Samstag, 17. Oktober 2020

Das Rosenköpfchen

Der entflogene Zierpapagei ...

Du hast doch einen Vogel, dachte er (der Autor dieser Zeilen). Er war von der Arbeit nach Hause gekommen. Und er schmierte noch die Kette seines Fahrrades. Da flatterte ihm plötzlich ein Vogel auf den Fahrradhelm. Er konnte auf diesem aber nicht sitzen bleiben, da das Plastik des Helmes sehr glatt ist. Schreck laß nach.

Was ist denn das für ein Vogel? Er flatterte orientierungslos im Innenhof herum, setzt sich immer wieder auf's Balkongeländer. Ein strahlend heller, gelber Vogel, offensichtlich ein Exot.

Abb. 1: Rosenköpfchen 
(Charles J Sharp, CC BY-SA 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0>, via Wikimedia Commons)

In seiner Wohnung im ersten Stock angekommen, öffnete er Autor das Küchenfenster. er streute neugierig Vogelfutter auf die Fensterbank. Der kleine Vogel stürzte sich mit Heißhunger darauf. Leichter als gedacht war er so in die Wohnung zu locken. Fenster zu. 

Bald scheint sich der Vogel in der Küche zu Hause zu fühlen. Er flatterte nicht mehr weiter, er wollte auch gar nicht mehr weg. Er bekam Futter und Wasser. Recht schnell freundet er sich mit der Hausfrau an. Er saß auf ihrer Schulter. Einen Tag später hatte er sich auch an den Autor dieser Zeilen gewöhnt, saß ihm alle Stunden, die er zu Hause verbrachte, auf der Schulter. Ein lieber kleiner Kerl.

Natürlich wird bald Bilder-Suche auf Google unternommen, um herauszukriegen, was für einen Vogel man da hat.

Es handelte sich um ein Rosenköpfchen (Agapornis roseicollis) (Wiki). Es sind das Zierpapageien, Kleinpapageien. Ursprünglich stammen sie aus Namibia, der früheren Kolonie Deutsch-Südwest-Afrika. Sie sind kleiner als die weitaus bekannteren (Ara-)Papageien. Vor allem aber sie sind auffallend verträgliche, umgängliche, kleine Vögel, überraschend anrührend, wenn sie mit einem im Haushalt leben. Es geht eine wohltuende Zuneigung von den kleinen Gesellen aus.

Sie brauchen viel Gesellschaft. So ist überall zu lesen. Sie sitzen gern den ganzen Tag über auf der Schulter ihrer Mitbewohner, stören sie dabei aber - bis auf die eine oder andere kleine Ausscheidung - gar nicht. Sie leben paarweise und bleiben einander treu - ein Leben lang. Die Gattung heißt deshalb auch "Die Unzertrennlichen". Um dieser ihrer Eigenschaft willen sollen sie auch als Paar gehalten werden, es sei denn, man verbringt als Besitzer mit seinem Rosenköpfchen täglich selbst viel Zeit.

Wer wohl der frühere Besitzer sein mochte? Suchanzeigen wurden im Internet eingestellt, auf Facebook: Ob wohl jemand im Ort ein entflogenes Rosenköpfchen sucht? Zwei Tage später kam in Facebook-Gruppen und anderwärts schon Rückmeldungen in Form von Hinweisen auf eine Suchanzeige in der Tageszeitung. Sie paßte nahtlos auf den kleinen Vogel.

Wer aber nun stellt sich als seine Besitzerin heraus? Am Telefon meldet sich eine alte Dame. Sie spricht unverkennbar ostpreußischen Dialekt. Schon eine Viertelstunde später ist der Autor dieser Zeilen mit dem kleinen Vogel im Schuhkarton in ihrer Wohnung. Der Vogel begrüßt seine Besitzerin stürmisch. Und da die alte Frau so selten Besuch erhält, erzählt sie schon auf nur wenige Fragen hin. Denn ein Wappen von Zinten an der Wand, ein Bierkrug mit einem Ostpreußen-Emblem mit Elchschaufel lassen solche Fragen schnell aufkommen. Sie erzählt sehr gern und fast ohne Umschweife von ihrem Leben. Es war kein wirklich glückliches, wie sie sagt.

Zinten, ein Städtchen in Ostpreußen - 1945 

Sie ist 89 Jahre alt, also 1929 geboren. Sie war 16, als der Krieg zu Ende ging. Sie lebte in Zinten (Wiki). Das ist ein kleines Städtchen 30 Kilometer südlich von Königsberg im Ermland. Sie hatte noch einen jüngeren Bruder. Der Vater war im Kriegseinsatz auf der Halbinsel Hela. Sie wollten nicht fliehen wie die anderen, da der Großvater schon den Russen-Einmarsch von 1914 miterlebt hatte. Der Großvater sagte: die Russen tun nichts. Sie wurden aber dennoch von den Wehrmacht-Feldjägern von Ort zu Ort weiter nach Westen getrieben. So landeten sie schließlich mit Handwagen in Danzig. Dort kamen sie nicht mehr weiter, die Russen besetzten die Stadt und dort lebten sie noch länger. Bald wurde die Mutter von den Russen nach Sibirien verschleppt. Der Großvater sagte den beiden Kindern: Wir gehen jetzt wieder nach Hause nach Zinten. Auf der leeren Autobahn und durch viele verlassene Dörfer wanderten sie von Danzig nach Zinten. 

Ganz Zinten war dem Erdboden gleich gemacht, nur noch die Siedlungshäuser standen. Dort sammelten sich nach und nach die vor Ort verbliebenen Deutschen aus der ganzen Gegend. Von ihnen gab es noch viele. Sie wurden von den Russen eingesetzt beim Einbringen der noch von den Deutschen ausgesäten Ernte, zum Kartoffel-Setzen, zum Helfen beim Abtransport von Möbeln nach Rußland. 

Sie haben dort sehr gehungert. Ihr jüngerer Bruder verhungerte. Jeden Tag wurden mit dem Handwagen die Verhungerten aus der Siedlung gefahren. Nur wer arbeitete, bekam zu essen. Das erste Jahr war das Schlimmste. Sie lebte dort drei Jahre. 

Irgendwann wurden sie alle - in Preußisch-Eylau - in einen langen Zug mit vielen Waggons gesetzt. Niemand wußte, wohin es ginge. Ein Mann sagte: Wenn der Zug nach links fährt, fahren wir nach Sibirien. Wenn der Zug nach rechts fährt, fahren wir nach Deutschland. Der Zug fuhr nach Deutschland. Sie landete in Sachsen-Anhalt. Sie fand Arbeit auf Bauernhöfen, wo die vormaligen "Polen-Mädchen" fehlten. Die Mutter kam aus Sibirien zurück. Sie war so aufgeschwemmt gewesen, daß man dachte, sie wäre schwanger. Als Krankenschwester sollte sie einen Rücktransport begleiten. So kam sie nach Hause. Auch der Vater kam nach Hause. 

Aber die Eltern hatten sich entfremdet. Es gelang ihnen auch nicht, eine gemeinsame Wohnung zu finden. Sie arbeiteten verarmt auf verschiedenen Höfen, freundeten sich jeweils mit anderen Partnern an. Für die Tochter war bei ihren Eltern kein Platz mehr. Sie konnte nicht mehr zu ihren Eltern ziehen. 

An der Grenze in Berlin lernte sie ihren späteren Mann kennen. Erst nach 1989 erfuhr sie, daß dieser all die Jahre über bei der Stasi gearbeitet hat. Sie hat davon nie etwas erfahren. Er war SED-Funktionär. Auch wußte sie nicht, daß er schon für zwei Kinder Unterhalt bezahlen mußte. Sie selbst wurde schnell schwanger. Und in der Folge hatte sie dann acht Kinder. Damit sie keine weiteren bekäme, fuhr sie nach Berlin, um sich dort Chinin zu kaufen.

Nach 1989 traf sie sich regelmäßig mit ihren Schulfreundinnen auf Vertriebenen-Treffen. Sie besuchten sich auch untereinander und unternahmen gemeinsame Reisen, etwa nach Österreich. Die meisten von ihnen sind schon gestorben. Nur in Lothringen wohnt noch eine Freundin.

So erfuhr ich von Zinten, einer Kleinstadt in Ostpreußen und von dem Schicksal seiner Bewohner.*)

Das Rosenköpfchen hatte einen unaufmerksamen Moment genutzt, um einmal ein wenig "auf Reisen" zu gehen. Zwei Kilometer war er durch die Stadt geflogen. Nun war er wieder zu Hause.

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*) Über Zinten ist zu lesen (Wiki):

Während der Kesselschlacht von Heiligenbeil im Februar 1945 (...), bei der die 4. Armee der deutschen Wehrmacht zerschlagen wurde, wechselte Zinten mehrmals die militärische Besatzung und wurde ebenso wie die benachbarte Kreisstadt im stärksten Ausmaß zerstört. (...) Die Altstadt wurde nicht wieder aufgebaut, von der Kirche steht nur noch ein Turmfragment.

/ Erste Fassung erstellt:
14.9.2018 / 
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  1. Schmeelke, Karl-Heinz: Von Gumbinnen bis Balga. Der Kampf um Ostpreußen. Kriegstagebuch 1944/45. 2. FschPzGrDiv. HG. Zur Verfügung gestellt von der Internetzeitung "Das Kleeblatt" aus Maintal im Jahr 2010, http://www.klee-klaus.de/gumbinnen_bis_balga.htm

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