Sonntag, 23. April 2017

Einige Zeugnisse zu dem Schicksal der brandenburgischen Bauern im Dreißigjährigen Krieg

Gesammelt in Chroniken von Dörfern zwischen Havel und Elbe

In dem letzten Beitrag (Preußenblog, 21.4.17) war die kurze Aktennotiz auf dem Gut Kützkow an der Havel vom 2. Januar 1646 gebracht worden darüber, dass aus Anlass der Schlacht bei Wittstock (1636) 
die Kirche zu Bahnitz ihre Kirchenrechnung und Kirchenbuch verlohren, auch seithero keine Rechnung gehalten, auch nichts von den Kirchengeldern abgetragen worden, 
und auch die damit einhergehende Angabe zu den großen Heuwiesen des Dorfes:
Der Priesterwerder ist in 12 Jahren nicht gemehet worden, undt der vorigen Priester nachgelassene Erben geben nichts zum besten, weil sie in den betrübten Kriegswesen umb alles kommen, derwegen man zu keiner Bezahlung gelangen kann. Der andere Werder ist auch nicht gemehet worden.
Diese wenigen Andeutungen warfen schon Licht - allerdings nur blitzartig - auf die Verhältnisse, in denen die Bauern auch auf dem Dorf Bahnitz während des Dreißigjährigen Krieges gelebt haben müssen. Was damit aber alles verbunden gewesen sein kann, erfährt man aus einer solchen kruden Bemerkung und aus der isolierten Betrachtung der Geschichte nur eines einzigen Dorfes in der Regel nicht. Um hier zu einem einigermaßen vollständigen Bild zu kommen, ist es ratsam, seinen Blick etwas weiter schweifen zu lassen, etwa in den Chroniken der Dörfer rund um im Land zwischen Havel und Elbe. Fast jede Dorfchronik eines ganz gewöhnlichen Dorfes zwischen Havel und Elbe weiß, so stellt man dabei fest, von grausamen Schicksalen während des Dreißigjährigen Krieges zu erzählen (Auswahl: 1-5).


Abb. 1: Ochsengespann mit Reitern - Holzschnitt (1915)
von Walther Klemm (1883-1957) (Wiki)

Darüber soll im folgendes einiges - ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit - zusammen getragen werden.

Der Feldprediger und Mitbegründer der Optischen Industrie-Anstalt in Rathenow, Samuel Christoph Wagener (1763-1845) (Wiki) hat 1803 eine Geschichte der Stadt Rathenow herausgebracht, in der sich folgendes zum Jahr 1627 findet (Wagener, S. 224f):
Wallenstein kehrte (...) in die Mark zurück und wählte alles Flehens um Verschonung ungeachtet, dies ausgemergelte Land zum Winterquartiere für seine wilden Horden. In der Mitte des Novembers ward Rathenow und das Havelland vom Oberst Hebron mit 10 Compagnien belegt, deren Stab nach Brandenburg kam. Es mussten demselben monathlich 7700 Gulden geliefert werden. "Wie die Kaiserlichen mit den Märkern umgingen" - sagt die Chronik in Rathenow - "das hat noch kein Mensch so kläglich beschreiben können, dass es nicht noch viel ärger daselbst hergegangen wäre." (...) Die gemeinen Soldaten begnügen sich nicht mit dem Solde, den ihre Obern erpreßt hatten; sie raubten Kleider, Geld, Lebensmittel, wo sie dergleichen fanden; sie erbrachen Kirchen und Gruften und stahlen, was nur einigen Werth hatte; sie holten die Pferde aus den Ställen, das Korn aus den Scheunen und Böden; sie prügelten die Widersprecher, erschossen was sich zur Wehre setzte, zündeten oft noch die ausgeleerten Gebäude an, und überließen sich ihren viehischen Lüsten, besonders gegen das weibliche Geschlecht, ungescheut.

1630 - "... weil sie auf dem Lande nichts mehr zu leben finden"


So schrieb der Feldherr Wallenstein selbst etwa schon am 26. Dezember 1630 an den Kurfürsten von Bayern,
dass eine Einschließung Magdeburgs seine Schwierigkeiten hat, weil die Truppen auf dem Lande nichts mehr zu leben finden.
(zit. n. Kienscherf, 1991, S. 31). Und das schrieb er 18 Jahre vor dem Ende des Krieges.

1631 - Die Radeweger Bauern flüchten in den Wald 


Schauen wir - ganz willkürlich ausgewählt - einmal hinüber zum Dorf Radewege am Beetzsee. Es liegt von Bahnitz aus gesehen hinter der Havel noch einmal 13 Kilometer Richtung Osten, bzw. zwölf Kilometer nördlich der Stadt Brandenburg. Da zumindest im 19. und 20. Jahrhundert Bahnitzer Bauern in diesem Dorf sehr geschätzte Verwandtschaft hatten*), lag dieses Dorf gewiss auch schon im 17. Jahrhundert nicht völlig außerhalb des Bahnitzer Gesichtskreises.

Am 3. April 1631 wurde Radewege vom Schicksal ereilt. Ob nach zeitgenössischen Berichten oder in einer nachempfundenen Erzählung, jedenfalls wird von folgendem in der Dorfchronik (n. Arndt, 2010, S. 31f) berichtet: Die Bauern hatten alles schon vorbereitet, um mit Vieh, Lebensmitteln und Wertgegenständen in die nahen Wälder zu flüchten. Man erwartete den Rückzug der Kaiserlichen Truppen unter dem General Tilly aus Mecklenburg nach Brandenburg. Ein junger Bursche hielt auf der waldigen Anhöhe zwischen Radewege und Marzahne, von wo aus man nach Norden hinüber zum Nachbardorf sehen konnte, Ausschau, um rechtzeitig melden zu können, wenn die Truppen tatsächlich kämen.

Eine Staubwolke bei Marzahne machte klar, dass es tatsächlich so weit wäre. Er lief ins Dorf zurück, warnte die Bewohner und sie verließen mit Sack und Pack auf kürzestem Wege das Dorf in die nächstgelegenen Wälder. Die heranziehenden Truppen fanden nur noch das verlassene Dorf vor. Sie erschlugen eine alte, zurückgelassene Frau und ihren Sohn und brannten das ganze Dorf ab. Das war so üblich, wenn solche Soldaten Wut hatten darauf, das sie nichts und niemandem mehr zum Plündern vorfanden (siehe dazu mehr auch weiter unten).

Kaum waren die Kaiserlichen auf diese Weise abgezogen, rückten die Schweden heran. (Wagener, S. 231f)
Ein schwedisches Observationskorps unter den Obersten Ortenberg, Baudis und Holle ging in Jerichow schon am 13. Juni über die Elbe. (...) Am 28. und 29. Juni marschierte der König selbst mit der Armee über Plaue und Rathenow nach Jerichow, passierte mittels Schiffsbrücke bei Tangermünde die Elbe und bezog hier ein Lager.

1632 - Schlagenthiner Kirchenbuch: "Er sengete und brandte viel Dörfer ab"


Auch das Nachbardorf von Radewege, Brielow, soll mehrfach geplündert und schließlich vollständig zerstört worden sein. Von Radewege ein Blick hinüber Richtung Westen. Da gibt es etwa das Dorf Schlagenthin zehn Kilometer westlich von Bahnitz (zwölf Kilometer nordöstlich der Stadt Genthin). In seinem Kirchenbuch wird für 1632 nur ganz lakonisch festgehalten (zit. n. Kienscherf, 1991, S. 33):
In diesem Jahr zog Gallas, fraß Menschen, sengete und brandte viel Dörfer ab, darauf zogen die Schweden.
Gallas war ein kaiserlicher General. Immerhin scheint dem Wortlaut nach offenbar das Dorf Schlagenthin vom Schlimmsten verschont worden zu sein. Sonst wäre es ja festgehalten worden. Und immerhin hat sich ja offenbar sogar das Kirchenbuch erhalten. Am 14. Dezember 1635 wird darin   ebenfalls ganz lakonisch notiert (zit. n. Kienscherf, 1991, S. 31):
In diesem Jahr haben wir viel erleiden müssen von den Kaiserlichen, Schweden und brandenburgischem Kriegsvolk.

1642 - Gollwitzer Bauern "Im Gebruch und Wäldern bei Frost" versteckt


Wieder zurück nach Osten. Das Dorf Gollwitz liegt zehn Kilometer östlich der Stadt Brandenburg. Im Jahr 1642 heißt es in einem zeitgenössischen Bericht, dass den Einwohnern
nicht mehr denn das bloße Leben übrig geblieben, welches doch sehr vielen zu erhalten sauer worden, dann sie die ganze Zeit im Gebruch und Wäldern sich bei Frost aufgehalten, etliche wohl auch ganz ums Leben kommen und gar viele von den unbarmherzigen Parteien sind nieder gemacht worden.
Damit ist in wenigen Worten wohl schon das meiste gesagt. Ein Menschenleben war damals nicht viel Wert.

1648 - Der Güsener Schulze versucht, sein Dorf zu retten


1648 war bereits im Juni der geplante Durchzug eines schwedischen Heeres über Schönhausen und Genthin Richtung Burg bekannt geworden. 17 Kilometer hinter Genthin liegt das Dorf Güsen (Wiki). Dort waren schon 1640 acht Häuser nebst Scheunen und 1642 weitere zwölf Gebäude durch Feuer zerstört worden. 1648 hatten die Güsener ihre Höfe erst gerade ein Jahr zuvor wieder aufgebaut gehabt. Der Schulze Andreas Melmer aus Güsen schrieb an den Lehnsherren, den Möllenvogt in Magdeburg, einen Bericht über die Ereignisse vom 21. bis 23. August 1648. Dieser ist im Staatsarchiv Magdeburg erhalten geblieben und wirft ein grelles Licht auf die damaligen Verhältnisse (n. Willy Sack):
Danach haben sich von Montag Mittag bis Dienstag um dieselbe Zeit 1200 Reiter vom Leibregiment, die Jungen und Wagen nicht mitgerechnet, in Güsen einquartiert "und großen Schaden an Korn und Heuw gethan, welges noch hette zu vorwinden gewesen". (....) Die dichten Waldungen, die damals in viel größerem Maße den Ort umgaben, boten den Güsenern reichlichen Schutz. Und doch mussten sie immer tiefer hinein fliehen, da die Reiter, es sollen an 400 gewesen sein, enttäuscht über das leer vorgefundene Dorf, auch hier nach den Entwichenen suchten.
Der Schulze, der vom sicheren Waldrand aus das Geschehen beobachtet hatte, entschied sich schließlich dazu, mit fünf weiteren Güsenern zum Schutz des Dorfes in dasselbe zurück zu kehren. Er wird sogar vor den Obersten gelassen. Und dieser verlangt als erstes nichts anderes, als dass er die geflohenen Bauern herbei schaffen solle:
Da erzählt er nun, dass diese schon seit acht Tagen über die Hegell (Havel) seien.
Darunter wäre vermutlich zu verstehen, dass sie nach Osten über das 35 Kilometer entfernte Plaue auf die andere Seite der Havel geflohen wären. Natürlich war das eine Ausrede. Aber sie klang ja scheinbar einigermaßen glaubhaft, solche Dingen kamen also vor:
Es wären auch zu unglückliche Leute, seit einem Jahre haben sie erst wieder aufgebaut wie die neu aufgeführten Gebäude erkennen lassen. (...) Nun soll er dem Obersten noch erklären, warum er im Forst bliebe. In geschickter Weise gibt er sich darauf als Holzfäller des Bischofs von Halle aus, dessen Besitz er erhalten möchte. Aber das würde ihm zu schwer gemacht, wie ja auch das Benehmen der Soldaten nicht zu verantworten wäre. Rücksichtslos raubten diese aus Scheunen das Heu und Stroh. In den Häusern suchten sie nach Schätzen, wobei sie Sachen, die sie nicht gebrauchen konnten, zerstörten. Nicht einmal die Kirche haben sie verschont. Den Altar haben sie geplündert, die als Behang verwendeten Tücher haben sie "alle zerrissen und schimpfiret". Zu solchem Vorgehen sollen die Güsener den Soldaten keinen Grund gegeben haben. Aber deren Wut über die Flucht der Einwohner war zu groß, und sie stellen dem tapferen Gemeindevorsteher grässliche Strafen in Aussicht, wenn sie die Bauern finden sollten.
Der Schulze sah voraus, dass er aufpassen müsse, dass nach Abzug der Reiter die überall im Dorf noch glimmenden offenen Feuerstellen gelöscht werden müssten, da sonst leicht ein Brand entstehen konnte. Zu seinem Leidwesen wurde er aber von dem Obersten als ortskundiger Führer mitgeschleppt, wie es den Bauern damals oft geschah. Die Abteilung zog ins sechs Kilometer entfernte Dorf Ihleburg (Wiki), wo der 1647 zum Oberbefehlshaber der schwedischen Truppen ernannte Pfalzgraf Carl Gustav (1622-1660) (Wiki) (im Text falsch "Carl August")(1656 wurde er König von Schweden), eine große Truppenparade abnahm. Nach dem Schulzen-Bericht (n. Willy Sack):
Prächtige Reiter, Wagen mit schönen Frauen und eine große Bagage waren seine Begleitung. Unser Berichterstatter gesteht, solche Pracht lange nicht gesehen zu haben.
Nach der Parade kehrte ein Teil der Reiter nach Güsen zurück, der Schulze musste einen anderen Teil derselben aber nach der zehn Kilometer weiter gelegenen Stadt Burg führen. Als er nun dort um Entlassung bittet, erklärt der Obrist, wenn er ihm nicht zwei Faß Bier liefere, müsse er weiter mitziehen. Da ruft der Turmwächter von Burg, dass Güsen brennt. Der Schulze eilt mit hilfsbereiten Bauern in sein Heimatdorf, kann dort aber nur noch feststellen, dass 17 Gebäude in Asche liegen:
Nicht eine Garbe Roggen hatten ihnen die Schweden gelassen, der Hafer war ihnen vom Felde fortgeholt worden, da die Pferde der Reiter viel brauchten, die Gerste war zertreten und so überall größte Not. 
Der mit diesem Bericht schon am 24. August desselben Jahres angeschriebene Möllenvogt schickte daraufhin Saatgetreide und gewährte Steuererleichterungen.

Erst nachdem man solche sehr unmittelbare Einblicke genommen hat, wird einem klar, dass eine so eindrucksvolle Erzählung wie "Der Wehrwolf" von Hermann Löns (1866-1914) aus dem Jahr 1910 keineswegs Übertreibungen enthält, sondern sehr wirklichkeitsnah das Erleben der Bauern der damaligen Zeit wiedergibt, insbesondere das ständige Flüchten ganzer Dörfer in den Wald und das Leben daselbst.

Abb. 2: Radierung von Hans Ulrich Franck (1590/95-1675) (Wiki)
(Weitere Bilder zum 30-jährigen Krieg etwa: hier.)

Man wird sich auch klar machen müssen, dass Bahnitz damals nicht so abgelegen gelegen hat, als dass es nicht hätte geplündert und gebrandschatzt werden können. Noch hundert Jahre später sollte der Gutsherr von Goerne in einem Gerichtsverfahren gegen seine Bahnitzer Bauern damit argumentieren, dass die Havel bei Bahnitz doch "nur einen Büchsenschuß breit" wäre und dass die Bauern deshalb morgens ihre Pferde schwimmend von der anderen Seite der Havel holen würden, bevor sie mit ihnen zur Arbeit gingen. (Freilich ist im Sommer der Wasserstand der Havel am niedrigsten.) So hatten also auch berittene Soldaten die Havel überschreiten können, abgesehen davon, dass ja auch Bahnitz und alle Nachbardörfer mehrere Bauernfähren hatten, mit denen dann auch ganze Ackerwagen mit geplündertem Gut in beide Richtungen befahren werden konnten.

Auf beiden Seiten der Havel sind die Truppen während des Krieges zwischen Rathenow und Brandenburg nordwärts und südwärts gezogen, ostseitig über Pritzerbe, westseitig über Nitzahn. Bahnitz lag jedes mal nicht außerhalb der Reichweite der marschierenden oder Unterkunft suchenden Truppen. Und auch in Ost-West-Richtung war der Elb-Havel-Winkel Durchzugsgebiet, wobei die Havelübergänge bei Rathenow und Plaue die begehrtesten waren.

Friedrich der Große über die brandenburgische Politik im Dreißigjährigen Krieg


Der nachmalige preußische König Friedrich der Große (1712-1786) wird mit viel Berechtigung hundert Jahre später das folgende über die Regierungszeit seines Ururgroßvaters, des Kurfürsten Georg Wilhelm von Brandenburg (1595-1640) (Wiki) in der Zeit des 30-jährigen Krieges nieder geschrieben haben (zum Teil auch zitiert in Hohmann/Unger 1999):
Seine Regierungszeit war die unglücklichste von allen Fürsten seines Hauses. Seine Staaten wurden im Verlauf des Dreißigjährigen Krieges verwüstet, und die Spuren, die davon zurückblieben, waren so tief, dass man ihre Merkmale noch jetzt wahrnimmt, wo ich diese Geschichte schreibe. Alle Plagen der Erde stürzten mit einemmal auf die unglückliche Kurmark herab. An der Spitze stand ein unfähiger Fürst, der einen Vaterlandsverräter (Graf Schwarzenberg) zu seinem Minister gewählt hatte. (...) Das Land wurde von befreundeten und feindlichen Heeren überflutet, die gleichermaßen barbarisch hausten. (...) Das Elend erreichte seinen Höhepunkt, als die Bewohner, die dem Schwert des Soldaten entronnen waren, an bösartigen Seuchen zugrunde gingen.
(Zu Graf Schwarzenberg: Wiki.Der König gibt eine recht detaillierte Schilderung des Verlaufs dieses Krieges. Darin heißt es an einer Stelle unter anderem:
Der Kaiser war Sieger über seine Feinde und herrschte nahezu als Despot im Reich. (...) Während die Schweden sich zum Einfall in Deutschland rüsteten, hatte Wallenstein sich in der Kurmark festgesetzt und brandschatzte sie um Riesensummen. Es war unerhört, dass die Kaiserlichen ein befreundetes Land, dessen Fürst dem Kaiser keinen Grund zur Klage gegeben hatte, mit solcher maßlosen Härte behandelten. Wie beklagenswert die Lage Georg Wilhelms war, lehrt die Antwort, die er, wahrscheinlich sehr der Wahrheit entsprechend, auf die Einladung Kaiser Ferdinand II. zum Regensburger Reichstag gab. Er sagt darin: "Die Erschöpfung der Mark setzt mich außerstande, die gewöhnliche Ausgaben zu beschaffen. Noch viel weniger kann ich die Kosten für eine solche Reise aufbringen."
Und weiter schreibt Friedrich der Große dann über das Verhältnis Brandenburgs zum schwedischen König:
Der Kurfürst, der nicht mehr Herr im Hause war, stimmte allem zu, was der König von Schweden wünschte. (...) Es hieße gegen die Gesetze der Billigkeit verstoßen, wollte man Georg Wilhelm die Schuld für all das Unglück aufbürden, das während seiner Regierungszeit hereinbrach. Wenn er schwere Fehler begangen hat, so bestanden sie darin, dass er sein Vertrauen dem Grafen Schwarzenberg schenkte, der ihn verriet. (...) Er war katholisch und hatte immer für den Kaiser Partei genommen. (...) Vor allem muss man dem Kurfürsten vorwerfen, dass er nicht ein Heer von 20.000 Mann ausgehoben hat, bevor der Krieg seine Staaten verödete. Er wäre in der Lage gewesen, es zu unterhalten. (...) Die Truppen hätten dazu gedient, (...) seine Provinzen zu schützen. Wäre der Kurfürst solchermaßen gerüstet gewesen, so hätten Mansfeld und der Administrator von Magdeburg es nicht gewagt, durch das Kurfürstentum hindurch zu ziehen. Kaiser Ferdinand II. hätte in jeder Weise Rücksicht auf ihn genommen. Und es hätte nur von ihm selbst abgehangen, ob er der Verbündete der Schweden werden wollte oder ihr Feind, während er in Wirklichkeit der Sklave der ersten besten wurde.  

Von dem Augenblick an, da Georg Wilhelm diese Vorsorge versäumt hatte, ließ ihm die wunderliche Verwicklung der Umstände nur noch die Wahl zwischen Fehlern: er wurde gezwungen, sich für die Kaiserlichen oder für die Schweden zu entscheiden. Und da er schwach war, waren seine Verbündeten stets seine Herren. (...) 

Fortwährend schwankend, was er tun sollte, kraft- und machtlos, schlug er sich jedesmal, gutwillig oder gezwungen, auf die Seite des Stärkeren.
Natürlich sollten genau diese Fehler dann seine Nachfolger - der Große Kurfürst, der Soldatenkönig und Friedrich der Große selbst - nicht mehr begehen. Das A und O ihrer Regierungsmaxime hieß, ein starkes, stehendes Heer zu unterhalten und hierfür einen wirtschaftlich starken Staat aufzubauen, damit dieses Heer unterhalten werden könne. Im 20. Jahrhundert sollte man ein solches Denken "Militarismus" nennen. Es war aber doch offenbar nur der reinen Notwehr geschuldet. Offenbar liegt doch hier einmal der seltene Fall vor, dass tatsächlich ein Land "aus der Geschichte gelernt" hat. Und es scheint doch genau dieser Umstand gewesen zu sein, der dann den Staat Preußen geschichtlich so bedeutsam gemacht hat. Der zu einem Land wurde, das auch reichste kulturelle Errungenschaften tragen und hervorbringen konnte.


Abb. 3: Der Tod mit Narrenkappe - Allegorie auf den Dreißigjährigen Krieg


Der Rathenower Samuel Christoph Wagener über die brandenburgische Politik im Dreißigjährigen Krieg


Wer einmal in eine Chronik der Stadt Rathenow an der Havel hinein schaut - in eine, die aus dem Jahr 1803 stammt - der wird übrigens finden, dass es fortschrittliche Bürger Preußens gab, die das Urteil ihres Königs vollständig teilten. Es handelt sich hier um die Stadtchronik des Feldpredigers Samuel Christoph Wagener (1763-1845) (Wiki), der sich auch sonst um die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt Rathenow die größten Verdienste erworben hat. Schließlich hat er zusammen mit dem größten Sohn der Stadt, Johann Heinrich August Duncker im Jahr 1801 die "Königlich privilegierte optische Industrie-Anstalt" in Rathenow gegründet, die maßgeblich noch heute zu der wirtschaftlichen Entwicklung Rathenows beiträgt. In der erwähnten Stadtchronik schreibt Wagener noch deutlicher als vormals sein König (S. 219, 227) über jenen ...
ersten Staatsdiener, den frechsten Landesverräter, welchen je die Erde getragen hat, Graf Adam von Schwarzenberg, schwarzen Andenkens. (...) Der Kurfürst ahnte nicht, dass er in diesem Buben die giftigste aller Schlagen in seinem Busen nährte. Als eine Kreatur Ferdinands II. war er und dieser Kaiser die Quelle des unbeschreiblichen Elends, welches damals stoßweise sich über die Mark ergoß. (...) Nur einem Verräter mit Schwarzenbergs Teufelslist konnte es gelingen, den Kurfürsten abzuhalten, sich vom Tyrannenjoche Österreichs loszureißen.
Unter anderem schreibt Wagener auch über das Schicksal Magdeburgs im Jahr 1631 die sicherlich überaus treffenden Worte:
Selbst der Feind schauderte vor Magdeburgs entsetzlichem Schicksal.
Es bedurfte eines zweiten dreißigjährigen Krieges (im 20. Jahrhundert), um die Region Preußen-Brandenburg wieder in jene geschichtliche Bedeutungslosigkeit zurück zu stoßen, die sie während des Dreißigjährigen Krieges innehatte. An den Worten dieser Stadtchronik wird recht gut erkennbar, wie sehr die Lehren des Dreißigjährigen Krieges Bürger und Herrscherhaus zu dem Willen zusammen geschweißt haben, auch als "des heiligen Reiches Streusandbüchse" lieber Amboß als Hammer zu sein im Weltenlauf. - Demgegenüber ist es dann doch auch auffallend, dass der große deutsche Geschichtsschreiber Leopold von Ranke den Kurfürsten Georg Wilhelm im Grunde ziemlich milde und nachsichtig beurteilte. Und zwar so, als wäre sein ein wenig schlafmützenhaftes Verhalten jenem damaligen Flickenteppich, genannt brandenburgisches Staatswesens, doch auch angemessen gewesen:
Diese durch die Vorgänger friedlich und umsichtig zusammengebrachten Landschaften boten keine Gewähr dar, zu einem eigentümlichen und bedeutenden Dasein zu gelangen. Es wäre denn der Nachfolger aus härterem Metall gegossen, vom Genius belebt und von besserem Glücke begünstigt worden.
So schreibt Ranke. Und man ist erstaunt, dass Ranke sich nicht dem Urteil und der Einschätzung des großen Königs anschließt, nach dem Georg Wilhelm (siehe oben) ein 20.000 Mann starkes Heer hätte aufstellen müssen, weil er es gekonnt hätte. Angesichts des schweren Schicksals der Bauern Brandenburgs fällt es einem eigentlich schwer, sich der Milde und Nachsicht des Urteils Rankes anzuschließen. Doch die zitierten Worte Rankes markieren sehr schön den Scheidepunkt, an dem das Kurfürstentum Brandenburg damals stand, indem sie deutlich machen: Ja, es hätte ja auch so weitergehen können wie bisher mit der Wurstelei. Indem er dies sagt, macht er zugleich gespannt auf das, was nun geschichtlich folgte.

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*) Erinnerung an einen dortigen Verwandtenbesuch um 1980 an einem heißen Sommertag: Es beeindruckte die wirklich massenhafte Zahl von Fliegen in der Küche, die dort niemanden zu stören schien, die also als normal angesehen wurde, und die, wenn man etwa ein Stück Kuchen zum Mund hob, erst verscheucht werden mussten, bevor man es essen konnte. Die Fliegen standen, so konnte vermutet werden, in Zusammenhang mit dem großen Misthaufen vor dem Fenster, in der Mitte des großen, typischen brandenburgischen Bauernhofes, der damals dort noch bestand.

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  1. Kienscherf, Dietrich: Dorfchronik von Schlagenthin. 1991 
  2. Riedl (Wusterwitz)/Horn, Ferdinand: Chronik der Stadt Plaue. 1871. Überarbeitet durch Albert  Deichgräber (und G. Lembke). 1942. Neu herausgegeben durch Kurt Michel. Als Manuskript, o.O., o.D. [etwa 2000]
  3. Heine, Walter: 625 Jahre Gemeinde Gollwitz. Gollwitz 2000
  4. Arndt, Gerda: 675 Jahre Radewege. Chronik eines Dorfes am Beetzsee 1335-2010. Radewege 2010
  5. Sack, Willy (Burg): Durchzug eines schwedischen Heeres durch das Jerichower Land im August 1648. In: QSG (Genthin): Chronik Jerichower Land. Als Manuskript, o.O.o.D. [nach 1997] 
  6. Friedrich II., König von Preußen: Denkwürdigkeiten zur Geschichte des Hauses Brandenburg. 1748
  7. Wagener, Samuel Christoph: Denkwürdigkeiten der Churmärkischen Stadt Rathenow. Nicht bloß für Rathenower, sondern für Geschichts- und Vaterlands-Freunde überhaupt bearbeitet. Buchhandlung des Commerzienraths Matzdorff, Berlin 1803
  8. Ranke, Leopold von: Neun Bücher preußischer Geschichte. 1847/48, später erschienen als Zwölf Bücher preußischer Geschichte. 1878/79
  9. Löns, Hermann: Der Wehrwolf. Eine Chronik aus dem Dreißigjährigen Krieg. 1910
  10. Hohmann, Lew; Unger, Johannes: Die Brandenburger. Chronik eines Landes. be.bra verlag, Berlin 1999