Samstag, 30. September 2017

Bauern, Büdner, Häusler, Grenadiere und Kuhhirten

Ob eine Grenze uns heute trennt,
In die Heimat fahr ich so gerne
Vor 30 Jahren mußten wir fort
30 Jahre schon in der Ferne.

Johanna Bading 
Gedicht "Elb-Havel-Winkel"
(Auszug, 1983)

Meine Oma und ihre Vorfahren aus dem Dorf Zollchow im Havelland

Über das Leben meines Opas, eines Bauern in Bahnitz an der Havel (1906-1979), habe ich schon in zwei Blogbeiträgen berichtet (1, 2). In dem vorliegenden Blogbeitrag soll es um die Familie gehen, aus der meine Oma stammte. Es soll um ihre Vorfahren gehen. Und es soll noch einiges über ihr eigenes Leben berichtet werden (was künftig noch ergänzt werden kann). - - - Vielleicht ist es kennzeichnend für die Vorfahren meiner Oma, daß unter ihnen während des 18. und 19. Jahrhunderts mehrmals Nachkommen von Vollbauern in andere Berufsgruppen überwechselten. Sie wurden Schiffer, Halbbauern (Häusler), Soldaten, Kuhhirten, Arbeitsmänner, Schumacher, Leinweber und Schäfer oder heirateten Söhne oder Töchter von Vätern aus diesen Berufsgruppen.

Soweit übersehbar, hatten die Vorfahren meines Opas immer nur unter Vollbauern geheiratet. Daß mein Opa 1932 eine Kossatentochter heiratete, nämlich meine Oma, war in den Jahrhunderten davor nicht üblich gewesen.

Somit ist über die Vorfahren meiner Oma auch Einblick zu gewinnen in ländliche Berufsgruppen, die nicht Vollbauern waren. Ungefähr zur Hälfte war meine Oma Nachfahrin von Vollbauern (in den Kirchbüchern bezeichnet als "Ackermann"), zur anderen Hälfte Nachfahrin anderer Berufsgruppen. Und es mag durchaus typisch gewesen sein für das Bevölkerungswachstum des 18. und 19. Jahrhunderts in den ländlichen Gegenden des Landes Brandenburg und anderwärts, daß einzelne Söhne und Töchter in andere Berufsgruppen wechseln mußten. Im Havelland lag oft der Wechsel zum Beruf des Schiffers nahe. Auch mehrere Soldaten gibt es unter den Vorfahren meiner Oma, sowie die genannten anderen Berufe. Diesen Umstand zu verdeutlichen, wird einer der Schwerpunkte der folgenden Ausführungen sein.


Abb. 1: Ein Büdner- oder Kossatenhof in Zollchow, das Elternhaus meiner Oma - Links Onkel Ernst, ihr Halbbruder, 1984

Das Elternhaus meiner Oma Johanna Bading, geborene Bleis (1910-1985) stand in Zollchow am Dorfausgang Richtung Westen an der Südseite der heutigen Breiten Straße/Ecke Rosenstraße (vormals Karl-Marx-Straße, vormals Hauptstraße) (Abb. 1). Es handelte sich um ein Bünder-, bzw. Kossaten-, also Halbbauern-Haus. Zu ihm gehörten also nicht wie zu den Vollbauernhöfen über 40 Hektar Land, sondern nur 15 Hektar. Dennoch konnte auch davon eine Familie nicht nur leben, sondern sogar drei Kindern eine Berufsausbildung ermöglichen. Dennoch konnte auch ein solcher Hof auf dem Land Brandenburg eigene Pferde für das Wirtschaften unterhalten.

Nach Gründung der LPG 1953 wurde natürlich auf diesem Hof von dem Halbbruder meiner Oma, von Ernst Bleis (1906-1991) Landwirtschaft nur noch im Nebenerwerb betrieben. Er wohnte hier bis zu seinem Lebensende im Jahr 1991. Das Haus ist irgendwann nach 1991 abgerissen worden. Bei unseren alljährlichen Verwandtenbesuchen in der DDR vom Westen aus besuchten wir auch Onkel Ernst und seine Schwester Frieda Bergan, geborene Bleis (1909-1993), in Zollchow regelmäßig. Letztere - Tante Friedel - besuchte uns auch häufiger im Westen, aber Onkel Ernst kam nur einmal zur Beerdigung meines Opas. Tante Friedel lebte ihre Altersjahre in dem in DDR-Zeiten errichteten mehrstöckigen Neubau in der Rosenstraße also nur wenige Meter von ihrem Elternhaus und ihrem Bruder entfernt.

Verwandtenbesuche in Zollchow (1980er Jahre)


Tante Friedel und Onkel Ernst arbeiteten auf der LPG in Zollchow. In damals geschriebenen Familienbriefen wird deutlich wie stark Tante Friedel mit den Ernteerfolgen und -mißerfolgen der LPG mitfühlte. Onkel Ernst hielt sich Geflügel und einige Schweine im Nebenverdienst. Onkel Ernst hatte einen Sohn - Willy Bleis. Willy ging Ende der 1950er Jahre in den Westen und Onkel Ernst wollte seitdem nichts mehr mit seinem Sohn zu tun haben. Er brach völlig mit ihm. Daß der Sohn seinen Vater allein zurück ließ, konnte dieser nicht verwinden. Onkel Willy hatte nun aber auch im Westen selbst kaum Angehörige und hielt nicht zuletzt auch deshalb mit seiner Tante Hanna, meiner Oma, Verbindung, bzw. mit seinen Cousins und Cousinen.


Abb. 2: Die Hofseite eines Büdner- oder Kossatenhofes in Zollchow, dem Elternhaus meiner Oma, 1984

Onkel Willy lebte für viele Jahre mit seiner Frau in Südafrika. Und er lud Oma und Opa nach Südafrika ein. Oma nahm diese Einladung schließlich einmal an. Es existiert noch ein ganzes Fotoalbum mit Fotos von ihrer Reise nach Südafrika und von ihrer Fahrt durch den Krüger-Nationalpark (Abb. 13).


Abb. 3: Die drei Geschwister Bleis: Friedel, Hanna und Ernst in der Wohnküche ihres Elternhauses in Zollchow, etwa 1984

Bei einem der letzten Besuche bei Onkel Ernst zusammen mit meinem Vater werde ich so etwa 25 Jahre alt gewesen sein (um 1990). Damals fiel mir der große Gegensatz auf zwischen der Lebenseinstellung von Onkel Ernst und der meines Vaters. Onkel Ernst war als alter Mann wenn man so will ein "verhutzeltes Männchen" (siehe Abb. 1). Er litt unter einer Schußverletzung aus dem Zweiten Weltkrieg. Er hatte einen Schuß in die Ferse - und von der Ferse an aufwärts - erhalten, worüber er lebhaft erzählen konnte. (Es war dies eine anschauliche Lehre für die soldatische Vorschrift, nach der man, wenn man auf dem Boden in Deckung geht, die Füße flach auf den Boden legen soll. Onkel Ernst hatte das nicht getan.) Onkel Ernst kam mir wie ein sehr altersweiser, seelenvoller Mensch vor im Gegensatz zu der Seelenlosigkeit, Gefühl- und Empfindungslosigkeit meines Vaters, die er sich in Zeiten des westlichen Wirtschaftswunders und in der dortigen Gehetztheit und im dortigen Gerenne und Gehaste der Arbeitswelt angeeignet hatte.

Onkel Ernst wirkte sehr naturverbunden. Wohl fast jeden Tag fuhr er - wie er erzählte - mit dem Fahrrad auf das Feld und in den Wald, beobachtete die Tiere. Und es war anrührend, ihn davon erzählen zu hören. Man hatte das Gefühl: Er hatte viel Schmerz in seinem Leben erlebt, aber eine Altersweisheit gewonnen, wie man sie selten so wird wieder erleben können. Nach meinem Gefühl stand mein Vater seinem Onkel völlig verständnislos gegenüber. Der "Besserwessi" nach dem Buche.

Dabei war es so schön, wenn Onkel Ernst uns seinen Hof zeigte, seine Scheune, seinen Stall, seine Tiere. Alles so anrührend, altertümlich, schon vom Geruch her. Auch "kleinbäuerlich". Er lebte dort in einer ruhigen Welt für sich, sehr genügsam und sehr mit sich und der Welt im Einklang. Das sind meine Erinnerungen an Zollchow. Onkel Ernst hatte sein Elternhaus jener Familie als Erbe nach seinem Tod zugedacht, die sich um ihn in seinen Altersjahren kümmerte. Auch dafür zeigte mein Vater wenig Verständnis. Onkel Ernst hatte für dieses Unverständnis nur ein Schulterzucken.

Abb. 4: Frieda Bleis, geborene Eggert (1888-1970) - aufgenommen1964 in Berlin

Wenn es etwas zu lernen gibt von der Familie meiner Oma, dann das, daß man auch in weniger wohlhabenden Verhältnissen zu einem guten Menschen werden kann, vielleicht sogar zu einem besseren als unter günstigeren, äußeren Verhältnissen. Das schwere Lebensschicksal von Tante Friedel ist mir allerdings erst jetzt hier beim Niederschreiben bewußt geworden.

Flucht aus Hinterpommern (1945)


Die Mutter der drei Geschwister - Onkel Ernst, Tante Friedel und meine Oma - Frieda Bleis, geborene Eggert (1888-1970) (Abb. 4-6), starb 1970 in Zollchow. Zumindest äußerlich hatte sie meiner Oma viel vererbt: den schmalen Mund und auch einige Partien in ihrem Gesicht (Abb. 4). Alle beiden ihrer Schwiegersöhne und auch ihr Sohn Ernst waren im Zweiten Weltkrieg Soldat gewesen. Ihre Tochter Frieda - Tante Friedel - hatte schon vor dem Krieg einen Willi Bergan (1888-1945) geheiratet (Abb. 5). Dieser war tätig als Förster bei der Familie des Barons von Zitzewitz (Wiki) in Groß Krien bei Stolp in Hinterpommern. Stolp liegt 110 Kilometer westlich von Danzig und lag ab 1920 nur 50 Kilometer von der polnischen Grenze entfernt. In einem Einwohnerverzeichnis von Groß Krien ist auch der Name Bergann enthalten (Groß-Krien). Der letzte Baron Günther von Zitzewitz, wohnhaft auf seinem Gutshaus in Bornzin, ist schon 1927 gestorben. Er war vermutlich ein Sohn eines vormaligen Mitgliedes des Preußischen Herrenhauses (Wiki). Über diesen Günther von Zitzewitz heißt es (Wiki):
Seine beruflichen Neigungen galten in erster Linie dem Förstereiwesen. (...) Bei seinem Tod 1927 hinterließ er sieben minderjährige Kinder, und die Bornziner Güter wurden seither von seiner Witwe, Henriette von Zitzewitz, verwaltet. (...) Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Krien am 8. März 1945 von der Roten Armee besetzt. Nach Kriegsende wurde Krien zusammen mit ganz Hinterpommern Teil Polens. Danach kamen Polen in das Dorf und übernahmen die Häuser und Gehöfte. (...) Die deutschen Dorfbewohner wurden vertrieben.
Tante Friedel und ihrem Ehemann wurden kaum zehn Jahre Ehe geschenkt, davon waren fünf Jahre Krieg. Auf einer Familienfotografie, entstanden auf dem elterlichen Hof in Zollchow während des Zweiten Weltkrieges, ist Willi Bergan in SS-Uniform zu sehen (Abb. 5). Im Gesicht meiner Tante Friedel, die ganz links steht, zeichnet sich tiefer Ernst ab. Wohl noch vor dem Zweiten Weltkrieg war ihr Sohn Hans Dieter Bergan geboren worden. Während des Krieges wurde ihre Tochter Christel geboren. 1945 mußte Tante Friedel mit ihren beiden Kindern aus Hinterpommern fliehen. Sie erzählte, daß ihr Ehemann sich noch 1945 freiwillig meldete, um der fliehenden Bevölkerung zu helfen. Dabei kam er ums Leben. Zu diesem Zeitpunkt war sie selbst erst 36 Jahre alt. Bis an ihr Lebensende 1993 lebte sie als Witwe in Zollchow.

Abb. 5: Frieda und Willi Bergan, Wilhelm und Frieda Bleis und Enkelsohn Hans Dieter während des Zweiten Weltkrieges

Blick zurück: 1809 - Sieben Zollchower Bleis-Kinder werden von einer Stiefmutter aufgezogen


Schon für die Eltern meiner Oma habe ich keinerlei eigenes erinnerndes "Gefühl", auch nicht aufgrund irgendeiner Erzählung meiner Oma. In meiner Gegenwart hat sie über ihre Kindheit und Familie in Zollchow eigentlich gar nichts erzählt, zumindest nichts, was mir in Erinnerung geblieben wäre. Sie nahm das wohl alles nicht so wichtig. Am ehesten wurde in unserer Familie noch über die Ereignisse des Jahres 1945 erzählt, als meine Oma mit ihren Kindern vor den Russen von Bahnitz aus zu ihren Eltern nach Zollchow flüchtete und sich alle dort im Wald versteckten (6). Von diesen Umbruchzeiten blieb das Leben von Oma und Opa bis an ihr Lebensende am ehesten bestimmt. Aber ich finde zum Glück in den Unterlagen auch noch zwei schriftliche Zeugnisse zu Erinnerungen an die Kindheit und Jugend in Zollchow. 1981 schrieb ich für die Schule eine Hausarbeit über meine Vorfahren. Dies war der Anlaß, daß meine Oma an ihre ältere Schwester Tante Friedel in Zollchow eine briefliche Anfrage richtete. Tante Friedel antwortete am 3. Dezember 1981:
Ihr Lieben! Komme soeben von Ernst. Ernst hat auch keine Bilder mehr von früher, Hanna. Er weiß auch nichts mehr von unseren Ahnen. Ich wollte Ingo so gerne helfen, da weiß ich eigentlich noch mehr über Mutter. Die Bleis, Großvater Bleis (gemeint: Urgroßvater Bleis), stammte von dem Kröger Bleis Hof. Er mußte fort unter dem Druck der Stiefmutter, sein Vater starb auch, sie heiratete dann den Bruder. Großvater Bleis ging auch zur See. Später kam er zurück. Er wohnte erst in Möllenhofs Haus, dann kaufte er sich unser Grundstück.
Er heiratet sich eine aus Neudessau, wir sind doch manchmal als Kinder mitgefahren, dann ging es mit dem Kahn über die Stremme zu Wiesens, das war Vaters Cousine.
Großvater Bleis hatte zwei Kinder, Vati und Tante Ida. Beide Kinder waren noch klein als die Mutter starb. Großvater, den seh ich noch genau vor mir. Er war groß, hatte einen Vollbart, ging mit einem Stock, ich mochte ihn gern. Auf Dich paßte er immer auf, weil Du die Kleinste warst, Hanna. Mit Tante Idas Verwandtschaft haben wir keine Verbindung mehr. (...)
Nun zu Großvater Eggert. Er besaß einen Schleppkahn, fuhr auf der Elbe Frachtgut, bis Hamburg, er konnte viel erzählen, die Jugend drängte sich abends oft um ihn, wir waren noch zu klein aber manches habe ich doch mitgekriegt. Er lahmte etwas, das war von einer Prügelei. Er brachte uns öfter Südfrüchte, Feigen und Datteln mit, weißt Du noch, Hanna, wir waren vielleicht stolz, weil sowas die anderen Kinder nicht hatten. Großvater Eggert war auch sehr klug, Mutter erzählte uns, der Ziegelei-Besitzer Witte von Kitz holte ihn oft, wenn Fehler in der Buchhaltung unterlaufen waren, Großvater war ein Ass im Rechnen. Großmutter war eine geborene Parey von der Mühle in Bützer. Sie kauften sich als sie heirateten den Hof Neuland, hatten drei Mädchen, Minna, Frida, Anna. Später verkaufte Großvater seinen Kahn. Die Älteste, Tante Minna, bekam den Hof, lebte nicht lange. Die Großeltern zogen dann erst zur Grille, später zu uns. Großvater konnte doch so schön Schifferklavier spielen. Weißt Du noch, Hanna, einmal Ostern? Er stand in der Haustür, spielte uns zur Begrüßung auf - wir quer durch den Roggen bis zur Haustür. Und wo er die Ostereier im Wald versteckte? So schöne aus Schokolade und Zucker mit bunter Kante hatten wir damals noch nicht gesehen, dann gab es Kaffee und Kuchen, war das schön! Großvater Eggert ist auch 85 Jahre alt geworden. Großmutter starb früher, sie war mal von einer Fuhre Heu runter gefallen, hatte seitdem immer große Schmerzen im Kopf, wir kannten sie gar nicht anders. (...)
Mutter hatte in letzter Zeit viel aufgeschrieben, sie zeigte es mir, wo es lag, im Vertico oben. Hätte ich es man an mich genommen, Ernst hat nach ihrem Tode alles verbrannt. Er legte keinen Wert auf sowas.
Dieser Brief erklärt zunächst - sozusagen - das Schlüsselereignis in der Familiengeschichte der Kossaten-Familie Bleis in Zollchow, nämlich wie die Nachkommen einer der beiden Familien Bleis in Zollchow, die seit Jahrhunderten dort Vollbauern waren (3), zu landärmeren Kossaten, bzw. Büdnern und Häuslern wurden. (Immerhin - wie wir noch sehen werden, hatten selbst solche Höfe in Brandenburg noch Pferde.) Der Bericht von Tante Friedel, den sie auf ihren Großvater bezog, ist allerdings nur mit den Lebensdaten ihres Urgroßvaters in Einklang zu bringen. (Deshalb die Einfügung in Klammern.) (3) Bei ihrem Großvater handelt es sich um den 1832 geborenen Büdner, bzw. Häusler Christian (Friedrich Ludwig) Bleis (1832-1915), dessen jüngerer Bruder den Beruf des Schiffers ergriff (3). Tante Friedel schreibt:
(Ur-)Großvater Bleis, stammte von den Kröger Bleis Hof.
Abb. 6: Die Eltern meiner Oma mit Enkelkind während des Zweiten Weltkrieges

Er stammte also von einem der beiden Vollbauernhöfe in Zollchow, die den Familiennamen Bleis trugen*) (5). Christian Bleis und sein Bruder, der Schiffer, hatten keine Stiefmutter. Ihre Mutter Maria Dorothea Caroline, geborene Rahne (1800-1872) lebte sehr lange, ihr Vater Johann Christian Bleis (1801-1877) ebenfalls (3). Erst auf die Generation davor trifft die Geschichte, die Tante Friedel in Erinnerung hatte, zu: Hier hatte die Mutter zwar sieben Kinder, starb allerdings schon im Jahr 1809 mit 29 Jahren: Catharina Elisabeth geborene Röhle (1779-1809) (3). Der verwitwete Ackermann Johann Bleis (1779-1841) heiratete darauf hin nur ein halbes Jahr später eine 24-jährige Frau aus Milow (3). Wahrscheinlich handelt es sich um diese Stiefmutter, über die Tante Friedel schreibt:
Er mußte fort unter dem Druck der Stiefmutter, sein Vater starb auch, sie heiratete dann den Bruder.
Weitere Einzelheiten sind zunächst nicht bekannt.

Blick zurück: Büdner, Häusler, Kuhhirten, Arbeitsmänner, Schumacher, Leinweber und Schäfer


Es könnte aber auch ohne die Stiefmutter-Geschichte verständlich sein, wenn bei sieben Kindern nicht unbedingt jedes der Kinder die Möglichkeit hatte, Vollbauer zu werden. Es war das schließlich eine sehr häufige Erscheinung, daß das älteste Kind den Hof erbte und die nachfolgenden Kinder sich nach anderen Verdienstmöglichkeiten umtun mußten und zum Beispiel Schiffer wurden, bzw. sich in Bauern-, oder Halbbauern-Güter einheiraten mußten oder solche Güter erwerben mußten. Johann Christian Bleis ging zunächst zum Militär, wurde Garde-Kürassier (3). Aber die Zeit der Kriege und des soldatischen Sterbens war damals gerade vorbei. 1826 heiratete er die schon genannte Zollchower Müllerstochter Maria Rahne, deren Großvater Müller in Buschow war und deren Großeltern mütterlicherseits Gastwirte und Schiffer in Milow waren (3). - Die Vorfahren dieses Johann Christian Bleis waren bis dahin - soweit übersehbar - alles Vollbauern gewesen, in den Kirchenbüchern als "Ackermann" bezeichnet. In der männlichen Linie Bleis waren sie als solche erst in Zollchow, davor in Melkow (Wiki) und davor in Vieritz ansässig (3), also immer nur ein oder zwei Nachbardörfer weiter. Der früheste bekannte Bleis aus dieser Linie, der Ackermann Hans Bleis, lebte während des Dreißigjährigen Krieges und kaufte 1661 ein Bauerngut in Melkow. Von dessen Sohn, dem Ackermann Martin Bleis (1633-1655) in Melkow, heißt es (3):
Kauft (in Melkow) einen wüsten Hof vom Amt Jerichow. War vorher Schäfer in Vieritz.
Soweit zu dieser Vorfahrenlinie. Wenn Tante Friedel von ihrem Großvater schreibt:
Er heiratet sich eine aus Neudessau,
ist der Bericht wieder mit anderweitigen Daten vereinbar für ihren Großvater Christian Bleis (3). Dieser heiratete 1871 die Büdner- und Schifferstochter Friedrike Wollbrügge (1841-1889) aus Neudessau bei Schlagenthin. Ihre Vorfahren waren über viele Generationen hinweg Büdner, Häusler, Kuhhirten, Arbeitsmänner, Schumacher, Leinweber und Schäfer (3). Einer ihrer Ururgroßväter aus Nitzahn (ein Valentin Mewes [1734-1786]) war "Kgl. Preußischer Grenadier im Lengefeldschen Regiment und beim von Saldern Regiment", beide in Magdeburg (3). Als solcher könnte er am Siebenjährigen Krieg (1756–1763) teilgenommen haben und diesen überlebt haben.**) Er starb 1786 in Jerchel, wo er eine Frau mit Familiennamen Busse geheiratet hatte (3). 1874 kam Omas Vater Wilhelm Friedrich Ludwig Bleis (1874-1947) zur Welt. In der Niederschrift "Die Bewohner von Zollchow" von Seiten des damaligen Pfarrers heißt es 1892 über die Bewohner der heutigen Rosenstraße (5):
Es folgt in der Hauptstraße an der Ecke Häusler Christian Bleis.
Die Angabe von Tante Friedel
wir sind doch manchmal als Kinder mitgefahren, dann ging es mit dem Kahn über die Stremme
ist sehr interessant. Wird doch hier deutlich, daß man - vermutlich während des Ersten Weltkrieges, nachdem die Pferde schon für die Kriegsführung abgeholt worden waren, und als es schwer war, mehrere Kinder auf dem Fahrrad zu transportieren - Verwandtenbesuche über die Wasserwege unternehmen konnte. Zollchow lag am Königsgraben, Neudessau an der Stremme, beide per Landstraßen 14 Kilometer voneinander entfernt. Der Königsgraben mündet bei Böhne in die Havel, die Stremme mündet bei Milow in die Havel. Somit wird man annehmen können, daß die Familie mit dem Kahn über den Königsgraben bis Böhne ruderte, dann die Havel aufwärts bis Milow, dann die Stremme aufwärts bei Neudessau. Es ist das gewiß noch heute eine landschaftlich schöne Fahrt. Und bei Menschen, die auf diese Weise Verwandtenbesuche unternehmen, ist es gewiß nicht wenig naheliegend, wenn sie sich für den Beruf des Schiffers entscheiden im Haupt- oder Nebenverdienst. Der Landweg zwischen beiden Orten ist noch heute von der Kilometerzahl her nicht wesentlich kürzer als der Wasserweg. Tante Friedel schreibt über das, was sie ja selbst nur aus Erzählungen wußte:
Beide Kinder waren noch klein als die Mutter starb.
Die Mutter starb 1889 mit 48 Jahren. Damals war Wilhelm Bleis 15 Jahre alt, seine Schwester wird jünger gewesen sein. 

Abb. 7: Onkel Ernst Bleis (mitte), der Halbbruder meiner Oma, als Soldat im Zweiten Weltkrieg

Wilhelm Bleis heiratete dann 1908 mit 34 Jahren in Zollchow die Schiffertochter Frieda Eggert aus dem Nachbardorf Bützer. Es gilt die Faustregel, daß wohlhabende Bauern früh heiraten konnten, wenig wohlhabende erst spät. Frieda Eggert brachte ein zweijähriges, uneheliches Kind mit in die Ehe, den späteren (oben schon behandelten) "Onkel Ernst". Von Frieda Bleis geborene Eggert, gibt es eine Fotografie aus dem Jahr 1914 (vermutlich angefertigt für den Ehemann und Vater Wilhelm Bleis an der Front) (Abb. 10). Von den Eltern Bleis gibt es auch noch zwei Fotografien als alte Menschen aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges (Abb. 5 und 6). Auf den Fotografien sind beide körperlich nicht sehr groß, so wie auch der Sohn Ernst und meine Oma körperlich nicht sehr groß gewesen sind. Oma war vielmehr körperlich sehr grazil gebaut.

"Nachprüfung der Getreidebestände durch militärische Kommandos" (1918)


Der oben angeführte Brief von Tante Friedel aus dem Jahr 1981 regte auch meine Oma an, Erinnerungen aufzuschreiben. Hier sind sie:
Unsere Kindheit war schön! Ich habe gerade einen Brief meiner Schwester Friedel in der Hand, sie schreibt, weißt Du noch, mit einem kleinen Kahn mußten wir über die Stremme rudern und Verwandte besuchen. Wir kamen uns wie Könige vor. Und Großvater Eggert, er besaß einen Schleppkahn, schipperte damit auf Elbe und Havel Frachtgut. Bis Hamburg kam er. Er konnte so viel Geschichten von seinen Fahrten erzählen. Wenn er bei uns war, fand sich auch die Jugend ein. Es dauerte nicht lange und er nahm sein Schifferklavier. Und während die Eltern und Freunde sich vor dem Haus auf der Bank unter der Linde von der schweren Arbeit ausruhten, tanzten die Jungen unter der Friedenseiche all die alten Volkstänze "Mutter Wisch, ich nahm die Brille von meinen Augen, ick sehe di", "Dreimal Samtband um Rock" oder wie all die alten Volkstänze hießen, bis mein Vater "Schluß" sagte. Am nächsten Tag früh um fünf Uhr begann ja die Arbeit wieder. Es waren schöne Jahre ...
Und dann begann der Krieg ... Auch wir Kleinen spürten, daß es furchtbar war. Plötzlich hatten wir keine Pferde mehr. Ochsen wurden eingespannt. Der Vater schickte Karten aus Frankreich. Der Lehrer verlegte den Unterricht nach draußen, die ganze Klasse schnitt Brennessel oder schüttelte Maikäfer, ich glaube, es wurde zu Futter für die Pferde verarbeitet. Und bei Herrn von Katte fehlten die Arbeitskräfte, also verzogen wir Schulkinder die Rüben oder pflanzten Kiefern. Ja, wir Kinder kamen uns so wichtig vor.
Zuerst sangen wir noch: Siegreich wolln wir Frankreich schlagen. Unsere Kriegsgefangenen spuckten aus, wenn sie uns hörten. Meine Mutter, wenn wir früher den Vater fragten "Wo ist sie denn?", dann hat er lachend geantwortet: "Horcht wie sie pfeift oder singt." Aber dann hatte auch das aufgehört. Wenn wir aus der Schule kamen, war nur die Frage wichtig: "Hat der Vater geschrieben?" Für viele Familien hieß es: Gefallen für Volk und Vaterland. Das war der erste Weltkrieg.
Vater kam als letzter aus französischer Gefangenschaft zurück. Da hatte es schon Revolution gegeben. Unseren Soldaten und vor allen Dingen den Offizieren, die zurück kamen, hatte man ins Gesicht gespuckt und die Orden und Ehrenzeichen herunter gerissen.
Aber das Leben ging weiter. Wir in den Dörfern hungerten wenigstens nicht. Aber die Kontrolleure kamen: Wieviel Getreide haben Sie noch!? Mutter, sie hatte immer viel Temperament, antwortete: Gerade soviel, daß die Kinder, das Vieh und ich nicht verhungern. - Zeigen Sie uns den Dachboden. - Der große Dicke schob die beiden anderen zur Seite und stieg als erster hoch. Ich kletterte neugierig hinterher. Ich sah gerade noch, wie er den Deckel der großen alten Truhe ein klein wenig hob. Schnell ließ er ihn wieder fallen, schnappte mich und setzte mich und sich selbst auf die Truhe. "Gründlich kontrollieren," befahl er den beiden. Dann stieg er mit mir auf dem Arm als letzter wieder runter. Als sie dann weg waren, fragte ich Mutter völlig durcheinander: "Aber der Große hat ja den Weizen gesehen!?" "Dumme Pute," fauchte mich mein Bruder an. Doch Mutter sagte - und plötzlich konnte sie wieder lachen: "Später!!" Nun, später brauchte sie es mir nicht mehr erklären, das Leben nahm uns damals in eine harte Schule.
Diese Geschichte möchte man für kaum glaubhaft halten. Mußten man damals Getreide abliefern und wurde dafür kontrolliert? Aber an dem Hunger infolge der britischen Hungerblockade starben damals hunderttausende von Menschen in Deutschland (7). Da wird dann schon nachvollziehbar, was Historiker für das Jahr 1918 berichten (8, S. 281):
Die Kommunalverbände ergriffen alle ihnen zu Gebote stehenden Mittel, um die Getreideversorgung zu stabilisieren und veranlaßten auf dem Lande "Nachprüfung der Getreidebestände durch militärische Kommandos". Im Mai 1918 konstatierte die Landesbehörde für Volksernährung in ihrem Monatsbericht an das Ministerium des Innern, daß diese Vorgehensweise zu Beschwerden der Landbevölkerung geführt habe, da "infolge des vielfach rücksichtslosen Vorgehens die Bevölkerung stark erregt" sei.
In einem Fall wurden bei drei Ackerbürgern fast zehn Zentner Hafer und acht Zenter Roggen konfisziert. Man erwartete aber von Amtsseite von solchen Konfiskationen langfristig mehr Nachteile als Vorteile infolge der großen Unzufriedenheit bei der Landbevölkerung. - - - Meine Oma berichtet weiter:
Dann waren die Streiks, Generalstreik. "Was ...," sagte mein Vater nur, er spannte ein, die Hilfskräfte konnten sich die Bauern doch gar nicht leisten. "Mach das Tor auf," sagte er nur zu Mutter. Als zwei Burschen, die man als Streikposten aufgestellt hatte - natürlich waren es Städter -, Vater hindern wollten, auf den Acker zu fahren, lachte Vater sie freundlich an. "Warum streikt ihr denn?" - "In den Städten hungern wir." - "Ja," sagte Vater, "mit Streiken allein wachsen auch bei uns Bauern weder Kartoffeln noch Korn. Also müssen wir wohl statt zu streiken die Kartoffeln in die Erde bringen, damit ihr wenigstens im Herbst zu essen habt. Hü," sagte Vater und mit roten Köpfen sprangen die beiden zur Seite.
Auch daß auf dem Land bei den Bauern gestreikt wurde, höre ich hier zum ersten mal. So richtig glauben kann ich es zunächst nicht. Ich glaube, ich habe früher meiner Oma zu wenig zugehört, wenn sie erzählt hat oder zu wenig gefragt.

Die Inflation und der Wandervogel (1920er Jahre)


Weiter berichtet sie:
Und dann bekamen wir auch noch die Inflation. Ich erinnere mich noch. Vormittags verkaufte Vater einen Wagen Korn und Mutter sauste auf einem alten Fahrrad nachmittags nach Rathenow. Zurück kam sie tatsächlich abends mit zwei schrecklichen, großkarierten Kleidern, meine Schwester hat noch ein Bild, wo wir diese scheußlichen Kleider tragen. Und ausgerechnet in diesen Tagen war Großmutter so krank geworden, daß Mutter beschloß, wir nehmen sie zu uns.
Es handelte sich um jene Eggert-Großmutter aus Bützer, die dauernd Kopfschmerzen hatte, weil sie einmal vom Heuwagen herunter gefallen war. Sie war ursprünglich eine Müllerstochter aus Kirchmöser gewesen (geborene Parey) (siehe unten). Oma berichtet weiter:
Also wurde das Grundstück, das direkt neben unserem Garten lag, verkauft. Und als der Käufer kam, um es zu bezahlen, hatte der geforderte Betrag fast seinen Wert verloren. Aber da hat sie die Fassung gründlich verloren. Noch nach Jahren grüßte sie diese Familie nicht. Und alle Menschen wußten, so geht es nicht weiter.
Aber zuerst - ich war wohl gerade 13 Jahre - bekamen wir einen neuen Lehrer. Er und seine Frau gehörten dem Wandervogel an. Welch eine schöne Zeit für uns. Wir lernten mit vollem Eifer und halfen zu Hause so viel wir konnten. Natürlich durchschauten uns die Eltern. Aber sie schmunzelten, wenn wir vorsichtig davon anfingen, daß der Lehrer übers Wochenende wandern wollte. Es gab ja schon Jugendherbergen und um ein gutes Beispiel zu nennen: Tangermünde. Dort kletterten wir die Stiegen in einem hohen Turm hoch und oben waren einfach Holzbänke und ein Tisch aufgestellt. Nebenan war der Schlafraum. Stroh aufgeschüttet und wir schliefen wie die Murmeltiere.
Vielleicht ist es auch diesem Geist des Wandervogels geschuldet, daß es von meiner Oma aus ihrer Jugendzeit eine Fotografie in Turnerkluft gibt (Abb. 8). Eine solche Fotografie gibt es aber auch von meinem Opa. Das Turnen scheint damals auf dem Land eine sehr populäre Freizeitbeschäftigung gewesen zu sein. Bei dieser fertigte man gerne auch einmal Fotografien an.

Abb. 8: Meine Oma links als junges Mädchen (etwa 1926)

Wilhelm Bleis, der Vater meiner Oma, war also Kossathe in Zollchow und besaß als solcher etwa 15 Hektar Land. Er wurde in Zollchow geboren und starb dort auch 1947. Über seine Vorfahren wurde schon - anhand des Briefes von Tante Friedel - berichtet.

Die Vorfahren meiner Uroma Frieda Eggert aus Bützer


Nun soll noch etwas über die Vorfahren der Mutter meiner Oma gesagt werden, also von Frieda Bleis, geborene Eggert (1888-1970), Schifferstochter aus Bützer. Von ihr sind mehrere Fotografien erhalten geblieben (Abb. 4-6, 10). Ihre Mutter - die mit den Kopfschmerzen - Marie Luise, geborene Parey (1856-1936) stammte aus der Müllerfamilie Parey in Kirchmöser. Deren Vorfahren waren über mehrere Generationen hinweg wieder alle Vollbauern (in den Kirchenbüchern als "Ackermann" verzeichnet) (3). Sie wurde - wie gerade von meiner Oma berichtet - während der Inflation krank. 13 Jahre später starb sie 1936 in Zollchow im 79. Lebensjahr.

Sie hatte den Schiffer Ferdinand (Karl Adolf) Eggert (1851-19..) aus Bützer geheiratet. Dessen Vater Ferdinand Eggert (1826-1905) war wiederum ein Büdner und Schiffer in Bützer, der ursprünglich aus Schmetzdorf stammte, einem Dorf vier Kilometer nördlich von Zollchow (3). Und dieser war wiederum mit einer Vollbauerntochter (Familienname Blücher) aus Klein-Mangelsdorf verheiratet, zwölf Kilometer westlich von Zollchow. Ihr Vater und Großvater waren Ackermänner in Klein-Mangelsdorf (3). Der Großvater des Großvaters Eggert meiner Oma war der Kossate Johann Martin Eggert (1868-1858), der 1858 "als Ortsamer" in Schmetzdorf starb, wo er auch geboren worden war. Sein Sohn war zu diesem Zeitpunkt 32 Jahre alt und war offenbar nicht in der Lage oder willens, sich um seinen Vater zu kümmern. Der Ferdinand Eggert (1826-1905) und seine Frau stammten beide nicht von Vollbauern ab, sondern wiederum von einem Kossathen (Eggert in Schmetzdorf), bzw. einem "Musquetier" (Güldenpfennig in Premnitz), sowie in der Großeltern-Generation von einem Tagelöhner (Eggert aus Groß Wudicke, gestorben 1742) und einem Schneidermeister (Güldenpfennig in Premnitz, gestorben vor 1788).

Abb. 9: Meine Oma als Haushaltsgehilfin eines Landwirtschafts-Rats in Rathenow - Ostsee um 1929

Sowohl auf Seiten der Mutter wie des Vaters meiner Oma gab es also einerseits in langer Generationenreihe Vollbauern (Familiennamen u.a. Bleis, Blücher, Parey) als auch in langer Generationreihe Angehörige anderer ländlicher Berufe (Familiennamen u.a. Wollbrügge, Rahne, Eggert). Die Vorfahren ihres Vaters waren zu drei Vierteln keine Vollbauern, die ihrer Mutter zu einem Viertel. Meine Oma war also etwa zur Hälfte Nachfahrin von Vollbauern, zur anderen Hälfte Nachfahrin anderer Berufsgruppen. Dem Verständnis nach fühlten sich meine Oma und ihre Eltern - soweit ich das übersehen kann - immer einfach nur als Bauern.

Nach ihrem Schulbesuch machte meine Oma eine Ausbildung als Hauswirtschaftlerin. Es gibt noch eine Fotografie, auf der sie gemeinsam mit der Familie eines Landwirtschaftsrats aus Rathenow um 1929 herum Urlaub - vermutlich - an der Ostsee macht (Abb. 9).


Abb. 10: Frieda Bleis und die Kinder Ernst, Frieda und Johanna (meine Oma), etwa 1914

Heirat nach Bahnitz (1932)


1932 heiratete meine Oma nach Bahnitz an der Havel auf den Hof Nummer 5 (1). Während ihr elterlicher Hof 15 Hektar Land hatte, hatte der Hof ihres Ehemannes 44 Hektar. Aber die bäuerliche Tätigkeit an sich war auf beiden Höfen im Grunde dieselbe. In Bahnitz hatte meine Oma zudem aber mit einer resoluten Schwiegermutter auf dem Hof zu tun und mit Knechten und Mägden, denen gegenüber sie sich Autorität verschaffen mußte. Über das Leben meiner Oma erfuhr man schon viel nebenher in den Beiträgen über meinen Opa (1, 2). Meine Oma hat das Leben meines Opas voll geteilt. Als er 1935 den damals sicherlich noch sehr ungewöhnlichen Schritt vollzog und aus der Kirche austrat, als er Ludendorff-Anhänger wurde, tat sie das auch. Die Initiative dazu ging aber sicher von meinem Opa aus (1).

Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg als die Familie nichts über das Schicksal meines Opas wußte, der sich aber in französischer Kriegsgefangenschaft befand, schickte meine Oma ihren ältesten Sohn noch in den Konfirmandenunterricht und ließ ihn konfirmieren. Dort mußte er sich vom Pfarrer sagen lassen, daß solche Leute wie sein Vater schuld daran wären, daß Deutschland den Krieg verloren habe. Meine Oma verlangte von ihren Kindern auch, daß sie zu Hause nur Hochdeutsch und nicht Platt sprachen. Sie legte viel Wert auf Korrektheit. Sie war die Genaue, während mein Opa der Großzügige war, der gerne auch einmal fünfe grade sein lassen konnten. Im Grunde waren sie vom Menschentyp her sehr unterschiedlich.

Abb. 11: Meine Oma Johanna Bading, Bäurin in Bahnitz - im Hintergrund der neu angelegte Obstgarten mit Hausgänsen, 1930er Jahre

Kennzeichnend finde ich, daß mein Opa ihr schon gleich nach dem Krieg aus der Kriegsgefangenschaft im Elsaß schrieb, sie möchte doch mit der Familie zu ihm ins Elsaß kommen, sie könnten sich dort eine neue Existenz aufbauen. Mein Opa sah sehr früh, daß es ein dauerhaftes Bleiben unter der Herrschaft des Kommunismus für ihn nicht geben könne und würde. Meine Oma war viel konservativer, hing viel zäher an ihrer Heimat, für sie war das zu diesem Zeitpunkt noch sehr wenig vorstellbar.

Abb. 12: Johanna Bading mit ihren vier Kindern in Bahnitz, 1944


Altersjahre in Westdeutschland (1953 bis 1985)


Oma und Opa verbrachten ihre Altersjahre im alten Pfarrhaus in Wernswig bei Homberg/Efze, wo sie im Erdgeschoß eine schöne geräumige Wohnung hatten. Im ersten Stock wuchs ich selbst in der Familie auf, darüber lebte die Großmutter, die Mutter meiner Mutter. Oma konnte von ihrer Küche aus auf die Gartenterrasse blicken, dahinter lag ein Fischteich umstanden mit alten Bäumen. Sie liebte es, die Vögel zu beobachten.

Abb. 13: Meine Oma Anfang der 1970er Jahre in Südafrika bei ihrem Neffen Willy Bleis

Ansonsten hatte sie immer viel Kindergeschrei und Familienleben um sich. In der Scheune hielt sie Hühner, im großen Garten baute sie Kartoffeln an. Alle paar Jahre kam ihre Tochter aus Amerika mit ihren Kindern zu Besuch.

Mit meiner Oma sah ich nach Opas Tod (1979) zusammen manchen wertvolleren Film im Fernsehen. Ich erinnere mich an die Verfilmung des Fontane-Romans "Vor der Sturm", den wir gemeinsam sahen. Meine Oma las gerne Fontanes "Wanderungen in der Mark Brandenburg", natürlich insbesondere Kapitel über Gegenden, die sie selbst kannte. Sie las "Kartoffeln mit Stippe" von Ilse von Bredow und "Sprechen wir über Preußen - Die Geschichte der armen Leute" von Joachim Fernau. Sie schenkte mir einmal das Buch "Meines Vaters Pferde" von Clemens Laars. Das war so die gedankliche Welt, in der sich meine Oma gerne bewegte. Auch in ihren Altersjahren fühlte sie sich ihrer Heimat und der Welt, in der man "Kartoffeln mit Stippe" aß, sehr verbunden. Nachdem mein Opa gestorben war, wurde sie sogar ein wenig geistig selbständiger und unabhängiger in ihrem Denken und Handeln und begann in diesem Sinne auch mehrere schöne Gedichte zu schreiben.

Mit ihr zusammen sah ich mir auch einmal eine Fernsehaufzeichnung an der Wagner-Oper "Der Ring des Nibelungen" in Bayreuth. Dabei las ich den Text mit.


Abb. 14: An der Atlantikküste, USA, 1978

Eine meiner frühesten Kindheitserinnerungen ist, wie ich bei Oma und Opa in Espelkamp wohl zum ersten mal allein zu Besuch bin und wie morgens zum Aufwachen die Kirchenglocken läuteten. In ihrer Wohnung fühlte man sich so wohl. Es war so still, die Uhr tickte ... Ein solches Wohlfühl-Wohnen, das zugleich von einer gewissen Herzenswärme getragen ist, kennt man heute wohl gar nicht mehr. Wohnungseinrichtung und die Gemütsstimmung der Menschen gehörten zueinander. Meine Oma hatte einen stoffbezogenen Lehnstuhl, den sie nach hinten kippen konnte. Sie legte sich eine Decke über die Beine und machte so Mittagsschlaf. Oma und Opa stammten aus einer Gesellschaft, in der viel geplaudert und gelacht wurde in Wohnungen, in der man bei Mittagessen, Kaffee und Kuchen Familien- und Nachbarschaftsgespräche führte, in der Gäste gerne willkommen geheißen wurden.

Abb. 15: Auf dem Muttertag in den USA bei ihrer Tochter Hildegard

Zwei ihrer Töchter waren früh und nach Washington D.C. ausgewandert und hatten dort Familien gegründet. Oma flog mehrmals hinüber und es haben sich schöne Fotografien von diesen Besuchen erhalten. Sie wurde dort von ihren Töchtern und Enkelkindern sehr herzlich und überschwenglich begrüßt.

Abb. 16. Auf Muttertag in den USA bei ihren Töchtern

Auf den Fotos sieht man richtig wie sie dort aufblühte, wie sie stolz war auf ihre Töchter und Enkelkinder. Für den 2. April 1985 hatte Oma noch Anfang Dezember einen Flug von Frankfurt am Main nach Baltimore gebucht, ein naheliegender Flughaften zu Washinton D.C., wo ihre Töchter lebten. Der Flug mußte storniert werden, nachdem sie Anfang Februar 1985 sehr überraschend wegen Nierenbeschwerden (?) ins Krankenhaus mußte. Dort ging es ihr bald schlechter aufgrund des Versagens mehrere Organe. Sie verstarb am 6. Februar 1985.

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*) Es muß übrigens nicht sein, daß der Pfarrer 1892 bei seiner Aufstellung (5) einzelne Personen der Familie Bleis, die er in den Kirchenbüchern vorfand, immer dem jeweils richtigen der beiden Höfe den richtigen Personennamen zugeordnet hat.
**) Er starb aber schon mit 51 Jahren. Bei dem genannten Regiment handelt es sich sicherlich um das "Altpreußische Infanterieregiment No. 5 (1806)" (Wiki), dessen Garnison im 18. Jahrhundert in Magdeburg lag. Als der Siebenjährige Krieg (1756-1763) 1756 ausbrach, war Valentin Mewes 22 Jahre alt. In der Zeit des Siebenjährigen Krieges stand das genannte Regiment unter dem Befehl von Ferdinand von Braunschweig-Wolfenbüttel (1721-1792) (Wiki). Dieser machte sich im Krieg sehr verdient. (Außerdem war dieser auch ein bekannter Freimaurer.) Erst nach dem Siebenjährigen Krieg stand das Regiment unter dem Befehl der beiden anderen genanntenRegimentskommandeure. Aber es sollte doch eigentlich unwahrscheinlich sein, daß der Nitzahner Valentin Mewes erst mit 29 Jahren Grenadier geworden ist? Das Regiment stand von 1766 bis 1785 unter Befehl von Friedrich Christoph von Saldern (1719-1785) (Wiki), ebenso ein im Krieg sehr verdienter General Friedrichs des Großen. 1785 bis 1789 stand es unter Befehl von Christian August von Lengefeld (1728-1789) (Wiki), ebenfalls von Friedrich dem Großen sehr geschätzt. Wenn Lengefeld genannt wird, macht es den Anschein, als ob Valentin Mewes bis an sein Lebensende mit 51 Jahren Grenadier war. - - - Die Eltern und Großeltern von Valtentin Mewes waren übrigens alle Vollbauern aus Nitzahn. Die Eltern waren Ackermann Joachim Mewes und Sophia Zander, seine Großeltern waren der Ackermann Hans Mewes und dessen Frau Anna Jerichow, sowie der Ackermann Johann Zander und dessen Ehefrau Maria Mewes. Das erstere Großelternpaar heiratete 1696 und hatte sieben Kinder, das zweite Großelternpaar heiratete 1679 und hatte 14 Kinder.
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  1. Bading, Ingo: Mein Opa - ein gewöhnlicher Ludendorff-Anhänger als Beispiel - Wie mein Opa Ludendorff-Anhänger wurde  - Oder: Beim Blättern in alten Familienalben. Studiengruppe Naturalismus, 1. September 2012, http://studiengruppe.blogspot.de/2012/09/mein-opa-ein-gewohnlicher-ludendorff.html
  2. Bading, Ingo: Mein Opa - ein gewöhnlicher Ludendorff-Anhänger als Beispiel (Teil 2) Das Deutschland der 1950er Jahre aus der Sicht eines westfälischen Ziegeleiarbeiters und Nachtwächters (1958 bis 1961). Studiengruppe Naturalismus, 8. August 2015, http://studiengruppe.blogspot.de/2015/08/mein-opa-ein-gewohnlicher-ludendorff.html 
  3. Vorfahren der Familien Bading und Bleis im Havelland und Elb-Havelwinkel. Als Manuskript, Bahnitz 2003 (nach Familienforscher Bernhard Bleis [gebürtig aus Schönhausen an der Elbe], 21682 Stade, Niederelbe, Triftgang 24, (04141) 85377)
  4. zu Bernhard Bleis siehe auch: Schleusner-Reinfeld, Anke:  Opfer des Zweiten Weltkrieges - Gedenkbücher enthalten Erinnerungen an Schönhausener. In: Volksstimme (Magdeburg), 20.11.2012, https://www.volksstimme.de/nachrichten/lokal/havelberg/969288_Gedenkbuecher-enthalten-Erinnerungen-an-Schoenhauser-die-ihr-Leben-verloren.html 
  5. Nachtigall, Pfarrer: Die Bewohner von Zollchow (1892). Anhang zu: ders.: Pfarrbuch der Parochie Sydow. Zollchow 1890
  6. Bading, Ingo: Der 4. Mai 1945: Das Kriegsende in den Dörfern des Havelbogens Möthlitz, Kützkow und Bahnitz - Eine regionale Studie zu den letzten Kämpfen des Zweiten Weltkrieges. Studium generale, 7. August 2011, http://studgendeutsch.blogspot.de/2011/08/der-4-mai-1945-das-kriegsende-in-den.html
  7. Asmuss, Burkhard: Die Lebensmittelversorgung im Ersten Weltkrieg. Deutsches Historisches Museum, 8.6.2011, https://www.dhm.de/lemo/kapitel/erster-weltkrieg/alltagsleben/lebensmittelversorgung.html
  8. Strahl, Antje: Das Großherzogtum Mecklenburg-Schwerin im Ersten Weltkrieg. Von der Friedens- zur Kriegswirtschaft. Böhlau Verlag, Köln, Weimar, Wien 2015 (GB)