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Samstag, 17. Oktober 2020

Das Rosenköpfchen

Der entflogene Zierpapagei ...
- Oder: Aus dem Leben einer Ostpreußin

Du hast doch einen Vogel, dachte er (der Autor dieser Zeilen). Er war von der Arbeit nach Hause gekommen und schmierte noch die Kette seines Fahrrads. Flattert ihm da plötzlich ein Vogel auf den Fahrradhelm. Dort konnte dieser Vogel aber nicht sitzen bleiben, da das Plastik des Helmes zu glatt ist. Schreck laß nach.

Was für ein Vogel ist das denn? Der Vogel flatterte orientierungslos im Innenhof herum, setzte sich immer wieder auf's Balkongeländer. Ein strahlend heller, gelber Vogel - offensichtlich ein Exot.

Abb. 1: Rosenköpfchen 
(Charles J Sharp, CC BY-SA 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0>, via Wikimedia Commons)

In seiner Wohnung im ersten Stock angekommen, öffnete er Autor das Küchenfenster. Er streute neugierig Vogelfutter auf die Fensterbank. Und der kleine Vogel stürzte sich mit Heißhunger darauf. Leichter als gedacht, war der Vogel so in die Wohnung zu locken. Fenster zu. 

Bald schien der Vogel sich in der Küche zu Hause zu fühlen. Er flatterte nicht mehr weiter, er wollte auch gar nicht mehr weg. Er bekam Futter und Wasser. Recht bald freundet er sich mit der Hausfrau an. Er saß ihr auf der Schulter. Einen Tag später hatte er sich auch an den Autor dieser Zeilen gewöhnt. Er saß ihm alle Stunden, die er zu Hause verbrachte, auf der Schulter. Ein lieber kleiner Kerl.

Natürlich wird bald Bilder-Suche auf Google unternommen, um herauszukriegen, was das für ein Vogel ist.

Es handelte sich um ein Rosenköpfchen (Agapornis roseicollis) (Wiki). Das sind Zierpapageien, Kleinpapageien, die ursprünglich aus Namibia stammen, der früheren Kolonie Deutsch-Südwest-Afrika. Sie sind kleiner als die weitaus bekannteren (Ara-)Papageien. Vor allem aber sie sind auffallend verträgliche, umgängliche, kleine Vögel, überraschend anrührend, wenn sie mit einem den Haushalt teilen. Es geht eine wohltuende Zuneigung von den kleinen Gesellen aus.

Sie brauchen viel Gesellschaft. So ist überall zu lesen. Sie sitzen gern den ganzen Tag über auf der Schulter ihrer Mitbewohner, stören sie dabei aber - bis auf die eine oder andere kleine Ausscheidung - gar nicht. Sie leben paarweise und bleiben einander treu - ein Leben lang. Die Gattung heißt deshalb auch "Die Unzertrennlichen". Um dieser ihrer Eigenschaft willen sollen sie auch als Paar gehalten werden, es sei denn, man verbringt als Besitzer mit seinem Rosenköpfchen täglich selbst viel Zeit.

Wer wohl der frühere Besitzer sein mochte? Suchanzeigen wurden im Internet eingestellt, auf Facebook: Ob wohl jemand im Ort ein entflogenes Rosenköpfchen sucht? Zwei Tage später kamen in Facebook-Gruppen und anderwärts schon Rückmeldungen in Form von Hinweisen auf eine Suchanzeige in der Tageszeitung. Sie paßte nahtlos auf den kleinen Vogel.

Wer aber nun stellte sich als seine Besitzerin heraus? Am Telefon meldete sich eine alte Dame. Sie sprach unverkennbar ostpreußischen Dialekt. Schon eine Viertelstunde später war der Autor dieser Zeilen mit dem kleinen Vogel im Schuhkarton in ihrer Wohnung. Der Vogel begrüßte seine Besitzerin stürmisch. Und da die alte Frau so selten Besuch erhielt, erzählte sie schon auf nur wenige Fragen hin. Denn ein Wappen von Zinten an der Wand, ein Bierkrug mit einem Ostpreußen-Emblem mit Elchschaufel ließen solche Fragen schnell aufkommen. Sie erzählt sehr gern und fast ohne Umschweife von ihrem Leben. Es war kein wirklich glückliches, wie sie sagt.

Zinten, ein Städtchen in Ostpreußen - 1945 

Sie ist 89 Jahre alt, also 1929 geboren. Sie war 16, als der Krieg zu Ende ging. Sie lebte in Zinten (Wiki). Das ist ein kleines Städtchen 30 Kilometer südlich von Königsberg im Ermland. Sie hatte noch einen jüngeren Bruder. Der Vater war im Kriegseinsatz auf der Halbinsel Hela. Sie wollten nicht fliehen wie die anderen, da der Großvater schon den Russen-Einmarsch von 1914 miterlebt hatte. Der Großvater sagte: die Russen tun nichts. Sie wurden aber dennoch von den Wehrmacht-Feldjägern von Ort zu Ort weiter nach Westen getrieben. So landeten sie schließlich mit Handwagen in Danzig. Dort kamen sie nicht mehr weiter, die Russen besetzten die Stadt und dort lebten sie noch länger. Bald wurde die Mutter von den Russen nach Sibirien verschleppt. Der Großvater sagte den beiden Kindern: Wir gehen jetzt wieder nach Hause nach Zinten. Auf der leeren Autobahn und durch viele verlassene Dörfer wanderten sie von Danzig nach Zinten. 

Ganz Zinten war dem Erdboden gleich gemacht, nur noch die Siedlungshäuser standen. Dort sammelten sich nach und nach die vor Ort verbliebenen Deutschen aus der ganzen Gegend. Von ihnen gab es noch viele. Sie wurden von den Russen eingesetzt beim Einbringen der noch von den Deutschen ausgesäten Ernte, zum Kartoffel-Setzen, zum Helfen beim Abtransport von Möbeln nach Rußland. 

Sie haben dort sehr gehungert. Ihr jüngerer Bruder verhungerte. Jeden Tag wurden mit dem Handwagen die Verhungerten aus der Siedlung gefahren. Nur wer arbeitete, bekam zu essen. Das erste Jahr war das Schlimmste. Sie lebte dort drei Jahre. 

Irgendwann wurden sie alle - in Preußisch-Eylau - in einen langen Zug mit vielen Waggons gesetzt. Niemand wußte, wohin es ginge. Ein Mann sagte: Wenn der Zug nach links fährt, fahren wir nach Sibirien. Wenn der Zug nach rechts fährt, fahren wir nach Deutschland. Der Zug fuhr nach Deutschland. Sie landete in Sachsen-Anhalt. Sie fand Arbeit auf Bauernhöfen, wo die vormaligen "Polen-Mädchen" fehlten. Die Mutter kam aus Sibirien zurück. Sie war so aufgeschwemmt gewesen, daß man dachte, sie wäre schwanger. Als Krankenschwester sollte sie einen Rücktransport begleiten. So kam sie nach Hause. Auch der Vater kam nach Hause. 

Aber die Eltern hatten sich entfremdet. Es gelang ihnen auch nicht, eine gemeinsame Wohnung zu finden. Sie arbeiteten verarmt auf verschiedenen Höfen, freundeten sich jeweils mit anderen Partnern an. Für die Tochter war bei ihren Eltern kein Platz mehr. Sie konnte nicht mehr zu ihren Eltern ziehen. 

An der Grenze in Berlin lernte sie ihren späteren Mann kennen. Erst nach 1989 erfuhr sie, daß dieser all die Jahre über bei der Stasi gearbeitet hat. Sie hat davon nie etwas erfahren. Er war SED-Funktionär. Auch wußte sie nicht, daß er schon für zwei Kinder Unterhalt bezahlen mußte. Sie selbst wurde schnell schwanger. Und in der Folge hatte sie dann acht Kinder. Damit sie keine weiteren bekäme, fuhr sie nach Berlin, um sich dort Chinin zu kaufen.

Nach 1989 traf sie sich regelmäßig mit ihren Schulfreundinnen auf Vertriebenen-Treffen. Sie besuchten sich auch untereinander und unternahmen gemeinsame Reisen, etwa nach Österreich. Die meisten von ihnen sind schon gestorben. Nur in Lothringen wohnt noch eine Freundin.

So erfuhr ich von Zinten, einer Kleinstadt in Ostpreußen und von dem Schicksal seiner Bewohner.*)

Das Rosenköpfchen hatte einen unaufmerksamen Moment genutzt, um einmal ein wenig "auf Reisen" zu gehen. Zwei Kilometer war er durch die Stadt geflogen. Nun war er wieder zu Hause.

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*) Über Zinten ist zu lesen (Wiki):

Während der Kesselschlacht von Heiligenbeil im Februar 1945 (...), bei der die 4. Armee der deutschen Wehrmacht zerschlagen wurde, wechselte Zinten mehrmals die militärische Besatzung und wurde ebenso wie die benachbarte Kreisstadt im stärksten Ausmaß zerstört. (...) Die Altstadt wurde nicht wieder aufgebaut, von der Kirche steht nur noch ein Turmfragment.

/ Erste Fassung erstellt:
14.9.2018 / 
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  1. Schmeelke, Karl-Heinz: Von Gumbinnen bis Balga. Der Kampf um Ostpreußen. Kriegstagebuch 1944/45. 2. FschPzGrDiv. HG. Zur Verfügung gestellt von der Internetzeitung "Das Kleeblatt" aus Maintal im Jahr 2010, http://www.klee-klaus.de/gumbinnen_bis_balga.htm

Freitag, 28. Juni 2019

Unislaw - Eine deutsche Ordensburg an der Weichsel - Neue Ausgrabungen

Erinnerungen an die Provinz Westpreußen, bzw. an das Kulmerland

Vorbemerkung: Der folgende Aufsatz 
bildete die Grundlage 
für einen Vortrag, der zu gleicher Zeit in 
Videoform veröffentlicht wird (12).

Die stolze Marienburg an der Nogat in Westpreußen (Wiki) in der Nähe von Danzig ist - ob ihrer Schönheit, ob des Eindrucksvollen ihrer Architektur, ob ihrer Lage in der Landschaft - ein beliebtes Reiseziel und UNESCO-Weltkulturerbe. So mancher Mitteleuropäer weiß noch heute von ihrer Schönheit. Diese Burganlage war einst der Hauptsitz des Deutschen Ritterordens. Der Deutsche Ritterorden regierte von hier aus seinen Ordensstaat (Wiki). Dieser erstreckte sich im Hoch- und Spätmittelalter von West- und Ostpreußen über die heutigen Staaten Litauen und Lettland bis hinauf nach Estland. Er stellte ein mächtiges, blühendes, für seine Zeit sehr fortschrittliches Gemeinwesen dar. Im Spätmittelalter allerdings wurde er von den wirtschaftlich stark aufblühenden deutschen Handelsstädten an der Weichsel zunehmend als Belastung und Einschränkung empfunden. Die offiziell ehelos lebenden Ritter des Ordens erregten durch ihren hochfahrenden Sinn immer wieder Anstoß, auch deshalb, weil sie zumeist dann doch nicht gar so ehelos lebten. Aber auch sonst wurde dem Ordensstaat viel Korruption vorgeworfen.

Abb. 1: Sonnenuntergang in Kulmisch Wenzlau (Unislaw) an der Weichsel

So verbündeten sich denn die deutschen Handelsstädte und auch der deutsche Adel Westpreußens und des zugehörigen Kulmerlandes zur Abwerfung der bedrückenden Vorherrschaft des Deutschen Ritterordens mit dem polnischen König. Von diesem erwarteten die Deutschen, daß sie unter seiner Oberherrschaft größere städtische und adlige Selbständigkeit und Eigenständigkeit würden aufrecht erhalten können. Dies ließen sie sich auch schriftlich vom polnischen König garantieren. 1466, nach der Schlacht von Tannenberg, konnte die Herrschaft des Ordens im Zweiten Thorner Frieden abgeworfen werden. Damit war die Macht des Deutschen Ritterordens in den Ländern an der Ostsee insgesamt gebrochen. Nun versuchten jedoch die polnischen Könige - im Verlauf der Gegenreformation stark unterstützt durch die polnische, katholische Kirche - nach und nach das in Westpreußen entstandene Machtvakuum zur Polonisierung zu nutzen.

Welche leidvolle, wechselvolle Geschichte ergab sich dadurch für die Provinz Westpreußen. Abgesehen von den reichen Weichselstädten ist die Provinz Westpreußen in polnischer Zeit und durch die damit einhergehende Gegenreformation wirtschaftlich und zivilsatorisch ganz herunter gekommen wie viele Berichte der Zeitgenossen bestätigen und wie auch die Bestandsaufnahme ausweist, die Friedrich der Große nach Wiedereinfügung Westpreußens in den preußischen Staat erstellen ließ. Der König ließ über tausend schwäbische Bauernfamilien im Kulmerland ansiedeln, um es wieder in die Höhe zu bringen (13).

Abb. 2: Kulm, Dominikanerkirche (Wiki)

Über das im folgenden besonders interessierende Kulmerland an der Weichsel - grob zwischen den deutschen Städten Thorn und Graudenz - ist bezüglich seiner Schicksale seit dem Spätmittelalter zu erfahren (Wiki):

Das Kulmerland war fortan Polonisierungsversuchen ausgesetzt mit dem Hauptziel, die autonome Region des Königlichen Preußen möglichst in eine polnische Provinz umzuwandeln. Dieses wurde 1569 anläßlich der Bildung der Union von Lublin, durch die der Doppelstaat Polen-Litauen entstand, erneut versucht: Durch sein staatsstreichartiges Dekret vom 16. März 1569 auf dem Lubliner Sejm kündigte König Sigismund II. August die Autonomie des Königlichen Preußens unter Androhung herber Strafen einseitig auf, weshalb die Oberhoheit des polnischen Königs von den ehemaligen Städten des Preußischen Bundes von 1569 bis 1772 als Fremdherrschaft empfunden wurde. Während der polnischen Herrschaft wurden das Kulmer Land und das Michelauer Land (...) polonisiert, bei der ersten polnischen Teilung von 1772 fanden sich hier als mehrheitlich deutsche Distrikte nur Stadt und Stadtbezirk Thorn sowie die Thorn-Kulmer Niederung. Dies hatte auch daran gelegen, daß sich der ursprünglich deutsche Adel aufgrund erhaltener Privilegien rapide polonisierte. Mit den Polonisierungsbemühungen einher ging nach der Reformation die systematische Verfolgung und Unterdrückung der Protestanten durch polnische staatliche und kirchliche Behörden, die im Thorner Blutgericht vom 7. Dezember 1724 einen Höhepunkt fand.

Diese Zeit der Unterdrückung, Verdrängung, Polonisierung und Kaholisierung der Protestanten und Deutschen endete 1772, als Westpreußen in der ersten polnischen Teilung zurück an Preußen fielt. In dem eben gebrachten Zitat sind die Worte "fast vollständig polonisiert" ausgelassen worden, denn schließlich lebten doch 1910 im Kreis Kulm nicht wesentlich mehr Polen als Deutsche. Es lebten hier nämlich 28.000 Katholiken neben 20.000 Protestanten (Wiki). Und im Kreis Kulm lebten auch schon 1821 17.000 Katholiken neben 12.000 Protestanten (Wiki). Das Kulmer Land war immer kulturell deutsch zumindest mitbestimmt und mitgeprägt. Bis 1945.

Abb. 3: Kulm an der Weichsel (Alte Postkarte)

Zur Zeit des Ordensstaates waren über das gesamte Gebiet des Ordens hinweg die noch heute so eindrucksvollen Ordensburgen errichtet worden. Da sich sehr viele dieser Ordensburgen erhalten haben und oft die größte Sehenswürdigkeit in diesem Teil Europas darstellen (Wiki, engl), ist ihre Geschichte vergleichsweise gut erforscht (z.B.: 8). Dennoch gewinnen die Archäologen natürlich immer wieder neue Erkenntnisse hinzu, nicht zuletzt aufgrund internationaler Forschungsprogramme zu den kulturellen und wirtschaftlichen Veränderungen, die die deutsche Ostsiedlung in ganz Ostmitteleuropa mit sich gebracht hat, und die noch heute Bewunderung und Erstaunen erregt. 

Im Gefolge der Eroberungen des Ordensstaates wurden nämlich bis nach Estland hinauf Städte von Deutschen gegründet und besiedelt und in West- und Ostpreußen zusätzlich Bauerndörfer. So wanderten die Deutschen aus dem Reich westlich der Weichsel nach Osten und brachten hier mehrere Provinzen zum Erblühen. Die Bevölkerungszahlen haben sich aufgrund dessen vervielfacht, nicht nur des deutschen Volksteiles, sondern auch des polnischen Volksteiles. Deutsche wurden auch auf den riesigen Domänen des Ritterordens angesiedelt, jenen Wirtschaftshöfen, die zu der Ordensburg des jeweiligen Verwaltungsbezirkes des Ritterordens gehörten.

Abb. 4: Ordensburg Unislaw an der Weichsel um 1350, Rekonstruktion (aus: 1)

2016 ist im Dorf Unislaw (Wiki) an der Weichsel einmal erneut eine Ordensburg ergraben worden von Archäologen der Universität Thorn.

Thorner Archäologen graben im Kulmerland

Und dieser Umstand läßt uns die Aufmerksamkeit richten auf dieses Dorf und auf das Land, in dem es liegt, nämlich das Kulmerland. Dieses Dorf wurde von den Deutschen Wenzlau genannt, ab 1942 offiziell Kulmisch Wenzlau (4). Die dortige Ordensburg war nach 1466 dem Verfall preisgegeben worden. Schon seit vielen Jahrhunderten ist sie überirdisch kaum noch sichtbar. Sie ist nur noch Sage gewesen. 

Unislaw liegt auf einer Höhe über dem Ostufer der Weichsel zwischen den vormals deutschen Städten Bromberg und Graudenz (s. Abb. 1). Das Dorf gehörte zum Kreis Kulm, das den Kern des historischen Kulmerlandes einnahm (Wiki). Das Kulmerland hatte ab 1231 - durch Abtretung an den Deutschen Ritterorden - die Ausgangsbasis für dessen Kreuzzug zur Christianisierung und Eroberung der Pruzzen in West- und Ostpreußen gedient. Wie schon erwähnt, folgte später von hier aus auch die Eroberung fast des gesamten Baltikums durch den Orden, wodurch auch dort die Städte und der Adel deutsch wurden (Wiki). Aber das Kulmerland war ursprünglich die Keimzelle, der Ausgangspunkt für das Entstehen des Ordensstaates gewesen.

Unislaw gehörte in deutscher Zeit - bis 1920 - zum Landkreis Kulm und war - wie der Rest von Westpreußen - seit der Besiedlung durch Deutsche die Heimat sowohl von Deutschen wie von Polen. Dabei konnten die Mehrheitsverhältnisse von Ort zu Ort wechseln. In den größeren Weichselstädten Thorn, Bromberg und Graudenz stellten die protestantischen Deutschen die Mehrheit. In kleineren Landstädten und Dörfern hatte - wie schon erwähnt - viel Polonisierung stattgefunden. Dort stellten deshalb nicht selten die katholischen Polen eine knappe Mehrheit. Dennoch waren auch diese Orte die Heimat vieler Deutscher.

In dem 17 Kilometer östlich von Unislaw gelegenen Städtchen Kulmsee lebten bis 1920 beispielsweise grob ein Viertel Deutsche und drei Viertel Polen, sowie eine kleine Minderheit Juden (Wiki). Man hatte bis dahin im Alltag in der Regel ganz friedlich und nachbarschaftlich zusammen gelebt. Nur von Seiten der Politik war insbesondere ab den 1880er Jahren bewußt der "Volkstumskampf" in die beiden Volksteile hinein getragen worden.

Der Reichstagswahlkreis Marienwerder, zu dem Unislaw mit dem Kreis Kulm gehörte, wählte bis 1912 in unregelmäßigem Wechsel einmal einen Abgeordneten der Polnischen Fraktion in den Reichstag, einmal einen Abgeordneten der deutschen Nationalliberalen Partei (Wiki). Für letztere war damals das Betonen des deutschen Standpunktes eine Selbstverständlichkeit. Man verstand damals noch, daß der nationale und der liberal-freiheitliche Gedanke eine notwendige Symbiose bilden, daß der eine nicht sinnvoll vertreten werden kann ohne den anderen. 

In Unislaw selbst wurden Dorf und Gut voneinander unterschieden. In beiden gab es jeweils (soweit erkennbar) zwei Drittel Polen und ein Drittel Deutsche, und zwar im Dorf 247 Polen und 115 Deutsche, auf dem Gut 125 Polen und 45 Deutsche (7, S. 136). Die ansässigen Polen profitierten - wie noch nach 1920 allen bewußt war - seit dem Hochmittelalter von der Wirtschaftskraft und der aufblühenden Fortschrittlichkeit des deutschen Volksteiles.

Zeugnisse eines erbitterten Bekehrungskrieges

1831 wurde in einem Reiseführer über die Straße "von Berlin nach Königsberg über Bromberg" anschaulich berichtet (11, S. 357):

Von Bromberg aus berührt die Straße (...) das Städtchen Fordon, welches unter seinen 2000 Einwohnern 1300 Juden zählt. (...) Hier ist eine Fähre iiber die Weichsel, am jenseitigen Ufer liegt der Fährkrug, und in geringer Entferung von ihm die 16te Station Ostrometzko. (...) Ein Dorf in waldiger Gegend. Der Straße zur linken bleibt die merkwürdige durch  Brenkenhofs unsägliche Mühe wirthbar gemachte Bruchgegend und vom königl. Domainen-Amt Unislaw führt die Straße durch eine vortreffliche Allee über Kölp bis Culm. Rechts erblicken wir auch die ansehnlichen Gebände der königl. Domaine Friedrichsbruch. 

Fordon (Wiki) liegt zehn Kilometer östlich von Bromberg an der Weichsel. Schon 1783 waren fast die Hälfte seiner Einwohner Juden, die andere Hälfte der Einwohner bestand da schon aus deutschen, protestantischen "Neubürgern", die seit 1772 zugezogen waren. In der Folge sollte der Anteil der Juden an der kräftig wachsenden Gesamtbevölkerung noch etwas weiter zurück gehen. Zurück zu Unislaw, bzw. Kulmisch Wenzlau: Von einem vor dem Dorf über den Weichselwiesen gelegenen Hügel haben die Einwohner immer schon vermutet, daß dort früher die Ordensburg gestanden haben wird (s. Abb. 1 und 3). Diese Ordensburg hat in mittelalterlichen Urkunden auch viele Erwähnungen gefunden. 1872 heißt es in einer Untersuchung darüber (10, S. 39):

In der mehrfach erwähnten Urkunde Konrads von Mazowien vom J. 1222 finden wir die Namen von 46  damals im Culmerlande bestehenden Burgen und Dörfern.
Unter diesen findet sich an 23. Stelle dann:
Wuyslaw, Vnyzlau, Unislaw - Unislaw,  Kr. Culm.
Für Unislaw gab es also schon im Mittelalter eine Bezeichnung, die dem nachmals benutzten Wenzlau nahekam. 1858 wurde aus den mittelalterlichen Urkunden heraus berichtet (9, S. 169):
Das Haus Wenzlaw (Unislaw) lag südlich von Althaus, da wo noch heute ein Kirchdorf dieses Namens liegt. Auf demselben hatten in älteren Zeiten ebenfalls Comthure ihren Sitz, Dietrich zwischen 1289 und 1295, Heinrich um 1326; später wurde es vou Pflegern verwaltet, scheint also mit einem  der benachbarten Comthurgebiete (etwa mit Althaus?) vereinigt zu sein. Es wird in der Urkunde des Thorner Friedens um 1466 noch erwähnt. Ganz nahe bei Unislaw, hart an der Weichsel, lag die alte Burg Pien (auch Peene, Pehen genannt), die der Orden eine Zeit lang dem Herzog Swantopolk von Pommerellen überließ, - im fünfzehnten Jahrhundert der Sitz eines Pflegers. Es wäre möglich, daß Unislaw und Pien die Hauptorte desselben Pflegeramtes waren, und die Pfleger sich nur zeitweise nach dem einen oder nach dem anderen Ort nannten.
Und 1870 schrieb derselbe Autor (3):
Das Gebiet Wenzlaw (Unislaw) wurde früher von einem Komthur, später von einem Pfleger verwaltet, der sich im Anfange des fünfzehnten Jahrhunderts auch einige Male Pfleger von Pehen (Pien, nahe der Weichsel, unterhalb Ostrometzko) nennt. Außer dem Hofe zu Wenzlaw gehören hieher die Höfe zu Czarnow (...) und zu Luchtow (...), welche sämtlich im 14. und 15. Jahrhundert öfters erwähnt werden. (...) Das älteste uns erhaltene Inventarien-Verzeichnis, vom Jahre 1364 (...) zeigt, daß es damals in Wenzlaw "50 Pflugkobeln, 16 Stutkobeln, 37 Füllen, 1 Zelter, 3 Rosse, 6 Knechtpferde und 18 Wagenpferde" gab. Die Gegenüberstellung der Pflug- und Stutkobeln läßt darauf schließen, daß hier der größere Pferdeschlag nicht fehlte.
Der erwähnte "Zelter" wird wohl das Reitpferd des Komthurs, bzw. Pflegers gewesen sein. In jener Zeit gab es nach den erhaltenen mittelalterlichen Urkunden in Unislaw ansonsten 145 Rinder, 300 Schweine und 900 Schafe, außerdem werden für Luchtow auch 31 Bienenstöcke angeführt (3). Ob hier nur die Domäne gemeint ist oder das ganze Dorf, wird aus den Urkunden nicht ganz klar (3). Und wo nun befand sich der Amtssitz dieses Komthurs von Wenzlaw? Die Thorner Archäologen berichten über ihre Ausgrabung (1):
Die Entdeckungen in Unislaw brachten nicht nur eine in Form und Aufbau zuvor unbekannte Holz-Erde-Befestigung und eines an diesem Ort stark befestigten Burggebäudes zu Tage, sondern veranschaulichen auch die Geschichte der Entwicklung der Burgarchitektur des Deutschen Ritterordens überhaupt. 
Original: The discoveries made at Unisław not only reveal the form and layout of a previously unknown timber-and-earth stronghold and those of the stone building erected in its place, they also illuminate the history of the development of the Teutonic Order’s military architecture.

Die Burg wurde - nach den festgestellten Kleinfunden (Keramik und anderes) - genutzt zwischen 1280 und 1466. Die erforschte Burganlage kann von den Burgenforschern nun verglichen werden mit zahlreichen anderen Burganlagen des Ritterordens im Kulmerland und im Ordensstaat überhaupt. Aber an der Rekonstruktion (Abb. 1) kann auch abgelesen werden, daß sich viele Wirtschaftsgebäude des Domänengutes innerhalb der Befestigungsanlagen befunden haben werden.

Die Befestigungen sind übrigens - wie es oft geschehen ist - errichtet worden auf einer zuvor an derselben Stelle lokalisierten Burganlage der Pruzzen (1). Auch mußte der Ritterorden seine Burganlagen im Verlauf der Eroberungen wiederholt deutlich verstärken, da weniger gut befestigte Burganlagen wiederholt von den Pruzzen wieder zerstört worden waren (1). Es war ein erbitterter Bekehrungskrieg gegen die Pruzzen geführt worden. Und nur weil die Pruzzen sich so verzweifelt gewehrt haben, war ja der Orden überhaupt nach Preußen gerufen worden und war ihm das Land zugesprochen worden, das sich die einheimischen Herzöge nicht zutrauten, erobern und christianisieren zu können (2). Es ist nun mehr als wahrscheinlich, daß der Orden auch in Unislaw neben der Ordensburg deutsche, bäuerliche Siedler angesetzt hat. Für den Deutschordensstaat allgemein jedenfalls gilt (Wiki):

Zwischen 1280 und 1400 wurden im Ordensgebiet rund 60 Ordensburgen, 90 Städte und 1500 Dörfer gegründet. (...) Die riesigen Domänen der den einzelnen Ordensburgen angeschlossenen Wirtschaftshöfe fungierten als landwirtschaftliche Großbetriebe. Auf ihren insgesamt 110.000 ha Land wurden 13.000 Pferde, 10.000 Rinder, 19.000 Schweine und 61.000 Schafe gehalten. Großen Wert legte die Ordensleitung auf eine eigenständige Pferdezucht. Dabei wurden in den 61 Gestüten sowohl die zähen, kleinen einheimischen Swoyken als auch schwere Schlachtrösser für die Ordensritter gezüchtet. Im Normalfalle befanden sich die Wirtschaftshöfe in unmittelbarer Nähe zum Ordenshause. (...) Auf Grund der Naturgegebenheiten mangelte es für den Bau der gewaltigen Ordenshäuser an Natursteinen. Demzufolge entschied man sich schon früh für den Bau gigantischer Ziegeleien.
Der Untergang des Ordensstaates brachte auch einen wirtschaftlichen Rückfall des Gebietes mit sich, was deutlich macht, wie sinnvoll eine gut organisierte Zentralverwaltung sein kann (dies kann man auch einmal ins Stammbuch der heute weit verbreiteten "Libertären" schreiben) (Wiki):
Im Gefolge der verlorenen Kriege des 15. Jahrhunderts, durch Brandschatzungen, Reparationsleistungen und daraus resultierend der Einführung von direkten Steuern fiel die blühende Wirtschaft des Ordensgebietes allmählich wieder auf den europäischen Durchschnitt zurück.

So kann es aussehen, wenn das Prinzip straffer Staatlichkeit abgelöst wird von dem Prinzip "sich selbst organisierender, kleiner Einheiten". - Zu den schweren Schicksalen der Bewohner von Unislaw zwischen 1919 und 1949 ist ein weiterer Beitrag hier auf dem Blog erschienen (14).

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  1. Wiewióra, M., Wasik, B., Molewski, P., Badura, M., Maciejewska, K., Makowiecki, D., … Tyszkowski, S.: The Teutonic crusade in Prussia: reconstruction of a medieval fortified settlement complex at Unisław. In: Antiquity, 93 (369), 752–771, 12.6.2019, doi:10.15184/aqy.2019.58, url to share this paper: sci-hub.tw/10.15184/aqy.2019.58
  2. Zydowitz, Kurt von: Glaubensumbruch ein Verhängnis. 700 Jahre germanisch-deutsche Geschichte. Teil I bis III. Verlag Mein Standpunkt 1976, 1984, https://archive.org/details/ZydowitzKurtVonGlaubensumbruch EinVerhaengnis700JahreGermanischDeutscheGeschichteTeilI/page/n4
  3. Töppen, Max: Topographisch-statistische Mittheilungen über die Domänen-Vorwerke des deutschen Ordens in Preußen. In: Altpreussische Monatsschrift, Band 7, 1870, S. 412-486, hier S. 443, https://books.google.de/books?id=aM8OAAAAYAAJ (Suchwort: Unislaw) 
  4. Amtsbezirk Kulmisch Wenzlau. In: Rolf Jehke (Herdecke): Territoriale Veränderungen in Deutschland und deutsch verwalteten Gebieten 1874-1945. Zuletzt geändert am 19.5.2005, http://www.territorial.de/dawp/kulm/klmwenzl.htm
  5. Liste der Burgen im Deutschordensstaat, https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Burgen_im_Deutschordensstaat
  6. Schultz, Franz: Geschichte der Stadt und des Kreises Kulm, Band 1 (bis 1479), Kafemann, Danzig 1876, https://books.google.de/books?id=N_RoAAAAcAAJ
  7. Bernhart Jähnig, Peter Letkemann (Hrsg.): 750 Jahre Kulm und Marienwerder. In: Beiträge zur Geschichte Westpreußens, Ausgabe 8, hrsg. v. Copernicus-Vereinigung zur Pflege der Heimatkunde und Geschichte Westpreußens. Verlag Nicolaus-Copernicus-Verl., 1983, https://books.google.de/books?id=eDlpAAAAMAAJ (Suchwort Unislav) 
  8. Benninghoven, Friedrich: Die Burgen als Grundpfeiler des spätmitteralterlichen Wehrwesens im preußisch-livländischen Deutschordensstaat. In: Vorträge und Forschungen (Konstanzer Arbeitskreis für mittelalterliche Geschichte), Bd. 19 Nr. 1, 1976: Die Burgen im deutschen Sprachraum (Teil 1), S. 565-601, https://journals.ub.uni-heidelberg.de/index.php/vuf/article/view/16221
  9. Töppen, Max: Historisch-comparative Geographie von Preußen. Nach den Quellen, namentlich auch archivalischen, dargestellt. 1858, https://archive.org/details/bub_gb_pykCAAAAcAAJ/page/n125 
  10. R***: Beiträge zur Beantwortung der Frage nach der Nationalität des Nicolaus Copernicus. Priebatschʼs Buchhandlung, Breslau 1872, https://archive.org/details/bub_gb_JI5u6280KtcC/page/n47  
  11. Leopold von Zedlitz-Neukirch: Wegweiser durch den Preußischen Staat. Ein geographisch-statistisches Taschenbuch. Duncker und Humblodt, Berlin 1831, https://archive.org/details/bub_gb_MZEDAAAAcAAJ/page/n367
  12. Bading, Ingo: "Über der Weichsel drüben, Vaterland, höre uns an ...." - Erinnerungen an Westpreußen anhand neuer archäologischer Ausgrabungen daselbst. Vortrag, 29.6.2019, https://youtu.be/-3Gtcuvm2_Y
  13. 1782 - Schwäbische Bauern kommen ins Kulmerland, https://www.wittenberg-bessarabien.de/auswanderung-einwanderung-r%C3%BCckwanderung/   
  14. Bading, Ingo: Ein Dorf im Kulmer Land an der Weichsel. 15.7.2019, https://preussenlebt.blogspot.com/2019/07/ein-dorf-im-kulmer-land-der-weichsel.html

Immanuel Kant und das Dorf Judtschen in Ostpreußen

Seit Sommer 2018 gibt es eine neue Kant-Gedenkstätte in Ostpreußen

Im nördlichen, heute russisch besetzten Ostpreußen gibt es elf Kilometer westlich von Königsberg ein Dorf, in dem 1747 bis 1750 der Philosoph Immanuel Kant als Schullehrer lebte. Jenes Haus, in dem Immanuel Kant drei Jahre lang gelebt hat, war im Jahr 2013 nur noch eine Ruine (1, 2). 

Abb. 1: Das Kanthaus in Judtschen 2013 (von: Wiki)

Das Haus gehörte zu dem ehemaligen Dorf Judtschen, das von Königsberg aus 11 Kilometer Richtung Samland liegt (6). Dort (2)

"lebte von 1747 bis 1750 der junge Immanuel Kant als 'Studiosus philosophiae' beim Pastor Daniel Ernst Andersch (* 1701 in Lissa, † 1771 in Judtschen) und beim Schulmeister Johann Jacob Challet (* um 1686 in Moudon, Kanton Waadt, † 1771 in Judtschen) als Hauslehrer für deren Söhne. Kant war auch Taufpate für zwei Kinder aus Judtschen."

In einem Bericht von 2015 hieß es (3):

"Das ehemalige Pfarrhaus eines weitgehend nicht mehr vorhandenen Dorfes neben einer nicht mehr vorhandenen Kirche."
Im August 2016 war dann zu erfahren (4):
"Für den Wiederaufbau des 'Kant-Hauses' sind mehr als 46 Millionen Rubel vorgesehen."

Wladimir Putin soll sich persönlich für die Wiederherstellung des Hauses eingesetzt haben (5). Im Dezember 2018 berichtete dann die Preußische Zeitung (auch auf Ostpreußen.de), daß das fertig restaurierte Museum in Judtschen eröffnet worden ist. Die Eröffnung war aber schon im August 2018 erfolgt. Das nennt man prompte Berichterstattung. Eine Besucherin berichtet nun (8):

Leider gibt es keine deutschen Texte, sondern neben den russischen nur wenige englische Erklärungen. (...) Kant bewohnte ein kleines Mansardenzimmer in Obergeschoß des Hauses. (...)  Ein kleinerer Raum dient als Außenstelle des Standesamts. (...) Die Rekonstruktionsarbeiten hat eine Spezialfirma aus Moskau ausgeführt. Original ist lediglich der Keller des Hauses. (...) Das neue Kant-Museum zeichnet sich dadurch aus, daß es das einzige ist, das sich an einem Ort befindet, an dem sich der Philosoph wirklich aufgehalten hat.

Wollte Immanuel Kant heute einmal in jene Stadt zurück kehren, in der er sein Leben lang gelebt hat, würde er sich vermutlich selbst auf dem Mond heimischer fühlen als hier (Abb. 2).

Abb. 2: Königsberg

Bis zum 300. Geburtstag Kants im Jahr 2024 sollen noch zwei weitere Gebäude in Judtschen in einer Flügelanlage errichtet werden. Die Planungen sehen ordentlich aus, es ist Fachwerk vorgesehen, das für Ostpreußen typisch war. Aber all diese Vorgänge finden keine Aufmerksamkeit in der deutschen Öffentlichkeit.

____________________
  1. https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Kanthausen_Ruine_2.JPG 
  2. https://de.wikipedia.org/wiki/Wessjolowka_(Kaliningrad,_Tschernjachowsk) 
  3. http://www.ostpreussen.net/ostpreussen/orte.php?bericht=185 
  4. http://www.freunde-kants.com/index.php/de/bauwerke/125-kant-haus-in-judtschen-weselowka-uebersetzung-des-artikels-von-ria-novosti 
  5. https://rsvdr.wordpress.com/2016/10/06/pikant-putin-laesst-kants-wohnhaus-in-ostpreussen-auf-eigene-kosten-restaurieren/ 
  6. https://www.google.de/maps/dir/Kaliningrad,+Oblast+ Kaliningrad,+Russland/Wessjolowka,+Oblast+Kaliningrad,+Russland,+ 236013/ @54.7233154,20.343081,13z/data=!3m1!4b1!4m14!4m13!1m5! 1m1!1s0x46e33d8d4b7c21a9: 0x5050960016126ed3!2m2!  1d20.4522144!2d54.7104264!1m5!1m1!1s0x46e33ba418301adb: 0x1388d40c2f5c81d!2m2!1d20. 3013098!2d54.7203789!3e2
  7. Gerfried Horst. Die Kant-Orte in Kaliningrad/Königsberg und Umgebung. 4. August 2014, http://www.kant-online.ru/en/?p=547&fbclid=IwAR3cil6q7H5MYDHBIQNYm4Y_58bPN7LXcOh9jto   Tj2sQ9Hrfm6HwlsRvK74
  8. Manuela Rosenthal-Kappi: "Kant-Haus" in Judtschen als Museum eröffnet. Feierliche Eröffnung fand im August statt. Ostpreußen.de, 14.12.2018, Preußische Zeitung, http://www.webarchiv-server.de/pin/archiv18/paz2018-50_gesamt.htm

Samstag, 17. März 2018

Die Familie Friedrich von Berg in Ostpreußen

Eine Familiengeschichte zwischen Kaiser Wilhelm II., Hindenburg, Ludendorff und Hitler
- Ein neu bekannt gewordener Brief Erich Ludendorffs aus dem Jahr 1926 wirft Fragen auf

"Gebot über allen Geboten:
Deutschland, wahre die Ehre!"

(Exzellenz Friedrich von Berg, 
vormaliger Oberpräsident Ostpreußens, 
im Jahr 1923)

Der Name Friedrich von Berg (1866-1939) (WikiBundesarchiv) (1, 2) sagt heute nur noch Fachleuten etwas. Fachleuten für die Geschichte Ostpreußens oder Fachleuten für die Geschichte des Ersten Weltkrieges. Auch dem Autor dieser Zeilen war dieser Name bis vor wenigen Tagen nicht bekannt. Dabei hatte Friedrich von Berg in Ostpreußen und darüber hinaus zu seinen Lebzeiten einen durchaus bekannten Namen. In Ostpreußen galt er nur als "Exzellenz von Berg". Er war Oberpräsident Ostpreußens während des Ersten Weltkrieges und er war persönlicher politischer Berater Kaiser Wilhelms II. (1859-1941) (Wiki) in den entscheidenden Kriegsjahren 1917 und 1918. Dabei unterstützte er entschieden die Politik Hindenburgs und Ludendorffs. Auch bis 1933 blieb er ein entschiedener Unterstützer sowohl Hindenburgs wie der Hohenzollern. Deshalb wurde sein Gut Markienen bei Bartenstein in Ostpreußen zu seinen Lebzeiten immer wieder zum Anlaufpunkt für viele Menschen (Ostpreußen):

In der Kaiserzeit und während der Weimarer Republik war Markienen wegen des hochangesehenen Besitzers Friedrich von Berg Besuchsziel vieler Prominenter. Das Kronprinzenpaar war öfter hier, auch Reichspräsident v. Hindenburg und die Generale v. Mackensen, v. Seekt und v. Fritsch.

Eine Beschäftigung mit dem Leben dieses Friedrich von Berg gewährt den Blick in eine seltsam ferne Welt. Man erhält den Blick auf einen Teil der preußischen Geschichte und der Geschichte des deutschen Kaiserhauses, sowie "stockkonservativer" preussischer Adelsfamilie, die einem heute noch ferner liegen als viele sowieso schon viele ferne Teile der deutschen und insbesondere ostdeutschen Geschichte. Aber diese Teile helfen, sehr wesentliche geschichtliche Vorgänge und Entwicklungen der Jahre zwischen etwa 1903 und 1933 besser verstehen und einordnen zu können. 

Abb. 1: Exzellenz Friedrich von Berg (1866-1939), Oberpräsident Ostpreußens,
enger Mitarbeiter des Kaisers, sowie der Söhne und Enkel des Kaisers

Soeben wird ein handgeschriebenes Beleidsschreiben Erich Ludendorffs aus dem Jahr 1926 bekannt (siehe unten), womöglich oder offenbar geschrieben aus Anlaß des Todes eines Bruders von Friedrich von Berg. Dieses Schreiben wirft für den Geschichtsinteressierten viele neue Fragen auf. Fragen hinsichtlich der Geschichte der Familie von Berg auf Gut Markienen bei Bartenstein, sowie Fragen, in welche Art von Berührung Friedrich von Berg - und damit offenbar auch der ihm nahestehende deutsche Kronprinz Wilhelm (1882-1951) (Wiki) und dessen Sohn Wilhelm (1906-1940) (Wiki) - der völkischen Bewegung ihrer Zeit in Ostpreußen und in Königsberg gekommen sind, und weshalb deshalb in diesem Umfeld spätestens 1931 der Freimaurerkampf, für den Erich Ludendorff seit 1927 bekannt geworden ist, sehr positive Erwähung finden konnte von Seiten des Enkels und hoffnungsreichen Thronfolgers von Kaiser Wilhelm II., ein Umstand, auf den auch schon in einem früheren Beitrag hier auf dem Blog hingewiesen worden ist (3).

August 1914 - Friedrich von Berg erlebt den Russen-Einfall in Ostpreußen

Es sei aber zunächst mit dem Jahr 1914 begonnen. Das Schicksal Deutschlands während des Ersten Weltkrieges hat die Menschen tief aufgewühlt. In keiner anderen deutschen Provinz waren so viele leidvolle Erfahrungen gesammelt worden wie in Ostpreußen. Sowohl während des Krieges wie auch in der Zeit der Abstimmungskämpfe danach, sowie in der Zeit des Lebens mit dem sogenannten "Korridor", als Ostpreußen vom übrigen Reich durch polnisch gewordenes Staatsgebiet abgetrennt worden war, ein Umstand, der auch niemals von dem Ministerpräsidenten Preußens, dem Sozialdemokraten Otto Braun, anerkannt worden ist.

Zu diesen Schicksalen gehört, daß beispielsweise auch das Gutshaus des Landeshauptmanns von Ostpreußen, des eingangs genannten Friedrich von Berg, 1914 von den Russen geplündert worden ist (Ostpreußen). Friedrich von Berg selbst wurde in diesem Jahr zum "Staatskommissar für das Flüchtlingswesen" ernannt. Einen solchen gab es also schon im Jahr 1914 (1). Welch ein Aufatmen ging zunächst durch Ostpreußen, als Ende August 1914 die Schlacht von Tannenberg geschlagen war. Sicherlich spätestens seit dieser Schlacht war der Landeshauptmann von Ostpreußen, Friedrich von Berg, zu einem bedingungslosen Anhänger des Feldherrn-Gespanns Hindenburg und Ludendorff geworden so wie er zuvor schon als ein entschiedener, das heißt "streng konservativer" Vertreter des monarchischen Gedankens galt.

Abb. 2: Das Gutshaus Markienen bei Bartenstein in Ostpreußen (vor 1945)
Hier weilten das Kronprinzenpaar, Hindenburg, sowie die Generäle Mackensen, Seeckt und Fritsch oft zu Besuch

Friedrich von Berg war fast gleichen Jahrgangs wie Erich Ludendorff. Er war ein Studienfreund und Korpsbruder des deutschen Kaisers Wilhelms II.. 1903 war Friedrich von Berg Landrat des Kreises Goldap in Ostpreußen geworden und war als solcher wieder häufiger in persönliche Berührung mit dem Kaiser und dessen Familie gekommen, nämlich immer dann, wenn diese in Rominten zur Elchjagd weilten. 1906 war Friedrich von Berg in das Zivilkabinett des Kaisers gekommen, 1909 war er dann Landeshauptmann von Ostpreußen geworden, also Chef der Provinzialverwaltung von Ostpreußen.

Als dieser Landeshauptmann erlebte er dann 1914 die Invasion Ostpreußens durch die Russen. Seit der Befreiung Ostpreußens durch die Schlacht von Tannenberg unterhielt Friedrich von Berg ein enges Vertrauensverhältnis zu Hindenburg und Ludendorff (4, S. 270).

Juni 1917/Januar 1918 - Friedrich von Berg wirkt mit am Sturz Bethmann-Hollwegs und Valentini's

Im Jahr 1917 war der deutschen Reichskanzler von Bethmann-Hollweg von immer mehr Menschen als untragbar für die deutsche Politik erachtet worden, insbesondere auch von Hindenburg und Ludendorff. Sie wußten von der Einstellung Friedrichs von Berg in diesen Fragen und luden ihn deshalb im Juni 1917 ins Hauptquartier nach Bad Kreuznach (4, S. 270):

Am 24. Juni versuchte er den Kaiser fast anderthalb geschlagene Stunden lang auf der Terrasse des Schloßhofs zu Bad Homburg, wo der Kaiser residierte, von der Notwendigkeit eines Kanzlerwechsels zu überzeugen. Bis dahin hatte noch kein Kanzlergegner ein derartig offenes Gespräch mit Wilhelm II. in der Causa Bethmann Hollweg führen können.

Friedrich von Berg führte aus, daß Bethmann-Hollwegs Abgang von allen Patrioten gefordert würde (5, S. 322). Hindenburg berichtete brieflich an seine Frau, was Friedrich von Berg ausgeführt hatte (zit. n. 2, S. 271):

Nicht die Konservativen allein wären gegen den Kanzler, sondern der größte Teil der Mitglieder aller Parteien, denen seine Schwäche und Unfähigkeit Sorgen für die Zukunft bereitet.

Ludendorff hat spätestens seit 1927 intensiv über die Rolle der Freimaurerei in der Politik publiziert, wobei er auch voraussetzte, daß Bethmann-Hollweg Freimaurer-Bruder gewesen wäre. Über diesen schrieb Ludendorff 1928 (7, S. 142):

Sein "Defaitismus" (...) zwang Br. von Bethmann, endlich den Posten als Reichskanzler zu verlassen, nachdem er schnell noch einen neuen Erlaß des Kaisers über die Änderung des Wahlrechts in Preußen herbeigeführt hatte. Ich hatte erklärt, nicht länger mit dem Reichskanzler zusammenarbeiten zu können. Leider hielt ich ihn damals auch nur für "defaitistisch", noch nicht für einen ausgesprochenen, bewußten Verderber der Deutschen.

Zu den "Hinterlassenschaften" Bethmann-Hollwegs in der deutschen Politik gehörte der Chef des Zivilkabinetts des Kaisers, Rudolf von Valentini (1855-1925) (Wiki) (2, S. 310-313). Dieser hat unglaublich viel Einfluß auf die wesentlichsten Personalentscheidungen des Kaiserreiches ausgeübt, schon im Jahr 1914. Er war gleichgestellt dem Chef des Militärkabinetts Moriz von Lyncker (1853-1932) (Wiki) und dem Chef des Marinekabinetts Georg von Müller (1854-1940) (Wiki). Friedrich von Berg schreibt in seinen 1920 handschriftlich niedergelegten, 1971 veröffentlichten Erinnerungen über das (2, S. 55):

merkwürdige Phänomen, daß nicht, wie man angesichts der Rolle des Militärs im Kriege hätte erwarten können, das Militärkabinett eine dominierende Stellung gegenüber dem Zivilkabinett einnahm, sondern daß der Chef des Zivilkabinetts, gestützt auf seine Vertrauensstellung beim Kaiser und seine engen Kontakte zu Hindenburg und Ludendorff, in Bereiche eingriff, die eigentlich in das Militärressort fielen.

Schon sehr früh hat der deutsche Kronprinz sich bei seinem Vater für die Entlassung auch von Valentini's eingesetzt - im Einklang mit Ludendorff. Der Kronprinz wurde dabei von der Kaiserin unterstützt. Der Vater setzte einer Entlassung Valentini's, mit dem er Jahre lang vertrauensvoll zusammen gearbeitet hatte, Widerstand entgegen (2, S. 48):

Als seinen Nachfolger hatten Hindenburg und Ludendorff, wie auch der Kronprinz, von vornherein den Oberpräsidenten von Ostpreußen, v. Berg, ins Auge gefaßt. Nachdem ein zweitätiger Besuch des Kaisers in Ostpreußen, bei dem er er sich unter Führung des Oberpräsidenten über die Wiederaufbauarbeiten unterrichtete, eine neue und wie sich herausstellte, geglückte Chance geboten hatte, die Gunst des Kaisers für Berg zu gewinnen,

verlangte Hindenburg am 14. Januar 1918 im persönlichen Gespräch mit dem Kaiser die Entlassung Valentini's. Denn dieser stünde für den "Linkskurs der Regierung". Der Kaiser fügte sich, begrüßte von Berg aber am 16. Januar 1918 mit den unwirschen und mürrischen Worten (zit. n. 2, S. 313):

Man hat mir befohlen, Dich zum Chef des Zivilkabinetts zu machen.
Es ist zu erfahren (2, S. 38):
Für den Monarchen selber war Friedrich v. Berg nicht einfach nur ein treuer Untergebener, auch wenn er etwas großsprecherisch behauptete, er "wird tun, was ich ihm sage", sondern sein persönlicher Vertrauter, den er mit dem vertraulichen Du und "Monzi" anredete. Einer ähnlichen Wertschätzung erfreute sich der Kabinettschef auch bei den beiden Feldherren an der Spitze der 3. OHL, von denen insbesondere Hindenburg große Stücke auf ihn hielt.
von Berg schreibt über die Folgezeit in seinen Erinnerungen (2, S. 104):
Das Leben gestaltete sich im allgemeinen in Homburg ganz harmonisch. Durch den Fortgang von Valentini war eine gewisse Koalition gesprengt. Müller fühlte sich vereinsamt und lebte eigentlich ganz für sich. Unterstützung fand er nur in dem Geh. Legationsrat v. Grünau, Vertreter des Auswärtigen Amts.

Es folgte die große deutsche Frühjahrsoffensive im Westen unter Ludendorffs Führung. Nach größten Anstrengungen brachte sie nicht den erhofften Durchbruch. Mitte Juli waren die letzten militärischen Kräfte deutscherseits für Angriffshandlungen aufgebraucht, während sich gleichzeitig die Kriegsgegner mit frischen US-amerikanischen Truppen ständig verstärkten.

September 1918 - Friedrich von Berg rät Ludendorff, das Reichskanzleramt zu übernehmen

Friedrich von Berg nahm als Chef des Zivilkabinetts an der Lagebesprechung vom 22. Juli 1918 teil. Über diese hielt er in seinem Tagebuch fest (5, S. 440):

Es war klar, daß wir einen entscheidenden Sieg nicht mehr erringen konnten. Es kam jetzt nur darauf an, die heftigen Angriffe der Feinde abzuwehren.

So hatte es Ludendorff also schon am 22. Juli 1918 dargestellt. Der 8. August 1918 brachte dann den auch von Ludendorff so gekennzeichneten "schwarzen Tag des deutschen Heeres". Es ging nun auch Ludendorff darum, ein Waffenstillstandsangebot zu machen, bei dem dem Kriegsgegner mehr Zugeständnisse gemacht werden müßten als die deutsche Reichsführung bis dahin bereit gewesen war zu machen. Zur Bewertung von Ludendorffs Handeln in dieser Zeit ringt sich die deutsche Geschichtswissenschaft gerade - mit dem Historiker Gerd Krumeich - zu differenzierteren und sachlicheren Urteilen durch als sie diese Jahrzehnte lang vertreten hat (7). Aber das soll an dieser Stelle nicht im einzelnen dargestellt und erörtert werden.

Friedrich von Berg war bei der Besprechung im Großen Hauptquartier in Spa am 13. August 1918 anwesend (5, S. 446). Und er berichtet von der Reaktion des Kaisers auf Ludendorffs Rückzugsbefehle am 2. September 1918. Der Ludendorff-Biograph Manfred Nebelin hält darüber anhand der Aufzeichnungen Friedrichs von Berg fest (5, S. 452f):

Die Nachricht versetzte ihm einen derartigen Schock, daß er sich "in völliger Apathie" sogleich zu Bett begeben mußte. Nur mit viel Überredungskunst und dem Argument: "Wir können zwar den Sieg im Felde nicht mehr erringen, aber wir brauchen deshalb den Krieg nicht zu verlieren," gelang es der Kaiserin und Major Niemann zwei Tage später, Wilhelm II. neuen Mut einzuflößen und ihn zu bewegen, am Nachmittag des 4. September die Dienstgeschäfte wieder aufzunehmen, wenn auch - wie der Chef des Zivilkabinetts vermerkte - nur "leidlich teilnehmend". Berg dürfte sich dadurch veranlaßt gesehen haben, an Besucher, die - wie etwa der mit Wilhelm II. befreundete Reeder Albert Ballin - den Monarchen zu einer raschen Beendigung des Krieges drängen wollten, die Mahnung zu richten, "man dürfe den Kaiser nicht zu pessimistisch machen".

Auch den Rücktritt des Reichskanzlers Graf Hertling erlebte Friedrich von Berg am 29. September 1918 mit (5, S. 464). von Berg machte Ludendorff dann den Vorschlag, selbst die Reichskanzlerschaft zu übernehmen, ein Vorschlag, der Ludendorff schon ein Jahr zuvor von anderer Seite gemacht worden war. Ludendorff aber lehnte ab. Seine Begründung war, die Berufung eines Soldaten zum Reichskanzler

sei in einem Moment, wo das Heer zurückgehen müsse, für das Volk eine zu große Zumutung.

So halten es die Aufzeichnungen von Bergs fest (5, S. 464). Es drängt sich hier fast ein wenig der Gedanke auf, ob nicht Friedrich von Berg selbst Reichskanzler hätte werden können, und ob er das nicht auch selbst im Hinterkopf hätte haben können. Als nun der liberale Prinz Max von Baden Reichskanzler wurde, verurteilte von Berg denselben als "linksgerichtet", als "Wegbereiter des Bolschewismus" (1) und legte als überzeugter Monarchist sein Amt nieder. Es wird hier deutlich: Die Perspektive Friedrichs von Berg auf die damalige Politik ergänzt sehr wesentlich die Sichtweisen, die man sonst in den Geschichtsbüchern liest. Hätte sich nicht auch Ludendorff für eine Reichskanzlerschaft Friedrichs von Berg stark machen können? Was hätte gegen eine solche gesprochen?

Richard von Kühlmann (1873-1948) (Wiki), der als ausgesprochener Gegenspieler Ludendorffs im Auswärtigen Amt schon im Juni 1918 hatte zurücktreten müssen, bezeichnete Friedrich von Berg als "Totengräber der Monarchie" (s. Wiki). Ob sein Urteil Bestand hat, muß einstweilen dahin stehen. Man könnte vielmehr auch zu dem Urteil kommen: Wer so scharf von einem Richard von Kühlmann verurteilt wurde, an dem könnte doch auch etwas dran gewesen sein. Auf Wikipedia ist über Friedrich von Berg festgehalten (Wiki):

Bei seiner extrem konservativen Weltanschauung unterschied sich Berg in allen wesentlichen Fragen von seinem Corpsbruder Adolf Tortilowicz von Batocki-Friebe. So nahe er dem Kaiser über seinen Vater, das Corps und die Jagd in Rominten stand, so klar sah er die Schwächen Wilhelms II. "Wenn v. Berg den Kaiser trotzdem in seinem Sinne, dem starren Festhalten an der monarchischen Prärogative, am unbedingten Durchhalten gegen die feindliche Übermacht und die revolutionären Kräfte im Lande, zu steuern versuchte, so offenbar in der Vorstellung, daß er, Berg, berufen sei, den Monarchen vom Wege der ‚Ehre und Würde‘ der Monarchie, wie er sie sah, nicht abweichen zu lassen." (Potthoff, v. d. Groeben, 1993, S. 165 ff.).

1919 - Friedrich von Berg empfiehlt Hindenburg für die Reichspräsidentenschaft

Seit dem Frühjahr 1919 war die Provinz Ostpreußen abgetrennt vom übrigen Deutschen Reich. Und die Ostpreußen erlebten es fast täglich, wie der neue polnische Staat in Front gebracht wurde gegen Deutschland und wie einflußreiche polnische Politiker nicht nur Danzig, die Provinzen Posen, Westpreußen und Oberschlesien, sondern auch Ostpreußen und Pommern für den neuen Staat Polen forderten. Über Friedrich von Berg ist in dieser Zeit zu erfahren (Wiki):

Nach seinem Abschied aus Berlin ging Berg zurück nach Ostpreußen. (...) 1920 (...) wurde er Erster Vorsitzender (Adelsmarschall) der Deutschen Adelsgenossenschaft, ein Amt, das er bis 1932 ausübte.

Schon im Sommer 1919 war von vielen Seiten her der Gedanke aufgekommen, daß Hindenburg als Kandidat für die Reichspräsidenten-Wahl aufgestellt werden sollte (4, S. 443ff). Um 1919/20 bekam Hindenburg über einen Briefwechsel mit Friedrich von Berg ein zustimmendes Signal von Seiten des vormaligen Kaisers in Doorn zu diesen Plänen (4, S. 448). Am 2. Februar 1920 wurde Hindenburg von Friedrich von Berg außerdem vor der katholischen Lobby-Arbeit im Reich gewarnt:

Rom ist in Bewegung,

so schrieb Friedrich von Berg an Hindenburg (2, S. 448, Anm. 25), um einen katholischen Reichspräsidenten wählen zu lassen, was als Vorläufer aufgefaßt werden könnte, um die Wittelsbacher zu deutschen Kaisern zu machen. Dem müsse sich Hindenburg entgegen stellen. Friedrich von Berg warnte also schon 1919 vor ähnlichen Entwicklungen, vor denen Erich Ludendorff ab 1923/24 auch in Bayern warnen sollte, worüber er dortselbst mit dem katholischen Thronfolger Kronprinz Rupprecht in scharfe Auseinandersetzung kommen sollte.

Im Frühjahr 1920 legte Friedrich von Berg in handschriftlichen Aufzeichnungen seine Erinnerungen über seine Tätigkeit als Chef des Zivilkabinetts nieder (2, S. 77). Erst 1971 sind sie veröffentlicht worden (2).

Von 1921 bis 1926 war Friedrich von Berg Leiter der Generalverwaltung des vormals regierenden preußischen Königshauses und vertrat als Generalbevollmächtigter der Hohenzollern zusammen mit dem Kaisersohn August Wilhelm von Preußen das ehemalige Königshaus in den Auseinandersetzungen mit dem Reich um das Hausvermögen. Er stand also weiterhin in engster Verbindung zu sicherlich allen Angehörigen der Kinder von Kaiser Wilhelm II. und seiner Enkel.

Nach Ludendorffs Entlassung hatte Hindenburg selbst nicht seine Entlassung gefordert, wie Ludendorff das wie selbstverständlich erwartet hatte, sondern war geblieben. Und am 9. November 1918 hatte er dem Kaiser zur Flucht nach Holland geraten, da die deutschen Truppen für seine Sicherheit nicht mehr bürgen könnten. All diese Umstände ließen nicht nur in den Augen von Ludendorff ein schlechtes Licht auf Hindenburg fallen. Aber da er für eine künftige Reichspräsdentenschaft vorgesehen war, sollte er in der Öffentlichkeit auch nicht in zu schlechtem Licht stehen.

1922 erschien die Schrift "Der Kaiser am 9. November! Eine Klarstellung nach noch nicht veröffentlichtem Material" (4, S. 425). Der Kaiser hatte bald nach seiner Flucht nach Holland eine Niederschrift über die Ereignisse rund um seine Abdankung und seine "Flucht" nach Holland angefertigt. Diese Niederschrift war auch in den Besitz von Friedrich von Berg gelangt. Und er gab sie zur Veröffentlichung weiter. Entgegen den Wünschen des Kaisers wurde in dieser Veröffentlichung jedoch die Rolle Hindenburgs nicht klar herausgearbeitet, weil das Ansehen Hindenburgs nicht beschädigt werden sollte. Welche Rolle Friedrich von Berg dabei spielte, ist zunächst noch nicht ersichtlich.

Juni 1923 - Friedrich von Berg: "Deutschland, wahre die Ehre!"

Im Antiquariatshandel ist gegenwärtig ein "Albumblatt" von Friedrich von Berg angeboten (Abbildung 3). Es ist vom Anbieter offensichtlich falsch auf das Jahr 1913 datiert, obwohl als Jahreszahl deutlich genug 1923 zu lesen ist, worauf auch viel besser der kurze und knappe Inhalt des Albumblattes paßt.


Abb. 3: "Deutschland, wahre die Ehre!"
Albumblatt "v. Berg Markienen"
(Herkunft: Zvab, März 2018)

Sein Wortlaut:

Gebot über allen Geboten:
Deutschland, wahre die Ehre!
8. Juni 23        v. Berg-Markienen

In dem Albumblatt tut sich der Geist der damaligen Zeit kund.

April 1924 - Zehn Prozent für die Deutschvölkische Freiheitspartei in Ostpreußen

Dieser Friedrich von Berg nun scheint einen Bruder gehabt zu haben, der drei Jahre später, im Dezember 1926 starb, und der sich im Umfeld der damaligen völkischen Bewegung in Ostpreußen bewegte, sprich, im Umfeld der damaligen Deutschvölkischen Freiheitspartei. Wahrscheinlich war dieser Bruder sogar Mitglied der Deutschvölkischen Freiheitspartei.

Diese "Deutschvölkische Freiheitspartei", die in Norddeutschland unter der Führung von Albrecht von Gräfe - und zugleich in guter Verbindung mit Ludendorff in München - stand, erhielt bei den Reichstagswahlen im Frühjahr 1924 in Ostpreußen über zehn Prozent der Stimmen (8).

Hindenburg und Ludendorff wurden im August 1924 in Ostpreußen zur Feier des zehnten Jahrestages der Schlacht von Tannenberg erwartet. Ludendorff selbst war vor den geplanten Feierlichkeiten in Königsberg und auf dem Schlachtfeld bei Osterode zunächst zu einem "Ostpreußentag" nach Tilsit im Memelland gefahren, und zwar am 24. und 25. August 1924. In seinen Lebenserinnerungen berichtet er weiter (9, S. 355):

Am 26. ging es dann weiter durch das Samland nach Königsberg. (...) In Königsberg wohnte ich bei der Familie Döring. Herr und Frau Döring standen an der Spitze der Deutschvölkischen Freiheitpartei in Königsberg und nahmen mich gastlich auf.*)


Abb. 4: Beileidsschreiben Ludendorffs an Frau Vonberg in Bartenstein, Dezember 1926
(Herkunft: Ebay, März 2018)

Und dieses Ehepaar Döring in Königsberg scheint auch im Dezember 1926 in einem handgeschriebenen Beileidsschreiben Ludendorffs eingangs erwähnt zu werden, das jüngst bekannt geworden ist (Herkunft: Ebay, März 2018). Sein Briefumschlag ist nun interessanterweise adressiert an eine "Frau Käthe Vonberg, Bartenstein". Von der Anbieterin wird der Brief aufgrund des Datums im Poststempel auf der Briefmarke ("27 DEZ 26.") auf das Jahr 1926 datiert.**) (Da ausgerechnet hinter der 26 ein Punkt ist, könnte das Datum theoretisch natürlich auch gelesen werden als "26. Dezember 1927". Da müßte uns ein Briefmarken-Kenner einmal aufklären.) Die handgeschriebene Jahreszahl im Brief selbst ist von Erich Ludendorff sehr undeutlich geschrieben, aber vielleicht soll es sich ja bei ihr auch um eine "26" handeln. Der Brieftext (soweit erkennbar):

München, den 27. 12. 1926 (?)
Sehr geehrte Frau Vonberg!
Hauptmann Döring sandte mir Ihre Anzeige über das plötzliche Ableben Ihres Herrn Gemahls. Auch ich möchte da nicht unter den wärmstens Anteilnehmenden fehlen und Ihnen mein herzlichstes Beileid zu dem schweren Verlust aussprechen, den aber nicht nur Sie und die Kinder, sondern wir Völkische in unserer Gesamtheit erlitten haben.
Ihr Ludendorff

Der Name "Vonberg" ist zunächst auffallend geschrieben. Hat der hier anzunehmende Bruder Friedrich von Bergs als Angehöriger der völkischen Bewegung auf den Adelstitel sozusagen verzichten wollen und deshalb seinen Familiennamen "von Berg" zu "Vonberg" zusammen gezogen? Ähnliches ist ja auch bei vielen anderen Familiennamen zu beobachten. (Erinnert sei etwa an den verdienten deutschen Anthropologen Andreas Vonderach [geb. 1964] [Wiki], dessen Familienname ursprünglich "von der Ach" lautete.) Da als Adresse "Bartenstein" angegeben ist, ist es immerhin mehr als nahe liegend zu vermuten, daß es sich um einen Bruder des genannten Friedrich von Berg handelt, bzw. bei Käthe Vonberg um dessen Schwägerin. Es kann sogar weiterhin gemutmaßt werden, daß dieser Bruder in einem gewissen politischen Spannungsverhältnis zu Friedrich von Berg gestanden haben könnte. Mehrmals deutet sich an, daß Friedrich von Berg damals als konservativer Monarchist in Gegnerschaft zu den "Völkischen" stand. Aber das sind nur Mutmaßungen.

Dem Tenor dieses Briefes darf man entnehmen, daß Ludendorff mit diesem Bruder persönlich nicht in engere Berührung gekommen ist, sondern höchstens flüchtig. (Und um es erwähnt zu haben: Ludendorff konnte ja zum Ableben des bisher hier behandelten Friedrich von Berg im Jahr 1939 keinen Beileidsbrief mehr senden, da er selbst schon 1937 gestorben war. Auch scheint ja doch Friedrich von Berg nicht jene politisch völkische Einstellung gehabt zu haben, die in dem Beileidsschreiben von Ludendorff bei dem Gestorbenen voraus gesetzt wird.)

Von der  Anbieterin dieses Briefes (Abb. 4) wurde auch eine signierte, ansonsten gedruckte Dankeskarte angeboten, die Erich Ludendorff im April - sicherlich als Dank für Geburtstagswünsche - versandte (Abb. 5). Sie stammte aus demselben Familiennachlaß und es ist anzunehmen, daß sie ebenfalls an diesen Bruder Friedrichs von Berg gerichtet war.

Abb. 5: Gedruckte Dankeskarte, München, April 1926 (oder 1924?)
(Herkunft: Ebay, Februar 2018)

Da auch hier die Jahreszahl ähnlich wie im zuvor behandelten Brief geschrieben ist, könnte angenommen werden, daß auch diese Dankeskarte aus dem Jahr 1926 stammt. Ansonsten hätte man auch hier eher "1924" angenommen.

Alles in allem wird man also schlußfolgern müssen, daß Friedrich von Berg noch einen Bruder hatte, der mit der genannten Frau Käthe Vonberg verheiratet war, daß sie beide Kinder hatten, und daß sich das Ehepaar im Umfeld der Deutschvölkischen Freiheitspartei in Ostpreußen bewegte, vermutlich sogar Mitglied dieser Partei war, daß es sich zu den Verehrern und Anhängern Erich Ludendorffs rechnete auch noch in einer Zeit - 1926, in der Erich Ludendorff nur noch wenige Anhänger hatte, und daß dieser Bruder im Dezember 1926 gestorben ist. Entweder wohnte er mit Frau und Kindern ebenfalls auf dem Gut seines Vaters Markienen bei Bartenstein oder in der nahe gelegenen Stadt Bartenstein selbst.

Das genannte Ehepaar Döring in Königsberg könnte sich auch weiterhin im Umfeld der Familie von Berg bewegt haben, und zwar auch im Umfeld Friedrichs von Berg, der sich hinwiederum ja im Umfeld der Kaisersöhne und -enkel bewegte. Dazu wird gleich noch ein deutlicher Hinweis gegeben werden.

Friedrich von Berg selbst blieb ja auch in den Folgejahren mit Hindenburg in persönlicher Verbindung. Er besuchte ihn etwa 1930 auf Gut Neudeck in Ostpreußen (4, S. 603) und auch Hindenburg scheint ja (siehe Zitat oben) von Berg auf Gut Markienen besucht zu haben, ebenso wie das Kronprinzenpaar.

1931 - Der Hohenzollern-Prinz Wilhelm über Ludendorffs Freimaurer-Kampf in Königsberg

1957 nun erhielt Mathilde Ludendorff ausgerechnet von einer Frau L. Döring (inzwischen wohnhaft in Hann. Münden) Mitteilungen über das Verhältnis Kaiser Wilhelms II. zur Freimaurerei (3). Sie berichtete darüber in ihrer Zeitschrift "Quell" (10) (Hervorhebung nicht im Original):

Ende Juni erhielt ich eine Nachricht, die mir sehr lieb ist. Herr Walter Kahlewey, der in der Schlacht bei Tannenberg das Augenlicht verloren hat und später mit dem Feldherrn in Freimaurerangelegenheiten eng zusammengearbeitet hat, sandte einen Brief, den Frau L. Döring, Hann. Münden geschrieben hat. In ihm berichtet sie über die Wirkung, die das Werk des Feldherrn "Vernichtung der Freimaurerei" auf Kaiser Wilhelm in Doorn gemacht hat. Ich möchte diese Worte im Wortlaut unseren Lesern bekannt geben:
"Prinz Wilhelm, der älteste Sohn des Kronprinzen, sagte mir 1931 in Königsberg, daß dieses Werk des General Ludendorff den Kaiser in Doorn tief erschüttert habe. Mit diesem Werk habe sich Ludendorff wieder unsterblich gemacht."

Prinz Wilhelm fiel im Frankreich-Feldzug 1940.

Das heißt also, die genannte Frau L. Döring sprach 1931 in Königsberg mit dem Prinzen Wilhelm. Und es ist naheliegend anzunehmen, daß das Gespräch deshalb auf Ludendorffs Freimaurerkampf kam, weil das Ehepaar Döring eben schon 1924 zu den Anhängern Erich Ludendorffs gehörte. Und aus diesen Worten dürfte weiterhin hervorgehen, daß nicht nur der letzte Kaiser und sein ältester Sohn, sondern auch der älteste Enkelsohn des letzten Kaisers, der Prinz Wilhelm viel Anteil genommen hat an dem Kampf Erich Ludendorffs gegen die Freimaurerei. Mathilde Ludendorff schrieb 1957 weiter über den Dezember 1937, als Erich Ludendorff starb (10):

Wenn ich bedenke, wie sehr des Kaisers Brief an den sterbenden Feldherrn ihm damals eine Freude war, so erfahre ich jetzt in tiefer Freude, daß das Werk "Vernichtung der Freimaurerei" dem Kaiser offenbar die Augen über die Urheber des Zusammenbruchs trotz aller Siege des Feldherrn geöffnet hat. Hiermit ist es auch geklärt, weshalb der Kronprinz bei seinem Besuche in unserem Hause anläßlich des 70. Geburtstages des Feldherrn so voll überzeugt war von der Gefahr der überstaatlichen Mächte und deshalb auch - nach dem Hohenzollern-Rechte hierzu befugt - seinen Söhnen verboten hatte, in die Loge einzutreten.

In den gleichen Zeitraum wird fallen, worüber Mathilde Ludendorff ein Jahr später in derselben Zeitschrift berichtete (3):

Prinz Wilhelm, der älteste Sohn des Kronprinzen, der in Frankreich im 2. Weltkrieg an der Front gefallen ist, antwortete im kleinen Kreise, als gesagt wurde, daß die ganze Öffentlichkeit General Ludendorff nun totschwiege, seit er den Kampf gegen die Freimaurerei aufgenommen habe: "Die Welt habe von Ludendorffs Buch 'Vernichtung der Freimaurerei' usw. mit Entsetzen Kenntnis genommen. Ludendorff habe das große Verdienst, daß er diese Veröffentlichungen mit seinem unsterblichen historischen Namen gemacht habe."

Es ist auffallend, daß Mathilde Ludendorff die Mitteilungen der Frau L. Döring nur über einen dritten erhielt. Man könnte mutmaßen, daß das Ehepaar Döring in Königsberg den Weg weg vom Christentum, den Erich Ludendorff nach 1926 eingeschlagen hat, nicht mit gemacht hat, daß das Ehepaar sich aber im Umfeld der Familie von Berg bewegte, in der es auch auf den Prinzen Wilhelm 1931 gestoßen sein wird.

Jedenfalls wird man durch das neu bekannt gewordene Beileidsschreiben Erich Ludendorffs aus dem Dezember 1926 auf eine ganze Menge von neuen möglichen, bzw. sich andeutenden Zusammenhängen verwiesen, deren sich selbst Fachleute bislang nicht bewußt gewesen sein dürften, und die den Eindruck machen als ob es lohnend sein könnte, ihnen weiter nachzugehen.

Abb. 6: Der vormalige Kaiser Wilhelm II. (Mitte) mit seinem ältesten Sohn Kronprinz Wilhelm (links) und dessen Sohn Prinz Wilhelm (rechts) - Doorn in den Niederlanden, 1927

Mai 1933 - Friedrich von Berg setzt sich bei Hitler für die Wiederherstellung der Hohenzollern-Monarchie ein

Friedrich von Berg blieb auch nach 1931 weiterhin im engen Einvernehmen mit dem ehemaligen Kaiser, seinem ältesten Sohn und - vermutlich - dessen ältesten Sohn. Am 6. Februar 1932 veröffentlichte Friedrich von Berg als erster Vorsitzender der deutschen Adelsgenossenschaft eine Kundgebung, in der Hindenburg zur erneuten Kandidatur für das Reichspräsidentenamt aufgefordert wurde (Wiki). Weiter wird berichtet (4, S. 664):

Nach der Annahme der Kandidatur stellte sich jedoch heraus, daß Friedrich von Berg diesen Vorstoß auf eigene Faust unternommen hatte, weshalb er unter schweren innerverbandlichen Beschuß geriet. Am 17. Februar mußte er den Vorsitz der Adelsgenossenschaft niederlegen, was zum Ausdruck brachte, wie sehr gerade jüngere Adlige sich von dem klassischen Adelsverständnis abgewandt hatten und mit einer völkischen Definition von Adel liebäugelten.

Womöglich handelte es sich um solche Adlige, die - wie der Bruder von Bergs - ihren Namen von von Berg auf Vonberg umbenannten. Auf Wikipedia heißt es dazu (Wiki):

Seine monarchische Fraktion konnte sich nicht gegen die völkische durchsetzen. (...) Nach 1932 zog sich Berg aus dem öffentlichen Leben zurück. Er verstarb 1939 auf seinem Gut in Markienen.

Nun, so ganz richtig ist Wikipedia noch nicht diesbezüglich informiert. Denn noch am 9. Mai 1933 sprach Friedrich von Berg persönlich bei Adolf Hitler vor in Sachen Wiederherstellung der Hohenzollern-Monarchie. Hitler erklärte, daß es dafür noch zu früh sei. Er arbeite auf diese jedoch als Abschluß seines politischen Wirkens hin (4, S. 840). Wie ehrlich es Hitler damit meinte, steht natürlich dahin. Vermutlich handelte es sich hierbei nur um eine taktische, hinhaltende Äußerung. Für die Wiederherstellung der Hohenzollern-Monarchie wäre jedenfalls der deutsche Kronprinz bereit gestanden, ebenso sein Sohn, der erst ein Jahr zuvor in Königsberg gesprächsweise die Erschütterung seines Großvaters über Ludendorffs Freimaurer-Kampf erwähnt hatte.

Insofern hätte damals die Wiederaufrichtung der Hohenzollern-Monarchie - als Alternative zum "Dritten Reich" - ein Segen für Deutschland sein können. Gerade auch der junge Prinz Wilhelm wurde von vielen Menschen als politisch hoch befähigt erachtet.

Das Leben und Wirken des Friedrichs von Berg - sowie gegebenenfalls das seines uns namentlich noch nicht bekannt gewordenen Bruders - machen verständlicher, in welchem Rahmen politischen Denkens und Handelns sich auch dasjenige Erich Ludendorffs zwischen 1917 und 1933 bewegte. Auch Erich Ludendorff hielt ja bis an sein Lebensende engen Kontakt zum deutschen Kronprinzen und verfolgte auch das Schicksal von dessen Sohn mit großer Aufmerksamkeit weiter (3). Durch das neu bekannt gewordene Beileidsschreiben Erich Ludendorffs aus dem Jahr 1926 fällt also viel Licht auf Zusammenhänge, deren man sich ohne diese neue Quelle nicht leicht hätte bewußt werden können.

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*) Er schreibt weiter:
In der Veranstaltung in der Stadthalle sprachen außer mir der Forstmeister Gieseler aus Taberbrück nördlich Osterode, der die Deutschvölkische Freiheitpartei der Provinz leitete, und Hauptmann Röhm, der sich in meiner Begleitung befand. Auch diese Feier war von hohem Schwunge getragen.
Abb. 7: Datum des Poststempels
**) Der Poststempel auf der Briefmarke des Briefumschlags: Abb. 7.
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  1. Friedrich von Berg-Markienen, geb. in Markienen/Ostpreußen 20.11.1866, † ebenda 9.3.1939. Auf: http://eisenbahn-gumbinnen-goldap.de/gumbinnen/planung-und-bau/3/ (nach: Nils Köhler und Rüdiger Möller: „Die Nordmark helfe der Ostmark” Ostpreußische Kriegsflüchtlinge in Norderdithmarschen während des Ersten Weltkrieges Demokratische Geschichte, Band 14, S. 111-138)
  2. Heinrich Potthoff (Bearb.): Friedrich von Berg als Chef des Geheimen Zivilkabinetts 1918. Erinnerungen aus seinem Nachlaß. Droste Verlag, Düsseldorf 1971 (Quellen zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien Erste Reihe Bd. 7) (Gb)
  3. Bading, Ingo: Der deutsche Kronprinz - Begeistert von der Philosophie Mathilde Ludendorffs ... Und mit Vater und Sohn nicht nur ein Verehrer Erich Ludendorffs, sondern begeistert von dessen Freimaurer-Kampf. Studiengruppe Naturalismus, 4. April 2015, http://studiengruppe.blogspot.de/2015/04/der-deutsche-kronprinz-war-begeistert.html
  4. Pyta, Wolfram: Hindenburg. Herrschaft zwischen Hohenzollern und Hitler. Siedler Verlag, München 2007
  5. Nebelin, Manfred: Ludendorff. Diktator im Ersten Weltkrieg. Siedler Verlag, München 2010
  6. Ludendorff, Erich: Kriegshetze und Völkermorden in den letzten 150 Jahren. Ersterscheinen 1928. Neu bearbeitet. Ludendorffs Volkswarte-Verlag, München 1931
  7. Kellerhoff, Sven Felix: „Ludendorff wollte nur eine Pause - und weiterkämpfen“. In: Die Welt 05.03.2018, https://www.welt.de/geschichte/article174192890/Kriegsende-1918-Was-der-wahre-Kern-der-Dolchstoss-Legende-ist.html 
  8. Kossert, Andreas: Damals in Ostpreußen. Der Untergang einer deutschen Provinz. 2010
  9. Ludendorff, Erich: Vom Feldherrn zum Weltrevolutionär und Wegbereiter Deutscher Volksschöpfung. Meine Lebenserinnerungen 1919 bis 1925. Ludendorffs Verlag, München 1940 (Gb)
  10. Ludendorff, Mathilde: Eine beachtliche Äußerung. In: Der Quell, Folge 19, 9.10.1957, S. 911 (Gb)

Sonntag, 21. Oktober 2007

Die Sowjetisierung Europas bis zur Elbe als antipreußisches Kriegsziel

Ein Dokument aus dem Foreign Office aus der ersten Phase des Zweiten Weltkrieges

In diesem Beitrag soll auf ein Dokument aufmerksam gemacht werden, das sich in dem von dem deutschen Historiker Rainer A. Blasius herausgegebenen Band "Dokumente zur Deutschlandpolitik, Band I/1: 1939 - 1941. Britische Deutschlandpolitik", Frankfurt/M. 1984 befindet. Man findet dieses Dokument zum Beispiel, wenn man im zugehörigen Stichwortverzeichnis den Begriff "Sowjetisierung Europas" entdeckt und ihm nachgeht. Das Dokument gehört zu jenen im Jahr 1984 neuen Dokument-Veröffentlichungen aus dem britischen Foreign Office, die den deutschen "Historikerstreit" des Jahres 1985 auslösten. Der Historikerstreit wurde vom Zaun gebrochen, damit die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit von solchen britischen Kriegszielen schon im Jahr 1941 abgelenkt wurde. Wer solche Kriegsziele schon im Jahr 1941 verfolgte, konnte und wollte sie nicht mit dem Holocaust begründen. Diese Kriegsziele waren keine Reaktion auf den Holocaust, obwohl sich dies im nachherigen Bewusstsein der Welt so eingebrannt hat.

Im Historikerstreit hatten sich die Historiker Andreas Hillgruber und Dieter Hildebrandt inhaltlich auf derartige Dokumente bezogen.

Abb. 1: Magisterarbeit
Ich selbst habe in meiner Magisterarbeit von 1993 (Lulu.com) das folgende Dokument in den Mittelpunkt meiner Argumentation gestellt, es als eine Art Schlüsseldokument behandelt, um das herum eine Fülle von anderen Dokumenten ähnlicher Art gruppiert worden sind. Aus diesen ergibt sich insgesamt eine neue Sichtweise über den Verlauf und das Ende des Zweiten Weltkrieges.

Aber ansonsten soll nach diesen Vorbemerkungen hier einmal das Dokument für sich selbst stehen und es mag sich jeder seine eigenen Gedanken dazu machen. Auch Rainer A. Blasius ist auf dieses Dokument unseres Wissens nirgendwo ausführlicher zu sprechen gekommen. Nur eben dadurch, daß er im Stichwort-Verzeichnis den Begriff "Sowjetisierung Europas" aufnahm und dort auf dieses Dokument hinwies.

Freilich sind seit 1993 - zumal von britischer Seite - zahlreiche neue Studien über die britische Außenpolitik während des Zweiten Weltkrieges erschienen, die klar machen, daß dieses Dokument und die ihm zugrunde liegenden Gedanken keinesfalls eine Einzelerscheinung war.

Das Wesentliche an diesem Dokument ist das Entstehungsdatum, der 19. November 1941, noch während des deutschen Vormarsches auf Moskau und noch vor dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten von Amerika. Es protokolliert eine Gesprächsrunde von führenden Beamten des Foreign Office, die offensichtlich alle wie selbstverständlich Anhänger des "Vansittartismus" waren.

Es folgt der Originaltext, danach die Übersetzung.

19. November 1941: Aufzeichnungen über die Besprechung im britischen Außenministerium: Schlüsselprobleme eines Plans für den Wiederaufbau nach dem Kriege

FO 371/29015/W 13829

A meeting was held in Mr. Law’s room on the afternoon of 19th November, attended by Sir O. Sargent, Sir W. Malkin, Mr. Strang, Mr. Harvey and Mr. Ronald.

Sir O. Sargent’s minute of 3rd November was taken as the basis of discussion. There was general agreement with the proposition in this minute that until we know the degree of continuing force which will be available to maintain a peace settlement, it is impossible to decide its nature or its plan. With a view to estimating the probable resources available for the maintenance and operation of a peace settlement, it was felt that a preliminary review would be necessary of the force available for the execution of the provisions of an armistice. The outline of an armistice could be forseen with tolerable certainty, and a fairly close estimate made of the forces required to give them effect. This review should give some indication of how ambigitious a long-term settlement it was worth while aiming at.

A. Armistice

The meeting was of opinion that the first step should be to obtain from the Service Departments the sort of information required to answer the tentative questionnaire attached to Mr. Ronald’s minute of the 23rd October, supplemented by an enquiry about the policy to be aimed at in this matter of Bases. Generally speaking it was assumed that the armistice would provide for the withdrawal of German forces to specified positions and that the administration of German territory outside these positions would be carried out by the Allies‘ armies of occupation. The responsibility of administering the evacuated and the other territories should, it was felt, be assigned to Germany’s neighbours on the basis of their 1919 boundaries. It would, however, be a waste of time to speculate in any detail on this aspect of the problem at present, seeing that it was only too likely that the armistice between the main belligerents would not be the signal for a general cessation of hostilities: apart from the possibility of civil war in France, etc., there would almost certainly be hostilities of varying degrees of importance between the Hungarians and the Romanians, the Greeks and the Bulgarians, and so on. This period of disorder would rule out the possibility of ordered administration in many parts of Central and South Eastern Europe.

B. Long-term settlement

The ideal settlement would obviously rest on Anglo-American-Russian co-operation. How far America and Russia were prepared to co-operate remained, however, a matter of doubt. Present indications from America did not point to the probability of America’s readiness to take an active part in any settlement of Europe. The extent to which Russia would take into account the views of England and America would almost certainly be conditioned by the measure of her exhaustion at the end of the war and the extant to which she felt dependent on America’s favours. She might, for instance, hesitate to antagonise the United States by sovietising East Germany, by imposing her own domination on Central and South-Eastern Europe, and other such measures on which, if she were confident of her own strength, she might embark. It was not at all improbable, however, that she would occupy the whole of East Germany including Berlin.

Early steps, it was thought, should be taken to lead the United States to a recognition of the need to treat Russia as an equal partner in any peace programme. The earlier, for instance Russia were brought into the international commodity regulation picture the better.

Assuming that the result of the review of our probable resources under (A) and the reaction of America to the prospect of long-term association with Russia were not too discouraging the long-term settlement at which we might aim should cover:

(1) The disarmament, but not the dismemberment of Germany, coupled with provision for the policing of Europe by some permanent international force under joint Anglo-American-Russian control, which would not only stamp at once upon any attempt by Germany to evade the provisions of the armistice or peace treaty, but would generally be sufficient for the restoration and maintenance of order in Europe.

(2) Establishment of bases in order to help maintain peace. By whom are these to be garrisoned?

(3) A North-South bloc, under the joint blessing, if not guarantee, of Great Britain, the United States and the U.S.S.R., between Russian and Germany, consisting of

(a) Poland, Czechoslovakia, Austria, Hungary;
(b) Yugoslavia, Albania, Greece, Bulgaria, Romania and possibly Turkey.
This group should be strategically self-sufficient and probably economically, more especially if they were united under one customs system. The group would be loosely federalised, but to what extent could not of course be accurately foreseen now.

(4) Exchange of populations on a considerable scale would be necessary, as practically all Germany’s neighbours would wish to extrude Germans from their territories, notably Sudentendeutsch from Czechoslovakia and recent immigrants from Poland. Whatever solution were found for the East Prussia problem, a large-scale exchange would almost certainly be necessary there. A Romanian-Hungarian exchange would also be needed in Transylvania.

(5) Future of colonial overseas possessions. Consideration of this should, it was felt, be deferred until the Colonial Office hat completed the study which they are making of this question.

(6) Economic relations. The meeting thought that little progress could be made in considering what our European economic policy should be until some progress had been made in discussing with America the co-ordination of Anglo-United States post-war economic policy. The point at which Russia was brought into the Anglo-American economic discussions would require much careful thought. Equally, in this connexion it was necessary to bear in mind the suggestion made by the Belgian Government and (/that) Belgium and the Congo should be brought into economic association with the British Empire, and the hints by the Dutch that some similar regime might be extended to the Netherlands overseas possessions, if not to Metropolitan Holland.
As stated in Mr. Ronald’s minute of the 23rd October, it was doubtful whether the Minister of Defence would approve of the Foreign Office addressing enquiries at this stage to the Chiefs of Staff. Mr. Law thought that it would be equally difficult to get his permission to submit anything to the Cabinet with a view to getting a ruling on policy from them. In the circumstances the meeting recommended that informal approaches should be made in the first instance to the Service Departments with a view to obtaining the sort of information asked for in Mr. Ronald’s questionnaire. It might be that when some progress had been made on these lines the Service Ministers might be induced to join with the Secretary of State in an approach to the War Cabinet.

Tentative Questionnaire.

A. Immediate post-Armistice Stage.

(1) What type and size of force would have to be immediately available in order to institute effective control after the signature of an Armistice: (a) for Germany; (b) for Italy?

(2) Whence would the necessary forces be drawn:
(a) if America has become a belligerent in the European war;
(b) if she has not;
(c) if the Allies have not at the material time any considerable land forces operating on the main-land of Europe?

(3) What effect on the magnitude and difficulty of control would be produced by widespread civil disturbances in enemy countries? Would armies of occupation be required? How far could advantage be taken of supremacy at sea and in the air to economise the use of land forces for purposes of control in these conditions?

(4) What parts would be allotted to
(a) Russians
(b) Poles
(c) Czechs
(d) Dutch
(e) Norwegians
(f) Belgians
(g) French
(h) Yugoslavs
(i) Greeks?

(5) What steps would have to be taken to ensure that, if these Allies participate on a large scale in the enforcement of the control, the general direction of the control remained in British and American hands?

(6) Is it possible now roughly to outline the section of the Armistice which will make provision for the immediate institution of control?

B. Later stages.

(1) On what general lines could a unilateral disarmament of Germany and Italy be effected?
(2) What armed forces would the Allies have to maintain in the two countries and for how long?
(3) Whence would they be drawn?
(4) Would industrial man-power considerations count for much in the United Kingdom Government’s ability to contribute for an indefinite period to the maintenance of the type of control contemplated?
(5) For what sort of help, if any, should we have to look from (a) America; (b) Dominions; and for how long?
(6) What industrial plant in enemy countries would have to be dismantled as an integral part of any process of unilateral disarmament? What provision would have to be made to ensure against the re-establishment of the suppressed plant by overt or covert methods?
(7) If for the purposes of operating a peace settlement facilities are granted by one Power for the maintenance in its territory of sea and air bases by another Power or Powers where will these international bases probably be and by whom would be garrisoned?

(Entnommen: Dokumente zur Deutschlandpolitik I/1 (1939 – 1941), S. 557 – 560)

Übersetzung

19. November 1941: Aufzeichnungen über die Besprechung im britischen Außenministerium: Schlüsselprobleme eines Plans für den Wiederaufbau nach dem Kriege
FO 371/29015/W 13829

Im Büro von Mr. Law wurde am Nachmittag des 19. November eine Besprechung abgehalten, an der Sir O. Sargent, Sir W. Malkin, Mr. Strang, Mr. Harvey und Mr. Ronald teilnahmen.

Grundlage der Diskussion bildete Sir O. Sargent’s Aufzeichnung vom 3. November. Es bestand eine generelle Übereinstimmung mit dem Vorschlag dieser Aufzeichnung, daß es bis zu dem Zeitpunkt, an dem uns der Umfang der fortdauernd stationierten Streitkräfte bekannt ist, die für die Aufrechterhaltung einer Friedensregelung verfügbar sein werden, unmöglich ist, seine Natur oder seinen Plan zu beurteilen. Um die wahrscheinlich verfügbaren Kräfte für die Aufrechterhaltung und das Funktionieren einer Friedensregelung einschätzen zu können, empfand man, daß ein vorläufiger Überblick über die Kräfte, die für die Ausführung der Vorkehrungen eines Waffenstillstandes verfügbar wären, notwendig sei. Die Umrisse eines Waffenstillstandes können mit angemessener Sicherheit vorausgesagt werden. Und es wurde eine recht gut angenäherte Einschätzung der Kräfte vorgenommen, die erforderlich sind, sie durchzusetzen. Diese Zusammenfassung soll einige Hindeutungen darauf geben, um welch eine ambitionierte langfristige Regelung es ging, der Mühe wert, sie anzustreben.

A. Waffenstillstand

Die Teilnehmer waren der Meinung, der erste Schritt sollte sein, von den Service Departements jene Art von Information zu erhalten, die notwendig ist, um die vorläufigen Fragen zu beantworten, die in Mr. Ronalds Aufzeichnung vom 23. Oktober angesprochen worden waren, ergänzt durch eine Untersuchung über die Politik, die in der Angelegenheit der Militärbasen angestrebt werden sollte. Allgemein gesprochen ist angenommen worden, daß der Waffenstillstand den Rückzug der deutschen Truppen auf festgelegte Positionen vorsehen wird und daß die Verwaltung des deutschen Territoriums außerhalb dieser Positionen von den alliierten Besatzungstruppen durchgeführt werden wird. Die Verantwortung für die Verwaltung der evakuierten und anderen Territorien sollte, so war die vorherrschende Meinung, Deutschlands Nachbarn auf der Basis ihrer Grenzen von 1919 zugesprochen werden. Es wäre jedoch vertane Zeit, gegenwärtig über diesen Aspekt des Problems detaillierter nachzusinnen, da vorauszusehen ist, daß nur allzu wahrscheinlich der Waffenstillstand zwischen den Hauptkriegführenden noch nicht das Signal für ein allgemeines Ende der Feindseligkeiten sein wird: abgesehen von der Möglichkeit eines Bürgerkrieges in Frankreich etc. wird es ziemlich sicher Feindseligkeiten unterschiedlichen Ausmaßes zwischen den Ungarn und den Rumänen, den Griechen und den Bulgaren und so weiter geben. Diese Periode der Unordnung wird in vielen Teilen Mittel- und Südosteuropas die Möglichkeit geordneter Verwaltung ausschließen.

B. Langfristige Regelung

Die ideale Regelung wird augenscheinlich auf anglo-amerikanisch-russischer Kooperation beruhen. Wie weit Amerika und Rußland darauf vorbereitet sein werden, miteinander zu kooperieren, bleibt natürlich eine zweifelhafte Sache. Gegenwärtige Anzeichen aus Amerika deuten nicht auf eine große Wahrscheinlichkeit der amerikanischen Bereitschaft hin, einen aktiven Anteil an irgendeiner Regelung in Europa zu nehmen. Das Ausmaß, in dem Rußland die Meinungen Englands und Amerikas in Rechnung stellen wird, wird sicherlich zu einem Großteil bestimmt sein durch das Ausmaß seiner Erschöpfung am Ende des Krieges und durch das Ausmaß, in der es sich von Amerikas Gunst abhängig fühlt. Es könnte zum Beispiel zögern, den Vereinigten Staaten durch eine Sowjetisierung Ostdeutschlands entgegenzustreben, durch die Einrichtung seiner eigenen Dominanz in Mittel- und Südosteuropa und andere derartige Maßnahmen, auf die es sich, wenn es Zutrauen in seine eigene Kraft besitzt, einlassen könnte. Es wäre ganz und gar nicht unwahrscheinlich, daß es ganz Ostdeutschland einschließlich Berlins besetzen würde.

Es bestand die Meinung, daß früh Schritte unternommen werden sollten, um die Vereinigten Staaten zu einer Anerkennung der Notwendigkeit zu bringen, Rußland in jedem Friedensprogramm als einen gleichwertigen Partner zu behandeln. Um so früher beispielsweise Rußland in das Bild der internationalen Handels-Regulierung gebracht werden würde, um so besser.

Angenommen, das Ergebnis unseres Überblicks über unsere wahrscheinlichen Ressourcen unter (A) und die Reaktion Amerikas auf die Aussicht einer langfristigen Verbindung mit Rußland wären nicht zu entmutigend, sollte die langfristige Regelung, die wir anstreben könnten, beinhalten:

(1) Die Entwaffnung aber nicht Teilung Deutschlands, verbunden mit Vorkehrungen für eine Polizei-Herrschaft in Europa mittels einiger fortdauernd stationierter internationaler Streitkräfte unter gemeinsamer anglo-amerikanisch-russischer Kontrolle, die nicht nur jeden Versuch Deutschlands sofort niedertrampeln, die Vorkehrungen des Waffenstillstandes oder Friedensvertrages zu umgehen, sondern auch ausreichend sein sollten für die Wiederherstellung und Aufrechterhaltung der Ordnung in Europa.

(2) Einrichtung von Militärbasen, um bei der Aufrechterhaltung des Friedens mitzuhelfen. Durch wen sind diese zu garnisonieren?

(3) Ein Nord-Süd-Block unter dem gemeinsamen Segen, wenn nicht der Garantie Großbritanniens, der Vereinigten Staaten und der UdSSR zwischen Rußland und Deutschland, bestehend aus

(a) Polen, Tschechoslowakei, Österreich, Ungarn;
(b) Jugoslawien, Albanien, Griechenland, Bulgarien, Rumänien und möglicherweise Türkei.
Diese Gruppe sollte strategisch unabhängig sein und möglicherweise wirtschaftlich - genauer, wenn sie unter einem Zollsystem vereinigt wäre. Die Gruppe wäre lose föderalistisch aber in welchem Ausmaß kann natürlich gegenwärtig noch nicht akkurat vorhergesagt werden.

(4) Der Austausch von Bevölkerungen in einem beträchtlichen Ausmaß wäre notwendig, weil praktisch alle Nachbarn Deutschlands wünschten, Deutsche aus ihren Territorien zu vertreiben, vor allem die Sudentendeutschen aus der Tschechoslowakei und jüngst in Polen Eingewanderte. Welche Lösung auch immer für das Ostpreußen-Problem gefunden werden würde, ein Austausch großen Ausmaßes würde ziemlich sicher notwendig sein. Ein rumänisch-ungarischer Austausch würde ebenso in Transsylvanien notwendig sein.

(5) Zukunft der kolonialen Übersee-Besitzungen. Erörterungen hierüber sollten, so bestand die Meinung, aufgeschoben werden bis das Colonial Office seine Studie abgeschlossen hat, welche sie (dort) über diese Frage anfertigen.

(6) Wirtschaftliche Beziehungen. Das Treffen war der Meinung, daß nur wenige Fortschritte in der Erörterung gemacht werden könnten, wie unsere europäische Wirtschaftspolitik aussehen sollte, solange nicht einiger Fortschritt in der Diskussion mit Amerika über die Koordination der anglo-amerikanischen Nachkriegs-Wirtschaftspolitik erzielt worden wäre. Der Punkt, an dem Rußland in die anglo-amerikanischen Wirtschafts-Diskussionen gebracht werden würde, erfordert viel sorgfältige Überlegungen. (...)

Wie in Mr. Ronald‘s Aufzeichnungen vom 23. Oktober festgestellt wurde, ist es zweifelhaft, ob der Verteidigungsminister in diesem Stadium akzeptieren würde, Fragen des Foreign Office an den Chief of Staff zu adressieren. Mr. Law nahm an, daß es ebenso schwierig sein würde, seine Erlaubnis zu erhalten, dem Kabinett irgend etwas vorzulegen, um Richtlinien über die Politik von ihnen zu bekommen. Unter diesen Umständen empfahl das Treffen, daß zunächst an die Service Departements informelle Anfragen gestellt werden sollten, um jene Art von Informationen zu erhalten, nach denen in Mr. Ronalds Fragenkatalog gefragt wird. Es könnte sein, daß wenn auf diesen Wegen einige Fortschritte erzielt worden sind, die Service-Minister veranlaßt werden könnten, sich mit dem Außenminister dazu zu verbinden, das Kriegskabinett anzugehen.

Vorläufiger Fragenkatalog.

A. Unmittelbare Phase nach dem Waffenstillstand.
(1) Welche Art und welcher Umfang von Streitkräften würde unmittelbar verfügbar sein müssen, um nach der Unterzeichnung eines Waffenstillstandes effektive Kontrolle auszuüben: (a) für Deutschland; (b) für Italien?

(2) Von woher würden die notwendigen Kräfte gezogen:
(a) wenn Amerika eine kriegführende Macht im europäischen Krieg geworden ist;
(b) wenn sie es dies nicht geworden ist;
(c) wenn die Alliierten zu dem bestimmten Zeitpunkt keine irgendwie ausschlaggebenden Landstreitkräfte haben, die auf dem europäischen Festland operieren?

(3) Welche Auswirkung auf die Größenordnung und die Schwierigkeit der Kontrolle würde hervorgerufen werden durch weitverbreitete bürgerkriegsähnliche Verwirrungen in den Feindstaaten? Würden Besatzungsarmeen erforderlich sein? Wie weit könnten Vorteile aus der Vorherrschaft zur See und in der Luft gezogen werden, um unter diesen Bedingungen sparsam mit dem Bedarf an Landstreitkräften zum Zwecke der Kontrolle umgehen zu können?

(4) Welche Teile würden zugeteilt den
(a) Russen
(b) Polen
(c) Tschechen
(d) Niederländern
(e) Norwegern
(f) Belgiern
(g) Franzosen
(h) Jugoslawen
(i) Griechen?

(5) Welche Schritte würden unternommen werden müssen, um sicherzustellen, daß, wenn diese Alliierten in einem großen Ausmaß an der Erzwingung der Kontrolle beteiligt wären, die generelle Richtung der Kontrolle in den Händen der Briten und Amerikaner bleiben würde?

(6) Ist es zur Zeit grob möglich, den Abschnitt des Waffenstillstandes zu umreißen, der Vorkehrungen für die unmittelbare Institutionalisierung der Kontrolle treffen wird?

B. Spätere Phasen.
(1) Unter welchen allgemeinen Bedingungen könnte eine einseitige Entwaffnung Deutschlands und Italiens durchgesetzt werden?
(2) Welche bewaffneten Kräfte müßten die Alliierten in den beiden Ländern stationiert halten und für wie lang?
(3) Von wo würden sie gezogen werden?
(4) Würden Erwägungen bezüglich des industriellen Arbeitskräfte-Bedarfs viel zählen hinsichtlich der Fähigkeit der Regierung des Vereinigten Königreichs, für einen undefinierten Zeitraum zu einer Aufrechterhaltung jenes Typs von Kontrolle beizutragen, über den nachgedacht wird?
(5) Um welche Art von Hilfe, wenn nötig, sollten wir uns zu erhalten bemühen von (a) Amerika; (b) den Dominions; und für wie lang?
(6) Welche industriellen Anlagen in den Feindstaaten müßten demontiert werden als ein integraler Bestandteil jedes Prozesses einseitiger Entwaffnung? Welche Vorkehrungen müßten getroffen werden, um sich gegen die Wiedererrichtung der demontierten Anlagen durch offene oder verdeckte Methoden zu versichern?
(7) Wenn seitens einer Macht zum Zweck der Durchführung einer Friedensregelung Erleichterungen garantiert werden für die Aufrechterhaltung in seinem Territorium durch See- und Luftbasen seitens einer anderen Macht oder anderer Mächte, wo werden diese internationalen Militärbasen wahrscheinlich liegen und durch wen werden sie belegt?