Mittwoch, 3. Mai 2017

"Auf Poesie ist die Sicherheit der Throne gegründet"

Das wussten die preußischen Reformer vor 200 Jahren

1837 vertonte der Lieder-Komponist Carl Loewe das Lied "Fridericus Rex, unser König und Herr", hier 1998 sang es in dem beistehenden Video Günter Wewel. "Auf Poesie ist die Sicherheit der Throne gegründet," hatte der preußische Militärreformer August Graf Neithardt von Gneisenau in einer Denkschrift aus dem Jahr 1811 an seinen König geschrieben, als der König auf eine vorhergehende Denkschrift, die durchgreifende Reformen vorgeschlagen hatte (Aufstellung einer Miliz), die Randbemerkung gesetzt hatte: "Als Poesie gut." (Lexikus.de)




Fridericus Rex, unser König und Herr,
der rief seine Soldaten allesamt ins Gewehr,
zweihundert Bataillons und an die tausend Schwadronen,
und jeder Grenadier kriegt sechzig Patronen.

"Ihr verfluchten Kerls", sprach seine Majestät,
"dass jeder in der Bataille seinen Mann mir steht! 
Sie gönnen mir nicht Schlesien und die Grafschaft Glatz
und die hundert Millionen in Meinem Schatz."

"Die Kais'rin hat sich mit dem Franzosen allirt,
und das römische Reich gegen mich revoltiert,
die Russen seind gefallen in Preussen ein.
Auf, lasst uns sie zeigen, dass wir brave Landskinder sein."

"Meine Generale Schwerin und Feldmarschall von Keith,
und der Generalmajor von Zieten sind allemal bereit.
Potz, Mohren, Blitz und Kreuz-Element,
wer den Fritz und seine Soldaten noch nicht kennt."

Nun adjö, Luise, wisch ab das Gesicht, 
eine jede Kugel, die trifft ja nicht;
denn träfe jede Kugel apart ihren Mann,
wo kriegten die Könige ihre Soldaten dann!

Die Musketenkugel macht ein kleines Loch,
die Kanonenkugel ein weit grösseres noch; 
die Kugeln sind alle von Eisen und Blei,
und manche Kugel geht manchem vorbei.

Unsre Artillerie hat ein vortrefflich Kaliber, 
und von den Preussen geht keiner nicht zum Feinde hinüber;
die Schweden, die haben verflucht schlechtes Geld,
wer weiss, ob der Östreicher besseres hält.

Mit Pomade bezahlt den Franzosen sein König,
wir kriegen's alle Woche bei Heller und Pfenning.
Potz, Mohren, Blitz und Kreuz-Sapperment,
wer kriegt so prompt wie der Preusse sein Traktament.

Fridericus mein König, den der Lorbeerkranz ziert,
ach hätt'st du nur öfters zu plündern permittiert,
Fridericus Rex, mein König und Held,
wir schlügen den Teufel für dich aus der Welt!
Fridericus Rex, mein König und Held,
wir schlügen den Teufel für dich aus der Welt!



Gneisenau antwortete 1811 auf die Randbemerkung des Königs (Lexikus.de):
Es sind nicht immer die stehenden Heere gewesen, die Throne und Staaten gerettet haben, häufig war es die Liebe eines für seinen Herrscher begeisterten Volkes. König Alfred von England hatte nichts mehr übrig als ein Bauerngewand, und dennoch rettete er Thron und Volk aus der Gewalt der damals allfurchtbaren Dänen. Ew. Majestät werden mir, indem ich dieses sage, abermals Poesie Schuld geben, und ich will mich gern hiezu bekennen. Religion, Gebet, Liebe zum Regenten, zum Vaterland sind nichts anderes als Poesie, keine Herzenserhebung ohne poetischen Schwung. Wer nur nach kalter Berechnung handelt, wird ein starrer Egoist. Auf Poesie ist die Sicherheit der Throne gegründet. Wie so mancher von uns, die wir mit Bekümmernis auf den wankenden Thron blicken, würde eine ruhige, glückliche Lage in stiller Eingezogenheit finden können, wie mancher selbst eine glänzende erwarten dürfen, wenn er statt zu fühlen nur berechnen wollte. Jeder Herrscher ist ihm dann gleichgültig. Aber die Bande der Geburt, der Zuneigung, der Dankbarkeit, des Hasses gegen die Fremdlinge fesseln ihn an seinen alten Herrn, mit ihm will er leben und fallen, für ihn entsagt er den Familienfreuden, für ihn gibt er Leben und Gut ungewisser Zukunft preis. Dies ist Poesie, und zwar der edelsten Art. An ihr will ich mich aufrichten mein lebelang, und zur Ehre will ich mir es rechnen, der Schar jener Begeisterten anzugehören, die alles daran setzen, um Ew. Majestät alles zu retten, denn wahrlich, zu einem solchen Entschluss gehört Begeisterung, die jede selbstsüchtige Berechnung verschmäht. Viel sind der Männer, die so denken, und weit stehe ich ihnen an Adel der Gesinnungen nach, aber ich will mich bestreben, ihnen ähnlich zu werden.
Für heutige Zeiten müssen solche Gedanken natürlich ein wenig umformuliert werden. Zu Zeiten Friedrichs des Großen war sein Staat einer der fortschrittlichsten seiner Zeit, heute wäre er das natürlich keinesfalls. Und für heutige Zeiten ist zu formulieren: Auf Poesie ist die Sicherheit gerechter und ihrem Volk mit Wohlwollen gegenüber stehender Regierungen gegründet. Die Sicherheit von Regierungen, die ihrem eigenen Volk feindlich gegenüber stehen und ihm Verderben und Untergang bringen, ist auf reiner Unkultur gegründet.

Ein poetisch beflügeltes Volk im Bündnis mit anderen poetisch beflügelten Völkern würde den blitzartigen Abtritt solcher zutiefst abartiger Regierungen bedeuten.

Samstag, 29. April 2017

Eine Dorfkirche in Brandenburg - Ihr Architekt und ihre Geschichte (1788-1960)

Der Königliche Baumeister Johann Christian Friedrich Keferstein in Brandenburg/Havel und die von ihm erbaute Dorfkirche von Bahnitz

Die Geschichte des protestantischen Kirchenbaus, sowie des Baus von protestantischen Schulgebäuden hat in der Literatur seit über hundert Jahren manche Aufmerksamkeit gefunden (etwa Schmitz 1922). Anregungen für eine solche Bautätigkeit auf den Dörfern konnten ja durchaus auch von den Landesherren selbst ausgehen, etwa von König Friedrich II. von Preußen. 1775 wurde die Dorfkirche in Reesdorf bei Beelitz errichtet (Wiki):
Friedrich II. (1712–1786) soll bei einer Reise durch das Dorf auf diesen Bau aufmerksam geworden sein und einen prächtigeren Neubau angeregt haben.
Ein auf den Dörfern rund um die Städte Potsdam und Brandenburg tätiger Architekt war im letzten Lebensjahrzehnt des Königs Friedrich II. und in den beiden Jahrzehnten danach Johann Christian Friedrich Keferstein (1752-1805) (Wiki). Er wirkte in der Stadt Brandenburg an der Havel und in Potsdam. Wir begannen uns für ihn zu interessieren, weil er der Erbauer der Dorfkirche von Bahnitz ist (Bading 2017). Seine Biographie bietet nichts Spektakuläres oder Außergewöhnliches. Dennoch soll im folgenden Beitrag einmal zusammen getragen werden, was man über sein Leben in der Literatur finden kann (Google Bücher bietet da eine ganz gute Hilfe). Sie scheint nämlich noch wenig aufgearbeitet zu sein. Immerhin lässt eine ganz neue Veröffentlichung aus dem Jahr 2017 (Kitschke 2017) einige Umrisse zu seinem Leben deutlicher hervortreten. Ebenso zusätzliche freundliche Mitteilungen ihres Autors Andreas Kitschke, für die wir an dieser Stelle danken.

Abb. 1: Die Dorfkirche in Bahnitz (1780-1960) - in Farbe (von einem Dia) (ohne Aufnahmedatum)
Der Autor dieser Zeilen darf insofern ein persönliches Interesse an der Geschichte der Bahnitzer Dorfkirche geltend machen, als etwa fünfzig seiner leiblichen Vorfahren diesen Kirchturm 150 Jahre lang vor ihrer Nase stehen hatten. Ihre Glocke läutete in die Träume ihrer Kindheit und begleitete die Stationen ihres Erwachsenenlebens. In diese Kirche brachte sie ihre Kinder zur Taufe, in ihr drückten sie allsonntäglich - womöglich nicht immer mit der größten Freude - die Kirchenbänke, in ihr wurden sie konfirmiert, in ihr heirateten sie und um sie herum ruhen sie schließlich auch allesamt von ihres Lebens Mühsal aus. (Es sei zu ihrem Andenken am Ende dieses Beitrages noch das Gedicht "Weggefährten" gebracht.)

Nun also zu dem Architekten Keferstein. Er wurde am 4. März 1752 in Cröllwitz an der Saale, einem Dorf drei Kilometer nördlich der Altstadt von Halle geboren. Er war der erste Sohn unter 17 Kindern des Papiermüllers Georg Christoph Keferstein (1723-1802). Seine Mutter stammte aus Veckenstedt am Harz (Wiki), wo deren Vater Pastor war. Es muss also nicht ausgeschlossen sein, dass Keferstein auch architektonische Anregungen aus der Harzregion empfangen haben kann, wo er womöglich gelegentlich Verwandte besucht hat. Sonst aber empfing er natürlich seine Jugendeindrücke in Halle an der Saale.


Abb. 2: Die Dorfkirche von Bahnitz an der Havel - Erbaut 1780
Aufnahme um 1900
die Kirche wurde 1960 wegen Baufälligkeit bis auf Reste abgetragen

Bei der Familie Keferstein hat es sich um eine damals sehr tüchtige bürgerliche Familie gehandelt. Es gibt zahlreiche namhafte Verwandte und Nachkommen (Wiki). Ein jüngerer Bruder von Keferstein wurde Bürgermeister von Halle (Gabriel Wilhelm Keferstein [Wiki]), ein anderer jüngerer Bruder übernahm den väterlichen Betrieb (Adolph Keferstein [Wiki]). Ein Neffe von allen dreien war der Mineraloge Christian Keferstein (Wiki). Unser Keferstein selbst, der älteste Sohn, hat in Halle an der Saale Jura studiert. Zum Universitätsstudium konnte er ja auch kaum einen besseren Ort finden als seine Heimatstadt, hat doch daselbst zum Beispiel auch ein so bedeutender Berufskollege, der 20 Jahre ältere Schlesier Carl Gotthard Langhans (1732-1808), studiert, der nachmalige Erbauer des Brandenburger Tores. Von diesem heißt es auf Wikipedia:
Er studierte von 1753 bis 1757 Jura in Halle, daneben auch Mathematik und Sprachen, und beschäftigte sich autodidaktisch mit der Architektur.
Ähnlich womöglich Keferstein. Die 1694 gegründete Universität Halle (Wiki) galt als Zentrum von Pietismus und Aufklärung und als eine der bedeutendsten Universitäten in Deutschland. Die Angabe auf Wikipedia, Keferstein hätte mit seinem Studium 1776 begonnen, passt nicht so richtig zu den anderen Lebensdaten. Womöglich hat er es in diesem Jahr eher beendet, bzw. abgebrochen.

Abb. 3: Hochzeit in Bahnitz Anfang des 20. Jahrhunderts, im Hintergrund die Kirche

1773 - Die Dorfschule in Reckahn


Angesichts der großen Zahl seiner Geschwister wollte oder musste Keferstein womöglich sogar baldmöglichst auf eigenen Füßen stehen. Schon 1773 jedenfalls, als er 21 Jahre alt war, wurde nach seinen Plänen jene Dorfschule in Reckhahn, zehn Kilometer südlich von Brandenburg, erbaut, die heute Schulmuseum ist (Wiki) (Kinder/Porada, S. 329):
Sie stellte lange Zeit das bauliche Vorbild für viele Dorfschulen dar.
Natürlich wäre interessant zu erfahren, aufgrund welcher Umstände er diesen Auftrag erhielt. Keferstein war spätestens ab 1775 Mathematiklehrer am Ritterkollegium in Brandenburg. Und sein dortiger Vorgänger, der Direktor und Mathematiklehrer Joachim Christoph Heinsius (auch Heinß) (1697-1771) (Grab), hatte 1739 die Dorf- und Schlosskirche zu Reckahn gebaut (Wiki). Aus dem Jahr 1775 gibt es eine gründliche Beschreibung der Stadt Brandenburg an der Havel, in der es heißt (Büsching 1775, S. 251):
Die ganze Beschreibung wird durch den Grundriß erläutert, den der geschickte Mathematickus des Rittercollegii, Herr Keferstein verfertiget, und mir gütig mitgetheilet hat.
In dieser Reisebeschreibung heißt es weiterhin (Büschung 1775, S. 276):
Das Rittercollegium ist in dem alten Kloster der Prämonstratenser, welches an die Domkirche stößet, über dem Kreutzgange angelegt. Es ward 1704 von dem Domkapitel, insonderheit auf des Dechanten Friedrich von Görne Vorschlag, unter dem Namen einer Schule gestiftet, (...) und wurde 1705 eröffnet. 
Abb. 4: Dorfkirche Bahnitz, vielleicht 1930er Jahre
Als Lehrer werden der Direktor Breymann, der Domprediger und ein reformierter Prediger genannt und es wird dann fortgefahren (Büsching 1775, S. 278):
Die Herren Keferstein und Arnold, und ein Tanzmeister machen jetzt die übrigen Lehrer des Collegii aus. (...) Vom Herrn Keferstein, welcher Lehrer der Mathematik ist, habe ich mir seine Zeichnung von einem sehr vortheilhaft eingerichtetem steinernem Bauerhause ausgebeten, um sie meinen Lesern durch einen Kupferstich mittheilen zu können. Diese seine Erfindung hat des Domherrn von Rochow Beifall gefunden und wird ohne Zweifel vielen gefallen, welche ihm auch dieselbige verdanken werden. 
Der Domherr von Rochow hatte ja schon der durch Keferstein erbauten Dorfschule von Reckahn Beifall gespendet. Auch an der Regimentsschule von Brandenburg hat Keferstein Unterricht gegeben, wie es heißt (Büsching, 1775, S. 286):
Es würde mir sehr angenehm gewesen seyn, wenn ich Zeit und Gelegenheit gehabt hätte, in der Stadt Brandenburg auch die Schule für die Soldatenkinder des hiesigen Füsilierregiments zu sehen, für deren jetzige gute Einrichtung, der Herr Generalmajor von Kleist, oberster Befehlshaber des Regiments, rühmlich gesorget hat. (...) Das Regiment hat 567 Kinder von 1 bis 18 Jahren, von welchen jetzt 125 in die Schule gehen, die (...) in drei Klassen getheilet sind. (...) Und der oben gerühmte Lehrer der Mathematik bei dem Rittercollegio, Herr Keferstein, leitet wöchentlich ein paarmahl einige dazu fähige Knaben unentgeltlich zu militärischen Zeichnungen an.
Als "Lehrer der Mathematik in Brandenburg" veröffentlichte dieser rühmeswerte Keferstein ein Jahr später mit 24 Jahren ein Buch mit einem - damals üblichen - langen Titel (s. Abb.). Es war mit den "Anfangsgründen der bürgerlichen Baukunst" befasst und handelte sich um ein außerordentlich praxisorientiertes Buch. Dies geht sowohl aus dem Titel hervor und ist auch leicht aus dem im Internet durchblätterbaren Text zu erkennen.


Abb. 5: Titelsteite von J.C.F. Keferstein - Anfangsgründe der bürgerlichen Baukunst, 1776

In seinem Buch bringt er im Anhang auch eine Skizze "Grundris und Aufris einer Land-Kirche". Auch bringt er im Anhang einen Plan des Dorfes Schmerzke, fünf Kilometer südlich von Brandenburg, das gerade erst ein Jahr zuvor, im Juni 1775, abgebrannt war, um zu zeigen, dass man ein Dorf so nicht bauen dürfe wie es bis dahin gebaut worden war. In einer Rezension wird dazu geschrieben (Allg. dt. Bibl. 1777):
Mit wahrem Vergnügen kündigen wir unsern Lesern dis gute Buch an. (...) Es fehlte uns noch immer ein Buch, worinn alles, was zur Baukunst auf dem Lande gehöret, zusammengefasset (...) wurde. Der Grundriß des verunglückten Dorfes Schmerzke bey Brandenburg hat uns sehr wohl gefallen, ob wir gleich die mehr wie vorher zerstreuten Häuser bei einem Brande vor dem Flugfeuer der Strohdächer noch nicht völlig gesichert finden.



Abb. 6: "Aufris einer Land-Kirche"
aus: Keferstein, Anfangsgründe, 1776


1777 - Der Neubau der Dorfkirche in Bahnitz


Wieder ein Jahr später, 1777, heiratet Keferstein die Tochter eines Brandenburger Stadt- und Justizdirektors. Im selben Jahr sollte er Gelegenheit haben, Entwürfe zu einer Land-Kirche anzufertigen. Nördlich der Stadt Brandenburg, in dem Dorf Bahnitz an der Havel, sollte eine neue Dorfkirche erbaut werden. Nach den "Akten des Pfarramtes" wird in der Dorfchronik dieses Dorfes berichtet (Pape/Chronik 1941):
Von der alten Kirche wissen die Akten des Pfarramts nichts zu erzählen. Im Jahre 1777 wurden von dem Landbaumeister Keferstein - Brandenburg Zeichnungen und Anschläge für den Neubau der Kirche angefertigt. Veranschlagt wurde der Bau mit 3.600 Talern. In den Jahren 1778 - 1781 wurde der Bau ausgeführt und im Jahre 1782 abgenommen. Die Wetterfahne trägt die Jahreszahl 1780 und ein „v G“ (von Görne).
In Nitzahn war damals Pastor Schäfer, Kirchenvorsteher in Bahnitz der Kossat Andreas Rohrschneider (Hof 32), gestorben am 29. Januar 1786 im Alter von 93 J. 5 Monaten. Patron der Kirche war der Besitzer des Rittergutes Kützkow von Görne, dessen Wappen über der Kirchtür ist. Baumeister Keferstein erhielt für seine Bemühungen 136 Taler, nämlich:
1. drei Zeichnungen auf Befehl des Ministers von Görne und verschiedene Anschläge zum Kirchen- und Turmbau, der ausgeführte Anschlag 3.600 Taler, davon 1 Prozent = 36 Taler,
2. für sämtliche Reisen, Beaufsichtigung des Baues, Kontrakte mit den Handwerkern schließen, Rechnung führen, für diese 6 jährigen Besorgungen die mäßige Summe von 100 Talern, zusammen 136 Taler.
Handwerker, die am Bau mitgewirkt haben, waren: Maurermeister Meyer, Zimmermeister Gottfried Strohbach - Brandenburg, Tischler Ladeburg, Klempner Gottlieb Kühling, Schmied Benicke in Kützkow, Glas-Meister Christoph Weber. Für jährliche Reparierung der Kirchenuhr bekam der Uhrmacher Horch - Pritzerbe - 1 Taler. Als Lehrer wirkte zu der Zeit in Bahnitz der Schulmeister Johann Philipp Vogeler.
Der Kirchenpatron Friedrich Christoph von Goerne (1734-1817) (Dt. Dig. Bibl.) war im Jahr 1777 in Berlin ein mächtiger Minister unter Friedrich dem Großen. Just 1777 war dieser Minister von Goerne mit dem Umbau des 1775 von ihm erworbenen Palais Unter den Linden 36 befasst (Wiki(Hahn, 2006, S. 2-4). Hierbei lag die Gestaltung eines prächtigen Saales in den Händen von Carl Gotthard Langhans (1732-1808). Ob es zur persönlichen Begegnung Kefersteins mit von Goerne gekommen ist und wenn ja, ob es im Palais in Berlin geschehen ist, wissen wir nicht. Der Umbau des Palais in Berlin kostete von Goerne (wenn man es recht versteht) 12.179 Taler (Hahn, 2006, S. 4). Das war im Grunde "nur" das Dreifache der Baukosten der Bahnitzer Kirche.

In einem Prozeß eines seiner Nachfolger als Rittergutsbesitzer von Kützkow und Bahnitz, nämlich eines von Schnehen Mitte des 19. Jahrhunderts gegen den Rittergutsbesitzer von Möthlitz um anderweitige Baukosten wurde in einem Sitzungsbericht (Archiv für Rechtsfälle, 1865, S. 274-282 [GB]) ausgeführt, dass der Kirchenpatron nur die reinen Baumaterialien bei einem Kirchenbau zu zahlen hatte. Somit werden die angeführten Kosten für den Baumeister Keferstein und die genannten Handwerker von der Kirchengemeinde Bahnitz bezahlt worden sein.


Abb. 7: Die Dorfkirche von Bahnitz - Erbaut 1780
Aufnahme 1938

Der Architekturhistoriker hält über die Dorfkirche Bahnitz 2011 fest (Kitschke 2011, S. 21):
Der stattliche, spätbarocke Kirchenbau wurde 1782 eingeweiht. Sein im Erdgeschoss mit paarigen Lisenen und darüber mit gekuppelten Pilastern geschmückter Westturm trug eine konkav geschwungene Haube mit dekorativen Uhrgaupen an allen vier Seiten und auf der überkuppelten Laterne eine Wetterfahne mit der Jahreszahl 1780.

Abb. 8: Grundriss der Bahnitzer Dorfkirche
mit rückseitiger Erläuterung
angefertigt durch den Bahnitzer
Lehrersohn Reinhard Vogeler 1857

Aus einem Grundriss dieser Kirche, den der Bahnitzer Lehrersohn  Reinhard Vogeler 1857 anfertigte und rückseitig beschriftete, geht unter anderem die damalige Sitzordnung hervor. Offenbar war die Schullehrer-Familie die einzige, die einen besonderen Platz in der Kirche hatte, auf dem Grundriss mit e.1 und e.2 markiert: "Der Stuhl für den Schullehrer" und auf der gegenüberliegenden Seite: "Stuhl für das weibliche Personal des Schullehrers". (Wahrscheinlich war zu jenem Zeitpunkt noch der Schwager von Reinhard Vogeler Lehrer in Bahnitz und womöglich war die mit ihm verheiratete Schwester von Reinhard Vogeler schon verstorben, weshalb nur von dem Personal die Rede ist.) Neben dem Stuhl für den Lehrer war mit f markiert
Die Stelle, wo das Denkmal für den Schullehrer Joh. Ph. Vogeler angebracht werden soll. 
Das war der Vater von Reinhard Vogeler, der während der Bauzeit der Kirche Lehrer in Bahnitz war. Der Sohn wollte hier offenbar eine Gedenktafel anbringen lassen. Da diese Tafel später nirgendwo mehr erwähnt wird, ist es fraglich, ob es zu der Anbringung derselben noch gekommen ist. Weiterhin ist der Skizze zu entnehmen, dass die Kirche damals von Maulbeerbäumen umgeben war. Diese wurden für die Zucht von Seidenraupen allerorts in den Dörfern angepflanzt. Außerdem scheint sie eingezäunt gewesen zu sein. In der Dorfmitte stand eine Linde. Zugänge zum Kirchhof gab es durch einen Eingang neben der Linde und einen Eingang neben dem Lehrerhaus. Für die Kirche gab es zwei Eingänge, einmal von Westen durch den Turm (wohl der Haupteingang), zum anderen von Osten (wohl für den Nitzahner Pfarrer und den Organisten). Wie wir weiter unten noch hören werden, sollte Keferstein 1802, 25 Jahre später, einen ähnlichen Kirchenbau wie er ihn in Bahnitz errichtet hatte, auch für das Dorf Bornstedt bei Potsdam vorschlagen. Hierüber schreibt uns Andreas Kitschke, dem wir zuvor die Hypothese unterbreitet hatten, dass doch auch Langhans als Berater von Goernes in Berlin Einfluss genommen haben könnte auf die Gestaltung der Bahnitzer Dorfkirche:
Es gibt für mich keinen Zweifel daran, dass Keferstein der entwerfende Architekt der Bahnitzer Kirche war. Die Form der Turmhaube auf der Turmlaterne ist m. E. identisch mit jener, die sich auf der Entwurfszeichnung Kefersteins auf S. 134 (Bildmitte, über dem Kirchendach) meines Potsdamer-Kirchen-Buches findet. (...) Zur Grundriss-Skizze (Abb. 5 in Ihrem Aufsatz) fällt mir auf, dass es auch hier Ähnlichkeiten zu dem nicht verwirklichten Bornstedter Entwurf gibt, nämlich die Anordnung einer vor der Ostwand offenbar mit einer Bretterwand abgeschlagenen Sakristei. Der Ostzugang war also in der Tat für den Pfarrer und (falls sich über dem Altar die Orgel befinden sollte) den Organisten bestimmt.
Auf der Skizze ist übrigens außerdem mit k markiert links oben "Der Schuppen für Feuer-Lösch-Gerätschaften". Vielleicht ist auch dieser von Keferstein in Anregung gebracht worden, der ja viel mit der Problematik von Blitzeinschlägen und Dorfbränden befasst gewesen ist.

1780 erhält die Kirche in Bahnitz ihre Wetterfahne, 1781 ist sie fertig gestellt, 1782 wird sie abgenommen und eingeweiht. Im Frühjahr 1782 hatte das Schicksal des Kirchenpatrons von Bahnitz, des Ministers von Goerne, eine dramatische Wendung genommen (Straubel 2014). Er wurde zunächst unter Arrest gestellt und noch im Frühjahr auf die Festung Spandau in Haft verbracht, zu der er dann lebenslänglich verurteilt worden ist. Durch eine Heirat war der zuvor verschuldete Brandenburger Gutsbesitzerssohn in Breslau zu einem reichen Mann geworden, hatte dann als Außenwirtschaftsminister den Handel mit Polen auf der Weichsel unter sich und - unter Einfluss der damaligen polnischen Magnaten, die ihm offenbar Hoffnungen auf die polnische Königskrone gemacht hatten - über seine Verhältnisse gelebt. Er hatte sich der Veruntreuung von Staatsgeldern schuldig gemacht und seinen alternden König Monate, wenn nicht Jahre lang hinters Licht geführt (Straubel 2014). Es ist kennzeichnend für die persönliche Regierungsweise Friedrichs II., dass er den Betrügereien seines Ministers schließlich doch noch durch sehr kritische eigene Prüfung der von ihm vorgelegten Rechnungen auf die Schliche gekommen ist.

Aber diese Wellen der großen Politik werden so ungestüm nicht nach der Stadt Brandenburg und auf die umliegenden Dörfer geschwappt sein, wo das Leben seinen gemächlicheren Gang weiter ging. Man hatte Vertrauen zu seinem König. Und durfte es haben. Am 13. Dezember 1778 war Keferstein in Brandenburg an der Havel die erste Tochter geboren worden. Sie hatte die Namen Caroline Friederike Henriette erhalten. In der Folge sollte in der Familie Keferstein etwa alle zwei Jahre ein Kind geboren werden, die ersten beiden waren Töchter, dann folgten vier Söhne, dann wieder eine Tochter und ein Sohn (dazu mehr unten).


1787- Der Neubau der Dorfkirche Rietz



1779 nannte sich Keferstein "Königlicher Landbaumeister und Mathematiklehrer an der Ritterakademie in Brandenburg".  Offenbar war er schon ab diesem Zeitpunkt Bauinspekteur des Amtes Bornstedt bei Potsdam, eine Stellung, die er, wie wir noch sehen werden, viele Jahre ausgeübt hat. Über Keferstein wurde vor einigen Jahren festgehalten (Büsching/Zuchold 2006, S. 671):
Er hat wohl nur wenige Bauten hinterlassen, ist aber bekannt geworden durch das Werk "Anfangsgründe der bürgerlichen Baukunst".
Dies Aussage geschah in Unkenntnis der Tatsache, dass er immerhin die Bahnitzer Dorfkirche hinterlassen hat, die in der architekturgeschichtlichen Literatur bislang Keferstein offenbar noch nicht zugeordnet war. Auch scheint seine Mitwirkung an der Dorfkirche Rietz und an der Dorfschule Caputh noch nicht ihm zugeordnet gewesen sein, von denen gleich zu berichten ist. Und so mag es ja durchaus noch das eine oder andere weitere Gebäude geben, das von ihm stammte, ihm bislang aber noch nicht zugeordnet worden war.

Abb. 9: Dorfkirche Bahnitz, im Vordergrund Schulgebäude

1787 baute Keferstein den Saalbau der Dorfkirche Rietz, sieben Kilometer südlich von Brandenburg, dem Nachbardorf von Schmerzke (Dt. dig. Bibl., 2009):
Der im späten 18. Jh. errichtete Saalbau (...). Aus den Akten zum Neubau des Schiffs ergibt sich, dass der Vorgänger ein (...) mit Mauersteinen verblendeter Holzbau war. Bei dem zwei Geschosse hohen Turmoberteil handelte es sich um eine 1782 einsturzgefährdete Fachwerkkonstruktion mit Ziegelausfachungen und abschließender "Kuppel". Über den komplizierten Entstehungsprozess des Kirchenneubaues geben die Schriftquellen detailliert Auskunft. 1780 wird die Initiative des für Rietz zuständigen Predigers Michael Lenz für einen dringend benötigten Kirchenneubau aktenkundig. Daraufhin untersuchte Bauinspektor Wittke die alte Kirche, die er in einem Bericht 1782 als baufällig und zu klein bezeichnete. Zugleich legte er den Entwurf für einen Neubau vor. Die massive Bauweise, je drei Fenster auf den Längsseiten, die Einbeziehung des alten Turmunterbaues und der mit Dachsteinen belegte Rücksprung an dessen Oberkante sowie der Turmabschluss mit Zeltdach finden sich beim ausgeführten Bau wieder; abweichend sind hingegen der gerade Ostschluss, der Haupteingang in der Mitte der Südseite, die flachbogigen Schiffsfenster und die Gestaltung der neuen Turmobergeschosse. (...) Auf Antrag der Kurmärkischen Kriegs- und Domänenkammer fertigte Landbaumeister Keferstein 1787 einen neuen Entwurf, da der von Wittke als zu aufwendig empfunden worden war. 1788-90 erfolgte die Bauausführung durch Maurermeister Martin Vogt (nach dessen Tod weitergeführt durch Maurermeister Friedrich Bernhard) sowie Zimmermeister Daniel Becker, alle aus Spandau.
Wenn man diesen Text recht versteht, hat sich Keferstein bei dem verwirklichten Entwurf sehr deutlich an dem von Wittke orientiert. Für den Turm wurden die bisherigen Grundmauern weiter verwendet. Er erhielt im übrigen eine ganz schlichte Form.

1788 - Der Neubau der Kirche in Saarmund


1786 starb König Friedrich II.. Sein Nachfolger wird König Friedrich Wilhelm II. (1744-97). Als Bauinspekteur des Amtes Bornstedt war Keferstein mit den Kirchen und Schulgebäuden in unmittelbarer Umgebung von Potsdam befasst. So 1788 mit dem Neubau der Kirche in Saarmund, zehn Kilometer südlich von Potsdam (Denkmalpflege 1996, S. 144):
Schließlich wurde der Brandenburger Baumeister Johann Chr. Friedrich Keferstein aufgefordert, einen Entwurf zu fertigen. Er lieferte am 20. März 1788 einen "Anschlag zur Erbauung einer neuen hölzernen Kirche und Glockenthurms, in der Stadt Saarmund (...) nach beigefügter Zeichnung an die Stelle der alten ganz desolaten schon seit 7 Jahren unbrauchbaren Kirche" vor.
Und weiter ist zu erfahren (Kitschke 2017, S. 53):
1788 liefert Friedrich Keferstein mehrere Entwürfe zu einer neuen Fachwerkkirche. Sein Entwurf einer geräumigen massiven Kirche mit Turm vom 4. April 1789 wird ausgeführt.
Ob er aufgrund seiner Tätigkeit in Potsdam auch seinen Wohnsitz nach dort verlegt hat, muss einstweilen offen bleiben. Da er aber 1803 Ratsherr in Brandenburg wird, wird er seinen Lebensmittelpunkt in Brandenburg behalten haben. Jedenfalls war er dann über die Jahre hinweg vor allem auch immer wieder mit der Reparatur von Dorfkirchen befasst. So erfahren wir über die Dorfkirche von Bornim, fünf Kilometer nördlich von Schloß Sanssouci (Kitschke/2017, S. 99):
Eine Reparatur der schindelgedeckten welschen Turmhaube veranlasste Bauinspektor Keferstein 1790.
(Zum Begriff "welsche Haube" übrigens: Wiki.)

Abb. 10: Kirche in Bahnitz (1780-1960)

1788 - Die Dorfschule in Caputh


Die Dorfschule in Caputh, ein Dorf zehn Kilometer südwestlich von Potsdam, war baufällig geworden (Hohlfeld 2000, S. 22):
Am 20. September 1788 überreichte der damalige Landesbaumeister Keferstein aus Brandenburg der Churmärkischen Kriegs- und Domänenkammer einen Kostenvoranschlag "zur Erbauung eines neuen Schulhauses für das Colonisten Dorf Caput, dessen Einwohner meistens so arm sind, dass sie nicht das mindeste außer denen Handdiensten zu diesem Bau beytragen können. (...) Da der Schulmeister den Seidenbau versteht und in diesem neuen Gebäude dazu Platz findet, so könnte es zugleich doppelten Nutzen haben." Keferstein hatte ein Fachwerkhaus mit im Wesentlichen zwei Räumen vorgesehen. Dafür waren 372 Reichstaler veranschlagt. 
Auf dem Dorf lebten, so erfährt man weiter, keine Bauern, nur 70 Büdner. Der Bau wurde zunächst als zu teuer beurteilt, worauf hin Keferstein die - schon angedeutete - Beteiligung des Seidenbau-Departements vorschlug. Die Verhandlungen gingen hin und her. Das letztere übernahm einen Anteil an den Baukosten. Schließlich standen
534 Taler zur Verfügung. Das war ja mehr, als Keferstein zuletzt hatte hoffen und errechnen dürfen! 
1791 war das Schulhaus fertiggestellt, zu dem auch die Bauskizzen vorliegen (Hohlfeld 2000).

1791 brachte er auch sein Buch in erweiterter Form erneut heraus (mit etwas verändertem Titel "Anleitung zur Landbaukunst et."). Auf der Titelseite bezeichnet er sich weiterhin als "Königlicher Landbaumeister in Brandenburg".

1793, 1796 - Reparaturen in Grube und Babelsberg


1793 nahm er die Reparatur der Dorfkirche Grubow ab (Kitschke 2017, S. 97):
Baurat Keferstein bestätigt, dass "solche Reparaturen tüchtig und anschlagsmäßig befunden worden"
Das Dorf Grubow heißt heute Grube und liegt sieben Kilometer nordwestlich des Schlosses Sanssouci in Potsdam. Im gleichen Jahr fertigte er von der Dorfkirche in Dorf Eiche, zweieinhalb Kilometer westlich des Schlosses Sanssouci (Kitschke 2017, S. 116):
Aufmaßzeichnung mit Ostansicht und Grundriss
an. 1796 ist er mit der Friedrichskirche in Babelsberg befasst, drei Kilometer östlich der Stadt Potsdam (Kitschke 2017, S. 102):
Eine erste größere Instandsetzung der Kirche veranschlagt Bauinspektor Keferstein 1796, denn der Sandboden ist vom Wind derart weggeweht, dass die Fundamente freiliegen und verstärkt werden müssen.
1801 heißt es in "Geographisches Statischtisch-Topographisches Lexikon" zum Eintrag Brandenburg (S. 86 [GB]):
Nach dem ehemaligen Mathematikus des Ritterkollegiums, Keferstein, beträgt der Flächeninhalt oder die Größe der Altstadt 44 Morgen (...) und die der Neustadt 86 Morgen. 
Womöglich war die Tätigkeit als Bauinspekteur von Bornstedt nicht mehr mit einer Lehrtätigkeit am Ritterkollegium zu vereinbaren.

Abb. 11: Eine Hochzeitsgesellschaft kommt aus dem Eingangsportal der Bahnitzer Dorfkirche, um 1950


1802 - Kefersteins Bahnitzer Architektursprache gilt als "veraltet"


1801 ist die Dorfkirche Bornstedt, zwei Kilometer nördlich des Schlosses Sanssouci, so baufällig, dass ein Nutzungsverbot ergeht. Keferstein ist nun 50 Jahre alt und reicht als Vorschlag für den Neubau der Kirche einen Plan ein, der ziemlich dem für die Bahnitzer Dorfkirche, die er 25 Jahre zuvor verwirklichte, glich (Kitschke 2017, S. 133):
Der Bauinspektor des Amtes Bornstedt, Johann Friedrich Christian Keferstein, beschreibt sie am 30. September 1802 so: "Kirche mit hohen holzernen Thurm, welche Kirche (...) von Feldsteinmauern, so aber überall gesprungen und versakt sind, mit 60 Schichten doppelten schadhaften Ziegeldach gedekt, der Thurm darauf ist (...) von Holz mit Bretterbekleidung und Spandach alles ganz schadhaft drohet auf die Kirche zu fallen. Daran ist hinten ein Anhangs Gebäude zum Eingange und Leichenbaare." (...) Der mit Neubauentwürfen beauftragte Keferstein reicht der Oberbaudeputation in Berlin am 13. April 1802 Anschlag und Zeichnungen zur Revision ein. Die Geheimen Bauräte Berson, Seidel und Horn bemängeln jedoch "Den Anschlag (...) haben wir nicht revidieren können, weil das nöthige Profil vom gedachten Thurm, ohne welches der Verband deßselben nicht beurtheilet werden kann, mit beyzufügen vergessen ist. Außerdem sind die Mauern der Kirche so wohl als des Thurms viel zu schwach veranschlagt und kann hiernach der Bau nicht dauerhaft ausgeführt werden." (...) Darauf reicht Keferstein am 19. Januar 1803 einen zweiten Plan ein. (...) Doch im Schreiben der Oberbaudeputation vom 30. Januar 1803 wird auf wesentliche Konstruktionsfehler und auf die veraltete Turmausbildung verwiesen. "Wenn also wegen der Nähe von Sans Souci zu Bornstedt ein beßerer Thurm erbauet werden soll, so wird solcher nach dem jetzigen Geschmack eingerichtet, und von unten auf, beßer gezieret werden müßen. Weil dieses aber von dem Keferstein nicht zu erwarten ist, so sind wir gedrungen, dafür allerunterthänigst anzutragen, dem jetzigen Departements Bau Bedienten Bau Inspector Quednow (...) einen andern, mehr detaillierten Anschlag anzufertigen."
Buchautor Andreas Kitschke schreibt uns hierzu freundlicherweise noch (Email vom 27.4.17):
Gerügt wurde seitens der Oberbaudeputation jedoch vor allen die veraltete Konstruktion mit eingemauertem Fachwerk im Inneren des Turmschaftes. Die negativen Äußerungen über Keferstein, die ich zitiert habe, sind nicht als Unfährigkeitserweis misszuverstehen, sondern deuten lediglich darauf hin, dass seine Entwürfe nicht mehr zeitgemäß, also unmodern waren. 
Dass er aber 1802 keinen anderen Gestaltungsentwurf für einen Kirchturm vorlegt als jenen, den er schon 25 Jahre zuvor in Bahnitz verwirklicht hatte, mag doch darauf hinweisen, dass Keferstein sein Haupttalent nicht im dem Erschaffen von Neuem gesehen hat. 1803 wird Keferstein Ratmann in Brandenburg (laut Genealogisches Handbuch bürgerlicher Familien, Bd. 5. Görlitz 1912, S. 155-157)*). 1805 stirbt er in Brandenburg mit 53 Jahren.

Soweit die bislang uns bekannt gewordenen Zeugnisse zum Leben des Landbaumeisters Johann Christian Friedrich Keferstein. Die Kinder von Keferstein sollten, soweit übersehbar, alle bürgerliche Berufe ergreifen oder - soweit sie Töchter waren - Männer mit bürgerlichen Berufen heiraten, und zwar in Brandenburg, in Barnewitz (20 Kilometer nördlich von Brandenburg), in Potsdam und in Berlin.*) Ein Sohn fiel als Freiwilliger Jäger in der Schlacht bei Ligny (Wiki). Diese fand am 16. Juni 1815, zwei Tage vor der Schlacht von Waterloo statt (nicht 1814). Die befehlenden preußischen Generale waren Blücher und Gneisenau.

Da das Lebensschicksal des preußischen Ministers von Goerne oben erwähnt worden war, soll es hier auch noch zu Ende erzählt werden. Er ist 1791 nach mehreren Bittgesuchen aus der Haft entlassen worden, war aber die ersten Jahre danach völlig besitzlos und konnte erst nach dem Tod seines Vetters sein väterliches Gut in Gollwitz wieder erwerben, das aber auch verschuldet war. Wegen dort verübter Homosexualität mit mehreren jungen Männern aus Gollwitz wurde er 1805 erneut für ein Jahr Haft auf der Festung Magdeburg verurteilt. Nach einem Leben voller Höhen und Tiefen - er hatte angeblich die polnische Königskrone angestrebt - starb er 1817 im 83. Lebensjahr.

Woher stammt die konkave Dachform des Bahnitzer Kirchturms?


Abb. 10: Der Rote Turm in Halle (Saale) um 1824
(Wiki)
Mit allen bislang angeführten biographischen Daten gelang es uns noch nicht, die Frage zu klären, woher die künstlerische Idee zur Gestaltung der Bahnitzer Dorfkirche stammte. Da Keferstein sie 1802 erneut in Vorschlag brachte, muss es ja im wesentlichen schon seine eigene Idee aus Jugendtagen gewesen sein. Aber woher hatte er Anregungen für sie erhalten?

Insgesamt ist es gar nicht so einfach, im Internet spätbarocke Kirchenbauten zu finden, die wenigstens eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Bahnitzer Kirchturm aufweisen, und die eine Vorstellung geben könnten, woran sich der Entwurf für die Bahnitzer Kirche orientiert haben könnte, mag man nun barocke Kirchenbauten in Brandenburg (Wiki), Berlin (Wiki) oder Sachsen-Anhalt (Wiki) durchgehen.

Ein solcher Überblick macht aber immerhin deutlich, dass es eine große Vielfalt an Kirchenbauten in jener Zeit gab und dass vorgegebene Muster und Normen nicht sehr eng gezogen waren, und dass - soweit übersehbar - die Bahnitzer Kirche sehr einzigartig war und wenig Vorbilder aufwies. Insbesondere scheinen Beispiele für eine so ausgeprägt konkave Dachform bei Kirchtürmen sehr selten zu sein. Vielleicht ist sie auch häufiger bei nicht sakralen Türmen zu finden. So findet sich diese Dachform etwa an dem Roten Turm in Halle an der Saale (Wiki), wie er 1824 bestand (Wiki), und wo Keferstein natürlich seine Anregung bekommen haben könnte. Wenn man weit gehen möchte, könnte man darauf verweisen, dass sich die konkave Form auch in den Rokokotreppen der Schloßterrasse von Sanssouci findet. Diese stammen von Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff (1699-1753) (Wiki), der auch sonst gern mit konkaven Formen arbeitete. Dafür ist sowohl seine Neptungrotte von Sanssouci als auch die Dachform des Schlosses Mosigkau ein Beispiel. All dies nur, um wenigstens einige vage Anhaltspunkte zum Überdenken zu geben.

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*) Vollständig lautet dort der Eintrag zu ihm (laut freundlicher Mitteilung von A. Kitschke):
Johann Friedrich Christian (Cröllwitz 4.3.1752-1805 Brandenburg), Architekt, BI Amt Bornstedt, 1803 Ratmann in Brandenburg, verm. 1777 mit der Tochter des Stadtdirektors Schütte zu Brandenburg; 8 Kinder - Verfasser des Buches „Anleitung zur Landbaukunst“, Leipzig 1791.
Und zu seinem Vater:
Georg Christoph (4.12.1723-1802 Cröllwitz), Papiermühlenpächter, verm. 11.5.1751 m. Christine Henriette Jacobi (?-22.9.1806), Tochter des Pastors zu Veckenstädt. 
Und zu seinen Kindern:
  1. Caroline Friederike Henriette (13.12.1778-?), 
  2. Caroline Wilhelmine (19.11.1780-?), verm. m. Binder, Prediger in Barnewitz 
  3. Keferstein, Friedrich Leberecht (25.7.1785-?), Kaufmann in Potsdam,
  4. Carl Ludwig Ferdinand (17.10.1787-1790),  
  5. Keferstein, August Wilhelm (4.9.1789-1852), Kaufmann in Berlin,
  6. Carl Ludwig Ferdinand II (8.11.1791-1814), fiel als Freiwilliger Jäger bei Ligny, 
  7. Friederike Wilhelmine (8.4.1794 [??? Carl Gustav am 6.12.1794???]-7.4.1830) verh. m. Giesebrecht, Dir. d. Gymn. z. Grauen Kloster, Berlin,
  8. Carl Gustav (6.12.1794-20.7.1865), Direktor der Strafanstalt Brandenburg.
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Literatur

  1. Büsching, Anton Friderich (Königl. Preuß. Oberconsistorialrath): Beschreibung seiner Reise von Berlin über Potsdam nach Rekahn unweit Brandenburg welche er vom dritten bis achten Junius 1775 gethan hat. Verlag der Haude und Spenerschen Buchhandlung zu Berlin, Leipzig 1775 (GB)
  2. Keferstein, Johann Christian Friedrich: Anfangsgründe der bürgerlichen Baukunst für Landleute oder Anleitung wie Landbewohner neue verbesserte Gebäude mit feuersichern Dächern, ingleichen neue Dörfer, Wasserleitungen und holzsparende Back- und Stubenoefen ohne Zuziehung eines Baumeisters entwerfen, zeichnen, Anschläge dazu machen und erbauen können. Nebst einer kurzen Anzeige die Gewitter abzuleiten. Mit 15 Kupferplatten. Verlag bei Adam Friedrich Böhme, Leipzig 1776 (Archive)
  3. o.V.: Rezension von Keferstein/Anleitung 1776 in: Allgemeine deutsche Bibliothek, Band 32, herausgegeben von Friedrich Nicolai 1777, S. 263f (GB)
  4. Keferstein, Johann Christian Friedrich: Anleitung zur Landbaukunst: welche lehret wie wohleingerichtete, bequeme und dauerhafte Wohn- und Wirthschaftsgebaude, auch ganze Gehöfte und Dörfer, mit feuersichern Dächern, Wasserleitungen zum Wirthschaftsbedarf, holzsparende Backhäuser und Stubenöfen, auch Brücken, Mahlmühlen u. dergl. zu entwerfen, zu zeichnen und zu erbauen; auch die Anschläge von den Baukosten und Materialien dazu anzufertigen, ingleichen Gewitter-Ableiter ganz einfach anzulegen. Mit 26 Kupfern. Im Verlage bey Adam Friedrich Böhme, Leipzig 1791 (GB)
  5. Eintrag Brandenburg in: Geographisches Statistisch-Topographisches Lexikon. 1801, S. 86 (GB)
  6. Keferstein, Christian: Erinnerungen aus dem Leben eines alten Geognostes u. Ethnographen mit Nachrichten über die Familie Keferstein. Verlag Ed. Anton, Halle 1855 (GB)
  7. Vogeler, Reinhard: Grundriss der Bahnitzer Dorfkirche, 1857 (erhalten von der letzten seiner direkten Nachfahren)
  8. v. Schnehen gegen v. Königsmark. Nichtigkeitsbeschwerde. Sitzung vom 13. Januar 1865. In: Archiv für Rechtsfälle, die zur Entscheidung des Königlichen Ober-Tribunals gelangt sind. Hrsg. von Kammergerichtsrat Theodor Striethorst. Berlin. 2. Jg., 4. Bd. 1865, S. 274-282 (GB)
  9. Genealogisches Handbuch bürgerlicher Familien, Bd. 5. Görlitz 1912, S. 155-157, http://www.rambow.de/deutsches-geschlechterbuch.html (nach freundlicher Mitteilung von Herrn Andreas Kitschke)
  10. Schmitz, Hermann: Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland. 1922, http://kunstmuseum-hamburg.de/kunst-und-kultur-des-18-jahrhunderts-in-deutschland-der-protestantische-kirchenbau/
  11. Pape, Hermann (Lehrer in Bahnitz 1922 bis 1945): Chronik des Dorfes Bahnitz. Ausführliche handschriftliche Eintragungen in einem vorgedruckten Lederprachtband (die Nutzung desselben wurde im "Nationalsozialistischen Mitteilungsblatt des Gauamtes für Kommunalpolitik Sachsen" aus dem Jahr 1936 befürwortet, wie es einleitend heißt). Geschrieben 1939 bis 1941
  12. Saarmund. Die Kirche - ein unbekannter Bau. In: Brandenburgische Denkmalpflege, Bände 5-6. Arenhövel, 1996, S. 143-148
  13. Bading, Friedrich: Heimlich geraucht - Feuer. Leserbrief in: Märkische Allgemeine Zeitung, 5.1.1995 [zur Dorfkirche Bahnitz]
  14. Bading, Friedrich: Kirche kostete einst 3600 Taler. Leserbrief in: Brawo, 7.4.1999 [zur Dorfkirche Bahnitz]
  15. Hohlfeld, Carmen: Geschichte der Schule im Königlichen Amtsdorf Caputh. Von der Einklassenschule bis zum siebenstufigen Lehrsystem. Eine Interpretation der archivalischen Quellen. Mit einem Vorwort von Prof. Dr. Hanno Schmitt und Dr. Frank Tosch. Amtsarchiv Caputh, Caputh 2000 (GB)
  16. Kinder, Sebastian; Porada, Haik Thomas (Hg.): Brandenburg an der Havel und Umgebung. Eine landeskundliche Bestandsaufnahme im Raum Brandenburg an der Havel, Pritzerbe, Reckahn und Wusterwitz. Böhlau-Verlag, Köln u.a. 2006 [Landschaften in Deutschland - Werte der deutschen Heimat] 
  17. Büsching, Anton Friedrich: Beschreibung seiner Reise nach Reckahn. 1775; mit Anmerkungen, Einschüben aus der zweiten Auflage von 1780 und einer biographischen Skizze versehen. Hrsg. v. Gerd-H. Zuchold. Berlin Story, 2006 (753 S.) (GB)
  18. Hahn, Matthias: Palais Görne. In: Akademie der bildenden Künste und mechanischen Wissenschaften, In: Virtuelles Berlin um 1800, „Berliner Klassik. Eine Großstadtkultur um 1800“, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften 2006, URL: http://www.berliner-klassik.de/bk_stadtplan/gui/pdfexport.php?id_ort=74, Datum des Zugriffs: 26.04.2017
  19. o.V.: Dorfkirche Rietz. In: Denkmaltopographie Potsdam-Mittelmark, Bd. 14.1, 2009, S. 498 ff, https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/item/AW5XSJR25F3QYHSGFJJEU65SUJREPJU5
  20. Kitschke, Andreas: Kirchen des Havellandes. Hrsg. v. W. Bader und Ingrid Bargel. bebra-Verlag, Berlin 2011, S. 21, https://issuu.com/be.bra.verlag/docs/9783937233789_kirchen-havelland
  21. Straubel, Rolf: Friedrich Christoph von Goerne (1734-1817) - Selbstherrlicher Minister König Friedrichs II. oder Spielball seiner Sekretäre und fremder Magnaten? BWV Berliner Wissenschaftsverlag, Berlin 2014 (GB)
  22. Kitschke, Andreas: Die Kirchen der Potsdamer Kulturlandschaft. Lukas-Verlag, Berlin 2017 (GB)
  23. Bading, Ingo: Bahnitz an der Havel, ein preußisches Bauerndorf - Einiges zu seiner Geschichte. Auf: Preußenblog, 21. April 2017, http://preussenlebt.blogspot.de/2017/04/zur-geschichte-des-dorfes-bahnitz-der.html
  24. Kitschke, Andreas: Email an den Verfasser vom 27. April 2017



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Weggefährten

Abends, wenn ich heimwärts schreite
Auf dem rauen Ackerpfad,
Hat ein sonderbar Geleite
Oft sich heimlich mir genaht.
Müdes Volk; gebeugt im Nacken
Und die Arme schlaff und schwer,
Wandeln sie mit Karst und Hacken,
Stille Leute, nebenher.
Abgestorbne Werkgenossen,
Die den gleichen Grund bebaut,
Gleicher Sonne Glanz genossen,
Gleichen Sternen stumm vertraut.
Der dort mit der Axt, der breiten,
War’s der einst den Wald erschlug
Und auf kaum verglühten Scheiten
Bresche legte für den Pflug.
Andre folgen; Schwert und Spaten
Glitzern in der gleichen Hand.
Müdling jeder. Ihre Taten
Hat kein Sang, kein Buch genannt.
Jener, steif und ungebrochen,
Ist mein Ahne, hart wie Stein,
Der das trotz’ge Wort gesprochen:
Laßt uns stolze Bauern sein! –
Wenn der Heimstatt Lichter funkeln,
Winkt mir nah des Herdes Glück,
Dann bleibt ohne Gruß, im Dunkeln
festgebannt, die Schar zurück.
Einer lächelt: Hold und teuer
Sei dir Erdenlicht und Sein!
Kehrt ein andrer einst ans Feuer,
Ziehst du wunschlos mit feldein.
                              Alfred Huggenberger


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Zit. n. "Diverse Gedichte". Erläuterung: Der Schweizer Bauer und Schriftsteller Alfred Huggenberger (1867-1960) ist 1907 mit seinem Buch "Hinterm Pflug" deutschlandweit bekannt geworden. Er ist von Hermann Hesse und Ludwig Thoma gefördert worden. Heute ist er nur noch in seiner engeren Heimat bekannt (Hugenberger-Gesellschaft).

Sonntag, 23. April 2017

Einige Zeugnisse zu dem Schicksal der brandenburgischen Bauern im Dreißigjährigen Krieg

Gesammelt in Chroniken von Dörfern zwischen Havel und Elbe

In dem letzten Beitrag (Preußenblog, 21.4.17) war die kurze Aktennotiz auf dem Gut Kützkow an der Havel vom 2. Januar 1646 gebracht worden darüber, dass aus Anlass der Schlacht bei Wittstock (1636) 
die Kirche zu Bahnitz ihre Kirchenrechnung und Kirchenbuch verlohren, auch seithero keine Rechnung gehalten, auch nichts von den Kirchengeldern abgetragen worden, 
und auch die damit einhergehende Angabe zu den großen Heuwiesen des Dorfes:
Der Priesterwerder ist in 12 Jahren nicht gemehet worden, undt der vorigen Priester nachgelassene Erben geben nichts zum besten, weil sie in den betrübten Kriegswesen umb alles kommen, derwegen man zu keiner Bezahlung gelangen kann. Der andere Werder ist auch nicht gemehet worden.
Diese wenigen Andeutungen warfen schon Licht - allerdings nur blitzartig - auf die Verhältnisse, in denen die Bauern auch auf dem Dorf Bahnitz während des Dreißigjährigen Krieges gelebt haben müssen. Was damit aber alles verbunden gewesen sein kann, erfährt man aus einer solchen kruden Bemerkung und aus der isolierten Betrachtung der Geschichte nur eines einzigen Dorfes in der Regel nicht. Um hier zu einem einigermaßen vollständigen Bild zu kommen, ist es ratsam, seinen Blick etwas weiter schweifen zu lassen, etwa in den Chroniken der Dörfer rund um im Land zwischen Havel und Elbe. Fast jede Dorfchronik eines ganz gewöhnlichen Dorfes zwischen Havel und Elbe weiß, so stellt man dabei fest, von grausamen Schicksalen während des Dreißigjährigen Krieges zu erzählen (Auswahl: 1-5).


Abb. 1: Ochsengespann mit Reitern - Holzschnitt (1915)
von Walther Klemm (1883-1957) (Wiki)

Darüber soll im folgendes einiges - ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit - zusammen getragen werden.

1627 - 


Der Feldprediger und Mitbegründer der Optischen Industrie-Anstalt in Rathenow, Samuel Christoph Wagener (1763-1845) (Wiki) hat 1803 eine Geschichte der Stadt Rathenow herausgebracht, in der sich folgendes zum Jahr 1627 findet (Wagener, S. 224f):
Wallenstein kehrte (...) in die Mark zurück und wählte alles Flehens um Verschonung ungeachtet, dies ausgemergelte Land zum Winterquartiere für seine wilden Horden. In der Mitte des Novembers ward Rathenow und das Havelland vom Oberst Hebron mit 10 Compagnien belegt, deren Stab nach Brandenburg kam. Es mussten demselben monathlich 7700 Gulden geliefert werden. "Wie die Kaiserlichen mit den Märkern umgingen" - sagt die Chronik in Rathenow - "das hat noch kein Mensch so kläglich beschreiben können, dass es nicht noch viel ärger daselbst hergegangen wäre." (...) Die gemeinen Soldaten begnügen sich nicht mit dem Solde, den ihre Obern erpreßt hatten; sie raubten Kleider, Geld, Lebensmittel, wo sie dergleichen fanden; sie erbrachen Kirchen und Gruften und stahlen, was nur einigen Werth hatte; sie holten die Pferde aus den Ställen, das Korn aus den Scheunen und Böden; sie prügelten die Widersprecher, erschossen was sich zur Wehre setzte, zündeten oft noch die ausgeleerten Gebäude an, und überließen sich ihren viehischen Lüsten, besonders gegen das weibliche Geschlecht, ungescheut.

1630 - "... weil sie auf dem Lande nichts mehr zu leben finden"


So schrieb der Feldherr Wallenstein selbst etwa schon am 26. Dezember 1630 an den Kurfürsten von Bayern,
dass eine Einschließung Magdeburgs seine Schwierigkeiten hat, weil die Truppen auf dem Lande nichts mehr zu leben finden.
(zit. n. Kienscherf, 1991, S. 31). Und das schrieb er 18 Jahre vor dem Ende des Krieges.

1631 - Die Radeweger Bauern flüchten in den Wald 


Schauen wir - ganz willkürlich ausgewählt - einmal hinüber zum Dorf Radewege am Beetzsee. Es liegt von Bahnitz aus gesehen hinter der Havel noch einmal 13 Kilometer Richtung Osten, bzw. zwölf Kilometer nördlich der Stadt Brandenburg. Da zumindest im 19. und 20. Jahrhundert Bahnitzer Bauern in diesem Dorf sehr geschätzte Verwandtschaft hatten*), lag dieses Dorf gewiss auch schon im 17. Jahrhundert nicht völlig außerhalb des Bahnitzer Gesichtskreises.

Am 3. April 1631 wurde Radewege vom Schicksal ereilt. Ob nach zeitgenössischen Berichten oder in einer nachempfundenen Erzählung, jedenfalls wird von folgendem in der Dorfchronik (n. Arndt, 2010, S. 31f) berichtet: Die Bauern hatten alles schon vorbereitet, um mit Vieh, Lebensmitteln und Wertgegenständen in die nahen Wälder zu flüchten. Man erwartete den Rückzug der Kaiserlichen Truppen unter dem General Tilly aus Mecklenburg nach Brandenburg. Ein junger Bursche hielt auf der waldigen Anhöhe zwischen Radewege und Marzahne, von wo aus man nach Norden hinüber zum Nachbardorf sehen konnte, Ausschau, um rechtzeitig melden zu können, wenn die Truppen tatsächlich kämen.

Eine Staubwolke bei Marzahne machte klar, dass es tatsächlich so weit wäre. Er lief ins Dorf zurück, warnte die Bewohner und sie verließen mit Sack und Pack auf kürzestem Wege das Dorf in die nächstgelegenen Wälder. Die heranziehenden Truppen fanden nur noch das verlassene Dorf vor. Sie erschlugen eine alte, zurückgelassene Frau und ihren Sohn und brannten das ganze Dorf ab. Das war so üblich, wenn solche Soldaten Wut hatten darauf, das sie nichts und niemandem mehr zum Plündern vorfanden (siehe dazu mehr auch weiter unten).

Kaum waren die Kaiserlichen auf diese Weise abgezogen, rückten die Schweden heran. (Wagener, S. 231f)
Ein schwedisches Observationskorps unter den Obersten Ortenberg, Baudis und Holle ging in Jerichow schon am 13. Juni über die Elbe. (...) Am 28. und 29. Juni marschierte der König selbst mit der Armee über Plaue und Rathenow nach Jerichow, passierte mittels Schiffsbrücke bei Tangermünde die Elbe und bezog hier ein Lager.

1632 - Schlagenthiner Kirchenbuch: "Er sengete und brandte viel Dörfer ab"


Auch das Nachbardorf von Radewege, Brielow, soll mehrfach geplündert und schließlich vollständig zerstört worden sein. Von Radewege ein Blick hinüber Richtung Westen. Da gibt es etwa das Dorf Schlagenthin zehn Kilometer westlich von Bahnitz (zwölf Kilometer nordöstlich der Stadt Genthin). In seinem Kirchenbuch wird für 1632 nur ganz lakonisch festgehalten (zit. n. Kienscherf, 1991, S. 33):
In diesem Jahr zog Gallas, fraß Menschen, sengete und brandte viel Dörfer ab, darauf zogen die Schweden.
Gallas war ein kaiserlicher General. Immerhin scheint dem Wortlaut nach offenbar das Dorf Schlagenthin vom Schlimmsten verschont worden zu sein. Sonst wäre es ja festgehalten worden. Und immerhin hat sich ja offenbar sogar das Kirchenbuch erhalten. Am 14. Dezember 1635 wird darin   ebenfalls ganz lakonisch notiert (zit. n. Kienscherf, 1991, S. 31):
In diesem Jahr haben wir viel erleiden müssen von den Kaiserlichen, Schweden und brandenburgischem Kriegsvolk.

1640 - Die Kaiserlichen gehen bei Bahnitz und Pritzerbe über die Havel

1641 (Schröer 1966, S. 102):
... Goldacker, der sich eigentlich schon mit Rochow in Berlin zur Amtsenthebung hatte einfinden sollen, entfloh, als er hörte, daß Volkmann mit seiner Verhaftung beauftragt worden war, mit wenigen Reitern zur kaiserlichen Armee. Der Stadt ... ... Juni meldete Volkmann dem Kurfürsten aus Brandenburg, daß die Offiziere keine Soldaten geben wollten, um die zur Sicherheit des ... Juni zu Mittag um 2 Uhr Rathenow verlassen hatten, um in Richtung Havelberg auf der Havel davonzufahren, und bald danach auch die Fehrbelliner Schanze von der schwedischen Besatzung geräumt worden war, da wagten sich auch die ... Dadurch wurde das Havelland die meisten Bedrücker los. ... Nur in Spandau verblieb eine stärkere Besatzung". Als dem Kurfürsten bald darauf geklagt wurde, daß in Spandau die Einquartierung sehr ungleich u. nach Gunst geschähe, manche unerträglich belegt, andere ... Schreiben vom 2. Juni 1641
Etwa 1642 (Schröer 1966, S. 103f) (nur Google-Bücher-Ausschnitte):
... Noch einmal schien der Krieg über das Havelland mit aller Macht hereinzubrechen. Im Februar wandten sich die Kreiß-Stände an den Statthalter Markgraf Ernst, da sie in Erfahrung gebracht, daß der Kaiserliche Generalissimus, Erzherzog Leopold Wilhelm, sein Hauptquartier zu  ... Der Kurfürst beauftragte schließlich den Landreiter zu Spandau, Cyprianus Kühn, der für das ganze Havelland zuständig war, mit der execution. Als die ... überkäme; ebenso möchte in gleicher Absicht eine halbe Companie zu Roß an den Havel Strom verlegt werden. Darauf gab der Statthalter am 15. Februar zur Antwort: es sei mit den kleinen Besatzungen, zumahl da die Kaiserlichen . ... nichts auszurichten; so könte man auch des Volcks aus der Festung [Spandau] nicht entrathen: es sollte aber an den Erzherzog geschrieben werden u. um Verschonung des Havellandes nochmals Instanz geschehen. Wenn aber auch hierdurch nichts zu erhalten sein sollte, müßte man, was nicht zu ändern wäre, gehen lassen, wie Gott wollte; denn mit Gewalt es zu verhüten oder der Kaiserlichen Armee sich zu widersetzen, sei nicht thunlich.
Als Markgraf Ernst diese Antwort niederschrieb, hatten etliche Kaiserliche bereits die Grenzen des Havellandes überschritten. Bei Bahnitz und Pritzerbe waren sie über die Havel gesetzt. Außerdem war zugleich mit einem Schreiben des Erzherzogs Leopold Wilhelm, in dem er Brandenburg um Proviant ersuchte, der kaiserliche Generalquartiermeister Zacharias Wegener in Brandenburg eingetroffen, um einmal die Proviantfrage zu regeln und zum andern die Verhältnisse des Havellandes zu erkunden. .... Bald kamen größere Truppenmassen in Brandenburg an, die quer durch das Havelland nach Kremmen und dann weiter nach Gransee und ... Die schnell in Brandenburg und Rathenow einquartierten kurfürstlichen Truppen ...

Rathenow - "In die Wälder und Luche geflüchtet"


1712 schreibt der Rathenower Cantor Joachim Triepke in seiner handschriftlichen Chronik von Rathenow (zit. n. Wegener, S. 242f):
Wie miserabel die Einwohner dieser Stadt und des Landes sich haben - wieder müssen abhelfen, das können die alten, so noch davon zu reden wissen, mit Thränen nicht genugsam bezeugen. Ich habe mir von solchen Leuten sagen lassen, die diese Drangsale selbst ausgestanden haben, dass sie sich in die Wälder und Luche retiriert haben mit ihren Kindern und Vieh, daselbst sie etliche Tage, ja Wochen und Monate, Kälte und Hitze, Hunger und Durst müssen aushalten, und haben sich doch nicht rühren dürfen, damit sie nicht von dem grimmigen Feind ertappet würden: doch hat sie oft das Vieh mit seinem Bläken oder das Geschrei der Kinder verraten, da sie denn mit grimmiger Gewalt hervorgerissen, geschlagen und gemartert, ausgezogen und ausgesogen worden. Welcher nun nach solcher Trübsal noch verborgen übrig geblieben und noch eine Kuh behalten, der hat mit selbiger den Acker zu bestellen wieder angefangen ja Mann und Frau haben den Pflug gezogen, damit sie also sich des Hungers erwehren, und etwas von Korn einsammeln möchte, da sie so lange von Wurzeln, Laub und was in den Wäldern vorhanden, sich erhalten müssen. Die Häuser sind von Menschen ledig gewesen, weil sie wegen der grooßen Contribution und freindliche Beraubungen dieselbe zu bewohnen nicht mehr vermocht; daher waren sie bei dem Anwuchs der Bürgeschaft zu Rathenow wohlfeil, dass einer für 3 Thaler hat können ein Haus bekommen, das jetzt wenigstens 100 Thaler gelten muss. (...) Die Äcker und Wiesen sind bewachsen, und von der Zeit mit starken Eichen und Fichten gleichsam bepflanzt worden, so dass noch jetzt ganze Felder wüste liegen bleiben wegen der starken Holzung, die darauf stehet, welches man (auch jetzt noch) genugsam sehen kann, wenn man durch die Heiden reitet.

1642 - Gollwitzer Bauern "Im Gebruch und Wäldern bei Frost" versteckt


Wieder zurück nach Osten. Das Dorf Gollwitz liegt zehn Kilometer östlich der Stadt Brandenburg. Im Jahr 1642 heißt es in einem zeitgenössischen Bericht, dass den Einwohnern
nicht mehr denn das bloße Leben übrig geblieben, welches doch sehr vielen zu erhalten sauer worden, dann sie die ganze Zeit im Gebruch und Wäldern sich bei Frost aufgehalten, etliche wohl auch ganz ums Leben kommen und gar viele von den unbarmherzigen Parteien sind nieder gemacht worden.
Damit ist in wenigen Worten wohl schon das meiste gesagt. Ein Menschenleben war damals nicht viel Wert.

1648 - Der Güsener Schulze versucht, sein Dorf zu retten


1648 war bereits im Juni der geplante Durchzug eines schwedischen Heeres über Schönhausen und Genthin Richtung Burg bekannt geworden. 17 Kilometer hinter Genthin liegt das Dorf Güsen (Wiki). Dort waren schon 1640 acht Häuser nebst Scheunen und 1642 weitere zwölf Gebäude durch Feuer zerstört worden. 1648 hatten die Güsener ihre Höfe erst gerade ein Jahr zuvor wieder aufgebaut gehabt. Der Schulze Andreas Melmer aus Güsen schrieb an den Lehnsherren, den Möllenvogt in Magdeburg, einen Bericht über die Ereignisse vom 21. bis 23. August 1648. Dieser ist im Staatsarchiv Magdeburg erhalten geblieben und wirft ein grelles Licht auf die damaligen Verhältnisse (n. Willy Sack):
Danach haben sich von Montag Mittag bis Dienstag um dieselbe Zeit 1200 Reiter vom Leibregiment, die Jungen und Wagen nicht mitgerechnet, in Güsen einquartiert "und großen Schaden an Korn und Heuw gethan, welges noch hette zu vorwinden gewesen". (....) Die dichten Waldungen, die damals in viel größerem Maße den Ort umgaben, boten den Güsenern reichlichen Schutz. Und doch mussten sie immer tiefer hinein fliehen, da die Reiter, es sollen an 400 gewesen sein, enttäuscht über das leer vorgefundene Dorf, auch hier nach den Entwichenen suchten.
Der Schulze, der vom sicheren Waldrand aus das Geschehen beobachtet hatte, entschied sich schließlich dazu, mit fünf weiteren Güsenern zum Schutz des Dorfes in dasselbe zurück zu kehren. Er wird sogar vor den Obersten gelassen. Und dieser verlangt als erstes nichts anderes, als dass er die geflohenen Bauern herbei schaffen solle:
Da erzählt er nun, dass diese schon seit acht Tagen über die Hegell (Havel) seien.
Darunter wäre vermutlich zu verstehen, dass sie nach Osten über das 35 Kilometer entfernte Plaue auf die andere Seite der Havel geflohen wären. Natürlich war das eine Ausrede. Aber sie klang ja scheinbar einigermaßen glaubhaft, solche Dingen kamen also vor:
Es wären auch zu unglückliche Leute, seit einem Jahre haben sie erst wieder aufgebaut wie die neu aufgeführten Gebäude erkennen lassen. (...) Nun soll er dem Obersten noch erklären, warum er im Forst bliebe. In geschickter Weise gibt er sich darauf als Holzfäller des Bischofs von Halle aus, dessen Besitz er erhalten möchte. Aber das würde ihm zu schwer gemacht, wie ja auch das Benehmen der Soldaten nicht zu verantworten wäre. Rücksichtslos raubten diese aus Scheunen das Heu und Stroh. In den Häusern suchten sie nach Schätzen, wobei sie Sachen, die sie nicht gebrauchen konnten, zerstörten. Nicht einmal die Kirche haben sie verschont. Den Altar haben sie geplündert, die als Behang verwendeten Tücher haben sie "alle zerrissen und schimpfiret". Zu solchem Vorgehen sollen die Güsener den Soldaten keinen Grund gegeben haben. Aber deren Wut über die Flucht der Einwohner war zu groß, und sie stellen dem tapferen Gemeindevorsteher grässliche Strafen in Aussicht, wenn sie die Bauern finden sollten.
Der Schulze sah voraus, dass er aufpassen müsse, dass nach Abzug der Reiter die überall im Dorf noch glimmenden offenen Feuerstellen gelöscht werden müssten, da sonst leicht ein Brand entstehen konnte. Zu seinem Leidwesen wurde er aber von dem Obersten als ortskundiger Führer mitgeschleppt, wie es den Bauern damals oft geschah. Die Abteilung zog ins sechs Kilometer entfernte Dorf Ihleburg (Wiki), wo der 1647 zum Oberbefehlshaber der schwedischen Truppen ernannte Pfalzgraf Carl Gustav (1622-1660) (Wiki) (im Text falsch "Carl August")(1656 wurde er König von Schweden), eine große Truppenparade abnahm. Nach dem Schulzen-Bericht (n. Willy Sack):
Prächtige Reiter, Wagen mit schönen Frauen und eine große Bagage waren seine Begleitung. Unser Berichterstatter gesteht, solche Pracht lange nicht gesehen zu haben.
Nach der Parade kehrte ein Teil der Reiter nach Güsen zurück, der Schulze musste einen anderen Teil derselben aber nach der zehn Kilometer weiter gelegenen Stadt Burg führen. Als er nun dort um Entlassung bittet, erklärt der Obrist, wenn er ihm nicht zwei Faß Bier liefere, müsse er weiter mitziehen. Da ruft der Turmwächter von Burg, dass Güsen brennt. Der Schulze eilt mit hilfsbereiten Bauern in sein Heimatdorf, kann dort aber nur noch feststellen, dass 17 Gebäude in Asche liegen:
Nicht eine Garbe Roggen hatten ihnen die Schweden gelassen, der Hafer war ihnen vom Felde fortgeholt worden, da die Pferde der Reiter viel brauchten, die Gerste war zertreten und so überall größte Not. 
Der mit diesem Bericht schon am 24. August desselben Jahres angeschriebene Möllenvogt schickte daraufhin Saatgetreide und gewährte Steuererleichterungen.

Erst nachdem man solche sehr unmittelbare Einblicke genommen hat, wird einem klar, dass eine so eindrucksvolle Erzählung wie "Der Wehrwolf" von Hermann Löns (1866-1914) aus dem Jahr 1910 keineswegs Übertreibungen enthält, sondern sehr wirklichkeitsnah das Erleben der Bauern der damaligen Zeit wiedergibt, insbesondere das ständige Flüchten ganzer Dörfer in den Wald und das Leben daselbst.

Abb. 2: Radierung von Hans Ulrich Franck (1590/95-1675) (Wiki)
(Weitere Bilder zum 30-jährigen Krieg etwa: hier.)

Man wird sich auch klar machen müssen, dass Bahnitz damals nicht so abgelegen gelegen hat, als dass es nicht hätte geplündert und gebrandschatzt werden können. Noch hundert Jahre später sollte der Gutsherr von Goerne in einem Gerichtsverfahren gegen seine Bahnitzer Bauern damit argumentieren, dass die Havel bei Bahnitz doch "nur einen Büchsenschuß breit" wäre und dass die Bauern deshalb morgens ihre Pferde schwimmend von der anderen Seite der Havel holen würden, bevor sie mit ihnen zur Arbeit gingen. (Freilich ist im Sommer der Wasserstand der Havel am niedrigsten.) So hatten also auch berittene Soldaten die Havel überschreiten können, abgesehen davon, dass ja auch Bahnitz und alle Nachbardörfer mehrere Bauernfähren hatten, mit denen dann auch ganze Ackerwagen mit geplündertem Gut in beide Richtungen befahren werden konnten.

Auf beiden Seiten der Havel sind die Truppen während des Krieges zwischen Rathenow und Brandenburg nordwärts und südwärts gezogen, ostseitig über Pritzerbe, westseitig über Nitzahn. Bahnitz lag jedes mal nicht außerhalb der Reichweite der marschierenden oder Unterkunft suchenden Truppen. Und auch in Ost-West-Richtung war der Elb-Havel-Winkel Durchzugsgebiet, wobei die Havelübergänge bei Rathenow und Plaue die begehrtesten waren.

Friedrich der Große über die brandenburgische Politik im Dreißigjährigen Krieg


Der nachmalige preußische König Friedrich der Große (1712-1786) wird mit viel Berechtigung hundert Jahre später das folgende über die Regierungszeit seines Ururgroßvaters, des Kurfürsten Georg Wilhelm von Brandenburg (1595-1640) (Wiki) in der Zeit des 30-jährigen Krieges nieder geschrieben haben (zum Teil auch zitiert in Hohmann/Unger 1999):
Seine Regierungszeit war die unglücklichste von allen Fürsten seines Hauses. Seine Staaten wurden im Verlauf des Dreißigjährigen Krieges verwüstet, und die Spuren, die davon zurückblieben, waren so tief, dass man ihre Merkmale noch jetzt wahrnimmt, wo ich diese Geschichte schreibe. Alle Plagen der Erde stürzten mit einemmal auf die unglückliche Kurmark herab. An der Spitze stand ein unfähiger Fürst, der einen Vaterlandsverräter (Graf Schwarzenberg) zu seinem Minister gewählt hatte. (...) Das Land wurde von befreundeten und feindlichen Heeren überflutet, die gleichermaßen barbarisch hausten. (...) Das Elend erreichte seinen Höhepunkt, als die Bewohner, die dem Schwert des Soldaten entronnen waren, an bösartigen Seuchen zugrunde gingen.
(Zu Graf Schwarzenberg: Wiki.Der König gibt eine recht detaillierte Schilderung des Verlaufs dieses Krieges. Darin heißt es an einer Stelle unter anderem:
Der Kaiser war Sieger über seine Feinde und herrschte nahezu als Despot im Reich. (...) Während die Schweden sich zum Einfall in Deutschland rüsteten, hatte Wallenstein sich in der Kurmark festgesetzt und brandschatzte sie um Riesensummen. Es war unerhört, dass die Kaiserlichen ein befreundetes Land, dessen Fürst dem Kaiser keinen Grund zur Klage gegeben hatte, mit solcher maßlosen Härte behandelten. Wie beklagenswert die Lage Georg Wilhelms war, lehrt die Antwort, die er, wahrscheinlich sehr der Wahrheit entsprechend, auf die Einladung Kaiser Ferdinand II. zum Regensburger Reichstag gab. Er sagt darin: "Die Erschöpfung der Mark setzt mich außerstande, die gewöhnliche Ausgaben zu beschaffen. Noch viel weniger kann ich die Kosten für eine solche Reise aufbringen."
Und weiter schreibt Friedrich der Große dann über das Verhältnis Brandenburgs zum schwedischen König:
Der Kurfürst, der nicht mehr Herr im Hause war, stimmte allem zu, was der König von Schweden wünschte. (...) Es hieße gegen die Gesetze der Billigkeit verstoßen, wollte man Georg Wilhelm die Schuld für all das Unglück aufbürden, das während seiner Regierungszeit hereinbrach. Wenn er schwere Fehler begangen hat, so bestanden sie darin, dass er sein Vertrauen dem Grafen Schwarzenberg schenkte, der ihn verriet. (...) Er war katholisch und hatte immer für den Kaiser Partei genommen. (...) Vor allem muss man dem Kurfürsten vorwerfen, dass er nicht ein Heer von 20.000 Mann ausgehoben hat, bevor der Krieg seine Staaten verödete. Er wäre in der Lage gewesen, es zu unterhalten. (...) Die Truppen hätten dazu gedient, (...) seine Provinzen zu schützen. Wäre der Kurfürst solchermaßen gerüstet gewesen, so hätten Mansfeld und der Administrator von Magdeburg es nicht gewagt, durch das Kurfürstentum hindurch zu ziehen. Kaiser Ferdinand II. hätte in jeder Weise Rücksicht auf ihn genommen. Und es hätte nur von ihm selbst abgehangen, ob er der Verbündete der Schweden werden wollte oder ihr Feind, während er in Wirklichkeit der Sklave der ersten besten wurde.  

Von dem Augenblick an, da Georg Wilhelm diese Vorsorge versäumt hatte, ließ ihm die wunderliche Verwicklung der Umstände nur noch die Wahl zwischen Fehlern: er wurde gezwungen, sich für die Kaiserlichen oder für die Schweden zu entscheiden. Und da er schwach war, waren seine Verbündeten stets seine Herren. (...) 

Fortwährend schwankend, was er tun sollte, kraft- und machtlos, schlug er sich jedesmal, gutwillig oder gezwungen, auf die Seite des Stärkeren.
Natürlich sollten genau diese Fehler dann seine Nachfolger - der Große Kurfürst, der Soldatenkönig und Friedrich der Große selbst - nicht mehr begehen. Das A und O ihrer Regierungsmaxime hieß, ein starkes, stehendes Heer zu unterhalten und hierfür einen wirtschaftlich starken Staat aufzubauen, damit dieses Heer unterhalten werden könne. Im 20. Jahrhundert sollte man ein solches Denken "Militarismus" nennen. Es war aber doch offenbar nur der reinen Notwehr geschuldet. Offenbar liegt doch hier einmal der seltene Fall vor, dass tatsächlich ein Land "aus der Geschichte gelernt" hat. Und es scheint doch genau dieser Umstand gewesen zu sein, der dann den Staat Preußen geschichtlich so bedeutsam gemacht hat. Der zu einem Land wurde, das auch reichste kulturelle Errungenschaften tragen und hervorbringen konnte.


Abb. 3: Der Tod mit Narrenkappe - Allegorie auf den Dreißigjährigen Krieg


Der Rathenower Samuel Christoph Wagener über die brandenburgische Politik im Dreißigjährigen Krieg


Wer einmal in eine Chronik der Stadt Rathenow an der Havel hinein schaut - in eine, die aus dem Jahr 1803 stammt - der wird übrigens finden, dass es fortschrittliche Bürger Preußens gab, die das Urteil ihres Königs vollständig teilten. Es handelt sich hier um die Stadtchronik des Feldpredigers Samuel Christoph Wagener (1763-1845) (Wiki), der sich auch sonst um die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt Rathenow die größten Verdienste erworben hat. Schließlich hat er zusammen mit dem größten Sohn der Stadt, Johann Heinrich August Duncker im Jahr 1801 die "Königlich privilegierte optische Industrie-Anstalt" in Rathenow gegründet, die maßgeblich noch heute zu der wirtschaftlichen Entwicklung Rathenows beiträgt. In der erwähnten Stadtchronik schreibt Wagener noch deutlicher als vormals sein König (S. 219, 227) über jenen ...
ersten Staatsdiener, den frechsten Landesverräter, welchen je die Erde getragen hat, Graf Adam von Schwarzenberg, schwarzen Andenkens. (...) Der Kurfürst ahnte nicht, dass er in diesem Buben die giftigste aller Schlagen in seinem Busen nährte. Als eine Kreatur Ferdinands II. war er und dieser Kaiser die Quelle des unbeschreiblichen Elends, welches damals stoßweise sich über die Mark ergoß. (...) Nur einem Verräter mit Schwarzenbergs Teufelslist konnte es gelingen, den Kurfürsten abzuhalten, sich vom Tyrannenjoche Österreichs loszureißen.
Unter anderem schreibt Wagener auch über das Schicksal Magdeburgs im Jahr 1631 die sicherlich überaus treffenden Worte:
Selbst der Feind schauderte vor Magdeburgs entsetzlichem Schicksal.
Es bedurfte eines zweiten dreißigjährigen Krieges (im 20. Jahrhundert), um die Region Preußen-Brandenburg wieder in jene geschichtliche Bedeutungslosigkeit zurück zu stoßen, die sie während des Dreißigjährigen Krieges innehatte. An den Worten dieser Stadtchronik wird recht gut erkennbar, wie sehr die Lehren des Dreißigjährigen Krieges Bürger und Herrscherhaus zu dem Willen zusammen geschweißt haben, auch als "des heiligen Reiches Streusandbüchse" lieber Amboß als Hammer zu sein im Weltenlauf. - Demgegenüber ist es dann doch auch auffallend, dass der große deutsche Geschichtsschreiber Leopold von Ranke den Kurfürsten Georg Wilhelm im Grunde ziemlich milde und nachsichtig beurteilte. Und zwar so, als wäre sein ein wenig schlafmützenhaftes Verhalten jenem damaligen Flickenteppich, genannt brandenburgisches Staatswesens, doch auch angemessen gewesen:
Diese durch die Vorgänger friedlich und umsichtig zusammengebrachten Landschaften boten keine Gewähr dar, zu einem eigentümlichen und bedeutenden Dasein zu gelangen. Es wäre denn der Nachfolger aus härterem Metall gegossen, vom Genius belebt und von besserem Glücke begünstigt worden.
So schreibt Ranke. Und man ist erstaunt, dass Ranke sich nicht dem Urteil und der Einschätzung des großen Königs anschließt, nach dem Georg Wilhelm (siehe oben) ein 20.000 Mann starkes Heer hätte aufstellen müssen, weil er es gekonnt hätte. Angesichts des schweren Schicksals der Bauern Brandenburgs fällt es einem eigentlich schwer, sich der Milde und Nachsicht des Urteils Rankes anzuschließen. Doch die zitierten Worte Rankes markieren sehr schön den Scheidepunkt, an dem das Kurfürstentum Brandenburg damals stand, indem sie deutlich machen: Ja, es hätte ja auch so weitergehen können wie bisher mit der Wurstelei. Indem er dies sagt, macht er zugleich gespannt auf das, was nun geschichtlich folgte.

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*) Erinnerung an einen dortigen Verwandtenbesuch um 1980 an einem heißen Sommertag: Es beeindruckte die wirklich massenhafte Zahl von Fliegen in der Küche, die dort niemanden zu stören schien, die also als normal angesehen wurde, und die, wenn man etwa ein Stück Kuchen zum Mund hob, erst verscheucht werden mussten, bevor man es essen konnte. Die Fliegen standen, so konnte vermutet werden, in Zusammenhang mit dem großen Misthaufen vor dem Fenster, in der Mitte des großen, typischen brandenburgischen Bauernhofes, der damals dort noch bestand.

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  1. Kienscherf, Dietrich: Dorfchronik von Schlagenthin. 1991 
  2. Riedl (Wusterwitz)/Horn, Ferdinand: Chronik der Stadt Plaue. 1871. Überarbeitet durch Albert  Deichgräber (und G. Lembke). 1942. Neu herausgegeben durch Kurt Michel. Als Manuskript, o.O., o.D. [etwa 2000]
  3. Heine, Walter: 625 Jahre Gemeinde Gollwitz. Gollwitz 2000
  4. Arndt, Gerda: 675 Jahre Radewege. Chronik eines Dorfes am Beetzsee 1335-2010. Radewege 2010
  5. Sack, Willy (Burg): Durchzug eines schwedischen Heeres durch das Jerichower Land im August 1648. In: QSG (Genthin): Chronik Jerichower Land. Als Manuskript, o.O.o.D. [nach 1997] 
  6. Triepke, Joachim: Rathenowgraphia. 1712
  7. Friedrich II., König von Preußen: Denkwürdigkeiten zur Geschichte des Hauses Brandenburg. 1748
  8. Wagener, Samuel Christoph: Denkwürdigkeiten der Churmärkischen Stadt Rathenow. Nicht bloß für Rathenower, sondern für Geschichts- und Vaterlands-Freunde überhaupt bearbeitet. Buchhandlung des Commerzienraths Matzdorff, Berlin 1803
  9. Ranke, Leopold von: Neun Bücher preußischer Geschichte. 1847/48, später erschienen als Zwölf Bücher preußischer Geschichte. 1878/79
  10. Löns, Hermann: Der Wehrwolf. Eine Chronik aus dem Dreißigjährigen Krieg. 1910
  11. Schröer, Fritz: Das Havelland im Dreißigjährigen Krieg. Ein Beitrag zur Geschichte der Mark Brandenburg, neu ergänzt und ... Böhlau, 1966 (325 S.)
  12. Hohmann, Lew; Unger, Johannes: Die Brandenburger. Chronik eines Landes. be.bra verlag, Berlin 1999