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Sonntag, 31. Dezember 2017

Inferno in Zolchow

Mai 1945 - "Ich kann nicht mehr leben in diesem geschändeten Haus, ich helfe mir selbst."

Otto Bading der Jüngere (1904-1945) in Zollchow (Wiki) und Otto Bading (1906-1979) in Bahnitz lebten mit ihren Familien etwa 20 Kilometer voneinander entfernt in Bauerndörfern im Elb-Havel-Winkel, bzw. im Westhavelland. Sie waren nicht nur Namensvettern, sondern auch richtige Vettern, genauer gesagt: Halbvettern.*) Der Bahnitzer Otto Bading war der Opa des Verfassers dieser Zeilen. Die beide Vettern hatten denselben Großvater Bading aus Bahnitz. Sie waren beide Bauernsöhne und Hoferben.  

Abb. 1: Konfirmation von Elfriede Bading, der jüngeren Schwester von Otto Bading auf Hof Nr. 5 in Bahnitz im Jahr 1927 - Die Zollchower Verwandtschaft ist vollständig versammelt**)

Der Bahnitzer Otto hatte sich seine Frau Johanna aus Zollchow geholt (die Oma des Verfassers dieser Zeilen). Dort hatte er sie - vermutungsweise - während eines Besuches oder auf einer Familienfeier kennen gelernt. Wenn es Familienfeiern gab - wie Taufen, Konfirmationen, Hochzeiten oder Sterbefälle - kamen beide Familien zusammen, einmal in Zollchow, einmal in Bahnitz (Abb. 1). 

Von einer solchen Familienfeier hat sich in Familienalben ein Foto erhalten (Abb. 1). Der Autor dieser Zeilen hatte dieses Foto immer als eine harmlose Fotografie erachtet. Er hatte bis heute - bis zum Jahr 2017 - nicht gewußt, welch schweres Schicksal eine der darauf abgebildeten Familien im Jahr 1945 in Zollchow erlebte.

Der Zollchower Otto hatte in den 1920er Jahren den Hof seines Vaters übernommen. Er ist laut NSDAP-Mitgliederpartei am 1. Mai 1933 der NSDAP beigetreten (Archives) und war dann in Zollchow Ortsbauernführer geworden. Der Bahnitzer Otto hat ebenfalls den Hof seines Vaters übernommen und war nach 1933 Ortsgruppenleiter, Amtsvorsteher und Bezirksbauernführer in Bahnitz geworden. Und das Schicksal des Zollchower Otto Bading, seiner Ehefrau und seiner beiden minderjährigen Kinder im Mai 1945 lassen erahnen, was auch dem Bahnitzer Otto Bading, dem Opa des Verfassers dieser Zeilen, sowie seinen damals minderjährigen Kindern im Mai 1945 in Bahnitz hätte widerfahren können, wenn sich der Bahnitzer Otto Bading zum Zeitpunkt des Einmarsches der Roten Armee nicht in französischer Kriegsgefangenschaft befunden hätte, sondern zu Hause auf seinem Hof in Bahnitz im Elb-Havel-Winkel. 

Abb. 2: Otto Bading aus Zollchow - Foto auf der Rückseite seiner Karteikarte in der NSDAP-Mitgliederkartei (Archives)

Über das Schicksal des Zollchower Otto Bading und seiner Familie berichtet der letzte Gutsherr von Zollchow, der Leutnant a. D. Martin von Katte (1896->1987), in seinen Erinnerungen (1). Der Name von Katte hat in unserer Familie einen guten Klang. Unsere Oma Johanna Bading (1911-1985), geborene Bleis, die in Zollchow als Halbbauern-Tochter geboren und aufgewachsen war (5), hat oft von den Katte's gesprochen. Der Name von Katte wurde von ihr bis an ihr Lebensende mit Hochachtung genannt. Wenn sie Ilse von Bredows "Kartoffeln mit Stippe" las, dachte sie wohl immer an ihre Zollchower Gutsfamilie von Katte, die einen ähnlich historischen Namen hatte wie die Bredows und in der ähnliche Mentalitäten mögen vorherrschend gewesen sein. 

Inferno in Zollchow

Dem Gutsherrn Martin von Katte (1896->1987) gelang es noch Anfang April 1945, sich und seine Familie mit einem LKW von Zollchow aus in das Jagdhaus des Großvaters in den Harz bei Quedlinburg abzusetzen (1, S. 124). Seine Mutter Katharina, geborene Hoth (1874-8.5.1945) (Stammreihen), hatte in Zollchow zurück bleiben wollen. Das vormalige polnische Hausmädchen Christina kam nach dem Einmarsch der Russen noch einmal in den Harz, um sich noch ein Zeugnis ausstellen zu lassen, bevor sie in ihre Heimat in Polen zurück kehrte. So etwas also gab es auch. Martin von Katte erfuhr von ihr, was sich nach der Besetzung in der Nacht vom 5. auf den 6. Mai 1945 durch die Rote Armee (s.a. 4) in Zollchow zugetragen hatte (1, S. 156):

Christina brachte Nachricht vom Tode meiner Mutter am 8. Mai; Christina berichtete zögernd, der Reihe nach. Wie die alte Dame am Fenster stand, als die beiden Granaten in unser Hausdach schlugen und auch wie unsere Hofrussen Abschied nahmen. (...) Des Nachts rollten die Sowjetpanzer durch das Dorf. Denunziert wurde nach Gut- und Schlechtdünken, dazu genügen wenige Personen. Den Herrn Bauernführer führte man ins Spritzenhaus; nach schwerer Folterung wieder freigelassen, wankte er über die Straße zurück ins Haus und erschoß seine schöne, schwer verletzte Frau und seine Kinder, ehe er die Flinte gegen sich selbst richtete. Daraufhin haben auch seine Schwiegereltern, die um zwei Hofstellen weiter wohnenden würdigen Windmüllersleute, ihr Leben beschlossen.

Diese Schwiegereltern waren das Ehepaar Schwarzlose (2). Sie haben sich in einer nahegelegenen Schonung an Bäumen aufgehängt. Alles das geschah am 7. Mai 1945. Und all das erinnert sehr an das Schicksal der Familie Zander, die sich vier Tage später in Nitzahn das Leben nehmen sollte (4). Von diesen Schicksalen wurde in der Bahnitzer Familie Bading, in der schon manches aus dem Erleben des Mai 1945 sehr genau erzählt wurde (4), nie so erzählt, daß das Angehörige der Enkelgeneration mit Bewußtsein wahrgenommen hätten. Es war wahrscheinlich in den Erzählungen schon präsent, wurde aber nur so angedeutet, daß es die Enkel gar nicht in seinen furchtbaren Dimensionen mitbekommen haben. Für diese waren auch die örtlichen und verwandtschaftlichen Verhältnisse zwei Generationen vor ihnen zu verwirrend, um für solche Andeutungen Interesse zu entwickeln.

Jedenfalls muß der Autor dieser Zeilen erst im Dezember 2017 diese Erinnerungen Martin von Katte's in die Hand bekommen, um zu erfahren, was die beiden vorigen Generationen in der Familie als traumatischstes Erleben offensichtlich mehr beschwiegen haben als daß sie darüber redeten. Oma Johanna Bading (1911-1984), als Bleis geboren in Zollchow, hatte sich mit ihren Kindern noch am 6. Mai in Zollchow befunden, wo sie mit vielen anderen Zollchowern sich in der Nacht zuvor im Wald eingegraben hatte (4). Sie fuhr aber noch am gleichen Tag mit dem Pferdefuhrwerk zurück ins ebenfalls von der Roten Armee besetzte Bahnitz (4). So wird sie von dem Schicksal ihrer angeheirateten Verwandten und der alten Gutsherrin in Zollchow auch erst Tage oder Wochen später erfahren haben zusammen mit so vielem anderen, was man in dieser Zeit erlebte und erfuhr. Von  so vielen Dörfern hörte man ja ähnliches. Vielleicht auch erst fünfzig Jahre später stand in der Zeitung lesen, welche schrecklichen Ereignisse sich etwa in dem Dorf Mögelin südlich von Rathenow ereigneten. So auch in Zollchow auf der anderen Seite der Havel. Martin von Katte schreibt weiter (1, S. 156f):

Den Gastwirt, der, im Verdacht, Zigaretten verschoben zu haben, Todfeinde hatte, führte man großartig vor das Kriegerdenkmal und erschoß ihn. Christina nannte noch andere, die in jenen Tagen Abschied nahmen.

Bei dem Gastwirt handelte es sich um Alwin Rahne (2). Martin von Katte's 72-jährige, schwerhörige Mutter sei ihres Hauses verwiesen worden, habe im überfüllten Haus des Gutsverwalters John gewohnt, habe im Garten Maiblumen gepflückt und diese in die Häuser der Bauern auf die Tische gelegt. Womöglich blieb ihr nicht mehr zu tun, da es auch kein ordentliches Begräbnis für die vielen ums Leben gekommenen Menschen allen Alters und Geschlechts gab in jenen Tagen:

Am dritten Tag, dem Dienstag, sah man die alte Dame zur Grille gehen wie seit Jahren zu gewohnter Stunde im gewohnten Lodenmantel (...) zwischen den frischen Schützenlöchern hindurch - nur daß sie einige Male stehen blieb und auf das Dorf zurück blickte.

"Grille" ist ein Ortsteil von Zollchow, der von der Familie von Katte im 19. Jahrhundert als Schäferei begründet wurde.***) Auf dem Grab ihres Ehemannes habe sie sich dann das Leben genommen. In ihrer Manteltasche habe sich ein Brief gefunden, der mit den Worten begann:

"Ich kann nicht mehr leben in diesem geschändeten Haus, ich helfe mir selbst."

Nach dem Freitod ihres Bruders Otto Bading und seiner Familie war nun Maria Hufschläger (gest. 2002) Hoferbin. Da der Hof aber über 60 Hektar Land besaß, wurde das Land noch im Sommer 1945 im Rahmen der Bodenreform eingezogen - ebenso wie das Gutsland von Katte und das Land des Grafen von der Recke (3, S. 23), der das Jagdschloß gekauft hatte. Maria Hufschläger wurde also sehr frühzeitig enteignet. Es liegen noch viele ihrer Eingaben vor, in denen sie gegen diese Enteignung in den Jahren 1945 bis 1948 Einspruch erhob, und erneut 1990 - immer ohne Erfolg. Ihre Familie und ihre beiden Kinder blieben in Zollchow wohnhaft bis nach 1990 ("Tante Mariechen Hufschläger").

Die Erinnerungen des Martin von Katte

In den Erinnerungen des Martin von Katte (1896->1987) finden sich auch sonst wertvolle Angaben zur Geschichte des Dorfes Zollchow und seiner Bauernfamilien während der 1930er und 1940er Jahre (1). Überhaupt lernt man in ihnen besser die Lebensverhältnisse in dieser Gegend kennen, insbesondere aus Sicht einer alt eingeborenen Adelsfamilie.

Einstweilen ist uns ansonsten über die Zollchower Badings nicht sonderlich viel bekannt. Der Hof dort hatte 66 Hektar Land, während der Bahnitzer Hof 44 Hektar hatte. Dementsprechend gab es schon während des Ersten Weltkrieges auf dem Bading'schen Hof in Zollchow 30 Kriegsgefangene. Zum Vergleich: auf dem Gutshof von Katte gab es 16 und auf dem Forsthof des Gutes von Katte gab es 13 (2). Ähnlich könnte es dann im Zweiten Weltkrieg gewesen sein, so daß der Hofinhaber, der zugleich Ortsbauernführer war, natürlich für viele Kriegsgefangene eine besondere Bedeutung gehabt haben wird in Zollchow. 

Während des Ersten Weltkrieges waren Otto Bading aus Zollchow (Abb. 1 oben rechts) und ein Wilhelm Bading aus Zollchow als Soldaten eingezogen, ebenso wie der Bahnitzer Vetter Gustav Bading und ebenso wie in Zollchow der Gutsbesitzer Georg von Katte und sein Sohn Martin von Katte (1896->1987) (2). Ebenso auch der spätere Zollchower Schwiegervater des Bahnitzer Otto Bading, nämlich Wilhelm Bleis. Martin von Katte kehrte als schwer verletzter Leutnant a. D. der Fliegertruppe aus dem Krieg nach Hause. Dort lebte er anfangs unter verarmten Verhältnissen (1). Der Forsthof des Gutes hatte verkauft werden müssen.

Der "jüngere" Zollchower Otto Bading heiratete - vielleicht schon in den 1920er Jahren - eine Helene Schwarzlose aus Zollchow, die dort nur zwei Höfe weiter aufgewachsen war. Das Ehepaar hatte zwei Kinder. Der Bahnitzer Vetter und Namensvetter Otto Bading (der Opa des Autors dieser Zeilen) heiratete 1932 Johanna Bleis aus Zollchow (5), die er vielleicht bei einem Verwandtenbesuch oder auf einer Familienfeier seiner Zollchower Verwandten kennengelernt hatte.

Über den Zollchower Gutshof wird berichtet (2):

Der Gutshof lag an der Nordostecke des Dorfes und war durch eine höhere rote Ziegelmauer vom Umfeld getrennt. Durch zwei Tore kam man auf die Anlage; der Hauptzugang erfolgte vom Ort aus; über das zweite Tor hinter den Viehställen zur Straße nach Vieritz am Kriegerdenkmal hin erreichte man kürzer die Grille*). (...) Erst 1926 übernahm Leutnant Martin von Katte das ganze Gut wieder.

Martin von Katte lebte geistig in den Traditionen seiner Vorfahren und im Adelsbewußtsein der Familie von Katte, die auch preußisches Offiziersbewußtsein mit einschloß (1).

Martin von Katte brachte einen Hauch von "großer Literatur" nach Zollchow

Im Zweiten Weltkrieg tat er beispielsweise Dienst in Finnland und lernte dort den General Dietl (1890-1944) (Wiki) persönlich kennen, von dem er mit großer Hochachtung schreibt. Auch fühlte sich Martin von Katte der Pflege der deutschen Sprache verpflichtet und veröffentlichte Gedichte. Aufgrund solcher Interessen und adliger, verwandtschaftlicher oder gutsnachbarlicher Verbindungen war er befreundet, bekannt oder verwandt mit vielen Menschen aus dem damaligen Literaturleben Deutschlands. In seinen Erinnerungen (1) werden Namen genannt wie Rudolf Alexander Schröder, Börries von Münchhausen, Karl Wolfskehl, Friedrich Franz von Unruh, Hermann Graf von Keyserling, Ernst Jünger und Wolf Jobst Siedler (s. a. Amazon 1978, Der Spiegel 1982, Die Welt 2000, PNN 2004). Von diesen weilten auch viele zu Besuch in Zollchow, besuchten als Taufpaten der Kinder Martin von Kattes die Zollchower Kirche.

In seinen Erinnerungen (1) erwähnt Martin von Katte nun auch mehrmals den Zollchower Bauern und Ortsbauernführer Otto Bading. Von Katte's zweiter Sohn "Petz" (Bernhard Heinrich von Katte), der 1941 vier Jahre alt war, der aber schon mit 10 Jahren 1947 an Diphterie sterben sollte, ging damals vom Gutshaus aus selbständig auf Wanderschaft im Dorf (1, S. 38f):

Mit der Zeit kam er in die meisten Häuser, hielt Vorsprache auch in den vornehmsten der Bauern Witthuhn, Wenzlau, Hübner und Bading. Bisweilen bekamen wir frohe Botschaft: "Gestern war Petz bei uns, das ist aber einer!"

Es wird auch über den "Bauer Berendt, genannt der Löwe," berichtet, "dessen Haus seit zwei Generationen der Gutsherrschaft gram war", und der wegen eines zu flickenden Loches im Zaun angemahnt worden war, das neben den Hausgänsen auch der kleine Petz benutzen würde:

Der Weißbärtige brauste nicht auf, sondern murmelte einlenkend: "Der kann auch vornherum kommen."

Über den Gutsnachbarn Günther von Kluge (1882-1944) (Wiki) aus Böhne wird von Martin von Katte für die Jahre 1942 oder 1943 berichtet (1, S. 105):

Eines Vormittags sagte sich der Nachbar aus Böhne an. Herr von Kluge kommt über die grüne gemeinsame Grabengrenze. Er ist Oberbefehlshaber des Heeres Mitte im Osten, doch jetzt geht es um komplizierte Fragen der Wassergenossenschaft. Ich bat unseren Schriftführer Otto Bading herüber, der zugleich "Ortsbauernführer" ist. Der meldet sich nach klärender Besprechung mit den Worten ab: "Herr Feldmarschall, wat wärt'n nu? Wi mütten uppassen." Auch mit dem Kreisbauernführer Hermann Mosow in Tuchheim (...) bestand Einvernehmen. (...) Bei einer Begegnung in der Waldstille (...) bremste er scharf, sprang aus dem Auto, um meine Hand vertraulich zu nehmen: "Katte, jlaubste noch?" Ein klar zweideutiges "Ja". Wortlos aufmunternder Abschied.

Hier ging es wohl um den Glauben an den "Endsieg". Der war für den Bahnitzer Otto Bading ja schon spätestens 1941 fragwürdig geworden. Dieser war 1941/42 seiner Ämter enthoben und zum Kriegsdienst eingezogen worden.

Nackter Materialismus nach 1945

Das Gutshaus von Katte wurde 1948, das Jagdschloß, bzw. Forsthaus von Katte, das einen Kilometer südlich des Dorfes in schönem Mischwald lag, wurde 1949 abgerissen (3, S. 28). Liest man die Erinnerungen des Martin von Katte (1) und hält sie zusammen mit so vielen anderen Erinnerungen von Angehörigen des ostelbischen Adels aus jener Zeit, wird einem erst bewußt, wie viel Kultur und Kulturbewußtsein damals insbesondere mit den märkischen Adelsfamilien vernichtet oder vertrieben worden ist. 

Fast möchte man sagen: Das Land Brandenburg hat mit ihnen sein Gesicht verloren. Und dieses Gesicht ist auch nach 1990 nicht wiederhergestellt worden, da die Enteignungen ja nicht rückgängig gemacht worden sind.

Auch in Zollchow gingen zudem viele der großen Bauern 1953 in den Westen. Auch diese Abwanderung der großen Bauern bedeutete eine starke Gesichtsveränderung für die Länder östlich der Elbe. Die Menschen haben sich in vierzig Jahren Kommunismus in ganz andere Lebensverhältnisse hinein gefunden als im Westen. Jahrzehnte lange Gewöhnung nutzt die Seelen ab, ob man unter dem kapitalistischen Materialismus des Westens oder unter dem kommunistischen Materialismus des Ostens lebte. 

Und bis heute wird über das erschütternde Geschehen bei Kriegsende mehr geschwiegen als gesprochen. Dabei hilft Austausch innerhalb der Gemeinschaft und gegenseitige Anteilnahme bei der Trauma-Verarbeitung (6).

_____________
*) Bei den Zollchower Verwandten handelte es sich um den Halbbruder, bzw. den Vetter der Bahnitzer Badings. Zur Erläuterung dieser Verwandtschaft: Der Großvater von Otto Bading (1906-1979) in Bahnitz, der 1901 gestorbene Friedrich Wilhelm Bading, hatte nach dem Tod seiner ersten Ehefrau ein zweites mal geheiratet. Aus dieser Ehe war Otto Carl Friedrich Bading (1873->1927) hervorgegangen, der die Tochter des Bauern Wernicke in Zollchow geheiratet hatte und der dort den 66 Hektar großen Hof der Wernickes übernommen hatte. 1927 ist dieser - vermutlich zusammen mit seinen Kindern und Enkelkindern - als älterer Herr auf einer Familienfotografie oben links zu sehen (Abb. 1), die aus Anlaß der Konfirmation der zweijüngsten Tochter Elfriede seines Halbbruders Gustav Bading (1870-1941) (Abb. 1 oben rechts) in Bahnitz entstand. - Dieser Zollchower Otto Bading der Ältere hatte zwei Kinder: Otto Bading und Marie, spätere in Zollchow verheiratete Hufschläger. Womöglich sind diese auch noch auf der Familienfotografie in Abb. 1 zu sehen, aber sie können einstweilen nicht sicher zugeordnet werden. 1927 hatte der Bahnitzer Otto Bading als Arbeiter in Sachsen die NSDAP kennen gelernt und war Mitglied in ihr geworden. Vermutlich ist auch sein Vetter und Namensvetter in Zollchow um diese Zeit in die NSDAP eingetreten.
**) Zur Konfirmation von Elfriede Bading (spätere nach Ingolstadt verheiratete Puhlmann - Tante "Elfriedchen", geboren 1913), die vorne Mitte-links neben ihrer Schwester Emma Lindenberg (Wusterwitz) steht, war viel Verwandtschaft in Bahnitz vor der Haustür von Hof Nr. 5 versammelt und ließ sich fotografieren: Tante Emma (Lindenberg, Wusterwitz) ist in der vordersten Reihe die dritte von links, ihre Schwester Elfriede die vierte von links. Ganz rechts in der vordersten Reihe steht ihrer beider Schwester Lucie. Und in der Mitte zwischen ihnen ihr Bruder Otto. Die Mutter von den vieren, Emma Bading, geborene Mohr, steht hinter Elfriede, der Vater der vier, Gustav Bading, steht ganz oben rechts. Neben ihm links steht sein Halbbruder, der Zollchower Otto Bading. - Dem Alter nach könnte der junge Mann rechts der Konfirmandin der Sohn des Zollchower Otto Bading, wiederum ein Otto Bading sein. Vor ihm könnte seine Frau Helene (geb. Schwarzlose) und ihre zwei Kinder stehen, rechts hinter ihm seine Mutter (geb. Wernicke). (Der alte Mann mit Bart ganz rechts war wohl der Stiefvater von Emma Bading, geb. Mohr, mit Familiennamen Meinecke aus Bahnitz.)
***) Jemand sagte: "Ach, das ist auch wieder so eine Grille von dem von Katte." Und dieser gab daraufhin der Schäferei diesen Namen (1).
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  1. von Katte, Martin: Schwarz auf Weiß. Erinnerungen eines Neunzigjährigen. Wolf Jobst Siedler Verlag, Berlin 1987
  2. Geffert, Hans-Joachim: Zollchow - Eine unvollständige Chronik. Nach Notizen der Lehrer Fritz Geffert und August Brand. 2011, http://www.milow.de/verzeichnis/visitenkarte.php?mandat=187048 
  3. Anft, Gisela: Chronik Zollchow, 1993, http://www.milow.de/verzeichnis/visitenkarte.php?mandat=187048 
  4. Bading, Ingo: Der 4. Mai 1945: Das Kriegsende in den Dörfern des Havelbogens Möthlitz, Kützkow und Bahnitz - Eine regionale Studie zu den letzten Kämpfen des Zweiten Weltkrieges. Auf: Studium generale, 7. August 2011, http://studgendeutsch.blogspot.de/2011/08/der-4-mai-1945-das-kriegsende-in-den.html
  5. Bading, Ingo: Bauern, Büdner, Häusler, Grenadiere und Kuhhirten - Meine Oma und ihre Vorfahren aus dem Dorf Zollchow im Havelland. Preußenblog, 30. September 2017, http://preussenlebt.blogspot.de/2017/09/bauern-budner-hausler-und-kuhhirten.html 
  6. An evolutionary theory of moral injury with insight from Turkana warriors. Matthew R. Zefferman, Sarah Mathew. In: Evolution and Human Behavior, Available online 16 July 2020, https://doi.org/10.1016/j.evolhumbehav.2020.07.003, https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S1090513820300829

Sonntag, 21. Oktober 2007

Die Sowjetisierung Europas bis zur Elbe als antipreußisches Kriegsziel

Ein Dokument aus dem Foreign Office aus der ersten Phase des Zweiten Weltkrieges

In diesem Beitrag soll auf ein Dokument aufmerksam gemacht werden, das sich in dem von dem deutschen Historiker Rainer A. Blasius herausgegebenen Band "Dokumente zur Deutschlandpolitik, Band I/1: 1939 - 1941. Britische Deutschlandpolitik", Frankfurt/M. 1984 befindet. Man findet dieses Dokument zum Beispiel, wenn man im zugehörigen Stichwortverzeichnis den Begriff "Sowjetisierung Europas" entdeckt und ihm nachgeht. Das Dokument gehört zu jenen im Jahr 1984 neuen Dokument-Veröffentlichungen aus dem britischen Foreign Office, die den deutschen "Historikerstreit" des Jahres 1985 auslösten. Der Historikerstreit wurde vom Zaun gebrochen, damit die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit von solchen britischen Kriegszielen schon im Jahr 1941 abgelenkt wurde. Wer solche Kriegsziele schon im Jahr 1941 verfolgte, konnte und wollte sie nicht mit dem Holocaust begründen. Diese Kriegsziele waren keine Reaktion auf den Holocaust, obwohl sich dies im nachherigen Bewusstsein der Welt so eingebrannt hat.

Im Historikerstreit hatten sich die Historiker Andreas Hillgruber und Dieter Hildebrandt inhaltlich auf derartige Dokumente bezogen.

Abb. 1: Magisterarbeit
Ich selbst habe in meiner Magisterarbeit von 1993 (Lulu.com) das folgende Dokument in den Mittelpunkt meiner Argumentation gestellt, es als eine Art Schlüsseldokument behandelt, um das herum eine Fülle von anderen Dokumenten ähnlicher Art gruppiert worden sind. Aus diesen ergibt sich insgesamt eine neue Sichtweise über den Verlauf und das Ende des Zweiten Weltkrieges.

Aber ansonsten soll nach diesen Vorbemerkungen hier einmal das Dokument für sich selbst stehen und es mag sich jeder seine eigenen Gedanken dazu machen. Auch Rainer A. Blasius ist auf dieses Dokument unseres Wissens nirgendwo ausführlicher zu sprechen gekommen. Nur eben dadurch, daß er im Stichwort-Verzeichnis den Begriff "Sowjetisierung Europas" aufnahm und dort auf dieses Dokument hinwies.

Freilich sind seit 1993 - zumal von britischer Seite - zahlreiche neue Studien über die britische Außenpolitik während des Zweiten Weltkrieges erschienen, die klar machen, daß dieses Dokument und die ihm zugrunde liegenden Gedanken keinesfalls eine Einzelerscheinung war.

Das Wesentliche an diesem Dokument ist das Entstehungsdatum, der 19. November 1941, noch während des deutschen Vormarsches auf Moskau und noch vor dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten von Amerika. Es protokolliert eine Gesprächsrunde von führenden Beamten des Foreign Office, die offensichtlich alle wie selbstverständlich Anhänger des "Vansittartismus" waren.

Es folgt der Originaltext, danach die Übersetzung.

19. November 1941: Aufzeichnungen über die Besprechung im britischen Außenministerium: Schlüsselprobleme eines Plans für den Wiederaufbau nach dem Kriege

FO 371/29015/W 13829

A meeting was held in Mr. Law’s room on the afternoon of 19th November, attended by Sir O. Sargent, Sir W. Malkin, Mr. Strang, Mr. Harvey and Mr. Ronald.

Sir O. Sargent’s minute of 3rd November was taken as the basis of discussion. There was general agreement with the proposition in this minute that until we know the degree of continuing force which will be available to maintain a peace settlement, it is impossible to decide its nature or its plan. With a view to estimating the probable resources available for the maintenance and operation of a peace settlement, it was felt that a preliminary review would be necessary of the force available for the execution of the provisions of an armistice. The outline of an armistice could be forseen with tolerable certainty, and a fairly close estimate made of the forces required to give them effect. This review should give some indication of how ambigitious a long-term settlement it was worth while aiming at.

A. Armistice

The meeting was of opinion that the first step should be to obtain from the Service Departments the sort of information required to answer the tentative questionnaire attached to Mr. Ronald’s minute of the 23rd October, supplemented by an enquiry about the policy to be aimed at in this matter of Bases. Generally speaking it was assumed that the armistice would provide for the withdrawal of German forces to specified positions and that the administration of German territory outside these positions would be carried out by the Allies‘ armies of occupation. The responsibility of administering the evacuated and the other territories should, it was felt, be assigned to Germany’s neighbours on the basis of their 1919 boundaries. It would, however, be a waste of time to speculate in any detail on this aspect of the problem at present, seeing that it was only too likely that the armistice between the main belligerents would not be the signal for a general cessation of hostilities: apart from the possibility of civil war in France, etc., there would almost certainly be hostilities of varying degrees of importance between the Hungarians and the Romanians, the Greeks and the Bulgarians, and so on. This period of disorder would rule out the possibility of ordered administration in many parts of Central and South Eastern Europe.

B. Long-term settlement

The ideal settlement would obviously rest on Anglo-American-Russian co-operation. How far America and Russia were prepared to co-operate remained, however, a matter of doubt. Present indications from America did not point to the probability of America’s readiness to take an active part in any settlement of Europe. The extent to which Russia would take into account the views of England and America would almost certainly be conditioned by the measure of her exhaustion at the end of the war and the extant to which she felt dependent on America’s favours. She might, for instance, hesitate to antagonise the United States by sovietising East Germany, by imposing her own domination on Central and South-Eastern Europe, and other such measures on which, if she were confident of her own strength, she might embark. It was not at all improbable, however, that she would occupy the whole of East Germany including Berlin.

Early steps, it was thought, should be taken to lead the United States to a recognition of the need to treat Russia as an equal partner in any peace programme. The earlier, for instance Russia were brought into the international commodity regulation picture the better.

Assuming that the result of the review of our probable resources under (A) and the reaction of America to the prospect of long-term association with Russia were not too discouraging the long-term settlement at which we might aim should cover:

(1) The disarmament, but not the dismemberment of Germany, coupled with provision for the policing of Europe by some permanent international force under joint Anglo-American-Russian control, which would not only stamp at once upon any attempt by Germany to evade the provisions of the armistice or peace treaty, but would generally be sufficient for the restoration and maintenance of order in Europe.

(2) Establishment of bases in order to help maintain peace. By whom are these to be garrisoned?

(3) A North-South bloc, under the joint blessing, if not guarantee, of Great Britain, the United States and the U.S.S.R., between Russian and Germany, consisting of

(a) Poland, Czechoslovakia, Austria, Hungary;
(b) Yugoslavia, Albania, Greece, Bulgaria, Romania and possibly Turkey.
This group should be strategically self-sufficient and probably economically, more especially if they were united under one customs system. The group would be loosely federalised, but to what extent could not of course be accurately foreseen now.

(4) Exchange of populations on a considerable scale would be necessary, as practically all Germany’s neighbours would wish to extrude Germans from their territories, notably Sudentendeutsch from Czechoslovakia and recent immigrants from Poland. Whatever solution were found for the East Prussia problem, a large-scale exchange would almost certainly be necessary there. A Romanian-Hungarian exchange would also be needed in Transylvania.

(5) Future of colonial overseas possessions. Consideration of this should, it was felt, be deferred until the Colonial Office hat completed the study which they are making of this question.

(6) Economic relations. The meeting thought that little progress could be made in considering what our European economic policy should be until some progress had been made in discussing with America the co-ordination of Anglo-United States post-war economic policy. The point at which Russia was brought into the Anglo-American economic discussions would require much careful thought. Equally, in this connexion it was necessary to bear in mind the suggestion made by the Belgian Government and (/that) Belgium and the Congo should be brought into economic association with the British Empire, and the hints by the Dutch that some similar regime might be extended to the Netherlands overseas possessions, if not to Metropolitan Holland.
As stated in Mr. Ronald’s minute of the 23rd October, it was doubtful whether the Minister of Defence would approve of the Foreign Office addressing enquiries at this stage to the Chiefs of Staff. Mr. Law thought that it would be equally difficult to get his permission to submit anything to the Cabinet with a view to getting a ruling on policy from them. In the circumstances the meeting recommended that informal approaches should be made in the first instance to the Service Departments with a view to obtaining the sort of information asked for in Mr. Ronald’s questionnaire. It might be that when some progress had been made on these lines the Service Ministers might be induced to join with the Secretary of State in an approach to the War Cabinet.

Tentative Questionnaire.

A. Immediate post-Armistice Stage.

(1) What type and size of force would have to be immediately available in order to institute effective control after the signature of an Armistice: (a) for Germany; (b) for Italy?

(2) Whence would the necessary forces be drawn:
(a) if America has become a belligerent in the European war;
(b) if she has not;
(c) if the Allies have not at the material time any considerable land forces operating on the main-land of Europe?

(3) What effect on the magnitude and difficulty of control would be produced by widespread civil disturbances in enemy countries? Would armies of occupation be required? How far could advantage be taken of supremacy at sea and in the air to economise the use of land forces for purposes of control in these conditions?

(4) What parts would be allotted to
(a) Russians
(b) Poles
(c) Czechs
(d) Dutch
(e) Norwegians
(f) Belgians
(g) French
(h) Yugoslavs
(i) Greeks?

(5) What steps would have to be taken to ensure that, if these Allies participate on a large scale in the enforcement of the control, the general direction of the control remained in British and American hands?

(6) Is it possible now roughly to outline the section of the Armistice which will make provision for the immediate institution of control?

B. Later stages.

(1) On what general lines could a unilateral disarmament of Germany and Italy be effected?
(2) What armed forces would the Allies have to maintain in the two countries and for how long?
(3) Whence would they be drawn?
(4) Would industrial man-power considerations count for much in the United Kingdom Government’s ability to contribute for an indefinite period to the maintenance of the type of control contemplated?
(5) For what sort of help, if any, should we have to look from (a) America; (b) Dominions; and for how long?
(6) What industrial plant in enemy countries would have to be dismantled as an integral part of any process of unilateral disarmament? What provision would have to be made to ensure against the re-establishment of the suppressed plant by overt or covert methods?
(7) If for the purposes of operating a peace settlement facilities are granted by one Power for the maintenance in its territory of sea and air bases by another Power or Powers where will these international bases probably be and by whom would be garrisoned?

(Entnommen: Dokumente zur Deutschlandpolitik I/1 (1939 – 1941), S. 557 – 560)

Übersetzung

19. November 1941: Aufzeichnungen über die Besprechung im britischen Außenministerium: Schlüsselprobleme eines Plans für den Wiederaufbau nach dem Kriege
FO 371/29015/W 13829

Im Büro von Mr. Law wurde am Nachmittag des 19. November eine Besprechung abgehalten, an der Sir O. Sargent, Sir W. Malkin, Mr. Strang, Mr. Harvey und Mr. Ronald teilnahmen.

Grundlage der Diskussion bildete Sir O. Sargent’s Aufzeichnung vom 3. November. Es bestand eine generelle Übereinstimmung mit dem Vorschlag dieser Aufzeichnung, daß es bis zu dem Zeitpunkt, an dem uns der Umfang der fortdauernd stationierten Streitkräfte bekannt ist, die für die Aufrechterhaltung einer Friedensregelung verfügbar sein werden, unmöglich ist, seine Natur oder seinen Plan zu beurteilen. Um die wahrscheinlich verfügbaren Kräfte für die Aufrechterhaltung und das Funktionieren einer Friedensregelung einschätzen zu können, empfand man, daß ein vorläufiger Überblick über die Kräfte, die für die Ausführung der Vorkehrungen eines Waffenstillstandes verfügbar wären, notwendig sei. Die Umrisse eines Waffenstillstandes können mit angemessener Sicherheit vorausgesagt werden. Und es wurde eine recht gut angenäherte Einschätzung der Kräfte vorgenommen, die erforderlich sind, sie durchzusetzen. Diese Zusammenfassung soll einige Hindeutungen darauf geben, um welch eine ambitionierte langfristige Regelung es ging, der Mühe wert, sie anzustreben.

A. Waffenstillstand

Die Teilnehmer waren der Meinung, der erste Schritt sollte sein, von den Service Departements jene Art von Information zu erhalten, die notwendig ist, um die vorläufigen Fragen zu beantworten, die in Mr. Ronalds Aufzeichnung vom 23. Oktober angesprochen worden waren, ergänzt durch eine Untersuchung über die Politik, die in der Angelegenheit der Militärbasen angestrebt werden sollte. Allgemein gesprochen ist angenommen worden, daß der Waffenstillstand den Rückzug der deutschen Truppen auf festgelegte Positionen vorsehen wird und daß die Verwaltung des deutschen Territoriums außerhalb dieser Positionen von den alliierten Besatzungstruppen durchgeführt werden wird. Die Verantwortung für die Verwaltung der evakuierten und anderen Territorien sollte, so war die vorherrschende Meinung, Deutschlands Nachbarn auf der Basis ihrer Grenzen von 1919 zugesprochen werden. Es wäre jedoch vertane Zeit, gegenwärtig über diesen Aspekt des Problems detaillierter nachzusinnen, da vorauszusehen ist, daß nur allzu wahrscheinlich der Waffenstillstand zwischen den Hauptkriegführenden noch nicht das Signal für ein allgemeines Ende der Feindseligkeiten sein wird: abgesehen von der Möglichkeit eines Bürgerkrieges in Frankreich etc. wird es ziemlich sicher Feindseligkeiten unterschiedlichen Ausmaßes zwischen den Ungarn und den Rumänen, den Griechen und den Bulgaren und so weiter geben. Diese Periode der Unordnung wird in vielen Teilen Mittel- und Südosteuropas die Möglichkeit geordneter Verwaltung ausschließen.

B. Langfristige Regelung

Die ideale Regelung wird augenscheinlich auf anglo-amerikanisch-russischer Kooperation beruhen. Wie weit Amerika und Rußland darauf vorbereitet sein werden, miteinander zu kooperieren, bleibt natürlich eine zweifelhafte Sache. Gegenwärtige Anzeichen aus Amerika deuten nicht auf eine große Wahrscheinlichkeit der amerikanischen Bereitschaft hin, einen aktiven Anteil an irgendeiner Regelung in Europa zu nehmen. Das Ausmaß, in dem Rußland die Meinungen Englands und Amerikas in Rechnung stellen wird, wird sicherlich zu einem Großteil bestimmt sein durch das Ausmaß seiner Erschöpfung am Ende des Krieges und durch das Ausmaß, in der es sich von Amerikas Gunst abhängig fühlt. Es könnte zum Beispiel zögern, den Vereinigten Staaten durch eine Sowjetisierung Ostdeutschlands entgegenzustreben, durch die Einrichtung seiner eigenen Dominanz in Mittel- und Südosteuropa und andere derartige Maßnahmen, auf die es sich, wenn es Zutrauen in seine eigene Kraft besitzt, einlassen könnte. Es wäre ganz und gar nicht unwahrscheinlich, daß es ganz Ostdeutschland einschließlich Berlins besetzen würde.

Es bestand die Meinung, daß früh Schritte unternommen werden sollten, um die Vereinigten Staaten zu einer Anerkennung der Notwendigkeit zu bringen, Rußland in jedem Friedensprogramm als einen gleichwertigen Partner zu behandeln. Um so früher beispielsweise Rußland in das Bild der internationalen Handels-Regulierung gebracht werden würde, um so besser.

Angenommen, das Ergebnis unseres Überblicks über unsere wahrscheinlichen Ressourcen unter (A) und die Reaktion Amerikas auf die Aussicht einer langfristigen Verbindung mit Rußland wären nicht zu entmutigend, sollte die langfristige Regelung, die wir anstreben könnten, beinhalten:

(1) Die Entwaffnung aber nicht Teilung Deutschlands, verbunden mit Vorkehrungen für eine Polizei-Herrschaft in Europa mittels einiger fortdauernd stationierter internationaler Streitkräfte unter gemeinsamer anglo-amerikanisch-russischer Kontrolle, die nicht nur jeden Versuch Deutschlands sofort niedertrampeln, die Vorkehrungen des Waffenstillstandes oder Friedensvertrages zu umgehen, sondern auch ausreichend sein sollten für die Wiederherstellung und Aufrechterhaltung der Ordnung in Europa.

(2) Einrichtung von Militärbasen, um bei der Aufrechterhaltung des Friedens mitzuhelfen. Durch wen sind diese zu garnisonieren?

(3) Ein Nord-Süd-Block unter dem gemeinsamen Segen, wenn nicht der Garantie Großbritanniens, der Vereinigten Staaten und der UdSSR zwischen Rußland und Deutschland, bestehend aus

(a) Polen, Tschechoslowakei, Österreich, Ungarn;
(b) Jugoslawien, Albanien, Griechenland, Bulgarien, Rumänien und möglicherweise Türkei.
Diese Gruppe sollte strategisch unabhängig sein und möglicherweise wirtschaftlich - genauer, wenn sie unter einem Zollsystem vereinigt wäre. Die Gruppe wäre lose föderalistisch aber in welchem Ausmaß kann natürlich gegenwärtig noch nicht akkurat vorhergesagt werden.

(4) Der Austausch von Bevölkerungen in einem beträchtlichen Ausmaß wäre notwendig, weil praktisch alle Nachbarn Deutschlands wünschten, Deutsche aus ihren Territorien zu vertreiben, vor allem die Sudentendeutschen aus der Tschechoslowakei und jüngst in Polen Eingewanderte. Welche Lösung auch immer für das Ostpreußen-Problem gefunden werden würde, ein Austausch großen Ausmaßes würde ziemlich sicher notwendig sein. Ein rumänisch-ungarischer Austausch würde ebenso in Transsylvanien notwendig sein.

(5) Zukunft der kolonialen Übersee-Besitzungen. Erörterungen hierüber sollten, so bestand die Meinung, aufgeschoben werden bis das Colonial Office seine Studie abgeschlossen hat, welche sie (dort) über diese Frage anfertigen.

(6) Wirtschaftliche Beziehungen. Das Treffen war der Meinung, daß nur wenige Fortschritte in der Erörterung gemacht werden könnten, wie unsere europäische Wirtschaftspolitik aussehen sollte, solange nicht einiger Fortschritt in der Diskussion mit Amerika über die Koordination der anglo-amerikanischen Nachkriegs-Wirtschaftspolitik erzielt worden wäre. Der Punkt, an dem Rußland in die anglo-amerikanischen Wirtschafts-Diskussionen gebracht werden würde, erfordert viel sorgfältige Überlegungen. (...)

Wie in Mr. Ronald‘s Aufzeichnungen vom 23. Oktober festgestellt wurde, ist es zweifelhaft, ob der Verteidigungsminister in diesem Stadium akzeptieren würde, Fragen des Foreign Office an den Chief of Staff zu adressieren. Mr. Law nahm an, daß es ebenso schwierig sein würde, seine Erlaubnis zu erhalten, dem Kabinett irgend etwas vorzulegen, um Richtlinien über die Politik von ihnen zu bekommen. Unter diesen Umständen empfahl das Treffen, daß zunächst an die Service Departements informelle Anfragen gestellt werden sollten, um jene Art von Informationen zu erhalten, nach denen in Mr. Ronalds Fragenkatalog gefragt wird. Es könnte sein, daß wenn auf diesen Wegen einige Fortschritte erzielt worden sind, die Service-Minister veranlaßt werden könnten, sich mit dem Außenminister dazu zu verbinden, das Kriegskabinett anzugehen.

Vorläufiger Fragenkatalog.

A. Unmittelbare Phase nach dem Waffenstillstand.
(1) Welche Art und welcher Umfang von Streitkräften würde unmittelbar verfügbar sein müssen, um nach der Unterzeichnung eines Waffenstillstandes effektive Kontrolle auszuüben: (a) für Deutschland; (b) für Italien?

(2) Von woher würden die notwendigen Kräfte gezogen:
(a) wenn Amerika eine kriegführende Macht im europäischen Krieg geworden ist;
(b) wenn sie es dies nicht geworden ist;
(c) wenn die Alliierten zu dem bestimmten Zeitpunkt keine irgendwie ausschlaggebenden Landstreitkräfte haben, die auf dem europäischen Festland operieren?

(3) Welche Auswirkung auf die Größenordnung und die Schwierigkeit der Kontrolle würde hervorgerufen werden durch weitverbreitete bürgerkriegsähnliche Verwirrungen in den Feindstaaten? Würden Besatzungsarmeen erforderlich sein? Wie weit könnten Vorteile aus der Vorherrschaft zur See und in der Luft gezogen werden, um unter diesen Bedingungen sparsam mit dem Bedarf an Landstreitkräften zum Zwecke der Kontrolle umgehen zu können?

(4) Welche Teile würden zugeteilt den
(a) Russen
(b) Polen
(c) Tschechen
(d) Niederländern
(e) Norwegern
(f) Belgiern
(g) Franzosen
(h) Jugoslawen
(i) Griechen?

(5) Welche Schritte würden unternommen werden müssen, um sicherzustellen, daß, wenn diese Alliierten in einem großen Ausmaß an der Erzwingung der Kontrolle beteiligt wären, die generelle Richtung der Kontrolle in den Händen der Briten und Amerikaner bleiben würde?

(6) Ist es zur Zeit grob möglich, den Abschnitt des Waffenstillstandes zu umreißen, der Vorkehrungen für die unmittelbare Institutionalisierung der Kontrolle treffen wird?

B. Spätere Phasen.
(1) Unter welchen allgemeinen Bedingungen könnte eine einseitige Entwaffnung Deutschlands und Italiens durchgesetzt werden?
(2) Welche bewaffneten Kräfte müßten die Alliierten in den beiden Ländern stationiert halten und für wie lang?
(3) Von wo würden sie gezogen werden?
(4) Würden Erwägungen bezüglich des industriellen Arbeitskräfte-Bedarfs viel zählen hinsichtlich der Fähigkeit der Regierung des Vereinigten Königreichs, für einen undefinierten Zeitraum zu einer Aufrechterhaltung jenes Typs von Kontrolle beizutragen, über den nachgedacht wird?
(5) Um welche Art von Hilfe, wenn nötig, sollten wir uns zu erhalten bemühen von (a) Amerika; (b) den Dominions; und für wie lang?
(6) Welche industriellen Anlagen in den Feindstaaten müßten demontiert werden als ein integraler Bestandteil jedes Prozesses einseitiger Entwaffnung? Welche Vorkehrungen müßten getroffen werden, um sich gegen die Wiedererrichtung der demontierten Anlagen durch offene oder verdeckte Methoden zu versichern?
(7) Wenn seitens einer Macht zum Zweck der Durchführung einer Friedensregelung Erleichterungen garantiert werden für die Aufrechterhaltung in seinem Territorium durch See- und Luftbasen seitens einer anderen Macht oder anderer Mächte, wo werden diese internationalen Militärbasen wahrscheinlich liegen und durch wen werden sie belegt?