aus Thorn Richtung Kulm

Lüdecke berichtet darüber:

In der Nacht vom 31.l./l.2. ging ein Funkbefehl des O.K.H. in Thorn ein, etwa folgenden Inhalts: "Operative Lage erfordert sofortigen Durchbruch. Erreichen der eigenen Linien Waldungen nördlich Krone/Brahe. Eile geboten. Absichten unter Mitnahme deutscher Zivilbevölkerung und Verwundeter sowie möglichen Zeitpunkt des Antretens funken."
Krone/Brahe heißt heute Wałcz. Der Ausbruchversuch war folgendermaßen geplant (Lüdecke):
Die Absicht war, auf kürzestem Wege nördlich Fordon die Weichsel zu überschreiten und das Ziel nördlich Krone zu erreichen. (...) Starker Frost und hohe Schneelage erschwerten das Unternehmen erheblich.

Fordon ist ein Vorort von Bromberg und liegt 20 Kilometer südwestlich von Unislaw auf dem Westufer der Weichsel. Zu gleicher Zeit wurde aber Graudenz, nördlich von Kulm gelegen, noch bis zum 6. März 1945 verteidigt (Wiki) (darüber berichtet Lew Kopelew in seinen Erinnerungen). Über den weiteren Verlauf ist berichtet worden anhand des Berichtes von Lüdecke (Thorwald, S. 266):

Am 2. Februar trat General Lüdecke aus Thorn heraus zum Durchbruch nach Westen an. Er hatte drei Angriffsgruppen formiert. Bei der mittleren Angriffsgruppe befanden sich die Zivilbevölkerung und Verwundete. Es lag hoher Schnee. Es herrschte starker Frost. (...) Lüdeckes Kolonnen kämpften sich bis zum Abend bis zum Raum zehn Kilometer östlich Fordon vor. (...) Jetzt sollte Lüdecke nach Norden abdrehen, die Weichsel südlich Kulm überschreiten und die Linien der 2. Armee bei Schwetz erreichen. Am 5. Februar gelang es einzelnen Teilen, das Eis der Weichsel südlich von Kulm zu überqueren.

Kulm liegt 17 Kilometer nördlich von Unislaw. Diese Ausbruchkämpfe spielten sich also in der Weichselniederung westlich von Unislaw ab. Über dieselben Vorgänge gibt es auch einen Bericht aus polnischer Sicht, von Seiten eines Stefaniak, der damals in Kulm lebte:

Mitte Februar (? gemeint ist wohl eher: Anfang Februar) versuchten Gruppen versprengter Wehrmachtssoldaten aus dem Raum Thorn, bei Kulm über die Weichsel zu setzen und sich weiter zur noch von den Deutschen kontrollierten Ostseeküste bei Danzig durchzuschlagen. Eine Sowjetoffizierin im Rang eines Hauptmanns, die das südlich der Altstadt von Kulm gelegene und mit verletzten Rotarmisten voll belegte Krankenhaus leitete, organisierte die Verteidigungsmaßnahmen. Stefaniak nahm in der Nähe des Krankenhauses und an der ul. Toruńska an dem vierstündigen Feuergefecht mit den deutschen Soldaten teil, die schließlich abgewehrt wurden und sich einen Weg zur Weichsel abseits der Stadt suchen mußten. Der Autor beobachtete, wie kleine und größere Wehrmachtseinheiten versuchten, südlich von Kulm die zugefrorene Weichsel in Richtung Gruczno zu überqueren. Die sowjetische Artillerie beschoß stundenlang die deutschen Soldaten vom hoch über dem Weichseltal gelegenen Kasernengelände in Kulm aus und zwang diese zu einer verzweifelten Flucht. Auch in den nächsten Tagen wurden noch Gruppen deutscher Soldaten aufgegriffen, die aus dem belagerten Graudenz entkommen waren.
Weiter (Thorwald):
Am 7. Februar erreichten etwa 19.000 von den 32.000 Soldaten und Zivilisten, die aus Thorn ausgebrochen waren, die nur noch mit Mühe gehaltene Front der 2. Armee bei Schwetz.

Viele deutsche Soldaten gerieten also in Gefangenschaft. Frau Mollzahn aus Unislaw war nach dem Ende der Kämpfe wieder in ihre Wohnung dicht neben der Zuckerfabrik zurückgekehrt. Sie berichtet davon, daß in dieser Zuckerfabrik hunderte von deutschen Kriegsgefangenen gesammelt und von dort weiter transportiert wurden.

Februar 1945 - Aufräumarbeiten in Unislaw

Bei der Schilderung der weiteren Ereignisse über das Schicksal der deutschen Bewohner von Unislaw decken sich der Bericht von Elisabeth Henatsch und Annemarie Mollzahn, das heißt, alle verbliebenen deutschen Einwohner des Ortes - 150 bis 200 Frauen, alte Männer und Kinder - haben im Frühjahr 1945 ähnliches erlebt, nämlich Mitte März ihre gemeinsame Verschleppung nach Thorn und dann einen Leidensmarsch von dort zurück nach Unislaw. Mitte März wurden die Deutschen des Ortes, in der Fabrik zusammen getrieben. Elisabeth Henatsch berichtet, daß sie zunächst in den Baracken der Zuckerfabrik lebten (3),

wo sie im April alle in polnische Gefangenschaft überführt wurden, das heißt, ab Ostern 1945 kamen alle Deutschen ausnahmslos in ein Lager, das der polnischen Miliz unterstellt war. Sie mußten vom Lager aus Zwangsarbeit verrichten, die zunächst in Aufräumungsarbeiten bestand. Das Dorf und die Weichselniederung besonders waren durch Russeneinbruch und Krieg verwüstet. Es mußten Tote geborgen, Pferdeleichen begraben, Munition und Kriegsgerät aller Art fortgeschafft, Straßen und Wege freigelegt und die Häuser gesäubert werden. Das geschah anfangs unter Aufsicht der Russen, später unter polnischer Miliz. (...) Das Barackenleben wurde dadurch besonders unerträglich, ja gefährlich, da allnächtlich russische Soldaten zum Plündern und Vergewaltigen der Frauen und Mädchen einbrachen. Wir erlebten Szenen der Hölle. Die polnische Miliz konnte oder wollte uns nicht schützen. (...) Mitte April kam ein Befehl zur Sammlung aller Gefangenen ringsum zum Zwecke des Abtransportes. Wohin? Keiner wollte es uns sagen.

Die Internierten wurden mit dem Zug nach Thorn transportiert, wobei schon auf dem Transport alte Menschen und Kranke starben. 

Mitte April - Wegführung der Deutschen aus Unislaw nach Thorn und Rückmarsch

In Thorn wurden sie in der Ruine eines Krankenhauses eingepfercht. Auch dort kam es wieder zu Vergewaltigungen wie Frau Mollzahn berichtet (3):

So hausten wir drei Tage und Nächte, es war ein Geschrei Tag und Nacht. Frauen und Mädchen wurden von den Russen rausgeholt und vergewaltigt. Da lernte ich die Hunde erst kennen, da ich selbst die Tage viel durchgemacht habe.
Sie mußten dann wieder zu Fuß die 30 Kilometer von Thorn nach Unislaw zurückkehren. Frau Mollzahn (3):
Der Marsch dauerte drei Tage, weil wir schon alle müde und heruntergekommen waren.
Frau Henatsch (3):
Also setzte sich unser trauriger Zug in Bewegung: er bestand vor allem aus Müttern mit Kindern, eine Reihe Säuglinge waren dabei. (...) Es regnete, schneite und stürmte - Aprilwetter -, Menschen und Gepäck waren gänzlich durchnäßt, doch waren das Glück und die Dankbarkeit, der Verschleppung nach Rußland entkommen zu sein, so groß, daß einer dem anderne durch die langen Reihen des Zuges zuflüsterte: "Der Herr hat's nicht gewollt."
Fast alle Kinder wurden durch die Kälte und Feuchtigkeit während dieses Marsches krank, viele von ihnen sollten in den nächsten Wochen daran sterben. Frau Mollzahn konnte auf diesem Weg noch einmal ihren väterlichen Hof in Luben besuchen, wo sie durchkamen. Dort lebten aber schon Polen. Frau Mollzahn weiter (3):
Am nächsten Tag in Unislaw wieder angelangt wurden wir in den Kindergarten getrieben. Dann gingen wir erstmal was zu essen betteln. Wer aus Unislaw war, bekam auch was. 
Frau Henatsch (3):
In unser Dorf zurückgekehrt, wurden wir alles andere als willkommen aufgenommen. (...) Man übergab uns einem Durchgangslager in Kulm.

Schließlich wurden die Deutschen aus Unislaw nach Kulm verfrachtet, wo im Gefängnishof hunderte von Deutschen gesammelt wurden.

April 1945 - Die Deutschen aus Unislaw im Gefängnishof in Kulm

Schon hier wurden die Kinder von ihren Müttern und Familien kurzzeitig getrennt, auch die Säuglinge. Die Menschen wurden von der polnischen Geheimpolizei verhört wie Frau Henatsch berichtet (3):

Diese Zeit in Kulm gehört zu meinen schrecklichsten Erinnerungen. (...) Im "Ressort" (der Geheimpolizei) saßen junge Menschen im Alter von 20 bis 25 Jahren etwa. (...) Als ich dort das Zimmer betrat, noch bevor ich nach meinen Personalien gefragt wurde, versetzte mir ein junger Mann ein paar Schläge ins Gesicht, ein anderer traf mich von hinten, der Gummiknüppel flog an meinen Kopf, ich wurde am Hals gepackt, über einen Stuhl gebeugt zum Durchprügeln. (...) Ich betone, es handelte sich um Frauen, von denen man nicht wußte, wer sie waren, wie sie hießen. (...) Wer diese furchtbare Untersuchung hinter sich hatte, kam zur Zwangsarbeit. Draußen auf dem Gefängnishof warteten schon polnische Bauern und polnische landwirtschaftliche Beamte, die uns zur Landarbeit haben wollten. Es war wie auf einem Sklavenmarkt.

Frauen wie Frau Mollzahn, die drei Kinder hatten, wollte auf dem "Sklavenmarkt" niemand haben. 

Verteilung der Deutschen auf die umliegenden Güter zur Zwangsarbeit

Sie gelangte dann auf das Gut Napolle bei Baiersee (Wiki), sieben Kilometer nordöstlich von Unislaw (3):

Der Gutsverwalter, ein eingedeutschter Pole, früher Stellvertreter des Amtskommissars in Unislaw, nahm uns am anderen Morgen in Empfang. Da er uns ja bekannt war, zwangen wir ihn gleich, für Essen zu sorgen. (...) Das Land war zum größten Teil parzelliert, das Vieh hatte der Russe alles auf das Gut Schönborn bei Unislaw getrieben.
Frau Henatsch berichtet (3):
Ich kam mit sechs Frauen und einem Mann auf das Gut Wichorze von Freunden - von Loga, die der Krieg verschlungen hatte - zur Arbeit. Da von Loga seiner Zeit die Polen gut behandelt hatte, hatten wir es auch nicht schlecht.

Aus den Berichten beider Frauen schimmert durch, daß das Verhältnis der Deutschen und Polen vor Ort viele Jahrzehnte lang ein gutes war, sprich, daß erst die Verhetzung in die Volksteile eher von außen hinein getragen werden mußte, damit so schlimme Ereignisse statthaben konnten wie zsichen 1939 und 1949.

Anfang Juni 1945 wurde Frau Mollzahn dann mit ihren drei Kindern über Kulm nach dem Gut Wrotzlawken (Wroclawki, 1942-1945 Atzmannsdorf) (Wiki) getrieben. Dort arbeitete sie bis zu ihrer Ausweisung im Mai 1949. Rittergutsbesitzer war im 19. Jahrhundert eine Familie Petersen. Das Gutsdorf liegt 18 Kilometer nordöstlich von Unislaw. - Frau Henatsch kam ebenfalls nach wenigen Wochen nach Kulm zurück, mußte aber daselbst im Konzentrationslager verbleiben, das in Baracken des vormaligen Reichsarbeitsdienstes eingerichtet worden war (3):

Im Lager wurden wir schrecklich angebrüllt. Die Bezeichnung für Frauen und Mädchen war "Hitlerhure".
Dort starben die alten Menschen zurerst an Hunger. Frau Henatsch kam dann doch wieder zu einem polnischen Bauern, der aber sehr deutschfeindlich war, und bei dem sie, obwohl ihr die Landarbeit ganz ungewohnt war, sehr schwer arbeiten mußte. Im November kam sie nach Kulm und sollte von dort nach Potulice, in das Konzentrationslager für Deutsche in Westpreußen verbracht werden, von dem man nur das Schlimmste gehört hatte (3):
Unser alter polnischer Dorfpfarrer, den mein Mann 1939 aus dem Gefängnis befreut und vor dem Selbstschutz bewahrt hatte, hatte einen Antrag für mich eingereicht auf Ausreise ins Reich zu meinen Kindern. Seine Verwandten nahmen mich gütevoll auf. Ich wurde vier Wochen im polnischen Pfarrhaus versteckt gehalten bei bester Behandlung mit großer Noblesse, bis dieser Antrag genehmigt undich offizeill aus polnischer Gefangenschaft entlassen wurde: das war am 23. Dezember 1945.
In Küstrin wurden alle ausreisenden Deutschen schlimm zugerichtet und ausgeplündert (3):
Von Berlin bin ich mit einem Flüchtlingstransport im Januar 1946 nach Bayern gekommen, wo ich meine drei jüngsten Kindern nach einem Jahr der Ungewißheit und des Vermissens fand. Meine drei ältesten Kinder befinden sich noch in russischer Gefangenschaft,
so schrieb Elisabeth Henatsch 1946. Ihr deportierter Sohn J. H. berichtet von vielen schlimmen Erlebnissen während seiner Zwangsarbeit in Rußland (3, S. 3ff):
Fast zwei Drittel von 53 aus unserer Gemeinde Verschleppten sind gestorben. Sehr hoch war die Sterblichkeit der Verschleppten aus Kulmsee. Von 80 Personen blieben weniger als 10 am Leben.
Es mußte gefälltes Holz transportiert werden:
Ich war oft krank und elend, magerter sehr ab, litt an geschwollenen Beinen und war zuletzt so wenig arbeitsfähig, daß ich (...) am 26. August entlassen wurde, weil ich über drei Monate im Lazarett hatte zubringen müssen. Nach 18tägiger Bahnfahrt wurden wir in Frankfurt/Oder endgültig entlassen. Meine Schwester A. mußte ich im Lager zurücklassen. Sie hatte dort eine Stelle als Waschfrau inne. (...) Ich war im Lager fast täglich mit ihr zusammen. Sie überstand die Arbeit besser als ich. Da sie nicht erkrankte, kam eine Entlassung für sie nicht in Frage. Ich warte jetzt auf sie und hoffe, daß ich auch recht bald einmal wiederkommen wird.

In der Anmerkung dazu wird aber festgehalten, daß sie noch im selben Sommer in Rußland gestorben ist.

1946 bis 1949 - Die Kinder der Deutschen kamen ins Kinderheim

Frau Mollzahn mußte noch drei weitere Jahre auf Gut Wrotzlawken arbeiten. Dort wurden ihr  1946 sogar zwangsweise ihre drei - bei der Arbeit auf dem Gut störenden - Kinder weggenommen und in ein polnisches Kinderheim gegeben. Die Kinder waren zwischen vier und zehn Jahre alt. Erst anläßlich ihrer schließlich erfolgten Ausweisung im Jahr 1949 kam sie wieder mit ihren Kindern zusammen. Diese hatten sich bis dahin ganz von ihr entfremdet, da sie nur polnisch reden und schreiben durften.

Nicht wahr? Von solchen Schicksalen wie sie Millionen Deutsche erlebt haben, wird in öffentlichen Erörterungen wenig Aufhebens gemacht, oft sogar wenig Aufhebens in familiären Gesprächen. Dies wird von Seiten der Psychologen als einer der Hauptgründe dafür genannt, das Kriegstraumatisierungen von Kriegskindern an Kriegsenkel und Kriegsurenkel weiter gegeben werden, ohne daß sie jemals gründlicher aufgearbeitet worden wären.

_______________________________________________
  1. Bernhart Jähnig, Peter Letkemann (Hrsg.): 750 Jahre Kulm und Marienwerder. In: Beiträge zur Geschichte Westpreußens, Ausgabe 8, hrsg. v. Copernicus-Vereinigung zur Pflege der Heimatkunde und Geschichte Westpreußens. Verlag Nicolaus-Copernicus-Verl., 1983, https://books.google.de/books?id=eDlpAAAAMAAJ (Suchwort Unislav) 
  2. Rasmus, Hugo: Pommerellen-Westpreußen 1919-1939. Herbig München 1989
  3. Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ostmitteleuropa I. Die Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus den Gebieten östlich der Oder-Neiße. Band 2. Deutscher Taschenbuchverlag, München 1984
  4. Lachauer, Ulla: Westpreußen - Als der Osten noch Heimat war, WDR-Dokumentation 2009,  https://youtu.be/z2bckDEkrow, oder https://youtu.be/9ShdpRrKUcY.
  5. Włodzimierz Borodziej: Als der Osten noch Heimat war. Was vor der Vertreibung geschah: Pommern, Schlesien, Westpreussen : das Buch zur WDR-Fernsehserie. Rowohlt, 2009 (316 S.) (GB) 
  6. Jürgen W. Schmidt: Als die Heimat zur Fremde wurde ... - Flucht und Vertreibung der Deutschen aus Westpreußen. Aufsätze und Augenzeugenberichte. Verlag Dr. Köster, 2011 (466 S.) (GB)
  7. Höllenmarsch der Volksdeutschen in Polen. Nach ärztlichen Dokumenten zusammengestellt  von Dr. Hans Hartmann.    Verlag Neues Volk, Berlin, Wien  1940; The Scriptorium, digitalisierter Nachdruck 2014; Druckversion gesetzt 2016, https://archive.org/stream/SC079 HoellenmarschDerVolksdeutschenInPolen/SC%20079%20 Hoellenmarsch%20der%20Volksdeu tschen%20in%20Polen_djvu.txt
  8. Christian Jansen, Arno Weckbecker: Der "Volksdeutsche Selbstschutz" in Polen 1939/1940. https://books.google.de/books?id=rdTnBQAAQBAJ&pg=PT162 (Suchwort: Unislaw)
  9. Amtsbezirk Kulmisch Wenzlau. In: Rolf Jehke (Herdecke): Territoriale Veränderungen in Deutschland und deutsch verwalteten Gebieten 1874-1945. Zuletzt geändert am 19.5.2005, http://www.territorial.de/dawp/kulm/klmwenzl.htm
  10. Kulm. In: Deutsches Weichselland. Ein Farbfilm von Curt A. Engel, 1943/1960, https://youtu.be/37EFyx0DyEE, ab Minute 4
  11. Kronberg, Werner: Studenten in Westpreußen bei Schanzarbeiten und Stadtbesichtigungen im August 1944, private Filmaufnahmen, https://youtu.be/RGX4-kWyzqg
  12. Generalleutnant a. D. Otto Lüdecke: Die Belagerung und der Ausbruch aus der Festung Thorn Bundesarchiv, Ost-Dok 2, Paganierung 50-56, http://www.thorn-wpr.de/fqODLOAT.htm
  13. Thorwald, Jürgen (d.i. Heinz Bongartz): Es begann an der Weichsel. Flucht und Vertreibung der Deutschen aus dem Osten. Steingrüben, Stuttgart 1949
  14. David Oels: Schicksal, Schuld und Gräueltaten - Jürgen Thorwalds ewiger Bestseller "Die große Flucht". In: DIE ZEIT, 22.07.2010 Nr. 30, https://www.zeit.de/2010/30/Geschichte-Thorwalds-Flucht/komplettansicht
  15. Schäufler, Hans: 1945 - Panzer an der Weichsel. Soldaten der letzten Stunde. Motorbuch Verlag, Stuttgart 1979
  16. Andreas Prause (Chełmno): Internetseite über die Stadt Culm, http://www.chelmno.info/ 
  17. Andreas Prause: NS-Zeit in Chełmno - Kindheitserinnerungen von Eugeniusz Stefaniak Veröffentlicht am 19. Juni 2012 [Erstveröffentlichung 10.11.2008], http://www.chelmno.info/ns-zeit-kindheitserinnerungen-stefaniak/
  18. Unislaw heute, Fotos: https://www.inst4gram.com/tag/unis%C5%82aw
  19. Zuckerfabrik Onislaw.- Kulmischwenzlau, Reg. Bez. Danzig (Kreis Kulm), https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/item/YZMLNZ6QM7IO7OTMOSWDI27H52KSONE2
  20. Bading, Ingo: Das Verdrängen des Leids - Unserer Großeltern-Generation, 2.7.2019, https://studgenpol.blogspot.com/2019/07/das-verdrangen-des-leids-unserer.html