Freitag, 31. August 2012

Erich Ludendorff als Gesprächspartner des militärischen Widerstandes gegen Hitler (I)

Aufsatz in zwei Teilen (dies ist Teil 1 - hier: Teil 2)

Nach dem Tod des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg am 2. August 1934 ist Erich Ludendorff vielfach von den Spitzen des deutschen Staates und der Wehrmacht umworben worden. Er stand aber zugleich in einem scharfen Spannungsverhältnis zu diesen. Das Ergebnis umfangreicher Verhandlungen Erich Ludendorffs mit der Wehrmachtspitze, insbesondere mit Ludwig Beck, lautete für Ludendorff: "Die Wehrmacht wird bald die abgelehnteste Einrichtung im ganzen Deutschen Reich sein." Nach mancherlei Beschönigungen der Wehrmacht in den Jahrzehnten nach der Wiederbewaffnung der Bundesrepublik Deutschland sollte Erich Ludendorff mit dieser Voraussage spätestens mit und seit der Wehrmacht-Ausstellung des Jahres 1995 recht behalten.

Über das Verhältnis Erich Ludendorffs zum Nationalsozialismus und zum Dritten Reich schreibt der Historiker Manfred Nebelin in einer Rezension in der FAZ im Juni 2014:
Leider bleibt es hier wieder bei spärlichen Hinweisen, etwa zur Rolle von Ludendorffs zweiter Ehefrau, der Nervenärztin und Religionsphilosophin Mathilde von Kemnitz („die wirre Mathilde“). So lassen sich die ungeklärten Fragen nach dem Verhältnis Ludendorffs zu Hitler, der NS-Ideologie und dem "Dritten Reich" nicht zufriedenstellend beantworten.
In der Tat: "Die ungeklärten Fragen nach dem Verhältnis Ludendorffs zu Hitler, der NS-Ideologie und dem 'Dritten Reich'". Ihnen ist auch der folgende Artikel gewidmet. Wobei natürlich von vornherein klar ist, dass es Unfug, frauenverachtend und herabsetzend ist, von "die wirre Mathilde" zu sprechen. Aber das nur nebenbei. Die sehr eigenartige Stellung, die Erich Ludendorff während des Dritten Reiches einnahm, ist bis heute überraschend wenig erforscht worden. 2008 ist in der neu aufgelegten "großen" Biographie des Generals Ludwig Beck (1880-1944) von Seiten des Historikers Klaus-Jürgen Müller (1930-2011) in einem sehr ausführlichen Kapitel auch viel Licht geworfen worden auf die Rolle Ludendorffs während des Dritten Reiches (1).

Abb. 1: Erich Ludendorff - Internationales Pressefoto, Ende März/Anfang April 1935
Die Historiker Manfred Nebelin und Rainer A. Blasius haben dann 2012 in ihrem Gedenkartikel zum 75. Todestag Erich Ludendorffs (7) an inhaltlich zentraler Stelle ein zeitgenössisches Zitat von Ludwig Beck gebracht ("Alle Schuld auf Ludendorff"), das - wie genauere Recherche ergibt - dieser schon 1980 erschienenen geschichtlichen Studie über Ludwig Beck von Klaus-Jürgen Müller entnommen ist (8). Diese hat das Verhältnis Ludendorff-Beck inhaltlich schon fast vollständig deckungsgleich dargestellt zu dem neu aufgelegten Buch desselben Autors aus dem Jahr 2008. Auf all das ist der Blogautor erst im Jahr 2012 gestoßen.

Es handelte sich also 2008 gar nicht - wie zunächst gedacht - um Neuerkenntnisse dieses Jahres 2008, sondern um die Wiederveröffentlichung genau derselben Erkenntnisse, wie sie schon 1980 veröffentlicht worden waren, wie sie aber seither so gut wie gar nicht wahrgenommen und rezipiert worden waren von der Geschichtswissenschaft. Und zwar weder von der Wissenschaft selbst, noch von einer etwaig interessierten Öffentlichkeit. Auf das Bild Erich Ludendorffs und seines Verhältnisses zum Dritten Reich hatte die Studie von 1980 seither gar keinen Einfluss genommen, da sie kaum jemanden in ihrer Bedeutung bekannt war und von niemanden dahingehend ausgewertet worden ist bis heute.

Ein bedeutendes Versäumnis des Ludendorff-Forschers Franz Uhle-Wettler

Ein Grund von mehreren dafür, dass das bis heute nicht geschehen ist, liegt sicher darin, dass die Bedeutung dieser Studie von 1980 in der sonst sehr verdienstvollen Ludendorff-Biographie von Franz Uhle-Wettler aus dem Jahr 1995 überhaupt nicht herausgearbeitet worden ist (auch nicht in ihrer kürzlich erfolgten Neuauflage beim Ares-Verlag). Dass diese Bedeutung also von dem Ludendorff-Forscher Franz Uhle-Wettler völlig übersehen worden ist.

Obwohl doch gerade er zu jener "Neubewertung" Veranlassung geben wollte, die im Untertitel seines Buches angekündigt wurde. Statt dessen behandelte er die Inhalte der Beck-Studie aus dem Jahr 1980 auf nur zwei Seiten seines Buches. Und das geradezu beiläufig (S. 415-417). Jedenfalls so, dass dabei keineswegs eine Neubewertung der Rolle Ludendorffs im Dritten Reich herausgearbeitet worden wäre, wie es gerade - und vor allem - anhand dieser Studie zu leisten gewesen wäre und ist.

Das eben angedeutete zeitgenössische Zitat, das ebenfalls derselben entnommen ist ("Alle Schuld auf Ludendorff"), wirft inhaltlich eine solches Füllhorn von Fragen auf, dass es wirklich verwunderlich ist, dass diese Beck-Studie aus dem Jahr 1980 dreißig Jahre lang zu keinerlei Erörterungen über die Rolle Erich Ludendorffs im Dritten Reich Anlass gegeben hat. Erich Ludendorff als einen bedeutenden Faktor innerhalb der Handlungen des deutschen militärischen Widerstandes gegen Hitler anzusehen, lag in den vielen Jahrzehnten offenbar nicht auf der als "volkspädagogisch wertvoll" erachteten Linie der deutschen Historikerschaft. Und das ist offenbar noch heute unangenehm. Aus den Logen und katholischen Orden heraus ist dafür offenbar noch kein grünes Licht gegeben worden. Denn man müsste sich ja dann, wie auch im Eingangs-Zitat anklingt, damit auseinandersetzen, warum Erich Ludendorff so handelte wie er es tat. Aus welchem weltanschaulichen Hintergrund heraus er das tat. Das ist alles - sicherlich! - sehr unangenehm. (Auch auf dem Wikipedia-Artikel zu Erich Ludendorff war übrigens diese für die Biographie Ludendorffs wichtige Studie von Klaus-Jürgen Müller aus dem Jahr 1980 bis zur Intervention des Autors dieser Zeilen nicht genannt.)

Die neuen Erkenntnisse der Jahre 1980 (bzw. 2008) werden im vorliegenden Beitrag kurz genannt unter Anführung einiger der wesentlichsten Sachverhalte aus dem Buch von Klaus-Jürgen Müller. Es wäre allerdings eine sehr viel ausführlichere Auswertung angebracht, als sie im folgenden gegeben werden kann. Dieser vorliegende Beitrag zielt seinem ursprünglichen Anliegen nach vor allem darauf ab, heute weniger bekannte Zeitungsartikel, Photographien und Filmaufnahmen zusammenzutragen, die rund um den siebzigsten Geburtstag Erich Ludendorffs am 9. April 1935 entstanden sind, und die zu erläutern sind mit Hilfe von zeitgenössischen Berichten. Unter anderem auch zwei Photographien aus einem noch bis vor kurzem unbekannt gebliebenen Fotoalbum aus dem privaten Besitz des Generals Werner von Blomberg (1878-1946).

März 1935 - "Er hat für Jahre in Vergessenheit gelebt, jetzt könnte er in den Generalstab zurückkehren"

Abb. 2: März 1935
Die Feier des 70. Geburtstages Erich Ludendorffs in Deutschland wurde auch in der ausländischen Presse behandelt. Aus diesem Anlass wurden viele Artikel über Erich Ludendorff veröffentlicht. Eine Zusammenstellung derselben wäre von Wert. Im folgenden nur einige wenige erste Eindrücke mittel der rückseitigen Beschriftungen von zwei Pressefotos Ludendorffs, wie sie immer einmal wieder auf Ebay zum Verkauf angeboten werden. Auf einem britischen Pressefoto (Abb. 2), dessen Erläuterungstext auf der Rückseite (Abb. 3) offenbar schon am 25. März 1935 verfasst wurde, heißt es (eig. Übersetz.):
General Ludendorffs siebzigster Geburtstag könnte ihn als mächtigen deutschen Armeechef an den Tag bringen
Ein Porträt von General Ludendorff, das im Zusammenhang mit seinem siebzigsten Geburtstag am 9. April angefertigt wurde. General Ludendorff war einer von Deutschlands bedeutendsten Soldaten im Weltkrieg aber er hat für Jahre in Vergessenheit gelebt, besonders seit dem Machtantritt des Naziregimes. Nun wird es allerdings so verstanden, als ob er seinen Gegensatz mit Hitler ausgesöhnt hätte und mit der Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht besteht große Wahrscheinlichkeit, dass er in den Generalstab zurückkehren wird. 25. März 1935
Abb. 3: Pressefoto, 25.3.1935 (Rückseite)
Woher wohl solche Erwartungen kamen? Ludendorff selbst kann zu solchen doch keinen Anlass gegeben haben? Wurden solche Erwartungen bewusst "lanciert"? Etwa von der deutschen Wehrmacht-Führung, um Ludendorff in diese Richtung zu drängen?

Ein weiteres internationales Pressefoto von Erich Ludendorff war das in Abbildung 1 gebrachte. Es war auf der Rückseite (s. Abb. 3a) wie folgt beschriftet (eig. Übersetz.):
Internationales Nachrichten-Foto. Ludendorff im 70. Lebensjahr. Einstmals als ein Nazi-Verräter bezeichnet, nun gefeiert.
Berlin, Deutschland. Ein Foto von Erich Ludendorff, das vor wenigen Tagen aufgenommen worden ist, der heute, am 9. April, seinen 70. Geburtstag feiert. Einstmals von den Nazis als "Verräter" bezeichnet, weil er seine Ernennung als Kriegsminister durch Adolf Hitler zurückwies, wird Ludendorff, Deutschlands Kriegsheld, heute vom ganzen Land gefeiert. Dem Vorabend seines Geburtstages gab er eine besondere Note durch die Zurückweisung des Angebotes der Regierung zur Beförderung vom Generalquartiermeister zum Generalfeldmarschall.
Abb. 3a: Rückseite von Abb. 1
Die hier erwähnte Zurückweisung seiner Ernennung zum Kriegsminister durch Adolf Hitler ist eine Presseente. Doch auch hier fragt sich, wie sie entstehen konnte. Zumindest zeigt auch sie, was in den Köpfen damals alles herumspukte aus diesem Anlass. Vielleicht auch in manchen nationalsozialistischen Kreisen und in Hitlers Kopf selbst, wie sich noch in Goebbels Tagebüchern anlässlich des Todes von Erich Ludendorff im Dezember 1937 andeutet. Aber auch sonst ist dies natürlich ein aufschlussreicher Text.

Schon am Vorabend brachte dann etwa eine Münchner Zeitung (Abb. 4a) schon auf der Titelseite groß die Ankündigung der Ereignisse des nächsten Tages: "Die Wehrmacht am 70. Geburtstag des großen Heerführers".

Abb. 4a: Zeitungsmeldung am Vorabend
April 1937: "Einstmals der militärische Genius der Mittelmächte, nun der Vertreter des Heidentums und der Erzfeind des römischen Katholizismus"

In dem britischen Wochenmagazin "The Sphere" (erschienen von 1900 bis 1964) erschien übrigens zwei Jahre später, 1937, nachdem man sich mit dem zuvor in der internationalen Presse "vergessenen" Erich Ludendorff inzwischen vielleicht ein wenig mehr befasst hatte, ein Artikel mit der Überschrift "Ludendorff ist wieder da" (s. Abb. 5a):

Abb. 5a: Artikel im britischen Wochenmagazin "The Sphere" (1937)
Und der Untertitel redete nicht lang um den heißen Brei herum: "Einstmals der militärische Genius der Mittelmächte, nun der Vertreter des Heidentums und der Erzfeind des römischen Katholizismus". Auch der Inhalt dieses Aufsatzes wäre sicherlich von Interesse für eine allgemeinere Beruteilung der damaligen in Deutschland und international vorherrschenden Sichtweisen auf Ludendorff.

Abb. 4: Aus Blombergs privatem Fotoalbum: Ludendorff empfängt Brigadeführer der SA, 9.4.1935 
Dass Ludendorff 1935 die Ernennung zum Generalfeldmarschall durch Adolf Hitler ausgeschlagen hat, war keine Presseente. Dieser Umstand wird ja immer einmal wieder auch sonst in der Literatur erwähnt. Denn das war etwas Ungewöhnliches in damaligen Zeiten. Und dass Ludendorff bis weit über das Jahr 1933 hinaus in scharfer, öffentlicher Gegnerschaft zum Nationalsozialismus gestanden ist, war ebenso keine Presseente.

Abb. 5: Ludendorff empfängt Brigadeführer der SA, 9.4.1935 (Postkarte)
In erster, ganz vorläufiger Weise lässt sich die These aufzustellen, dass es sich bei Erich Ludendorff um eine "innervölkische Opposition gegen Hitler" gehandelt hat, gegen das durch Hitler repräsentierte "Hijacking" der völkischen Bewegung, und damit gegen wesentliche Teile der NSDAP und der Gestapo, gegen die dort vorherrschende Mord- und Kriegsmoral, natürlich auch gegen die okkulten und männerbündlerischen Hintergründe der NS-Bewegung und des Dritten Reiches. Um eine Opposition, von der führende Angehörige der ganz traditionell-christlichen Wehrmacht-Opposition glaubten, sie könnten sie vor ihren eigenen Karren spannen, bzw. sie könnten sich hinter Ludendorffs breitem Rücken verstecken und ihm die Verantwortung überlassen, die sie selbst schon dadurch übernommen hatten, dass sie Hitler überhaupt zum Reichskanzler hatten ernennen lassen und dass sie den Röhm-Morden seelenruhig zugesehen hatten.

Abb. 6: Ludendorff und Blomberg, 9.4.1935
Klar ist, dass Ludendorffs "Tannenbergbund" und die NSDAP sich seit etwa 1928 in scharfer Ablehnung gegenübergestanden und einander zum Teil scharf bekämpft hatten. Schon in seiner warnenden Schrift "Weltkrieg droht auf deutschem Boden" aus dem Jahr 1930, die in viele Weltsprachen übersetzt und in hohen Auflagen verbreitet worden war, hatte Erich Ludendorff der NSDAP und ihrer "hirnverbrannten Außenpolitik" ebenso wie der rechtskonservativen Frontkämpfervereinigung "Stahlhelm" ein gefährliches Spielen mit dem Gedanken unterstellt, durch die deutsche Beteilung an einem europäischen Krieg etwas Gutes für Deutschland bewirken zu können. Viele europäische Militärmächte erwarteten tatsächlich für das Jahr 1932 einen neuen Krieg - wovon auch schon Ludendorff 1930 ausging, und den er durch seine Veröffentlichungen zu "zerreden" versuchte. Dass 1932 kein Weltkrieg ausbrach, rechneten Erich Ludendorff und viele seiner Anhänger dem fanatisch geführten Aufklärungskampf gegen diesen Krieg durch den Tannenbergbund in jener Zeit zu.

Ludendorff hatte in jener Schrift sehr entschieden die Meinung geäußert, dass Deutschland in einem solchen Krieg nur Schlachtfeld würde. Er beschrieb die Folgen eines solchen Krieges schon 1930 in ziemlich deutlicher Weise so, wie sie sich dann auch 1945 für Deutschland einstellen sollten: Ostdeutschland und Osteuropa von der Ostsee bis zur Adria überrannt von der Roten Armee. In Westdeutschland westalliierte Truppen stehend, die Städte durch Bombenflugzeuge zerstört, die Menschen hungernd und aus ihrer Heimat vertrieben.

Abb. 7: Abschreiten der Ehrenkompanie - v. Fritsch, Ludendorff, v. Blomberg
(dahinter wohl Karl Eberth und Wilhelm Adam, s.u.) Tutzing, 9.4.1935
Hingegen wusste Adolf Hitler noch 1944 einen innerparteilichen Ludendorff-Gegner, bzw. -Hetzer großzügig zu belohnen, weil ihm auch noch 1944 deutlich bewusst gewesen sein muss, wie wesentlich der Kampf der NSDAP gegen den Tannenbergbund um 1930 herum für seinen eigenen politischen Erfolg gewesen ist.

Abb. 8:  Abschreiten der Ehrenkompagnie - Ludendorff, v. Blomberg, v. Fritsch - Tutzing, 9.4.1935
(Herkunft: Postkarte)
Am 2. August 1934 war nun der Reichspräsident Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg, der Adolf Hitler am 30. Januar 1933 - für viele so überraschend - zum Reichskanzler ernannt hatte, gestorben. In der Wehrmachtspitze ebenso wie innerhalb der NSDAP erinnerten sich nun viele Erich Ludendorffs. Als den bedeutendsten lebenden Repräsentanten des "alten Heeres", ja, als "Mitkämpfer vom 9. November 1923" suchte man ihn für den neuen Staat zu gewinnen. In der Wehrmachtführung suchte man ihn als Gegengewicht gegen die Alleinherrschaft Hitlers und seiner Kriegspläne zu gewinnen. Hitler hat ebenfalls versucht, Ludendorff (neben Rosenberg) als Gegengewicht gegen die starken Einflüsse des Vatikans auf die deutsche Politik in Stellung zu bringen. Darin war er allerdings außerordentlich schwankend. Ludendorffs Gegnerschaft gegen die imperialistischen Bestrebungen der NSDAP waren ebenso bekannt wie seine Gegnerschaft gegen die katholische Kirche.

Abb. 9: Fliegerstaffel zur Ehrung Ludendorffs an dessen 70. Geburtstag, 9.4.1934, Tutzing
(Herkunft: Postkarte)
Ludendorff ließ sich aber weder "vor den Karren" der NSDAP, noch "vor den Karren" der Wehrmacht spannen. Auffallenderweise fand dann kurz nach seinem Tod im Dezember 1937 die Blomberg-Fritsch-Krise statt und das Ersetzen der kriegsunwilligen Generäle und des kriegsunwilligen Außenministers durch Hitler willfährigerere Personen.

Abb. 10: Die Generäle von Fritsch, von Blomberg und Erich Ludendorff
Übrigens ein Geschehen, das der astrologiegläubige Geopolitiker Karl Haushofer damals im deutschen Rundfunk rundum positiv bewertete als ein "Sturmfest-Machen" des deutschen Staatsschiffes angesichts der schweren Krisen, die Haushofer für die nächsten Monate und Jahre zuversichtlich erwartete ... (In seinen öffentlichen Rundfunk-Kommentaren betätigte sich Haushofer als ein Kriegshetzer, wie man es von Hitler selbst in jenen Jahren öffentlich so gut wie nie hörte.)

Abb. 11: Die Generäle von Fritsch, von Blomberg und Erich Ludendorff,
rechts hinter Ludendorff Adjutant von Treuenfeld
Abb. 12: Die Kapelle spielt
Die Feier des 70. Geburtstages Erich Ludendorffs

Zurück ins Jahr 1935: Die Versuche von Partei und Wehrmacht, Ludendorff vor ihren Karren zu spannen, begannen im Wesentlichen im Umfeld des 70. Geburtstages von Erich Ludendorff am 9. April 1935 (Abb. 4 - 20). Noch am Vorabend hatte Hitler - zur Überraschung für viele - für ganz Deutschland die Beflaggung aller Staatsgebäude angeordnet.

Abb. 13: Mathilde Ludendorff, die Generäle von Blomberg, von Fritsch und Ludendorff
auf der Gartenterrasse Ludendorffs in Tutzing
kurz vor den Ansprachen Blombergs und Ludendorffs, 9.4.1935
(Herkunft: Weitze.net)
Die Wehrmachtführung unter dem Oberbefehlshaber der Wehrmacht, Generaloberst Werner von Blomberg, besuchte Ludendorff in seinem Haus in Tutzing und überbrachte die Glückwünsche des "Führers und Reichskanzlers". Die Wochenschau brachte Filmaufnahmen von dieser Geburtstagsfeier und einen kurzen Ausschnitt aus Ludendorffs Ansprache (Criticalpast). Bei dieser Aufnahme fällt auf, dass Erich Ludendorff nach seiner Rede keineswegs mit Hitler-Gruß "Sieg Heil!" ruft, wie es zum Teil die Menge tut, sondern dass er drei mal den Arm schwenkt mit seitlich geöffneter Hand und dabei nur "Heil!" ruft. Außerdem konnte man zuvor schon während der "Sieg Heil!"-Rufe der großen Menge in der Nähe der Filmkamera jemanden sehr deutlich "Heiho, Heiho!" rufen hören.

Abb. 14: Mathilde Ludendorff, Bronsart von Schellendorf, von Blomberg, von Fritsch und Ludendorff
auf der Gartenterrasse in Tutzing
(Herkunft: Weitze.net
Ob das eine Verhöhnung der "Sieg Heil!"-Rufe durch Ludendorff-Anhänger gewesen ist oder in welcher Form das eine Art "Nonkonformität", ein Protest gegen das Massenverhalten der damaligen Zeit darstellte, kann nicht mit letzter Sicherheit entschieden werden. "Heiho!" war der Titel einer der Ludendorff-Bewegung nahe stehenden Jugendzeitschrift, die von einem vormaligen Angehörigen der Jugendbewegung, von Fritz Hugo Hoffmann, herausgegeben wurde (ZVAB). (Der langjährige Ludendorff-Anhänger Fritz Hugo Hoffmann ist 1939 sehr überraschend in das okkulte Lager gewechselt und hat Vorträge am Sanatorium des einflussreichen Okkultisten und Buddhisten Karl Stunckmann  [Pseudonym "Kurt van Emsen"] gehalten. Über sein etwaiges Nachkriegsschicksal ist einstweilen nichts bekannt.)

Abb. 15: Ludendorffs spricht - die Filmaufnahme dazu auf: "Criticalpast"
Mit "Heiho!" fing damals auch ein unter Neuheiden und Ludendorff-Anhängern populäres antichristliches, antipäpstliches Lied an: "Heiho, die Heidenfahnen weh'n, sie grüßen unsere Schar ...". Es enthält unter anderem die Strophe: "St. Peters Felsen wanket schon, bestürmt ihn, bis er bricht / wenn fällt der letzte Priesterthron, dann wird's in Deutschland licht." Zeitweise waren auch diese Worte als gegen den Nationalsozialismus gerichtet empfunden worden, der mit dem Reichskonkordat und anderem von Kirchenkritikern bis 1935 als "romhörig" empfunden worden ist.

Abb. 16: Mathilde und Erich Ludendorff auf ihrer Gartenterrasse, 9.4.1935
(Herkunft: Weitze.net
Noch im Jahr 1966 wird eine Werbeanzeige für Ferienaufenthalte auf einem Bauernhof in Schleswig-Holstein (in der Zeitschrift "Mensch & Maß", 9.4.1966) geschlossen mit den Worten: "Mit unserem vertrauten Gruß Heiho!" Woraus wohl auf eine allgemeinere Verbreitung dieser Grußform unter Ludendorff-Anhängern geschlossen werden kann.

Abb. 17: Mathilde und Erich Ludendorff auf ihrer Gartenterrasse, 9.4.1935
(Herkunft: Postkarte)
Ludendorff selbst hatte in den Vorgesprächen zu diesem Besuch klar gemacht, dass ihm ein Besuch Hitlers selbst unerwünscht sei. Ebenso wollte er sich von Hitler nicht zum Generalfeldmarschall ernennen lassen.

Abb.: Ehepaar Ludendorff auf der Terrasse ihres Hauses in Tutzing, 9. April 1935
(Herkunft: Ebay, Oktober 2014)
Ein privates Fotoalbum von Werner von Blomberg

Vor einiger Zeit ist ein privates Fotoalbum des Generalobersten Werner von Blomberg versteigert worden (bei Ebay). In ihm finden sich neben Manöverfotos und Fotos von zahlreichen gesellschaftlichen Anlässen,  Besprechungen und Dienstfahrten auf einer Seite auch zwei Fotos mit der handschriftlichen Erläuterung: "Ludendorffs 70. Geburtstag in Tutzing".  (Leider waren die Fotos bei Ebay nur in schlechter Qualität eingestellt worden, siehe Abb. 4 und 18.)

Abb. 18: Aus Blombergs privatem Fotoalbum:
Blomberg und Fritsch bei Ludendorff in Tutzing, 9.4.1935
Oben auf der genannten Album-Seite befand sich zunächst das hier als Abbildung 4 wiedergegebene Foto. In einem sehr ausführlichen und reich bebilderten Bericht dieses Tages - wohl aus der Feder von Mathilde Ludendorff (2) - ist ein diesem sehr ähnliches Foto veröffentlicht worden. Es entstand während eines Besuches, der schon sehr früh am Morgen des 9.4.1935 stattfand, noch bevor die Wehrmacht-Generalität eintraf (2, S. 57):
... Danach meldeten sich, geführt von Herrn Lohbeck, Brigadeführer der S.A., die gerade in München zu einem Kursus versammelt waren und zuvor um den Empfang gebeten hatten. Der Feldherr sprach mit ihnen in eindringlichen Worten über die Notwendigkeit der seelischen Geschlossenheit des Volkes ...
Warum gerade auch dieses Foto, das noch vor der Ankunft von Blomberg's und von Fritsch's bei Ludendorff an diesem Tag entstanden ist, von so vielen anderen möglichen seinen Weg in das Album von Blomberg gefunden hat, darüber kann derzeit nur spekuliert werden. Ludendorff hatte sich geweigert, an diesem Tag Hitler zu empfangen. Vielleicht wurde das Zugeständnis Ludendorffs, dennoch diese Partei-, bzw. SA-Führer zu empfangen, von Blomberg als Zeichen grundsätzlicher Gesprächsbereitschaft auch mit Kräften der NSDAP empfunden?

Oder war es umgekehrt ein weiteres Signal des Mitgefühls mit den Ermordeten des 30. Juni 1934, zu denen zahlreiche enge frühere Mitkämpfer Ludendorffs gehörten (z.B. Röhm selbst, ebenso Gregor Strasser), und wie er es schon unmittelbar danach durch einen Privatbesuch bei der Witwe von Gregor Strasser zum Ausdruck gebracht hatte?

Abb. 19: Ludendorff begrüßt Anhänger
Links steht der "SA-Oberführer" Hermann Lohbeck, ein vielfach ausgezeichneter Offizier des Ersten Weltkrieges. Er stammte aus Düsseldorf (1892-1945, gest. in Frankfurt/Oder) und war 1933 Führer der dortigen SA-Brigade 75. Als solcher hatte er 1934, also nur ein Jahr vor diesem Besuch, offenbar in Opposition zum dortigen Gauleiter Karl Florian gestanden und auch schwere Auseinandersetzungen, zum Teil gewalttätiger Art sowohl mit anderen SA-Führern und -Kameraden, als auch mit diesem Gauleiter gehabt. Wobei auch Trunkenheit eine Rolle gespielt haben und auch eine Reitpeitsche benutzt worden sein soll (3, 4). Auf den ersten Blick drängt sich auf: Typischstes SA-Rabaukentum. Davon muss freilich Ludendorff, was diesen Einzelfall betrifft, nichts gewusst haben. 1935 ist Lohbeck deshalb ja auch rehabilitiert worden. Auch scheint es Berichte von Misshandlungen Gefangener durch Lohbeck zu geben (3). Durch derartige biographischen Angaben stellt sich die Frage natürlich noch einmal verschärft, warum Ludendorff an seinem Geburtstag, ein Dreivierteljahr nach den Röhmputsch-Morden, ausgerechnet SA-Führer empfing und warum von Blomberg ausgerechnet ein Foto davon in sein privates Album klebte.

Abb. 20: Ludendorff begrüßt Anhänger
Vielleicht deutet sich eine Antwort auf diese Frage an in Geschehnissen zwei Jahre später, im Sommer 1937, als Adolf Hitler und andere in seinem Umfeld im Zusammenhang mit der sogenannten "Landesverrats-Affäre" Mordpläne gegen Erich Ludendorff hegten (Stud. Nat. 01/2013). Da erhielt Erich Ludendorff eine sehr konkrete Warnung über diese Mordpläne Anfang Juli 1937, stammend von einem namentlich nicht genannten Sturmbannführer der SA, der von einem namentlich nicht genannten Brigadeführer der SA über jene Äußerungen gehört hatte, die Adolf Hitler am 5. Juni 1937 in einer Ansprache vor einer Gauleiter-Versammlung in Berlin gemacht hatte. Und am 13. Juli 1937 erhielt Erich Ludendorff einen:
Brief aus Berlin, Feldherr möchte sich durch Leute der SA schützen lassen.

Aufsatz in zwei Teilen --> hier folgt: Teil 2

Dienstag, 8. Mai 2012

Im Gästehaus des Königs von Preußen

Zum 300. Geburtstag des großen Freigeistes Friedrich II.

Man denke sich Angela Merkel, Jürgen Habermas, "Kulturstaatsminister" Michael Naumann, den "geistreichen Plauderer der Nation" Jörg Thadeusz und - sagen wir - einen Generalfeldmarschall Helmuth Graf von Moltke (d.Ä.) - und außerdem noch zahlreiche andere Personen - vereinigt in einer Person. Nicht möglich? Doch: König Friedrich II. von Preußen, dessen Geburtstag sich in diesem Jahr zum 300. male jährt, hat alle diese Personen in sich vereinigt. Wobei die eigentliche Bedeutung dieses Königs nicht darin liegt, daß er ein erfolgreicher Politiker oder ein tapferer und erfolgreicher Feldherr gewesen ist. Mit beidem schuf er sich bestenfalls die Voraussetzungen für die von ihm gesehene Hauptaufgabe. Und diese lag darin, daß er ein bedeutender Förderer der Kultur und der geistig-moralischen Entwicklung seines Landes - und Europas überhaupt - gewesen ist.

Dieser Umstand könnte im Preußenjahr 2012 noch weitaus deutlicher herausgestellt werden, als es gegenwärtig geschieht. Wer heute nach Potsdam und Sanssouci fährt, betritt Boden, der überall von Kultur durchtränkt ist. Und dieser Umstand ist niemandem mehr zu verdanken als Friedrich dem Großen. Man betritt eine "Kulturlandschaft", die wie keine zweite diesen Namen verdient. Überall, wo Friedrich in Berlin und darüber hinaus seine Spuren hinterlassen hat, trifft man auf Kultur. Man denke nur an den Gendarmenmarkt, Berlins "schönsten" Platz.

Welche von den Kasernen Friedrichs des Großen steht heute noch? Welcher seiner Exerzierplätze ist heute noch bekannt? Sein Staat ist zerschlagen wie kaum ein zweiter in der Geschichte. Aber sein kulturelles Erbe wird gepflegt, wohin man blickt. Mit großer Andacht. Sicherlich weil viele ahnen: Hier liegt die eigentliche Bedeutung dieses großen Königs - und damit: dieses großen Menschen.

Abb. 1: Figurengruppe "Apoll und die Musen" aus der Hadriansvilla  bei Rom im Empfangssaal des "Neuen Palais"

Ein gutes Beispiel: Wer die diesjährige Friedrich-Ausstellung im "Neuen Palais" in Potsdam betritt, steht im zentralen Empfangssaal zunächst der Figurengruppe "Apoll und die Musen" gegenüber. Eine Figurengruppe aus dem ersten Jahrhundert nach unserer Zeitrechnung. Diese griechisch-antiken Skulpturen waren im 16. und 17. Jahrhundert in der Nähe der Hadriansvilla bei Tivoli, 30 Kilometer nordöstlich von Rom, ausgegraben worden. Dort hatte man ähnlich bedeutende Funde gemacht wie zu gleicher Zeit in Pompeji. Und Friedrich erwarb diese bis dahin in Frankreich aufbewahrte Figurengruppe schon im dritten Jahr seiner Regierung, 1742, um sie in seinem Antikentempel in Sanssouci aufzustellen und dort der Öffentlichkeit und der Wissenschaft zugänglich zu machen.

Abb.2: Männliches Genital hinter Frauenkleid? Achill versteckt sich feige bei den Töchter des Lykomedes? - Nein, es ist Apoll!
Zu seiner Zeit war die Figurengruppe noch irrtümlich interpretiert worden als "Odysseus erkennt Achill unter den Töchtern des Lykomedes" (gut erläutert hier: PNN). Eine recht amüsante Verwechslung, da man hinter Frauenkleidern das männliche Genital des Achill vermutete. Es waren aber keine Frauenkleider, sondern im 1. Jahrhundert ließ man auch Apoll so bekleidet sein. Nachdem die Wissenschaft - erst nach Friedrichs Tod - erkannt hatte, daß es sich um eine falsche - genitalgesteuerte - Zuordnung gehandelt hatte, wurde die Skulpturengruppe - nach einer Neubearbeitung durch den Bildhauer Daniel Friedrich Rauch - im Alten Museum in Berlin neu aufgestellt. Dort steht sie bis heute. In diesem Jahr ist sie aber für die Friedrich-Ausstellung - unter Betonung der vormaligen Interpretation der friderizianischen Zeit - noch einmal nach Potsdam zurückgekehrt.

Während sie zuvor im Alten Museum in der Masse der dort aufgestellten Skulpturen geradezu "untergangen" war, wird sie an diesem Ort viel eher in ihrem Eigenwert wahrgenommen.

Der Kulturförderer Friedrich

Und dies war bei weitem nicht die einzige kulturell bedeutende Erwerbung Preußens während Friedrichs  Regierungszeit. Gleichzeitig zum Antikentempel umgab sich Friedrich in Sanssouci etwa mit der ebenfalls schon damals öffentlich zugänglich gemachten Bildergalerie, in der er bedeutendste Gemälde der europäische Kunstgeschichte sammelte. 

Friedrich der Große war weiterhin, was ja heute noch vielen bekannt ist, ein Förderer des Musiklebens. Rief er doch bedeutende Musiker seiner Zeit nach Berlin und pflegte den Austausch mit ihnen, ja, musizierte und komponierte selbst. Und schließlich: Friedrich war ein Liebhaber des geistreichen, heiteren, philosophischen Gespräches, bzw. des geistreichen Plauderns und Scherzens. Eine Eigenschaft, für die vielleicht heute am ehesten noch ein Jörg Thadeusz steht in der sonst zumeist sehr trist gewordenen, die Menschen immer passiver machenden "Talkshow"-Kultur.

In der ebenso wertvollen Ausstellungs-Abteilung über die Freunde Friedrichs (im Neuen Palais rechts unten) wird einem erst wieder bewußt gemacht, mit welcher Art von Menschen er den Umgang liebte, welche Späße er mit ihnen machte und welche Spannungen es - immer wieder - zwischen ihm und einzelnen von ihnen gegeben hat. Es ist etwas anderes, weit "entfernt" von den Geschehnissen davon zu lesen, als mit der damaligen Lebensumwelt und einzelnen "Sachgütern" und authentischen Porträts, die damit in Zusammenhang standen, direkt konfrontiert zu sein. - Da wünscht man sich, daß große Teile dieser Ausstellung als Dauerausstellung im Neuen Palais bleiben würden. (Viele exemplarische Fotos, die einen guten Eindruck von der Vielfalt des Ausgestellten geben, findet man übrigens unter "Pressebilder".)

"Die meisten Bürgerlichen denken niedrig" - Friedrichs fremdartiges Staatsverständnis

Was man übrigens bislang nie so ganz verstanden hatte, war die Frage: Warum hat Friedrich eigentlich dieses riesige, prachtvolle, fast überdimensionierte "Neue Palais" gebaut? Man versteht offenbar viel von Friedrich und seiner Zeit, wenn man sich bemüht, die Gesamtheit der Motive zu würdigen, die ihn dazu veranlaßten, ein solches Gebäude zu bauen. Und es so zu bauen, wie er es baute.

In erster Linie war es ein Gästehaus für die alljährlichen Besuche seiner über Mitteleuropa verstreuten Verwandten. Dazu gleich noch mehr. Es war zum 2. seine Art von "Siegesdenkmal" nach dem Siebenjährigen Krieg, in dem er zum Beispiel sächsische Kriegsbeute stolz, wenn auch ganz kultiviert - etwa in Form von erbeutetem Meißner Porzellan - präsentierte. Es war zum 3. sicherlich auch politischer "Bluff", indem er der Welt den Eindruck zu verschaffen suchte: Wer solche Schlösser bauen kann, der steht wirtschaftlich ungebrochen da, den sollte man nicht noch ein viertes mal versuchen anzugreifen. Zum 4. diente der Bau dieses Schlosses neben so vielem anderen einfach der wirtschaftliche Kräftigung und Förderung seines Landes, bzw. vor allem auch allen Bereichen der einheimischen Kunst und des Kunsthandwerkes.

Zum 5. versteht man die Art dieses Baues nur aus Friedrichs ganz "vormodernem" Verständnis vom Funktionieren eines Staates und einer Armee heraus. Obwohl das Gebäude bald nach Fertigstellung der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde, kann es doch nicht eigentlich volkstümlich genannt werden. Friedrich sprach ganz selbstverständlich nicht vornehmlich den Bürger- oder Bauernstand an mit diesem "Siegesdenkmal", sondern vor allem "Seinesgleichen", das heißt, vor allem den Adel seines Landes. Sein Land mit Kultur zu schmücken, sollte vor allem das Selbstbewußtsein, den Stolz und das Ehrbewußtsein des Adels für das Land und die Verbundenheit desselben mit der Monarchie stärken. Bürgerliche sollten zum Beispiel innerhalb Preußens keine Adelsgüter kaufen können (4):
"Erwerben Bürgerliche Landbesitz, so stehen ihnen alle Staatsämter offen. Die meisten denken niedrig und sind schlechte Offiziere." Die Bemerkung zeugt davon, wie sehr der König in ständischem Denken befangen blieb. (...) Nur der Adel besaß nach Meinung Friedrichs II. "Ehre", ein Standesbewußtsein, das ihn befähigte, dem Staat selbst mit dem eigenen Leben zu dienen. Bürgerliche hatte er während des Krieges zwar notgedrungen aufrücken lassen, doch auf die Dauer wollte er einen solchen Zustand nicht dulden, weshalb er die meisten Offiziere bürgerlicher Herkunft wieder entließ. Die Wohlfahrt des Staates und der Armee beruhte nach Ansicht des Königs darauf, "jederzeit genugsame Edelleute" in seinen Landen zu haben, "welches Endzweckes sie verfehlen würden, wann die Anzahl derer Edelleute durch Verkaufung ihrer Güter an Personen bürgerlichen Standes nach und nach verringert werden sollte."
In diesem Punkt also war Friedrich ganz "unmodern" (siehe auch: 5, S. 31ff). Und es würde wohl viel zum besseren Verständnis von Friedrich und seiner Zeit dienen, wenn man diesem Punkt ausführlicher nachgehen würde. Er vor allem würde einem verständlich machen können, warum einem Friedrich "nah" und "entfernt" zugleich erscheint. So volkstümlich er als Person auch bei Bürgerlichen und Bauern in ganz Europa und Nordamerika war: Er selbst sprach mit seinem "Siegesdenkmal" seine europäischen adligen Verwandten und den Adel seines Landes an.

Die Gastfreundschaft Friedrichs

Nun aber zurück zum ersten Motiv. Friedrich wird bis heute gern dargestellt als menschenfeindlicher Eigenbrötler, als "Einsiedler von Sanssouci", der Hofgesellschaften abgeneigt war. Das ist aber, wie man im Zusammenhang mit der derzeitigen Ausstellung im "Neuen Palais" erfahren kann, bestenfalls das halbe Bild. Insofern es sich um seine Familie und zahlreiche angeheiratete Verwandte handelte, war Friedrich durchaus sehr gastfreundlich und gesellschaftlich aufgeschlossen. Denn gerade dafür hatte er dieses riesige "Gästehaus" erbaut.

Abb. 3: Karl Christian Wilhelm Baron - Blick vom Klausberg auf das Neue Palais - 1775
Friedrich hatte einfach viele Geschwister, wie diese Ausstellung klar macht (im "Neuen Palais" links unten). Und er hatte dadurch auch viele angeheiratete Verwandte, mit deren Kindern und Enkelkindern er als Onkel in abgestuften Graden verwandt war, und die über ganz Europa verstreut lebten. Zwischen Schweden und Württemberg. Sie leisteten Dienst in seiner Armee und sie kamen auch sonst gern zu ihrem königlichen Verwandten nach Berlin und Potsdam zu Besuch. Wie in dieser Zeit üblich, waren Heiraten zwischen Fürstenhäusern ein wesentlicher Bestandteil der Politik. Einmal im Jahr lud Friedrich deshalb alle diese Verwandten für drei Wochen zu sich nach Potsdam ein - in das "Neue Palais".

Abb. 4: Ausschnitt aus Abb. 1 - König Friedrich auf einem Schimmel hinter einer sechsspännigen Kutsche seiner Gäste - 1775
In diesem Palais konnte mit dem vorhandenen Porzellan ein Galadiner für 90 Personen gedeckt werden. Und in ihm konnte die versammelte Gesellschaft nicht nur kleinere Konzerträume aufsuchen, die zahllosen Gemälde in den zahllosen Sälen besichten, sondern sogar eine eigene Opern-, bzw. Theaterbühne besuchen (im Palais oben rechts). In der Ausstellung werden dankenswerterweise eine ganze Menge Portraits der Verwandten und Gäste Friedrichs gezeigt, die im Begleitheft (1) noch einmal erläutert werden mit allerhand Besonderheiten ihres dortigen Aufenthaltes.

So ist auch die Ankunft der Gäste im Juli 1775 auf einem zeitgenössischen Gemälde (Abb. 3 und 4, ein besseres Foto noch hier) festgehalten worden und wird ausgestellt. Die sechsspännigen Kutschen sind am Schloß Sanssouci vorbeigefahren und fahren gerade weiter zum Neuen Palais. Man kann gut erkennen, wie sehr sich der Park damals noch von der heutigen Gestaltung unterschied (1):
Das Bild zeigt die Ankunft einer Gesellschaft am Neuen Palais im Juli 1775. In den beiden 6-spännigen Kutschen sitzen verschiedene württembergische und hessische Prinzen und Prinzessinnen. Auf einem Schimmel ist der König zu erkennen.
Liebenswerte Details aus dem Leben Friedrichs

Friedrich hat hier ein großes, bewohnbares "Museum" nach seiner Art für die Mit- und Nachwelt errichten lassen. Schönes, wohin man blickt, wertvollste Materialien. Auch hübsch etwa das "Ovale Kabinett" (vom Innenhof aus gesehen: links unten), das er Jugenderinnerungen gewidmet hat. Es ist nämlich mit Illustrationen des Malers Jean-Baptiste Pater zu dem "Romane Comique" von Paul Scarrons (1610 - 1660) geschmückt. Ein Roman, den Friedrich und seine Schwester Wilhelmine in ihrer Kindheit so liebten, weil sie so viele Personen ihres eigenen Hoflebens in diesem Roman karrikiert wiederfanden. Auf Wikipedia wird man angeregt, selbst noch einmal diesen Roman in die Hand zu nehmen:
Ein auch heute noch gut lesbarer burlesker Roman, dessen Rahmen- und Haupthandlung mit derber Komik den heroisch-galanten Roman à la Scudéry und La Calprenède parodiert und persifliert und dessen eingelegte Novellen und Binnenerzählungen im galant-sentimentalen Ton spanischer Vorbilder gehalten sind.
Friedrich hatte also auch noch nach drei Kriegen seine heiteren Jugenderinnerungen und -lektüren nicht vergessen. Und so trifft man auf zahllose liebenswerte Details in dieser Ausstellung und in diesem Gebäude, die sicherlich einen zweiten und dritten Besuch zur Vertiefung der Eindrücke wert wären. Man möchte jedes Jahr für drei Wochen wiederkommen! :) glücklich

Die Privaträume Friedrichs etwa (ganz rechts unten) machen nicht nur das damalige höfische Besuchszeremoniell bewußt, und in welcher Weise Friedrich es für seine Bedürfnisse vereinfachte und abwandelte, nein, viel wichtiger ist: Auch in ihnen stehen die Kunst, die Musik und die Bücher (Bibliothek und Lesekabinett), das tägliche geistreiche mehrstündige Gespräch an der Essenstafel und die Regierungstätigkeit im Vordergrund der Lebensinhalte.

Man erfährt neben so vielem anderen in der Ausstellung auch von einer polnischen adligen Freundin Friedrichs, ja, einer "leidenschaftlichen Verehrerin", nämlich der Gräfin Marianna Skórzewska aus Westpreußen. Den Weg in das deutschsprachige Wikipedia und Internet hat diese Dame bislang noch  nicht gefunden (Ausnahmen: ab), um so bedeutender ihre Erwähnung in der Ausstellung.

Ein weiteres Thema, dem man sich vertiefend zuwenden könnte, wäre die Nutzung des "Neuen Palais" ab 1859 durch die Familien der preußischen Kronprinzen, des nachmaligen 99-Tage-Kaisers Friedrichs III., der dort auch gestorben ist, und seiner Frau Viktoria. Sowie des nachmaligen Kaisers Wilhelm II. und seiner Frau Auguste Viktoria, die im Antikentempel mit einigen Verwandten begraben liegt. Für beide Familien bildete das Neue Palais bis 1918 den Lebensmittelpunkt.

Frage Friedrichs an seine Zeit: "Nützt es dem Volke, betrogen zu werden?" (1777/1780)

Wer aber mit der Bedeutung Friedrichs als Kulturförderer noch nicht zufrieden gestellt ist, der kann sich auch der Bedeutung Friedrichs als Förderer der politischen Emanzipation zuwenden. 1777 bis 1780 lautete die Preisfrage der von Friedrich wiederbelebten Königlich-Preußischen Akademie der Wissenschaften, fortgesetzt heute durch die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften (BBAW): "Nützt es dem Volke, betrogen zu werden?" Was für eine bösartig klingende Frage. Vielleicht klingt sie in heutigen Ohren mit heutigen Erfahrungen noch deutlich bösartiger als damals. Was für eine Steilvorlage, um Aktualitätsbezüge zwischen Friedrich und der heutigen Zeit herzustellen (1):
Mit 42 Antworten aus ganz Europa ist sie die erfolgreichste Preisfrage der Akademie.
Man stelle sich einmal vor - oder vielleicht lieber nicht? - ein von der Regierung Merkel angeregtes "Jahresthema" der BBAW würde lauten: "Nützt es dem Volke, betrogen zu werden?" Man hätte sicherlich allen Grund, diese Akademiefrage (2) als Anlaß zu nehmen, um frühere wertvolle Ausstellungsansätze (3) weiter auszubauen.

Aber was geschieht stattdessen? Stattdessen wagt es der evangelische Landesbischof von Berlin, seinen Mund aufzutun und an Friedrich dem Großen herum zu kritteln. Nämlich daß dieser seine religiöse Toleranz mit Gleichgültigkeit und Verachtung gegenüber Religionen verbunden hätte. Na so was aber auch! Unerhört! Wie kann man Religionen nur mit Gleichgültigkeit und Verachtung gegenüber stehen! Das kann doch nicht vorbildlich für unsere Zeit sein! Zum Glück gab es einflußreiche Kulturförderer an der ersten Stelle des Staates mit solchen Meinungen nur in früheren Zeiten. Und es ist ärgerlich genug, daß Menschen, die in ihrem "politischen Testament" schreiben konnten (1):
"Es ist gleichgültig für die Politik, ob ein Souverän Religion hat oder nicht. Alle Religionen sind (...) mehr oder weniger absurd."
heute noch geachtet werden und daß man ihnen große Ausstellungen widmet, zu denen die Menschen zu Tausenden strömen! Ach, Landesbischof hin oder her: Man möchte oft wiederkehren in das Gästehaus dieses großen Freigeistes, in das Gästehaus Friedrichs des Großen.
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*) Man darf sich beim Besuch dieser Ausstellung nicht zu sehr auf den "Audioguide" und so zahlreiche besserwisserisch-schulterklopfend-spöttische Ausstellungs-Erläuterungen einlassen. Deren Grundton ist allzu oft, als würde derjenige, der Kultur fördert, damit "bloß" "Selbstinszenierung" betreiben wollen. Dadurch wird man ganz aus der Atmosphäre dieser Räumlichkeiten und dieser allzu zahlreichen Kultur- und Sachgüter aus dem Leben Friedrichs herausgerissen. Diese Charakterisierungen tragen zu einem tieferen Verständnis der Anliegen und der Person Friedrichs des Großen nichts bei.
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  1. Geißler, Nadja u.a.: Friedrisiko. Friedrich der Große. Die Ausstellung im Neuen Palais und Park Sanssouci Potsdam. Begleitheft / Objekthef. Stiftung Preußische Schlösser und Gärten, 2012 (ganz gut zur Ausstellung z.B. auch: Mitteldt. Ztg., 27.4.12 oder Fr. Rdsch.)
  2. Hans Adler (Hrsg.): Nützt es dem Volke, betrogen zu werden? Est-il utile au Peuple d'etre trompe? Die Preisfrage der Preußischen Akademie für 1780. Frommann-Holzboog Verlag, Stuttgart 2007 (pdf) (Perlentaucher, Philobar)
  3. Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland: Ausstellung "X für U - Bilder, die Lügen", 1999 - 2010
  4. Mittenzwei, Ingrid; Herzfeld, Erika: Brandenburg-Preußen 1648 - 1789. Das Zeitalter des Absolutismus in Text und Bild. Verlag der Nation, Berlin 1987 (3. Aufl. 1990), S. 356
  5. Borchardt, Georg; Murawski, Erich: Die Randbemerkungen Friedrichs des Großen. Podzun-Pallas-Verlag, Friedberg o.J. [etwa 1980er Jahre]

Sonntag, 18. März 2012

Von der "roten Bude" zum Bundeskanzleramt (I)

Zur Geschichte des Dienstgebäudes des Großen Generalstabes im Regierungsviertel im Spreebogen in Berlin (1871 bis heute) 
- Teil 1: 1871 bis 1918
Abb. 1: "Das neue Generalstabs-Gebäude zu Berlin" (1872; n. e. Zeichn. v. G. Theuerkauf, Holzstich)
An jenem Ort, an dem heute das Bundeskanzleramt steht, stand von 1871 bis 1947 die "rote Bude", das Generalstabsgebäude des berühmten deutschen "Großen Generalstabs", bewundert, geliebt, gefürchtet und gehaßt, wie selten eine Institution in der Geschichte. Während heute im Pentagon immer noch Weltpolitik gemacht wird, während noch heute das schon vor 1914 gegenüber dem deutschen weitaus prächtigere russische Generalsstabsgebäude in Petersburg - in der Nähe der Eremitage und des Winterpalais' - einen wesentlichen touristischen Anziehungspunkt dieser Stadt ausmacht, während man gegenwärtig an dritter Stelle bei der Google-Suche "Generalstabsgebäude" eine Erläuterung über das 1929 errichtete Generalstabsgebäude in - - - Ankara findet (von Seiten des Goethe-Instituts), ist das frühere deutsche Generalstabsgebäude im Bewußtsein selbst eines geschichtsbewußteren deutschen Personenkreises noch weniger präsent heute als im Internet in verstreuten Hinweisen überhaupt, gibt es selbst am Infokiosk heute vor Ort nicht den geringsten Hinweis auf dieses Gebäude.

Dabei haben sich im deutschen Generalstabsgebäude geschichtlich wesentlich vielfältigere und bedeutsamere Ereignisse über einen viel längeren Zeitraum abgespielt, als dies die einmalige Bewilligung des Ermächtigungsgesetzes in der nebenstehenden Krolloper im Jahr 1933 darstellt. Die Krolloper kennt heute jeder, der sich nur flüchtig mit der Geschichte dieser Örtlichkeit beschäftigt - das nebenstehende Generalstabsgebäude, die "rote Bude" in den Worten Bismarcks - - - ?

Das Berliner Regierungsviertel im Spreebogen hat in den letzten 150 Jahren unglaublich grundlegende, alles verändernde städtebauliche Umwandlungen erlebt. Wenn man die historischen Fotos dieses Ortes (siehe vorliegender Beitrag) mit der heutigen Situation vergleicht, werden einem die damit verbundenen geschichtlichen Umbrüche vielleicht intensiver bewußt als an vielen vergleichbaren Orten. Nur die Spree fließt heute noch wie damals immer gleichmäßig ihre geruhige Bahn. 

"Google Bücher" - Enorme Hilfe und groteskes Hindernis zugleich für "Grasswurzel-Forschungen"

Übrigens scheint sich das Thema des vorliegenden Beitrages besonders gut zu eignen für das Experiment, ein Thema, zu dem man zunächst kaum Vorkenntnisse besitzt, sich fast ausschließlich mit Hilfe des Internets zu erarbeiten und dabei insbesondere mit Hilfe der Funktionen "Google Bücher" und "Google Bilder". Die Ergebnisse von Stichworte-Suchen "Generalstabsgebäude" in Verbindung mit Worten wie "Berlin", "Waldersee", "Schlieffen", "Ludendorff" und anderen können einem schon zahlreiche, zum Teil recht detaillierte Eindrücke von der Geschichte dieses Gebäudes und seiner Örtlichkeit verschaffen. So wie sie im folgenden auch zusammengetragen worden sind. Bzw. sie können einen auf in diesem Zusammenhang wichtige Themen und Literatur hinweisen. 

Da aber die bei Google auffindbaren Bücher derzeit noch selten vollständig im Netz zugänglich sind - auch zumeist solche nicht, die vor mehr als hundert Jahren erschienen sind (!) -, ergeben sich bei einem solchen Vorhaben groteskerweise die unnötigsten Hindernisse. Um den folgenden Beitrag wirklich rund machen zu können, müßte man deshalb praktisch immer noch alle hier zitierten Bücher außerhalb des Internets sich mühevoll heraussuchen, um sie im Zusammenhang lesen und vollständig zitieren zu können. Und das bloß aufgrund der immer noch vorliegenden "elitären" Attitüden in den Diskussionen rund um solche Internet-Dienste wie "Google-Bücher". Man kann sich kaum vorstellen, daß das ein längerfristiger Zustand bleiben wird und mutiert auch bei dieser Erfahrung einmal erneut - - - zum potentiellen "Piraten"-Wähler.

Vom Generalstabsgebäude zum Bundeskanzleramt

Aufmerksam wurde man auf das Thema im Rahmen von Vorarbeiten zu einer Biographie Erich Ludendorffs. Zwischen 1894 und 1918 arbeitete Erich Ludendorff - mit Unterbrechungen durch Truppenkommandierungen und dann natürlich durch die Kriegsereignisse - im Großen Generalstab in Berlin. Aber, so fragt man sich, wo befand sich denn eigentlich das Dienstgebäude dieses einflußreichen und legendären deutschen Großen Generalstabes in Berlin? Und zum großen Erstaunen ergibt sich, daß sich dieses Generalstabsgebäude an keinem geringeren Ort befunden hat als an jenem, an dem heute die Bundeskanzlerin Angela Merkel regiert. - Hm!!!

Abb.: 2: "Das neue Generalstabs-Gebäude zu Berlin" (Holzschnitt, 1872; siehe auch a)
Exerzierplatz und "Kroll'sches Establishment" - bis 1860

Noch bis in die 1860er Jahre hinein nannte man die Gegend westlich des schon damals berühmten Brandenburger Tores, das dann Regierungsviertel werden sollte, "Exerzierplatz vor dem Brandenburger Tor". 1844 war am westlichen Rand desselben von König Friedrich Wilhelm IV. als Ausflugs- und Veranstaltungslokal das "Kroll'sche Establishment" errichtet worden mit Wintergärten, Sälen und Restaurants (vgl. Abb.). Ebenso wie es weiter südlich am späteren Kemperplatz das Wirtshaus eines Herrn Kemper gab, nach dem dann ein bis 1945 sehr vornehmer Stadtplatz benannt worden war, an dem bis Mitte der 1930er Jahre die berühmte wilhelminische Siegesallee endete, die im Spreebogen ihren Anfang nahm (vgl. früherer Beitrag).

Abb. 3: Moltkezimmer in der Behrenstraße 66, Berlin (1932), dem Generalstabsgebäude bis 1870
In den 1890er Jahren zu einem vollwertigen Opernhaus umgestaltet, bestand die genannt Krolloper bis in die 1950er Jahre. In ihr wurde insbesondere nach dem Reichstagsbrand 1933 das Ermächtigungsgessetz bewilligt, dem auch zahlreiche demokratische Politiker der Vorgängerparteien der heutigen CDU und der FDP zugestimmt haben.

Abb. 4: "Die zukünftige Siegessäule in Berlin" (aus Gartenlaube, 1872) - hinter der Säule das Generalstabsgebäude
Neubaugebiet nach 1860

Die 1860er Jahre sind als die Zeit der Regierung Otto von Bismarcks in Preußen in Erinnerung. Daß sie auch ganz unabhängig davon Jahre rascher Entwicklung und Industrialisierung in Preußen und Deutschland darstellten, gerät dabei leicht aus dem Blickfeld. Aber erst wenn man letzteres mit in den Blick nimmt, wird wahrscheinlich auch die Dynamik der Bismarck'schen Politik voll verständlich. Berlin jedenfalls dehnte und streckte sich damals nach allen Richtungen. Im Zuge dieser Entwicklung entstand damals auch das neue Regierungsviertel im Spreebogen am Rande des Tiergartens. 

Eine Bahnlinie Hannover-Berlin wurde geplant, für die der neue Kopfbahnhof "Lehrter Bahnhof" nördlich des Spreebogens vorgesehen wurde. Und so wurde auch südlich des Spreebogens auf dem vormaligen Exerziergelände ein neuer, vornehmer Stadtteil geplant: die Moltkebrücke über die Spree, das Kronprinzenufer, das Alsenviertel und der Königsplatz. Da die konkreten Planungen in die Zeit unmittelbar nach dem deutsch-dänischen Krieg von 1864 fielen, erinnerten im Spreebogen bis 1945 fast alle Namen von Straßen und Örtlichkeiten - wie auch der Name des Alsenviertels selbst - an Personen und Orte dieses Krieges.

Abb. 5: Der Königsplatz - von links: Krolloper, Generalstabsgebäude, Alsenstraße - dahinter: Lehrter Bahnhof
Ankündigung in der Zeitung - 1867

Nachdem 1866 der "Norddeutsche Bund" gegründet worden war mit seiner Hauptstadt Berlin und dieser nicht nur eine personell erweiterte Armee, sondern auch einen personell erweiterten Generalstab mit sich brachte, hieß es im März 1867 in den "Nachrichten" der "Deutschen Militär-Zeitung":
Preußen. Berlin, 29. März (...) Die Tätigkeit, welche der gegenwärtige Kriegs- und Marineminister, General der Infanterie von Roon, entfaltet, um die abermals bedeutend vermehrte Armee in allen ihren Beziehungen neu zu organisieren, ist eine ebenso vielverzweigte im Allgemeinen, als intensiv tiefgreifende im Einzelnen. (...) In dem an militärischen Denkmälern reichen Berlin besitzen wir bekanntlich - außer dem allerdings in wundervollem Stil schon im 17. Jahrhundert errichteten Zeughause unter den Linden - nur sehr wenige Gebäude für militärischen Zwecke, die einen ausgesprochen monumentalen Charakter tragen. Besonders unscheinbar nimmt sich das dem großen Generalstabe der Armee mit seinen Schätzen, wie historisches Archiv, topographisches Bureau etc. dienende Gebäude in der Behrenstraße aus, dessen Räumlichkeiten sich schon lange als sehr beschränkt erwiesen haben und jetzt, bei der Vermehrung des großen Generalstabes, noch weniger genügen können. Es wird daher die Nachricht freudig aufgenommen werden, daß ein großer Neubau beschlossen worden ist. Derselbe wird seine stelle an dem neuen Königsplatze finden, und zwar zwischen der Moltke- und Herwarthstraße, der Bau soll unmittelbar nach Eintritt der milden Witterung beginnen. Das neue Generalstabsgebäude wird einen Flächenraum von nicht weniger als 370 Qnadratruthen und eine Front von 288 Fuß am Königsplatz einnehmen; dasselbe wird in großartigem monumentalen Stil erbaut, zur Zierde des ganzen neuen, mit seinen Brücken und Boulevards prachtvoll angelegten Stadtteils gereichen und zu seiner Vollendung 4 Jahre bedürfen.
Abb. 6: Der Königsplatz mit Siegessäule - von links: Krolloper, Generalstabsgebäude, Alsen- und  Moltkestraße
Es entstand also ein neues Generalstabsgebäude
1867 – 1871 nach einem Entwurf von August Ferdinand Fleischinger (1804 - 1884) als Sitz des preußischen Generalstabs und wurde von diesem nach seiner Rückkehr vom Frankreichfeldzug bezogen. Von 1873 - 1882 erfolgte eine Erweiterung des Komplexes, der an der Schauseite zum Königsplatz im spätklassizistischen, ansonsten im Neorenaissance-Stil erbaut wurde. Im Generalstabsgebäude wohnte und arbeitete bis 1888 Helmuth Graf von  Moltke. Hier wirkten auch seine Nachfolger als Chef des Großen Generalstabes von 1888 bis 1891 Alfred Graf von Waldersee (1832–1904), von 1891 bis 1906 Alfred Graf von Schlieffen (1833–1913) und von 1906 bis 1914 Helmuth von Moltke (1848–1916).
Alle Nachfolger Moltkes bis zu Helmuth von Moltke dem Jüngeren wohnten noch selbst mit ihren Familien in diesem Gebäude. In diesem Gebäude - so eine kurze Zusammenfassung des folgenden - dachte die christlich-bigotte "Stoeckerei" der Waldersee-Clique schon vor dem erwarteten Dreikaiserjahr über deutsche Präventivkriege nach und bereitete zu diesem Zweck den Sturz Bismarcks vor und führte ihn durch (1890). Dieses Gebäude sah den Trauerzug für Kaiser Wilhelm I. nach dem Schloß Charlottenburg und die hunderttausende von Menschen, die ihn stumm begleiteten (1888). Dieses Gebäude sah den 90. Geburtstag Moltkes (1890), der ein Jahr später auch hier starb, der hier aufgebahrt wurde, und für den hier die Trauerfeier stattfand (1891). In ihm bereitete sich  der Sturz Waldersees durch den jungen Kaiser vor. In ihm wurde dann der berühmte Schlieffenplan - als Ersatz für Präventivkriegspläne - konzipiert und die dafür notwendige letzte große Heeresvorlage von 1913. In ihm fanden während des Ersten Weltkrieges zahlreiche politische Besprechungen statt. Hier wurde der Geburtstag Hindenburgs erneut wie ein Staatsfeiertag begangen, wie ein "Kaisergeburtstag" (1917). Und dieses Gebäude erlebte auch ein Jahr später die Entlassung Ludendorffs (1918).

Neben solchen bedeutenden Ereignissen fand in diesem Gebäude die alltägliche, von aller Welt so bewunderte und gefürchtete, penible Alltagsarbeit der deutschen Generalstabsoffiziere statt, auf der in letzter Instanz allein die seit 1871 bestehende Größe und Sicherheit des Reiches beruhte.

Nach Auflösung des gefürchteten Großen Generalstabes - aufgrund des Versailler Vertrages - umgewandelt in ein Gebäude des Reichsinnenministeriums sollte es nach 1937 der "Großen Halle" der "Welthauptstadt Germania" weichen. Dem aber kamen im April 1945 die sowjetischen Soldaten zuvor, die das Gebäude gegen außerordentlich zähen und erbitterten Wiederstand von zusammengewürfelten deutschen Soldaten verschiedenster Einheiten Raum für Raum im Nahkampf und mit Handgranaten erobern mußten. Während sich der "größte Feldherr aller Zeiten" in der nahen Reichskanzlei in der Wilhelmsstraße - und wenig später der größte Schreihals aller Zeiten ebendaselbst - das Leben nahmen. Vom Flakbunker am Bahnhof Zoo wurde Sperrfeuer geschossen, als die Sowjetsoldaten die wenigen letzten hundert Meter Distanz zum gegenüberliegenden Reichstag zu überwinden trachteten. Die Moltkebrücke war verstopft mit zahllosen abgeschossenen russischen Panzern.

Die letzten Aufnahmen des Gebäudes zeigen es ausgebombt im Hintergrund des neu errichteten "Sowjetischen Ehrenmales", das quer über die vormalige kaiserliche Siegesallee mit Marmorsteinen der zerstörten Neuen Reichskanzlei errichtet wurde und dort bis heute die Lage der vormaligen kaiserzeitlichen Anlagen am deutlichsten markiert. - Soweit eine kurze Zusammenfassung der Schicksale des Generalstabsgebäudes und seiner Umgebung. Doch zurück in das Jahr 1867, in dem sicherlich niemand eine solche Zukunft, die Zukunft eines zweiten noch einschneidenderen Dreißigjährigen Krieges vorausahnte.

Abb. 7: Der Königsplatz vom Reichstag aus: links Krolloper, rechts Generalstabsgebäude
Bau und Bezug des neuen Generalstabsgebäudes - 1867 - 1871

1867 bis 1871 wurde das neue Gebäude für den großen und allseits geachteten und geehrten "Feldherrn" der deutschen Einigungskriege, für Helmuth von Moltke den Älteren errichtet. An der Moltkestraße, an der Moltkebrücke mit Blick auf die 1873 errichtete Siegessäule auf dem Königsplatz. 1905 wurde vor der benachbarten Krolloper zusätzlich auch noch jenes Moltkedenkmal errichtet, das dann 1939 zusammen mit der Siegessäule seinen heutigen Platz auf dem "Großen Stern" erhielt. Bis 1871 hatte das schon erwähnte Dienstgebäude des Großen Generalstabes - und damit auch das Wohnhaus Moltkes - nur wenig entfernt in der Behrenstraße 66 gelegen (die südliche Parallelstraße der "Linden" hinter der Russischen Botschaft).

Abb. 8: Helmuth von Moltke im neuen Generalstabsgebäude (um 1871)
In der Behrenstraße blieb noch bis in die 1930er Jahre - als das frühere Generalstabsgebäude ausgerechnet Sitz des katholischen Bischofs von Berlin geworden war - ein "Moltkezimmer" als Gedenkraum eingerichtet (siehe Abb.). Ein solches "Moltkezimmer" befand sich bis in den 1930er Jahre ebenfalls im neuen "Generalstabsgebäude" am Königsplatz (siehe unten). Von Helmut von Moltke gibt es denn auch mehrere Photographien und Abbildungen, die ihn in seinem repräsentativen Arbeitszimmer im neuen "Generalstabsgebäude" zeigen. Der Musiklehrer der Familie Moltke berichtete 1904 in seinem Buch "Moltke in seiner Häuslichkeit" (Dressler, 1904, S. 20):
Die Privatwohnung des Generalstabschefs lag zu Moltkes Zeiten, ebenso wie jetzt, im ersten Stock des Südostflügels des Generalstabsgebäudes, an der Ecke des Königsplatzes und der Moltkestraße. Der Eingang war vom Königsplatz.
Und in einer neueren Darstellung zur Geschichte der Familie Moltke heißt es (Jessen, S. 218):
Im Juni 1871 steht im neuen Generalstabsgebäude am Königsplatz die Chefwohnung für Moltke bereit. Ihre Ausstattung hat der Kaiser mit 12 000 Talern aus seiner privaten Schatulle bezuschußt. (...) Eine fast endlose Zimmerflucht: Empfangssaal, Arbeitszimmer, Schlafzimmer, Konferenzsaal, "Silberzimmer", Teezimmer, Musiksalon, Rauchkabinett, Speisesaal, die Räume der Familie, Wirtschaftsräume. (...) Überaus prachtvoll ist das Arbeitszimmer des Hausherrn geraten. Vom großen Balkon des Raumes aus kann Moltke auf Tiergarten, Kroll-Oper, Königsplatz, Moltkestraße und den Spreebogen blicken, über den sich die Alsenbrücke spannt. Auf dem Königsplatz ist der Bau der Siegessäule im Gange. (...) Das Rauchkabinett ist im türkischen Stil gehalten als Erinnerung an den Aufenthalt im Osmanischen Reich. Im Musikzimmer, ganz in Weiß und Gold mit einem Bechstein-Flügel, versammeln sich die Bewohner des Hauses fast jeden Abend. Henry (von Burt) unterhält die Familie mit seinem Gesang. (...) Friedrich Dressler, der Gesanglehrer Henrys, wächst in die Rolle eines Hausfreundes hinein. Alljährlich probt er im Empfangssaal mit dem Damen aus dem Umkreis des Hofes für ein Konzert zugunsten wohltätiger Zwecke.
In einer stadtgeschichtlichen Darstellung aus dem Jahr 1989 (Tiergarten) heißt es (S. XIV):
Das Gebäude des Großen preußischen Generalstabs (1867 - 71 erbaut) bildete den Kern der Bebauung des Spreebogens nördlich des Königsplatzes. (...) "Mit der Ausmöblierung des Hauses", schrieb Moltke in seinen Erinnerungen, "geht es langsam vorwärts. Der Balkon ist fertig und sehr schön, mit Blick auf den Tiergarten, der grün ist wie niemals zuvor." 
Abb. 9: Berliner Neubaugebiet 1875 - Lehrter Bahnhof und Spreebogen (noch ohne Reichstagsgebäude)
In einer anderen Darstellung (Wünsdorf 2007) erfahren wir:
Hier befanden sich sowohl die Wohn- und Arbeitsräume für die Angestellten, und zwar im Keller, wie in den oberen Stockwerken die Beamtenwohnungen. Dazu gehörten die Dienstzimmer für den Ober-Quartiermeister, die Abteilungen für Festungswesen und Kriegsgeschichte sowie für die kartographische Abteilung und die Bibliothek. Die Dienstwohung des Chefs des Generalstabs war durch ein geräumiges Vestibül und über die "vornehme Haustreppe" zu erreichen, wohin man von der Unterfahrt am Königsplatz kam.  (...) Eine beträchtliche Erweiterung (...) erfolgte bereits von 1873 bis 1882. (...) Der Hilfsapparat des Generalstabs vergrößerte sich immer mehr, neue Abteilungen kamen hinzu. 
Eine Abbildung dieses Beitrages zeigt das "Neubaugebiet" vor dem Brandenburger Tor im Jahr 1875. Das Reichstagsgebäude ist noch nicht errichtet, stattdessen befindet sich an diesem Ort ein Artillerie-Schießstand. Das Gelände des späteren Generalstabsgebäudes ist erst im vorderen Drittel bebaut. Die breite Alsenstraße, in deren Verlängerung über den Königsplatz hinweg nach Süden später die Siegesallee durch den Tiergarten bis zum Kemperplatz führen sollte (s. früherer Beitrag), ist schon angelegt. Das einzige Palais des Alsenviertels, das nach 1945 stehen geblieben ist und von diesem Zeugnis gibt, ist die heutige Schweizer Botschaft. 1879 heißt es in einer englischsprachigen Städtebeschreibung ("Berlin under the New empire"):
The building in which the General Staff is installed has a principal and two side facades, enclosing a large court. ... Like the majority of modern public buildings in Berlin, it is built of brick, with stone dressings.
Im gleichen Jahr heißt es in einer Veröffentlichung über "Die Bibliothek des großen Generalstabes zu Berlin" (wie so vieles über Google Bücher gegenwärtig nur bruchstückhaft zitierbar):
Eine der umfangreichsten Deutschen Militär-Bibliotheken ist die des großen Generalstabes zu Berlin. Sie zeigt in ihrer Entwicklung ein Stück preußischer Heeresgeschichte. Nach dem vor Kurzem neu herausgegebenen Katalog führt die Bibliothek ihren Ursprung auf das Jahr 1816 zurück. (...) Das Archiv und die Bibliothek, welche nach Erweiterung der betreffenden Räumlichkeiten in dem ehemaligen Pagenhause (jetzigen Gebäude des Militär-Kabinetts, Behrenstraße 66) Aufstellung fanden und später in das neue Gebäude des großen Generalstabes ... In dem neuen Generalstabsgebäude, als dem bisherigen Pagenhause allhier, dürfen keine anderen Karten oder Materialien befindlich ...
Der Fähnrich Ludendorff begegnet Moltke - 1881

Am 9. oder 10. Januar 1881 gab es einen Brand im Genralstabsgebäude (vgl. "Berlin als deutsche Reichshauptstadt", 1989, S. 386 - 388). Über ihn heißt es (Moritz Lazarus, 1983, S. 116):
Er wurde in den Berliner Zeitungen nur an unauffälliger Stelle kurz erwähnt. (...) Er fand schon am Sonnabend, den 10. Januar 1881, statt. Es hatte nur in einem Flügelbau der Moltkestraße gebrannt, und dort brannten dank schneller Löscheinsätze im wesentlichen nur der Dachstuhl und die zwei Zimmer große Buchbinderei, in der das Feuer ausgebrochen war und die keine Fenster, nur Oberlicht hatte.
Erich Ludendorff schreibt über den Sommer 1881, als er mit 16 Jahren Fähnrich geworden war (S. 7f):
Bei einem Urlaubsspaziergang in Berlin, der mich nach der Siegessäule führte, die zur Erinnerung an die Deutschen Siege 1870/71 und zur Ehrung unseres Heeres am Beginn des Tiergartens jenseits des berühmten Brandenburges Tores errichtet war, durch das schon so oft siegreiche Truppen ihren Einzug gehalten hatten, begegnete ich im Tiergarten dem Generalfeldmarschall Graf v. Moltke, der in dem dort gelegenen Generalstabsgebäude arbeitete und wohnte. In diesem Gebäude sollte ich später so viele Jahre im Frieden arbeiten und im Weltkriege öfter weilen. Als ich die hohe schlanke, ehrfurchtgebietende Gestalt des Generalfeldmarschalls und Chefs des Generalstabes seines Königs 1866, 1870/71 und des Siegers der Schlachten von Königgrätz, Gravelotte und Sedan in Begleitung eines Adjutanten wahrnahm, ging es mir wie ein Ruck durch den Körper. Ich machte so gut ich konnte Front. Langsam, militärisch grüßend ging der Große Mann an mir vorüber, mich gütig anblickend. Es dauerte Zeit, bis ich mich ganz wiederfand. Würde ich je so Großes leisten, ging es durch mein Selektanergehirn, das soeben die einfachsten Grundlagen der Taktik aufzunehmen hatte.

Später noch einmal sah ich den Generalfeldmarschall. Ich sah ihn auf der Totenbahre im Generalstabsgebäude im April 1891 in Berlin, wo ich damals auf Kriegsakademie war.
Bis 1882 war das Generalstabsgebäude bis hinunter ans Spreeufer und bis zur Moltkebrücke erweitert worden. In der schon zitierten stadtgeschichtlichen Darstellung aus dem Jahr 1989 (Tiergarten) heißt es (S. XIV):
Das Generalstabsgebäude bestand "aus zwei zusammenhängenden, in ihrem äußeren Aufbau aber verschiedenen Gebäuden: dem am Königsplatz gelegenen sogenannten Moltkepalais, dessen Fassade mit hellgelben Birkenwerder Ziegeln verblendet war, und dem eigentlichen Generalstabsgebäude an der Moltkebrücke, einem dunkelroten Ziegelbau" (Otto Hach).
Die Moltkebrücke ist ebenfalls eines der wenigen baulichen Überreste der Zeit vor 1945, die bis heute stehen geblieben ist trotz starker Zerstörungen im April 1945.

Aufgrund seiner roten Backsteinfassade wurde das Generalstabsgebäude auch das "Rote Haus" genannt (etwa in dem Roman "Sturmzeichen" 1914), Bismarck nannte es die "rote Bude" (laut Franz Herre), wieder andere nannten es die "Große Bude" oder auch die "rote Kiste". Bismarck hatte schon 1866 nach der Schlacht von Königgrätz gegenüber den Militärs und seinem König seine maßvollen politischen Vorstellungen in schwerem Ringen durchsetzen müssen - und blieb im Spannungsverhältnis mit dieser "roten Bude" bis zu seiner Entlassung - bei aller Hochachtung für die rein militärischen Leistungen Moltkes. 

Abb. 13: Generalstabsgebäude - wohl vom Königsplatz aus
Das Reichstagsgebäude entsteht - 1884

Daß 1871 ein gesamtdeutsches Parlament ein größeres Gebäude benötigen würde, und daß man dann allseits den Platz gegenüber der roten Bude des Generalstabsgebäudes als dafür geeignet ansehen würde, war bei Baubeginn des letzteren im Jahr 1867 noch nicht absehbar. Erst 1884 wurde der Grundstein für das Reichstagsgebäude gelegt - in Sichtweite des Generalstabsgebäudes.

Abb. 14: Blick vom Reichstag auf den Königsplatz: Bismarckdenkmal, Siegessäule, dahinter die Krolloper
Damit kamen damals das Reichstagsgebäude und das Generalstabsgebäudes wohl eher zufällig in sich auf Sichtweite gegenüber liegende Lage. Wobei sicherlich vielen schon damals bewußt gewesen ist, daß jene großen Heeresvorlagen, die vom Generalstab ausgearbeitet wurden, im Reichstag genehmigt werden mußten. 1861 hatte Kriegsminister Albrecht von Roon im Konflikt zwischen König und Parlament über die Heeresvorlage Otto von Bismarck als preußischen Ministerpräsidenten vorgeschlagen. Der Konflikt über die letzte Heeresvorlage im Jahr 1913 brachte Erich Ludendorff eine Strafversetzung aus dem Großen Generalstab zu einem Regiment in Düsseldorf. 1914, so sagten viele Militärs, fehlten Deutschland in der Marneschlacht gerade jene Truppen, die Erich Ludendorff 1913 in der Heeresvorlage - z.T. vergeblich - gefordert hatte.

Während des Ersten Weltkrieges, insbesondere nach 1916 gab es dann auch - sozusagen - eine Rivalität zwischen der Mehrheit des deutschen Reichstages und der Obersten Heeresleitung unter Hindenburg und Ludendorff darüber, wer den entscheidenden Einfluß auf die Ernennung des Reichskanzlers ausüben soll. Mit der Revolution von 1918 und der Entlassung Ludendorffs durch den Kaiser, sowie mit dem Sturz der Monarchie wurde diese Frage dann ziemlich eindeutig zugunsten des Reichstages entschieden.

Nach 1989 wurde das neue Bundeskanzleramt sehr bewußt in städtebaulicher Korrespondenz zum Abgeordnetenhaus und zum Reichstag an eben der Stelle des nach 1947 abgerissenen ehemaligen Generalstabsgebäudes errichtet. Welche Rolle die Geschichtsträchtigkeit des Ortes bei der Entscheidung über die Örtlichkeit des neuen Bundeskanzleramtes spielte, wäre noch zu klären. Hervorgehoben wird die Geschichtsträchtigkeit heute jedenfalls nur sehr selten. Es überwiegt derzeit an diesem Ort im öffentlichen Bewußtsein Geschichtsvergessenheit.
Abb. 10: Die Moltkebrücke, rechts das Generalstabsgebäude rückseitig von der Spree aus gesehen nach seiner bis 1882 erfolgten Erweiterung (1886)

Die "Stoeckerei" der Waldersee-Clique, ein frömmelnder Betkreis im Generalstabsgebäude, wirkt mit am Sturz Bismarcks
Abb. 11: Alfred von Waldersee (1832 - 1904)

Nicht nur geben sich die heutigen Berliner Regierenden bis tief in die SPD hinein betont christlich, nicht nur stand der Generalstabschef Helmut von Moltke, der Jüngere, über seine Frau unter überdurchschnittlichen religiösen Einflüssen von Seiten Dritter (Rudolf Steiner und andere), auch schon die Aktivitäten seines Vorgängers Graf Alfred von Waldersee (1832 - 1904) zwischen 1882 und 1891 scheinen von ebensolchen religiöse Einflüssen - ebenfalls über die Ehefrau - bestimmt gewesen zu sein (Bürger-Kaiser, 2008): 
Die Waldersees bezogen im April 1882 ihre (...) Dienstwohnung im zweiten und dritten Stock des Generalstabsgebäudes in der Herwarthstraße 2, dem Roten Haus, wie die Berliner es nannten. 
Graf Waldersee war mit einer frömmelnden Amerikanerin verheiratet (F. Herre, S. 65):
Im Salon der Waldersees im Generalstabsgebäude wurde parliert und gebetet. Vorbeter war Hofprediger Adolf Stoecker.
Und ("Bürger-Kaiser", 2008, S. 151):
Wilhelm II., das hatten die Gräfin Waldersee und ihr frömmelnder Betkreis sich in den Kopf gesetzt, sollte ein christlicher Herrscher und Wahrer des Glaubens sein.
Auch diese fast entscheidenden religiösen Einflüsse auf die Politik, die zum Sturz Bismarcks führten, machen sich selbst Geschichtsbewußte wohl selten ausreichend bewußt. Jedenfalls begann mit ebendiesen frömmelnden Akivitäten des Ehepaares Waldersee, das in beiden Teilen gut befreundet war mit dem nachmaligen Kaiser Wilhelm II. und seiner Frau, der "Kirchenguste", jene Destabilisierungen des deutschen Kaiserreiches und damit der europäischen Verhältnisse - durch das Säen von Mißtrauen gegenüber Bismarck Vater und Sohn und durch das Fördern von reichsdeutschem Imperialismus -, die dann im 20. Jahrhundert die bekannten langfristigen, frömmelnden "Erfolge" zeitigen sollten. Über diese Aktivitäten nun heißt es auf Wikipedia:
1882 wurde Waldersee Generalquartiermeister und damit Stellvertreter Helmuth Graf von Moltkes im Großen Generalstab. Moltke hatte ihn persönlich ausgesucht und baute ihn in der Folge zu seinem Nachfolger auf; in den letzten Jahren ließ er ihm relativ freie Hand, da er in hohem Alter nicht mehr die administrative Führung seines Amtes ausüben wollte und in Waldersee einen geeigneten Offizier sah, der ihn ersetzen konnte.
Die 1885/86 entwickelten Strategien für einen Präventivkrieg gegen Rußland und Frankreich für den Fall eines Bündnisses zwischen beiden Staaten (wie sie später Schlieffen weiterentwickelte) gerieten zunehmend in den Widerspruch zur Außenpolitik des Reichskanzlers Fürst Otto von Bismarck. 1887 forderte Waldersee dann erneut, einen Präventivkrieg gegen Rußland zu überdenken, verbunden mit Annäherungen an das konservative Lager um Adolf Stoecker (er und seine Frau engagierten sich sehr in der Berliner Stadtmission) und Prinz Wilhelm, den späteren Kaiser. 1888, nach dem Amtsantritt Wilhelms II., wurde Waldersee Nachfolger Moltkes (auf dessen ausdrücklichen Wunsch) als Chef des Generalstabs. In dieser Position stärkte er das Militär gegenüber der Politik (Kriegsministerium und Reichsleitung) und wirkte am Sturz Bismarcks 1890 aktiv mit. Waldersee wurde aber nicht, wie von ihm selbst erhofft, Bismarcks Nachfolger.
Es ist auffallend, daß die "graue Eminenz" des deutschen Reiches, daß Friedrich von Holstein, auf der Seite dieser unheilvollen Pläne stand:
In Deutschland plädierten einflußreiche Persönlichkeiten aus Militär und Diplomatie wie Friedrich von Holstein, Helmuth Karl Bernhard von Moltke und Alfred von Waldersee für einen Präventivkrieg gegen Rußland.
Und noch auffallender ist, daß noch 1965 in deutschen rechtskonservativ-bigotten Kreisen die Präventivkriegspläne Waldersee's grotesk-befremdend positiv gewürdigt worden sind (Johannes F. Barnick im Seewald-Verlag). Und auffallend ist ebenso, daß der "expressionistische" Worpsweder Künstler Bernhard Hoetger 1915 für die Freimaurerstadt Hannover (der Heimatstadt Hindenburgs) ein Waldersee-Denkmal geschaffen hat, das Waldersee als einen Tempelritter ("Kreuzritter") darstellt. Bernhard Hoetger, in dessen Werken auch buddhistische Einflüsse wirksam sind, hat 1922 als Kriegerdenkmal einen sogenannten "Niedersachsenstein" geschaffen, der - wie manche anderen seiner "sehr expressionistischen" Kunstwerke - einen noch heute außerordentlich befremdlichen "Geist" ausstrahlt. Es ist nicht besonders fernliegend, als gemeinsamen kausalen Nenner all dieser Erscheinungen die Einflüsse freimaurerischer Okkultlogen zu vermuten. Und da es bis heute Vermutungen darüber gibt, daß Kaiser Friedrich III. keines natürlichen Todes gestorben ist, könnten an die damaligen politischen Vorgänge viele weitere Mutmaßungen angeschlossen werden. - Übrigens berichtet der Historiker Franz Herre über den Moltke der letzten Jahre auch (1984, S. 376):
Moltke betrachtete Waldersee nicht ohne Mißtrauen, aber er war zu müde geworden, um die Zügel noch straff zu führen, und so alt, daß er selbst eine Entlastung, die ihn belastete, hinnahm. Es fiel ihm schwer, sich an neue Gesichter zu gewöhnen und in neue Verhältnisse zu finden. Waldersee brachte neue Leute mit. (...) Nicht nur in den Amtsstuben, auch in den Privaträumen des Generalstabsgebäudes gab es Veränderungen. 
Da wäre wohl noch manches zu finden, wenn man weiter recherchieren würde. Wie man überhaupt - das wird einem durch die Inhalte des vorliegenden Beitrags vielleicht erstmals vollumfänglich bewußt gemacht - in der Kenntnisnahme geschichtlicher Entwicklungen die Biographie Bismarcks parallel zu Biographien wie denen von Moltke dem Älteren oder auch Wilhelm II. sehen muß und auch parallel zu den Örtlichkeiten in der Wilhelmsstraße und im Bezirk Tiergarten, wo sich die meisten politischen Ereignisse jener Zeit abgespielt haben. Erst dann wird das Bild der "Kaiserzeit" vollständig "rund".

"Waldersee-Konferenz" 1887

Aber das unheilvolle Wirken des Grafen Waldersee und derjenigen hinter ihm, die diesem Wirken positiv gegenüber standen, ist damit noch keineswegs ausreichend charakterisiert. Im November 1887 fand im Generalstabsgebäude eine für die Beteiligten später außerordentlich diskreditierende Konferenz statt über die sozial- und kirchenpolitische Arbeit des Dom- und Hofpredigers Adolf Stöcker. Sie stellte den ersten deutlicheren Schritt zur Entfremdung zwischen Bismarck und dem nachmaligen "christlichen" Kaiser Wilhelm II. dar, jener Entfremdung, die schließlich drei Jahre später zur Entlassung Otto von Bismarcks - und seines vorgesehenen Nachfolgers Herbert von Bismarcks - führen sollte. In einer Untersuchung aus dem Jahr 2001 werden diese Vorgänge folgendermaßen zusammengefaßt (T. Benner, S. 81 - 89):
Waldersee war mit einer streng religiösen Amerikanerin verheiratet, einer Freundin Prinzessin Auguste Victorias, der Gemahlin des Prinzen. Kirchenpolitisch stand Waldersee dem Hofprediger und Politiker Adolf Stoecker sehr nahe, den er maßgeblich unterstützte. Bereits Anfang der 80er Jahre hatte der Hofprediger ein durchaus enges Verhältnis zum Prinzenpaar gewonnen, eine Beziehung, die von gegenseitiger Sympathie getragen war. (...) Die Verbindung mit dem Geistlichen sollte für Wilhelm zum Anlaß eines scharfen Konflikts mit dem Reichskanzler werden. Als die unheilbare Krankheit Kronprinz Friedrich Wilhelms im November 1887 publik wurde, war allen politisch maßgeblichen Kreisen klar, daß nach dem Tode Wilhelms I. nur ein kurzes Interregnum durch desssen krebskranken Sohn würde stattfinden können. (...) So wurde Wilhelm (...) zum Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. (...) Noch im gleichen Monat, am 28. November 1887, präsidierte Wilhelm einer kirchenpolitischen Versammlung im Hause Waldersees
- gemeint ist das Generalstabsgebäude -,  
die der sozialkaritativen Arbeit Stoeckers gewidmet war. Daß der präsumptive spätere Kaiser wie ein Privatmann an einer Aktion der Berliner Stadtmission teilnahm, die nun einmal von dem politisch exponierten Stoecker geleitet wurde, konnte Bismarck gerade in der Phase des zuende gegangenen Kulturkampfs überhaupt nicht nachvollziehen. Erschwerend kam hinzu, daß die Versammlung bei Waldersee stattgefunden hatte, einem erklärten Kriegstreiber und Gegner der Bismarckschen Diplomatie der Balance der Mächte. Der Beginn der Krise zwischen Wilhelm II. und Bismarck (...) läßt sich hier festmachen. (...) Um sich zu verteidigen, schrieb Wilhelm - unter Beratung Waldersees - am 21. Dezember an Bismarck, daß die geplante Ausdehnung der Arbeit der Stadtmissionen nicht unter Leitung Stoecker stehen werde und parteiübergreifend sei. (...)
Der Reichskanzler antwortete am 6. Januar 1888.
Ein priesterkritisches Schreiben Bismarcks - Januar 1888

Diese Antwort Bismarcks enthält so viele "goldene Worte" über das Wesen des Priestertums an sich und des protetantischen Priestertums im Besonderen, daß es auf diesem Blog unmöglich ist, es zu unterlassen, aus derselben hier sehr ausführlich zu zitieren. Auf die Tatsache, daß es sicherlich schon damals eine enge Verquickung gegeben hat zwischen der Freimaurerei und der protestantischen Priesterschaft, geht Bismarck darin zwar nicht ein, ihre Berücksichtigung würde aber die Aussagen Bismarcks nur verstärken. Verstehen sich doch auch die Freimaurer - zumindest in den Hochgraden - oft noch viel bewußter als okkulte "Priester" denn viele protestantische Pfarrer. Diese Antwort hat Otto von Bismarck im 1919 erschienenen dritten Band seiner "Gedanken und Erinnerungen" abgedruckt ebenso wie die Briefe Wilhelms, auf die er dabei antwortet (vgl. Zeno). Dort hat er auch die Begleitumstände seiner Antwort noch genauer geschildert. Im folgenden sei aber nur aus dem Antwortbrief Bismarcks selbst zitiert (Hervorhebungen nicht im Original):
Die Opposition im Parlament würde eine ganz andere Kraft gewinnen, wenn die bisherige Geschlossenheit des Bundesrates aufhörte und Bayern und Sachsen mit (Eugen) Richter und (Ludwig) Windthorst gemeinsame Sache machten.
Eugen Richter war der langjährige wichtigste Redner der linksliberalen, Ludwig Windthorst der christ-katholischen Gegner Bismarcks im Deutschen Reichstag. Ihnen unterstellte Bismarck immer wieder die Bereitschaft und den Willen, die Einheit und den Bestand des von ihm geschaffenen Deutschen Reiches zu gefährden. Bismarck weiter:
Der nationale Gedanke ist auch den Sozial- und anderen Demokraten gegenüber, auf dem Lande vielleicht nicht, aber in den Städten stärker als der christliche. Ich bedauere es, sehe aber die Dinge, wie sie sind. Die festeste Stütze der Monarchie suche ich aber in beiden nicht,
- also weder im Christentum, noch im nationalen Gedanken - 
sondern in einem Königtum, dessen Träger entschlossen ist, nicht nur in ruhigen Zeiten arbeitsam mitzuwirken an den Regierungsgeschäften des Landes, sondern auch in kritischen lieber mit dem Degen in der Faust auf den Stufen des Thrones für sein Recht kämpfend zu fallen, als zu weichen. Einen solchen Herrn läßt kein deutscher Soldat im Stich, und wahr bleibt das alte Wort von 1848 'gegen Demokraten helfen nur Soldaten'. Priester können dabei viel verderben und wenig helfen; die priesterfrommsten Länder sind die revolutionärsten, und 1848 standen in dem gläubigen Pommerlande alle Geistlichen zur Regierung, und doch wählte ganz Hinterpommern sozialistisch, lauter Tagelöhner, Krüger und Eieraufkäufer. Ich komme damit auf den Inhalt des gnädigen Schreibens vom 21. v.M. und beginne am liebsten mit dem Schlusse desselben und dem Ausdruck des Bewußtseins, daß Friedrich der Große Ew. Ahnherr ist, und bitte Höchstdieselben, ihm nicht bloß als Feldherr, auch als Staatsmann zu folgen. Es lag nicht in der Art des großen Königs, sein Vertrauen auf Elemente wie das der inneren Mission zu setzen; die Zeiten sind heut freilich andere, aber die Erfolge, welche durch Reden und Vereine gewonnen werden, auch heut keine dauernden Unterlagen monarchischer Stellungen; für sie gilt das Wort, 'wie gewonnen so zerronnen'. Beredtsamkeit der Gegner, giftige Kritik, taktlose Mitarbeiter, deutsche Zanksucht und Mangel an Disziplin bereiten der besten und ehrlichsten Sache leicht einen betrübten Ausgang. Mit solchen Unternehmungen wie die 'Innere Mission', besonders in der Ausdehnung wie sie beabsichtigt ist, sollte meines untertänigsten Dafürhaltens Ew. Name nicht in solche Verbindung treten, daß er von dem möglichen Mißerfolge mitbetroffen würde. Der Erfolg entzieht sich aber jeder Berechnung, wenn die Verbindung sich auf alle großen Städte ausdehnt und also die Elemente und Richtungen alle in sich aufnimmt, welche in den Lokalverbänden schon vorhanden sind oder in sie eindringen werden. In solchen Vereinen ist schließlich nicht der sachliche Zweck für das wirkliche Ergebnis maßgebend, sondern die darin leitenden Personen drücken ihnen Stempel und Richtung auf. Das werden Redner und Geistliche sein, vielfach auch Damen, lauter Elemente, die zu einer politischen Wirksamkeit im Staate nur mit Vorsicht verwendbar sind und von deren Wohlverhalten und Takt ich die Meinung des Volkes über seinen künftigen König in keiner Weise abhängig wissen möchte. Jeder Fehler, jedes Ungeschick, jeder Uebereifer in der Vereinstätigkeit wird den republikanischen Blättern Anlaß geben, den hohen Protektor des Vereins mit dessen Verirrungen zu identifizieren.

Ew. führen eine stattliche Zahl achtbarer Namen als einverstanden mit höchstdero Beteiligung (an der Waldersee/Stöcker-Versammlung) an. Unter denselben finde ich einmal keinen, dem ich die Verantwortung für die Zukunft des Landes isoliert zumuten möchte; dann aber fragt sich, wie viele von den Herren ein Interesse an der inneren Mission betätigen würden, wenn sie nicht wahrgenommen hätten, daß Ew. und die Frau Prinzessin der Sache höchstihre Teilnahme zuwenden. Ich bin nicht bestrebt, Mißtrauen zu wecken, wo Vertrauen besteht; aber ein Monarch kann ohne einiges Mißtrauen erfahrungsgemäß nicht fertig werden, und Ew. stehen dem hohen Berufe zu nahe, um nicht jedes Entgegenkommen daraufhin zu prüfen, ob es der Sache gilt, um die es sich gerade handelt, oder dem künftigen Monarchen und dessen Gunst. Wer von Ew. Vertrauen in der Zukunft etwas begehren will, der wird heut schon streben, eine Beziehung, ein Band zwischen sich und dem künftigen Kaiser herzustellen; und wie viele sind ohne geheimen Wunsch und Ehrgeiz? und auch für den, der es ist, bleibt in unsern monarchisch gesinnten Kreisen das Streben nicht ohne Wirkung, in irgend welchem nähern Verhältniß zum Monarchen zu stehen. Das Rote Kreuz und andere Vereine würden ohne I.M. die Kaiserin so viele Teilnahme nicht finden; das Verlangen, zum Hofe in Beziehung zu stehen, kommt der Nächstenliebe zu Hilfe. Das ist auch erfreulich und schadet der Kaiserin nicht. Anders ist es mit Thronerben. Unter den Namen, die Ew. nennen, ist keiner ganz ohne politischen Beigeschmack, und der Bereitwilligkeit, den Wünschen des hohen Protektors zu dienen, liegt die Hoffnung zu Grunde, sich oder der Fraktion, der man angehört, den Beistand des künftigen Königs zu gewinnen. Ew. werden nach der Thronbesteigung die Männer und die Parteien mit Vorsicht und mit wechselnden Treffen nach höchsteigenem Ermessen benutzen müssen, ohne die Möglichkeit, äußerlich einer unserer Fraktionen Sich hinzugeben. Es gibt Zeiten des Liberalismus und Zeiten der Reaktion, auch der Gewaltherrschaft. Um darin die nötige freie Hand zu behalten, muß verhütet werden, daß Ew. schon als Thronfolger von der öffentlichen Meinung zu einer Parteirichtung gerechnet werden. Das würde nicht ausbleiben, wenn höchstdieselben zur inneren Mission in eine organische Verbindung treten, als Protektor. (...) Schon in dem Namen 'Mission' liegt ein Prognostikon dafür, daß die Geistlichkeit dem Unternehmen die Signatur geben wird, selbst dann, wenn das arbeitende Mitglied des Comité nicht ein General-Superintendent sein würde. Ich habe nichts gegen Stöcker; er hat für mich nur den einen Fehler als Politiker, daß er Priester ist, und als Priester, daß er Politik treibt. Ich habe meine Freude an seiner tapferen Energie und an seiner Beredsamkeit, aber er hat keine glückliche Hand; die Erfolge, die er erreicht, bleiben momentan, er vermag sie nicht unter Dach zu bringen und zu erhalten; jeder gleich gute Redner, und deren gibt es, entreißt sie ihm; zu trennen von der innern Mission wird er nicht sein, und seine Schlagfertigkeit sichert ihm den maßgebenden Einfluß darin auf seine Amtsbrüder und die Laien. Er hat sich bisher einen Ruf erworben, der die Aufgabe, ihn zu schützen und zu fördern, nicht erleichtert; jede Macht im Staate ist stärker ohne ihn als mit ihm, in der Arena des Parteikampfes aber ist er ein Simson. Er steht an der Spitze von Elementen, die mit den Traditionen Friedrichs d. Gr. in schroffem Widerspruch stehen, und auf die eine Regierung des Deutschen Reiches sich nicht würde stützen können. Mir hat er mit seiner Presse und seiner kleinen Zahl von Anhängern das Leben schwer und die große konservative Partei unsicher und zwiespältig gemacht. Die 'Innere Mission' aber ist ein Boden, aus dem er wie der Riese Antäus stets neue Kräfte saugen und auf dem er unüberwindlich sein wird. Die Aufgabe Ew. und höchstihrer dereinstigen Minister würde wesentlich erschwert werden, wenn sie die Vertretung der 'inneren Mission' und der Organe derselben in sich schließen sollte. Der evangelische Priester ist, sobald er sich stark genug dazu fühlt, zur Theokratie ebenso geneigt wie der katholische, und dabei schwerer mit ihm fertig zu werden, weil er keinen Papst über sich hat. Ich bin ein gläubiger Christ, aber ich fürchte, daß ich in meinem Glauben irre werden könnte, wenn ich, wie der Katholik, auf priesterliche Vermittlung zu Gott beschränkt wäre. (...)

Alle Vereine, bei welchen der Eintritt und die Thätigkeit der einzelnen Mitglieder von diesen selbst abhängig ist und von ihrem guten Willen und persönlichen Ansichten, sind als Werkzeuge zum Angreifen und Zerstören des Bestehenden sehr wirksam zu verwenden, aber nicht zum Bauen und Erhalten. Jeder vergleichende Blick auf die Ergebnisse konservativer und revolutionärer Vereinstätigkeit überzeugt von dieser bedauerlichen Wahrheit. Zum positiven Schaffen und Erhalten lebensfähiger Reformen ist bei uns nur der König an der Spitze der Staatsgewalt auf dem Wege der Gesetzgebung befähigt. Die Kaiserliche Botschaft bezüglich sozialer Reformen wäre ein toter Buchstabe geblieben, wenn ihre Ausführung von der Tätigkeit freier Vereine erwartet worden wäre; die können wohl Kritik üben und über Schäden Klage führen, aber heilen können sie letztere nicht. Das sichere Mißlingen ihrer Unternehmungen können die Vereinsmitglieder um so leichter tragen, als jeder nachher den Andern anklagt; einen Thronfolger als Protektor aber trifft es schwerer in der öffentlichen Meinung. Mit Ew. in einem Verein zu sein, ist für jedes andere Mitglied ehrenvoll und nützlich ohne jedes Risiko; nur für Ew. tritt das umgekehrte Verhältnis ein; jedes Mitglied fühlt sich gehoben und macht sich wichtig mit dem Vereinsverhältnis zum Thronerben, und Letzterer hat allein als Gegenleistung für die Bedeutung, welche er dem Verein verleiht, Nichts als die Gefahr des Mißlingens durch Anderer Schuld. Aus dem anliegenden Ausschnitt der freisinnigen Zeitung, der mir heut zugeht, wollen Ew. huldreich ersehn, wie schon heut die Demokratie bemüht ist, hochdieselben mit der sogenannten christlichsozialen Fraction zu identifiziren. Sie druckt die Sätze gesperrt, durch welche Ew. und meine Beziehungen zu dieser Fraktion in's Publikum gebracht werden sollen. Das geschieht von der freisinnigen Zeitung doch gewiß nicht aus Wohlwollen oder um der Regierung des Kaisers einen Dienst zu erweisen. 'Religiöse und sittliche Bildung der Jugend' ist an sich ein ehrenwerter Zweck, aber ich fürchte, daß hinter diesem Aushängeschild andere Ziele politischer und hierarchischer Richtung verfolgt werden. Die unwahre Insinuation des Pastors Seydel, daß ich ein Gesinnungsgenosse sei und ihn und seine Genossen vorzugsweise als Christen betrachtete, wird mich zur Widerlegung nötigen, und dann wird es offenbar werden, daß zwischen den Herrn und mir das Verhältnis ziemlich dasselbe ist wie mit jeder anderen Opposition gegen die jetzige Regierung Sr. Majestät.

Ich (...) habe seit 20 Jahren zu viel unter der Giftmischerei der Herren von der Kreuzzeitung und den evangelischen Windthorsten gelitten, um in Kürze von ihnen reden zu können. Ich schließe dieses überlange Schreiben mit meinem unterthänigen und herzlichen Danke für die Gnade und das huldreiche Vertrauen, welches Ew. Schreiben mir bekunden.
Zumindest oberflächlich betrachtet scheint sich Wilhelm als Kaiser an viele Ratschläge dieses Briefes während seiner Regierungszeit gehalten zu haben. - Allerdings war es in jedem Fall priesterliches Wirken, das die Entfremdung zwischen dem Prinzen Wilhelm und Bismarck ausgelöst hatte, und das mit imperialistischen Präventivkriegsabsichten zumindest nicht unvereinbar war - sondern eher im Gegenteil. Es scheint nicht, als ob diese Umstände seither schon ausreichend durch die Geschichtswissenschaft gewürdigt worden wären und ins allgemeine Geschichtsbewußtsein eingegangen wären.

- Und deuten sich nicht auch Parallelen an zu heutigen deutschen "Präventivkriegen", die an exakt dieser Örtlichkeit beschlossen werden von allerchristlichsten (anthroposophischen oder freimaurerischen) Bundeskanzlern, Bundespräsidenten, Bundestagspräsidenten, Verteidigungsministern, Innenministerns, Staatssekretären, Fraktionsvorsitzenden und Abgeordneten? Von den großen Druck- und Fernsehmedien ganz zu schweigen? -

Der Kaiser Wilhelm I. hatte Waldersee noch 1887 eine Rüge darüber ausgesprochen, daß er eine solche Versammlung im Generalstabsgebäude veranstaltet hatte (Im Ring der Gegner Bismarcks, 1943, S. 280). Und offenbar als Folge derselben ist noch im Jahr 1912 im Handwörterbuch "Die Religion in Geschichte und Gegenwart" die Verantwortlichkeit Wilhelms für diese Veranstaltung vertuscht, bzw. widerspruchsvoll kleingeredet worden - so peinlich ist sie also noch im Jahr 1912 offiziell von allen Beteiligten - insbesondere von der Priesterschaft - empfunden worden:
Zum 28. November 1887 beriefen Prinz und Prinzessin Wilhelm von Preußen (das jetzige Kaiserpaar) in das Generalstabsgebäude zu Berlin zum Grafen Waldersee eine aus etwa 50 Herren und einigen Damen bestehende Versammlung. Zweck und Aufgabe dieser Versammlung bezeichnete der Prinz in einer freien Ansprache dahin: In den großen Volksmassen, namentlich der großen Städte, nehmen die Umsturzideen immer mehr überhand.
Dem sollte das "christlich-soziale" Wirken Stoeckers entgegengestellt werden. Entgegen der Erwartungen des Prinzen aber, so das Handwörterbuch, der Stöcker ursprünglich zu dieser Versammlung gar nicht hatte einladen wollen (!), ergriff derselbe aber dann dennoch auf dieser Versammlung sogar selbst das Wort (!), um über seine Arbeit in der "Stadtmission" zu berichten. Eine reichlich unglaubwürdige Darstellung. Insbesondere das 1912 noch in vollem Umfang in Tätigkeit sich befindende langjährige sozial- und kirchenpolitische Engagement der Prinzessin und nachmaligen Kaiserin Auguste Viktoria ("Beruf Kaiserin")
nahm mit der "Waldersee-Konferenz" am 28.11.1887, die im Berliner Generalstabsgebäude (...) stattfand, ihren Anfang. Darin lag eine dezidierte Popularisierungsstrategie des eigenen monarchischen Images, welche das Kronprinzenpaar im rechtskonservativen Lager der "Kreuzzeitungs-Partei" verankerte. Ziel war es, sich eindeutig von der eher liberalen Gesinnung des kurzzeitigen Kaiserpaares Friedrich und Victoria abzusetzen. 
Der von der "Kirchenguste", also der nachmalige Kaiserin Auguste Viktoria geförderte 
protestantische Kirchenbau in Berlin und Preußen war eine nationalpatriotische Angelegenheit geworden, weil er seit der "Waldersee-Konferenz" in bewußtem Gegensatz zur Sozialdemokratie (...) positioniert worden war.
Um so mehr man von diesen Zusammenhängen erfährt, um so unheimlicher werden sie einem (G. Herm, 1964, S. 234):
Immer zielstrebiger begann Mary (von Waldersee) in den letzten Wochen der Regierungszeit Friedrichs III. die Feinde des Reichsgründers um sich zu versammeln. Baron Holstein, die "graue Eminenz" des Auswärtigen Amtes ...
Das zielbewußte Streben der Mary von Waldersee nach Macht ist in einer 1962 im "Spiegel" besprochenen Biographie über sie noch einmal betont herausgearbeitet worden. Diese Biographie zu konsultieren, könnte sinnvoll sein, um die Frage zu beantworten: Ist es möglich, daß hinter diesem bigott-christlichen weiblichen Machtstreben, das so eng mit einem Holstein kooperieren konnte, keine bewußten priesterlichen Einflüsse gestanden hätten? Zumal auch sonst so manches über diese Mary von Waldersee gemunkelt wird?

Der Staatsakt für Kaiser Wilhelm I. - 1888

Schon drei Monate nach der Rüge an seinem Enkelsohn starb Kaiser Wilhelm I.. Der Trauerzug für ihn am 16. März 1888 vom Berliner Dom "Unter den Linden" entlang zum Brandenburger Tor und von dort zum Charlottenburger Schloß führte über den Königsplatz und am Generalstabsgebäude vorbei. Er wurde von Prinz Wilhelm angeführt, da sein Vater schon schwer erkrankt war. Hunderttausende von Menschen säumten ihn. Noch heute wird dieser Staatsakt auf der "Protokoll"-Seite der Bundesregierung als Beispiel aufgeführt (abc). 

Der Maler August Westphalen malte den Trauerkondukt vor der Siegessäule. Auch von dem Schriftsteller Rudolf G. Binding, der diesen Staatsakt miterlebt hat, gibt es einen Bericht von diesem Tag (Projekt Gutenberg). Dieser wurde in nachfolgenden Generationen - insbesondere unter jenen, die dem Kaiserreich hohe Wertschätzung entgegenbrachten - als bedeutend eingeschätzt (etwa von Seiten Ernst von Salomon's). Im folgenden seien nur aus drei zeitgenössischen Berichten Auszüge zitiert, die sich auf das Geschehen am Königsplatz beziehen:
Als der Trauerzug die Siegesallee erreicht hatte, gaben die Stabsoffiziere die Führung an acht Leutnants von den Leibregimentern ab. Auch die den Baldachin tragenden Generale wurden von Hauptleuten abgelöst, und die Spitze des Gefolges nahm in den bereitstehenden Wagen Platz. Die Könige, Fürsten und Prinzen fuhren nach Charlottenburg. 
Ein weiterer zeitgenössischer Bericht ergänzt:
... So verließ die Leiche des großen Kaisers seine Hauptstadt. An der Siegesallee löste sich der Zug auf. Der Leichenwagen wurde nur noch von einer Schwadron Garde du Corps und den Hofchargen durch Spalier von Kavallerie und Infanterie, welche sich durch den ganzen Tiergarten bis Charlottenburg erstreckte, und durch viele Tausende, in dichten Reihen stehende Zuschauer eskortiert.
Und in einem anderen:
Nachdem die Stadt Berlin ihrem geliebten Kaiser beim Durchzug des Sarges durch das Brandenburger Tor ihren letzten feierlichen Gruß dargebracht hatte (...) und an der Siegessäule die Reichsinsignien vom Trauerzug abgelöst worden waren, um nach dem Königsschloß zurückgeleitet zu werden, nahmen die Reihen der Garde die sterbliche Hülle ihres ruhmgekrönten Führers und Kriegsherrn in ihre Mitte auf. (...) Neben der Chaussee nach Charlottenburg, rechts und links vom Weg, standen sämmtliche Truppenteile des Garde-Korps, regimenter- und bataillonsweise aufgestellt. Langsam, in feierlicher Stille, nur durch kaum vernehmbares Kommando, gedämpften Trommelschlag und die klagende Weise des Trauermarsches unterbrochen, nahm der tote Kaiser zwischen zwei salutierenden Paradeaufstellungen seine letzte Heerschau ab. Die Leiche begleitend ritten, sich ablösend, die Kommandeure der Truppenteile, zwischen denen der Zug sich fortbewegte und hinter dem Sarg die zum Militärkabinet weiland S. M. gehörenden Offiziere. So, in der Ordnung, in welcher der Monarch, als er noch unter den Lebenden weilte, so manche Parade abgenommen hatte, näherte sich der Zug der letzten Ruhestätte des toten Kaisers; und dort blieb der Sarg zurück, während die trauernden Truppen in ihre Quartiere zurückzogen.
Abb. 12: Leichenzug für Kaiser Friedrich III. (Juni 1888) (?)  
Der Priester schlägt zurück: "Wir müssen vorsichtig sein." (Der "Scheiterhaufenbrief") - August 1888

Der Hofprediger Stoecker stand schon seit Jahren in gutem Einvernehmen mit dem Schriftleiter der ultra-konservativen "Kreuzzeitung", deren Ruf als Bismarck-feindliche Zeitung ebenfalls seit Jahrzehnten feststand. Dieser Schriftleiter war der Freiherr Wilhelm Joachim von Hammerstein. An diesen schrieb er am 14. August 1888 den berühmten "Scheiterhaufenbrief", der 1895 im "Vorwärts" veröffentlicht worden ist:
Prinzipiell wichtige Fragen wie Judenfrage, Martineum, Harnack (Vertreter einer als zu liberal empfundenen Theologie), Reichstagswahl im sechsten Wahlkreis, die gewiß mit einem Fiasko der antisozialdemokratischen Elemente schließt, muß man, ohne Bismarck zu nennen, in der allerschärfsten Weise benutzen, um dem Kaiser den Eindruck zu machen, daß er in diesen Angelegenheiten nicht gut beraten ist, und ihm den Schluß auf Bismarck überlassen. Man muß also rings um das politische Zentrum resp. Kartell Scheiterhaufen anzünden und sie hell auflodern lassen, den herrschenden Opportunismus in die Flammen werfen und dadurch die Lage beleuchten. Merkt der Kaiser, daß man zwischen ihm und Bismarck Zwietracht säen will, so stößt man ihn zurück. Nährt man in Dingen, wo er intuitiv auf unserer Seite steht, seine Unzufriedenheit, so stärkt man ihn prinzipiell, ohne ihn zu reizen. Er hat kürzlich gesagt: sechs Monate will ich den Alten verschnaufen lassen, dann regiere ich selbst. Bismarck hat selbst gemeint, daß er den Kaiser nicht in der Hand behält. Wir müssen also, ohne uns etwas zu vergeben, doch vorsichtig sein.
(s.a.: a.) Daß die Bismarck-Gegner Stoecker und Hammerstein nicht eben sehr deutlich aus der übrigen Reihe zahlloser typischer Bismarck-Gegner herausfielen, wurde offenbar spätestens im Jahr 1896 und konnte Wilhelm neuerlich von der vormaligen Richtigkeit der Bismarck'schen Ausführungen zu Stoecker überzeugen:
1896 mußte Stoecker die Deutsch-konservative Partei verlassen. Anlaß dafür waren skandalöse Vorgänge, in die er sich verstrickt hatte. Seinem Freund von Hammerstein wurden schwere Unterschlagungen, Scheckfälschungen und sittlich-moralische Verfehlungen nachgewiesen, die zur nach außen gezeigten tiefen Christlichkeit seines Lebenswandels in scharfem Widerspruch standen. Stoecker hatte den Angegriffenen gedeckt. Auch seine Intrigen gegen Bismarck wurden ihm vorgehalten.
1888 war also, wie schon erwähnt, Graf Waldersee, der enge Freund des jungen Kaisers und schon seit 1882 der Stellvertreter Moltkes, zum Nachfolger Moltkes ernannt worden (Mombacher, S. 26). Viele erwarteten seine baldige Reichskanzlerschaft. Er sollte es sich aber schon bald mit dem sprunghaften Wilhelm II. verderben, Generalstabschef nur bis 1891 bleiben - und Reichskanzler nie werden. 

Abb. 13: Neubau der Moltkebrücke im Jahr 1889 - im Hintergrund das Generalstabsgebäude

Der Kaiser im Generalstabsgebäude, Frühjahr 1890: Kritik an Waldersee
Am 18. März 1890 hatte die "Stoeckerei" - so nannte der Kanzler die Waldersee-Clique - ihr Ziel erreicht. Bismarck wurde entlassen. Ganz Berlin aber wußte: Einer der Urheber dieses Komplotts war "die Waldersee", 
so schrieb Gerhard Herm (in "Amerika erobert Europa", 1964, S. 234). Doch schon wenig später kühlte sich auch das Verhältnis zwischen dem jungen Kaiser und Graf Waldersee ab (Röhl/Wilhelm II., S. 465):
Daß Waldersees Stern im Sinken begriffen war, fiel scharfäugigen Beobachtern bald nach Bismarcks Entlassung auf. Sie datierten den Umschwung in der Stimmung des Kaisers auf einen Vorfall im Frühjahr 1890, als der Kaiser Waldersee im Generalstabsgebäude vor allen Untergegebenen abfällig kritisierte.
Nämlich wegen der Anlage des Kaisermanövers. 
Unmittelbar zuvor hatte Wilhelm den Chef des Generalstabes wie gewohnt zu einem Morgenspaziergang abgeholt, bei dem Waldersee politische Äußerungen gemacht haben muß, die dem Kaiser mißfielen, denn auf dem Rückweg sagte Wilhelm zu einem seiner Adjutanten verärgert: "Ich begreife Waldersee nicht; er ist mein Generalstabschef und hat sich nicht um Dinge zu kümmern, die ihn nichts angehen." Dem Chef des Militärkabinetts sagte der Kaiser nach der scharfen Kritik im Generalstabsgebäude, er habe Waldersee zeigen wollen, daß er auch ohne ihn leben könne.
Waldersee wolle Reichskanzler werden, wozu ihn Wilhelm aber nie ernennen wolle.

Wilhelm sprach  auch später noch gegenüber dem Nachfolger Waldersees, dem Grafen Schlieffen, im Tiergarten und innerhalb des Generalstabsgebäudes schwere Manöverkritiken aus, mit denen dann von den übrigen Generalstabsoffizieren sehr "diplomatisch" umgegangen werden mußte (Röhl, S. 635).

Abb. 14: Von oben nach unten: Lehrter Bahnhof, Humboldthafen, Spreebogen, Alsenstraße, Königsplatz, Reichstag
Der 90. Geburtstag Moltkes im Generalstabsgebäude - 1890

Am 26. Oktober 1890 wurde der 90. Geburtstag Helmuth von Moltkes gefeiert. Über diesen Geburtstag wird berichtet ("Männer deutscher Geschichte", 1944):
Er wird zum Festtag der Nation. Das Generalstabsgebäude, in dem Moltke noch immer wohnt, ist mit Grün geschmückt, alle Häuser haben geflaggt, die Schulen feiern, die Studenten bringen am Vorabend einen Fackelzug ...
Ulrich von Hassel berichtet (Erinnerungen aus meinem Leben, 1919, S. 158):
Der alte Kriegsheld und Stratege stand vor dem Hauptportal des Generalstabsgebäudes, während der riesige Zug vorbei kam — ein ergreifender Anblick!
Oder (1906):
Nachmittags erschien die Kaiserin mit den drei ältesten Prinzen im Generalstabsgebäude, um Moltke persönlich zu beglückwünschen und gleich darauf stattete ihm der Kaiser selbst einen längeren Besuch ab.
Oder ("Deutschlands Heerführer", 1895):
Sein 70jähriges Dienstjubiläum verlebte Moltke in aller Stille, aber gefeiert wie von seinem Allerhöchsten Kriegsherrn so von der Königlichen Familie und weiten Kreisen. An seinem 90. Geburtstage begrüßte ihn Seine Majestät der Kaiser, umgeben von den General-Inspekteuren der Armee, dem Kriegsminister und sämtlichen kommandierenden Generalen, im Generalstabsgebäude mit einer Ansprache voll huldigenden Dankes, die im ganzen Heere und Volke Widerhall fand.
Ein halbes Jahr später, am 24. April 1891 starb Moltke. In dem Aufsatz "Der Kaiser an Moltke's Sarge" (in der Zeitschrift "Politische Geschichte der Gegenwart") wurde berichtet: Der Kaiser
fuhr nach dem Generalstabsgebäude, von der versammelten Menge ehrfurchtsvoll, aber still begrüßt. Dort hatten sich auch der Chef des Generalstabs, General Graf Schlieffen, und Graf Waldersee eingefunden.
Abb. 15: Generalstabsgebäude am Königsplatz (Postkarte, 1903)
Spaziergänge und -ritte im Tiergarten - Antarktis-Expeditionen - Kunstausstellungen 
Abb. 16: Moltkebrücke, Generalstabsgebäude, Reichstag und Siegessäule (um 1900)

Das Generalstabsgebäude stand in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg immer wieder im Mittelpunkt eines vielfältigen kulturellen, wissenschaftlichen und politischen Geschehens. 1909 etwa stellte Wilhelm Filchner, der Fritjof Nansen, Walter Scott und Ronald Asmussen Deutschlands, im Konferenzraum des Generalstabsgebäudes vor General von Moltke dem Jüngeren, vor Wissenschaftlern, Journalisten, Wirtschaftsvertretern und Staatsbeamten Pläne zu einer deutschen Antarktis-Expedition vor (Jessen 2010, S. 278f). Die deutschen Ortsnamen in der Antarktis stammen aus jener Zeit. 

Vom Dezember 1911 bis Januar 1912 hat es im Bibliothekssaal des Berliner Generalstabsgebäudes eine Kunstausstellung gegeben. Bei dem Musikinteresse der Familie von Moltke wurde im Generalstabsgebäude auch viel musiziert und fanden (siehe oben) Chorproben unter dem Hauslehrer Friedrich Dressler statt (Jessen, S. 220, 225, 281).

Abb. 17: Lehrter Bahnhof, Großer Generalstab, Reichstag (Ausschnitt aus dem Plan von Mittel-Berlin, Diercke, Atlas für Berliner Schulen, 1911)

Abb. 18: Bernhard von Bülow und ein Hauptmann, Ausritt am Landwehrkanal im Tiergarten (1900/1909)
Auch Pferdeställe gab es im Generalstabsgebäude. Und die Generalstabsoffiziere machten damals vor Dienstbeginn, während des Dienstes oder nach Dienstschluß Ausritte sowohl im Tiergarten wie auch im Grunewald. Ebenso wie die kaiserliche Familie, wie die Reichskanzler und andere, sicherlich zumeist wohlhabendere Personen und Bürger.

Abb. 19: "Aufbruch aus dem Quartier" während der "großen Generalstabsreise 1912" - Generalstabschef H. von Moltke, Ludendorff und andere Offiziere zu Pferd (ohne Ortsangabe) (aus: Ludend.)
Es finden sich viele Photographien von Personen auf Spazierritten im Tiergarten: Wilhelm II., das Kaiserpaar mit Tochter und Gefolge, der deutsche Kronprinz, Reichskanzler Bethmann-Hollweg uam.. Auch noch aus den 1930er Jahren wird berichtet - etwa von General Ludwig Beck -, daß tägliche Ausritte im Grunewald unternommen wurden - allein, mit Tochter oder Mitarbeitern. Ein Mitarbeiter Erich Ludendorffs im Großen Generalstab jener Jahre, Albrecht von Thaer, berichtet etwa auch (zit. n. 35, S. 58; 1958, S. 189):
Als ich als junger Hauptmann des Generalstabes 1904 bis 1905 in der Aufmarsch-Abteilung war, da war Ludendorff als junger Major mein Sektionschef und mein nächster Vorgesetzter. Ich arbeitete als sein Adlatus in seinem Zimmer allein mit ihm. Fast täglich nach Feierabend gingen wir dann zu Fuß gemeinsam durch den Tiergarten nach dem Westen. Wie oft lächelte er überlegen über meinen stöckerschen Antisemitismus, den er mit seiner "deutscheObjektivität" für nicht vereinbar hielt.
Der Hofprediger Stöcker blieb also noch auf Jahre hinaus Gesprächsthema im Großen Generalstab. - Die fünfzig Jahre Geschichte des Großen Generalstabes seit der Zeit, in der Moltke 1857 Generalstabschef geworden war, haben nach und nach eine beträchtliche personelle Erweiterung dieser Institution mit sich gebracht, die sich ja auch - wie oben erwähnt - im Bau und in der Erweiterung des Generalstabsgebäudes kundtat. 1857 arbeiteten im Großen Generalstab in der Behrenstraße 64 Offiziere. 1877 waren es 135, 1888 239 (Mombacher, S. 26). 1914 arbeiteten im Große Generalstab 625 Offiziere, davon 113 im Generalstabsgebäude in Berlin und 239 in den Truppengeneralstäben der Armeekorps sowie der Divsionen (Mombacher, S. 35). 

Kronprinzen-Allüren und Kriegsausbruch - 1914

Abb. 20: "Das Moltkezimmer des Generalstabs-Gebäudes nach dem Einzug des Kronprinzen" ("Jugend",  4.2.1914)
Anfang 1914 scheint der deutsche Kronprinz Wilhelm im Generalstabsgebäude gewohnt zu haben, denn in der Satire-Zeitschrift "Jugend" spießt der Karrikaturist E. Wilke diesen Umstand auf, um einmal erneut die zahlreichen außerdienstlichen Leidenschaften des Kronprinzen, die damals in aller Munde waren, zu kommentieren und dabei auch den Gegensatz zwischen dem Bismarck'schen und dem "moderneren" Wilhelminischen Deutschland aufzuzeigen (s. Abb.). 

Über eine ganz andere Zeit, nur ein gutes halbes Jahr später schreibt dann der Historiker Goodspeed 1966 in seinem Kapitel "Die Schlacht um Lodz", die ebenfalls noch im November 1914 stattfand:
General von Falkenhayn und Ludendorff saßen sich im Generalstabsgebäude am Königsplatz in Berlin gegenüber - in demselben Zimmer, in dem vor Falkenhayn Moltke und vor Moltke Schlieffen gearbeitet hatten. Man schrieb erst Ende Oktober, aber schon stand zwischen den beiden Männern, unausgesprochen und dennoch spürbar, die Erinnerung ... 
(Wiederum nur bruchstückhaft zitierbar infolge der Google-Restriktionen.)

Theodor Wolff, der Inhaber des berühmten Telegrafenbüros, schreibt in seinen Tagebüchern über den 30. August 1915 (1984, S. 279):
Im Generalstabsgebäude Sitzung der Chefredakteure etc., einberufen von Major Deutelmoser. Dieser setzt auseinander, daß die Verständigung mit Amerika und damit eine Einschränkung des Torpedierens von Passagierschiffen notwendig geworden sei. Nach ihm spricht Georg Wedel vom Ausw. Amt, verlegen und wenig geschickt. Die journalistischen Parteigänger Tirpitz', besonders Georg Bernhard von der Vossischen Ztg. sprechen ihren Schmerz aus und fragen, ob die Erklärungen Deutelmosers u. Wedels ein Verbot der Kritik bedeuteten. Wedel windet sich um eine klare Antwort herum - es macht einen ziemlich mäßigen Eindruck, daß das Ausw. Amt sich bei der ganzen Aktion fortwährend hinter der "Obersten Heeresleitung" versteckt, von der es aufgefordert worden sei, eine Verständigung mit Amerika herbeizuführen. Grf. Reventlow von der Deutschen Tagesztg., der schon von militärischer Seite vorgestern einer Untersuchung unter vier Augen um Einstellung seiner rasenden Campagne gegen Amerika ersucht worden ist, hört schweigend zu.  
...

Der "Eiserne Hindenburg" wird aufgestellt - 1915

Abb. 21: Siegessäule mit "Eisernem Hindenburg" (5. 9. 1915) (s.a. zahllose weitere Postkarten dazu)
Am 5. September 1915 weiht der Reichskanzler Bethmann-Hollweg auf dem Königsplatz vor der Siegessäule - als den berühmtesten aller damaligen zahllosen in Deutschland und vielen Ländern aufgestellten "Wehrmänner in Eisen" - den "Eisernen Hindenburg" ein. Für eine Kriegsspende darf man einen Nagel in den hölzernen Hindenburg einschlagen. Die Frau Hindenburgs weilte während der Einweihung unter den Gästen (s.a. Kammelar 2009).

Abb. 22: Großer Generalstab, Nordseite (Postkarte, 1915)
Zwischen 1916 und 1918 war faktischer Leiter des Großen Generalstabes der Generalquartiermeister Erich Ludendorff. Der Große Generalstab befand sich im Krieg fast immer im Westen (in Koblenz, Spa und an anderen Orten). Doch fanden während des Krieges im Berliner Generalstabsgebäude zahlreiche politische Besprechungen statt mit dem Reichskanzler, mit Staatssekretären und vielen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Diese wären - etwa anhand der Kriegserinnerungen Ludendorffs - hier nachzutragen. Für diese wurde auch das nahegelegene Schloß Bellevue im Tiergarten genutzt, der heutige  Sitz des Bundespräsidenten (Hansaviertel, S. 19):
Während des Ersten Weltkrieges wurde das Schloß im Jahre 1916, wohl wegen der Nähe zum Generalstabsgebäude am Königsplatz, zu einem Besprechungszentrum für wichtige Konferenzen mit der obersten Heeresleitung unter Hindenburg und Ludendorff, sowie mit hochrangigen Personen der Regierung und der diplomatischen Vertretungen der alliierten Mächte hergerichtet. 
Schloß Bellevue war 1840 von König Friedrich Wilhelm IV. erworben worden und für verschiedene Zwecke genutzt worden. Kaiser Friedrich III. hatte es umfangreicher für sich selbst nutzen wollen, starb aber. Vor dem Ersten Weltkrieg hatten hier auch Kaiserbälle stattgefunden (Wikipedia).

Hindenburg-Feier auf dem Königsplatz - 1917

Am 2. Oktober 1917 wurde der Geburtstag des Generalstabschefs Hindenburg in Berlin und auf dem Königsplatz geradezu wie "Kaisers Geburtstag" gefeiert (Jesko von Hoegen, 2007, S. 190):
Die Straßen waren von Hindenburgs Wohnung bis zum Genralstabsgebäude am Morgen des 2. Oktober 1917 von Schulkindern eingesäumt, die dem Volkshelden Herbstblumen auf den Weg streuten, während Flieger Blumen und Lorbeer abwarfen. Des weiteren hatte sich eine große Menschenmenge versammelt, die dem Feldmarschall auf seinem Weg zum Dienst "jubelnde Huldigungen" bereitet haben soll. Vor dem Generalstabsgebäude erwarteten Hindenburg nicht nur sein Mitarbeiterstab, sondern auch ein Spalier "vaterländischer Korporationen", deren Front der Feldmarschall abschritt, sowie Abordnungen diverser Regimenter, zu denen Hindenburg als Chef oder a la suite in Verbindung gestanden hatte.  

Wie es in jener Zeit im Generalstabsgebäude zugehen konnte, berichtet beispielsweise der damalige k.u.k. Generalstabsoffizier Edmund Glaise von Horstenau (1882 - 1946) in seinen 1945 niedergeschriebenen Erinnerungen (1980, Bd. 2, S. 457):
An einem Vormittag hatte ich im Generalstabsgebäude in der Moltkestraße zu tun. Da kam Ludendorff vorüber. Er begrüßte mich als alten Bekannten und fragte mich, wie es mir gehe. Ich sagte: "Schlecht Exzellenz, weil Sie die austropolnische Lösung unmöglich machen!" Er sah mich verdutzt an und begann mit mir über diese Frage und die ganzen Friedensfragen zu debattieren. 
Der Ludendorff nahestehende Generalstabsoffizier Max Bauer unter anderem (1922, S. 38):
... insofern man den ganzen Tag und einen großen Teil der Nächte im Generalstabsgebäude war, ... 
Am 11. Mai 1918 gab es im Generalstabsgebäude eine Besprechung zwischen dem Reichskanzler Graf Hertling und der Obersten Heeresleitung, in der die politischen Aspekte der deutschen Offensiven an der Westfront im März und April besprochen wurden. Auch über die Gewinnung von Siedlungsland in den baltischen Provinzen gab es eine Besprechung (J. von Hehn, 1977, S. 123):
Auch wollten Vertreter der livländischen und der estländischen Ritter- und Landschaft die Abgabe eines Drittels auf das landwirtschaftliche Nutzland beschränkt sehen (...). Solche Angebote konnten die reichsdeutsche Seite nicht befriedigen. Die Gegensätze prallten bereits bei einer ersten Besprechung aufeinander, die Anfang Juni unter dem Vorsitz des Obersten von Thaer im Generalstabsgebäude in Berlin stattfand. Als die Vertreter Livlands und Estlands, Stryk und Brevem, ...
Oder (Untersuchuungsausschuß, Bd. 2, 1925, S. 227):
... war für den 14. August, 10 Uhr vormittags, mit Generalstabsgebäude angesetzt. Hintze suchte den Reichskanzler vorher auf, trug ihm erneut seine hoffnungsarme, der dargelegten Auffassung der O.H.L. widersprechende Beurteilung der Kriegslage vor, hat ihn um Unterestützung seines Verlangens nach Ermächtigung zu Friedensaktionen.
Oder (W. Zürrer, Kaukasien, 1978, S. 167):
Am 21. August 1918 trafen sich im Berliner Generalstabsgebäude die Wirtschafts- und Verkehrsexperten der Reichsregierung, um die anstehenden Fragen zu besprechen. Sie beschlossen, mit dem Dampfer "Daland" eine regelmäßige wöchentliche ...
Erich Ludendorff schreibt (Meine Kriegserinnerungen, S. 362):
Der Generalfeldmarschall und ich waren bei unserer ersten Anwesenheit in Berlim am 7. Juli bereit gewesen, Mitglieder des Reichstags im Generalstabsgebäude in zwangloser Form Aufklärung über unsere Kriegslage zu geben. Es lag mir daran, beruhigend zu wirken. Diese Besprechung fand nun am 13. nachmittags statt. 

Über eine weitere Besprechung wird berichtet (Hans Volz, 1942, S. 544):
Oktober 1918 richtete Generalfeldmarschall von Hindenburg nach einer Unterredung (im Generalstabsgebäude in Berlin) mit Prinz Max von Baden, der an diesem Tage zum Reichskanzler ernannt wurde, an diesen ein Schreiben, auf Grund ... 
(Gustav Böhm u.a., 1977, S. 35, Anmerkung):
Am 3. Oktober 1918 erklärte Generalfeldmarschall v. Hindenburg dem Reichskanzler Prinz Max von Baden bei einer Besprechung im Generalstabsgebäude in Berlin, an seiner Forderung vom 29. September nach einem sofortigen "Friedensangebot" festhalten zu müssen. Es sei "geboten, den Kampf abzubrechen, um dem deutschen Volke und seinen Verbündeten nutzlose Opfer zu ersparen", obwohl die Möglichkeit gegeben sei, "bis zum Frühjahr deutsches Gebiet zu schützen", und ein "allgemeiner Zusammenbruch" nicht sicher bevorstünde.
Die Entlassung Ludendorffs - 1918

Die Entlassung Ludendorffs durch den Kaiser am 26. Oktober 1918 fand im Schloß Bellevue statt. Der Tag begann und endete für Ludendorff jedoch im Generalstabsgebäude (S. 616):
Am 26. früh 8 Uhr schrieb ich noch in der Seelenstimmung des vorangegangenen Abends mein Abschiedsgesuch. (...) Der Generalfeldmarschall (von Hindenburg) kam am 26. 9 Uhr früh wie gewöhnlich zu mir. (...) Oberst v. Haeften meldete mir, die Regierung hätte bei Seiner Majestät meine Verabschiedung erwirkt. (...) Seine Majestät würde mich gleich in das Schloß Bellevue befehlen. (...) Bereits während des Gesprächs mit Oberst v. Haeften wurden wir plötzlich zu ungewohnter Stunde zu Seiner Majestät befohlen. (...) Fahrt vom Generalstabsgebäude nach dem Schlosse Bellevue. (...) Der Kaiser war im Vergleich zum Vortrage wie umgewandelt.
Ludendorff weigerte sich nach der Entlassung durch den Kaiser vor dem Schloß, mit Hindenburg in dem gleichen Kraftwagen zurück ins Generalstabsgebäude zu fahren, mit dem sie gekommen waren, da dieser nicht in alter Kameradschaft zusammen mit ihm auf seinem Abschied bestanden hatte. Offenbar besuchte Ludendorff zunächst seine Frau (M. Nebelin 2010, S. 496). In seinen Erinnerungen schreibt er dann:
Ich sagte nach der Rückkehr in das Generalstabsgebäude meinen Herren, darunter auch Oberst v. Haeften, in tiefer Sorge, in 14 Tagen hätten wir keinen Kaiser mehr. Auch sie waren sich darüber klar.
In einem zweiten, kürzeren Teil werden die Schicksale dieses Gebäudes, des Königsplatzes und der Siegesallee seit der Revolution vom 9. November 1918 bis zu seinem Abriß 1947 dargestellt.
____________
  1. Nachrichten. In: Allgemeine Militär-Zeitung. Hrsg. von einer Gesellschaft Deutscher Offiziere und Militärbeamten. Darmstadt, 6.4.1867, Band 42, Seite 112 (Google Bücher)
  2. Goedeking, H.: Das neue Dienstgebäude für den Generalstab zu Berlin. In: Deutsche Bauzeitung 2 (1868), Nr. 36, S. 381 - 384  
  3. Die Bibliothek des großen Generalstabes zu Berlin. In: Organ der Gesellschaft für Heereskunde , Band 30, 1879 (später "Monatshefte für Politik und Wehrmacht") (Google Bücher), S. 208 - 211
  4. Dressler, Friedrich August: Moltke in seiner Häuslichkeit. Berlin (2. Aufl.) 1904 (Google Bücher)
  5. Artikel über den Hofprediger Stöcker (vermutlich). In: Die Religion in Geschichte und Gegenwart. Handwörterbuch. 1912, S. 28 (Google Bücher)  
  6. Ludendorff, Erich: Meine Kriegserinnerungen 1914 - 1918. Mittler und Sohn, Berlin 1919
  7. Noske, Gustav: Von Kiel bis Kapp. Zur Geschichte der deutschen Revolution. Verlag für Politik und Wirtschaft, Berlin 1920 (Vorwort April 1920) (210 S.) (Google Bücher)
  8. Ludendorff, Erich: Mein militärischer Werdegang. Blätter der Erinnerung an unser stolzes Heer. Ludendorffs Verlag, München 1935
  9. Das Moltkezimmer im ehemaligen Generalstabsgebäude. Dokumentarische Filmaufnahme, Mitte der Dreißigerjahre. Produktion: Heeres-Filmstelle, Kopie: BA-Filmarchiv, 35 mm, schwarz-weiß (s/w), stumm. (zit. n. Google Bücher)
  10. Görlitz, Walter: Der deutsche Generalstab. Geschichte und Gestalt. 1657 - 1945. Verl. d. Frankfurter Hefte, Frankfurt am Main 1950  (710 S.), Bechtermünz Verlag 1997 (auch ins Englische übersetzt) (Google Bücher) (Rezension im Spiegel 1950)
  11. Erfurth, Waldemar: Die Geschichte des deutschen Generalstabes von 1918 bis 1945. Bd. 1 und 2. Musterschmidt, Göttingen 1960 
  12. Smith, Alson J.: A View of the Spree.  The John Day Company, New York 1962 (Biographie der bigotten, herrschsüchtigen Mary von Waldersee)
  13. Herm, Gerhard: Amerika erobert Europa. Econ-Verlag 1964 (Google Bücher)
  14. Barnick, Johannes F.: Deutschlands Schuld am Frieden. Seewald Verlag, Stuttgart 1965
  15. Förster, Gerhard; Otto, Helmut; Schnitter, Helmut: Der preußisch-deutsche Generalstab.  1870 - 1963. Zu seiner politischen Rolle in der Geschichte. Dietz Verl., Berlin 1964, 2. erw. Aufl. 1966
  16. Otto, Helmut: Schlieffen und der Generalstab. Der preussisch-deutsche Generalstab unter der Leitung des Generals von Schlieffen 1891 - 1905. Dt. Militär-Verl, Berlin 1966
  17. Goodspeed, Donald James: Ludendorff. Soldat, Diktator, Revolutionär. Bertelsmann Sachbuchverlag 1966 (Google Bücher)
  18. Dupuy, Trevor N.: Der Genius des Krieges. Das deutsche Heer und der Generalstab 1807-1945. Stocker-Verlag, (2. Aufl.) 2011 (engl. 1977)
  19. Herre, Franz: Moltke. Der Mann und sein Jahrhundert. Deutsche Verlags-Anstalt, 1984 (2. Aufl.) 1990 (Google Bücher)
  20. Georg Morris Cohen Brandes, Erik M. Christensen, Hans-Dietrich Loock: Berlin als deutsche Reichshauptstadt. Erinnerungen aus den Jahren 1877 - 1883. Colloquium-Verlag, 1989
  21. Bräutigam, Helmut u.a.: Tiergarten. Teil 1: Vom Brandenburger Tor zum Zoo. Nicolaische Verlagsbuchhandlung, Berlin 1989 [Historische Kommission zu Berlin: Geschichtslandschaft Berlin - Orte und Ereignisse, Bd. 2]
  22. Horst Ulrich, Uwe Prell, Heinz Werner: Berlin Handbuch. 1992, S. 89 (Google Bücher)
  23. Röhl, John, C.G.: Wilhelm II. - Der Aufbau der Persönlichen Monarchie 1888 - 1900. C.H.Beck, München 2001 (Google Bücher)
  24. Mombauer, Annika: Helmuth von Moltke and the Origins of the First World War. Cambridge University Press, Cambridge UK 2001 (Google Bücher)
  25. Benner, Thomas: Die Strahlen der Krone. Die religiöse Dimension des Kaisertums unter Wilhelm II. vor dem Hintergrund der Orientreise 1898. Tectum Verlag 2001 (Google Bücher)
  26. Wagner-Kyora, Georg: "Beruf Kaiserin". Die mediale Repräsentation der preußisch-deutschen Kaiserinnen 1871 - 1918. In: Historische Anthropologie, Jg. 15, Heft 3, 2007, S. 339 - ... (Google Bücher)
  27. von Hoegen, Jesko: Der Held von Tannenberg. Genese und Funktion des Hindenburg-Mythos (1914-1934). Böhlau-Verlag, Köln 2007 (Google Bücher)
  28. Gerhard Kaiser und Bernd Herrmann: Vom Sperrgebiet zur Waldstadt. Die Geschichte der geheimen Kommandozentralen in Wünsdorf und Umgebung. Ch. Links Verlag, 2007 (Google Bücher)
  29. Pintschovius, Joska: Der Bürger-Kaiser. Anmerkungen zu Wilhelm II. Osburg Verlag, 2008 (Google Bücher)
  30. Lars Olof und Sabine Larsson, Ingolf Lamprecht: "Fröhliche Neugestaltung" oder: Die Gigantoplanie von Berlin 1937-1943. Albert Speers Generalbebauungsplan im Spiegel satirischer Zeichnungen von Hans Stephan. Verlag Ludwig (2. unveränderte Nachauflage) 2008 (Google Bücher)
  31. Kammelar, Rob: Spijkeren voor het vaderland. "Kriegsnagelungen" - een merkwaardige uiting van Duits patriottisme tijdens de Eerste Wereldoorlog. Auf: Wereldoorlog1418.nl, 2009
  32. Janiszewski, Betram: Das alte Hansa-Viertel in Berlin. Gestalt und Menschen. Books on Demand, 2009 (Google Bücher
  33. Jessen, Olaf: Die Moltkes. Biographie einer Familie. Beck-Verlag (2. Aufl.) 2010 (Google Bücher)
  34. Kindler, Jan: Die Skagerragkschlacht im deutschen Film. In: Michael Epkenhans, Jörg Hillmann und Frank Nägler (Hg.) Skagerrakschlacht. Vorgeschichte - Ereignis - Verarbeitung. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 2010, S. 351ff (Google Bücher)
  35. Nebelin, Manfred: Ludendorff. Diktator im Ersten Weltkrieg. Siedler-Verlag, München 2010
  36. von Thaer, Albrecht: Generalstabsdienst an der Front und in der O. H. L.. Aus Briefen und Tagebuchaufzeichnungen, 1915-1919Helmuth K. G. RönnefarthVandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1958 (Google Bücher)