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Montag, 15. Juli 2019

Unislaw - Ein Dorf im Kulmer Land an der Weichsel

Das westpreußische Dorf Unislaw an der Weichsel in den Jahren 1919 bis 1949
Gliederung:
A. Leben vor 1939
B. Grausamkeiten im September 1939 und danach
C. Die Flucht und die Kämpfe um die Festung Thorn Januar/Februar 1945
D. Hunger, Seuchen, Zwangsarbeit, Grausamkeiten, Deportationen nach Sibirien (bis 1949)

Mit dem Dorf Unislaw (Kulmisch Wenzlau) (Wiki) an der Weichsel  beschäftigte sich der erste Teil dieses Aufsatzes (Preußen lebt) aus dem Anlaß, daß in einer internationalen Archäologie-Zeitschrift von der Ausgrabung einer mittelalterlichen Ordensburg daselbst von Seiten polnischer Archäologen der Universität Thorn berichtet worden war. Der Aufsatz gibt auch nicht andeutungsweise ein Wissen von den schweren Schicksalen der Bewohner dieses Dorfes im Zwanzigsten Jahrhundert kund, und daß diese Bewohner zu mindestens einem Drittel seit der Ordensritterzeit Deutsche waren. Deshalb soll in diesem zweiten Teil einiges über das berichtet werden, was die Bewohner in Unislaw zwischen 1919 und 1949 erlebten. Erst nach längerer Recherche stoßen wir darauf, daß der Westdeutsche Rundfunk im Jahr 2009 eine Dokumentation erstellt hat (4), in der einiges von dem Schicksal des Dorfes Unislaw - aufgrund der Erinnerungen eines ehemaligen deutschen Bewohners (Hanno Henatsch) - sehr unmittelbar zur Sprache kommt. Der Film ist - nicht nur deshalb - sehr bewegend. Er vermittelt auch allgemein einen wertvollen Eindruck von dem Leben und Schicksal der deutschen Minderheit im polnischen Machtbereich in der Zwischenkriegszeit.

Worauf aber auch der Film nur sehr kurz an seinem Ende hinweist, ist wiederum der Umstand, daß fast jeder Ort, der von Deutschen bewohnt worden war östlich der Elbe im Jahr 1945 schwere bis schwerste Schicksale erlebt hat, daß seine Bewohner durch die Hölle auf Erden gegangen sind. All dies sei im folgenden aufgezeigt anhand des Beispiels des Dorfes Unislaw in Westpreußen, soweit dies aufgrund der Quellenlage möglich ist.

In Unislaw gab es eine Zuckerfabrik, die zugleich Kunsthonigfabrik war. Sie war weit über das Dorf hinaus bekannt unter dem Namen "Unamel". Ihr Inhaber war die Familie des Fabrikdirektors Henatsch, des Vaters des schon erwähnten Hanno Henatsch. 

Abb. 1: Der Bahnhof und die Zuckerfabrik von Unislaw - Postkarte, aus der Zeit vor 1914

Die Firma trug in den 1920er Jahren den Namen "Unamel".

Die Familie Henatsch in Unislaw

1919 hieß es in der Chemiker-Zeitung über ihren Inhaber und Fabrikdirektor (siehe Google Bücher):

Dr. Wilhelm Henatsch beging am 1. April sein 25-jähriges Jubiläum als Direktor der Zuckerfabrik Unislaw.

Seit dem 19. Jahrhundert war die Fabrik im Besitz der Familie Henatsch und ging in jener Zeit von Dr. Wilhem Henatsch Vater auf Dr. Wilhelm Henatsch Sohn über. Wilhelm Henatsch Sohn wurde der "König von Unislaw" genannt und war eine eindrucksvolle Unternehmer-Persönlichkeit, wie sich sein Sohn Hanno erinnert (4, 17:30). 1922 erbaute die Familie in Unislaw auch eine prächtige Villa, die heute nicht mehr in einem so schönen Zustand wie damals ist und von polnischen Familien bewohnt wird (4, 18:30).

Aufgrund des Versailler Vertrages kam das Kulmer Land, zu dem Unislaw gehörte, am 20. Januar 1920 ohne Volksabstimmung unter polnische Oberhoheit. Über den Anteil der Nationalitäten im Landkreis Kulm (also im Kulmer Land) ist schon im ersten Teil berichtet worden. 1910 lebten in ihm 28.000 Katholiken neben 20.000 Protestanten (Wiki), wobei fast alle Katholiken Polen und fast alle Protestanten Deutsche waren. Dies war auch schon 1821 so gewesen, als dort 17.000 Katholiken neben 12.000 Protestanten (Wiki) gelebt hatten. Die Deutschen hatten im Land seit Jahrhunderten den wirtschaftlich und kulturell dominierenden Volksteil dargestellt, auch dort, wo sie zahlenmäßig in der Minderheit waren. Auch der Domänenpächter in Unislaw trug 1876 zum Beispiel einen deutschen Namen, ebenso ein anderer Bauer ("Besitzer"). Ein Organist des Dorfes trug einen polnischen Namen (GB).

Der Reichstagswahlkreis Marienwerder, zu dem Unislaw mit dem Kreis Kulm gehörte, hatte bis 1912 in unregelmäßigem Wechsel einmal einen Abgeordneten der Polnischen Fraktion in den Reichstag gewählt, einmal einen Abgeordneten der deutschen Nationalliberalen Partei (Wiki). In Unislaw selbst wurden Dorf und Gut voneinander unterschieden. In beiden gab es jeweils zwei Drittel Polen und ein Drittel Deutsche, im Dorf 247 Polen und 115 Deutsche, auf dem Gut 125 Polen und 45 Deutsche (1, S. 136). Diese Zahlen machen also klar: Dies war nicht nur die Heimat von Polen, sondern seit vielen Jahrhunderten auch die Heimat von Deutschen. Wie weiter unten noch sichtbar wird, gab es im Land selbst viele Polen, die den Deutschen wohlwollend gegenüber standen, ebenso umgekehrt. Oft wurde der Haß zwischen beiden Volksteilen von außen in dieses Land hinein getragen von Seiten von Menschen, die es nicht seit Jahrhunderten gewohnt waren, Tür an Tür mit Menschen einer anderen Volkszugehörigkeit zusammen zu leben.

Abb. 2: Unislaw vor 1914 - Postkarte

Aufgrund der äußeren politischen Verhetzung mußten dann bis 1939 eine Million Deutsche aus dem nun polnischen Machtbereich ihre Heimat verlassen. Auf einem Dorf wie Unislaw konnten die Deutschen in dieser Zeit weitaus weniger leicht verdrängt werden als aus einer Stadt wie Graudenz, wo viele Deutsche zuvor im Staatsdienst gearbeitet hatten, zu dem sie nun vom polnischen Staat nicht mehr zugelassen wurden. 

Es wird berichtet von der zwangsweisen Einschulung der deutschen Kinder in polnische Schulen und von den Schwierigkeiten der Deutschen im Landkreis Kulm, eine deutsche Privatschule betreiben zu können (2). Ebenso gab es von polnischer Seite aus viele Bemühungen, den deutschen Unternehmern das Leben schwer zu machen, um sie zum Verlassen des Landes zu bringen. Aber (5, S. 124):

Auch die ländliche deutsche Industrie will sich nicht unterkriegen lassen. In Unislaw gründet Dr. Wilhelm Andreas Henatsch, Hannos Vater, 1922 eine Fabrik für Kunsthonig, die "Unamel".

In Kulm gelang es, eine Grundschule als deutsche Privatschule betreiben zu können (2). Die Kinder des Fabrikdirktors Dr. Wilhelm Henatsch (1895-1945) und seiner Frau  Elisabeth Henatsch (geb. Böning) (1896-1989) (MyHeritage) wurden aber in den ersten vier Grundschulklassen von einem Hauslehrer unterrichtet. Das Paar hatte 1921 geheiratet und es kamen sechs Kinder auf die Welt, die alle in Unislaw geboren worden waren (Geni, Ancestry): Wilhelm (1922), Johannes (1923), Hanno (1924), Aleit (1926), Sophie (1927) und Christoph (1929).

In der "Zeitschrift des Vereins der Deutschen Zucker-Industrie" und ähnlichen Zeitschriften wird Wilhelm Henatsch seit 1899 oft erwähnt, wobei es sich zunächst um den Vater, dann den Sohn handeln wird. Beide waren also auch in der Verbandsarbeit der deutschen Zuckerindustrie sehr rührig tätig (siehe Google Bücher). Die Erinnerungen der Familie an die Jahre 1945 und 1946 sind enthalten in der "Dokumentation der Vertreibung" (3), die von Hanno Henatsch auch in der schon genannten WDR-Dokumentation des Jahres 2009 (4-6). In ihr erzählt er vor der Kamera aus seinem Leben (z.B. 4, Minute 3:38):

Die ersten vier Schuljahre haben wir nicht in der polnischen Volksschule absolviert, sondern wurden unterrichtet durch Hauslehrer. Natürlich kam da die polnische Sprache viel zu kurz. Der Hauslehrer, der konnte ja kaum Polnisch.
Abb. 3: Blick in die deutsche Goethe-Schule in Graudenz, eingeweiht 1933, vorne eine Nachbildung der Naumburger Stifterfiguren

Und es wird auch berichtet (5, S. 145):

Ein Landei wie Hanno Henatsch, der 1933 aus Unislaw nach ....

Mit sieben Jahren wurde Hanno Henatsch ab 1933 auf die im selben Jahr eingeweihte, im Bauhaus-Stil errichtete große deutsche Goetheschule nach Graudenz geschickt (4, 11:10). Eine Goetheschülerin berichtet was auch sonst in dem Film deutlich wird, auch anhand der Inneneinrichtung der Goetheschule Abb. 3) (4, 22:55):

Wir waren wirklich deutsch. Und wir waren uns dessen auch bewußt. Ich glaube, wir waren deutscher als die Deutschen im Reich. Und waren es gerne.

Nach der Machtübernahme der NSDAP im Deutschen Reich hat sich diese junge Generation der "Auslandsdeutschen" - wie fast überall in Ostmitteleuropa und auch außerhalb von Europa - zunehmend stärker dem Nationalsozialismus zugewandt. Die deutsche Jugend im polnischen Machtbereich war unter anderem im "Wanderbund" organisiert, der sich immer mehr an der Hitlerjugend orientierte (5, S. 150):

Daß der Wanderbund in diesen Jahren der Hitlerjugend immer ähnlicher wird, können die Zeitzeugen nur bestätigen. "Wir waren die besseren Nazis!" Hanno Henatsch quält die Frage, warum er sich hat verführen lassen, immer noch. "Wahnsinn!" Wer noch ein bisschen Verstand im Kopf gehabt ...

Wenn man sich allerdings die damalige Unterdrückung der Deutschen im polnischen Machtbereich klar macht und ihre Verdrängung aus demselben, wenn man sich zugleich die stark nationalistisch organisierte gleichaltrige polnische Jugend veranschaulicht, dann wird es wohl nicht mehr so schwer sein nachzuvollziehen, daß sich die junge Generation der deutschen Volksgruppe innerlich einer Bewegung innerhalb des Reiches zugewandt hat, die für eine machtvolle deutsche Außenpolitik einstand. Die Lage für die deutsche Volksgruppe im polnischen Machtbereich konnte sich dadurch allerdings insgesamt nicht verbessern, im Gegenteil. Und das war auch vielen älteren Angehörigen der deutschen Volksgruppe bewußt, die oft zur Mäßigung rieten. All diese Entwicklungen sollten dann bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges die schrecklichsten Folgen nach sich ziehen.

September 1939 - Unislaw erlebt die Verschleppungsmärsche der Deutschen

Im September 1939, bei Kriegsbeginn kam es zur Verschleppung und Ermordung tausender von Angehörigen der deutschen Volksgruppe im polnischen Machtbereich. Diese Vorgänge gingen in die Geschichte ein unter dem Schlagwort vom "Bromberger Blutsonntag", weil die deutsche Wehrmacht hier erstmals auf dieses Geschehen stieß und weil das dortige Geschehen sofort von der Propaganda des Deutschen Reiches ausgeschlachtet wurde. Diese Vorgänge spielten sich aber in ganz Polen ab, nicht nur in Bromberg. Zunächst waren die führenden Angehörigen der deutschen Volksgruppe von den polnischen Behörden interniert worden. Sie sollten schließlich in ein großes Konzentrationslager für Deutsche bei Warschau überführt werden (2, S. 281f):

Seit März 1939 verschärften sich die antideutschen Maßnahmen der Behörden. Durch Verweigerung von Zahlungsaufschüben und rücksichtslose Pfändung zwecks Steuereintreibung wurde deutschen Firmen die Existenzgrundlage entzogen, so auch der Kunsthonigfirma "Unamel" des Dr. Henatsch in Unislaw. (...) Mit Kriegsausbruch setzte die Verhaftungswelle ein und dauerte bis zum 2. 9. an. Am 1. 9. wurden die Gefängnisse geöffnet. Am Abend befahl der Starost den Polizeistationen, die "entlassenen Häftlinge deutscher Nationalität sofort festzunehmen und in Richtung Unislaw zu dirigieren". Die Verhafteten wurden, da keine Bahnverbindung mehr vorhanden war, meist gefesselt über Unislaw - wo sie mit den Graudenzer zusammentrafen - nach Thorn gebracht. Hierher kamen auch die Internierten aus anderen Kreisen. Von Thorn aus mußten sie entweder am Verschleppungsmarch nach Lowitsch oder nach Warschau teilnehmen.

Ein Verschlepptenzug von 43 "führenden" Angehörigen der deutschen Minderheit aus dem Kreis Schwetz Richtung Warschau kam ebenfalls durch Unislaw und wurde dann über Thorn Richtung Lowitsch dirigiert. Schwetz liegt am linken Flußufer der Weichsel gegenüber von Kulm. Es sei hier auszugsweise zitiert, was ein Teilnehmer dieses Zuges, der Schwetzer Arzt Dr. med. Studzinski, über diesen grauenhaften Marsch, über die vielen Gewalttaten, Erschießungen und Massaker, die diesen Zug begleiteten, gleich nach seiner Befreiung durch die Wehrmacht, also noch 1939 aufgeschrieben hat. Studzinski war zunächst in Einzelhaft genommen worden, wurde dann aber nach und nach mit anderen Verhafteten zusammen gebracht (7):

.... Wir machten von jetzt ab gemeinsam den Höllenmarsch in treuer Kameradschaft  bis nach Lowitsch mit; es war bei unserem Abmarsch der 2. September. Alte Herren über 70 Jahre, schwer Herzkranke, sie waren dabei, es gab kein Erbarmen. Unser Senior, Herr Schulz aus Dragaß, hatte sage und schreibe ein Alter von 82 Jahren. Über die Schwarzwasser-Brücke zwischen der Ordensburg des Heinrich von Plauen und der Ordenskirche, ging dann dieser Zug, bewacht von Polizei und Hilfspolizei nach der Kulmer Fähre. (...) Wir hörten von der Beschießung von Graudenz und langsam stieg die Hoffnung in uns auf, daß wir vielleicht nicht mehr über die Weichsel kommen würden. Doch (...) ein Dampfer mit Prahm setzte uns über. Es ging durch die Stadt  Kulm bis zum dortigen Landratsamt. (...) Hier bei dem Spießrutenlaufen durch die Stadt bekamen wir zum ersten Male die unflätigsten Beschimpfungen und Schmähungen der Bevölkerung zu spüren. "Schlagt doch die  deutschen Hunde tot! Wozu transportiert ihr die deutschen Schweine noch weiter? Jagt sie doch in  die Weichsel!" So geiferte die wilde Horde. (...) Auf der Chaussee nach Unislaw ging es weiter bis zu einem Bahnhof. (...) Dann wurden deutsche Bauernwagen requiriert, auf denen wir bis Unislaw fuhren. (...) Durch Unislaw wurden wir wieder beschimpft, dann auf dem Bahnhof in aller Eile verladen, und weiter ging es per Bahn nach Thorn. Bekamen wir in Kulm und Unislaw schon Schmähungen und Beschimpfungen zu hören, so steigerte sich dieses abscheuliche Betragen der Bevölkerung in Thorn um ein Bedeutendes. Hier gab es schon neben Flüchen Fußtritte und Steinwürfe. (...) Nach zwölfstündigem Marsch zogen wir halbverdurstet in Alexandrowo ein, liefen Spießruten durch die ganze Stadt, wurden beschimpft, mit Steinen beworfen. (...) Am Morgen des 4. September 1939 wurden wir dann in Richtung  Wloclawek in zwei Viehwagen verladen (...), wo wir wieder Spießruten durch die Stadt laufen mußten. (...) Schon in  der Stadt begann neben dem unglaublichsten Beschimpfen das Mißhandeln. Steinwürfe, Kolbenschläge bekam jeder von uns. Mit unglaublicher Roheit wurde Kamerad Alfred Werner aus Groß-Sanskau zerschlagen, nach ihm kam ich an die Reihe. Eine nach meiner Erinnerung in Briefträgeruniform gekleidete Bestie schlug mir ins rechte Auge, man erzählte mir später, er soll mit einem Hammer geschlagen haben. Dies war das Signal für die übrigen, nun ihrerseits mit Kolben auf mich einzuschlagen. Ins Gesicht, auf den Kopf traf man mich, ich brach auf der anderen Seite  der Chaussee bewußtlos zusammen, wälzte mich auf der Straße, wurde durch rohe Stöße mit Gewehrläufen in Bauch, Brust und Rücken zum Bewußtsein gebracht und mit repetiertem Gewehr bedroht, erschossen zu werden, falls ich nicht sofort weiterlief. Der Selbsterhaltungstrieb gab mir die Kraft, aufzuspringen, ich ging wieder in Reih und Glied und  merkte nun, daß mein Gesicht, mein Hemd, mein Anzug von Blut überlaufen war, daß das linke Auge gänzlich zugeschwollen war, und daß ich keine Sehkraft mehr darauf hatte. Das rechte Auge war auch halb zugeschlagen, die Sehkraft herabgesetzt. In diesem Zustand mußte ich noch weitere 30 Kilometer marschieren. (...) Alle diese Wunden werden heilen, aber bluten wird stets unser armes Herz über den Verlust unserer lieben, erschlagenen und erschossenen Kameraden auf diesem Höllenmarsch von Wloclawek.

Mindestens fünf Männer der 43 dieses Zuges sind dann erschlagen oder erschossen worden. Aber das reichte nicht. In der Zuckerfabrik Chodzen, wo mehrere solcher deutscher Verschlepptenzüge gesammelt wurden, ging es weiter:

In diesem Moment schlug die vertierte Bande mit Gewehrkolben auf uns arme, wehrlose Menschen ein. Ein entsetzliches Geschrei, ein einziges Stöhnen war zu hören. Wir lagen zusammengeschlagen am Boden. Als wir allmählich zu uns kamen, merkten wir, daß alle am Leben waren. (...) Leidensgenossen aus den Kreisen Graudenz, Strasburg, Hohensalza und aus anderen Kreisen konnten wir begrüßen. Schätzungsweise lagen in diesem Schuppen 800 Mann, Männer und Frauen. (...) In aller  Frühe des 7. September mußten wir dann in fünf Kolonnen zu je 800 Mann antreten und wurden über Chodecz nach Kutno weitergetrieben.

Dabei wurden alle erschossen, die nicht weiter gehen konnten. Hinter Lowitsch wurden die Verschlepptenzüge dann von der deutschen Wehrmacht eingeholt und befreit. Der Historiker Hugo Rasmus zählt - aufgrund der Vorarbeiten von Oberstudienrat Dr. August Müller (1895-1989) (Am) - in seinem Buch 43 Deutsche des Landkreises Kulm namentlich auf, die im Zuge dieser September-Ereignisse ermordet wurden (2).

Herbst 1939 - Der deutsche "Selbstschutz" unternimmt Strafaktionen und Hinrichtungen

Wie ging es weiter (2, S. 283):

In der Nacht vom 3. auf den 4. September 1939 setzte das II. deutsche Korps südwestlich Kulm bei Tolpolno am westlichen Weichselufer über den Strom und nahm die Masse des Kreisgebietes Kulm mit der Kreisstadt in Besitz. 

Die ansässige deutsche Bevölkerung hatte die Hölle durchlebt und brauchte Tage, Wochen und Monate, um das Geschehene zu verarbeiten. Familien mußten sich erst wieder finden - und oftmals blieben Angehörige vermißt. Auf der anderen Seite gab es die große Freude und Erleichterung darüber, nun zum Deutschen Reich zu gehören. Die vielen Ermordungen von Deutschen riefen nun deutsche Standgerichte hervor, die insbesondere von Seiten des "Deutschen Selbstschutzes" betrieben wurden. Dieser erschoß drei polnische Männer in den Wäldern bei Raciniewo in der Gemeinde Unislaw (8, S. 221). Männer polnischer Volkszugehörigkeit aus Unislaw waren auch unter 220 Männern, die in Plutowo und unter 400, die in Male Czyste erschossen wurden (8, S. 221). Ob es auch in Unislaw zu Aussiedlungen von Polen kam und zur Ansiedlung von deutschen Rücksiedlern (aus dem Baltikum oder aus Wolhynien oder anderwärts) muß einstweilen dahin stehen. Im Film heißt es (39:30):

Hanno Henatsch und sein Freund Erich Abramowski machen Abitur. Und sie müssen bald danach als deutsche Soldaten in den Krieg. Über hundert Jungen aus der Goethe-Schule werden nicht zurückkehren.

1942 wurde Unislaw offiziell in Kulmisch Wenzlau umbenannt (9).

Abb. 3: General Otto-Joachim Lüdecke, Mai 1944, rückseitig beschriftet mit "Mein Patient General Lüdecke in Agram im Mai 1944" - Lüdecke sollte 1945 zum Festungskommandanten von Thorn ernannt werden

1943 entstand noch einmal ein Farbfilm über die landschaftlichen und kulturellen Schönheiten des Weichsellandes. Es ist ein Film voller Ruhe und Gelassenheit. In ihm wird auch die Stadt Kulm an der Weichsel gezeigt.

1943/44 - Letzte Filmaufnahmen des Weichsellandes aus deutscher Zeit

Während des Zweiten Weltkrieges leisteten in der Kunsthonigfabrik, bzw. Zuckerfabrik von Unislaw (bzw. Kulmisch Wenzlau) Polen aus Kulm Zwangsarbeit (10, 11). Im August 1944 reisten deutsche Studenten der Universität Danzig zum Stellungsbau ins Weichselland und dabei entstanden private Filmaufnahmen (Kronberg):

Private Aufnahmen gefilmt von Werner Kronenberg, damals Student an der Technischen Hochschule in Danzig, als "studentischer" Teilzeitsoldat eingesetzt in Frankreich, auf dem Balkan und bei der Invasion in die UdSSR. Im August 1944 werden Studenten aus Danzig zu Schanzarbeiten nach Westpreußen beordert. Kulm an der Weichsel, Weiterfahrt mit dem Autobus nach Marienwerder, Schloßbesichtigung kurz, Marienburg: Die Burg, Bahnhof und Ort Gartsch, Bahnsteig, Wartende, von dort Spaziergang in Umgebung, Wiesen Felder, junge Frauen als Begleitung, Spaziergang Fortsetzung, Zugfahrt.
Insert: Der Feind bedroht die deutschen Grenzen von Osten, Schanzarbeiten der Studenten der Technischen Hochschule Danzig in Gollub an der Drewens, 9. August 1944, Abfahrt in Danzig, Zug über Graudenz, Marienburg nach Gollup, männliche und weibliche Studierende mit Gepäck, Burg, Ortsname Elgers, gemeinsames Kartoffelschälen im Freien, an der Drewenz, Idylle, Küken, Kühe auf der Weide, Leibisch, Schule Kroppen, Schanzarbeiten mit Schaufel und Hacke, Ausheben Schützengräben, Erklärung im Film: Wie ein Graben entsteht: Systhematisch gefilmt. Zug zurück nach Danzig.
Abb. 4: Die Angriffsspitzen der Roten Armee erreichen die Weichsel bei Thorn und Kulm, um den 23. Januar 1945 (aus: Schäufler)

Am 12. Januar 1945 begann der Großangriff der Russen auf den Weichselbogen (Wiki) und auf Ostpreußen.

12. Januar 1945 - Die Rote Armee tritt an zum Großangriff auf Europa 

Am selben Tag waren die Henatsch's noch bei der großen Hasenjagd auf dem Gut der Familie Abramowski. Über die Gefahr, daß sie Russen angreifen könnten, sprach niemand (Film 40:40). 

Die deutschen Behörden in Ost- und Westpreußen gaben viel zu spät die Befehle zum Räumen und zum Trecken nach Westen. Wer vorher zu fliehen versuchte, wurde oft schwer bestraft. 

Als der Treckbefehl schließlich kam, konnten sich viele Deutsche nicht zur Flucht entschließen.

21. Januar 1945 - Thorn und Graudenz werden zur Festung erklärt

Am 21. Januar 1945 durchbrachen die Russen den äußeren, nur schwach besetzten Sicherungsring von Thorn, sowie die so gut wie gar nicht besetzte Drewenzstellung nordöstlich von Thorn (Lüdecke). Thorn liegt auf dem Nordufer der Weichsel, knapp 30 Kilometer südlich von Unislaw. Adolf Hitler befahl die Ablösung des Festungskommandanten von Thorn. Sein Nachfolger, der General Otto-Joachim Lüdecke (1894-1971) (Wiki), der 1943 das Ritterkreuz erhalten hatte, erhielt die Anweisung (Lüdecke):

ich solle umgehend den Festungskommandanten ablösen und in Thorn die Lage wieder herstellen, Thorn sei ein ganz besonders wichtiger Eckpfeiler und müsse unter allen Umständen bis zum letzten Mann gehalten werden.
Lüdecke berichtet weiter:
Ich begab mich sofort von Danzig im PKW nach Thorn. Von Marienburg ab über Graudenz - Culmsee waren die Strassen völlig verstopft von zurückflutenden Trecks, die die Weichsel hinter sich zu bringen bestrebt waren.
Fabrikdirektor Wilhelm Henatsch, der Vater des damals 21-jährigen Hanno Henatsch in Unislaw, konnte sich in diesen Tagen nicht zum Trecken entschließen (5, S. 177):
Es dauert etwa eine Stunde, bis Hanno Henatsch das Szenario vor unseren Augen ausgebreitet hat: eine Situation auf Leben und Tod, in der er, der einunzwanzigjährige Hanno, seinem Vater Contra gibt: "Das ist unser Todesurteil!" Noch heute muß er ....
Und über den weiteren Verlauf der Ereignisse (5, S. 178):
Jetzt ist es Hanno Henatsch, der drängt und den weinenden Freund zur Umkehr bewegt. "Jemandem in einer Grenzsituation einen Rat geben, das darf man nicht. Da spielen Leute Schicksal. Das darf man nicht!" (...) Für Unislaw hatten die Behörden nach langem Zögern Treckbefehl erteilt, und dagegen setzte er einen Gegentreckbefehl. Allgemeine Verwirrung? Der Vater verleugnete offensichtlich die Wirklichkeit. Die Ehefrau, zwei Töchter und zwei Söhne waren noch in Unislaw, es ging nicht nur um ... Über sechzig Jahre, sagt Hanno Henatsch, quälte er sich damit herum. Und er werde diese Frage mit ins Grab nehmen. Was mag seinen damals fünfzigjährigen Vater bewegt haben? Heimatliebe? Woanders zu leben, hat er sich vermutlich nicht vorstellen können. Heldentum? Wollte er diesmal nicht "feige ...
Warum sich Hanno Henatsch bis zu seinem Lebensende mit dieser Frage herumquält, wird verständlich, wenn man von den Folgeereignissen erfährt. Im Film sagt er (42:00):
Meine Mutter sagte: Kannst du nicht die Schwester noch mitnehmen auf dem Motorrad?

Da er leicht verletzt war, wollte er das auf den vereisten Straßen in der Kälte nicht riskieren.

Abb. 5: Der Ausbruch der deutschen Festungsbesatzung aus Thorn, 5. Februar 1945 (aus Schäufler)

Lüdecke berichtet weiter:

Es fehlte überall an Straßenkommandanten, die mit ihren Organen die Verstopfungen zu entwirren in der Lage gewesen wären. Auf diese Weise kam ich erst am 22.1. gegen 23 Uhr in Thorn an und übernahm noch in der Nacht den Befehl.
Lüdecke:
Von den zugesagten 2 weiteren Divisionen meldete sich im Verlauf des 23.1. eine stark angeschlagene Division - 7l. (?) Division unter Führung des Generalmajors Schlieper - die aus der Kampfgegend von Warschau kam und deren Nachhuten in Fühlung mit den nachdrängenden Russen standen.
Lüdecke:
Die Angriffe der Russen auf Thorn waren (anfangs) nicht als ernst zu bezeichnen. Er stieß ohne Rücksicht auf diesen "Eckpfeiler" südlich und nördlich durch. Südlich auf Bromberg und Posen - vor Bromberg stand er am 23.1., vor Posen am 24.1. - nördlich auf Kulm und Graudenz. Er überschritt die Weichsel südlich Kulm bei Topolno meines Wissens am 25.1.
Topolno liegt auf der westlichen Weichselseite gegenüber von Kokocko. Letzteres liegt zehn Kilometer nördlich von Unislaw. Lüdecke weiter:
Nakel und Bromberg fielen am 23.1. in seine Hand. Die im Ausbau befindliche Netzestellung war nicht besetzt, abgesehen von schwachen Sicherungen, die an den Hauptübergängen behelfsmässig zusammengezogen waren. Bromberg selbst wurde verteidigt und umkämpft, ebenso Fordon, wie engere Umgebung der Weichselbrücke. Beide wichtigen Punkte wurden aber vom Russen von Westen umgangen, der von der Netze aus in nördlicher Richtung auf die Ostsee vorstieß mit dem Ziel, die in Ost- und Westpreußen befindlichen Kräfte einzukesseln und ihnen ein zweites Kurland zu bereiten.
Am 23. Januar stießen die Russen auch an Graudenz, Marienwerder und der Marienburg vorbei bis nach Elbing an der Ostsee vor. Lüdecke weiter:
Am 25.1. hatte sich der russische Belagerungsring um Thorn geschlossen.
Dies war auch der Tag, an dem die Russen Unislaw besetzten. Nach dem Einbruch der Russen in den Ort Unislaw am 25. Januar 1945 wurden die Dorfbewohner in einer Baracke der Zuckerfabrik zusammen getrieben. Die Stadt Kulm ist am 27. Januar 1945 von der Roten Armee eingenommen worden. Der damals 15-jährige J. Henatsch berichtet über seinen Vater, sich selbst und seine damals 19-jährige Schwester A. Henatsch (3, S. 3):
Am 25. Januar 1945 brachen die Russen in mein Heimatdorf ein. Sie belegten unser Haus und begannen bald mit ihren Vernehmungen. Mein Vater wurde zuerst abgeführt; am 29. Januar abends erschienen vier Soldaten, die meine Schwester A. und eine Stunde später zwei Soldaten, die mich in die Gefangenschaft brachten. Wir kamen in ein Haus im Dorf, in dem schon eine Anzahl Deutsche, eingedeutschte Polen und Nationalpolen saßen.
Von Elisabeth Henatsch, der Mutter von Hanno Henatsch, sowie von ihrem Sohn J. Henatsch liegen Erlebnisberichte vor, von ersterer (6):
Im polnischen Durchgangslager Kulm und bei der Zwangsarbeit: Ein amtlich beglaubigter, sechsseitiger maschinenschriftlicher Bericht von Dr. Elisabeth Henatsch aus Unislaw/Kr. Kulm vom März 1946.
Dieser Bericht ist offensichtlich identisch mit einem entsprechenden - allerdings anonymisierten - in der "Dokumentation der Vertreibung" (3, S. 501-506). (Anonymisiert sicherlich, weil sich noch Familienangehörige in sowjetischen Arbeitslagern befanden.) Elisabeth Henatsch, die Mutter von J. und A. Henatsch, berichtet (3, S. 501):
Die Russen (...) nahmen in den ersten Tagen eine große Anzahl Männer und Frauen (Deutsche, eingedeutschte Polen und Nationalpolen) gefangen und führten sie am 1. Februar 1945 nach Rußland ab.
In einer Anmerkung wird dazu zusammenfassend berichtet (3, S. 501):
Im Zuge dieser Zwangsdeportation wurde auch der 15jährige Sohn der Verfasserin nach Rußland verschleppt, im Herbst 1945 schwerkrank entlassen, und ihre 19jährige Tochter, die im Sommer 1946 in einem russischen Zwangsarbeitslager starb. - Der Ehemann der Verfasserin, nach dem Russeneinbruch in Zivilgefangenschaft abgeführt, wurde vor dem Abtransport bei einem Fluchtversuch erschossen.

Dieses Geschehen bildet also den Hintergrund dafür, daß Hanno Henatsch, ein weiterer Sohn von Elisabeth Henatsch, sich bis an sein Lebensende mit der Frage herum schlug, warum sein Vater den Gegentreckbefehl gegeben hatte. - Die in Unislaw zurück gebliebenen Dorfbewohner erlebten nun die sich noch tagelang hinziehenden Kämpfe um den Ort (3, S. 506), die sich aus dem Ausbruchversuch der Festungsbesatzung Thorn entlang des Ostufers der Weichsel ergab.

2. Februar 1945 - Ausbruch der Deutschen aus Thorn Richtung Kulm

Lüdecke berichtet darüber:

In der Nacht vom 31.l./l.2. ging ein Funkbefehl des O.K.H. in Thorn ein, etwa folgenden Inhalts: "Operative Lage erfordert sofortigen Durchbruch. Erreichen der eigenen Linien Waldungen nördlich Krone/Brahe. Eile geboten. Absichten unter Mitnahme deutscher Zivilbevölkerung und Verwundeter sowie möglichen Zeitpunkt des Antretens funken."
Krone/Brahe heißt heute Wałcz. Der Ausbruchversuch war folgendermaßen geplant (Lüdecke):
Die Absicht war, auf kürzestem Wege nördlich Fordon die Weichsel zu überschreiten und das Ziel nördlich Krone zu erreichen. (...) Starker Frost und hohe Schneelage erschwerten das Unternehmen erheblich.

Fordon ist ein Vorort von Bromberg und liegt 20 Kilometer südwestlich von Unislaw auf dem Westufer der Weichsel. Zu gleicher Zeit wurde aber Graudenz, nördlich von Kulm gelegen, noch bis zum 6. März 1945 verteidigt (Wiki) (darüber berichtet Lew Kopelew in seinen Erinnerungen). Über den weiteren Verlauf ist berichtet worden anhand des Berichtes von Lüdecke (Thorwald, S. 266):

Am 2. Februar trat General Lüdecke aus Thorn heraus zum Durchbruch nach Westen an. Er hatte drei Angriffsgruppen formiert. Bei der mittleren Angriffsgruppe befanden sich die Zivilbevölkerung und Verwundete. Es lag hoher Schnee. Es herrschte starker Frost. (...) Lüdeckes Kolonnen kämpften sich bis zum Abend bis zum Raum zehn Kilometer östlich Fordon vor. (...) Jetzt sollte Lüdecke nach Norden abdrehen, die Weichsel südlich Kulm überschreiten und die Linien der 2. Armee bei Schwetz erreichen. Am 5. Februar gelang es einzelnen Teilen, das Eis der Weichsel südlich von Kulm zu überqueren.

Kulm liegt 17 Kilometer nördlich von Unislaw. Diese Ausbruchkämpfe spielten sich also in der Weichselniederung westlich von Unislaw ab. Über dieselben Vorgänge gibt es auch einen Bericht aus polnischer Sicht, von Seiten eines Stefaniak, der damals in Kulm lebte:

Mitte Februar (? gemeint ist wohl eher: Anfang Februar) versuchten Gruppen versprengter Wehrmachtssoldaten aus dem Raum Thorn, bei Kulm über die Weichsel zu setzen und sich weiter zur noch von den Deutschen kontrollierten Ostseeküste bei Danzig durchzuschlagen. Eine Sowjetoffizierin im Rang eines Hauptmanns, die das südlich der Altstadt von Kulm gelegene und mit verletzten Rotarmisten voll belegte Krankenhaus leitete, organisierte die Verteidigungsmaßnahmen. Stefaniak nahm in der Nähe des Krankenhauses und an der ul. Toruńska an dem vierstündigen Feuergefecht mit den deutschen Soldaten teil, die schließlich abgewehrt wurden und sich einen Weg zur Weichsel abseits der Stadt suchen mußten. Der Autor beobachtete, wie kleine und größere Wehrmachtseinheiten versuchten, südlich von Kulm die zugefrorene Weichsel in Richtung Gruczno zu überqueren. Die sowjetische Artillerie beschoß stundenlang die deutschen Soldaten vom hoch über dem Weichseltal gelegenen Kasernengelände in Kulm aus und zwang diese zu einer verzweifelten Flucht. Auch in den nächsten Tagen wurden noch Gruppen deutscher Soldaten aufgegriffen, die aus dem belagerten Graudenz entkommen waren.
Weiter (Thorwald):
Am 7. Februar erreichten etwa 19.000 von den 32.000 Soldaten und Zivilisten, die aus Thorn ausgebrochen waren, die nur noch mit Mühe gehaltene Front der 2. Armee bei Schwetz.

Viele deutsche Soldaten gerieten also in Gefangenschaft. Frau Mollzahn aus Unislaw war nach dem Ende der Kämpfe wieder in ihre Wohnung dicht neben der Zuckerfabrik zurückgekehrt. Sie berichtet davon, daß in dieser Zuckerfabrik hunderte von deutschen Kriegsgefangenen gesammelt und von dort weiter transportiert wurden.

Februar 1945 - Aufräumarbeiten in Unislaw

Bei der Schilderung der weiteren Ereignisse über das Schicksal der deutschen Bewohner von Unislaw decken sich der Bericht von Elisabeth Henatsch und Annemarie Mollzahn, das heißt, alle verbliebenen deutschen Einwohner des Ortes - 150 bis 200 Frauen, alte Männer und Kinder - haben im Frühjahr 1945 ähnliches erlebt, nämlich Mitte März ihre gemeinsame Verschleppung nach Thorn und dann einen Leidensmarsch von dort zurück nach Unislaw. Mitte März wurden die Deutschen des Ortes, in der Fabrik zusammen getrieben. Elisabeth Henatsch berichtet, daß sie zunächst in den Baracken der Zuckerfabrik lebten (3),

wo sie im April alle in polnische Gefangenschaft überführt wurden, das heißt, ab Ostern 1945 kamen alle Deutschen ausnahmslos in ein Lager, das der polnischen Miliz unterstellt war. Sie mußten vom Lager aus Zwangsarbeit verrichten, die zunächst in Aufräumungsarbeiten bestand. Das Dorf und die Weichselniederung besonders waren durch Russeneinbruch und Krieg verwüstet. Es mußten Tote geborgen, Pferdeleichen begraben, Munition und Kriegsgerät aller Art fortgeschafft, Straßen und Wege freigelegt und die Häuser gesäubert werden. Das geschah anfangs unter Aufsicht der Russen, später unter polnischer Miliz. (...) Das Barackenleben wurde dadurch besonders unerträglich, ja gefährlich, da allnächtlich russische Soldaten zum Plündern und Vergewaltigen der Frauen und Mädchen einbrachen. Wir erlebten Szenen der Hölle. Die polnische Miliz konnte oder wollte uns nicht schützen. (...) Mitte April kam ein Befehl zur Sammlung aller Gefangenen ringsum zum Zwecke des Abtransportes. Wohin? Keiner wollte es uns sagen.

Die Internierten wurden mit dem Zug nach Thorn transportiert, wobei schon auf dem Transport alte Menschen und Kranke starben. 

Mitte April - Wegführung der Deutschen aus Unislaw nach Thorn und Rückmarsch

In Thorn wurden sie in der Ruine eines Krankenhauses eingepfercht. Auch dort kam es wieder zu Vergewaltigungen wie Frau Mollzahn berichtet (3):

So hausten wir drei Tage und Nächte, es war ein Geschrei Tag und Nacht. Frauen und Mädchen wurden von den Russen rausgeholt und vergewaltigt. Da lernte ich die Hunde erst kennen, da ich selbst die Tage viel durchgemacht habe.
Sie mußten dann wieder zu Fuß die 30 Kilometer von Thorn nach Unislaw zurückkehren. Frau Mollzahn (3):
Der Marsch dauerte drei Tage, weil wir schon alle müde und heruntergekommen waren.
Frau Henatsch (3):
Also setzte sich unser trauriger Zug in Bewegung: er bestand vor allem aus Müttern mit Kindern, eine Reihe Säuglinge waren dabei. (...) Es regnete, schneite und stürmte - Aprilwetter -, Menschen und Gepäck waren gänzlich durchnäßt, doch waren das Glück und die Dankbarkeit, der Verschleppung nach Rußland entkommen zu sein, so groß, daß einer dem anderne durch die langen Reihen des Zuges zuflüsterte: "Der Herr hat's nicht gewollt."
Fast alle Kinder wurden durch die Kälte und Feuchtigkeit während dieses Marsches krank, viele von ihnen sollten in den nächsten Wochen daran sterben. Frau Mollzahn konnte auf diesem Weg noch einmal ihren väterlichen Hof in Luben besuchen, wo sie durchkamen. Dort lebten aber schon Polen. Frau Mollzahn weiter (3):
Am nächsten Tag in Unislaw wieder angelangt wurden wir in den Kindergarten getrieben. Dann gingen wir erstmal was zu essen betteln. Wer aus Unislaw war, bekam auch was. 
Frau Henatsch (3):
In unser Dorf zurückgekehrt, wurden wir alles andere als willkommen aufgenommen. (...) Man übergab uns einem Durchgangslager in Kulm.

Schließlich wurden die Deutschen aus Unislaw nach Kulm verfrachtet, wo im Gefängnishof hunderte von Deutschen gesammelt wurden.

April 1945 - Die Deutschen aus Unislaw im Gefängnishof in Kulm

Schon hier wurden die Kinder von ihren Müttern und Familien kurzzeitig getrennt, auch die Säuglinge. Die Menschen wurden von der polnischen Geheimpolizei verhört wie Frau Henatsch berichtet (3):

Diese Zeit in Kulm gehört zu meinen schrecklichsten Erinnerungen. (...) Im "Ressort" (der Geheimpolizei) saßen junge Menschen im Alter von 20 bis 25 Jahren etwa. (...) Als ich dort das Zimmer betrat, noch bevor ich nach meinen Personalien gefragt wurde, versetzte mir ein junger Mann ein paar Schläge ins Gesicht, ein anderer traf mich von hinten, der Gummiknüppel flog an meinen Kopf, ich wurde am Hals gepackt, über einen Stuhl gebeugt zum Durchprügeln. (...) Ich betone, es handelte sich um Frauen, von denen man nicht wußte, wer sie waren, wie sie hießen. (...) Wer diese furchtbare Untersuchung hinter sich hatte, kam zur Zwangsarbeit. Draußen auf dem Gefängnishof warteten schon polnische Bauern und polnische landwirtschaftliche Beamte, die uns zur Landarbeit haben wollten. Es war wie auf einem Sklavenmarkt.

Frauen wie Frau Mollzahn, die drei Kinder hatten, wollte auf dem "Sklavenmarkt" niemand haben. 

Verteilung der Deutschen auf die umliegenden Güter zur Zwangsarbeit

Sie gelangte dann auf das Gut Napolle bei Baiersee (Wiki), sieben Kilometer nordöstlich von Unislaw (3):

Der Gutsverwalter, ein eingedeutschter Pole, früher Stellvertreter des Amtskommissars in Unislaw, nahm uns am anderen Morgen in Empfang. Da er uns ja bekannt war, zwangen wir ihn gleich, für Essen zu sorgen. (...) Das Land war zum größten Teil parzelliert, das Vieh hatte der Russe alles auf das Gut Schönborn bei Unislaw getrieben.
Frau Henatsch berichtet (3):
Ich kam mit sechs Frauen und einem Mann auf das Gut Wichorze von Freunden - von Loga, die der Krieg verschlungen hatte - zur Arbeit. Da von Loga seiner Zeit die Polen gut behandelt hatte, hatten wir es auch nicht schlecht.

Aus den Berichten beider Frauen schimmert durch, daß das Verhältnis der Deutschen und Polen vor Ort viele Jahrzehnte lang ein gutes war, sprich, daß erst die Verhetzung in die Volksteile eher von außen hinein getragen werden mußte, damit so schlimme Ereignisse statthaben konnten wie zsichen 1939 und 1949.

Anfang Juni 1945 wurde Frau Mollzahn dann mit ihren drei Kindern über Kulm nach dem Gut Wrotzlawken (Wroclawki, 1942-1945 Atzmannsdorf) (Wiki) getrieben. Dort arbeitete sie bis zu ihrer Ausweisung im Mai 1949. Rittergutsbesitzer war im 19. Jahrhundert eine Familie Petersen. Das Gutsdorf liegt 18 Kilometer nordöstlich von Unislaw. - Frau Henatsch kam ebenfalls nach wenigen Wochen nach Kulm zurück, mußte aber daselbst im Konzentrationslager verbleiben, das in Baracken des vormaligen Reichsarbeitsdienstes eingerichtet worden war (3):

Im Lager wurden wir schrecklich angebrüllt. Die Bezeichnung für Frauen und Mädchen war "Hitlerhure".
Dort starben die alten Menschen zurerst an Hunger. Frau Henatsch kam dann doch wieder zu einem polnischen Bauern, der aber sehr deutschfeindlich war, und bei dem sie, obwohl ihr die Landarbeit ganz ungewohnt war, sehr schwer arbeiten mußte. Im November kam sie nach Kulm und sollte von dort nach Potulice, in das Konzentrationslager für Deutsche in Westpreußen verbracht werden, von dem man nur das Schlimmste gehört hatte (3):
Unser alter polnischer Dorfpfarrer, den mein Mann 1939 aus dem Gefängnis befreut und vor dem Selbstschutz bewahrt hatte, hatte einen Antrag für mich eingereicht auf Ausreise ins Reich zu meinen Kindern. Seine Verwandten nahmen mich gütevoll auf. Ich wurde vier Wochen im polnischen Pfarrhaus versteckt gehalten bei bester Behandlung mit großer Noblesse, bis dieser Antrag genehmigt undich offizeill aus polnischer Gefangenschaft entlassen wurde: das war am 23. Dezember 1945.
In Küstrin wurden alle ausreisenden Deutschen schlimm zugerichtet und ausgeplündert (3):
Von Berlin bin ich mit einem Flüchtlingstransport im Januar 1946 nach Bayern gekommen, wo ich meine drei jüngsten Kindern nach einem Jahr der Ungewißheit und des Vermissens fand. Meine drei ältesten Kinder befinden sich noch in russischer Gefangenschaft,
so schrieb Elisabeth Henatsch 1946. Ihr deportierter Sohn J. H. berichtet von vielen schlimmen Erlebnissen während seiner Zwangsarbeit in Rußland (3, S. 3ff):
Fast zwei Drittel von 53 aus unserer Gemeinde Verschleppten sind gestorben. Sehr hoch war die Sterblichkeit der Verschleppten aus Kulmsee. Von 80 Personen blieben weniger als 10 am Leben.
Es mußte gefälltes Holz transportiert werden:
Ich war oft krank und elend, magerter sehr ab, litt an geschwollenen Beinen und war zuletzt so wenig arbeitsfähig, daß ich (...) am 26. August entlassen wurde, weil ich über drei Monate im Lazarett hatte zubringen müssen. Nach 18tägiger Bahnfahrt wurden wir in Frankfurt/Oder endgültig entlassen. Meine Schwester A. mußte ich im Lager zurücklassen. Sie hatte dort eine Stelle als Waschfrau inne. (...) Ich war im Lager fast täglich mit ihr zusammen. Sie überstand die Arbeit besser als ich. Da sie nicht erkrankte, kam eine Entlassung für sie nicht in Frage. Ich warte jetzt auf sie und hoffe, daß ich auch recht bald einmal wiederkommen wird.

In der Anmerkung dazu wird aber festgehalten, daß sie noch im selben Sommer in Rußland gestorben ist.

1946 bis 1949 - Die Kinder der Deutschen kamen ins Kinderheim

Frau Mollzahn mußte noch drei weitere Jahre auf Gut Wrotzlawken arbeiten. Dort wurden ihr  1946 sogar zwangsweise ihre drei - bei der Arbeit auf dem Gut störenden - Kinder weggenommen und in ein polnisches Kinderheim gegeben. Die Kinder waren zwischen vier und zehn Jahre alt. Erst anläßlich ihrer schließlich erfolgten Ausweisung im Jahr 1949 kam sie wieder mit ihren Kindern zusammen. Diese hatten sich bis dahin ganz von ihr entfremdet, da sie nur polnisch reden und schreiben durften.

Nicht wahr? Von solchen Schicksalen wie sie Millionen Deutsche erlebt haben, wird in öffentlichen Erörterungen wenig Aufhebens gemacht, oft sogar wenig Aufhebens in familiären Gesprächen. Dies wird von Seiten der Psychologen als einer der Hauptgründe dafür genannt, das Kriegstraumatisierungen von Kriegskindern an Kriegsenkel und Kriegsurenkel weiter gegeben werden, ohne daß sie jemals gründlicher aufgearbeitet worden wären.

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  1. Bernhart Jähnig, Peter Letkemann (Hrsg.): 750 Jahre Kulm und Marienwerder. In: Beiträge zur Geschichte Westpreußens, Ausgabe 8, hrsg. v. Copernicus-Vereinigung zur Pflege der Heimatkunde und Geschichte Westpreußens. Verlag Nicolaus-Copernicus-Verl., 1983, https://books.google.de/books?id=eDlpAAAAMAAJ (Suchwort Unislav) 
  2. Rasmus, Hugo: Pommerellen-Westpreußen 1919-1939. Herbig München 1989
  3. Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ostmitteleuropa I. Die Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus den Gebieten östlich der Oder-Neiße. Band 2. Deutscher Taschenbuchverlag, München 1984
  4. Lachauer, Ulla: Westpreußen - Als der Osten noch Heimat war, WDR-Dokumentation 2009,  https://youtu.be/z2bckDEkrow, oder https://youtu.be/9ShdpRrKUcY.
  5. Włodzimierz Borodziej: Als der Osten noch Heimat war. Was vor der Vertreibung geschah: Pommern, Schlesien, Westpreussen : das Buch zur WDR-Fernsehserie. Rowohlt, 2009 (316 S.) (GB) 
  6. Jürgen W. Schmidt: Als die Heimat zur Fremde wurde ... - Flucht und Vertreibung der Deutschen aus Westpreußen. Aufsätze und Augenzeugenberichte. Verlag Dr. Köster, 2011 (466 S.) (GB)
  7. Höllenmarsch der Volksdeutschen in Polen. Nach ärztlichen Dokumenten zusammengestellt  von Dr. Hans Hartmann.    Verlag Neues Volk, Berlin, Wien  1940; The Scriptorium, digitalisierter Nachdruck 2014; Druckversion gesetzt 2016, https://archive.org/stream/SC079 HoellenmarschDerVolksdeutschenInPolen/SC%20079%20 Hoellenmarsch%20der%20Volksdeu tschen%20in%20Polen_djvu.txt
  8. Christian Jansen, Arno Weckbecker: Der "Volksdeutsche Selbstschutz" in Polen 1939/1940. https://books.google.de/books?id=rdTnBQAAQBAJ&pg=PT162 (Suchwort: Unislaw)
  9. Amtsbezirk Kulmisch Wenzlau. In: Rolf Jehke (Herdecke): Territoriale Veränderungen in Deutschland und deutsch verwalteten Gebieten 1874-1945. Zuletzt geändert am 19.5.2005, http://www.territorial.de/dawp/kulm/klmwenzl.htm
  10. Kulm. In: Deutsches Weichselland. Ein Farbfilm von Curt A. Engel, 1943/1960, https://youtu.be/37EFyx0DyEE, ab Minute 4
  11. Kronberg, Werner: Studenten in Westpreußen bei Schanzarbeiten und Stadtbesichtigungen im August 1944, private Filmaufnahmen, https://youtu.be/RGX4-kWyzqg
  12. Generalleutnant a. D. Otto Lüdecke: Die Belagerung und der Ausbruch aus der Festung Thorn Bundesarchiv, Ost-Dok 2, Paganierung 50-56, http://www.thorn-wpr.de/fqODLOAT.htm
  13. Thorwald, Jürgen (d.i. Heinz Bongartz): Es begann an der Weichsel. Flucht und Vertreibung der Deutschen aus dem Osten. Steingrüben, Stuttgart 1949
  14. David Oels: Schicksal, Schuld und Gräueltaten - Jürgen Thorwalds ewiger Bestseller "Die große Flucht". In: DIE ZEIT, 22.07.2010 Nr. 30, https://www.zeit.de/2010/30/Geschichte-Thorwalds-Flucht/komplettansicht
  15. Schäufler, Hans: 1945 - Panzer an der Weichsel. Soldaten der letzten Stunde. Motorbuch Verlag, Stuttgart 1979
  16. Andreas Prause (Chełmno): Internetseite über die Stadt Culm, http://www.chelmno.info/ 
  17. Andreas Prause: NS-Zeit in Chełmno - Kindheitserinnerungen von Eugeniusz Stefaniak Veröffentlicht am 19. Juni 2012 [Erstveröffentlichung 10.11.2008], http://www.chelmno.info/ns-zeit-kindheitserinnerungen-stefaniak/
  18. Unislaw heute, Fotos: https://www.inst4gram.com/tag/unis%C5%82aw
  19. Zuckerfabrik Onislaw.- Kulmischwenzlau, Reg. Bez. Danzig (Kreis Kulm), https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/item/YZMLNZ6QM7IO7OTMOSWDI27H52KSONE2
  20. Bading, Ingo: Das Verdrängen des Leids - Unserer Großeltern-Generation, 2.7.2019, https://studgenpol.blogspot.com/2019/07/das-verdrangen-des-leids-unserer.html 

Freitag, 28. Juni 2019

Unislaw - Eine deutsche Ordensburg an der Weichsel - Neue Ausgrabungen

Erinnerungen an die Provinz Westpreußen, bzw. an das Kulmerland

Vorbemerkung: Der folgende Aufsatz 
bildete die Grundlage 
für einen Vortrag, der zu gleicher Zeit in 
Videoform veröffentlicht wird (12).

Die stolze Marienburg an der Nogat in Westpreußen (Wiki) in der Nähe von Danzig ist - ob ihrer Schönheit, ob des Eindrucksvollen ihrer Architektur, ob ihrer Lage in der Landschaft - ein beliebtes Reiseziel und UNESCO-Weltkulturerbe. So mancher Mitteleuropäer weiß noch heute von ihrer Schönheit. Diese Burganlage war einst der Hauptsitz des Deutschen Ritterordens. Der Deutsche Ritterorden regierte von hier aus seinen Ordensstaat (Wiki). Dieser erstreckte sich im Hoch- und Spätmittelalter von West- und Ostpreußen über die heutigen Staaten Litauen und Lettland bis hinauf nach Estland. Er stellte ein mächtiges, blühendes, für seine Zeit sehr fortschrittliches Gemeinwesen dar. Im Spätmittelalter allerdings wurde er von den wirtschaftlich stark aufblühenden deutschen Handelsstädten an der Weichsel zunehmend als Belastung und Einschränkung empfunden. Die offiziell ehelos lebenden Ritter des Ordens erregten durch ihren hochfahrenden Sinn immer wieder Anstoß, auch deshalb, weil sie zumeist dann doch nicht gar so ehelos lebten. Aber auch sonst wurde dem Ordensstaat viel Korruption vorgeworfen.

Abb. 1: Sonnenuntergang in Kulmisch Wenzlau (Unislaw) an der Weichsel

So verbündeten sich denn die deutschen Handelsstädte und auch der deutsche Adel Westpreußens und des zugehörigen Kulmerlandes zur Abwerfung der bedrückenden Vorherrschaft des Deutschen Ritterordens mit dem polnischen König. Von diesem erwarteten die Deutschen, daß sie unter seiner Oberherrschaft größere städtische und adlige Selbständigkeit und Eigenständigkeit würden aufrecht erhalten können. Dies ließen sie sich auch schriftlich vom polnischen König garantieren. 1466, nach der Schlacht von Tannenberg, konnte die Herrschaft des Ordens im Zweiten Thorner Frieden abgeworfen werden. Damit war die Macht des Deutschen Ritterordens in den Ländern an der Ostsee insgesamt gebrochen. Nun versuchten jedoch die polnischen Könige - im Verlauf der Gegenreformation stark unterstützt durch die polnische, katholische Kirche - nach und nach das in Westpreußen entstandene Machtvakuum zur Polonisierung zu nutzen.

Welche leidvolle, wechselvolle Geschichte ergab sich dadurch für die Provinz Westpreußen. Abgesehen von den reichen Weichselstädten ist die Provinz Westpreußen in polnischer Zeit und durch die damit einhergehende Gegenreformation wirtschaftlich und zivilsatorisch ganz herunter gekommen wie viele Berichte der Zeitgenossen bestätigen und wie auch die Bestandsaufnahme ausweist, die Friedrich der Große nach Wiedereinfügung Westpreußens in den preußischen Staat erstellen ließ. Der König ließ über tausend schwäbische Bauernfamilien im Kulmerland ansiedeln, um es wieder in die Höhe zu bringen (13).

Abb. 2: Kulm, Dominikanerkirche (Wiki)

Über das im folgenden besonders interessierende Kulmerland an der Weichsel - grob zwischen den deutschen Städten Thorn und Graudenz - ist bezüglich seiner Schicksale seit dem Spätmittelalter zu erfahren (Wiki):

Das Kulmerland war fortan Polonisierungsversuchen ausgesetzt mit dem Hauptziel, die autonome Region des Königlichen Preußen möglichst in eine polnische Provinz umzuwandeln. Dieses wurde 1569 anläßlich der Bildung der Union von Lublin, durch die der Doppelstaat Polen-Litauen entstand, erneut versucht: Durch sein staatsstreichartiges Dekret vom 16. März 1569 auf dem Lubliner Sejm kündigte König Sigismund II. August die Autonomie des Königlichen Preußens unter Androhung herber Strafen einseitig auf, weshalb die Oberhoheit des polnischen Königs von den ehemaligen Städten des Preußischen Bundes von 1569 bis 1772 als Fremdherrschaft empfunden wurde. Während der polnischen Herrschaft wurden das Kulmer Land und das Michelauer Land (...) polonisiert, bei der ersten polnischen Teilung von 1772 fanden sich hier als mehrheitlich deutsche Distrikte nur Stadt und Stadtbezirk Thorn sowie die Thorn-Kulmer Niederung. Dies hatte auch daran gelegen, daß sich der ursprünglich deutsche Adel aufgrund erhaltener Privilegien rapide polonisierte. Mit den Polonisierungsbemühungen einher ging nach der Reformation die systematische Verfolgung und Unterdrückung der Protestanten durch polnische staatliche und kirchliche Behörden, die im Thorner Blutgericht vom 7. Dezember 1724 einen Höhepunkt fand.

Diese Zeit der Unterdrückung, Verdrängung, Polonisierung und Kaholisierung der Protestanten und Deutschen endete 1772, als Westpreußen in der ersten polnischen Teilung zurück an Preußen fielt. In dem eben gebrachten Zitat sind die Worte "fast vollständig polonisiert" ausgelassen worden, denn schließlich lebten doch 1910 im Kreis Kulm nicht wesentlich mehr Polen als Deutsche. Es lebten hier nämlich 28.000 Katholiken neben 20.000 Protestanten (Wiki). Und im Kreis Kulm lebten auch schon 1821 17.000 Katholiken neben 12.000 Protestanten (Wiki). Das Kulmer Land war immer kulturell deutsch zumindest mitbestimmt und mitgeprägt. Bis 1945.

Abb. 3: Kulm an der Weichsel (Alte Postkarte)

Zur Zeit des Ordensstaates waren über das gesamte Gebiet des Ordens hinweg die noch heute so eindrucksvollen Ordensburgen errichtet worden. Da sich sehr viele dieser Ordensburgen erhalten haben und oft die größte Sehenswürdigkeit in diesem Teil Europas darstellen (Wiki, engl), ist ihre Geschichte vergleichsweise gut erforscht (z.B.: 8). Dennoch gewinnen die Archäologen natürlich immer wieder neue Erkenntnisse hinzu, nicht zuletzt aufgrund internationaler Forschungsprogramme zu den kulturellen und wirtschaftlichen Veränderungen, die die deutsche Ostsiedlung in ganz Ostmitteleuropa mit sich gebracht hat, und die noch heute Bewunderung und Erstaunen erregt. 

Im Gefolge der Eroberungen des Ordensstaates wurden nämlich bis nach Estland hinauf Städte von Deutschen gegründet und besiedelt und in West- und Ostpreußen zusätzlich Bauerndörfer. So wanderten die Deutschen aus dem Reich westlich der Weichsel nach Osten und brachten hier mehrere Provinzen zum Erblühen. Die Bevölkerungszahlen haben sich aufgrund dessen vervielfacht, nicht nur des deutschen Volksteiles, sondern auch des polnischen Volksteiles. Deutsche wurden auch auf den riesigen Domänen des Ritterordens angesiedelt, jenen Wirtschaftshöfen, die zu der Ordensburg des jeweiligen Verwaltungsbezirkes des Ritterordens gehörten.

Abb. 4: Ordensburg Unislaw an der Weichsel um 1350, Rekonstruktion (aus: 1)

2016 ist im Dorf Unislaw (Wiki) an der Weichsel einmal erneut eine Ordensburg ergraben worden von Archäologen der Universität Thorn.

Thorner Archäologen graben im Kulmerland

Und dieser Umstand läßt uns die Aufmerksamkeit richten auf dieses Dorf und auf das Land, in dem es liegt, nämlich das Kulmerland. Dieses Dorf wurde von den Deutschen Wenzlau genannt, ab 1942 offiziell Kulmisch Wenzlau (4). Die dortige Ordensburg war nach 1466 dem Verfall preisgegeben worden. Schon seit vielen Jahrhunderten ist sie überirdisch kaum noch sichtbar. Sie ist nur noch Sage gewesen. 

Unislaw liegt auf einer Höhe über dem Ostufer der Weichsel zwischen den vormals deutschen Städten Bromberg und Graudenz (s. Abb. 1). Das Dorf gehörte zum Kreis Kulm, das den Kern des historischen Kulmerlandes einnahm (Wiki). Das Kulmerland hatte ab 1231 - durch Abtretung an den Deutschen Ritterorden - die Ausgangsbasis für dessen Kreuzzug zur Christianisierung und Eroberung der Pruzzen in West- und Ostpreußen gedient. Wie schon erwähnt, folgte später von hier aus auch die Eroberung fast des gesamten Baltikums durch den Orden, wodurch auch dort die Städte und der Adel deutsch wurden (Wiki). Aber das Kulmerland war ursprünglich die Keimzelle, der Ausgangspunkt für das Entstehen des Ordensstaates gewesen.

Unislaw gehörte in deutscher Zeit - bis 1920 - zum Landkreis Kulm und war - wie der Rest von Westpreußen - seit der Besiedlung durch Deutsche die Heimat sowohl von Deutschen wie von Polen. Dabei konnten die Mehrheitsverhältnisse von Ort zu Ort wechseln. In den größeren Weichselstädten Thorn, Bromberg und Graudenz stellten die protestantischen Deutschen die Mehrheit. In kleineren Landstädten und Dörfern hatte - wie schon erwähnt - viel Polonisierung stattgefunden. Dort stellten deshalb nicht selten die katholischen Polen eine knappe Mehrheit. Dennoch waren auch diese Orte die Heimat vieler Deutscher.

In dem 17 Kilometer östlich von Unislaw gelegenen Städtchen Kulmsee lebten bis 1920 beispielsweise grob ein Viertel Deutsche und drei Viertel Polen, sowie eine kleine Minderheit Juden (Wiki). Man hatte bis dahin im Alltag in der Regel ganz friedlich und nachbarschaftlich zusammen gelebt. Nur von Seiten der Politik war insbesondere ab den 1880er Jahren bewußt der "Volkstumskampf" in die beiden Volksteile hinein getragen worden.

Der Reichstagswahlkreis Marienwerder, zu dem Unislaw mit dem Kreis Kulm gehörte, wählte bis 1912 in unregelmäßigem Wechsel einmal einen Abgeordneten der Polnischen Fraktion in den Reichstag, einmal einen Abgeordneten der deutschen Nationalliberalen Partei (Wiki). Für letztere war damals das Betonen des deutschen Standpunktes eine Selbstverständlichkeit. Man verstand damals noch, daß der nationale und der liberal-freiheitliche Gedanke eine notwendige Symbiose bilden, daß der eine nicht sinnvoll vertreten werden kann ohne den anderen. 

In Unislaw selbst wurden Dorf und Gut voneinander unterschieden. In beiden gab es jeweils (soweit erkennbar) zwei Drittel Polen und ein Drittel Deutsche, und zwar im Dorf 247 Polen und 115 Deutsche, auf dem Gut 125 Polen und 45 Deutsche (7, S. 136). Die ansässigen Polen profitierten - wie noch nach 1920 allen bewußt war - seit dem Hochmittelalter von der Wirtschaftskraft und der aufblühenden Fortschrittlichkeit des deutschen Volksteiles.

Zeugnisse eines erbitterten Bekehrungskrieges

1831 wurde in einem Reiseführer über die Straße "von Berlin nach Königsberg über Bromberg" anschaulich berichtet (11, S. 357):

Von Bromberg aus berührt die Straße (...) das Städtchen Fordon, welches unter seinen 2000 Einwohnern 1300 Juden zählt. (...) Hier ist eine Fähre iiber die Weichsel, am jenseitigen Ufer liegt der Fährkrug, und in geringer Entferung von ihm die 16te Station Ostrometzko. (...) Ein Dorf in waldiger Gegend. Der Straße zur linken bleibt die merkwürdige durch  Brenkenhofs unsägliche Mühe wirthbar gemachte Bruchgegend und vom königl. Domainen-Amt Unislaw führt die Straße durch eine vortreffliche Allee über Kölp bis Culm. Rechts erblicken wir auch die ansehnlichen Gebände der königl. Domaine Friedrichsbruch. 

Fordon (Wiki) liegt zehn Kilometer östlich von Bromberg an der Weichsel. Schon 1783 waren fast die Hälfte seiner Einwohner Juden, die andere Hälfte der Einwohner bestand da schon aus deutschen, protestantischen "Neubürgern", die seit 1772 zugezogen waren. In der Folge sollte der Anteil der Juden an der kräftig wachsenden Gesamtbevölkerung noch etwas weiter zurück gehen. Zurück zu Unislaw, bzw. Kulmisch Wenzlau: Von einem vor dem Dorf über den Weichselwiesen gelegenen Hügel haben die Einwohner immer schon vermutet, daß dort früher die Ordensburg gestanden haben wird (s. Abb. 1 und 3). Diese Ordensburg hat in mittelalterlichen Urkunden auch viele Erwähnungen gefunden. 1872 heißt es in einer Untersuchung darüber (10, S. 39):

In der mehrfach erwähnten Urkunde Konrads von Mazowien vom J. 1222 finden wir die Namen von 46  damals im Culmerlande bestehenden Burgen und Dörfern.
Unter diesen findet sich an 23. Stelle dann:
Wuyslaw, Vnyzlau, Unislaw - Unislaw,  Kr. Culm.
Für Unislaw gab es also schon im Mittelalter eine Bezeichnung, die dem nachmals benutzten Wenzlau nahekam. 1858 wurde aus den mittelalterlichen Urkunden heraus berichtet (9, S. 169):
Das Haus Wenzlaw (Unislaw) lag südlich von Althaus, da wo noch heute ein Kirchdorf dieses Namens liegt. Auf demselben hatten in älteren Zeiten ebenfalls Comthure ihren Sitz, Dietrich zwischen 1289 und 1295, Heinrich um 1326; später wurde es vou Pflegern verwaltet, scheint also mit einem  der benachbarten Comthurgebiete (etwa mit Althaus?) vereinigt zu sein. Es wird in der Urkunde des Thorner Friedens um 1466 noch erwähnt. Ganz nahe bei Unislaw, hart an der Weichsel, lag die alte Burg Pien (auch Peene, Pehen genannt), die der Orden eine Zeit lang dem Herzog Swantopolk von Pommerellen überließ, - im fünfzehnten Jahrhundert der Sitz eines Pflegers. Es wäre möglich, daß Unislaw und Pien die Hauptorte desselben Pflegeramtes waren, und die Pfleger sich nur zeitweise nach dem einen oder nach dem anderen Ort nannten.
Und 1870 schrieb derselbe Autor (3):
Das Gebiet Wenzlaw (Unislaw) wurde früher von einem Komthur, später von einem Pfleger verwaltet, der sich im Anfange des fünfzehnten Jahrhunderts auch einige Male Pfleger von Pehen (Pien, nahe der Weichsel, unterhalb Ostrometzko) nennt. Außer dem Hofe zu Wenzlaw gehören hieher die Höfe zu Czarnow (...) und zu Luchtow (...), welche sämtlich im 14. und 15. Jahrhundert öfters erwähnt werden. (...) Das älteste uns erhaltene Inventarien-Verzeichnis, vom Jahre 1364 (...) zeigt, daß es damals in Wenzlaw "50 Pflugkobeln, 16 Stutkobeln, 37 Füllen, 1 Zelter, 3 Rosse, 6 Knechtpferde und 18 Wagenpferde" gab. Die Gegenüberstellung der Pflug- und Stutkobeln läßt darauf schließen, daß hier der größere Pferdeschlag nicht fehlte.
Der erwähnte "Zelter" wird wohl das Reitpferd des Komthurs, bzw. Pflegers gewesen sein. In jener Zeit gab es nach den erhaltenen mittelalterlichen Urkunden in Unislaw ansonsten 145 Rinder, 300 Schweine und 900 Schafe, außerdem werden für Luchtow auch 31 Bienenstöcke angeführt (3). Ob hier nur die Domäne gemeint ist oder das ganze Dorf, wird aus den Urkunden nicht ganz klar (3). Und wo nun befand sich der Amtssitz dieses Komthurs von Wenzlaw? Die Thorner Archäologen berichten über ihre Ausgrabung (1):
Die Entdeckungen in Unislaw brachten nicht nur eine in Form und Aufbau zuvor unbekannte Holz-Erde-Befestigung und eines an diesem Ort stark befestigten Burggebäudes zu Tage, sondern veranschaulichen auch die Geschichte der Entwicklung der Burgarchitektur des Deutschen Ritterordens überhaupt. 
Original: The discoveries made at Unisław not only reveal the form and layout of a previously unknown timber-and-earth stronghold and those of the stone building erected in its place, they also illuminate the history of the development of the Teutonic Order’s military architecture.

Die Burg wurde - nach den festgestellten Kleinfunden (Keramik und anderes) - genutzt zwischen 1280 und 1466. Die erforschte Burganlage kann von den Burgenforschern nun verglichen werden mit zahlreichen anderen Burganlagen des Ritterordens im Kulmerland und im Ordensstaat überhaupt. Aber an der Rekonstruktion (Abb. 1) kann auch abgelesen werden, daß sich viele Wirtschaftsgebäude des Domänengutes innerhalb der Befestigungsanlagen befunden haben werden.

Die Befestigungen sind übrigens - wie es oft geschehen ist - errichtet worden auf einer zuvor an derselben Stelle lokalisierten Burganlage der Pruzzen (1). Auch mußte der Ritterorden seine Burganlagen im Verlauf der Eroberungen wiederholt deutlich verstärken, da weniger gut befestigte Burganlagen wiederholt von den Pruzzen wieder zerstört worden waren (1). Es war ein erbitterter Bekehrungskrieg gegen die Pruzzen geführt worden. Und nur weil die Pruzzen sich so verzweifelt gewehrt haben, war ja der Orden überhaupt nach Preußen gerufen worden und war ihm das Land zugesprochen worden, das sich die einheimischen Herzöge nicht zutrauten, erobern und christianisieren zu können (2). Es ist nun mehr als wahrscheinlich, daß der Orden auch in Unislaw neben der Ordensburg deutsche, bäuerliche Siedler angesetzt hat. Für den Deutschordensstaat allgemein jedenfalls gilt (Wiki):

Zwischen 1280 und 1400 wurden im Ordensgebiet rund 60 Ordensburgen, 90 Städte und 1500 Dörfer gegründet. (...) Die riesigen Domänen der den einzelnen Ordensburgen angeschlossenen Wirtschaftshöfe fungierten als landwirtschaftliche Großbetriebe. Auf ihren insgesamt 110.000 ha Land wurden 13.000 Pferde, 10.000 Rinder, 19.000 Schweine und 61.000 Schafe gehalten. Großen Wert legte die Ordensleitung auf eine eigenständige Pferdezucht. Dabei wurden in den 61 Gestüten sowohl die zähen, kleinen einheimischen Swoyken als auch schwere Schlachtrösser für die Ordensritter gezüchtet. Im Normalfalle befanden sich die Wirtschaftshöfe in unmittelbarer Nähe zum Ordenshause. (...) Auf Grund der Naturgegebenheiten mangelte es für den Bau der gewaltigen Ordenshäuser an Natursteinen. Demzufolge entschied man sich schon früh für den Bau gigantischer Ziegeleien.
Der Untergang des Ordensstaates brachte auch einen wirtschaftlichen Rückfall des Gebietes mit sich, was deutlich macht, wie sinnvoll eine gut organisierte Zentralverwaltung sein kann (dies kann man auch einmal ins Stammbuch der heute weit verbreiteten "Libertären" schreiben) (Wiki):
Im Gefolge der verlorenen Kriege des 15. Jahrhunderts, durch Brandschatzungen, Reparationsleistungen und daraus resultierend der Einführung von direkten Steuern fiel die blühende Wirtschaft des Ordensgebietes allmählich wieder auf den europäischen Durchschnitt zurück.

So kann es aussehen, wenn das Prinzip straffer Staatlichkeit abgelöst wird von dem Prinzip "sich selbst organisierender, kleiner Einheiten". - Zu den schweren Schicksalen der Bewohner von Unislaw zwischen 1919 und 1949 ist ein weiterer Beitrag hier auf dem Blog erschienen (14).

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  1. Wiewióra, M., Wasik, B., Molewski, P., Badura, M., Maciejewska, K., Makowiecki, D., … Tyszkowski, S.: The Teutonic crusade in Prussia: reconstruction of a medieval fortified settlement complex at Unisław. In: Antiquity, 93 (369), 752–771, 12.6.2019, doi:10.15184/aqy.2019.58, url to share this paper: sci-hub.tw/10.15184/aqy.2019.58
  2. Zydowitz, Kurt von: Glaubensumbruch ein Verhängnis. 700 Jahre germanisch-deutsche Geschichte. Teil I bis III. Verlag Mein Standpunkt 1976, 1984, https://archive.org/details/ZydowitzKurtVonGlaubensumbruch EinVerhaengnis700JahreGermanischDeutscheGeschichteTeilI/page/n4
  3. Töppen, Max: Topographisch-statistische Mittheilungen über die Domänen-Vorwerke des deutschen Ordens in Preußen. In: Altpreussische Monatsschrift, Band 7, 1870, S. 412-486, hier S. 443, https://books.google.de/books?id=aM8OAAAAYAAJ (Suchwort: Unislaw) 
  4. Amtsbezirk Kulmisch Wenzlau. In: Rolf Jehke (Herdecke): Territoriale Veränderungen in Deutschland und deutsch verwalteten Gebieten 1874-1945. Zuletzt geändert am 19.5.2005, http://www.territorial.de/dawp/kulm/klmwenzl.htm
  5. Liste der Burgen im Deutschordensstaat, https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Burgen_im_Deutschordensstaat
  6. Schultz, Franz: Geschichte der Stadt und des Kreises Kulm, Band 1 (bis 1479), Kafemann, Danzig 1876, https://books.google.de/books?id=N_RoAAAAcAAJ
  7. Bernhart Jähnig, Peter Letkemann (Hrsg.): 750 Jahre Kulm und Marienwerder. In: Beiträge zur Geschichte Westpreußens, Ausgabe 8, hrsg. v. Copernicus-Vereinigung zur Pflege der Heimatkunde und Geschichte Westpreußens. Verlag Nicolaus-Copernicus-Verl., 1983, https://books.google.de/books?id=eDlpAAAAMAAJ (Suchwort Unislav) 
  8. Benninghoven, Friedrich: Die Burgen als Grundpfeiler des spätmitteralterlichen Wehrwesens im preußisch-livländischen Deutschordensstaat. In: Vorträge und Forschungen (Konstanzer Arbeitskreis für mittelalterliche Geschichte), Bd. 19 Nr. 1, 1976: Die Burgen im deutschen Sprachraum (Teil 1), S. 565-601, https://journals.ub.uni-heidelberg.de/index.php/vuf/article/view/16221
  9. Töppen, Max: Historisch-comparative Geographie von Preußen. Nach den Quellen, namentlich auch archivalischen, dargestellt. 1858, https://archive.org/details/bub_gb_pykCAAAAcAAJ/page/n125 
  10. R***: Beiträge zur Beantwortung der Frage nach der Nationalität des Nicolaus Copernicus. Priebatschʼs Buchhandlung, Breslau 1872, https://archive.org/details/bub_gb_JI5u6280KtcC/page/n47  
  11. Leopold von Zedlitz-Neukirch: Wegweiser durch den Preußischen Staat. Ein geographisch-statistisches Taschenbuch. Duncker und Humblodt, Berlin 1831, https://archive.org/details/bub_gb_MZEDAAAAcAAJ/page/n367
  12. Bading, Ingo: "Über der Weichsel drüben, Vaterland, höre uns an ...." - Erinnerungen an Westpreußen anhand neuer archäologischer Ausgrabungen daselbst. Vortrag, 29.6.2019, https://youtu.be/-3Gtcuvm2_Y
  13. 1782 - Schwäbische Bauern kommen ins Kulmerland, https://www.wittenberg-bessarabien.de/auswanderung-einwanderung-r%C3%BCckwanderung/   
  14. Bading, Ingo: Ein Dorf im Kulmer Land an der Weichsel. 15.7.2019, https://preussenlebt.blogspot.com/2019/07/ein-dorf-im-kulmer-land-der-weichsel.html

Sonntag, 21. Oktober 2007

Die Sowjetisierung Europas bis zur Elbe als antipreußisches Kriegsziel

Ein Dokument aus dem Foreign Office aus der ersten Phase des Zweiten Weltkrieges

In diesem Beitrag soll auf ein Dokument aufmerksam gemacht werden, das sich in dem von dem deutschen Historiker Rainer A. Blasius herausgegebenen Band "Dokumente zur Deutschlandpolitik, Band I/1: 1939 - 1941. Britische Deutschlandpolitik", Frankfurt/M. 1984 befindet. Man findet dieses Dokument zum Beispiel, wenn man im zugehörigen Stichwortverzeichnis den Begriff "Sowjetisierung Europas" entdeckt und ihm nachgeht. Das Dokument gehört zu jenen im Jahr 1984 neuen Dokument-Veröffentlichungen aus dem britischen Foreign Office, die den deutschen "Historikerstreit" des Jahres 1985 auslösten. Der Historikerstreit wurde vom Zaun gebrochen, damit die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit von solchen britischen Kriegszielen schon im Jahr 1941 abgelenkt wurde. Wer solche Kriegsziele schon im Jahr 1941 verfolgte, konnte und wollte sie nicht mit dem Holocaust begründen. Diese Kriegsziele waren keine Reaktion auf den Holocaust, obwohl sich dies im nachherigen Bewusstsein der Welt so eingebrannt hat.

Im Historikerstreit hatten sich die Historiker Andreas Hillgruber und Dieter Hildebrandt inhaltlich auf derartige Dokumente bezogen.

Abb. 1: Magisterarbeit
Ich selbst habe in meiner Magisterarbeit von 1993 (Lulu.com) das folgende Dokument in den Mittelpunkt meiner Argumentation gestellt, es als eine Art Schlüsseldokument behandelt, um das herum eine Fülle von anderen Dokumenten ähnlicher Art gruppiert worden sind. Aus diesen ergibt sich insgesamt eine neue Sichtweise über den Verlauf und das Ende des Zweiten Weltkrieges.

Aber ansonsten soll nach diesen Vorbemerkungen hier einmal das Dokument für sich selbst stehen und es mag sich jeder seine eigenen Gedanken dazu machen. Auch Rainer A. Blasius ist auf dieses Dokument unseres Wissens nirgendwo ausführlicher zu sprechen gekommen. Nur eben dadurch, daß er im Stichwort-Verzeichnis den Begriff "Sowjetisierung Europas" aufnahm und dort auf dieses Dokument hinwies.

Freilich sind seit 1993 - zumal von britischer Seite - zahlreiche neue Studien über die britische Außenpolitik während des Zweiten Weltkrieges erschienen, die klar machen, daß dieses Dokument und die ihm zugrunde liegenden Gedanken keinesfalls eine Einzelerscheinung war.

Das Wesentliche an diesem Dokument ist das Entstehungsdatum, der 19. November 1941, noch während des deutschen Vormarsches auf Moskau und noch vor dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten von Amerika. Es protokolliert eine Gesprächsrunde von führenden Beamten des Foreign Office, die offensichtlich alle wie selbstverständlich Anhänger des "Vansittartismus" waren.

Es folgt der Originaltext, danach die Übersetzung.

19. November 1941: Aufzeichnungen über die Besprechung im britischen Außenministerium: Schlüsselprobleme eines Plans für den Wiederaufbau nach dem Kriege

FO 371/29015/W 13829

A meeting was held in Mr. Law’s room on the afternoon of 19th November, attended by Sir O. Sargent, Sir W. Malkin, Mr. Strang, Mr. Harvey and Mr. Ronald.

Sir O. Sargent’s minute of 3rd November was taken as the basis of discussion. There was general agreement with the proposition in this minute that until we know the degree of continuing force which will be available to maintain a peace settlement, it is impossible to decide its nature or its plan. With a view to estimating the probable resources available for the maintenance and operation of a peace settlement, it was felt that a preliminary review would be necessary of the force available for the execution of the provisions of an armistice. The outline of an armistice could be forseen with tolerable certainty, and a fairly close estimate made of the forces required to give them effect. This review should give some indication of how ambigitious a long-term settlement it was worth while aiming at.

A. Armistice

The meeting was of opinion that the first step should be to obtain from the Service Departments the sort of information required to answer the tentative questionnaire attached to Mr. Ronald’s minute of the 23rd October, supplemented by an enquiry about the policy to be aimed at in this matter of Bases. Generally speaking it was assumed that the armistice would provide for the withdrawal of German forces to specified positions and that the administration of German territory outside these positions would be carried out by the Allies‘ armies of occupation. The responsibility of administering the evacuated and the other territories should, it was felt, be assigned to Germany’s neighbours on the basis of their 1919 boundaries. It would, however, be a waste of time to speculate in any detail on this aspect of the problem at present, seeing that it was only too likely that the armistice between the main belligerents would not be the signal for a general cessation of hostilities: apart from the possibility of civil war in France, etc., there would almost certainly be hostilities of varying degrees of importance between the Hungarians and the Romanians, the Greeks and the Bulgarians, and so on. This period of disorder would rule out the possibility of ordered administration in many parts of Central and South Eastern Europe.

B. Long-term settlement

The ideal settlement would obviously rest on Anglo-American-Russian co-operation. How far America and Russia were prepared to co-operate remained, however, a matter of doubt. Present indications from America did not point to the probability of America’s readiness to take an active part in any settlement of Europe. The extent to which Russia would take into account the views of England and America would almost certainly be conditioned by the measure of her exhaustion at the end of the war and the extant to which she felt dependent on America’s favours. She might, for instance, hesitate to antagonise the United States by sovietising East Germany, by imposing her own domination on Central and South-Eastern Europe, and other such measures on which, if she were confident of her own strength, she might embark. It was not at all improbable, however, that she would occupy the whole of East Germany including Berlin.

Early steps, it was thought, should be taken to lead the United States to a recognition of the need to treat Russia as an equal partner in any peace programme. The earlier, for instance Russia were brought into the international commodity regulation picture the better.

Assuming that the result of the review of our probable resources under (A) and the reaction of America to the prospect of long-term association with Russia were not too discouraging the long-term settlement at which we might aim should cover:

(1) The disarmament, but not the dismemberment of Germany, coupled with provision for the policing of Europe by some permanent international force under joint Anglo-American-Russian control, which would not only stamp at once upon any attempt by Germany to evade the provisions of the armistice or peace treaty, but would generally be sufficient for the restoration and maintenance of order in Europe.

(2) Establishment of bases in order to help maintain peace. By whom are these to be garrisoned?

(3) A North-South bloc, under the joint blessing, if not guarantee, of Great Britain, the United States and the U.S.S.R., between Russian and Germany, consisting of

(a) Poland, Czechoslovakia, Austria, Hungary;
(b) Yugoslavia, Albania, Greece, Bulgaria, Romania and possibly Turkey.
This group should be strategically self-sufficient and probably economically, more especially if they were united under one customs system. The group would be loosely federalised, but to what extent could not of course be accurately foreseen now.

(4) Exchange of populations on a considerable scale would be necessary, as practically all Germany’s neighbours would wish to extrude Germans from their territories, notably Sudentendeutsch from Czechoslovakia and recent immigrants from Poland. Whatever solution were found for the East Prussia problem, a large-scale exchange would almost certainly be necessary there. A Romanian-Hungarian exchange would also be needed in Transylvania.

(5) Future of colonial overseas possessions. Consideration of this should, it was felt, be deferred until the Colonial Office hat completed the study which they are making of this question.

(6) Economic relations. The meeting thought that little progress could be made in considering what our European economic policy should be until some progress had been made in discussing with America the co-ordination of Anglo-United States post-war economic policy. The point at which Russia was brought into the Anglo-American economic discussions would require much careful thought. Equally, in this connexion it was necessary to bear in mind the suggestion made by the Belgian Government and (/that) Belgium and the Congo should be brought into economic association with the British Empire, and the hints by the Dutch that some similar regime might be extended to the Netherlands overseas possessions, if not to Metropolitan Holland.
As stated in Mr. Ronald’s minute of the 23rd October, it was doubtful whether the Minister of Defence would approve of the Foreign Office addressing enquiries at this stage to the Chiefs of Staff. Mr. Law thought that it would be equally difficult to get his permission to submit anything to the Cabinet with a view to getting a ruling on policy from them. In the circumstances the meeting recommended that informal approaches should be made in the first instance to the Service Departments with a view to obtaining the sort of information asked for in Mr. Ronald’s questionnaire. It might be that when some progress had been made on these lines the Service Ministers might be induced to join with the Secretary of State in an approach to the War Cabinet.

Tentative Questionnaire.

A. Immediate post-Armistice Stage.

(1) What type and size of force would have to be immediately available in order to institute effective control after the signature of an Armistice: (a) for Germany; (b) for Italy?

(2) Whence would the necessary forces be drawn:
(a) if America has become a belligerent in the European war;
(b) if she has not;
(c) if the Allies have not at the material time any considerable land forces operating on the main-land of Europe?

(3) What effect on the magnitude and difficulty of control would be produced by widespread civil disturbances in enemy countries? Would armies of occupation be required? How far could advantage be taken of supremacy at sea and in the air to economise the use of land forces for purposes of control in these conditions?

(4) What parts would be allotted to
(a) Russians
(b) Poles
(c) Czechs
(d) Dutch
(e) Norwegians
(f) Belgians
(g) French
(h) Yugoslavs
(i) Greeks?

(5) What steps would have to be taken to ensure that, if these Allies participate on a large scale in the enforcement of the control, the general direction of the control remained in British and American hands?

(6) Is it possible now roughly to outline the section of the Armistice which will make provision for the immediate institution of control?

B. Later stages.

(1) On what general lines could a unilateral disarmament of Germany and Italy be effected?
(2) What armed forces would the Allies have to maintain in the two countries and for how long?
(3) Whence would they be drawn?
(4) Would industrial man-power considerations count for much in the United Kingdom Government’s ability to contribute for an indefinite period to the maintenance of the type of control contemplated?
(5) For what sort of help, if any, should we have to look from (a) America; (b) Dominions; and for how long?
(6) What industrial plant in enemy countries would have to be dismantled as an integral part of any process of unilateral disarmament? What provision would have to be made to ensure against the re-establishment of the suppressed plant by overt or covert methods?
(7) If for the purposes of operating a peace settlement facilities are granted by one Power for the maintenance in its territory of sea and air bases by another Power or Powers where will these international bases probably be and by whom would be garrisoned?

(Entnommen: Dokumente zur Deutschlandpolitik I/1 (1939 – 1941), S. 557 – 560)

Übersetzung

19. November 1941: Aufzeichnungen über die Besprechung im britischen Außenministerium: Schlüsselprobleme eines Plans für den Wiederaufbau nach dem Kriege
FO 371/29015/W 13829

Im Büro von Mr. Law wurde am Nachmittag des 19. November eine Besprechung abgehalten, an der Sir O. Sargent, Sir W. Malkin, Mr. Strang, Mr. Harvey und Mr. Ronald teilnahmen.

Grundlage der Diskussion bildete Sir O. Sargent’s Aufzeichnung vom 3. November. Es bestand eine generelle Übereinstimmung mit dem Vorschlag dieser Aufzeichnung, daß es bis zu dem Zeitpunkt, an dem uns der Umfang der fortdauernd stationierten Streitkräfte bekannt ist, die für die Aufrechterhaltung einer Friedensregelung verfügbar sein werden, unmöglich ist, seine Natur oder seinen Plan zu beurteilen. Um die wahrscheinlich verfügbaren Kräfte für die Aufrechterhaltung und das Funktionieren einer Friedensregelung einschätzen zu können, empfand man, daß ein vorläufiger Überblick über die Kräfte, die für die Ausführung der Vorkehrungen eines Waffenstillstandes verfügbar wären, notwendig sei. Die Umrisse eines Waffenstillstandes können mit angemessener Sicherheit vorausgesagt werden. Und es wurde eine recht gut angenäherte Einschätzung der Kräfte vorgenommen, die erforderlich sind, sie durchzusetzen. Diese Zusammenfassung soll einige Hindeutungen darauf geben, um welch eine ambitionierte langfristige Regelung es ging, der Mühe wert, sie anzustreben.

A. Waffenstillstand

Die Teilnehmer waren der Meinung, der erste Schritt sollte sein, von den Service Departements jene Art von Information zu erhalten, die notwendig ist, um die vorläufigen Fragen zu beantworten, die in Mr. Ronalds Aufzeichnung vom 23. Oktober angesprochen worden waren, ergänzt durch eine Untersuchung über die Politik, die in der Angelegenheit der Militärbasen angestrebt werden sollte. Allgemein gesprochen ist angenommen worden, daß der Waffenstillstand den Rückzug der deutschen Truppen auf festgelegte Positionen vorsehen wird und daß die Verwaltung des deutschen Territoriums außerhalb dieser Positionen von den alliierten Besatzungstruppen durchgeführt werden wird. Die Verantwortung für die Verwaltung der evakuierten und anderen Territorien sollte, so war die vorherrschende Meinung, Deutschlands Nachbarn auf der Basis ihrer Grenzen von 1919 zugesprochen werden. Es wäre jedoch vertane Zeit, gegenwärtig über diesen Aspekt des Problems detaillierter nachzusinnen, da vorauszusehen ist, daß nur allzu wahrscheinlich der Waffenstillstand zwischen den Hauptkriegführenden noch nicht das Signal für ein allgemeines Ende der Feindseligkeiten sein wird: abgesehen von der Möglichkeit eines Bürgerkrieges in Frankreich etc. wird es ziemlich sicher Feindseligkeiten unterschiedlichen Ausmaßes zwischen den Ungarn und den Rumänen, den Griechen und den Bulgaren und so weiter geben. Diese Periode der Unordnung wird in vielen Teilen Mittel- und Südosteuropas die Möglichkeit geordneter Verwaltung ausschließen.

B. Langfristige Regelung

Die ideale Regelung wird augenscheinlich auf anglo-amerikanisch-russischer Kooperation beruhen. Wie weit Amerika und Rußland darauf vorbereitet sein werden, miteinander zu kooperieren, bleibt natürlich eine zweifelhafte Sache. Gegenwärtige Anzeichen aus Amerika deuten nicht auf eine große Wahrscheinlichkeit der amerikanischen Bereitschaft hin, einen aktiven Anteil an irgendeiner Regelung in Europa zu nehmen. Das Ausmaß, in dem Rußland die Meinungen Englands und Amerikas in Rechnung stellen wird, wird sicherlich zu einem Großteil bestimmt sein durch das Ausmaß seiner Erschöpfung am Ende des Krieges und durch das Ausmaß, in der es sich von Amerikas Gunst abhängig fühlt. Es könnte zum Beispiel zögern, den Vereinigten Staaten durch eine Sowjetisierung Ostdeutschlands entgegenzustreben, durch die Einrichtung seiner eigenen Dominanz in Mittel- und Südosteuropa und andere derartige Maßnahmen, auf die es sich, wenn es Zutrauen in seine eigene Kraft besitzt, einlassen könnte. Es wäre ganz und gar nicht unwahrscheinlich, daß es ganz Ostdeutschland einschließlich Berlins besetzen würde.

Es bestand die Meinung, daß früh Schritte unternommen werden sollten, um die Vereinigten Staaten zu einer Anerkennung der Notwendigkeit zu bringen, Rußland in jedem Friedensprogramm als einen gleichwertigen Partner zu behandeln. Um so früher beispielsweise Rußland in das Bild der internationalen Handels-Regulierung gebracht werden würde, um so besser.

Angenommen, das Ergebnis unseres Überblicks über unsere wahrscheinlichen Ressourcen unter (A) und die Reaktion Amerikas auf die Aussicht einer langfristigen Verbindung mit Rußland wären nicht zu entmutigend, sollte die langfristige Regelung, die wir anstreben könnten, beinhalten:

(1) Die Entwaffnung aber nicht Teilung Deutschlands, verbunden mit Vorkehrungen für eine Polizei-Herrschaft in Europa mittels einiger fortdauernd stationierter internationaler Streitkräfte unter gemeinsamer anglo-amerikanisch-russischer Kontrolle, die nicht nur jeden Versuch Deutschlands sofort niedertrampeln, die Vorkehrungen des Waffenstillstandes oder Friedensvertrages zu umgehen, sondern auch ausreichend sein sollten für die Wiederherstellung und Aufrechterhaltung der Ordnung in Europa.

(2) Einrichtung von Militärbasen, um bei der Aufrechterhaltung des Friedens mitzuhelfen. Durch wen sind diese zu garnisonieren?

(3) Ein Nord-Süd-Block unter dem gemeinsamen Segen, wenn nicht der Garantie Großbritanniens, der Vereinigten Staaten und der UdSSR zwischen Rußland und Deutschland, bestehend aus

(a) Polen, Tschechoslowakei, Österreich, Ungarn;
(b) Jugoslawien, Albanien, Griechenland, Bulgarien, Rumänien und möglicherweise Türkei.
Diese Gruppe sollte strategisch unabhängig sein und möglicherweise wirtschaftlich - genauer, wenn sie unter einem Zollsystem vereinigt wäre. Die Gruppe wäre lose föderalistisch aber in welchem Ausmaß kann natürlich gegenwärtig noch nicht akkurat vorhergesagt werden.

(4) Der Austausch von Bevölkerungen in einem beträchtlichen Ausmaß wäre notwendig, weil praktisch alle Nachbarn Deutschlands wünschten, Deutsche aus ihren Territorien zu vertreiben, vor allem die Sudentendeutschen aus der Tschechoslowakei und jüngst in Polen Eingewanderte. Welche Lösung auch immer für das Ostpreußen-Problem gefunden werden würde, ein Austausch großen Ausmaßes würde ziemlich sicher notwendig sein. Ein rumänisch-ungarischer Austausch würde ebenso in Transsylvanien notwendig sein.

(5) Zukunft der kolonialen Übersee-Besitzungen. Erörterungen hierüber sollten, so bestand die Meinung, aufgeschoben werden bis das Colonial Office seine Studie abgeschlossen hat, welche sie (dort) über diese Frage anfertigen.

(6) Wirtschaftliche Beziehungen. Das Treffen war der Meinung, daß nur wenige Fortschritte in der Erörterung gemacht werden könnten, wie unsere europäische Wirtschaftspolitik aussehen sollte, solange nicht einiger Fortschritt in der Diskussion mit Amerika über die Koordination der anglo-amerikanischen Nachkriegs-Wirtschaftspolitik erzielt worden wäre. Der Punkt, an dem Rußland in die anglo-amerikanischen Wirtschafts-Diskussionen gebracht werden würde, erfordert viel sorgfältige Überlegungen. (...)

Wie in Mr. Ronald‘s Aufzeichnungen vom 23. Oktober festgestellt wurde, ist es zweifelhaft, ob der Verteidigungsminister in diesem Stadium akzeptieren würde, Fragen des Foreign Office an den Chief of Staff zu adressieren. Mr. Law nahm an, daß es ebenso schwierig sein würde, seine Erlaubnis zu erhalten, dem Kabinett irgend etwas vorzulegen, um Richtlinien über die Politik von ihnen zu bekommen. Unter diesen Umständen empfahl das Treffen, daß zunächst an die Service Departements informelle Anfragen gestellt werden sollten, um jene Art von Informationen zu erhalten, nach denen in Mr. Ronalds Fragenkatalog gefragt wird. Es könnte sein, daß wenn auf diesen Wegen einige Fortschritte erzielt worden sind, die Service-Minister veranlaßt werden könnten, sich mit dem Außenminister dazu zu verbinden, das Kriegskabinett anzugehen.

Vorläufiger Fragenkatalog.

A. Unmittelbare Phase nach dem Waffenstillstand.
(1) Welche Art und welcher Umfang von Streitkräften würde unmittelbar verfügbar sein müssen, um nach der Unterzeichnung eines Waffenstillstandes effektive Kontrolle auszuüben: (a) für Deutschland; (b) für Italien?

(2) Von woher würden die notwendigen Kräfte gezogen:
(a) wenn Amerika eine kriegführende Macht im europäischen Krieg geworden ist;
(b) wenn sie es dies nicht geworden ist;
(c) wenn die Alliierten zu dem bestimmten Zeitpunkt keine irgendwie ausschlaggebenden Landstreitkräfte haben, die auf dem europäischen Festland operieren?

(3) Welche Auswirkung auf die Größenordnung und die Schwierigkeit der Kontrolle würde hervorgerufen werden durch weitverbreitete bürgerkriegsähnliche Verwirrungen in den Feindstaaten? Würden Besatzungsarmeen erforderlich sein? Wie weit könnten Vorteile aus der Vorherrschaft zur See und in der Luft gezogen werden, um unter diesen Bedingungen sparsam mit dem Bedarf an Landstreitkräften zum Zwecke der Kontrolle umgehen zu können?

(4) Welche Teile würden zugeteilt den
(a) Russen
(b) Polen
(c) Tschechen
(d) Niederländern
(e) Norwegern
(f) Belgiern
(g) Franzosen
(h) Jugoslawen
(i) Griechen?

(5) Welche Schritte würden unternommen werden müssen, um sicherzustellen, daß, wenn diese Alliierten in einem großen Ausmaß an der Erzwingung der Kontrolle beteiligt wären, die generelle Richtung der Kontrolle in den Händen der Briten und Amerikaner bleiben würde?

(6) Ist es zur Zeit grob möglich, den Abschnitt des Waffenstillstandes zu umreißen, der Vorkehrungen für die unmittelbare Institutionalisierung der Kontrolle treffen wird?

B. Spätere Phasen.
(1) Unter welchen allgemeinen Bedingungen könnte eine einseitige Entwaffnung Deutschlands und Italiens durchgesetzt werden?
(2) Welche bewaffneten Kräfte müßten die Alliierten in den beiden Ländern stationiert halten und für wie lang?
(3) Von wo würden sie gezogen werden?
(4) Würden Erwägungen bezüglich des industriellen Arbeitskräfte-Bedarfs viel zählen hinsichtlich der Fähigkeit der Regierung des Vereinigten Königreichs, für einen undefinierten Zeitraum zu einer Aufrechterhaltung jenes Typs von Kontrolle beizutragen, über den nachgedacht wird?
(5) Um welche Art von Hilfe, wenn nötig, sollten wir uns zu erhalten bemühen von (a) Amerika; (b) den Dominions; und für wie lang?
(6) Welche industriellen Anlagen in den Feindstaaten müßten demontiert werden als ein integraler Bestandteil jedes Prozesses einseitiger Entwaffnung? Welche Vorkehrungen müßten getroffen werden, um sich gegen die Wiedererrichtung der demontierten Anlagen durch offene oder verdeckte Methoden zu versichern?
(7) Wenn seitens einer Macht zum Zweck der Durchführung einer Friedensregelung Erleichterungen garantiert werden für die Aufrechterhaltung in seinem Territorium durch See- und Luftbasen seitens einer anderen Macht oder anderer Mächte, wo werden diese internationalen Militärbasen wahrscheinlich liegen und durch wen werden sie belegt?