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Mittwoch, 26. Oktober 2022

Kulturgeschichte zwischen Kyritz und Neuruppin

Einige flüchtige Einblicke

Über die Zeiten hinweg ändert sich der Charakter, das Stimmungsbild einer Stadt.

Auf weniger bekannten historischen Fotografien und über künstlerisches Schaffen taucht man in Zeiten ab, die längst vergangen sind. Dies sei im folgenden für die Region zwischen Kyritz und Neuruppin unternommen.

Der Blogbeitrag soll nach und nach ergänzt werden.

Abb. 1: Die frühere Friedrich-Wilhelm-Straße, Ecke Schulplatz mit Krieger-Denkmal (Neuruppin), 1940

Das Kriegerdenkmal, das bis 1944 auf dem zentralen Schulplatz an die Gefallenen des Ersten Weltkrieges erinnerte (Abb. 1), war von dem Neuruppiner Bildhauer Max Wiese (1846-1925) (Wiki) geschaffen worden, der die meisten Skulpturen in Neuruppin und seiner Umgegend um die Jahrhundertwende geschaffen hat (Prbl2018). 1944 wurden seine Metallteile für die Kriegsführung eingeschmolzen.

Abb. 2: Die See-Kaserne in Neuruppin, heute Gerichtsgebäude und Altersheim

In Gebäuden der See-Kaserne befindet sich heute das Landgericht (?) (links) und ein Altersheim (gegenüber) (Abb. 2). 

Der freie Platz des Kasernen-Hofes ist erhalten geblieben. Sein "Sinn" wird erst durch solche historischen Aufnahmen verstehbar.

Abb. 3: Eine Aufnahme vom Aufgang von der Ablage am See aus hoch zur Klosterkirche

Warum sieht auf heutigen Fotografien alles so "anders" aus, obwohl sich von der Bausubstanz des Abgebildeten gar nichts geändert hat (Abb. 3)?

Die Art wie Fotografien gemacht wurden, welche Art von Filmen man benutzte, welche Fotografien man schön fand, welche man verwarf, war in früheren Zeiten eine ganz andere als heute. 

Man könnte diesselben Aufnahmen heute auch anfertigen und auf "alt" umwandeln.

Abb. 4: "Tempelgärtchen", Neuruppin

Viele historische Aufnahmen geben den Orten, die heute noch weitgehend unverändert sind, eine Stimmung, die man dort vor Ort weder heute noch findet, noch auch auf modernen Aufnahmen desselben Ortes.

Abb. 5: Marschierende Soldaten in der Friedrich-Wilhelm-Straße (heute Karl-Marx-Straße), Ecke Rudolf-Breitscheid-Straße, um 1914 (rechts liegt der Brasch-Platz)

In dem auf Abbildung 5 zu sehenden Haus Karl-Marx-Straße, Ecke Rudolf-Breitscheid-Straße findet sich heute im Erdgeschoß das thailändische Restaurant "Kampai", rechts davon ein Friseurladen. Der Balkon über der Eingangstür ist heute nicht mehr vorhanden.

1904 - Zwischen Buchkunst und Baukunst

Das Herrenhaus in Neumühle bei Altruppin (ABrg) (1, 2) liegt etwas abseits und nahe der Rhin-Schleuse bei Altruppin. Es war nie adliger Besitz. Auf diesem Grundstück befand sich seit dem Mittelalter eine Wassermühle. 

1845 wurde das Herrenhaus erbaut, vermutlich von dem wohlhabend gewordenen Mühlenbesitzer. Ein Kommerzienrat Schütt kaufte es als Altersitz. Nach einem Brand wurde es von der nachfolgenden Generation, von der Familie Konrad und Martha Schütt zwischen den Jahren 1904 bis 1906 großzügig umgebaut. Es diente einer kinderreichen Familie zum Aufenthalt ebenso wie für Familienfeste. 

Abb. 6: Neumühle bei Altruppin - links Kornspeicher, rechts Herrenhaus

Die Pläne für den Neubau stammten von dem zu jener Zeit in Berlin und Düsseldorf tätigen, nicht unbedeutenden Grafiker, Buchgestalter und Schriften-Entwerfer Fritz Helmuth Ehmcke (1878-1965) (Wiki). Ehmcke hatte seine Ausbildung gerade beendet und im Jahr 1900 die nicht unbedeutende "Steglitzer Werkstatt" gegründet. 

In jener Zeit hat er auch mit dem Verleger Eugen Diederichs zusammen gearbeitet, der sich um eine qualitätvolle Gestaltung von Büchern bemühte. Der vielseitige Ehmcke hat unter anderem auch Titel und Einband der "Balladen und Lieder" von Agnes Miegel gestaltet, ein Buch, das ab 1907 bei Eugen Diederichs in vielen Auflagen erschien.

Abb. 7: Haus Molchow am Molchowsee

Ehmcke hat aber Zeit seines Lebens immer einmal wieder auch als Architekt gearbeitet. 

Zu gleicher Zeit wie das Herrenhaus in Neumühle umgebaut wurde, entstand einige Kilometer weiter am Molchowsee das Haus Molchow (Abb. 7) (3, 4). 

Hier war Bauherr ein Paul Remer (1867-1943), der als Schriftsteller einige bibliophile Buchkunstwerke hinterlassen hat.

Abb. 8: Paul Remer - Unter fremder Sonne (1896) (MusNeuruppin)

1896 etwa veröffentlichte er einen humoristisch gefärbten Reisebericht "Unter fremder Sonne", in dem er seine Reise in die unbekannte Welt nach Südamerika und wiederum seine Sehnsucht nach der mecklenburgischen Heimat beschrieb (MusNrp).

1943 - Kunstauslagerung nach Metzelthin

Zu den bedeutendsten Bildhauern Deutschlands der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gehörte der deutsche Bildhauer Fritz Klimsch (1870-1960) (Wiki).

Abb. 9: "Nymphe am Wasser" - Skulptur von Fritz Klimsch, aufgestellt hinter dem IG-Farbengebäude, heute Campus Westend, Frankfurt am Main, 1931

Seine 1931 aufgestellte Skulptur "Nymphe am Wasser", künstlerisch sehr ausgewählt platziert hinter dem damals neu errichteten IG-Farbengebäude in Frankfurt am Main, erfreut noch heute alle Menschen, die dort tätig sind. Im IG-Farbengebäude ist heute ein Teil der Universität untergebracht und das Gelände ist zum "Campus Westend" erweitert worden (UniFfm):

Dieser Bronzeguß stellt eine der herausragenden Variationen des künstlerischen Hauptthemas Klimschs dar, dem sitzenden weiblichen Akt.

Wenn man regelmäßig in den Bibliotheken des IG-Farben-Gebäudes weilt, recherchiert und studiert, kann man jeden Tag aufs Neue von dieser Skulptur gepackt und erfreut sein. Sie ist eigentlich von allen Fenstern der Rückseite des Gebäudes zu sehen. Sie ergreift aus jeder Perspektive, aus der man auf sie blickt. Es erscheint so leicht, "modern" zu bauen und dennoch zugleich den menschlichen Alltag mit entspannender Schönheit zu durchtränken.

Abb. 10: Nymphe am Wasser auf der Rückseite des berühmten IG-Farbengebäudes in Frankfurt am Main

Dem Architekten Hans Poelzig (1869-1936) (Wiki) war dies möglich. Aber nicht nur in Frankfurt am Main gibt es an vielen Orten Skulpturen von Fritz Klimsch (UniFfm), auch an einigen Orten in Berlin sind solche aufgestellt. Etwa im Heimatmuseum Köpenick.

Überraschenderweise findet sich nun eine Skulptur von Fritz Klimsch auch in Kyritz im dortigen Rosengarten. Es handelt sich um die Skulptur "Die Woge", die im Jahr 1942 entstanden ist (Abb. 11). Wie kam sie nach Kyritz? Wir lesen (MAZ 2019):

Der Bildhauer Fritz Klimsch (1870 bis 1960) schuf "Die Woge" vermutlich zu Beginn der 1940er Jahre. Die 1942 in der Münchener Kunstausstellung präsentierte Plastik wurde wohl noch zu Kriegsende zusammen mit weiteren Statuen in den Metzelthiner Gutspark gebracht. In den 1950er Jahren wurde sie dort aus einem Teich geborgen und gelangte anschließend nach Kyritz. Zunächst wurde die Plastik dort aufgestellt, wo heute das VdN-Denkmal steht. In den 1960er Jahren wurde die Woge an ihren heutigen Standort gebracht.

Im Zusammenhang der Verbleibsgeschichte vieler weiterer Skulpturen von Fritz Klimsch ebenfalls eine etwaige Station Metzelthin erörtert. 

Abb. 11: "Die Woge" - Skulptur von Fritz Klimsch

So lesen wir über die Figur "In Wind und Sonne":

Kurt Reutti hat in seinem Bericht über den Verbleib der Kunstwerke aus Staatsbesitz (und der Staatlichen Museen) dezidiert festgehalten, daß zahlreiche bildhauerische Werke von Fritz Klimsch nach Metzelthin ausgelagert worden sind. Es scheint aber auch so zu sein, daß Fritz Klimsch ein (anderes?) Exemplar der Figur „In Wind und Sonne“ „aus seinem Atelier“ der Auslagerung nach Gut Metzelthin zufügte (Fritz Klimsch: Liste mit Kunstwerken im Atelier, die zur Auslagerung nach Gut Metzelthin vorgesehen sind, 1943; Freundl. Mitteilung von Herrn Rolf H. Johannsen, Alte Nationalgalerie Berlin an den Verfasser, 11/2007). Nach Kriegsende wurden die dortigen Depots "von den Russen geplündert", ein Teil der verbliebenen Kunstwerke, darunter mindestens eine Bronze von Klimsch, von den ortsansässigen kommunistischen Funktionären entwendet und teilweise "in den Westen" verkauft, die Marmorbildwerke Klimschs von der ortsansässigen "Dorfjugend" zertrümmert (vgl. Typografische Aufzeichnungen von Kurt Reutti über den Verbleib der Kunstwerke des Staates und der Staatlichen Museen zu Berlin nach 1945, Unterlagen im Geheimen Staatsarchiv PK, Berlin-Dahlem (GStA PK, XVI, HA, NL Reutti, Bd. 1, S. 16-17; Freundliche Mitteilung von Herrn Rolf H. Johannesen, Alte Nationalgalerie Berlin). "Herrenloses Kulturgut" wurde nach Kriegsende an verschiedenen Sammelpunkten zusammengetragen und später von dort aus verteilt. Bekannt ist, daß Kunstgut aus den Reichsministerien im „Ermelerhaus“ in der Breite Straße gesammelt wurde (Freundliche Mitteilung von Herrn Rolf H. Johannesen an den Verfasser).

Die Zerstörungswut mancher Menschen in Metzelthin nach 1945 setzt sich übrigens - laut Zeitungsberichten - mittels Beschmierens der Skulptur "Die Woge" in Kyritz bis heute fort. Ob die Skulptur "Die Woge" im Rosengarten in Kyritz den ihr angemessenen Standort gefunden hat? Ob sie wohl nicht eher geschaffen worden ist für ein "Zusammenspiel" zwischen Skulptur und Architektur, wie sie so außerordentlich wohltuend gelungen ist in Frankfurt am Main?

Über eine andere, ebenfalls nach Metzelthin ausgelagerte Skulptur wird berichtet, daß sie zuvor, 1936, in dem Innenhof des damals neu gestalteten Propagandaministeriums in Berlin aufgestellt worden war. Dieses ist 1947 gesprengt worden:

Fritz Klimsch vermutete 1948 in einem Brief an seine Kusine Pauline, daß die Version des Ministeriums von "Russen in Berlin gestohlen" worden sei (vgl. Hermann Braun: Fritz Klimsch. Ausstellungskatalog der Galerie Koch, Hannover 1980, S. 72-73). Vielmehr scheint es jedoch so zu sein, daß die Plastik aus dem Ministeriumsgarten schon 1943 auf Gut Metzelthin bei "Wusterhausen" ausgelagert worden ist und erhalten blieb.

Soweit unsere bisherigen Recherchen zu diesem Thema. Dieser Beitrag wird bei Gelegenheit korrigiert und erweitert.

/ Im Entwurf zusammen 
gestellt seit Anfang 2018 /

__________
  1. Popp, Jos.: Das Herrenhaus Neumühle bei Altruppin von F. H. Ehmcke. In: Dekorative Kunst, 5. Dezember 1918, XXIL/1919, S. 65ff (Digit. Sammlung)
  2. https://www.luftbildsuche.de/info/luftbilder/gebaeude-parkanlagen-gutshauses-neumuehle-alt-ruppin-brandenburg-deutschland-510869.html 
  3. Reform-Drang am Molchowsee. Vortrag im Tempelgarten, 2016, https://www.maz-online.de/Lokales/Ostprignitz-Ruppin/Reform-Drang-am-Molchowsee
  4. Haus Molchow, http://teppojokinen.eu/fruehere-forschungs-und-ausstellungsprojekte/ 
  5. Kuhn, Jörg: In Wind und Sonne,  https://bildhauerei-in-berlin.de/bildwerk/in-wind-und-sonne/
  6. Belenger, J.: Between The Sensual and The Heroic: The Sculptures of Fritz Klimsch, March 2, 2017, http://www.renegadetribune.com/sensual-heroic-sculptures-fritz-klimsch/

Dienstag, 20. November 2018

Neuruppin - Als es noch von der Einheit Deutschlands beseelt gewesen ist

Zwei fast vergessene Kapitel der Stadtgeschichte: Der Neuruppiner Stadtpark (1834) und sein Jahn-Gedenkstein (1911)
- Irrlichternd flackert eine merkwürdig aufrecht anmutende Vergangenheit in eine halt-, form- und seelenlos wirkende Gegenwart hinein

Seit dem Jahr 1830 war ein Oberst Alexander von Wulffen (1784-1861)(Wiki) Kommandeur des in Neuruppin stationierten preußischen Grenadier-Regimentes. Als solcher war er quasi Nachfolger des Kronprinzen Friedrich, der denselben Posten hundert Jahre zuvor inne gehabt hatte. Und so wie sein berühmter Vorgänger fühlte sich auch Alexander von Wulffen verpflichtet, sich ein verschönertes Stadtbild seiner Garnisonsstadt angelegen sein zu lassen. Der Kronprinz hatte hundert Jahre zuvor die bewaldeten Stadtwälle vor der Stadt vor der Rodung bewahrt und vor den südwestlichen Stadtmauern seinen berühmten Tempelgarten angelegt (1). Sein Nachfolger gründete hundert Jahre später einen "Verschönerungsverein" und legte vor dem nördlichen Stadtrand am Seeufer ebenfalls einen Garten an, den Neuruppiner Stadtpark (Abb. 1 bis 3). Heute ist dieser Stadtpark sehr verwildert und kaum noch wahrnehmbar als ein einstiger "vornehmer" Ausflugsort des einstigen "Luftkurortes" Neuruppin. Er ist kaum unterscheidbar vom umgebenden Wald. Damals war es anders. Wir erfahren (Wiki):

Auf Alexander von Wulffens Initiative entstand aus einem Schießstand heraus ab dem Jahr 1834 der Neuruppiner Stadtpark. Der Teich wurde 1835 angelegt. Zur Gestaltung des Parks gab Peter Joseph Lenné Vorschläge. Ein Gedenkstein erinnert dort an Alexander von Wulffen. Wulffen rief 1835 den Neuruppiner Verschönerungsverein ins Leben und wurde 1852 mit der Ehrenbürgerwürde von Neuruppin geehrt. Auch wurde die Wulffenstraße nach ihm benannt.
Abb. 1: Stadtpark Neuruppin, Postkarte wohl aus der Zeit vor 1914

Der hier erwähnte Peter Joseph Lenné (1789-1866)(Wiki) war der berühmte preußische Gartenkünstler, der damalige General-Gartendirektor der königlich-preußischen Gärten (Wiki):

Charakteristische Merkmale seiner Landschaftsgestaltungen sind die vielfältigen Sichtachsen, mit denen er vor allem in Potsdam die einzelnen Parkanlagen optisch miteinander verband und so die Bauwerke der Parkanlagen wirkungsvoll in Szene setzte. 
Zu solchen wunderschönen Sichtachsen scheint man sich bei der Gestaltung des Stadtparks von Neuruppin nicht aufgeschwungen zu haben. Immerhin (2):
Im Zuge der Umgestaltung des Areals nach 1839 in einen Stadtpark waren in der Teichumgebung Rasenflächen vergrößert und Schmuckanlagen angelegt worden. 
Hierzu war Lenné angeschrieben und um Rat gefragt worden so wie das in jener Zeit viele Menschen taten, die in Preußen neue Gärten anlegten (2). Welche Gestaltungselemente im Neuruppiner Stadtpark auf Lenné zurück gehen, ist vorderhand schwer heraus zu bekommen.

Abb. 2: Der Stadtpark - Am Goldfischteich, 1961

Immerhin sei zu dem Obersten von Wulffen noch erwähnt, daß seine beiden Ehen mit insgesamt 13 Kindern gesegnet waren. In diesem Punkt unterschied er sich deutlicher von seinem kronprinzlichen Vorgänger.

Abb. 3: "Neuruppin - Luftkurort - Stadtpark - Birkenallee" (Postkarte um 1927)

Als Neuruppin im Jahr 1927 das Recht zugesprochen erhielt, sich "Luftkurort" nennen zu dürfen, sah man auch die schon von von Wulffen geschaffene "Birkenallee" von der Stadt zum Stadtpark in neuem Licht (s. Abb. 3). Diese Birkenallee gibt es noch heute und zeugt von dem Schönheitssinn vergangener Generationen. Heute führt sie zu größeren Teilen durch Kleingarten-Kolonien hindurch, die auch den einstigen Stadtpark - allerdings unschön - umgeben. Die Birkenallee verläuft spitz auf die Wulffenstraße zu, die - wie oben erwähnt - ihren Namen zu Ehren des Begründers des Stadtparkes erhalten hat.

Jedenfalls: In dem Stadtpark ist es noch erahnbar, daß einst ein beseelteres, von Schönheitswillen erfülltes Bürgertum Gestalter desselben gewesen ist.

Der Jahn-Gedenkstein

Zwischen den Jahren 1907 und 1911 wurde in Neuruppin ein Gedenkstein für den "Turnvater" Friedrich Ludwig Jahn (1778-1852) (Wiki) und für seinen örtlichen Vertreter, den Lehrer und Turnlehrer Carl Loose, errichtet (Abb. 4 und 5). Dieser Gedenkstein hat sich bis heute erhalten (Abb. 6, 7 und 8). Er hat aber heute auch von seinen Sinnzusammenhängen her einen ganz anderen Charakter und eine ganz andere Aussage als sie jener Gedenkstein hatte, der im Jahr 1911 geschaffen worden war. Im folgenden soll deshalb seine Geschichte - insbesondere auch anhand der Abbildungen (Abb. 4 bis 8) skizziert werden. Denn heute steht er etwas beziehungslos und ohne jede Erläuterungstafel am Rande des Stadtparkes und vor dem dortige Jahn-Seeufer-Bad.

Geschaffen worden ist dieser Gedenkstein einstmals von jenem namhaften Neuruppiner Bildhauer Max Wiese (1846-1925) (Wiki), der die meisten Denkmäler in Neuruppin und auch in seiner Umgebung um die Jahrhundertwende geschaffen hat. Wir erfahren (3, S. 50):

1907 beschloß der Gauturntag in Neuruppin, den verdienstvollen, um die Förderung des Turnens bemühten Männern Friedrich Ludwig Jahn und Carl Loose ein Denkmal zu schaffen. Die Wahl des Standortes erwies sich zunächst kontrovers: der Stadtpark, die Bahnhofstraße standen zur Diskussion.
Der Magistrat einigte sich dann aber auf die Parkstraße vor dem damaligen Knaben-Doppel-Schulhaus, dem Friedrich-Wilhelm-Gymnasium, einem Gebäude, das heute in DDR-Art Puschkin-Schule benannt wird, obwohl man es gut und gerne auch wieder hätte zurück benennenen können in Friedrich-Wilhelm-Gymnasium (wie übrigens auch sonst viele Straßennamen in Neuruppin). Es ist zu erfahren (4):
In Erinnerung an den Turnvater Jahn und den Mitbegründer des Neuruppiner Männerturnvereins und der Neuruppiner Turnerfeuerwehr, den Lehrer Karl Loose entstand von Max Wiese 1911 das Jahn-Loose-Denkmal.

Bis in die Zeit nach 1945 hat es also in der Parkanlage der Parkstraße (heute "Puschkinsstraße" genannt) vor dem Gymnasium, heute "Puschkin-Schule" genannt, gestanden (Abb. 4 und 5). In seiner Form war es gewiß eine "markige" Erinnerung an die Geschichte des Turnerbundes und vor allem auch an die Geschichte des Turnens in Neuruppin. 

Abb. 4: Jahn-Loose-Stein (Postkarte)

Dieser Gedenkstein erhielt allerdings nach 1945 - im geteilten Deutschland - eine völlig neue Aussage und einen völlig neuen Charakter. Offenbar ergaben sich diese dadurch, daß das ursprünglich geschaffene Metall-Relief und das darüber angebrachte Turnerkreuz irgenwann abhanden gekommen waren, daß man aber dennoch - m Sinne des DDR-Patriotismus jener Jahre - auf einen Jahn-Gedenkstein nicht verzichten wollte. Entweder war das Metall der Reliefs im Zweiten Weltkrieg gebraucht worden oder die Tafeln sind in der Zeit nach 1945 gestohlen worden.

Abb. 5: Jahn-Loose-Denkmal

Heute jedenfalls sind an der Stelle, wo vormals das Turnerkreuz (F-F-F-F für "Frisch, fromm, fröhlich, frei") (Wiki) zu sehen war, im Stein nur noch die leeren Vertiefungen zu sehen, die einstmals für die Anbringung desselben dienten.

Abb. 6: Friedrich-Ludwig-Jahn-Denkmal

Während der DDR-Zeit - und auch seither - fühlte sich offenbar niemand bemüßigt, den ursprünglichen Zustand dieses Gedenksteines wieder herzustellen. Unter die genannte leere Stelle ist heute - anstelle des von Max Wiese geschaffenen Portrait-Reliefs - wiederum eine Metall-Tafel angebracht worden. Sie enthält die Worte des Turnvaters Jahn:

"Ich kenne keine Zeit, wo ich nicht
von der Einheit Deutschlands 
beseelt gewesen bin."

Wenn man diese Worte unvermittelt liest, stehend am fast verwahrlosten Rand des fast verwahrlosten Stadtparkes von Neuruppin, fühlt man sich mit einem male in eine ganz andere Welt versetzt, in die Welt des Turnvaters Jahn des 19. Jahrhunderts und - wie man nach Studium erfährt - in die Welt der DDR vermutlich der frühen 1950er Jahre. Das Erbe des Turnvaters Jahn ist von der DDR sehr in Ehren gehalten worden. Noch im Jahr 1977 hat die DDR eine Briefmarke mit einem Porträt von Friedrich Ludwig Jahn heraus gegeben. 

Abb. 7: Jahn-Stein vor dem Jahn-Bad, November 2018

Und so war es naheliegend, daß man den Jahn-Gedenkstein wieder restaurierte, allerdings diesmal mit einer grundsätzlicheren Aussage, einer Aussage, die - im Gegensatz zum Jahr 1911 - wieder außerordentlich fragwürdig - und für die damaligen Menschen dringlich - geworden war. Auf der Rückseite des Steines findet sich heute zusätzlich nur noch eine - sicherlich ebenfalls erst nach 1945 geschaffene - kleine metallene Gedenk-Plakete mit dem Namen "Friedrich Ludwig Jahn " und mit seinen Geburts- und Sterbejahren. Diese Rückseite ist auch auf einer Postkarte aus der Zeit nach 1945 - quasi als Vorderseite - zu sehen (Abb. 6, links oben).

Noch später scheint der alte, graue Stein dann - so wie es schon einmal 1911 erwogen worden war - in die Nähe des Neuruppiner Stadtparkes umgesetzt worden zu sein, nämlich vor das in früheren Nachkriegsjahrzehnten viel mehr genutzte und bei einer früheren Generation sehr beliebte und in sehr guter Erinnerung gebliebene "Jahnbad" am Seeufer. Heute steht der Gedenkstein dort etwas, nun, "abseitig" und unbeachtet, ja, fast ohne Bezüge zur Umgebung in der Gegend herum.

Klar ist: Friedrich Ludwig Jahn verkörperte im 19. Jahrhundert den Gedanken an die "Einheit Deutschlands" wie wenige andere. Der Gedanke von der "Einheit Deutschlands" war in den Jahren bis 1848 und bis zur Erfüllung desselben durch Otto von Bismarck zwischen den Jahren 1866 und 1871 mehr als ein revolutionärer denn als ein konservativer Gedanke empfunden worden. Der Revolutionär und Turnvater Jahn ist um die Bewerbung dieses Gedankens willen in preußischen Gefängnissen als politischer Gefangener gesessen. Jahn berichtet selbst über seine Jugendzeit (5, S. 16):

Noch ehe ich nach Salzwedel auf die Schule kam, war ich mit Hopfenbauern in Lübeck, Wismar und Rostock gewesen. Aus dieser Jugendzeit stammen meine Begriffe von der Ganzheit meines Volkes.
Und entsprechend schrieb er 1846 in einem Brief an einen August Ravenstein (5, S. 16):
Den Begriff der Einheit Deutschlands habe ich mir angelebt und eingelebt. Ich kenne keine Zeit, wo ich nicht von ihm beseelt gewesen. 
Ohne Frage gehen die Worte auf dem heutigen Neuruppiner Jahn-Stein auf diese Worte im Brief von 1846 zurück. Es gibt auch noch ähnliche Worte von Friedrich Ludwig Jahn, die gerne zitiert werden, wenn an ihn erinnert wird und man seiner gedenkt. Sie sind im Zusammenhang mit den politisch hochgehenden Emotionen des Revolutionsjahres 1848 verfaßt worden und sind enthalten in einer Schrift, die als Jahns "Schwanenrede" bekannt wurde. In dieser schreibt Friedrich Ludwig Jahn 1848 am Ende (6):
Jahn hatte für Verfassung geschrieben und geredet, für Deutschlands Einheit. Ja, für diesen Hochgedanken habe ich gelebt und gestrebt, gestritten und gelitten. Anerkannt haben das die Mainzer Untersuchungsbehörde und der Bundestag. Beide haben mir nachgerühmt, "daß ich die höchstgefährliche Lehre von der Einheit Deutschlands zuerst aufgebracht". Das sollte meine Grabschrift werden, wenn meinen Gebeinen in Deutschland noch ein Plätzchen vergönnt wird: Deutschlands Einheit war der Traum meines erwachenden Lebens, das Morgenroth meiner Jugend, der Sonnenschein der Manneskraft, und ist jetzt der Abendstern der mir zur ewigen Ruhe winkt.

Abb. 8: Jahn-Stein vor dem Jahn-Bad, November 2018 - Linker Hand liegt der Stadtpark (eigene Aufnahme)

Natürlich hat Friedrich Ludwig Jahn - wie die Gründerväter des Grundgesetzes und wie womöglich auch viele DDR-Deutsche - von einem Deutschland geträumt "einig in seinen Stämmen, von dem Willen beseelt, sein Reich in Freiheit und Gerechtigkeit zu erneuen und zu festigen, dem inneren und dem äußeren Frieden zu dienen und den gesellschaftlichen Fortschritt zu fördern", anstatt es einer Vermerkel- und Vergaukelung anheim fallen zu lassen, die sprichwörtlich grenzen- und bodenlos beschämend und abartig sind.

Der Turnvater Jahn hätte angesichts solcher heutiger Zustände die Forke aus dem Kuhstall geholt. So viel mag gewiß sein. - Was für eine wechselvolle Geschichte, aufzeigbar nur allein an einem heute unaufällig und beziehungslos im Wald herum stehenden Gedenkstein.

____________________________________________
  1. Bading, Ingo: Der Amalthea-Garten in Neuruppin Ein edler Rokoko-Garten im Sinne Friedrichs des Großen sieht anders aus als die heutige Gestaltung des Gartens. Preußen lebt!, 23. Dezember 2017, https://preussenlebt.blogspot.com/2017/12/der-amalthea-garten-in-neuruppin.html
  2. Karg, Detlef: Peter Joseph Lenné - Parks und Gärten im Land Brandenburg. Werkverzeichnis. Wernersche Verlagsgesellschaft, 2005 (342 Seiten) (GB)
  3. Irina Rockel: Neuruppin, so wie es war.  
  4. Seebadeanstalt "Jahnbad" Neuruppin, Historie. https://www.seebadeanstalt-neuruppin.de/seite/121506/historie.html
  5. Euler, Carl: Friedrich Ludwig Jahn. Sein Leben und Wirken C. Krabbe, 1881 (634 S.) 
  6. Magdeburgische Zeitung: Anhalter Anzeiger. 1848, 10/12 - Seite 4  Jahns Schwanenrede (GB)
  7. https://www.neuruppiner-verschoenerungsverein.de/vereinsmitgliedschaft/

Samstag, 11. März 2017

Neuruppin - Eine Stadt in Preußen

Lebendig gebliebene Goethe-Zeit

Neuruppin wird nicht selten "die preußischste aller preußischen Städte" (Wiki) genannt.*) Gemäß Umfragen gilt Neuruppin sogar als eine der beliebtesten Städte Deutschlands, insbesondere unter den Thüringern (s. Yt). Menschen kommen gerne nach Neuruppin, um hier Urlaub zu machen. Und das in allen Jahreszeiten - warum?

Hier kann man Ruhe finden. Vor den Toren der Stadt ein 15 Kilometer langer See. In der Stadt selten ein Haus, der mehr als ein Obergeschoß aufweist. 

Ende November 2016 ist der Bloginhaber nach Neuruppin gezogen. Durch Zufall fand sich eine Wohnung sogar ziemlich im Zentrum der Stadt, und zwar in einem der alten Bürgerhäuser. Und zwar sogar an der zentralste Straße der Stadt. In dieser Straße steht auch das Fontane-Geburtshaus. Bis 1788 hieß sie schlicht "Bauernstrasse", von 1790 bis 1945 hieß sie Friedrich-Wilhelm-Straße. Seit 1945 und bis heute immer noch ist sie - - - Karl-Marx-Straße benannt.**) Aber das ist ein nebensächlicher Umstand.

Abb. 1: Neuruppin - Platz vor der Klosterkirche
(eigene Aufnahme)

Der Blick aus Wohnzimmer und Arbeitszimmer im ersten Stock dieses Bürgerhauses geht hinaus auf einen großen, wohl proportionierten, quadratischen Platz. In nur fünf Gehminuten Entfernung liegt das Ufer des 15 Kilometer langen Ruppiner Sees. - Romantik, wohin man schaut.

Gleich beim ersten Betreten dieser Wohnung fühlt man sich an die Goethe-Zeit erinnert. Beim ersten Betreten der Altstadt fühlt man sich mitten in die Goethe-Zeit zurück versetzt. Und das ist doch ein sehr eigenes und sehr seltenes Lebensgefühl. Alle Raum-Proportionen, alle architektonischen Proportionen "stimmen", sind menschlich. Das empfindet man um so stärker, um so länger man zuvor viele Jahre in einer Großstadt gelebt hat. Kaum ein Haus, das mehr als ein Obergeschoß hat. In welcher Stadt gibt es denn so etwas noch?

Und dies dürfte schon der wesentlichste Umstand sein, der an Neuruppin besonders ist. Solche Häuser allein, so wird einem hier klar, sind, wenn sie in großer Ansammlung auftreten, allein "menschenwürdig".

"Städtebauliche Reformprinzipien"

Aber wie kam dieses einheitliche Stadtbild zustande? Das ist gar zu leicht erklärt: 1787 hat es einen großen Stadtbrand gegeben, bei dem mehr als die Hälfte der Kernbebauung der Stadt ein Opfer der Flammen wurde. Neuruppin wurde danach sehr einheitlich im Geist der damaligen Zeit wieder aufgebaut. Man nennt diese Zeit heute die "frühklassizistische". Während sich also in den Köpfen der Einwohner von Paris und Frankreich die Französische Revolution vorbereitete und während sie dann ihre erste Phase durchlief, plante man in Neuruppin eine neue Stadt und erbaute sie (Wiki):

Es entstand ein rechtwinkliges Netz von Straßen mit durchgängig zweigeschossigen Traufenhäusern. Lange breite Straßen, unterbrochen durch stattliche Plätze, und Häuser im frühklassizistischen Stil prägen seit jener Zeit das Stadtbild. Diese städtebaulichen Reformprinzipien sind gut erkennbar. So entstand mit dem Wiederaufbau eine in dieser Originalität einzigartige klassizistische Stadtanlage. Sie gilt auch als Musterbeispiel frühklassizistischer Städtebaukunst.

Und in diesem Falle ist das sicher ein gut gewählter Begriff: "Städtebaukunst". Wo sonst in der Welt kann man sich - rein städtebaulich - so unmittelbar in die "gute, alte" bürgerliche Goethe-Zeit zurück versetzen wie hier? Eine Zeit, die damals eben nicht "alt" war, sondern hoch modern, sich im gesellschaftlichen Aufbruch stehend empfand, die "Für die Bürger des künftigen Zeitalters" baute - so die Inschrift über dem Portal des Städtischen Gymnasiums, des zentralen Gebäudes der neuen Stadt. Und die in manchen Aspekten noch deutlich moderner war als jede heutige, angeblich so "moderne" Stadt. Was für ein kulturvolles Stadtensemble.

Als durchaus interessanter Umstand ist allerdings auch zu benennen, daß der berühmteste Neuruppiner, Theodor Fontane, die heute als so "bieder" zu empfindende Bauweise seiner Heimatstadt gar als etwas gar zu großzügig empfand (zit. n. 2, S. 26) (s.a. Gutenberg):

... Nach dem großen Feuer (...) wurde die Stadt in einer Art Residenzstil wieder aufgebaut. Lange, breite Straßen durchschneiden sie, nur unterbrochen durch stattliche Plätze, auf deren Areal unsere Vorvordern selbst wieder kleine Städte gebaut haben würden. Für eine reiche Residenz voll hoher Häuser und Paläste, voll Leben und Verkehr mag solche raumverschwendende Anlage die empfehlenswerteste sein, für eine kleine Provinzialstadt aber ist sie bedenklich. Sie gleicht einem auf Auswuchs gemachten großen Staatsrock, in den sich der Betreffende, weil er von Natur klein ist, nie hineinwachsen kann. Dadurch entsteht eine Öde und Leere, die zuletzt den Eindruck der Langenweile macht.

Kein Mensch empfindet das heute mehr, wenn er durch Neuruppin geht. Vielmehr ist es genau diese Großzügigkeit im Baustil, die man genießt. Daß das Stadtbild übrigens so geschlossen erhalten geblieben ist, liegt auch daran, daß Neuruppin am 1. Mai 1945 kampflos übergeben wurde, also militärisch nicht so verteidigt worden ist wie das - beispielsweise - das Schicksal der Stadt Rathenow war und das Schicksal so vieler ostpreußischer, westpreußischer, pommerscher und schlesischer Städte, Dörfer und Gutshöfe.

 
Abb. 2: Eine Büste des preußischen Reitergenerals von Zieten im Museum Neuruppin
(eigene Aufnahme)

Es gibt einen Verein "Stadtbild Deutschland e.V.". Dieser betreibt auch eine Facebook-Seite (Fb). Diesem Verein ist zu sagen: Wer in einer Großstadt wie Köln oder Berlin in Häusern mit drei oder mehr Stockwerken gewohnt hat oder wohnt - und hätten sie eine noch so schöne "alte" Fassade: Das waren zumeist jene Häuser, die in ihrer Entstehungszeit "Mietskasernen" genannt wurden. Und die Menschen hatten sich bei dieser Benennung auch etwas dabei gedacht. Die meisten Menschen, die heute so "glücklich" sind, in einer dieser alten "Mietskasernen" wohnen zu "dürfen", machen sich gar keinen Begriff mehr davon, was für eine Kulturlosigkeit mit einer solchen Bauart verbunden ist, und daß auch sozusagen hinter einer "Vor-Bauhaus"-Fassade sich eben eine "Mietskaserne" verbergen kann. Der Mensch in Kasernen-Haltung. Das macht sich offenbar auch nicht der genannte Verein klar. Auch die von ihm favorisierten alten städtebaulichen Aufnahmen zeigen den Menschen in Kasernen-Haltung.

Abb. 3: Robert Werner Wagner, "Feldweg im Luch", Radierung, 1997
(eigene Aufnahme)

Echt humane Stadtbilder gab es bis 1860, bis zu jener Zeit, in der die Häuser in der Regel nur Erdgeschoß und ein Obergeschoß aufwiesen, also etwa so wie heute noch in Rothenburg ob der Tauber (Mittelalter) oder eben Neuruppin (Goethezeit). Nicht zuletzt ein solcher Umstand wird dazu beigetragen haben, daß sich in Neuruppin so mancher Künstler angesiedelt hat. So zum Beispiel Robert Werner Wagner (geb. 1936 in Leipzig). Seine Grafiken (Radierungen) werden derzeit im Museum ausgestellt (ein Beispiel in Abb. 3). Hier trifft Städtebaukunst nun also auch auf Kunst.


Abb. 4: Adolf von Menzel - General von Zieten, 1850
Ausgestellt auch im Preußen-Museum in Wustrau

 

Ein Reitergeneral unter König Friedrich II. von Preußen

Es gibt natürlich auch noch andere Themen, mit denen man sich konfrontiert sieht, wenn man nach den geschichtlichen Traditionen der Stadt Neuruppin fragt. Der General von Zieten (1699-1786) (Wiki) war eine legendäre, volkstümliche Figur der preußischen Geschichte. Auf ihn trifft man sowohl im Museum Neuruppin (Abb. 2) wie in seinem Heimatdorf Wustrau, zehn Kilometer südlich der Stadt (Abb. 4). Zusammen mit seinem König Friedrich II. von Preußen hat dieser berühmte Husarengeneral viele Schlachten geschlagen, hat den aufgeklärten und freigeistigen Staat Preußen groß gemacht und ist auch mit seinem König zusammen alt geworden. In so manchem Gedicht ist er besungen worden, nicht zuletzt in Gedichten von Theodor Fontanes. Der General von Zieten hat viele Gunstbezeugungen durch seinen König erfahren und die ihm erwiderte Liebe war echt.

Sein Schloß steht noch heute in Wustrau. Dieses ist nicht zu besichtigen, denn darin befindet sich heute die "Deutsche Richter-Akademie". Ebenfalls in Wustrau befindet sich ein - sogenanntes - "Preußen-Museum" (Wiki). Dessen Gründer Erhard Bödecker (1925-2016) (Wiki) - er ist Ende letzten Jahres verstorben - wollte mit dem von ihm geschaffenen Museum sichtlich ein wenig wider den Zeitgeist löcken. Wer durch das von ihm geschaffene Museum streift und die Veröffentlichungen des Gründers liest, mag aber den Eindruck gewinnen: Für und Wider Preußen mag vieles gesagt werden können, viel "Schöngeistiges". Und es ist viel darüber gesagt worden, insbesondere auch von Seiten der geschichtlich Interessierten jener Generation, der Erhard Bödecker angehörte.

Und die Reste von deutschem "Bildungsbürgertum" mögen deshalb natürlich noch heute auch eifrig nach Wustrau pilgern. Aber wer sich Preußen mit allen Fasern seines Wesens verbunden fühlt, kann mit den heute verbreiteten Allgemeinplätzen des "Für und Wider Preußen" wenig anfangen. Er kann auch heute nur von allertiefster Betroffenheit und Trauer erfüllt sein, wenn er sich an das über Jahrhunderte gewachsene große geschichtliche Erbe Preußens erinnert, also sowohl das materielle wie das immaterielle Erbe, und an beider Schicksal im Jahr 1945 - mit den Vorspielen in den Jahren 1917, 1918 und 1933. Tritt er aus dem Museum in Wustrau hinaus und sieht auf eine der starken, lebendigen Eichen, die der General von Zieten, einer seiner Nachfahren oder die dort auf dem schönen Dorf ansässigen Bauern gepflanzt haben mögen, dann sieht er in jeder einzelnen von ihnen Preußen angemessener verkörpert als durch eine solche "museale", am ehesten "Schöngeister" ansprechende Ausstellung.

Und dabei wird einem wieder bewußt: Ohne Poesie besteht nichts auf der Welt, zumindest nichts Großes. So hat Theodor Fontane mit seinem Gedicht auf den General von Zieten, das bezeichnenderweise auch auf dem Wikipedia-Artikel zu ihm angeführt ist, mehr für die Erinnerung an den alten Zieten getan, als das jeder trockene historische Bericht könnte. Und so hat auch ein Maler wie Adolf von Menzel viel für die Erinnerung an ihn getan (Abb. 4). Auch das Phänomen "Preußen" ist - so wird schnell deutlich - durch kalte Ratio am wenigsten zu fassen und zu begreifen.

Und sollte deshalb nicht, wenn an Preußen erinnert wird - etwa - an die durch Preußen repräsentierten "thymotischen Energien" erinnert werden, die einmal der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk als vom modernen Zeitgeist unterbelichtet in den Vordergrund der Betrachtung gestellt hat? Schon indem man nur diese Frage stellt, wird sofort deutlich, wie so groß und ungeschlossen diese Wunde ist, die da - Preußen heißt. ....

Stadt- und Regionalgeschichte im Museum Neuruppin

Wer das Museum Neuruppin besucht, kann aber auch viel über die Vorgeschichte der Region erfahren. So wird ein kleiner bronzezeitlicher Kultwagen ausgestellt, der in der Region gefunden wurde. Solche Kultwagen hatten unter anderem als Grabbeigaben in der Bronzezeit zwischen Dänemark und Österreich eine weite Verbreitung (1) (s.a. Wiki, sowie Natur des Glaubens 2012).


Abb. 5: Bronzezeitlicher Kultwagen, Museum Neuruppin

Die wissenschaftliche Deutung dieser Wagen hat schon zu Lebzeiten von Theodor Fontane begonnen und währt bis heute. Welche Vögel sitzen auf dem Wagen (Schwäne?, Raben?)? Auf vergleichbaren Wagen sind auch Stierhörner angebracht. Vögeln wurde vermutlich eine besondere Nähe zum Göttlichen zugesprochen (Schwänen, auch Raben). Drachentöter Siegfried hört, während er im Drachenblut badet, die Vögel mit menschlichen Stimmen sprechen. Der erste deutsche König Heinrich der Vogler verbrachte viel Zeit - wie sein Name schon sagt - am "Vogelherd". Aber welcher Zweck sich nun genau mit diesen bronzezeitlichen Geräten verband, das ist bis heute nicht klar. Banal möchte man sagen, es handele sich um ein - ein wenig religiös ausgeschmücktes - Gartengerät, mit dem man Furchen ziehen konnte, also so etwas wie ein "Drei-Zink-Grubber" (Wiki) (?). Deutet darauf nicht auch der Schaft, in den offensichtlich ein Holzstiel gesteckt wurde? Oder vielleicht handelte es sich auch um Kinderspielzeug?

Auch Status-Insignien wie bronzezeitliche Beile finden sich. Wir wissen heute, dass die Region bis Mecklenburg und bis hinauf zur Ostsee nicht außerhalb der kulturellen Einflüsse der bronzezeitlichen Mittelmeerkulturen stand, schon gar nicht außerhalb der bronzezeitlichen Stadtkultur Mitteleuropas, die - etwa - die Himmelsscheibe von Nebra hervorgebracht hat und all die vielen "Volkssternwarten", auf die die Archäologen landesweit als "Kreisgrabenanlagen" stoßen.

Auf der Insel Poggenwerder bei Altruppin ebenso wie südlich des Dorfes Altfriesack und östlich des Dorfes Tresckow - alle drei um den Ruppiner See gruppiert - fanden sich slawische Burgwälle des Stammes der "Zamzizi" (Wiki). In der Nähe dieser slawischen Fürstensitze wurden dann deutsche Herrschaftszentren errichtet: in Altruppin und in Altfriesack bei Wustrau. Sie leiteten die Besiedlung des Landes durch deutsche Bauern ein. An diesen Herrschaftszentren konnten dann im Mittelalter prächtige Ritterspiele stattfinden. Im Boden hat sich so mancher Rest einer Ritterrüstung erhalten und ist im Museum ausgestellt.


Abb. 6: Theateraufführung in Gildenhall, 1927, vermutlich ein Stück von August Strindberg
(Museum Neuruppin)

Im Museum Neuruppin findet sich auch manche schöne Erinnerung an die 1921 gegründete Lebensreform-Siedlung Gildenhall (Wiki) auf der anderen Seite des Ruppiner Sees. Diese war anfangs nur über eine Fähre zu erreichen. Dort wurde Theater gespielt, wurden zum Teil Stücke von August Strindberg aufgeführt. Lichtbilder davon haben einen eigenartigen Reiz (Abb. 6). Man hat das Gefühl: Hier wurde wirklich und echt, tief empfundenes Theater gespielt. Es wurde damals dort auch ein fröhliches "futuristisches", "kubistisches" Ballett aufgeführt. Und es wurden ansprechende kunsthandwerkliche Produktionen erstellt. Was für ein ganz anderer Geist als er heute weithin vorherrscht, spricht aus diesen Erinnerungen.


Abb. 7: Garnisonsstadt Neuruppin - Militärparade vor 1914 auf dem Paradeplatz an der Friedrich-Wilhelm-Straße
(heute Bernhard-Brasch-Platz) (Museum Neuruppin)

Garnisonsstadt Neuruppin

Auch zahlreiche Erinnerungen an die Garnisonsstadt Neuruppin finden sich im Museum. Auf dem gleich neben der Stadt gelegenen Flugplatz starteten und landeten bis 1989 fast täglich sowjetische Düsenflugzeuge vom Typ Mig 21 (Wiki). Wenn nur allein schon ihr Motor - und sei es bloß zur Wartung - gestartet wurde, konnte man in der Stadt kaum noch sein eigenes Wort verstehen. Es besteht die Vermutung, dass in den Bunkern dieses Flugplatzes auch Atomwaffen gelagert worden sind. Es bedurfte auch noch nach 1989 riesiger Demonstrationen der anwohnenden Bürger, bis die Herrschenden die Pläne aufgaben, diesen Militärflugplatz weiter zu betreiben. Die drei Kilometer lange Betonpiste - sonderbares Geschehen - wurde noch nach 1990 nach Russland transportiert, dorthin, wohin auch die Neuruppiner sowjetische Düsenjäger-Abteilung hin verlegt worden war. Dort war scheinbar der Beton knapp.

Heute befindet sich zwischen den unheimlichen sowjetischen Militärbunkern, die wie "Dinosaurier" in der Landschaft stehen, und die jeder besichtigen kann, ein friedlicher Segelflugplatz. Mehrere Bunker werden als Schafställe genutzt.

Aber es gab im Vergleich dazu auch eine sozusagen harmlosere Vorgeschichte. Hier in Neuruppin befehligte König Friedrich II. von Preußen als Kronprinz 1832 bis 1840 ein Regiment. Er hatte zuvor in Küstrin in Festungshaft gesessen und hatte zusehen müssen, wie sein Freund von Katte wegen jener Fahnenflucht, die sie gemeinsam begangen hatten, geköpft wurde. Der Kronprinz wohnte auch in den ersten Jahren in einem heute in der Stadt nicht mehr vorhandenen, weil 1787 mit verbrannten Kronprinzlichen Palais, das aber eigentlich auch nur ein Bürgerhaus war. Erhalten blieben aber die schönen, baumbestandenen Wallanlagen rund um die Altstadt. Ihre Bäume wurden - auf Wunsch des Kronprinzen - nicht gefällt und blieben deshalb bis heute erhalten. In ihrem Schatten ging er am Feierabend entlang der ebenfalls erhaltenen Stadtmauer zu seinem von ihm geliebten "Tempelgarten" vor den Mauern der Stadt. Auch dieser ist zum Teil erhalten. Und all das geschah, bevor sein berühmtes Schloss in Rheinsberg fertig gestellt worden war, und bevor er dann nach dort übersiedeln konnte. Dieser am meisten von Schönheitswillen erfüllte aller preußischen und deutschen Könige.

Eine reiche preußische Geschichte und Gegenwart hat die Stadt Neuruppin.***)

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*) Ein entzückendes Städteportrait ist übrigens 1960 in (West-)Berlin über Neuruppin ausgestrahlt worden (6).
**) Da die von Karl Marx so wertvoll analysierte Mehrwertabschöpfung und Ausbeutung durch krasse elitäre landesweite und "globalisierende" Umverteilung heute mehr Aktualität als jemals hat, könnte man sich sogar mit einem solchen Straßennahmen anfreunden - wenn sich denn die heutige Politik die Analyse von Karl Marx wirklich konsequent zu eigen machen würde und daraus die klar zu ziehenden Schlussfolgerungen ziehen würde.
***) Neuruppin bildet sich auch etwas ein auf die hier schon sehr früh produzierten "Neuruppiner Bilderbögen". Es sind das "Bilderbögen" im Stil der "Struwelpeter"-Geschichten. Man muss nicht zu der Meinung gelangen, dass man sie als ein Ausdruck von echter Kultur erachten möchte. So wie aus den Struwelpeter-Geschichten spricht auch aus dem größten Teil dieser "Bilderbögen" ein - sozusagen - "harter" Geist. Durch diese "Bilderbögen" wird eher der Beginn moderner, kulturloser "Massenmedien" charakterisiert, denn die Weiterentwicklung wertvoller Kulturvermittlung für das breite Volk. Ein Thema also eher für Medien-, weniger für Kulturwissenschaftler.
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  1. Blume, Michael: Die Bronzezeit und die Weltreligionen - Perspektiven der interdisziplinären Evolutionsforschung. In: Faszinosum Lausitzer Kultur. Religion, Musik, Medizin. Band 3 der Schriftenreihe Spreewälder Kulturstiftung 2012, S. 29ff (pdf)
  2. Requard, Karl-Heinz: Märkische Heide, märkischer Sand. Wandern mit Theodor Fontane durch die Mark Brandenburg. In: Die Deutsche Volkshochschule (Ratekau), Folge 154, September 2016, S. 24-40
  3. Stadtbrand Neuruppin 1787. Spreevideo, 25.1.2016, https://www.youtube.com/watch?v=OSh6ZeCvAoQ
  4. Stadtbrand Neuruppin und Aufbauplan Neuruppin 1787. Spreevideo, 31.1.2016, https://www.youtube.com/watch?v=55kfscxtX-4
  5. Neuruppin 1960. Spreevideo, 25.03.2017, https://www.youtube.com/watch?time_continue=152&v=w_V0t_UVq3Q
  6. Nur eine Stunde von Berlin - Neuruppin. Berliner Abendschau, 03.02.1960, rbb Retro, https://www.ardmediathek.de/video/rbb-retro-berliner-abendschau/nur-eine-stunde-von-berlin-neuruppin/rbb-fernsehen/