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Montag, 15. Juli 2019

Unislaw - Ein Dorf im Kulmer Land an der Weichsel

Das westpreußische Dorf Unislaw an der Weichsel in den Jahren 1919 bis 1949
Gliederung:
A. Leben vor 1939
B. Grausamkeiten im September 1939 und danach
C. Die Flucht und die Kämpfe um die Festung Thorn Januar/Februar 1945
D. Hunger, Seuchen, Zwangsarbeit, Grausamkeiten, Deportationen nach Sibirien (bis 1949)

Mit dem Dorf Unislaw (Kulmisch Wenzlau) (Wiki) an der Weichsel  beschäftigte sich der erste Teil dieses Aufsatzes (Preußen lebt) aus dem Anlaß, daß in einer internationalen Archäologie-Zeitschrift von der Ausgrabung einer mittelalterlichen Ordensburg daselbst von Seiten polnischer Archäologen der Universität Thorn berichtet worden war. Der Aufsatz gibt auch nicht andeutungsweise ein Wissen von den schweren Schicksalen der Bewohner dieses Dorfes im Zwanzigsten Jahrhundert kund, und daß diese Bewohner zu mindestens einem Drittel seit der Ordensritterzeit Deutsche waren. Deshalb soll in diesem zweiten Teil einiges über das berichtet werden, was die Bewohner in Unislaw zwischen 1919 und 1949 erlebten. Erst nach längerer Recherche stoßen wir darauf, daß der Westdeutsche Rundfunk im Jahr 2009 eine Dokumentation erstellt hat (4), in der einiges von dem Schicksal des Dorfes Unislaw - aufgrund der Erinnerungen eines ehemaligen deutschen Bewohners (Hanno Henatsch) - sehr unmittelbar zur Sprache kommt. Der Film ist - nicht nur deshalb - sehr bewegend. Er vermittelt auch allgemein einen wertvollen Eindruck von dem Leben und Schicksal der deutschen Minderheit im polnischen Machtbereich in der Zwischenkriegszeit.

Worauf aber auch der Film nur sehr kurz an seinem Ende hinweist, ist wiederum der Umstand, daß fast jeder Ort, der von Deutschen bewohnt worden war östlich der Elbe im Jahr 1945 schwere bis schwerste Schicksale erlebt hat, daß seine Bewohner durch die Hölle auf Erden gegangen sind. All dies sei im folgenden aufgezeigt anhand des Beispiels des Dorfes Unislaw in Westpreußen, soweit dies aufgrund der Quellenlage möglich ist.

In Unislaw gab es eine Zuckerfabrik, die zugleich Kunsthonigfabrik war. Sie war weit über das Dorf hinaus bekannt unter dem Namen "Unamel". Ihr Inhaber war die Familie des Fabrikdirektors Henatsch, des Vaters des schon erwähnten Hanno Henatsch. 

Abb. 1: Der Bahnhof und die Zuckerfabrik von Unislaw - Postkarte, aus der Zeit vor 1914

Die Firma trug in den 1920er Jahren den Namen "Unamel".

Die Familie Henatsch in Unislaw

1919 hieß es in der Chemiker-Zeitung über ihren Inhaber und Fabrikdirektor (siehe Google Bücher):

Dr. Wilhelm Henatsch beging am 1. April sein 25-jähriges Jubiläum als Direktor der Zuckerfabrik Unislaw.

Seit dem 19. Jahrhundert war die Fabrik im Besitz der Familie Henatsch und ging in jener Zeit von Dr. Wilhem Henatsch Vater auf Dr. Wilhelm Henatsch Sohn über. Wilhelm Henatsch Sohn wurde der "König von Unislaw" genannt und war eine eindrucksvolle Unternehmer-Persönlichkeit, wie sich sein Sohn Hanno erinnert (4, 17:30). 1922 erbaute die Familie in Unislaw auch eine prächtige Villa, die heute nicht mehr in einem so schönen Zustand wie damals ist und von polnischen Familien bewohnt wird (4, 18:30).

Aufgrund des Versailler Vertrages kam das Kulmer Land, zu dem Unislaw gehörte, am 20. Januar 1920 ohne Volksabstimmung unter polnische Oberhoheit. Über den Anteil der Nationalitäten im Landkreis Kulm (also im Kulmer Land) ist schon im ersten Teil berichtet worden. 1910 lebten in ihm 28.000 Katholiken neben 20.000 Protestanten (Wiki), wobei fast alle Katholiken Polen und fast alle Protestanten Deutsche waren. Dies war auch schon 1821 so gewesen, als dort 17.000 Katholiken neben 12.000 Protestanten (Wiki) gelebt hatten. Die Deutschen hatten im Land seit Jahrhunderten den wirtschaftlich und kulturell dominierenden Volksteil dargestellt, auch dort, wo sie zahlenmäßig in der Minderheit waren. Auch der Domänenpächter in Unislaw trug 1876 zum Beispiel einen deutschen Namen, ebenso ein anderer Bauer ("Besitzer"). Ein Organist des Dorfes trug einen polnischen Namen (GB).

Der Reichstagswahlkreis Marienwerder, zu dem Unislaw mit dem Kreis Kulm gehörte, hatte bis 1912 in unregelmäßigem Wechsel einmal einen Abgeordneten der Polnischen Fraktion in den Reichstag gewählt, einmal einen Abgeordneten der deutschen Nationalliberalen Partei (Wiki). In Unislaw selbst wurden Dorf und Gut voneinander unterschieden. In beiden gab es jeweils zwei Drittel Polen und ein Drittel Deutsche, im Dorf 247 Polen und 115 Deutsche, auf dem Gut 125 Polen und 45 Deutsche (1, S. 136). Diese Zahlen machen also klar: Dies war nicht nur die Heimat von Polen, sondern seit vielen Jahrhunderten auch die Heimat von Deutschen. Wie weiter unten noch sichtbar wird, gab es im Land selbst viele Polen, die den Deutschen wohlwollend gegenüber standen, ebenso umgekehrt. Oft wurde der Haß zwischen beiden Volksteilen von außen in dieses Land hinein getragen von Seiten von Menschen, die es nicht seit Jahrhunderten gewohnt waren, Tür an Tür mit Menschen einer anderen Volkszugehörigkeit zusammen zu leben.

Abb. 2: Unislaw vor 1914 - Postkarte

Aufgrund der äußeren politischen Verhetzung mußten dann bis 1939 eine Million Deutsche aus dem nun polnischen Machtbereich ihre Heimat verlassen. Auf einem Dorf wie Unislaw konnten die Deutschen in dieser Zeit weitaus weniger leicht verdrängt werden als aus einer Stadt wie Graudenz, wo viele Deutsche zuvor im Staatsdienst gearbeitet hatten, zu dem sie nun vom polnischen Staat nicht mehr zugelassen wurden. 

Es wird berichtet von der zwangsweisen Einschulung der deutschen Kinder in polnische Schulen und von den Schwierigkeiten der Deutschen im Landkreis Kulm, eine deutsche Privatschule betreiben zu können (2). Ebenso gab es von polnischer Seite aus viele Bemühungen, den deutschen Unternehmern das Leben schwer zu machen, um sie zum Verlassen des Landes zu bringen. Aber (5, S. 124):

Auch die ländliche deutsche Industrie will sich nicht unterkriegen lassen. In Unislaw gründet Dr. Wilhelm Andreas Henatsch, Hannos Vater, 1922 eine Fabrik für Kunsthonig, die "Unamel".

In Kulm gelang es, eine Grundschule als deutsche Privatschule betreiben zu können (2). Die Kinder des Fabrikdirktors Dr. Wilhelm Henatsch (1895-1945) und seiner Frau  Elisabeth Henatsch (geb. Böning) (1896-1989) (MyHeritage) wurden aber in den ersten vier Grundschulklassen von einem Hauslehrer unterrichtet. Das Paar hatte 1921 geheiratet und es kamen sechs Kinder auf die Welt, die alle in Unislaw geboren worden waren (Geni, Ancestry): Wilhelm (1922), Johannes (1923), Hanno (1924), Aleit (1926), Sophie (1927) und Christoph (1929).

In der "Zeitschrift des Vereins der Deutschen Zucker-Industrie" und ähnlichen Zeitschriften wird Wilhelm Henatsch seit 1899 oft erwähnt, wobei es sich zunächst um den Vater, dann den Sohn handeln wird. Beide waren also auch in der Verbandsarbeit der deutschen Zuckerindustrie sehr rührig tätig (siehe Google Bücher). Die Erinnerungen der Familie an die Jahre 1945 und 1946 sind enthalten in der "Dokumentation der Vertreibung" (3), die von Hanno Henatsch auch in der schon genannten WDR-Dokumentation des Jahres 2009 (4-6). In ihr erzählt er vor der Kamera aus seinem Leben (z.B. 4, Minute 3:38):

Die ersten vier Schuljahre haben wir nicht in der polnischen Volksschule absolviert, sondern wurden unterrichtet durch Hauslehrer. Natürlich kam da die polnische Sprache viel zu kurz. Der Hauslehrer, der konnte ja kaum Polnisch.
Abb. 3: Blick in die deutsche Goethe-Schule in Graudenz, eingeweiht 1933, vorne eine Nachbildung der Naumburger Stifterfiguren

Und es wird auch berichtet (5, S. 145):

Ein Landei wie Hanno Henatsch, der 1933 aus Unislaw nach ....

Mit sieben Jahren wurde Hanno Henatsch ab 1933 auf die im selben Jahr eingeweihte, im Bauhaus-Stil errichtete große deutsche Goetheschule nach Graudenz geschickt (4, 11:10). Eine Goetheschülerin berichtet was auch sonst in dem Film deutlich wird, auch anhand der Inneneinrichtung der Goetheschule Abb. 3) (4, 22:55):

Wir waren wirklich deutsch. Und wir waren uns dessen auch bewußt. Ich glaube, wir waren deutscher als die Deutschen im Reich. Und waren es gerne.

Nach der Machtübernahme der NSDAP im Deutschen Reich hat sich diese junge Generation der "Auslandsdeutschen" - wie fast überall in Ostmitteleuropa und auch außerhalb von Europa - zunehmend stärker dem Nationalsozialismus zugewandt. Die deutsche Jugend im polnischen Machtbereich war unter anderem im "Wanderbund" organisiert, der sich immer mehr an der Hitlerjugend orientierte (5, S. 150):

Daß der Wanderbund in diesen Jahren der Hitlerjugend immer ähnlicher wird, können die Zeitzeugen nur bestätigen. "Wir waren die besseren Nazis!" Hanno Henatsch quält die Frage, warum er sich hat verführen lassen, immer noch. "Wahnsinn!" Wer noch ein bisschen Verstand im Kopf gehabt ...

Wenn man sich allerdings die damalige Unterdrückung der Deutschen im polnischen Machtbereich klar macht und ihre Verdrängung aus demselben, wenn man sich zugleich die stark nationalistisch organisierte gleichaltrige polnische Jugend veranschaulicht, dann wird es wohl nicht mehr so schwer sein nachzuvollziehen, daß sich die junge Generation der deutschen Volksgruppe innerlich einer Bewegung innerhalb des Reiches zugewandt hat, die für eine machtvolle deutsche Außenpolitik einstand. Die Lage für die deutsche Volksgruppe im polnischen Machtbereich konnte sich dadurch allerdings insgesamt nicht verbessern, im Gegenteil. Und das war auch vielen älteren Angehörigen der deutschen Volksgruppe bewußt, die oft zur Mäßigung rieten. All diese Entwicklungen sollten dann bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges die schrecklichsten Folgen nach sich ziehen.

September 1939 - Unislaw erlebt die Verschleppungsmärsche der Deutschen

Im September 1939, bei Kriegsbeginn kam es zur Verschleppung und Ermordung tausender von Angehörigen der deutschen Volksgruppe im polnischen Machtbereich. Diese Vorgänge gingen in die Geschichte ein unter dem Schlagwort vom "Bromberger Blutsonntag", weil die deutsche Wehrmacht hier erstmals auf dieses Geschehen stieß und weil das dortige Geschehen sofort von der Propaganda des Deutschen Reiches ausgeschlachtet wurde. Diese Vorgänge spielten sich aber in ganz Polen ab, nicht nur in Bromberg. Zunächst waren die führenden Angehörigen der deutschen Volksgruppe von den polnischen Behörden interniert worden. Sie sollten schließlich in ein großes Konzentrationslager für Deutsche bei Warschau überführt werden (2, S. 281f):

Seit März 1939 verschärften sich die antideutschen Maßnahmen der Behörden. Durch Verweigerung von Zahlungsaufschüben und rücksichtslose Pfändung zwecks Steuereintreibung wurde deutschen Firmen die Existenzgrundlage entzogen, so auch der Kunsthonigfirma "Unamel" des Dr. Henatsch in Unislaw. (...) Mit Kriegsausbruch setzte die Verhaftungswelle ein und dauerte bis zum 2. 9. an. Am 1. 9. wurden die Gefängnisse geöffnet. Am Abend befahl der Starost den Polizeistationen, die "entlassenen Häftlinge deutscher Nationalität sofort festzunehmen und in Richtung Unislaw zu dirigieren". Die Verhafteten wurden, da keine Bahnverbindung mehr vorhanden war, meist gefesselt über Unislaw - wo sie mit den Graudenzer zusammentrafen - nach Thorn gebracht. Hierher kamen auch die Internierten aus anderen Kreisen. Von Thorn aus mußten sie entweder am Verschleppungsmarch nach Lowitsch oder nach Warschau teilnehmen.

Ein Verschlepptenzug von 43 "führenden" Angehörigen der deutschen Minderheit aus dem Kreis Schwetz Richtung Warschau kam ebenfalls durch Unislaw und wurde dann über Thorn Richtung Lowitsch dirigiert. Schwetz liegt am linken Flußufer der Weichsel gegenüber von Kulm. Es sei hier auszugsweise zitiert, was ein Teilnehmer dieses Zuges, der Schwetzer Arzt Dr. med. Studzinski, über diesen grauenhaften Marsch, über die vielen Gewalttaten, Erschießungen und Massaker, die diesen Zug begleiteten, gleich nach seiner Befreiung durch die Wehrmacht, also noch 1939 aufgeschrieben hat. Studzinski war zunächst in Einzelhaft genommen worden, wurde dann aber nach und nach mit anderen Verhafteten zusammen gebracht (7):

.... Wir machten von jetzt ab gemeinsam den Höllenmarsch in treuer Kameradschaft  bis nach Lowitsch mit; es war bei unserem Abmarsch der 2. September. Alte Herren über 70 Jahre, schwer Herzkranke, sie waren dabei, es gab kein Erbarmen. Unser Senior, Herr Schulz aus Dragaß, hatte sage und schreibe ein Alter von 82 Jahren. Über die Schwarzwasser-Brücke zwischen der Ordensburg des Heinrich von Plauen und der Ordenskirche, ging dann dieser Zug, bewacht von Polizei und Hilfspolizei nach der Kulmer Fähre. (...) Wir hörten von der Beschießung von Graudenz und langsam stieg die Hoffnung in uns auf, daß wir vielleicht nicht mehr über die Weichsel kommen würden. Doch (...) ein Dampfer mit Prahm setzte uns über. Es ging durch die Stadt  Kulm bis zum dortigen Landratsamt. (...) Hier bei dem Spießrutenlaufen durch die Stadt bekamen wir zum ersten Male die unflätigsten Beschimpfungen und Schmähungen der Bevölkerung zu spüren. "Schlagt doch die  deutschen Hunde tot! Wozu transportiert ihr die deutschen Schweine noch weiter? Jagt sie doch in  die Weichsel!" So geiferte die wilde Horde. (...) Auf der Chaussee nach Unislaw ging es weiter bis zu einem Bahnhof. (...) Dann wurden deutsche Bauernwagen requiriert, auf denen wir bis Unislaw fuhren. (...) Durch Unislaw wurden wir wieder beschimpft, dann auf dem Bahnhof in aller Eile verladen, und weiter ging es per Bahn nach Thorn. Bekamen wir in Kulm und Unislaw schon Schmähungen und Beschimpfungen zu hören, so steigerte sich dieses abscheuliche Betragen der Bevölkerung in Thorn um ein Bedeutendes. Hier gab es schon neben Flüchen Fußtritte und Steinwürfe. (...) Nach zwölfstündigem Marsch zogen wir halbverdurstet in Alexandrowo ein, liefen Spießruten durch die ganze Stadt, wurden beschimpft, mit Steinen beworfen. (...) Am Morgen des 4. September 1939 wurden wir dann in Richtung  Wloclawek in zwei Viehwagen verladen (...), wo wir wieder Spießruten durch die Stadt laufen mußten. (...) Schon in  der Stadt begann neben dem unglaublichsten Beschimpfen das Mißhandeln. Steinwürfe, Kolbenschläge bekam jeder von uns. Mit unglaublicher Roheit wurde Kamerad Alfred Werner aus Groß-Sanskau zerschlagen, nach ihm kam ich an die Reihe. Eine nach meiner Erinnerung in Briefträgeruniform gekleidete Bestie schlug mir ins rechte Auge, man erzählte mir später, er soll mit einem Hammer geschlagen haben. Dies war das Signal für die übrigen, nun ihrerseits mit Kolben auf mich einzuschlagen. Ins Gesicht, auf den Kopf traf man mich, ich brach auf der anderen Seite  der Chaussee bewußtlos zusammen, wälzte mich auf der Straße, wurde durch rohe Stöße mit Gewehrläufen in Bauch, Brust und Rücken zum Bewußtsein gebracht und mit repetiertem Gewehr bedroht, erschossen zu werden, falls ich nicht sofort weiterlief. Der Selbsterhaltungstrieb gab mir die Kraft, aufzuspringen, ich ging wieder in Reih und Glied und  merkte nun, daß mein Gesicht, mein Hemd, mein Anzug von Blut überlaufen war, daß das linke Auge gänzlich zugeschwollen war, und daß ich keine Sehkraft mehr darauf hatte. Das rechte Auge war auch halb zugeschlagen, die Sehkraft herabgesetzt. In diesem Zustand mußte ich noch weitere 30 Kilometer marschieren. (...) Alle diese Wunden werden heilen, aber bluten wird stets unser armes Herz über den Verlust unserer lieben, erschlagenen und erschossenen Kameraden auf diesem Höllenmarsch von Wloclawek.

Mindestens fünf Männer der 43 dieses Zuges sind dann erschlagen oder erschossen worden. Aber das reichte nicht. In der Zuckerfabrik Chodzen, wo mehrere solcher deutscher Verschlepptenzüge gesammelt wurden, ging es weiter:

In diesem Moment schlug die vertierte Bande mit Gewehrkolben auf uns arme, wehrlose Menschen ein. Ein entsetzliches Geschrei, ein einziges Stöhnen war zu hören. Wir lagen zusammengeschlagen am Boden. Als wir allmählich zu uns kamen, merkten wir, daß alle am Leben waren. (...) Leidensgenossen aus den Kreisen Graudenz, Strasburg, Hohensalza und aus anderen Kreisen konnten wir begrüßen. Schätzungsweise lagen in diesem Schuppen 800 Mann, Männer und Frauen. (...) In aller  Frühe des 7. September mußten wir dann in fünf Kolonnen zu je 800 Mann antreten und wurden über Chodecz nach Kutno weitergetrieben.

Dabei wurden alle erschossen, die nicht weiter gehen konnten. Hinter Lowitsch wurden die Verschlepptenzüge dann von der deutschen Wehrmacht eingeholt und befreit. Der Historiker Hugo Rasmus zählt - aufgrund der Vorarbeiten von Oberstudienrat Dr. August Müller (1895-1989) (Am) - in seinem Buch 43 Deutsche des Landkreises Kulm namentlich auf, die im Zuge dieser September-Ereignisse ermordet wurden (2).

Herbst 1939 - Der deutsche "Selbstschutz" unternimmt Strafaktionen und Hinrichtungen

Wie ging es weiter (2, S. 283):

In der Nacht vom 3. auf den 4. September 1939 setzte das II. deutsche Korps südwestlich Kulm bei Tolpolno am westlichen Weichselufer über den Strom und nahm die Masse des Kreisgebietes Kulm mit der Kreisstadt in Besitz. 

Die ansässige deutsche Bevölkerung hatte die Hölle durchlebt und brauchte Tage, Wochen und Monate, um das Geschehene zu verarbeiten. Familien mußten sich erst wieder finden - und oftmals blieben Angehörige vermißt. Auf der anderen Seite gab es die große Freude und Erleichterung darüber, nun zum Deutschen Reich zu gehören. Die vielen Ermordungen von Deutschen riefen nun deutsche Standgerichte hervor, die insbesondere von Seiten des "Deutschen Selbstschutzes" betrieben wurden. Dieser erschoß drei polnische Männer in den Wäldern bei Raciniewo in der Gemeinde Unislaw (8, S. 221). Männer polnischer Volkszugehörigkeit aus Unislaw waren auch unter 220 Männern, die in Plutowo und unter 400, die in Male Czyste erschossen wurden (8, S. 221). Ob es auch in Unislaw zu Aussiedlungen von Polen kam und zur Ansiedlung von deutschen Rücksiedlern (aus dem Baltikum oder aus Wolhynien oder anderwärts) muß einstweilen dahin stehen. Im Film heißt es (39:30):

Hanno Henatsch und sein Freund Erich Abramowski machen Abitur. Und sie müssen bald danach als deutsche Soldaten in den Krieg. Über hundert Jungen aus der Goethe-Schule werden nicht zurückkehren.

1942 wurde Unislaw offiziell in Kulmisch Wenzlau umbenannt (9).

Abb. 3: General Otto-Joachim Lüdecke, Mai 1944, rückseitig beschriftet mit "Mein Patient General Lüdecke in Agram im Mai 1944" - Lüdecke sollte 1945 zum Festungskommandanten von Thorn ernannt werden

1943 entstand noch einmal ein Farbfilm über die landschaftlichen und kulturellen Schönheiten des Weichsellandes. Es ist ein Film voller Ruhe und Gelassenheit. In ihm wird auch die Stadt Kulm an der Weichsel gezeigt.

1943/44 - Letzte Filmaufnahmen des Weichsellandes aus deutscher Zeit

Während des Zweiten Weltkrieges leisteten in der Kunsthonigfabrik, bzw. Zuckerfabrik von Unislaw (bzw. Kulmisch Wenzlau) Polen aus Kulm Zwangsarbeit (10, 11). Im August 1944 reisten deutsche Studenten der Universität Danzig zum Stellungsbau ins Weichselland und dabei entstanden private Filmaufnahmen (Kronberg):

Private Aufnahmen gefilmt von Werner Kronenberg, damals Student an der Technischen Hochschule in Danzig, als "studentischer" Teilzeitsoldat eingesetzt in Frankreich, auf dem Balkan und bei der Invasion in die UdSSR. Im August 1944 werden Studenten aus Danzig zu Schanzarbeiten nach Westpreußen beordert. Kulm an der Weichsel, Weiterfahrt mit dem Autobus nach Marienwerder, Schloßbesichtigung kurz, Marienburg: Die Burg, Bahnhof und Ort Gartsch, Bahnsteig, Wartende, von dort Spaziergang in Umgebung, Wiesen Felder, junge Frauen als Begleitung, Spaziergang Fortsetzung, Zugfahrt.
Insert: Der Feind bedroht die deutschen Grenzen von Osten, Schanzarbeiten der Studenten der Technischen Hochschule Danzig in Gollub an der Drewens, 9. August 1944, Abfahrt in Danzig, Zug über Graudenz, Marienburg nach Gollup, männliche und weibliche Studierende mit Gepäck, Burg, Ortsname Elgers, gemeinsames Kartoffelschälen im Freien, an der Drewenz, Idylle, Küken, Kühe auf der Weide, Leibisch, Schule Kroppen, Schanzarbeiten mit Schaufel und Hacke, Ausheben Schützengräben, Erklärung im Film: Wie ein Graben entsteht: Systhematisch gefilmt. Zug zurück nach Danzig.
Abb. 4: Die Angriffsspitzen der Roten Armee erreichen die Weichsel bei Thorn und Kulm, um den 23. Januar 1945 (aus: Schäufler)

Am 12. Januar 1945 begann der Großangriff der Russen auf den Weichselbogen (Wiki) und auf Ostpreußen.

12. Januar 1945 - Die Rote Armee tritt an zum Großangriff auf Europa 

Am selben Tag waren die Henatsch's noch bei der großen Hasenjagd auf dem Gut der Familie Abramowski. Über die Gefahr, daß sie Russen angreifen könnten, sprach niemand (Film 40:40). 

Die deutschen Behörden in Ost- und Westpreußen gaben viel zu spät die Befehle zum Räumen und zum Trecken nach Westen. Wer vorher zu fliehen versuchte, wurde oft schwer bestraft. 

Als der Treckbefehl schließlich kam, konnten sich viele Deutsche nicht zur Flucht entschließen.

21. Januar 1945 - Thorn und Graudenz werden zur Festung erklärt

Am 21. Januar 1945 durchbrachen die Russen den äußeren, nur schwach besetzten Sicherungsring von Thorn, sowie die so gut wie gar nicht besetzte Drewenzstellung nordöstlich von Thorn (Lüdecke). Thorn liegt auf dem Nordufer der Weichsel, knapp 30 Kilometer südlich von Unislaw. Adolf Hitler befahl die Ablösung des Festungskommandanten von Thorn. Sein Nachfolger, der General Otto-Joachim Lüdecke (1894-1971) (Wiki), der 1943 das Ritterkreuz erhalten hatte, erhielt die Anweisung (Lüdecke):

ich solle umgehend den Festungskommandanten ablösen und in Thorn die Lage wieder herstellen, Thorn sei ein ganz besonders wichtiger Eckpfeiler und müsse unter allen Umständen bis zum letzten Mann gehalten werden.
Lüdecke berichtet weiter:
Ich begab mich sofort von Danzig im PKW nach Thorn. Von Marienburg ab über Graudenz - Culmsee waren die Strassen völlig verstopft von zurückflutenden Trecks, die die Weichsel hinter sich zu bringen bestrebt waren.
Fabrikdirektor Wilhelm Henatsch, der Vater des damals 21-jährigen Hanno Henatsch in Unislaw, konnte sich in diesen Tagen nicht zum Trecken entschließen (5, S. 177):
Es dauert etwa eine Stunde, bis Hanno Henatsch das Szenario vor unseren Augen ausgebreitet hat: eine Situation auf Leben und Tod, in der er, der einunzwanzigjährige Hanno, seinem Vater Contra gibt: "Das ist unser Todesurteil!" Noch heute muß er ....
Und über den weiteren Verlauf der Ereignisse (5, S. 178):
Jetzt ist es Hanno Henatsch, der drängt und den weinenden Freund zur Umkehr bewegt. "Jemandem in einer Grenzsituation einen Rat geben, das darf man nicht. Da spielen Leute Schicksal. Das darf man nicht!" (...) Für Unislaw hatten die Behörden nach langem Zögern Treckbefehl erteilt, und dagegen setzte er einen Gegentreckbefehl. Allgemeine Verwirrung? Der Vater verleugnete offensichtlich die Wirklichkeit. Die Ehefrau, zwei Töchter und zwei Söhne waren noch in Unislaw, es ging nicht nur um ... Über sechzig Jahre, sagt Hanno Henatsch, quälte er sich damit herum. Und er werde diese Frage mit ins Grab nehmen. Was mag seinen damals fünfzigjährigen Vater bewegt haben? Heimatliebe? Woanders zu leben, hat er sich vermutlich nicht vorstellen können. Heldentum? Wollte er diesmal nicht "feige ...
Warum sich Hanno Henatsch bis zu seinem Lebensende mit dieser Frage herumquält, wird verständlich, wenn man von den Folgeereignissen erfährt. Im Film sagt er (42:00):
Meine Mutter sagte: Kannst du nicht die Schwester noch mitnehmen auf dem Motorrad?

Da er leicht verletzt war, wollte er das auf den vereisten Straßen in der Kälte nicht riskieren.

Abb. 5: Der Ausbruch der deutschen Festungsbesatzung aus Thorn, 5. Februar 1945 (aus Schäufler)

Lüdecke berichtet weiter:

Es fehlte überall an Straßenkommandanten, die mit ihren Organen die Verstopfungen zu entwirren in der Lage gewesen wären. Auf diese Weise kam ich erst am 22.1. gegen 23 Uhr in Thorn an und übernahm noch in der Nacht den Befehl.
Lüdecke:
Von den zugesagten 2 weiteren Divisionen meldete sich im Verlauf des 23.1. eine stark angeschlagene Division - 7l. (?) Division unter Führung des Generalmajors Schlieper - die aus der Kampfgegend von Warschau kam und deren Nachhuten in Fühlung mit den nachdrängenden Russen standen.
Lüdecke:
Die Angriffe der Russen auf Thorn waren (anfangs) nicht als ernst zu bezeichnen. Er stieß ohne Rücksicht auf diesen "Eckpfeiler" südlich und nördlich durch. Südlich auf Bromberg und Posen - vor Bromberg stand er am 23.1., vor Posen am 24.1. - nördlich auf Kulm und Graudenz. Er überschritt die Weichsel südlich Kulm bei Topolno meines Wissens am 25.1.
Topolno liegt auf der westlichen Weichselseite gegenüber von Kokocko. Letzteres liegt zehn Kilometer nördlich von Unislaw. Lüdecke weiter:
Nakel und Bromberg fielen am 23.1. in seine Hand. Die im Ausbau befindliche Netzestellung war nicht besetzt, abgesehen von schwachen Sicherungen, die an den Hauptübergängen behelfsmässig zusammengezogen waren. Bromberg selbst wurde verteidigt und umkämpft, ebenso Fordon, wie engere Umgebung der Weichselbrücke. Beide wichtigen Punkte wurden aber vom Russen von Westen umgangen, der von der Netze aus in nördlicher Richtung auf die Ostsee vorstieß mit dem Ziel, die in Ost- und Westpreußen befindlichen Kräfte einzukesseln und ihnen ein zweites Kurland zu bereiten.
Am 23. Januar stießen die Russen auch an Graudenz, Marienwerder und der Marienburg vorbei bis nach Elbing an der Ostsee vor. Lüdecke weiter:
Am 25.1. hatte sich der russische Belagerungsring um Thorn geschlossen.
Dies war auch der Tag, an dem die Russen Unislaw besetzten. Nach dem Einbruch der Russen in den Ort Unislaw am 25. Januar 1945 wurden die Dorfbewohner in einer Baracke der Zuckerfabrik zusammen getrieben. Die Stadt Kulm ist am 27. Januar 1945 von der Roten Armee eingenommen worden. Der damals 15-jährige J. Henatsch berichtet über seinen Vater, sich selbst und seine damals 19-jährige Schwester A. Henatsch (3, S. 3):
Am 25. Januar 1945 brachen die Russen in mein Heimatdorf ein. Sie belegten unser Haus und begannen bald mit ihren Vernehmungen. Mein Vater wurde zuerst abgeführt; am 29. Januar abends erschienen vier Soldaten, die meine Schwester A. und eine Stunde später zwei Soldaten, die mich in die Gefangenschaft brachten. Wir kamen in ein Haus im Dorf, in dem schon eine Anzahl Deutsche, eingedeutschte Polen und Nationalpolen saßen.
Von Elisabeth Henatsch, der Mutter von Hanno Henatsch, sowie von ihrem Sohn J. Henatsch liegen Erlebnisberichte vor, von ersterer (6):
Im polnischen Durchgangslager Kulm und bei der Zwangsarbeit: Ein amtlich beglaubigter, sechsseitiger maschinenschriftlicher Bericht von Dr. Elisabeth Henatsch aus Unislaw/Kr. Kulm vom März 1946.
Dieser Bericht ist offensichtlich identisch mit einem entsprechenden - allerdings anonymisierten - in der "Dokumentation der Vertreibung" (3, S. 501-506). (Anonymisiert sicherlich, weil sich noch Familienangehörige in sowjetischen Arbeitslagern befanden.) Elisabeth Henatsch, die Mutter von J. und A. Henatsch, berichtet (3, S. 501):
Die Russen (...) nahmen in den ersten Tagen eine große Anzahl Männer und Frauen (Deutsche, eingedeutschte Polen und Nationalpolen) gefangen und führten sie am 1. Februar 1945 nach Rußland ab.
In einer Anmerkung wird dazu zusammenfassend berichtet (3, S. 501):
Im Zuge dieser Zwangsdeportation wurde auch der 15jährige Sohn der Verfasserin nach Rußland verschleppt, im Herbst 1945 schwerkrank entlassen, und ihre 19jährige Tochter, die im Sommer 1946 in einem russischen Zwangsarbeitslager starb. - Der Ehemann der Verfasserin, nach dem Russeneinbruch in Zivilgefangenschaft abgeführt, wurde vor dem Abtransport bei einem Fluchtversuch erschossen.

Dieses Geschehen bildet also den Hintergrund dafür, daß Hanno Henatsch, ein weiterer Sohn von Elisabeth Henatsch, sich bis an sein Lebensende mit der Frage herum schlug, warum sein Vater den Gegentreckbefehl gegeben hatte. - Die in Unislaw zurück gebliebenen Dorfbewohner erlebten nun die sich noch tagelang hinziehenden Kämpfe um den Ort (3, S. 506), die sich aus dem Ausbruchversuch der Festungsbesatzung Thorn entlang des Ostufers der Weichsel ergab.

2. Februar 1945 - Ausbruch der Deutschen aus Thorn Richtung Kulm

Lüdecke berichtet darüber:

In der Nacht vom 31.l./l.2. ging ein Funkbefehl des O.K.H. in Thorn ein, etwa folgenden Inhalts: "Operative Lage erfordert sofortigen Durchbruch. Erreichen der eigenen Linien Waldungen nördlich Krone/Brahe. Eile geboten. Absichten unter Mitnahme deutscher Zivilbevölkerung und Verwundeter sowie möglichen Zeitpunkt des Antretens funken."
Krone/Brahe heißt heute Wałcz. Der Ausbruchversuch war folgendermaßen geplant (Lüdecke):
Die Absicht war, auf kürzestem Wege nördlich Fordon die Weichsel zu überschreiten und das Ziel nördlich Krone zu erreichen. (...) Starker Frost und hohe Schneelage erschwerten das Unternehmen erheblich.

Fordon ist ein Vorort von Bromberg und liegt 20 Kilometer südwestlich von Unislaw auf dem Westufer der Weichsel. Zu gleicher Zeit wurde aber Graudenz, nördlich von Kulm gelegen, noch bis zum 6. März 1945 verteidigt (Wiki) (darüber berichtet Lew Kopelew in seinen Erinnerungen). Über den weiteren Verlauf ist berichtet worden anhand des Berichtes von Lüdecke (Thorwald, S. 266):

Am 2. Februar trat General Lüdecke aus Thorn heraus zum Durchbruch nach Westen an. Er hatte drei Angriffsgruppen formiert. Bei der mittleren Angriffsgruppe befanden sich die Zivilbevölkerung und Verwundete. Es lag hoher Schnee. Es herrschte starker Frost. (...) Lüdeckes Kolonnen kämpften sich bis zum Abend bis zum Raum zehn Kilometer östlich Fordon vor. (...) Jetzt sollte Lüdecke nach Norden abdrehen, die Weichsel südlich Kulm überschreiten und die Linien der 2. Armee bei Schwetz erreichen. Am 5. Februar gelang es einzelnen Teilen, das Eis der Weichsel südlich von Kulm zu überqueren.

Kulm liegt 17 Kilometer nördlich von Unislaw. Diese Ausbruchkämpfe spielten sich also in der Weichselniederung westlich von Unislaw ab. Über dieselben Vorgänge gibt es auch einen Bericht aus polnischer Sicht, von Seiten eines Stefaniak, der damals in Kulm lebte:

Mitte Februar (? gemeint ist wohl eher: Anfang Februar) versuchten Gruppen versprengter Wehrmachtssoldaten aus dem Raum Thorn, bei Kulm über die Weichsel zu setzen und sich weiter zur noch von den Deutschen kontrollierten Ostseeküste bei Danzig durchzuschlagen. Eine Sowjetoffizierin im Rang eines Hauptmanns, die das südlich der Altstadt von Kulm gelegene und mit verletzten Rotarmisten voll belegte Krankenhaus leitete, organisierte die Verteidigungsmaßnahmen. Stefaniak nahm in der Nähe des Krankenhauses und an der ul. Toruńska an dem vierstündigen Feuergefecht mit den deutschen Soldaten teil, die schließlich abgewehrt wurden und sich einen Weg zur Weichsel abseits der Stadt suchen mußten. Der Autor beobachtete, wie kleine und größere Wehrmachtseinheiten versuchten, südlich von Kulm die zugefrorene Weichsel in Richtung Gruczno zu überqueren. Die sowjetische Artillerie beschoß stundenlang die deutschen Soldaten vom hoch über dem Weichseltal gelegenen Kasernengelände in Kulm aus und zwang diese zu einer verzweifelten Flucht. Auch in den nächsten Tagen wurden noch Gruppen deutscher Soldaten aufgegriffen, die aus dem belagerten Graudenz entkommen waren.
Weiter (Thorwald):
Am 7. Februar erreichten etwa 19.000 von den 32.000 Soldaten und Zivilisten, die aus Thorn ausgebrochen waren, die nur noch mit Mühe gehaltene Front der 2. Armee bei Schwetz.

Viele deutsche Soldaten gerieten also in Gefangenschaft. Frau Mollzahn aus Unislaw war nach dem Ende der Kämpfe wieder in ihre Wohnung dicht neben der Zuckerfabrik zurückgekehrt. Sie berichtet davon, daß in dieser Zuckerfabrik hunderte von deutschen Kriegsgefangenen gesammelt und von dort weiter transportiert wurden.

Februar 1945 - Aufräumarbeiten in Unislaw

Bei der Schilderung der weiteren Ereignisse über das Schicksal der deutschen Bewohner von Unislaw decken sich der Bericht von Elisabeth Henatsch und Annemarie Mollzahn, das heißt, alle verbliebenen deutschen Einwohner des Ortes - 150 bis 200 Frauen, alte Männer und Kinder - haben im Frühjahr 1945 ähnliches erlebt, nämlich Mitte März ihre gemeinsame Verschleppung nach Thorn und dann einen Leidensmarsch von dort zurück nach Unislaw. Mitte März wurden die Deutschen des Ortes, in der Fabrik zusammen getrieben. Elisabeth Henatsch berichtet, daß sie zunächst in den Baracken der Zuckerfabrik lebten (3),

wo sie im April alle in polnische Gefangenschaft überführt wurden, das heißt, ab Ostern 1945 kamen alle Deutschen ausnahmslos in ein Lager, das der polnischen Miliz unterstellt war. Sie mußten vom Lager aus Zwangsarbeit verrichten, die zunächst in Aufräumungsarbeiten bestand. Das Dorf und die Weichselniederung besonders waren durch Russeneinbruch und Krieg verwüstet. Es mußten Tote geborgen, Pferdeleichen begraben, Munition und Kriegsgerät aller Art fortgeschafft, Straßen und Wege freigelegt und die Häuser gesäubert werden. Das geschah anfangs unter Aufsicht der Russen, später unter polnischer Miliz. (...) Das Barackenleben wurde dadurch besonders unerträglich, ja gefährlich, da allnächtlich russische Soldaten zum Plündern und Vergewaltigen der Frauen und Mädchen einbrachen. Wir erlebten Szenen der Hölle. Die polnische Miliz konnte oder wollte uns nicht schützen. (...) Mitte April kam ein Befehl zur Sammlung aller Gefangenen ringsum zum Zwecke des Abtransportes. Wohin? Keiner wollte es uns sagen.

Die Internierten wurden mit dem Zug nach Thorn transportiert, wobei schon auf dem Transport alte Menschen und Kranke starben. 

Mitte April - Wegführung der Deutschen aus Unislaw nach Thorn und Rückmarsch

In Thorn wurden sie in der Ruine eines Krankenhauses eingepfercht. Auch dort kam es wieder zu Vergewaltigungen wie Frau Mollzahn berichtet (3):

So hausten wir drei Tage und Nächte, es war ein Geschrei Tag und Nacht. Frauen und Mädchen wurden von den Russen rausgeholt und vergewaltigt. Da lernte ich die Hunde erst kennen, da ich selbst die Tage viel durchgemacht habe.
Sie mußten dann wieder zu Fuß die 30 Kilometer von Thorn nach Unislaw zurückkehren. Frau Mollzahn (3):
Der Marsch dauerte drei Tage, weil wir schon alle müde und heruntergekommen waren.
Frau Henatsch (3):
Also setzte sich unser trauriger Zug in Bewegung: er bestand vor allem aus Müttern mit Kindern, eine Reihe Säuglinge waren dabei. (...) Es regnete, schneite und stürmte - Aprilwetter -, Menschen und Gepäck waren gänzlich durchnäßt, doch waren das Glück und die Dankbarkeit, der Verschleppung nach Rußland entkommen zu sein, so groß, daß einer dem anderne durch die langen Reihen des Zuges zuflüsterte: "Der Herr hat's nicht gewollt."
Fast alle Kinder wurden durch die Kälte und Feuchtigkeit während dieses Marsches krank, viele von ihnen sollten in den nächsten Wochen daran sterben. Frau Mollzahn konnte auf diesem Weg noch einmal ihren väterlichen Hof in Luben besuchen, wo sie durchkamen. Dort lebten aber schon Polen. Frau Mollzahn weiter (3):
Am nächsten Tag in Unislaw wieder angelangt wurden wir in den Kindergarten getrieben. Dann gingen wir erstmal was zu essen betteln. Wer aus Unislaw war, bekam auch was. 
Frau Henatsch (3):
In unser Dorf zurückgekehrt, wurden wir alles andere als willkommen aufgenommen. (...) Man übergab uns einem Durchgangslager in Kulm.

Schließlich wurden die Deutschen aus Unislaw nach Kulm verfrachtet, wo im Gefängnishof hunderte von Deutschen gesammelt wurden.

April 1945 - Die Deutschen aus Unislaw im Gefängnishof in Kulm

Schon hier wurden die Kinder von ihren Müttern und Familien kurzzeitig getrennt, auch die Säuglinge. Die Menschen wurden von der polnischen Geheimpolizei verhört wie Frau Henatsch berichtet (3):

Diese Zeit in Kulm gehört zu meinen schrecklichsten Erinnerungen. (...) Im "Ressort" (der Geheimpolizei) saßen junge Menschen im Alter von 20 bis 25 Jahren etwa. (...) Als ich dort das Zimmer betrat, noch bevor ich nach meinen Personalien gefragt wurde, versetzte mir ein junger Mann ein paar Schläge ins Gesicht, ein anderer traf mich von hinten, der Gummiknüppel flog an meinen Kopf, ich wurde am Hals gepackt, über einen Stuhl gebeugt zum Durchprügeln. (...) Ich betone, es handelte sich um Frauen, von denen man nicht wußte, wer sie waren, wie sie hießen. (...) Wer diese furchtbare Untersuchung hinter sich hatte, kam zur Zwangsarbeit. Draußen auf dem Gefängnishof warteten schon polnische Bauern und polnische landwirtschaftliche Beamte, die uns zur Landarbeit haben wollten. Es war wie auf einem Sklavenmarkt.

Frauen wie Frau Mollzahn, die drei Kinder hatten, wollte auf dem "Sklavenmarkt" niemand haben. 

Verteilung der Deutschen auf die umliegenden Güter zur Zwangsarbeit

Sie gelangte dann auf das Gut Napolle bei Baiersee (Wiki), sieben Kilometer nordöstlich von Unislaw (3):

Der Gutsverwalter, ein eingedeutschter Pole, früher Stellvertreter des Amtskommissars in Unislaw, nahm uns am anderen Morgen in Empfang. Da er uns ja bekannt war, zwangen wir ihn gleich, für Essen zu sorgen. (...) Das Land war zum größten Teil parzelliert, das Vieh hatte der Russe alles auf das Gut Schönborn bei Unislaw getrieben.
Frau Henatsch berichtet (3):
Ich kam mit sechs Frauen und einem Mann auf das Gut Wichorze von Freunden - von Loga, die der Krieg verschlungen hatte - zur Arbeit. Da von Loga seiner Zeit die Polen gut behandelt hatte, hatten wir es auch nicht schlecht.

Aus den Berichten beider Frauen schimmert durch, daß das Verhältnis der Deutschen und Polen vor Ort viele Jahrzehnte lang ein gutes war, sprich, daß erst die Verhetzung in die Volksteile eher von außen hinein getragen werden mußte, damit so schlimme Ereignisse statthaben konnten wie zsichen 1939 und 1949.

Anfang Juni 1945 wurde Frau Mollzahn dann mit ihren drei Kindern über Kulm nach dem Gut Wrotzlawken (Wroclawki, 1942-1945 Atzmannsdorf) (Wiki) getrieben. Dort arbeitete sie bis zu ihrer Ausweisung im Mai 1949. Rittergutsbesitzer war im 19. Jahrhundert eine Familie Petersen. Das Gutsdorf liegt 18 Kilometer nordöstlich von Unislaw. - Frau Henatsch kam ebenfalls nach wenigen Wochen nach Kulm zurück, mußte aber daselbst im Konzentrationslager verbleiben, das in Baracken des vormaligen Reichsarbeitsdienstes eingerichtet worden war (3):

Im Lager wurden wir schrecklich angebrüllt. Die Bezeichnung für Frauen und Mädchen war "Hitlerhure".
Dort starben die alten Menschen zurerst an Hunger. Frau Henatsch kam dann doch wieder zu einem polnischen Bauern, der aber sehr deutschfeindlich war, und bei dem sie, obwohl ihr die Landarbeit ganz ungewohnt war, sehr schwer arbeiten mußte. Im November kam sie nach Kulm und sollte von dort nach Potulice, in das Konzentrationslager für Deutsche in Westpreußen verbracht werden, von dem man nur das Schlimmste gehört hatte (3):
Unser alter polnischer Dorfpfarrer, den mein Mann 1939 aus dem Gefängnis befreut und vor dem Selbstschutz bewahrt hatte, hatte einen Antrag für mich eingereicht auf Ausreise ins Reich zu meinen Kindern. Seine Verwandten nahmen mich gütevoll auf. Ich wurde vier Wochen im polnischen Pfarrhaus versteckt gehalten bei bester Behandlung mit großer Noblesse, bis dieser Antrag genehmigt undich offizeill aus polnischer Gefangenschaft entlassen wurde: das war am 23. Dezember 1945.
In Küstrin wurden alle ausreisenden Deutschen schlimm zugerichtet und ausgeplündert (3):
Von Berlin bin ich mit einem Flüchtlingstransport im Januar 1946 nach Bayern gekommen, wo ich meine drei jüngsten Kindern nach einem Jahr der Ungewißheit und des Vermissens fand. Meine drei ältesten Kinder befinden sich noch in russischer Gefangenschaft,
so schrieb Elisabeth Henatsch 1946. Ihr deportierter Sohn J. H. berichtet von vielen schlimmen Erlebnissen während seiner Zwangsarbeit in Rußland (3, S. 3ff):
Fast zwei Drittel von 53 aus unserer Gemeinde Verschleppten sind gestorben. Sehr hoch war die Sterblichkeit der Verschleppten aus Kulmsee. Von 80 Personen blieben weniger als 10 am Leben.
Es mußte gefälltes Holz transportiert werden:
Ich war oft krank und elend, magerter sehr ab, litt an geschwollenen Beinen und war zuletzt so wenig arbeitsfähig, daß ich (...) am 26. August entlassen wurde, weil ich über drei Monate im Lazarett hatte zubringen müssen. Nach 18tägiger Bahnfahrt wurden wir in Frankfurt/Oder endgültig entlassen. Meine Schwester A. mußte ich im Lager zurücklassen. Sie hatte dort eine Stelle als Waschfrau inne. (...) Ich war im Lager fast täglich mit ihr zusammen. Sie überstand die Arbeit besser als ich. Da sie nicht erkrankte, kam eine Entlassung für sie nicht in Frage. Ich warte jetzt auf sie und hoffe, daß ich auch recht bald einmal wiederkommen wird.

In der Anmerkung dazu wird aber festgehalten, daß sie noch im selben Sommer in Rußland gestorben ist.

1946 bis 1949 - Die Kinder der Deutschen kamen ins Kinderheim

Frau Mollzahn mußte noch drei weitere Jahre auf Gut Wrotzlawken arbeiten. Dort wurden ihr  1946 sogar zwangsweise ihre drei - bei der Arbeit auf dem Gut störenden - Kinder weggenommen und in ein polnisches Kinderheim gegeben. Die Kinder waren zwischen vier und zehn Jahre alt. Erst anläßlich ihrer schließlich erfolgten Ausweisung im Jahr 1949 kam sie wieder mit ihren Kindern zusammen. Diese hatten sich bis dahin ganz von ihr entfremdet, da sie nur polnisch reden und schreiben durften.

Nicht wahr? Von solchen Schicksalen wie sie Millionen Deutsche erlebt haben, wird in öffentlichen Erörterungen wenig Aufhebens gemacht, oft sogar wenig Aufhebens in familiären Gesprächen. Dies wird von Seiten der Psychologen als einer der Hauptgründe dafür genannt, das Kriegstraumatisierungen von Kriegskindern an Kriegsenkel und Kriegsurenkel weiter gegeben werden, ohne daß sie jemals gründlicher aufgearbeitet worden wären.

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  1. Bernhart Jähnig, Peter Letkemann (Hrsg.): 750 Jahre Kulm und Marienwerder. In: Beiträge zur Geschichte Westpreußens, Ausgabe 8, hrsg. v. Copernicus-Vereinigung zur Pflege der Heimatkunde und Geschichte Westpreußens. Verlag Nicolaus-Copernicus-Verl., 1983, https://books.google.de/books?id=eDlpAAAAMAAJ (Suchwort Unislav) 
  2. Rasmus, Hugo: Pommerellen-Westpreußen 1919-1939. Herbig München 1989
  3. Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ostmitteleuropa I. Die Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus den Gebieten östlich der Oder-Neiße. Band 2. Deutscher Taschenbuchverlag, München 1984
  4. Lachauer, Ulla: Westpreußen - Als der Osten noch Heimat war, WDR-Dokumentation 2009,  https://youtu.be/z2bckDEkrow, oder https://youtu.be/9ShdpRrKUcY.
  5. Włodzimierz Borodziej: Als der Osten noch Heimat war. Was vor der Vertreibung geschah: Pommern, Schlesien, Westpreussen : das Buch zur WDR-Fernsehserie. Rowohlt, 2009 (316 S.) (GB) 
  6. Jürgen W. Schmidt: Als die Heimat zur Fremde wurde ... - Flucht und Vertreibung der Deutschen aus Westpreußen. Aufsätze und Augenzeugenberichte. Verlag Dr. Köster, 2011 (466 S.) (GB)
  7. Höllenmarsch der Volksdeutschen in Polen. Nach ärztlichen Dokumenten zusammengestellt  von Dr. Hans Hartmann.    Verlag Neues Volk, Berlin, Wien  1940; The Scriptorium, digitalisierter Nachdruck 2014; Druckversion gesetzt 2016, https://archive.org/stream/SC079 HoellenmarschDerVolksdeutschenInPolen/SC%20079%20 Hoellenmarsch%20der%20Volksdeu tschen%20in%20Polen_djvu.txt
  8. Christian Jansen, Arno Weckbecker: Der "Volksdeutsche Selbstschutz" in Polen 1939/1940. https://books.google.de/books?id=rdTnBQAAQBAJ&pg=PT162 (Suchwort: Unislaw)
  9. Amtsbezirk Kulmisch Wenzlau. In: Rolf Jehke (Herdecke): Territoriale Veränderungen in Deutschland und deutsch verwalteten Gebieten 1874-1945. Zuletzt geändert am 19.5.2005, http://www.territorial.de/dawp/kulm/klmwenzl.htm
  10. Kulm. In: Deutsches Weichselland. Ein Farbfilm von Curt A. Engel, 1943/1960, https://youtu.be/37EFyx0DyEE, ab Minute 4
  11. Kronberg, Werner: Studenten in Westpreußen bei Schanzarbeiten und Stadtbesichtigungen im August 1944, private Filmaufnahmen, https://youtu.be/RGX4-kWyzqg
  12. Generalleutnant a. D. Otto Lüdecke: Die Belagerung und der Ausbruch aus der Festung Thorn Bundesarchiv, Ost-Dok 2, Paganierung 50-56, http://www.thorn-wpr.de/fqODLOAT.htm
  13. Thorwald, Jürgen (d.i. Heinz Bongartz): Es begann an der Weichsel. Flucht und Vertreibung der Deutschen aus dem Osten. Steingrüben, Stuttgart 1949
  14. David Oels: Schicksal, Schuld und Gräueltaten - Jürgen Thorwalds ewiger Bestseller "Die große Flucht". In: DIE ZEIT, 22.07.2010 Nr. 30, https://www.zeit.de/2010/30/Geschichte-Thorwalds-Flucht/komplettansicht
  15. Schäufler, Hans: 1945 - Panzer an der Weichsel. Soldaten der letzten Stunde. Motorbuch Verlag, Stuttgart 1979
  16. Andreas Prause (Chełmno): Internetseite über die Stadt Culm, http://www.chelmno.info/ 
  17. Andreas Prause: NS-Zeit in Chełmno - Kindheitserinnerungen von Eugeniusz Stefaniak Veröffentlicht am 19. Juni 2012 [Erstveröffentlichung 10.11.2008], http://www.chelmno.info/ns-zeit-kindheitserinnerungen-stefaniak/
  18. Unislaw heute, Fotos: https://www.inst4gram.com/tag/unis%C5%82aw
  19. Zuckerfabrik Onislaw.- Kulmischwenzlau, Reg. Bez. Danzig (Kreis Kulm), https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/item/YZMLNZ6QM7IO7OTMOSWDI27H52KSONE2
  20. Bading, Ingo: Das Verdrängen des Leids - Unserer Großeltern-Generation, 2.7.2019, https://studgenpol.blogspot.com/2019/07/das-verdrangen-des-leids-unserer.html 

Sonntag, 31. Dezember 2017

Inferno in Zolchow

Mai 1945 - "Ich kann nicht mehr leben in diesem geschändeten Haus, ich helfe mir selbst."

Otto Bading der Jüngere (1904-1945) in Zollchow (Wiki) und Otto Bading (1906-1979) in Bahnitz lebten mit ihren Familien etwa 20 Kilometer voneinander entfernt in Bauerndörfern im Elb-Havel-Winkel, bzw. im Westhavelland. Sie waren nicht nur Namensvettern, sondern auch richtige Vettern, genauer gesagt: Halbvettern.*) Der Bahnitzer Otto Bading war der Opa des Verfassers dieser Zeilen. Die beide Vettern hatten denselben Großvater Bading aus Bahnitz. Sie waren beide Bauernsöhne und Hoferben.  

Abb. 1: Konfirmation von Elfriede Bading, der jüngeren Schwester von Otto Bading auf Hof Nr. 5 in Bahnitz im Jahr 1927 - Die Zollchower Verwandtschaft ist vollständig versammelt**)

Der Bahnitzer Otto hatte sich seine Frau Johanna aus Zollchow geholt (die Oma des Verfassers dieser Zeilen). Dort hatte er sie - vermutungsweise - während eines Besuches oder auf einer Familienfeier kennen gelernt. Wenn es Familienfeiern gab - wie Taufen, Konfirmationen, Hochzeiten oder Sterbefälle - kamen beide Familien zusammen, einmal in Zollchow, einmal in Bahnitz (Abb. 1). 

Von einer solchen Familienfeier hat sich in Familienalben ein Foto erhalten (Abb. 1). Der Autor dieser Zeilen hatte dieses Foto immer als eine harmlose Fotografie erachtet. Er hatte bis heute - bis zum Jahr 2017 - nicht gewußt, welch schweres Schicksal eine der darauf abgebildeten Familien im Jahr 1945 in Zollchow erlebte.

Der Zollchower Otto hatte in den 1920er Jahren den Hof seines Vaters übernommen. Er ist laut NSDAP-Mitgliederpartei am 1. Mai 1933 der NSDAP beigetreten (Archivesund war dann in Zollchow Ortsbauernführer geworden. Der Bahnitzer Otto hat ebenfalls den Hof seines Vaters übernommen und war nach 1933 Ortsgruppenleiter, Amtsvorsteher und Bezirksbauernführer in Bahnitz geworden. Und das Schicksal des Zollchower Otto Bading, seiner Ehefrau und seiner beiden minderjährigen Kinder im Mai 1945 lassen erahnen, was auch dem Bahnitzer Otto Bading, dem Opa des Verfassers dieser Zeilen, sowie seinen damals minderjährigen Kindern im Mai 1945 in Bahnitz hätte widerfahren können, wenn sich der Bahnitzer Otto Bading zum Zeitpunkt des Einmarsches der Roten Armee nicht in französischer Kriegsgefangenschaft befunden hätte, sondern zu Hause auf seinem Hof in Bahnitz im Elb-Havel-Winkel. 

Abb. 2: Otto Bading aus Zollchow - Foto auf der Rückseite seiner Karteikarte in der NSDAP-Mitgliederkartei (Archives)

Über das Schicksal des Zollchower Otto Bading und seiner Familie berichtet der letzte Gutsherr von Zollchow, der Leutnant a. D. Martin von Katte (1896->1987), in seinen Erinnerungen (1). Der Name von Katte hat in unserer Familie einen guten Klang. Unsere Oma Johanna Bading (1911-1985), geborene Bleis, die in Zollchow als Halbbauern-Tochter geboren und aufgewachsen war (5), hat oft von den Katte's gesprochen. Der Name von Katte wurde von ihr bis an ihr Lebensende mit Hochachtung genannt. Wenn sie Ilse von Bredows "Kartoffeln mit Stippe" las, dachte sie wohl immer an ihre Zollchower Gutsfamilie von Katte, die einen ähnlich historischen Namen hatte wie die Bredows und in der ähnliche Mentalitäten mögen vorherrschend gewesen sein. 

Inferno in Zollchow

Dem Gutsherrn Martin von Katte (1896->1987) gelang es noch Anfang April 1945, sich und seine Familie mit einem LKW von Zollchow aus in das Jagdhaus des Großvaters in den Harz bei Quedlinburg abzusetzen (1, S. 124). Seine Mutter Katharina, geborene Hoth (1874-8.5.1945) (Stammreihen), hatte in Zollchow zurück bleiben wollen. Das vormalige polnische Hausmädchen Christina kam nach dem Einmarsch der Russen noch einmal in den Harz, um sich noch ein Zeugnis ausstellen zu lassen, bevor sie in ihre Heimat in Polen zurück kehrte. So etwas also gab es auch. Martin von Katte erfuhr von ihr, was sich nach der Besetzung in der Nacht vom 5. auf den 6. Mai 1945 durch die Rote Armee (s.a. 4) in Zollchow zugetragen hatte (1, S. 156):

Christina brachte Nachricht vom Tode meiner Mutter am 8. Mai; Christina berichtete zögernd, der Reihe nach. Wie die alte Dame am Fenster stand, als die beiden Granaten in unser Hausdach schlugen und auch wie unsere Hofrussen Abschied nahmen. (...) Des Nachts rollten die Sowjetpanzer durch das Dorf. Denunziert wurde nach Gut- und Schlechtdünken, dazu genügen wenige Personen. Den Herrn Bauernführer führte man ins Spritzenhaus; nach schwerer Folterung wieder freigelassen, wankte er über die Straße zurück ins Haus und erschoß seine schöne, schwer verletzte Frau und seine Kinder, ehe er die Flinte gegen sich selbst richtete. Daraufhin haben auch seine Schwiegereltern, die um zwei Hofstellen weiter wohnenden würdigen Windmüllersleute, ihr Leben beschlossen.

Diese Schwiegereltern waren das Ehepaar Schwarzlose (2). Sie haben sich in einer nahegelegenen Schonung an Bäumen aufgehängt. Alles das geschah am 7. Mai 1945. Und all das erinnert sehr an das Schicksal der Familie Zander, die sich vier Tage später in Nitzahn das Leben nehmen sollte (4). Von diesen Schicksalen wurde in der Bahnitzer Familie Bading, in der schon manches aus dem Erleben des Mai 1945 sehr genau erzählt wurde (4), nie so erzählt, daß das Angehörige der Enkelgeneration mit Bewußtsein wahrgenommen hätten. Es war wahrscheinlich in den Erzählungen schon präsent, wurde aber nur so angedeutet, daß es die Enkel gar nicht in seinen furchtbaren Dimensionen mitbekommen haben. Für diese waren auch die örtlichen und verwandtschaftlichen Verhältnisse zwei Generationen vor ihnen zu verwirrend, um für solche Andeutungen Interesse zu entwickeln.

Jedenfalls muß der Autor dieser Zeilen erst im Dezember 2017 diese Erinnerungen Martin von Katte's in die Hand bekommen, um zu erfahren, was die beiden vorigen Generationen in der Familie als traumatischstes Erleben offensichtlich mehr beschwiegen haben als daß sie darüber redeten. Oma Johanna Bading (1911-1984), als Bleis geboren in Zollchow, hatte sich mit ihren Kindern noch am 6. Mai in Zollchow befunden, wo sie mit vielen anderen Zollchowern sich in der Nacht zuvor im Wald eingegraben hatte (4). Sie fuhr aber noch am gleichen Tag mit dem Pferdefuhrwerk zurück ins ebenfalls von der Roten Armee besetzte Bahnitz (4). So wird sie von dem Schicksal ihrer angeheirateten Verwandten und der alten Gutsherrin in Zollchow auch erst Tage oder Wochen später erfahren haben zusammen mit so vielem anderen, was man in dieser Zeit erlebte und erfuhr. Von  so vielen Dörfern hörte man ja ähnliches. Vielleicht auch erst fünfzig Jahre später stand in der Zeitung lesen, welche schrecklichen Ereignisse sich etwa in dem Dorf Mögelin südlich von Rathenow ereigneten. So auch in Zollchow auf der anderen Seite der Havel. Martin von Katte schreibt weiter (1, S. 156f):

Den Gastwirt, der, im Verdacht, Zigaretten verschoben zu haben, Todfeinde hatte, führte man großartig vor das Kriegerdenkmal und erschoß ihn. Christina nannte noch andere, die in jenen Tagen Abschied nahmen.

Bei dem Gastwirt handelte es sich um Alwin Rahne (2). Martin von Katte's 72-jährige, schwerhörige Mutter sei ihres Hauses verwiesen worden, habe im überfüllten Haus des Gutsverwalters John gewohnt, habe im Garten Maiblumen gepflückt und diese in die Häuser der Bauern auf die Tische gelegt. Womöglich blieb ihr nicht mehr zu tun, da es auch kein ordentliches Begräbnis für die vielen ums Leben gekommenen Menschen allen Alters und Geschlechts gab in jenen Tagen:

Am dritten Tag, dem Dienstag, sah man die alte Dame zur Grille gehen wie seit Jahren zu gewohnter Stunde im gewohnten Lodenmantel (...) zwischen den frischen Schützenlöchern hindurch - nur daß sie einige Male stehen blieb und auf das Dorf zurück blickte.

"Grille" ist ein Ortsteil von Zollchow, der von der Familie von Katte im 19. Jahrhundert als Schäferei begründet wurde.***) Auf dem Grab ihres Ehemannes habe sie sich dann das Leben genommen. In ihrer Manteltasche habe sich ein Brief gefunden, der mit den Worten begann:

"Ich kann nicht mehr leben in diesem geschändeten Haus, ich helfe mir selbst."

Nach dem Freitod ihres Bruders Otto Bading und seiner Familie war nun Maria Hufschläger (gest. 2002) Hoferbin. Da der Hof aber über 60 Hektar Land besaß, wurde das Land noch im Sommer 1945 im Rahmen der Bodenreform eingezogen - ebenso wie das Gutsland von Katte und das Land des Grafen von der Recke (3, S. 23), der das Jagdschloß gekauft hatte. Maria Hufschläger wurde also sehr frühzeitig enteignet. Es liegen noch viele ihrer Eingaben vor, in denen sie gegen diese Enteignung in den Jahren 1945 bis 1948 Einspruch erhob, und erneut 1990 - immer ohne Erfolg. Ihre Familie und ihre beiden Kinder blieben in Zollchow wohnhaft bis nach 1990 ("Tante Mariechen Hufschläger").

Die Erinnerungen des Martin von Katte

In den Erinnerungen des Martin von Katte (1896->1987) finden sich auch sonst wertvolle Angaben zur Geschichte des Dorfes Zollchow und seiner Bauernfamilien während der 1930er und 1940er Jahre (1). Überhaupt lernt man in ihnen besser die Lebensverhältnisse in dieser Gegend kennen, insbesondere aus Sicht einer alt eingeborenen Adelsfamilie.

Einstweilen ist uns ansonsten über die Zollchower Badings nicht sonderlich viel bekannt. Der Hof dort hatte 66 Hektar Land, während der Bahnitzer Hof 44 Hektar hatte. Dementsprechend gab es schon während des Ersten Weltkrieges auf dem Bading'schen Hof in Zollchow 30 Kriegsgefangene. Zum Vergleich: auf dem Gutshof von Katte gab es 16 und auf dem Forsthof des Gutes von Katte gab es 13 (2). Ähnlich könnte es dann im Zweiten Weltkrieg gewesen sein, so daß der Hofinhaber, der zugleich Ortsbauernführer war, natürlich für viele Kriegsgefangene eine besondere Bedeutung gehabt haben wird in Zollchow. 

Während des Ersten Weltkrieges waren Otto Bading aus Zollchow (Abb. 1 oben rechts) und ein Wilhelm Bading aus Zollchow als Soldaten eingezogen, ebenso wie der Bahnitzer Vetter Gustav Bading und ebenso wie in Zollchow der Gutsbesitzer Georg von Katte und sein Sohn Martin von Katte (1896->1987) (2). Ebenso auch der spätere Zollchower Schwiegervater des Bahnitzer Otto Bading, nämlich Wilhelm Bleis. Martin von Katte kehrte als schwer verletzter Leutnant a. D. der Fliegertruppe aus dem Krieg nach Hause. Dort lebte er anfangs unter verarmten Verhältnissen (1). Der Forsthof des Gutes hatte verkauft werden müssen.

Der "jüngere" Zollchower Otto Bading heiratete - vielleicht schon in den 1920er Jahren - eine Helene Schwarzlose aus Zollchow, die dort nur zwei Höfe weiter aufgewachsen war. Das Ehepaar hatte zwei Kinder. Der Bahnitzer Vetter und Namensvetter Otto Bading (der Opa des Autors dieser Zeilen) heiratete 1932 Johanna Bleis aus Zollchow (5), die er vielleicht bei einem Verwandtenbesuch oder auf einer Familienfeier seiner Zollchower Verwandten kennengelernt hatte.

Über den Zollchower Gutshof wird berichtet (2):

Der Gutshof lag an der Nordostecke des Dorfes und war durch eine höhere rote Ziegelmauer vom Umfeld getrennt. Durch zwei Tore kam man auf die Anlage; der Hauptzugang erfolgte vom Ort aus; über das zweite Tor hinter den Viehställen zur Straße nach Vieritz am Kriegerdenkmal hin erreichte man kürzer die Grille*). (...) Erst 1926 übernahm Leutnant Martin von Katte das ganze Gut wieder.

Martin von Katte lebte geistig in den Traditionen seiner Vorfahren und im Adelsbewußtsein der Familie von Katte, die auch preußisches Offiziersbewußtsein mit einschloß (1).

Martin von Katte brachte einen Hauch von "großer Literatur" nach Zollchow

Im Zweiten Weltkrieg tat er beispielsweise Dienst in Finnland und lernte dort den General Dietl (1890-1944) (Wiki) persönlich kennen, von dem er mit großer Hochachtung schreibt. Auch fühlte sich Martin von Katte der Pflege der deutschen Sprache verpflichtet und veröffentlichte Gedichte. Aufgrund solcher Interessen und adliger, verwandtschaftlicher oder gutsnachbarlicher Verbindungen war er befreundet, bekannt oder verwandt mit vielen Menschen aus dem damaligen Literaturleben Deutschlands. In seinen Erinnerungen (1) werden Namen genannt wie Rudolf Alexander Schröder, Börries von Münchhausen, Karl Wolfskehl, Friedrich Franz von Unruh, Hermann Graf von Keyserling, Ernst Jünger und Wolf Jobst Siedler (s. a. Amazon 1978, Der Spiegel 1982, Die Welt 2000, PNN 2004). Von diesen weilten auch viele zu Besuch in Zollchow, besuchten als Taufpaten der Kinder Martin von Kattes die Zollchower Kirche.

In seinen Erinnerungen (1) erwähnt Martin von Katte nun auch mehrmals den Zollchower Bauern und Ortsbauernführer Otto Bading. Von Katte's zweiter Sohn "Petz" (Bernhard Heinrich von Katte), der 1941 vier Jahre alt war, der aber schon mit 10 Jahren 1947 an Diphterie sterben sollte, ging damals vom Gutshaus aus selbständig auf Wanderschaft im Dorf (1, S. 38f):

Mit der Zeit kam er in die meisten Häuser, hielt Vorsprache auch in den vornehmsten der Bauern Witthuhn, Wenzlau, Hübner und Bading. Bisweilen bekamen wir frohe Botschaft: "Gestern war Petz bei uns, das ist aber einer!"

Es wird auch über den "Bauer Berendt, genannt der Löwe," berichtet, "dessen Haus seit zwei Generationen der Gutsherrschaft gram war", und der wegen eines zu flickenden Loches im Zaun angemahnt worden war, das neben den Hausgänsen auch der kleine Petz benutzen würde:

Der Weißbärtige brauste nicht auf, sondern murmelte einlenkend: "Der kann auch vornherum kommen."

Über den Gutsnachbarn Günther von Kluge (1882-1944) (Wiki) aus Böhne wird von Martin von Katte für die Jahre 1942 oder 1943 berichtet (1, S. 105):

Eines Vormittags sagte sich der Nachbar aus Böhne an. Herr von Kluge kommt über die grüne gemeinsame Grabengrenze. Er ist Oberbefehlshaber des Heeres Mitte im Osten, doch jetzt geht es um komplizierte Fragen der Wassergenossenschaft. Ich bat unseren Schriftführer Otto Bading herüber, der zugleich "Ortsbauernführer" ist. Der meldet sich nach klärender Besprechung mit den Worten ab: "Herr Feldmarschall, wat wärt'n nu? Wi mütten uppassen." Auch mit dem Kreisbauernführer Hermann Mosow in Tuchheim (...) bestand Einvernehmen. (...) Bei einer Begegnung in der Waldstille (...) bremste er scharf, sprang aus dem Auto, um meine Hand vertraulich zu nehmen: "Katte, jlaubste noch?" Ein klar zweideutiges "Ja". Wortlos aufmunternder Abschied.

Hier ging es wohl um den Glauben an den "Endsieg". Der war für den Bahnitzer Otto Bading ja schon spätestens 1941 fragwürdig geworden. Dieser war 1941/42 seiner Ämter enthoben und zum Kriegsdienst eingezogen worden.

Nackter Materialismus nach 1945

Das Gutshaus von Katte wurde 1948, das Jagdschloß, bzw. Forsthaus von Katte, das einen Kilometer südlich des Dorfes in schönem Mischwald lag, wurde 1949 abgerissen (3, S. 28). Liest man die Erinnerungen des Martin von Katte (1) und hält sie zusammen mit so vielen anderen Erinnerungen von Angehörigen des ostelbischen Adels aus jener Zeit, wird einem erst bewußt, wie viel Kultur und Kulturbewußtsein damals insbesondere mit den märkischen Adelsfamilien vernichtet oder vertrieben worden ist. 

Fast möchte man sagen: Das Land Brandenburg hat mit ihnen sein Gesicht verloren. Und dieses Gesicht ist auch nach 1990 nicht wiederhergestellt worden, da die Enteignungen ja nicht rückgängig gemacht worden sind.

Auch in Zollchow gingen zudem viele der großen Bauern 1953 in den Westen. Auch diese Abwanderung der großen Bauern bedeutete eine starke Gesichtsveränderung für die Länder östlich der Elbe. Die Menschen haben sich in vierzig Jahren Kommunismus in ganz andere Lebensverhältnisse hinein gefunden als im Westen. Jahrzehnte lange Gewöhnung nutzt die Seelen ab, ob man unter dem kapitalistischen Materialismus des Westens oder unter dem kommunistischen Materialismus des Ostens lebte. 

Und bis heute wird über das erschütternde Geschehen bei Kriegsende mehr geschwiegen als gesprochen. Dabei hilft Austausch innerhalb der Gemeinschaft und gegenseitige Anteilnahme bei der Trauma-Verarbeitung (6).

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*) Bei den Zollchower Verwandten handelte es sich um den Halbbruder, bzw. den Vetter der Bahnitzer Badings. Zur Erläuterung dieser Verwandtschaft: Der Großvater von Otto Bading (1906-1979) in Bahnitz, der 1901 gestorbene Friedrich Wilhelm Bading, hatte nach dem Tod seiner ersten Ehefrau ein zweites mal geheiratet. Aus dieser Ehe war Otto Carl Friedrich Bading (1873->1927) hervorgegangen, der die Tochter des Bauern Wernicke in Zollchow geheiratet hatte und der dort den 66 Hektar großen Hof der Wernickes übernommen hatte. 1927 ist dieser - vermutlich zusammen mit seinen Kindern und Enkelkindern - als älterer Herr auf einer Familienfotografie oben links zu sehen (Abb. 1), die aus Anlaß der Konfirmation der zweijüngsten Tochter Elfriede seines Halbbruders Gustav Bading (1870-1941) (Abb. 1 oben rechts) in Bahnitz entstand. - Dieser Zollchower Otto Bading der Ältere hatte zwei Kinder: Otto Bading und Marie, spätere in Zollchow verheiratete Hufschläger. Womöglich sind diese auch noch auf der Familienfotografie in Abb. 1 zu sehen, aber sie können einstweilen nicht sicher zugeordnet werden. 1927 hatte der Bahnitzer Otto Bading als Arbeiter in Sachsen die NSDAP kennen gelernt und war Mitglied in ihr geworden. Vermutlich ist auch sein Vetter und Namensvetter in Zollchow um diese Zeit in die NSDAP eingetreten.
**) Zur Konfirmation von Elfriede Bading (spätere nach Ingolstadt verheiratete Puhlmann - Tante "Elfriedchen", geboren 1913), die vorne Mitte-links neben ihrer Schwester Emma Lindenberg (Wusterwitz) steht, war viel Verwandtschaft in Bahnitz vor der Haustür von Hof Nr. 5 versammelt und ließ sich fotografieren: Tante Emma (Lindenberg, Wusterwitz) ist in der vordersten Reihe die dritte von links, ihre Schwester Elfriede die vierte von links. Ganz rechts in der vordersten Reihe steht ihrer beider Schwester Lucie. Und in der Mitte zwischen ihnen ihr Bruder Otto. Die Mutter von den vieren, Emma Bading, geborene Mohr, steht hinter Elfriede, der Vater der vier, Gustav Bading, steht ganz oben rechts. Neben ihm links steht sein Halbbruder, der Zollchower Otto Bading. - Dem Alter nach könnte der junge Mann rechts der Konfirmandin der Sohn des Zollchower Otto Bading, wiederum ein Otto Bading sein. Vor ihm könnte seine Frau Helene (geb. Schwarzlose) und ihre zwei Kinder stehen, rechts hinter ihm seine Mutter (geb. Wernicke). (Der alte Mann mit Bart ganz rechts war wohl der Stiefvater von Emma Bading, geb. Mohr, mit Familiennamen Meinecke aus Bahnitz.)
***) Jemand sagte: "Ach, das ist auch wieder so eine Grille von dem von Katte." Und dieser gab daraufhin der Schäferei diesen Namen (1).
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  1. von Katte, Martin: Schwarz auf Weiß. Erinnerungen eines Neunzigjährigen. Wolf Jobst Siedler Verlag, Berlin 1987
  2. Geffert, Hans-Joachim: Zollchow - Eine unvollständige Chronik. Nach Notizen der Lehrer Fritz Geffert und August Brand. 2011, http://www.milow.de/verzeichnis/visitenkarte.php?mandat=187048 
  3. Anft, Gisela: Chronik Zollchow, 1993, http://www.milow.de/verzeichnis/visitenkarte.php?mandat=187048 
  4. Bading, Ingo: Der 4. Mai 1945: Das Kriegsende in den Dörfern des Havelbogens Möthlitz, Kützkow und Bahnitz - Eine regionale Studie zu den letzten Kämpfen des Zweiten Weltkrieges. Auf: Studium generale, 7. August 2011, http://studgendeutsch.blogspot.de/2011/08/der-4-mai-1945-das-kriegsende-in-den.html
  5. Bading, Ingo: Bauern, Büdner, Häusler, Grenadiere und Kuhhirten - Meine Oma und ihre Vorfahren aus dem Dorf Zollchow im Havelland. Preußenblog, 30. September 2017, http://preussenlebt.blogspot.de/2017/09/bauern-budner-hausler-und-kuhhirten.html 
  6. An evolutionary theory of moral injury with insight from Turkana warriors. Matthew R. Zefferman, Sarah Mathew. In: Evolution and Human Behavior, Available online 16 July 2020, https://doi.org/10.1016/j.evolhumbehav.2020.07.003, https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S1090513820300829

Samstag, 30. September 2017

Bauern, Büdner, Häusler, Grenadiere und Kuhhirten

Ob eine Grenze uns heute trennt,
In die Heimat fahr ich so gerne
Vor 30 Jahren mußten wir fort
30 Jahre schon in der Ferne.

Johanna Bading 
Gedicht "Elb-Havel-Winkel"
(Auszug, 1983)

Meine Oma und ihre Vorfahren aus dem Dorf Zollchow im Havelland

Das Leben meines Opas, eines Bauern in Bahnitz an der Havel (1906-1979), ist schon in zwei Blogbeiträgen behandelt worden (1, 2). In dem vorliegenden Beitrag soll es um die Familie gehen, aus der meine Oma stammte. Es soll um ihre Vorfahren gehen. Und es soll noch einiges über ihr eigenes Leben berichtet werden (was alles künftig noch ergänzt werden kann). / Ergänzung 2025: Inzwischen konnte über MyHeritage noch Verbindung aufgenommen werden zu manchen entfernten Verwandten, deren Stammbäume sich mit dem hier dargestellten zum Teil überschneiden (12). /  

Vielleicht ist es kennzeichnend für die Vorfahren meiner Oma, daß unter ihnen während des 18. und 19. Jahrhunderts mehrmals Nachkommen von Vollbauern in andere Berufsgruppen überwechselten. Sie wurden Schiffer, Halbbauern (Häusler), Soldaten, Kuhhirten, Arbeitsmänner, Schumacher, Leinweber und Schäfer oder heirateten Söhne oder Töchter von Vätern aus diesen Berufsgruppen.

Soweit übersehbar, hatten die Vorfahren meines Opas immer nur unter Vollbauern geheiratet. Daß mein Opa 1932 eine Kleinbauern-, bzw. Kossatentochter heiratete, nämlich meine Oma, war in den Jahrhunderten davor nicht üblich gewesen.


Abb. 1: Ein Büdner- oder Kossatenhof in Zollchow, das Elternhaus meiner Oma - Links Onkel Ernst, ihr Halbbruder, 1984 (heute Breite Straße/Ecke Rosenstraße) (nach dem Tod von Onkel Ernst ist das Haus abgerissen worden)
(aus überlieferten Familienalben)

Somit ist über die Vorfahren meiner Oma auch Einblick zu gewinnen in ländliche Berufsgruppen, die nicht Vollbauern waren. Ungefähr zur Hälfte war meine Oma Nachfahrin von Vollbauern (in den Kirchbüchern bezeichnet als "Ackermann"), zur anderen Hälfte Nachfahrin anderer Berufsgruppen. Und es mag durchaus typisch gewesen sein für das Bevölkerungswachstum des 18. und 19. Jahrhunderts in den ländlichen Gegenden des Landes Brandenburg und anderwärts, daß einzelne Söhne und Töchter in andere Berufsgruppen wechseln mußten. Im Havelland lag oft der Wechsel zum Beruf des Schiffers nahe. Auch mehrere Soldaten gibt es unter den Vorfahren meiner Oma, sowie die genannten anderen Berufe. Diesen Umstand zu verdeutlichen, wird einer der Schwerpunkte der folgenden Ausführungen sein.

Das Elternhaus meiner Oma Johanna Bading, geborene Bleis (1910-1985) stand in Zollchow am Dorfausgang Richtung Westen an der Südseite der heutigen Breiten Straße/Ecke Rosenstraße (vormals Karl-Marx-Straße, vormals Hauptstraße) (Abb. 1). Es handelte sich um ein Bünder-, bzw. Kossaten-, also Halbbauern-Haus. Zu ihm gehörten also nicht wie zu den Vollbauernhöfen über 40 Hektar Land, sondern nur 15 Hektar. Dennoch konnte auch davon eine Familie nicht nur leben, sondern sogar drei Kindern eine Berufsausbildung ermöglichen. Dennoch konnte auch ein solcher Hof auf dem Land Brandenburg eigene Pferde für das Wirtschaften unterhalten.

Abb. 2: Die Hofseite eines Büdner- oder Kossatenhofes in Zollchow, dem Elternhaus meiner Oma, 1984
(aus überlieferten Familienalben)

Nach Gründung der LPG, der "Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft" im Jahr 1953 wurde natürlich auf diesem Hof von dem Halbbruder meiner Oma, von Ernst Bleis (1906-1991), Landwirtschaft nur noch im Nebenerwerb betrieben. Er wohnte hier bis zu seinem Lebensende im Jahr 1991. Das Haus ist irgendwann nach 1991 abgerissen worden. Bei unseren alljährlichen Verwandtenbesuchen in der DDR vom Westen aus besuchten wir auch Onkel Ernst und seine Schwester Frieda Bergann, geborene Bleis (1909-1993), in Zollchow regelmäßig. Letztere - Tante Friedel - besuchte uns auch häufiger im Westen, aber Onkel Ernst kam nur einmal zur Beerdigung meines Opas. Tante Friedel lebte ihre Altersjahre in dem in DDR-Zeiten errichteten mehrstöckigen Neubau in der Rosenstraße also nur wenige Meter von ihrem Elternhaus und ihrem Bruder entfernt.

Verwandtenbesuche in Zollchow (1980er Jahre)

Tante Friedel und Onkel Ernst arbeiteten auf der LPG in Zollchow. In damals geschriebenen Familienbriefen wird deutlich wie stark Tante Friedel mit den Ernteerfolgen und -mißerfolgen der LPG mitfühlte. Onkel Ernst hielt sich Geflügel und einige Schweine im Nebenverdienst. Onkel Ernst hatte einen Sohn - Willy Bleis. Willy ging Ende der 1950er Jahre in den Westen und Onkel Ernst wollte seitdem nichts mehr mit seinem Sohn zu tun haben. Er brach völlig mit ihm. Daß der Sohn seinen Vater allein zurück ließ, konnte dieser nicht verwinden. Onkel Willy hatte nun aber auch im Westen selbst kaum Angehörige und hielt nicht zuletzt auch deshalb mit seiner Tante Hanna, meiner Oma, Verbindung, bzw. mit seinen Cousins und Cousinen.

Onkel Willy lebte für viele Jahre mit seiner Frau in Südafrika. Und er lud Oma und Opa nach Südafrika ein. Oma nahm diese Einladung schließlich einmal an. Es existiert noch ein ganzes Fotoalbum mit Fotos von ihrer Reise nach Südafrika und von ihrer Fahrt durch den Krüger-Nationalpark (Abb. 18).

Abb. 3: Die drei Geschwister Bleis: Friedel, Hanna und Ernst in der Wohnküche ihres Elternhauses in Zollchow, etwa 1984
(aus überlieferten Familienalben)

Bei einem der letzten Besuche bei Onkel Ernst zusammen mit meinem Vater werde ich so etwa 25 Jahre alt gewesen sein (um 1990). Damals fiel mir der große Gegensatz auf zwischen der Lebenseinstellung von Onkel Ernst und der meines Vaters. Onkel Ernst war als alter Mann wenn man so will ein "verhutzeltes Männchen" (siehe Abb. 1). Er litt unter einer Schußverletzung aus dem Zweiten Weltkrieg. Er hatte einen Schuß in die Ferse - und von der Ferse an aufwärts - erhalten, worüber er lebhaft erzählen konnte. (Es war dies eine anschauliche Lehre für die soldatische Vorschrift, nach der man, wenn man auf dem Boden in Deckung geht, die Füße flach auf den Boden legen soll. Onkel Ernst hatte das nicht getan.) Onkel Ernst kam mir wie ein sehr altersweiser, seelenvoller Mensch vor. Ich empfand, daß mein Vater zu ihm in einer gewissen Gegensätzlichkeit stand, viel mehr äußeren Dingen verhaftet war, Eigenschaften, die er sich wohl in Zeiten des westlichen Wirtschaftswunders und in der Gehetztheit und dem Gerenne und Gehaste einer hektischeren Arbeitswelt angeeignet haben mag.

Onkel Ernst wirkte dagegen sehr naturverbunden. Wohl fast jeden Tag fuhr er - wie er erzählte - mit dem Fahrrad auf das Feld und in den Wald, beobachtete die Tiere. Und es war anrührend, ihn davon erzählen zu hören. Man hatte das Gefühl: Er hatte viel Schmerz in seinem Leben erlebt, aber als wäre er dabei auch altersweise geworden.

Schön war es, wenn Onkel Ernst uns seinen Hof zeigte, seine Scheune, seinen Stall, seine Tiere. Alles anrührend, altertümlich, schon vom Geruch her. Außerordentlich altertümlich. Die Küche und alle Wohnräume ebenerdig. All das fühlte sich auch sehr "kleinbäuerlich" an. Er lebte dort in einer ruhigen Welt für sich, sehr genügsam und - offenbar - sehr mit sich und der Welt im Einklang. So meine Erinnerungen an Zollchow. Onkel Ernst hatte sein Elternhaus jener Familie als Erbe nach seinem Tod zugedacht, die sich um ihn in seinen Altersjahren kümmerte. Mein Vater zeigte dafür - wie für manches andere - wenig Verständnis. Onkel Ernst aber beachtete dieses Unverständnis nicht weiter.

Abb. 4: Frieda Bleis, geborene Eggert (1888-1970) - aufgenommen 1964 in Berlin
(aus überlieferten Familienalben)

Wenn es etwas zu lernen gibt von der Familie meiner Oma, dann das, daß man auch in weniger wohlhabenden Verhältnissen zu einem guten Menschen werden kann. Das schwere Lebensschicksal von Tante Friedel ist mir allerdings erst jetzt hier beim Niederschreiben bewußt geworden.

Flucht aus Hinterpommern (1945)

Die Mutter der drei genannten Geschwister - nämlich von Onkel Ernst, Tante Friedel und meiner Oma - war Frieda Bleis, geborene Eggert (1888-1970) . Sie starb 1970 in Zollchow. Zumindest äußerlich hatte sie meiner Oma viel vererbt: den schmalen Mund und auch einige Partien in ihrem Gesicht (Abb. 4). Alle beiden ihrer Schwiegersöhne und auch ihr Sohn Ernst waren im Zweiten Weltkrieg Soldat gewesen. Ihre Tochter Frieda - Tante Friedel - hatte schon vor dem Krieg einen Willi Bergann (1888-1945) geheiratet. Dieser war tätig als Förster bei der Familie des Barons von Zitzewitz (Wiki) in Groß Krien bei Stolp in Hinterpommern.

Abb. 5: Das Gutshaus in Krien (aus: Pagel)

Groß Krien liegt 20 Kilometer südlich von Stolp an der idyllische Stolpe, die sich noch heute zum Kanuwandern eignet. Stolp liegt 110 Kilometer westlich von Danzig an der Fernbahn-Linie Richtung Stettin. Groß Krien lag ab 1920 nur 30 Kilometer von der polnischen Grenze entfernt. In einem Einwohnerverzeichnis von Groß Krien ist auch der Name Bergann angeführt (Groß-Krien). Über den letzten Baron Günther von Zitzewitz schreibt Karl-Heinz Pagel, der Historiker des Landkreises Stolp (Stolp.de, S. 656f):

In Groß Krien baute er sich ein Herrenhaus und interessierte sich besonders für den Forst und die Hege des Wildes. Bornzin erhielt er nach dem Tode des Vaters und verlegte seinen Wohnsitz dorthin. (...) Da er bei seinem Tode 1927 sieben minderjährige Kinder im Alter von ein bis zehn Jahren hinterließ, fiel seiner Ehefrau Henriette die Aufgabe zu, die Bornziner Güter zu verwalten. Als letzte Besitzerin von Krien ist daher die Zitzewitzsche Erbengemeinschaft angegeben. (...) Krien gehörte zum Güterkomplex Bornzin.

Bornzin lieg neun Kilometer von Groß Krien entfernt. Über diesen Günther von Zitzewitz heißt es (Wiki):

Seine beruflichen Neigungen galten in erster Linie dem Förstereiwesen. (...) Bei seinem Tod 1927 hinterließ er sieben minderjährige Kinder, und die Bornziner Güter wurden seither von seiner Witwe, Henriette von Zitzewitz, verwaltet.

Während der Zeit des Dritten Reiches soll Hermann Göring in das Gutshaus Groß Krien zur Jagd gekommen sein. (s. poln. Internetseite). In den 1980er Jahren ging das Schloß bei einem Brand verloren.

Abb. 6: Postkarte "Gruß aus Groß Crien"

 Karl-Heinz Pagel schreibt (Stolp.de, S. 656f):

Krien wurde am 8. März 1945 von den Russen besetzt. Dann kamen die Polen und vertrieben die Dorfbewohner. Die Heimatortskartei Pommern hat später 189 von ihnen in der Bundesrepublik Deutschland und 113 in der DDR ermittelt. (...) Kriegs- und Vertreibungsverluste: 17 Gefallene, 12 Ziviltote und 65 Vermißte ("ungeklärte Fälle").

Tante Friedel und ihrem Ehemann waren kaum zehn Jahre Ehe geschenkt, davon waren fünf Jahre Krieg. 1938 war ihr Sohn Hans-Dieter Bergann geboren worden (9). Während des Krieges wurde ihre Tochter Christel geboren. 1945 mußte Tante Friedel mit ihren beiden Kindern aus Groß Krien fliehen. Sie erzählte, daß ihr Ehemann sich noch 1945 freiwillig meldete, um der fliehenden Bevölkerung zu helfen. Es wäre natürlich auch naheliegend, daß er zum Volkssturm eingezogen war. Jedenfalls ist er dabei ums Leben gekommen. Zu diesem Zeitpunkt war Tante Friedel erst 36 Jahre alt.

Abb. 7: Die Stolpe bei Groß Krien

Was sie wohl damals alles erlebt hat? Über die damalige Gutsherrin Henriette von Zitzewitz im neun Kilometer entfernten Bornzin wird jedenfalls berichtet (Karl-Heinz Pagel; pdf/Stolp.de) (10):

Als Wilhelm 1927 starb, hinterließ er seiner Frau Henriette (Etta), geborene van der Wyck, einer Holländerin, eine geordnete Wirtschaft. Als Mutter und Betriebsführerin hat das Schicksal sie in schwerer Zeit vor eine große Aufgabe gestellt. "Befähigt durch die gleichen Eigenschaften des Herzens und des Verstandes führte sie aber die Bornziner Betriebe durch die so schwere Zeit der landwirtschaftlichen Krise zu neuer Blüte, um mit dieser ihrer Lebensarbeit unterzugehen" (Georg Werner v. Zitzewitz). Zwei ihrer Söhne sind im Kriege gefallen. Sie wurde tatkräftig unterstützt von ihrem Inspektor Wilhelm Mahn, der schon seit 1918 dieses Amt innehatte und 1936 in den Ruhestand ging. Sein Sohn Hubert, der bis dahin Klein Dübsow bewirtschaftet hatte, trat die Nachfolge als Inspektor an. (...) In der Zeit der großen Trecks 1945, als ostpreußische Flüchtlinge im kalten Winter Quartier suchten, wurde ihnen Unterkunft und Hilfe auch in Bornzin zuteil. Gegenüber den ostpreußischen Gutsbesitzern und deutschen Offizieren ganz die große Dame, die den Stil und die Etikette ihres Hauses bis zum letzten Augenblick pflegte, war sie zugleich geübte Hebamme, und sie leistete Erste Hilfe bei allen möglichen Unfällen. Im Schein einer Kerze verteilte sie Tag und Nacht warme Suppe und kümmerte sich um die Unterbringung von Hunderten obdachloser Menschen und harrte auf ihrem Platz in Bornzin aus, bis das ganze Dorf Treckgenehmigung erhielt". Am 6. März 1945 wurde vor den heranrückrückenden Russen die Räumung des Ortes angeordnet und planmäßig durchgeführt. Nur zwei Bewohner blieben zurück. Am 7. März um 4 Uhr brach der Dorftreck auf. Doch schon am Abend gegen 18 Uhr wurde er unter Panzerbeschuß von den Russen überrollt. Drei Personen aus dem Treck wurden an Ort und Stelle erschossen. Die Gemeinde Bornzin besetzten die Russen am 8. März Sie verschleppten mehrere Dorfbewohner, von denen einige nach Tagen und Wochen zurückkehrten. Gutsbesitzerin Etta starb während einer Diphterie-Epidemie am 12. Dezember 1945. Man begrub sie in Bornziner Erde an der Seite ihres Mannes. Am 6. Juni bemächtigten sich die Polen des Dorfes und unterstellten es polnischer Verwaltung. Die allgemeine Behandlung der Dorfbewohner wurde nun noch schlechter. Mißhandlungen waren an der Tagesordnung. Die Vertreibung begann. Für die Kinder der zurückgebliebenen Familien aus Bornzin und Umgebung gab es ab 1951/52 führ mehrere Jahre eine deutsche Schule mit den Klassen 6 und 7. Die Klassen 1 bis 5 wurden in Starnitz unterrichtet. Immerhin lebten in Bornzin 1957 noch 131 Personen deutscher Volkszugehörigkeit. Aber auch sie wurden fast alle vertrieben. Die Heimatortskartei Pommern hat später 273 von ihnen in der Bundesrepublik Deutschland ermittelt und 86 in der DDR. (...) Kriegs- und Vertreibungsverluste: 34 Gefallene, 25 Ziviltote und 50 Vermißte ("ungeklärte Fälle"). 

Wieviel Ähnliches davon Tante Friedel im neun Kilometer entfernten Groß Krien erlebt hat, ist uns bislang nicht bekannt. Jedenfalls lebte sie dann bis an ihr Lebensende 1993 als Witwe in Zollchow.

Abb. 8: Vermutlich während des Zweiten Weltkrieges in Zollchow: Namentlich nicht bekannte Lebensgefährtin von Ernst Bleis, ein unbekannter SS-Soldat, Frieda Bleis, ihr Enkelsohn Willy Bleis (Sohn von Ernst Bleis), Wilhelm Bleis und ein unbekannter Uniformierter
(aus überlieferten Familienalben)

Schon für die Eltern meiner Oma habe ich keinerlei eigenes erinnerndes "Gefühl", auch nicht aufgrund irgendeiner Erzählung meiner Oma. In meiner Gegenwart hat sie über ihre Kindheit und Familie in Zollchow eigentlich gar nichts erzählt, zumindest nichts, was mir in Erinnerung geblieben wäre. Sie nahm das wohl nicht so wichtig. Am ehesten wurde in unserer Familie noch über die Ereignisse des Jahres 1945 erzählt, als meine Oma mit ihren Kindern vor den Russen von Bahnitz aus zu ihren Eltern nach Zollchow flüchtete und sich alle dort im Wald versteckten (6). Von diesen Umbruchzeiten blieb das Leben von meiner Oma und meinem Opa bis an ihr Lebensende am ehesten bestimmt.

Blick zurück: 1809 - Sieben Zollchower Bleis-Kinder werden von einer Stiefmutter aufgezogen

Aber ich finde in den Unterlagen auch noch drei schriftliche Zeugnisse zu Erinnerungen an die Kindheit und Jugend in Zollchow. Ende 1958 hatte der Enkelsohn von Frieda Bleis (geborene Eggert) aus Zollchow sich aus dem Westen bei ihr nach seinen Vorfahren erkundigt. Sie antwortete ihm am 1. Dezember 1958 und beschwerte sich, daß ihr so wenig Familiennachrichten mitgeteilt wurden. So hatte eine ihrer Enkeltöchter nach den USA geheiratet und sie schrieb (unkorrigiert):

Ihr habt uns aber auch gar nichts mitgeteilt, nur E. schrieb das Hildegard seit dem 28. Oktober verheiratet ist, sonst wissen wir aber auch garnichts weiter von Euch. (...) Da werde ich doch bald mal Urgroßmutter oder bin ich es schon und weiß es nicht, also bitte schreibt uns doch etwas mehr von Euch denn ich bin alle Tage vom Morgen bis Abend allein und denke sehr viel an Euch. Am 3.12. werden wir schlachten, es ist schon ein schönes Schwein, Pfeffer haben wir noch vom vorigen Jahr, etwas giebt es ja hier auch, da kaufen wir immer etwas zu. Sonst geht es hier bei uns immer noch ganz gut, alles geht hier in die L.P.G. arbeiten, es kommen immer mehr dazu. Willi hat auch keine Lust etwas anderes zu werden. (...) Schreibt bitte bald. Und seid recht herzlich gegrüßt von uns allen. Oder kommt ihr bald alle wieder? Eure Mutter.

"Oder kommt ihr bald alle wieder?", fragt die 70-Jährige 1958. Sie sollte zwölf Jahre später sterben. - - - Mehr als 20 Jahre später, 1981, schrieb ich selbst für die Schule eine Hausarbeit über meine Vorfahren. Dies war der Anlaß, daß meine Oma an ihre ältere Schwester, an meine Tante Friedel in Zollchow eine briefliche Anfrage richtete. Tante Friedel antwortete am 3. Dezember 1981:

Ihr Lieben! Komme soeben von Ernst. Ernst hat auch keine Bilder mehr von früher, Hanna. Er weiß auch nichts mehr von unseren Ahnen. Ich wollte Ingo so gerne helfen, da weiß ich eigentlich noch mehr über Mutter. Die Bleis, Großvater Bleis

 hier irrte sie sich (siehe unten) - richtig hätte sie schreiben müssen: Urgroßvater Bleis

stammte von dem Kröger Bleis Hof. Er mußte fort unter dem Druck der Stiefmutter, sein Vater starb auch, sie heiratete dann den Bruder. Großvater Bleis ging auch zur See. Später kam er zurück. Er wohnte erst in Möllenhofs Haus, dann kaufte er sich unser Grundstück.
Er heiratet sich eine aus Neudessau, wir sind doch manchmal als Kinder mitgefahren, dann ging es mit dem Kahn über die Stremme zu Wiesens, das war Vaters Cousine.
Großvater Bleis hatte zwei Kinder, Vati und Tante Ida. Beide Kinder waren noch klein als die Mutter starb. Großvater, den seh ich noch genau vor mir. Er war groß, hatte einen Vollbart, ging mit einem Stock, ich mochte ihn gern. Auf Dich paßte er immer auf, weil Du die Kleinste warst, Hanna. Mit Tante Idas Verwandtschaft haben wir keine Verbindung mehr. (...)
Nun zu Großvater (Ferdinand) Eggert. Er besaß einen Schleppkahn, fuhr auf der Elbe Frachtgut, bis Hamburg, er konnte viel erzählen, die Jugend drängte sich abends oft um ihn, wir waren noch zu klein aber manches habe ich doch mitgekriegt. Er lahmte etwas, das war von einer Prügelei. Er brachte uns öfter Südfrüchte, Feigen und Datteln mit, weißt Du noch, Hanna, wir waren vielleicht stolz, weil sowas die anderen Kinder nicht hatten. Großvater Eggert war auch sehr klug, Mutter erzählte uns, der Ziegelei-Besitzer Witte von Kitz holte ihn oft, wenn Fehler in der Buchhaltung unterlaufen waren, Großvater war ein Ass im Rechnen. Großmutter war eine geborene Parey von der Mühle in Bützer. Sie kauften sich als sie heirateten den Hof Neuland, hatten drei Mädchen, Minna, Frida, Anna. Später verkaufte Großvater seinen Kahn. Die Älteste, Tante Minna, bekam den Hof, lebte nicht lange. Die Großeltern zogen dann erst zur Grille, später zu uns. Großvater konnte doch so schön Schifferklavier spielen. Weißt Du noch, Hanna, einmal Ostern? Er stand in der Haustür, spielte uns zur Begrüßung auf - wir quer durch den Roggen bis zur Haustür. Und wo er die Ostereier im Wald versteckte? So schöne aus Schokolade und Zucker mit bunter Kante hatten wir damals noch nicht gesehen, dann gab es Kaffee und Kuchen, war das schön! Großvater Eggert ist auch 85 Jahre alt geworden. Großmutter starb früher, sie war mal von einer Fuhre Heu runter gefallen, hatte seitdem immer große Schmerzen im Kopf, wir kannten sie gar nicht anders. (...)
Mutter hatte in letzter Zeit viel aufgeschrieben, sie zeigte es mir, wo es lag, im Vertico oben. Hätte ich es man an mich genommen, Ernst hat nach ihrem Tode alles verbrannt. Er legte keinen Wert auf sowas.

Dieser Brief erklärt zunächst - sozusagen - das Schlüsselereignis in der Familiengeschichte der Kossaten-Familie Bleis in Zollchow, nämlich wie die Nachkommen einer der beiden Familien Bleis in Zollchow, die seit Jahrhunderten dort Vollbauern waren (3), zu landärmeren Kossaten, bzw. Büdnern und Häuslern wurden. (Immerhin - wie wir noch sehen werden, hatten selbst solche Höfe in Brandenburg noch Pferde.) Der Bericht von Tante Friedel, den sie auf ihren Großvater bezog, ist allerdings nur mit den Lebensdaten ihres Urgroßvaters in Einklang zu bringen. Deshalb der Einschub (3). Bei ihrem Großvater handelt es sich um den 1832 geborenen Büdner, bzw. Häusler Christian (Friedrich Ludwig) Bleis (1832-1915), dessen jüngerer Bruder den Beruf des Schiffers ergriff (3). Tante Friedel schreibt von ihrem Urgroßvater, den sie irrtümlich Großvater nennt:

Großvater Bleis, stammte von den Kröger Bleis Hof.

Er stammte also von einem der beiden Vollbauernhöfe in Zollchow, die den Familiennamen Bleis trugen*) (5).  

Abb. 9: Die Eltern meiner Oma mit Enkelkind Willy Bleis während des Zweiten Weltkrieges
(aus überlieferten Familienalben)

Christian Bleis und sein Bruder, der Schiffer, hatten keine Stiefmutter. Ihre Mutter Maria Dorothea Caroline, geborene Rahne (1800-1872) lebte sehr lange, ihr Vater Johann Christian Bleis (1801-1877) ebenfalls (3). Erst auf die Generation davor trifft die Geschichte, die Tante Friedel in Erinnerung hatte, zu: Hier hatte die Mutter zwar sieben Kinder, starb allerdings schon im Jahr 1809 mit 29 Jahren: Catharina Elisabeth geborene Röhle (1779-1809) (3). Der verwitwete Ackermann Johann Bleis (1779-1841) heiratete darauf hin nur ein halbes Jahr später eine 24-jährige Frau aus Milow (3). Wahrscheinlich handelt es sich um diese Stiefmutter, über die Tante Friedel schreibt:

Er mußte fort unter dem Druck der Stiefmutter, sein Vater starb auch, sie heiratete dann den Bruder.

Weitere Einzelheiten sind zunächst nicht bekannt.

Abb. 10: Vermutlich Onkel Ernst Bleis (linksstehend? oder Mitte?), der Halbbruder meiner Oma, als Soldat im Zweiten Weltkrieg
(aus überlieferten Familienalben)

Es könnte aber auch ohne die Stiefmutter-Geschichte verständlich sein, wenn bei sieben Kindern nicht unbedingt jedes der Kinder die Möglichkeit hatte, Vollbauer zu werden. Es war das schließlich eine sehr häufige Erscheinung, daß das älteste Kind den Hof erbte und die nachfolgenden Kinder sich nach anderen Verdienstmöglichkeiten umtun mußten und zum Beispiel Schiffer wurden, bzw. sich in Bauern-, oder Halbbauern-Güter einheiraten mußten oder solche Güter erwerben mußten.

Blick zurück: Büdner, Häusler, Kuhhirten, Arbeitsmänner, Schumacher, Leinweber und Schäfer

Johann Christian Bleis ging zunächst zum Militär. Er wurde Garde-Kürassier (3). Die Zeit der Kriege war damals glücklicherweise gerade vorbei. 1826 heiratete er die schon genannte Zollchower Müllerstochter Maria Rahne, deren Großvater Müller in Buschow war und deren Großeltern mütterlicherseits Gastwirte und Schiffer in Milow gewesen waren (3). Noch 1945 wurde ein Gastwirt Rahne in Zollchow von den Russen erschossen, vielleicht waren wir auch mit diesem über Maria Rahne entfernt verwandt.

Die Vorfahren des genannten Johann Christian Bleis waren bis dahin - soweit übersehbar - alles Vollbauern gewesen, in den Kirchenbüchern als "Ackermann" bezeichnet. In der männlichen Linie Bleis waren sie als solche erst in Zollchow, davor in Melkow (Wiki) und davor in Vieritz ansässig (3), also immer nur ein oder zwei Nachbardörfer weiter. Der früheste bekannte Bleis aus dieser Linie, der Ackermann Hans Bleis, lebte während des Dreißigjährigen Krieges und kaufte 1661 ein Bauerngut in Melkow. Von dessen Sohn, dem Ackermann Martin Bleis (1633-1655) in Melkow, heißt es (3):

Kauft (in Melkow) einen wüsten Hof vom Amt Jerichow. War vorher Schäfer in Vieritz.
Soweit zu dieser Vorfahrenlinie. Wenn Tante Friedel von ihrem Großvater schreibt:
Er heiratet sich eine aus Neudessau,

ist der Bericht wieder mit anderweitigen Daten vereinbar für ihren Großvater Christian Bleis (3). Dieser heiratete 1871 die Büdner- und Schifferstochter Friedrike Wollbrügge (1841-1889) aus Neudessau bei Schlagenthin. Ihre Vorfahren waren über viele Generationen hinweg Büdner, Häusler, Kuhhirten, Arbeitsmänner, Schumacher, Leinweber und Schäfer (3). Einer ihrer Ururgroßväter aus Nitzahn (ein Valentin Mewes [1734-1786]) war "Kgl. Preußischer Grenadier im Lengefeldschen Regiment und beim von Saldern Regiment", beide in Magdeburg (3). Als solcher könnte er am Siebenjährigen Krieg (1756–1763) teilgenommen haben und diesen überlebt haben.**) Er starb 1786 in Jerchel, wo er eine Frau mit Familiennamen Busse geheiratet hatte (3). 1874 kam Omas Vater Wilhelm Friedrich Ludwig Bleis (1874-1947) zur Welt. In der Niederschrift "Die Bewohner von Zollchow" von Seiten des damaligen Pfarrers heißt es 1892 über die Bewohner der heutigen Rosenstraße (5):

Es folgt in der Hauptstraße an der Ecke Häusler Christian Bleis.
Die Angabe von Tante Friedel
wir sind doch manchmal als Kinder mitgefahren, dann ging es mit dem Kahn über die Stremme

ist sehr interessant. Wird doch hier deutlich, daß man - vermutlich während des Ersten Weltkrieges, nachdem die Pferde schon für die Kriegsführung abgeholt worden waren, und als es schwer war, mehrere Kinder auf dem Fahrrad zu transportieren - Verwandtenbesuche über die Wasserwege unternehmen konnte.  

Verwandtenbesuche mit dem Kahn über Havel und Stremme

Zollchow lag am Königsgraben, Neudessau an der Stremme, beide per Landstraßen 14 Kilometer voneinander entfernt. Der Königsgraben mündet bei Böhne in die Havel, die Stremme mündet bei Milow in die Havel. Somit wird man annehmen können, daß die Familie mit dem Kahn über den Königsgraben bis Böhne ruderte, dann die Havel aufwärts bis Milow, dann die Stremme aufwärts bei Neudessau. Es ist das gewiß noch heute eine landschaftlich schöne Fahrt. Und bei Menschen, die auf diese Weise Verwandtenbesuche unternehmen, ist es gewiß nicht wenig naheliegend, wenn sie sich für den Beruf des Schiffers entscheiden im Haupt- oder Nebenverdienst. Der Landweg zwischen beiden Orten ist noch heute von der Kilometerzahl her nicht wesentlich kürzer als der Wasserweg. Tante Friedel schreibt über das, was sie ja selbst nur aus Erzählungen wußte:

Beide Kinder waren noch klein als die Mutter starb.

Die Mutter starb 1889 mit 48 Jahren. Damals war Wilhelm Bleis 15 Jahre alt, seine Schwester wird jünger gewesen sein. 

Abb. 11: Die Großmutter meiner Oma, Marie Luise Eggert, geborene Parey (1856-1936), geboren in Bützer, gestorben in Zollchow, wo vermutlich auch die Aufnahme entstand

Wilhelm Bleis heiratete dann 1908 mit 34 Jahren in Zollchow die Schiffertochter Frieda Eggert aus dem Nachbardorf Bützer. Es gilt die Faustregel, daß wohlhabende Bauern früh heiraten konnten, wenig wohlhabende erst spät. Frieda Eggert brachte ein zweijähriges, uneheliches Kind mit in die Ehe, den späteren (oben schon behandelten) "Onkel Ernst". Von Frieda Bleis, geborene Eggert, gibt es eine Fotografie aus dem Jahr 1914 (vermutlich angefertigt für den Ehemann und Vater Wilhelm Bleis an der Front) (Abb. 15). Von den Eltern Bleis gibt es auch noch zwei Fotografien als alte Menschen aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges (Abb. 8 und 9). Auf den Fotografien sind beide körperlich nicht sehr groß, so wie auch der Sohn Ernst und meine Oma körperlich nicht sehr groß gewesen sind. Oma war vielmehr körperlich sehr grazil gebaut.

Der Havelschiffer Ferdinand Eggert aus Bützer (1851->1939) hatte außer seiner Tochter Frieda, die nach Zollchow heiratete, noch zwei weitere Töchter, darunter Anna Maria Minna Eggert (1890-....). Sie heiratete einen Bauern Schulze in Bützer und diese hatten fünf Kinder. Die älteste, Irma Schulze (1910->1998), konnte noch 1998 Auskunft über ihren Großvater Ferdinand Eggert geben (Besuch am 10.8.1998). Auch sie sagte, der Großvater wäre "ein kluger Mensch" gewesen. Sie berichtet, daß der Hof der Eggert an der Durchgangsstraße in Bützer in Ortsmitte auf der rechten Seite Richtung Milow gelegen habe (gegenüber von Gasthaus Ganzer). Einer ihrer Brüder wurde Brillenfacharbeiter in Rathenow.

Kinderlieder und Tänze auf der Dorfstraße

Der oben angeführte Brief von Tante Friedel aus dem Jahr 1981 regte auch meine Oma an, Erinnerungen aufzuschreiben. Hier sind sie:

Unsere Kindheit war schön! Ich habe gerade einen Brief meiner Schwester Friedel in der Hand, sie schreibt, weißt Du noch, mit einem kleinen Kahn mußten wir über die Stremme rudern und Verwandte besuchen. Wir kamen uns wie Könige vor. Und Großvater Eggert, er besaß einen Schleppkahn, schipperte damit auf Elbe und Havel Frachtgut. Bis Hamburg kam er. Er konnte so viel Geschichten von seinen Fahrten erzählen. Wenn er bei uns war, fand sich auch die Jugend ein. Es dauerte nicht lange und er nahm sein Schifferklavier. Und während die Eltern und Freunde sich vor dem Haus auf der Bank unter der Linde von der schweren Arbeit ausruhten, tanzten die Jungen unter der Friedenseiche all die alten Volkstänze "Mutter Wisch", "Ich nahm die Brille von meinen Augen", "Ick sehe di", "Dreimal Samtband um Rock" oder wie all die alten Volkstänze hießen, bis mein Vater "Schluß" sagte. Am nächsten Tag früh um fünf Uhr begann ja die Arbeit wieder. Es waren schöne Jahre ...

Das kurze Liedchen "Ich nahm die Brille vor meine Augen" ist im Internet zu finden. Als dessen Entstehungsjahre finden sich die Angaben 1924 (Volksliedarchiv) und 1930 (Schwaben-Kultur) (s.a. "Kinderspiele und Spiellieder", GB1979). Zu den anderen hier genannten "Tänzen" (?) finden sich zunächst keine Angaben. Dabei klingt doch zumindest "Dreimal Samtband um Rock" sehr spezifisch ... Es scheint sich aber doch mehr um Kinderlieder und -spiele gehandelt zu haben, von denen meine Oma da berichtet. Insgesamt könnte sie Erinnerungen aus der Zeit vor, während und nach dem Ersten Weltkrieg auch durcheinander gebracht haben.

Die schwere Zeit des Ersten Weltkrieges

Denn sie schrieb weiter:

Und dann begann der Krieg ... Auch wir Kleinen spürten, daß es furchtbar war. Plötzlich hatten wir keine Pferde mehr. Ochsen wurden eingespannt. Der Vater schickte Karten aus Frankreich. Der Lehrer verlegte den Unterricht nach draußen, die ganze Klasse schnitt Brennessel oder schüttelte Maikäfer, ich glaube, es wurde zu Futter für die Pferde verarbeitet. Und bei Herrn von Katte fehlten die Arbeitskräfte, also verzogen wir Schulkinder die Rüben oder pflanzten Kiefern. Ja, wir Kinder kamen uns so wichtig vor.
Zuerst sangen wir noch: "Siegreich woll'n wir Frankreich schlagen". Unsere Kriegsgefangenen spuckten aus, wenn sie uns hörten. Meine Mutter, wenn wir früher den Vater fragten "Wo ist sie denn?", dann hat er lachend geantwortet: "Horcht wie sie pfeift oder singt." Aber dann hatte auch das aufgehört. Wenn wir aus der Schule kamen, war nur die Frage wichtig: "Hat der Vater geschrieben?" Für viele Familien hieß es: Gefallen für Volk und Vaterland. Das war der erste Weltkrieg.
Vater kam als letzter aus französischer Gefangenschaft zurück. Da hatte es schon Revolution gegeben. Unseren Soldaten und vor allen Dingen den Offizieren, die zurück kamen, hatte man ins Gesicht gespuckt und die Orden und Ehrenzeichen herunter gerissen.
Aber das Leben ging weiter. Wir in den Dörfern hungerten wenigstens nicht. Aber die Kontrolleure kamen: Wieviel Getreide haben Sie noch!? Mutter, sie hatte immer viel Temperament, antwortete: Gerade soviel, daß die Kinder, das Vieh und ich nicht verhungern. - Zeigen Sie uns den Dachboden. - Der große Dicke schob die beiden anderen zur Seite und stieg als erster hoch. Ich kletterte neugierig hinterher. Ich sah gerade noch, wie er den Deckel der großen alten Truhe ein klein wenig hob. Schnell ließ er ihn wieder fallen, schnappte mich und setzte mich und sich selbst auf die Truhe. "Gründlich kontrollieren," befahl er den beiden. Dann stieg er mit mir auf dem Arm als letzter wieder runter. Als sie dann weg waren, fragte ich Mutter völlig durcheinander: "Aber der Große hat ja den Weizen gesehen!?" "Dumme Pute," fauchte mich mein Bruder an. Doch Mutter sagte - und plötzlich konnte sie wieder lachen: "Später!!" Nun, später brauchte sie es mir nicht mehr erklären, das Leben nahm uns damals in eine harte Schule.

Diese Geschichte konnte der Autor dieser Zeilen auf den ersten Blick gar nicht für kaum glaubhaft halten. Mußten denn die Bauern damals - in Deutschland!?! - Getreide abliefern und wurden deshalb kontrolliert? Aber an dem Hunger infolge der britischen Hungerblockade starben damals hunderttausende von Menschen in Deutschland (7).

Abb. 12: Etwa 1939 - Links Ferdinand Eggert (?), der Urgroßvater, rechts Gustav Bading, der Großvater des auf dem Schoß sitzenden Kindes Erika
(aus überlieferten Familienalben)

Es wird dann schon nachvollziehbar, was Historiker für das Jahr 1918 berichten (8, S. 281):

Die Kommunalverbände ergriffen alle ihnen zu Gebote stehenden Mittel, um die Getreideversorgung zu stabilisieren und veranlaßten auf dem Lande "Nachprüfung der Getreidebestände durch militärische Kommandos". Im Mai 1918 konstatierte die Landesbehörde für Volksernährung in ihrem Monatsbericht an das Ministerium des Innern, daß diese Vorgehensweise zu Beschwerden der Landbevölkerung geführt habe, da "infolge des vielfach rücksichtslosen Vorgehens die Bevölkerung stark erregt" sei.

In einem Fall wurden bei drei Ackerbürgern fast zehn Zentner Hafer und acht Zenter Roggen konfisziert. Man erwartete aber von Amtsseite von solchen Konfiskationen langfristig mehr Nachteile als Vorteile infolge der großen Unzufriedenheit bei der Landbevölkerung. - - - Meine Oma berichtet weiter:

Dann waren die Streiks, Generalstreik. "Was ...," sagte mein Vater nur, er spannte ein, die Hilfskräfte konnten sich die Bauern doch gar nicht leisten. "Mach das Tor auf," sagte er nur zu Mutter. Als zwei Burschen, die man als Streikposten aufgestellt hatte - natürlich waren es Städter -, Vater hindern wollten, auf den Acker zu fahren, lachte Vater sie freundlich an. "Warum streikt ihr denn?" - "In den Städten hungern wir." - "Ja," sagte Vater, "mit Streiken allein wachsen auch bei uns Bauern weder Kartoffeln noch Korn. Also müssen wir wohl statt zu streiken die Kartoffeln in die Erde bringen, damit ihr wenigstens im Herbst zu essen habt. Hü," sagte Vater und mit roten Köpfen sprangen die beiden zur Seite.

Auch daß auf dem Land bei den Bauern gestreikt wurde, wird mancher hier zum ersten mal hören. So richtig glauben kann man es zunächst nicht. Aber es wird schon stimmen. Ebenso wie der Bericht von den Getreide-Konfiskationen.

Die Inflation und der Wandervogel (1920er Jahre)

Weiter berichtet sie:

Und dann bekamen wir auch noch die Inflation. Ich erinnere mich noch. Vormittags verkaufte Vater einen Wagen Korn und Mutter sauste auf einem alten Fahrrad nachmittags nach Rathenow. Zurück kam sie tatsächlich abends mit zwei schrecklichen, großkarierten Kleidern, meine Schwester hat noch ein Bild, wo wir diese scheußlichen Kleider tragen. Und ausgerechnet in diesen Tagen war Großmutter so krank geworden, daß Mutter beschloß, wir nehmen sie zu uns.

Es handelte sich um jene Eggert-Großmutter aus Bützer, die dauernd Kopfschmerzen hatte, weil sie einmal vom Heuwagen herunter gefallen war. Sie war ursprünglich eine Müllerstochter aus Kirchmöser gewesen (geborene Parey) (siehe unten). Oma berichtet weiter:

Also wurde das Grundstück, das direkt neben unserem Garten lag, verkauft. Und als der Käufer kam, um es zu bezahlen, hatte der geforderte Betrag fast seinen Wert verloren. Aber da hat sie die Fassung gründlich verloren. Noch nach Jahren grüßte sie diese Familie nicht. Und alle Menschen wußten, so geht es nicht weiter.
Aber zuerst - ich war wohl gerade 13 Jahre - bekamen wir einen neuen Lehrer. Er und seine Frau gehörten dem Wandervogel an. Welch eine schöne Zeit für uns. Wir lernten mit vollem Eifer und halfen zu Hause so viel wir konnten. Natürlich durchschauten uns die Eltern. Aber sie schmunzelten, wenn wir vorsichtig davon anfingen, daß der Lehrer übers Wochenende wandern wollte. Es gab ja schon Jugendherbergen und um ein gutes Beispiel zu nennen: Tangermünde. Dort kletterten wir die Stiegen in einem hohen Turm hoch und oben waren einfach Holzbänke und ein Tisch aufgestellt. Nebenan war der Schlafraum. Stroh aufgeschüttet und wir schliefen wie die Murmeltiere.

Vielleicht ist es auch diesem Geist des Wandervogels geschuldet, daß es von meiner Oma aus ihrer Jugendzeit eine Fotografie in Turnerkluft gibt (Abb. 13). Eine solche Fotografie gibt es aber auch von meinem Opa. Das Turnen scheint damals auf dem Land eine sehr beliebte Freizeitbeschäftigung gewesen zu sein. Bei dieser fertigte man gerne auch einmal Fotografien an.

Abb. 13: Meine Oma links als junges, pausbäckiges Mädchen (etwa 1926)
(aus überlieferten Familienalben)

Wilhelm Bleis, der Vater meiner Oma, war also Kossathe in Zollchow und besaß als solcher etwa 15 Hektar Land. Er wurde in Zollchow geboren und starb dort auch 1947. Über seine Vorfahren wurde schon - anhand des Briefes von Tante Friedel - berichtet.

Die Vorfahren meiner Uroma Frieda Eggert aus Bützer

Nun soll noch etwas über die Vorfahren der Mutter meiner Oma gesagt werden, also von Frieda Bleis, geborene Eggert (1888-1970), Schifferstochter aus Bützer. Von ihr sind mehrere Fotografien erhalten geblieben (Abb. 4, 8, 9)). Ihre Mutter - die mit den Kopfschmerzen - Marie Luise, geborene Parey (1856-1936) (Abb. 11) stammte aus der Müllerfamilie Parey in Kirchmöser. Deren Vorfahren waren über mehrere Generationen hinweg wieder alle Vollbauern (in den Kirchenbüchern als "Ackermann" verzeichnet) (3). Sie wurde - wie gerade von meiner Oma berichtet - während der Inflation krank. 13 Jahre später starb sie 1936 in Zollchow im 79. Lebensjahr.

Sie hatte den Schiffer Ferdinand (Karl Adolf) Eggert (1851->1939) aus Bützer geheiratet. Dessen Vater Ferdinand Eggert (1826-1905) war wiederum ein Büdner und Schiffer in Bützer, der ursprünglich aus Schmetzdorf stammte, einem Dorf vier Kilometer nördlich von Zollchow (3). Und dieser war wiederum mit einer Vollbauerntochter (Familienname Blücher) aus Klein-Mangelsdorf verheiratet, zwölf Kilometer westlich von Zollchow. Ihr Vater und Großvater waren Ackermänner in Klein-Mangelsdorf (3). Der Großvater des Großvaters Eggert meiner Oma war der Kossate Johann Martin Eggert (1868-1858), der 1858 "als Ortsamer" in Schmetzdorf starb, wo er auch geboren worden war. Sein Sohn war zu diesem Zeitpunkt 32 Jahre alt und war offenbar nicht in der Lage oder willens, sich um seinen Vater zu kümmern. Der Ferdinand Eggert (1826-1905) und seine Frau stammten beide nicht von Vollbauern ab, sondern wiederum von einem Kossathen (Eggert in Schmetzdorf), bzw. einem "Musquetier" (Güldenpfennig in Premnitz), sowie in der Großeltern-Generation von einem Tagelöhner (Eggert aus Groß Wudicke, gestorben 1742) und einem Schneidermeister (Güldenpfennig in Premnitz, gestorben vor 1788).

Abb. 14: Meine Oma als Haushaltsgehilfin eines Landwirtschafts-Rats in Rathenow - Ostsee um 1929
(aus überlieferten Familienalben)

Sowohl auf Seiten der Mutter wie des Vaters meiner Oma gab es also einerseits in langer Generationenreihe Vollbauern (Familiennamen u.a. Bleis, Blücher, Parey) als auch in langer Generationenreihe Angehörige anderer ländlicher Berufe (Familiennamen u.a. Wollbrügge, Rahne, Eggert). Die Vorfahren ihres Vaters waren zu drei Vierteln keine Vollbauern, die ihrer Mutter zu einem Viertel. Meine Oma war also etwa zur Hälfte Nachfahrin von Vollbauern, zur anderen Hälfte Nachfahrin anderer Berufsgruppen. Dem Verständnis nach fühlten sich meine Oma und ihre Eltern - soweit ich das übersehen kann - immer einfach nur als Bauern.

Nach ihrem Schulbesuch machte meine Oma eine Ausbildung als Hauswirtschaftlerin. Es gibt noch eine Fotografie, auf der sie gemeinsam mit der Familie eines Landwirtschaftsrats aus Rathenow um 1929 herum Urlaub - vermutlich - an der Ostsee macht (Abb. 14).

Abb. 15: Frieda Bleis und die Kinder Ernst, Frieda und Johanna (meine Oma), etwa 1914
(aus überlieferten Familienalben)

1932 heiratete meine Oma nach Bahnitz an der Havel auf den Hof Nummer 5 (1). Während ihr elterlicher Hof 15 Hektar Land hatte, hatte der Hof ihres Ehemannes 44 Hektar. Aber die bäuerliche Tätigkeit an sich war ja auf beiden Höfen dieselbe. In Bahnitz hatte meine Oma zudem aber mit einer resoluten Schwiegermutter auf dem Hof zu tun und mit Knechten und Mägden, denen gegenüber sie sich Autorität verschaffen mußte.

Heirat nach Bahnitz (1932)

Über das Leben meiner Oma erfuhr man schon viel nebenher in den Beiträgen über meinen Opa (1, 2). Meine Oma hat das Leben meines Opas voll geteilt. Als er 1935 den damals sicherlich noch sehr ungewöhnlichen Schritt vollzog und aus der Kirche austrat, als er Ludendorff-Anhänger wurde, tat sie das auch. Die Initiative dazu ging aber sicher von meinem Opa aus (1). Eine Tochter schreibt über sie:

Meine Mutti was eine ganz besonders tüchtige Frau. Sie hat so viel geschafft. Und sie hat im Krieg den Hof alleine geschmissen (mit Hilfe von uns Kindern). Sie war sehr gut zu den russischen Soldaten, die als Kriegsgefangene für die Bauern arbeiten mußten. Sie haben unter dem Kinderzimmer am Abend oft für uns russiche Volkslieder gesungen. Tante Hildegard hat viel davon gesprochen.

Im Krieg kamen auf den Hof ein serbischer Kriegsgefangener, zwei russische Kriegsgefangene und eine russische Dienstverpflichtete. Der Serbe soll noch Wochen lang nach dem Einmarsch der Russen auf dem Hof geblieben sein und der Familie geholfen haben. Er ist den Kindern in menschlich hervorragender Weise in Erinnerung, er wäre sehr gutmütig gewesen. Aber zu einem Drama kam es, als die Russin im Winter 1944 von dem Serben schwanger wurde. Sie lief von Genthin mit dem Kind zu Fuß bis nach Bahnitz, wobei das Kind starb. Darüber soll der kinderliebe Serbe todunglücklich gewesen sein.

Anfang Mai 1945, als sich die Rote Armee dem Dorf annäherte, versuchten viele Bahnitzer noch nach Westen über die Elbe zu flüchten. So auch meine Oma mit ihren vier Kindern, die damals 11 bis vier Jahre alt waren - vermutlich zusammen mit den Kriegsgefangenen. Sie fuhren mit dem Pferdefuhrwerk Richtung Elbe. Aber schon auf der Fahrt dorthin erfuhren die Flüchtenden, daß die Amerikaner keine Flüchtlinge mehr über die Elbe lassen würden. Deshalb quartierte sich meine Oma in ihrem Elternhaus in Zollchow ein.

Die Tage der Besetzung durch die Russen, Mai 1945

Nach den Erinnerungen der Familie ist sie am 4. Mai in der Frühe noch einmal allein mit dem Pferdefuhrwerk nach Bahnitz zurückgefahren, um nach den Tieren auf dem Hof zu sehen. Zu diesem Zeitpunkt lag das Dorf schon unter Granatbeschuß. Eine Granate traf den 45-jährigen Paul Fahrholz tödlich direkt vor der Haustür seines Hauses am Havelufer. Eine andere Granate traf das Dach des Wohnhauses der Familie Bading und schlug bis in die Küche hindurch. Auch die Scheune auf diesem Hof hatte einen Treffer erhalten. Die Kirche erhielt mehrere Treffer. Eine Granate schlug nahe der Friedenseiche (an der Kirche) ein und verwundete mit einem Splitter den Bauern Adolf Sengespeick am Bein.

Nachdem die deutschen Militäreinheiten von dem Übergang der Russen an der Fährstelle Tieckow erfahren hatten, werden sie Abzugsbefehle erhalten haben oder sich auch schon ohne dieselben abgesetzt haben. Sie forderten meine Oma auf, den in ihrer Hofgarage stehenden PKW herauszugeben. Sie weigerte sich zunächst, setzte dann aber durch, daß der soeben durch einen Granatsplitter im Bein verwundete Adolf Sengespeick zumindest noch bis nach Milow in das Lazarett mitgenommen wurde. Dann verließ auch sie selbst wieder das kurz vor der Einnahme durch die Sowjets stehende Dorf. Sie erzählte immer, wie sie mit dem Pferdefuhrwerk gefahren sei - wahrscheinlich auf dem Weg von Bahnitz nach Jerchel (oder über Möthlitz und Nitzahn nach Jerchel?): Von der westlichen Seite hätten deutsche Geschütze über sie hinweg geschossen, von der östlichen Seite die russischen.

Mit anderen Familien grub sich die Familie Bading in der Nacht vom 5. auf den 6. Mai im Wald zwischen Zollchow und Sydow ein. Ihr 11-jähriger Sohn bekam dabei von deutschen Soldaten, die ihren Panzerspähwagen abrüsteten, Scherenfernrohre, die er im Wald vergrub.

Im Wald von Zollchow ging am Morgen des 6. Mai russische Infanterie vor und schickte die Zivilbevölkerung zurück. Meine Oma fuhr unter Granatfeuer zurück ins Dorf Zollchow und sofort weiter mit dem Pferdewagen nach Bahnitz. Zwischen den Dörfern Zollchow und Vieritz lagen links im Wald Stalinorgeln (Salvengeschütze) und schossen über die Familie hinweg zur Elbe. Kurz vor Bahnitz lag ein toter deutscher Soldat neben der Straße. Im Hof in Bahnitz war der Hofhund von den russischen Soldaten erschossen worden und alles Vieh war auf die Havelwiesen hinausgetrieben worden. Dies war auf allen Höfen geschehen.

Abb. 16: Meine Oma Johanna Bading, Bäurin in Bahnitz - im Hintergrund der neu angelegte Obstgarten mit Hausgänsen, 1930er Jahre
(aus überlieferten Familienalben)

Nun war das Entsetzen der russischen Besatzungszeit zu überstehen. In Zollchow nahm sich die gesamte Familie Bading am 7. Mai das Leben, die Familie des Cousin's von Omas Ehemann, nachdem dieser von den Russen gefoltert worden war (11). In Nitzahn tat wenige Tage später unter sehr ähnlichen Umständen das gleiche die Familie Zander. Unglaublich schreckliche Dinge wurden noch fünfzig Jahre später in der Zeitung etwa über die damaligen Ereignisse in dem Dorf Mögelin südlich von Rathenow berichtet.

Es gibt Berichte, daß die damaligen Bahnitzer Bauernsöhne keine Mädchen mehr aus dem Dorf heiraten wollten, da sich diese alle mit den russischen Soldaten eingelassen hätten. Woher wollten diese wissen, daß das alles in Freiwilligkeit geschehen war?

Von all solchen Dingen erzählte Oma uns Enkelkindern auch nichts als wir schon volljährig waren. Aber was sie - wie als Erleichterung von dem schweren Trauma - gern erzählte, das war, wie die einquartierten russischen Soldaten versuchten, auf der Toilette mit Wasserspülung Kartoffeln zu waschen. Als sie an der Spülung zogen, waren die Kartoffeln weg und der betreffende Russe guckte ganz verdutzt. Oma mußte noch im späteren Lebensalter lauthals lachen, wenn sie davon erzählte. Es war wohl eines der seltenen Ereignisse, bei denen sie in jener Zeit lachen konnte, wo sich die starke Anspannung löste, nachdem sie sich oft in Todesgefahr befunden hatte. Ob sie aus dieser Zeit jenes leichte Zittern an ihrer Unterlippe zurück behalten hat, das für sie typisch war, weiß ich nicht. Jedenfalls ist mir der Gedanke noch zu ihren Lebzeiten manchmal gekommen.

Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg als die Familie nichts über das Schicksal meines Opas wußte, der sich aber in französischer Kriegsgefangenschaft befand, schickte meine Oma ihren ältesten Sohn noch in den Konfirmandenunterricht und ließ ihn konfirmieren. Dort mußte er sich vom Pfarrer sagen lassen, daß solche Leute wie sein Vater schuld daran wären, daß Deutschland den Krieg verloren habe. Es begann damals gleich nach dem Krieg das kleinliche Einordnen der Menschen nach Schuld und Unschuld - während das Schicksal eines ganzen Landes, eines großen Volkes, eines ganzen Kontinents völlig unverstanden und unbegriffen dunkel im Hintergrund stand.

Abb. 17: Johanna Bading mit ihspäter vier Kindern in Bahnitz, 1944
(aus überlieferten Familienalben)

Meine Oma verlangte von ihren Kindern auch, daß sie zu Hause nur Hochdeutsch und nicht "Platt" sprachen. Sie legte viel Wert auf Korrektheit. Sie war die Genaue, während mein Opa der Großzügige war, der gerne auch einmal fünfe grade sein lassen konnten. Im Grunde waren sie vom Menschentyp her sehr unterschiedlich.

Kennzeichnend finde ich, daß mein Opa ihr schon gleich nach dem Krieg aus der Kriegsgefangenschaft im Elsaß schrieb, sie möchte doch mit der Familie zu ihm ins Elsaß kommen, sie könnten sich dort eine neue Existenz aufbauen. Mein Opa sah sehr früh, daß es ein dauerhaftes Bleiben unter der Herrschaft des Kommunismus für ihn nicht geben könne und würde. Meine Oma war viel konservativer, hing viel zäher an ihrer Heimat, für sie war das zu diesem Zeitpunkt noch sehr wenig vorstellbar. Sicher aber hatte sie ihm gleich in einem der ersten Briefe auch von dem Schicksal der Familie seines Vetters und Namensvetters in Zollchow und so vieler anderer geschrieben.

Altersjahre in Westdeutschland (1953 bis 1985)

Oma und Opa verbrachten ihre Altersjahre im alten Pfarrhaus in Wernswig bei Homberg/Efze, wo sie im Erdgeschoß eine schöne geräumige Wohnung hatten. Im ersten Stock wuchs ich selbst in der Familie auf, darüber lebte die Großmutter, die Mutter meiner Mutter. Oma konnte von ihrer Küche aus auf die Gartenterrasse blicken, dahinter lag ein Fischteich umstanden mit alten Bäumen. Sie liebte es, die Vögel zu beobachten.

Abb. 18: Meine Oma Anfang der 1970er Jahre in Südafrika bei ihrem Neffen Willy Bleis
(aus überlieferten Familienalben)

Ansonsten hatte sie immer viel Kindergeschrei und Familienleben um sich. In der Scheune hielt sie Hühner, im großen Garten baute sie Kartoffeln an, die abends nach Sonnenuntergang zusammen mit einem der Enkelkinder gegossen werden mußten. Alle paar Jahre kam ihre Tochter aus Amerika mit ihren Kindern zu Besuch.

Mit meiner Oma sah ich nach Opas Tod (1979) zusammen manchen wertvolleren Film im Fernsehen. Ich erinnere mich an die Verfilmung des Fontane-Romans "Vor der Sturm", den wir gemeinsam sahen. Meine Oma las gerne Fontanes "Wanderungen in der Mark Brandenburg", insbesondere natürlich Kapitel über Gegenden, die sie selbst kannte. Sie las "Kartoffeln mit Stippe" von Ilse von Bredow und "Sprechen wir über Preußen - Die Geschichte der armen Leute" von Joachim Fernau. Sie schenkte mir einmal das Buch "Meines Vaters Pferde" von Clemens Laars. Das war so die gedankliche Welt, in der sich meine Oma gerne bewegte. Auch in ihren Altersjahren fühlte sie sich ihrer Heimat und der Welt, in der man "Kartoffeln mit Stippe" aß, sehr verbunden. Nachdem mein Opa gestorben war, wurde sie sogar ein wenig geistig selbständiger und unabhängiger in ihrem Denken und Handeln und begann in diesem Sinne auch mehrere schöne Gedichte zu schreiben.

Mit ihr zusammen sah ich mir auch einmal einen Live-Mitschnit der Wagner-Oper "Der Ring des Nibelungen" in Bayreuth im Fernsehen an. Dabei las ich den Text mit.

Abb. 19: An der Atlantikküste, USA, 1978
(aus überlieferten Familienalben)

Eine meiner frühesten Kindheitserinnerungen ist, wie ich bei Oma und Opa in Espelkamp in Westfalen wohl zum ersten mal allein zu Besuch bin und wie morgens zum Aufwachen in den langen, stillen Sonntagmorgen hinein die Kirchenglocken läuten.

In ihrer Wohnung fühlte man sich so wohl. Es war so still, die Uhr tickte ... 

Ein solches Wohlfühl-Wohnen, das zugleich von einer gewissen Herzenswärme getragen ist, kennt man heute gar nicht mehr. Wohnungseinrichtung und die Gemütsstimmung der Menschen gehörten zueinander. Meine Oma hatte einen stoffbezogenen Lehnstuhl, den sie nach hinten kippen konnte. Sie legte sich eine Decke über die Beine und machte so Mittagsschlaf. 

Abb. 20: Auf dem Muttertag in den USA bei ihrer Tochter Hildegard
(aus überlieferten Familienalben)

Oma und Opa stammten aus einer Gesellschaft, in der viel geplaudert und gelacht wurde in Wohnungen, in der man bei Mittagessen, Kaffee und Kuchen Familien- und Nachbarschaftsgespräche führte, in der Gäste gerne willkommen geheißen wurden.

Zwei ihrer Töchter hatten früh nach Washington D.C. geheiratet und hatten dort Familien gegründet. Oma flog mehrmals hinüber und es haben sich schöne Fotografien von diesen Besuchen erhalten. 

Sie wurde dort von ihren Töchtern und Enkelkindern sehr herzlich und überschwänglich begrüßt.

Abb. 21: Auf Muttertag in den USA bei ihren Töchtern
(aus überlieferten Familienalben)

Auf den Fotos sieht man richtig wie sie dort aufblühte, wie sie stolz war auf ihre Töchter und Enkelkinder. 

Noch Anfang Dezember 1984 hatte sie für den 2. April 1985 einen Flug von Frankfurt am Main nach Baltimore gebucht, ein Flughaften für Washinton D.C.. Der Flug mußte storniert werden, nachdem sie Anfang Februar 1985 sehr überraschend ins Krankenhaus mußte wegen Nierenbeschwerden.

Dort ging es ihr bald schlechter aufgrund des Versagens mehrere Organe. Sie starb am 6. Februar 1985.***)

/ Letzte Korrekturen aufgrund des Anrufs 
des erwähnten Verwandten: 30.12.2018
Leicht überarbeitet: 26.10.2021 /

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*) Es muß übrigens nicht sein, daß der Pfarrer 1892 bei seiner Aufstellung (5) einzelne Personen der Familie Bleis, die er in den Kirchenbüchern vorfand, immer dem jeweils richtigen der beiden Höfe den richtigen Personennamen zugeordnet hat. - Der Familienname Bleis ist heute in Deutschland nur halb so häufig vertreten wie etwa der Familienname Bading, nämlich 36 mal, in den USA erstaunlicherweise gar nicht (Namenspedia). Er tritt erstaunlicherweise am häufigsten in Bayern auf. Er könnte womöglich zurück geführt werden auf die Bezeichnung "Bleis" für "Steilhang" wie er in bayerischen Ortnamen oder in bayerischen Bergnamen wie Pleißlingkeil, Pleisenspitze enthalten ist (Bergnamen).
**) Er starb aber schon mit 51 Jahren. Bei dem genannten Regiment handelt es sich sicherlich um das "Altpreußische Infanterieregiment No. 5 (1806)" (Wiki), dessen Garnison im 18. Jahrhundert in Magdeburg lag. Als der Siebenjährige Krieg (1756-1763) 1756 ausbrach, war Valentin Mewes 22 Jahre alt. In der Zeit des Siebenjährigen Krieges stand das genannte Regiment unter dem Befehl von Ferdinand von Braunschweig-Wolfenbüttel (1721-1792) (Wiki). Dieser machte sich im Krieg sehr verdient. (Außerdem war dieser auch ein bekannter Freimaurer.) Erst nach dem Siebenjährigen Krieg stand das Regiment unter dem Befehl der beiden anderen genanntenRegimentskommandeure. Aber es sollte doch eigentlich unwahrscheinlich sein, daß der Nitzahner Valentin Mewes erst mit 29 Jahren Grenadier geworden ist? Das Regiment stand von 1766 bis 1785 unter Befehl von Friedrich Christoph von Saldern (1719-1785) (Wiki), ebenso ein im Krieg sehr verdienter General Friedrichs des Großen. 1785 bis 1789 stand es unter Befehl von Christian August von Lengefeld (1728-1789) (Wiki), ebenfalls von Friedrich dem Großen sehr geschätzt. Wenn Lengefeld genannt wird, macht es den Anschein, als ob Valentin Mewes bis an sein Lebensende mit 51 Jahren Grenadier war. - - - Die Eltern und Großeltern von Valtentin Mewes waren übrigens alle Vollbauern aus Nitzahn. Die Eltern waren Ackermann Joachim Mewes und Sophia Zander, seine Großeltern waren der Ackermann Hans Mewes und dessen Frau Anna Jerichow, sowie der Ackermann Johann Zander und dessen Ehefrau Maria Mewes. Das erstere Großelternpaar heiratete 1696 und hatte sieben Kinder, das zweite Großelternpaar heiratete 1679 und hatte 14 Kinder.
***) Für die genetisch-medizinische Familiengeschichte sei festgehalten: Oma hatte etwas mit der Schilddrüse. Vermutlich oder vielleicht hatte sie Schilddrüsen-Krebs. Sie hatte starke Medikamente genommen, wollte aber darüber nie sprechen, auch nicht mit ihrer Tochter. Sie hatte auch einen kleinen Kropf und war empfindlich am Hals. Niemand jedenfalls wußte, woran sie gestorben ist. Sie hatte einen Fieberschock, worauf sie ins Krankenhaus kam. Vermutlich wegen einer Schrumpfniere oder geknickter Niere, die sie ebenfalls hatte.
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  1. Bading, Ingo: Mein Opa - ein gewöhnlicher Ludendorff-Anhänger als Beispiel - Wie mein Opa Ludendorff-Anhänger wurde  - Oder: Beim Blättern in alten Familienalben. Studiengruppe Naturalismus, 1. September 2012, http://studiengruppe.blogspot.de/2012/09/mein-opa-ein-gewohnlicher-ludendorff.html
  2. Bading, Ingo: Mein Opa - ein gewöhnlicher Ludendorff-Anhänger als Beispiel (Teil 2) Das Deutschland der 1950er Jahre aus der Sicht eines westfälischen Ziegeleiarbeiters und Nachtwächters (1958 bis 1961). Studiengruppe Naturalismus, 8. August 2015, http://studiengruppe.blogspot.de/2015/08/mein-opa-ein-gewohnlicher-ludendorff.html 
  3. Vorfahren der Familien Bading und Bleis im Havelland und Elb-Havelwinkel. Als Manuskript, Bahnitz 2003 (nach Familienforscher Bernhard Bleis [gebürtig aus Schönhausen an der Elbe], 21682 Stade, Niederelbe, Triftgang 24, (04141) 85377)
  4. zu Bernhard Bleis siehe auch: Schleusner-Reinfeld, Anke:  Opfer des Zweiten Weltkrieges - Gedenkbücher enthalten Erinnerungen an Schönhausener. In: Volksstimme (Magdeburg), 20.11.2012, https://www.volksstimme.de/nachrichten/lokal/havelberg/969288_Gedenkbuecher-enthalten-Erinnerungen-an-Schoenhauser-die-ihr-Leben-verloren.html 
  5. Nachtigall, Pfarrer: Die Bewohner von Zollchow (1892). Anhang zu: ders.: Pfarrbuch der Parochie Sydow. Zollchow 1890
  6. Bading, Ingo: Der 4. Mai 1945: Das Kriegsende in den Dörfern des Havelbogens Möthlitz, Kützkow und Bahnitz - Eine regionale Studie zu den letzten Kämpfen des Zweiten Weltkrieges. Studium generale, 7. August 2011, http://studgendeutsch.blogspot.de/2011/08/der-4-mai-1945-das-kriegsende-in-den.html
  7. Asmuss, Burkhard: Die Lebensmittelversorgung im Ersten Weltkrieg. Deutsches Historisches Museum, 8.6.2011, https://www.dhm.de/lemo/kapitel/erster-weltkrieg/alltagsleben/lebensmittelversorgung.html
  8. Strahl, Antje: Das Großherzogtum Mecklenburg-Schwerin im Ersten Weltkrieg. Von der Friedens- zur Kriegswirtschaft. Böhlau Verlag, Köln, Weimar, Wien 2015 (GB)
  9. Alert, Marcus: Viele Verdienste um die Sport-Freunde. 75. Geburtstag von Hans-Dieter Bergann, 4.9.2013, https://www.maz-online.de/Sportbuzzer/Lokalsport/Brandenburg-Havel/Viele-Verdienste-um-die-Sport-Freunde
  10. Karl-Heinz Pagel: Der Landkreis Stolp in Pommern. Zeugnisse seiner deutschen Vergangenheit. Heimatkreise Stadt Stolp und Landkreis Stolp, Lübeck 1989, S. 402-407 (Mit ergänzenen Angaben von Hubert Thrun) (pdf/Stolp.de
  11. Bading, Ingo:  "Ich kann nicht mehr leben in diesem geschändeten Haus, ich helfe mir selbst." Inferno in Zollchow im Mai 1945 - Kultureller Gesichtsverlust der Länder östlich der Elbe bis heute, 2017, https://preussenlebt.blogspot.com/2017/12/ich-kann-nicht-mehr-leben-in-diesem.html
  12. Bading, Ingo: Meine DNA-Verwandten (veröffentlicht 2018 mit Aktualisierungen bis 2025) (Stg2018)