Samstag, 30. September 2017

Bauern, Büdner, Häusler, Grenadiere und Kuhhirten

Ob eine Grenze uns heute trennt,
In die Heimat fahr ich so gerne
Vor 30 Jahren mußten wir fort
30 Jahre schon in der Ferne.

Johanna Bading 
Gedicht "Elb-Havel-Winkel"
(Auszug, 1983)

Meine Oma und ihre Vorfahren aus dem Dorf Zollchow im Havelland

Über das Leben meines Opas, eines Bauern in Bahnitz an der Havel (1906-1979), habe ich schon in zwei Blogbeiträgen berichtet (1, 2). In dem vorliegenden Blogbeitrag soll es um die Familie gehen, aus der meine Oma stammte. Es soll um ihre Vorfahren gehen. Und es soll noch einiges über ihr eigenes Leben berichtet werden (was künftig noch ergänzt werden kann). - - - Vielleicht ist es kennzeichnend für die Vorfahren meiner Oma, daß unter ihnen während des 18. und 19. Jahrhunderts mehrmals Nachkommen von Vollbauern in andere Berufsgruppen überwechselten. Sie wurden Schiffer, Halbbauern (Häusler), Soldaten, Kuhhirten, Arbeitsmänner, Schumacher, Leinweber und Schäfer oder heirateten Söhne oder Töchter von Vätern aus diesen Berufsgruppen.

Soweit übersehbar, hatten die Vorfahren meines Opas immer nur unter Vollbauern geheiratet. Daß mein Opa 1932 eine Kossatentochter heiratete, nämlich meine Oma, war in den Jahrhunderten davor nicht üblich gewesen.

Somit ist über die Vorfahren meiner Oma auch Einblick zu gewinnen in ländliche Berufsgruppen, die nicht Vollbauern waren. Ungefähr zur Hälfte war meine Oma Nachfahrin von Vollbauern (in den Kirchbüchern bezeichnet als "Ackermann"), zur anderen Hälfte Nachfahrin anderer Berufsgruppen. Und es mag durchaus typisch gewesen sein für das Bevölkerungswachstum des 18. und 19. Jahrhunderts in den ländlichen Gegenden des Landes Brandenburg und anderwärts, daß einzelne Söhne und Töchter in andere Berufsgruppen wechseln mußten. Im Havelland lag oft der Wechsel zum Beruf des Schiffers nahe. Auch mehrere Soldaten gibt es unter den Vorfahren meiner Oma, sowie die genannten anderen Berufe. Diesen Umstand zu verdeutlichen, wird einer der Schwerpunkte der folgenden Ausführungen sein.


Abb. 1: Ein Büdner- oder Kossatenhof in Zollchow, das Elternhaus meiner Oma - Links Onkel Ernst, ihr Halbbruder, 1984

Das Elternhaus meiner Oma Johanna Bading, geborene Bleis (1910-1985) stand in Zollchow am Dorfausgang Richtung Westen an der Südseite der heutigen Breiten Straße/Ecke Rosenstraße (vormals Karl-Marx-Straße, vormals Hauptstraße) (Abb. 1). Es handelte sich um ein Bünder-, bzw. Kossaten-, also Halbbauern-Haus. Zu ihm gehörten also nicht wie zu den Vollbauernhöfen über 40 Hektar Land, sondern nur 15 Hektar. Dennoch konnte auch davon eine Familie nicht nur leben, sondern sogar drei Kindern eine Berufsausbildung ermöglichen. Dennoch konnte auch ein solcher Hof auf dem Land Brandenburg eigene Pferde für das Wirtschaften unterhalten.

Nach Gründung der LPG 1953 wurde natürlich auf diesem Hof von dem Halbbruder meiner Oma, von Ernst Bleis (1906-1991) Landwirtschaft nur noch im Nebenerwerb betrieben. Er wohnte hier bis zu seinem Lebensende im Jahr 1991. Das Haus ist irgendwann nach 1991 abgerissen worden. Bei unseren alljährlichen Verwandtenbesuchen in der DDR vom Westen aus besuchten wir auch Onkel Ernst und seine Schwester Frieda Bergan, geborene Bleis (1909-1993), in Zollchow regelmäßig. Letztere - Tante Friedel - besuchte uns auch häufiger im Westen, aber Onkel Ernst kam nur einmal zur Beerdigung meines Opas. Tante Friedel lebte ihre Altersjahre in dem in DDR-Zeiten errichteten mehrstöckigen Neubau in der Rosenstraße also nur wenige Meter von ihrem Elternhaus und ihrem Bruder entfernt.

Verwandtenbesuche in Zollchow (1980er Jahre)


Tante Friedel und Onkel Ernst arbeiteten auf der LPG in Zollchow. In damals geschriebenen Familienbriefen wird deutlich wie stark Tante Friedel mit den Ernteerfolgen und -mißerfolgen der LPG mitfühlte. Onkel Ernst hielt sich Geflügel und einige Schweine im Nebenverdienst. Onkel Ernst hatte einen Sohn - Willy Bleis. Willy ging Ende der 1950er Jahre in den Westen und Onkel Ernst wollte seitdem nichts mehr mit seinem Sohn zu tun haben. Er brach völlig mit ihm. Daß der Sohn seinen Vater allein zurück ließ, konnte dieser nicht verwinden. Onkel Willy hatte nun aber auch im Westen selbst kaum Angehörige und hielt nicht zuletzt auch deshalb mit seiner Tante Hanna, meiner Oma, Verbindung, bzw. mit seinen Cousins und Cousinen.


Abb. 2: Die Hofseite eines Büdner- oder Kossatenhofes in Zollchow, dem Elternhaus meiner Oma, 1984

Onkel Willy lebte für viele Jahre mit seiner Frau in Südafrika. Und er lud Oma und Opa nach Südafrika ein. Oma nahm diese Einladung schließlich einmal an. Es existiert noch ein ganzes Fotoalbum mit Fotos von ihrer Reise nach Südafrika und von ihrer Fahrt durch den Krüger-Nationalpark (Abb. 13).


Abb. 3: Die drei Geschwister Bleis: Friedel, Hanna und Ernst in der Wohnküche ihres Elternhauses in Zollchow, etwa 1984

Bei einem der letzten Besuche bei Onkel Ernst zusammen mit meinem Vater werde ich so etwa 25 Jahre alt gewesen sein (um 1990). Damals fiel mir der große Gegensatz auf zwischen der Lebenseinstellung von Onkel Ernst und der meines Vaters. Onkel Ernst war als alter Mann wenn man so will ein "verhutzeltes Männchen" (siehe Abb. 1). Er litt unter einer Schußverletzung aus dem Zweiten Weltkrieg. Er hatte einen Schuß in die Ferse - und von der Ferse an aufwärts - erhalten, worüber er lebhaft erzählen konnte. (Es war dies eine anschauliche Lehre für die soldatische Vorschrift, nach der man, wenn man auf dem Boden in Deckung geht, die Füße flach auf den Boden legen soll. Onkel Ernst hatte das nicht getan.) Onkel Ernst kam mir wie ein sehr altersweiser, seelenvoller Mensch vor im Gegensatz zu der Seelenlosigkeit, Gefühl- und Empfindungslosigkeit meines Vaters, die er sich in Zeiten des westlichen Wirtschaftswunders und in der dortigen Gehetztheit und im dortigen Gerenne und Gehaste der Arbeitswelt angeeignet hatte.

Onkel Ernst wirkte sehr naturverbunden. Wohl fast jeden Tag fuhr er - wie er erzählte - mit dem Fahrrad auf das Feld und in den Wald, beobachtete die Tiere. Und es war anrührend, ihn davon erzählen zu hören. Man hatte das Gefühl: Er hatte viel Schmerz in seinem Leben erlebt, aber eine Altersweisheit gewonnen, wie man sie selten so wird wieder erleben können. Nach meinem Gefühl stand mein Vater seinem Onkel völlig verständnislos gegenüber. Der "Besserwessi" nach dem Buche.

Dabei war es so schön, wenn Onkel Ernst uns seinen Hof zeigte, seine Scheune, seinen Stall, seine Tiere. Alles so anrührend, altertümlich, schon vom Geruch her. Auch "kleinbäuerlich". Er lebte dort in einer ruhigen Welt für sich, sehr genügsam und sehr mit sich und der Welt im Einklang. Das sind meine Erinnerungen an Zollchow. Onkel Ernst hatte sein Elternhaus jener Familie als Erbe nach seinem Tod zugedacht, die sich um ihn in seinen Altersjahren kümmerte. Auch dafür zeigte mein Vater wenig Verständnis. Onkel Ernst hatte für dieses Unverständnis nur ein Schulterzucken.

Abb. 4: Frieda Bleis, geborene Eggert (1888-1970) - aufgenommen1964 in Berlin

Wenn es etwas zu lernen gibt von der Familie meiner Oma, dann das, daß man auch in weniger wohlhabenden Verhältnissen zu einem guten Menschen werden kann, vielleicht sogar zu einem besseren als unter günstigeren, äußeren Verhältnissen. Das schwere Lebensschicksal von Tante Friedel ist mir allerdings erst jetzt hier beim Niederschreiben bewußt geworden.

Flucht aus Hinterpommern (1945)


Die Mutter der drei Geschwister - Onkel Ernst, Tante Friedel und meine Oma - Frieda Bleis, geborene Eggert (1888-1970) (Abb. 4-6), starb 1970 in Zollchow. Zumindest äußerlich hatte sie meiner Oma viel vererbt: den schmalen Mund und auch einige Partien in ihrem Gesicht (Abb. 4). Alle beiden ihrer Schwiegersöhne und auch ihr Sohn Ernst waren im Zweiten Weltkrieg Soldat gewesen. Ihre Tochter Frieda - Tante Friedel - hatte schon vor dem Krieg einen Willi Bergan (1888-1945) geheiratet (Abb. 5). Dieser war tätig als Förster bei der Familie des Barons von Zitzewitz (Wiki) in Groß Krien bei Stolp in Hinterpommern. Stolp liegt 110 Kilometer westlich von Danzig und lag ab 1920 nur 50 Kilometer von der polnischen Grenze entfernt. In einem Einwohnerverzeichnis von Groß Krien ist auch der Name Bergann enthalten (Groß-Krien). Der letzte Baron Günther von Zitzewitz, wohnhaft auf seinem Gutshaus in Bornzin, ist schon 1927 gestorben. Er war vermutlich ein Sohn eines vormaligen Mitgliedes des Preußischen Herrenhauses (Wiki). Über diesen Günther von Zitzewitz heißt es (Wiki):
Seine beruflichen Neigungen galten in erster Linie dem Förstereiwesen. (...) Bei seinem Tod 1927 hinterließ er sieben minderjährige Kinder, und die Bornziner Güter wurden seither von seiner Witwe, Henriette von Zitzewitz, verwaltet. (...) Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Krien am 8. März 1945 von der Roten Armee besetzt. Nach Kriegsende wurde Krien zusammen mit ganz Hinterpommern Teil Polens. Danach kamen Polen in das Dorf und übernahmen die Häuser und Gehöfte. (...) Die deutschen Dorfbewohner wurden vertrieben.
Tante Friedel und ihrem Ehemann wurden kaum zehn Jahre Ehe geschenkt, davon waren fünf Jahre Krieg. Auf einer Familienfotografie, entstanden auf dem elterlichen Hof in Zollchow während des Zweiten Weltkrieges, ist Willi Bergan in SS-Uniform zu sehen (Abb. 5). Im Gesicht meiner Tante Friedel, die ganz links steht, zeichnet sich tiefer Ernst ab. Wohl noch vor dem Zweiten Weltkrieg war ihr Sohn Hans Dieter Bergan geboren worden. Während des Krieges wurde ihre Tochter Christel geboren. 1945 mußte Tante Friedel mit ihren beiden Kindern aus Hinterpommern fliehen. Sie erzählte, daß ihr Ehemann sich noch 1945 freiwillig meldete, um der fliehenden Bevölkerung zu helfen. Dabei kam er ums Leben. Zu diesem Zeitpunkt war sie selbst erst 36 Jahre alt. Bis an ihr Lebensende 1993 lebte sie als Witwe in Zollchow.

Abb. 5: Frieda und Willi Bergan, Wilhelm und Frieda Bleis und Enkelsohn Hans Dieter während des Zweiten Weltkrieges

Blick zurück: 1809 - Sieben Zollchower Bleis-Kinder werden von einer Stiefmutter aufgezogen


Schon für die Eltern meiner Oma habe ich keinerlei eigenes erinnerndes "Gefühl", auch nicht aufgrund irgendeiner Erzählung meiner Oma. In meiner Gegenwart hat sie über ihre Kindheit und Familie in Zollchow eigentlich gar nichts erzählt, zumindest nichts, was mir in Erinnerung geblieben wäre. Sie nahm das wohl alles nicht so wichtig. Am ehesten wurde in unserer Familie noch über die Ereignisse des Jahres 1945 erzählt, als meine Oma mit ihren Kindern vor den Russen von Bahnitz aus zu ihren Eltern nach Zollchow flüchtete und sich alle dort im Wald versteckten (6). Von diesen Umbruchzeiten blieb das Leben von Oma und Opa bis an ihr Lebensende am ehesten bestimmt. Aber ich finde zum Glück in den Unterlagen auch noch zwei schriftliche Zeugnisse zu Erinnerungen an die Kindheit und Jugend in Zollchow. 1981 schrieb ich für die Schule eine Hausarbeit über meine Vorfahren. Dies war der Anlaß, daß meine Oma an ihre ältere Schwester Tante Friedel in Zollchow eine briefliche Anfrage richtete. Tante Friedel antwortete am 3. Dezember 1981:
Ihr Lieben! Komme soeben von Ernst. Ernst hat auch keine Bilder mehr von früher, Hanna. Er weiß auch nichts mehr von unseren Ahnen. Ich wollte Ingo so gerne helfen, da weiß ich eigentlich noch mehr über Mutter. Die Bleis, Großvater Bleis (gemeint: Urgroßvater Bleis), stammte von dem Kröger Bleis Hof. Er mußte fort unter dem Druck der Stiefmutter, sein Vater starb auch, sie heiratete dann den Bruder. Großvater Bleis ging auch zur See. Später kam er zurück. Er wohnte erst in Möllenhofs Haus, dann kaufte er sich unser Grundstück.
Er heiratet sich eine aus Neudessau, wir sind doch manchmal als Kinder mitgefahren, dann ging es mit dem Kahn über die Stremme zu Wiesens, das war Vaters Cousine.
Großvater Bleis hatte zwei Kinder, Vati und Tante Ida. Beide Kinder waren noch klein als die Mutter starb. Großvater, den seh ich noch genau vor mir. Er war groß, hatte einen Vollbart, ging mit einem Stock, ich mochte ihn gern. Auf Dich paßte er immer auf, weil Du die Kleinste warst, Hanna. Mit Tante Idas Verwandtschaft haben wir keine Verbindung mehr. (...)
Nun zu Großvater Eggert. Er besaß einen Schleppkahn, fuhr auf der Elbe Frachtgut, bis Hamburg, er konnte viel erzählen, die Jugend drängte sich abends oft um ihn, wir waren noch zu klein aber manches habe ich doch mitgekriegt. Er lahmte etwas, das war von einer Prügelei. Er brachte uns öfter Südfrüchte, Feigen und Datteln mit, weißt Du noch, Hanna, wir waren vielleicht stolz, weil sowas die anderen Kinder nicht hatten. Großvater Eggert war auch sehr klug, Mutter erzählte uns, der Ziegelei-Besitzer Witte von Kitz holte ihn oft, wenn Fehler in der Buchhaltung unterlaufen waren, Großvater war ein Ass im Rechnen. Großmutter war eine geborene Parey von der Mühle in Bützer. Sie kauften sich als sie heirateten den Hof Neuland, hatten drei Mädchen, Minna, Frida, Anna. Später verkaufte Großvater seinen Kahn. Die Älteste, Tante Minna, bekam den Hof, lebte nicht lange. Die Großeltern zogen dann erst zur Grille, später zu uns. Großvater konnte doch so schön Schifferklavier spielen. Weißt Du noch, Hanna, einmal Ostern? Er stand in der Haustür, spielte uns zur Begrüßung auf - wir quer durch den Roggen bis zur Haustür. Und wo er die Ostereier im Wald versteckte? So schöne aus Schokolade und Zucker mit bunter Kante hatten wir damals noch nicht gesehen, dann gab es Kaffee und Kuchen, war das schön! Großvater Eggert ist auch 85 Jahre alt geworden. Großmutter starb früher, sie war mal von einer Fuhre Heu runter gefallen, hatte seitdem immer große Schmerzen im Kopf, wir kannten sie gar nicht anders. (...)
Mutter hatte in letzter Zeit viel aufgeschrieben, sie zeigte es mir, wo es lag, im Vertico oben. Hätte ich es man an mich genommen, Ernst hat nach ihrem Tode alles verbrannt. Er legte keinen Wert auf sowas.
Dieser Brief erklärt zunächst - sozusagen - das Schlüsselereignis in der Familiengeschichte der Kossaten-Familie Bleis in Zollchow, nämlich wie die Nachkommen einer der beiden Familien Bleis in Zollchow, die seit Jahrhunderten dort Vollbauern waren (3), zu landärmeren Kossaten, bzw. Büdnern und Häuslern wurden. (Immerhin - wie wir noch sehen werden, hatten selbst solche Höfe in Brandenburg noch Pferde.) Der Bericht von Tante Friedel, den sie auf ihren Großvater bezog, ist allerdings nur mit den Lebensdaten ihres Urgroßvaters in Einklang zu bringen. (Deshalb die Einfügung in Klammern.) (3) Bei ihrem Großvater handelt es sich um den 1832 geborenen Büdner, bzw. Häusler Christian (Friedrich Ludwig) Bleis (1832-1915), dessen jüngerer Bruder den Beruf des Schiffers ergriff (3). Tante Friedel schreibt:
(Ur-)Großvater Bleis, stammte von den Kröger Bleis Hof.
Abb. 6: Die Eltern meiner Oma mit Enkelkind während des Zweiten Weltkrieges

Er stammte also von einem der beiden Vollbauernhöfe in Zollchow, die den Familiennamen Bleis trugen*) (5). Christian Bleis und sein Bruder, der Schiffer, hatten keine Stiefmutter. Ihre Mutter Maria Dorothea Caroline, geborene Rahne (1800-1872) lebte sehr lange, ihr Vater Johann Christian Bleis (1801-1877) ebenfalls (3). Erst auf die Generation davor trifft die Geschichte, die Tante Friedel in Erinnerung hatte, zu: Hier hatte die Mutter zwar sieben Kinder, starb allerdings schon im Jahr 1809 mit 29 Jahren: Catharina Elisabeth geborene Röhle (1779-1809) (3). Der verwitwete Ackermann Johann Bleis (1779-1841) heiratete darauf hin nur ein halbes Jahr später eine 24-jährige Frau aus Milow (3). Wahrscheinlich handelt es sich um diese Stiefmutter, über die Tante Friedel schreibt:
Er mußte fort unter dem Druck der Stiefmutter, sein Vater starb auch, sie heiratete dann den Bruder.
Weitere Einzelheiten sind zunächst nicht bekannt.

Blick zurück: Büdner, Häusler, Kuhhirten, Arbeitsmänner, Schumacher, Leinweber und Schäfer


Es könnte aber auch ohne die Stiefmutter-Geschichte verständlich sein, wenn bei sieben Kindern nicht unbedingt jedes der Kinder die Möglichkeit hatte, Vollbauer zu werden. Es war das schließlich eine sehr häufige Erscheinung, daß das älteste Kind den Hof erbte und die nachfolgenden Kinder sich nach anderen Verdienstmöglichkeiten umtun mußten und zum Beispiel Schiffer wurden, bzw. sich in Bauern-, oder Halbbauern-Güter einheiraten mußten oder solche Güter erwerben mußten. Johann Christian Bleis ging zunächst zum Militär, wurde Garde-Kürassier (3). Aber die Zeit der Kriege und des soldatischen Sterbens war damals gerade vorbei. 1826 heiratete er die schon genannte Zollchower Müllerstochter Maria Rahne, deren Großvater Müller in Buschow war und deren Großeltern mütterlicherseits Gastwirte und Schiffer in Milow waren (3). - Die Vorfahren dieses Johann Christian Bleis waren bis dahin - soweit übersehbar - alles Vollbauern gewesen, in den Kirchenbüchern als "Ackermann" bezeichnet. In der männlichen Linie Bleis waren sie als solche erst in Zollchow, davor in Melkow (Wiki) und davor in Vieritz ansässig (3), also immer nur ein oder zwei Nachbardörfer weiter. Der früheste bekannte Bleis aus dieser Linie, der Ackermann Hans Bleis, lebte während des Dreißigjährigen Krieges und kaufte 1661 ein Bauerngut in Melkow. Von dessen Sohn, dem Ackermann Martin Bleis (1633-1655) in Melkow, heißt es (3):
Kauft (in Melkow) einen wüsten Hof vom Amt Jerichow. War vorher Schäfer in Vieritz.
Soweit zu dieser Vorfahrenlinie. Wenn Tante Friedel von ihrem Großvater schreibt:
Er heiratet sich eine aus Neudessau,
ist der Bericht wieder mit anderweitigen Daten vereinbar für ihren Großvater Christian Bleis (3). Dieser heiratete 1871 die Büdner- und Schifferstochter Friedrike Wollbrügge (1841-1889) aus Neudessau bei Schlagenthin. Ihre Vorfahren waren über viele Generationen hinweg Büdner, Häusler, Kuhhirten, Arbeitsmänner, Schumacher, Leinweber und Schäfer (3). Einer ihrer Ururgroßväter aus Nitzahn (ein Valentin Mewes [1734-1786]) war "Kgl. Preußischer Grenadier im Lengefeldschen Regiment und beim von Saldern Regiment", beide in Magdeburg (3). Als solcher könnte er am Siebenjährigen Krieg (1756–1763) teilgenommen haben und diesen überlebt haben.**) Er starb 1786 in Jerchel, wo er eine Frau mit Familiennamen Busse geheiratet hatte (3). 1874 kam Omas Vater Wilhelm Friedrich Ludwig Bleis (1874-1947) zur Welt. In der Niederschrift "Die Bewohner von Zollchow" von Seiten des damaligen Pfarrers heißt es 1892 über die Bewohner der heutigen Rosenstraße (5):
Es folgt in der Hauptstraße an der Ecke Häusler Christian Bleis.
Die Angabe von Tante Friedel
wir sind doch manchmal als Kinder mitgefahren, dann ging es mit dem Kahn über die Stremme
ist sehr interessant. Wird doch hier deutlich, daß man - vermutlich während des Ersten Weltkrieges, nachdem die Pferde schon für die Kriegsführung abgeholt worden waren, und als es schwer war, mehrere Kinder auf dem Fahrrad zu transportieren - Verwandtenbesuche über die Wasserwege unternehmen konnte. Zollchow lag am Königsgraben, Neudessau an der Stremme, beide per Landstraßen 14 Kilometer voneinander entfernt. Der Königsgraben mündet bei Böhne in die Havel, die Stremme mündet bei Milow in die Havel. Somit wird man annehmen können, daß die Familie mit dem Kahn über den Königsgraben bis Böhne ruderte, dann die Havel aufwärts bis Milow, dann die Stremme aufwärts bei Neudessau. Es ist das gewiß noch heute eine landschaftlich schöne Fahrt. Und bei Menschen, die auf diese Weise Verwandtenbesuche unternehmen, ist es gewiß nicht wenig naheliegend, wenn sie sich für den Beruf des Schiffers entscheiden im Haupt- oder Nebenverdienst. Der Landweg zwischen beiden Orten ist noch heute von der Kilometerzahl her nicht wesentlich kürzer als der Wasserweg. Tante Friedel schreibt über das, was sie ja selbst nur aus Erzählungen wußte:
Beide Kinder waren noch klein als die Mutter starb.
Die Mutter starb 1889 mit 48 Jahren. Damals war Wilhelm Bleis 15 Jahre alt, seine Schwester wird jünger gewesen sein. 

Abb. 7: Onkel Ernst Bleis (mitte), der Halbbruder meiner Oma, als Soldat im Zweiten Weltkrieg

Wilhelm Bleis heiratete dann 1908 mit 34 Jahren in Zollchow die Schiffertochter Frieda Eggert aus dem Nachbardorf Bützer. Es gilt die Faustregel, daß wohlhabende Bauern früh heiraten konnten, wenig wohlhabende erst spät. Frieda Eggert brachte ein zweijähriges, uneheliches Kind mit in die Ehe, den späteren (oben schon behandelten) "Onkel Ernst". Von Frieda Bleis geborene Eggert, gibt es eine Fotografie aus dem Jahr 1914 (vermutlich angefertigt für den Ehemann und Vater Wilhelm Bleis an der Front) (Abb. 10). Von den Eltern Bleis gibt es auch noch zwei Fotografien als alte Menschen aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges (Abb. 5 und 6). Auf den Fotografien sind beide körperlich nicht sehr groß, so wie auch der Sohn Ernst und meine Oma körperlich nicht sehr groß gewesen sind. Oma war vielmehr körperlich sehr grazil gebaut.

"Nachprüfung der Getreidebestände durch militärische Kommandos" (1918)


Der oben angeführte Brief von Tante Friedel aus dem Jahr 1981 regte auch meine Oma an, Erinnerungen aufzuschreiben. Hier sind sie:
Unsere Kindheit war schön! Ich habe gerade einen Brief meiner Schwester Friedel in der Hand, sie schreibt, weißt Du noch, mit einem kleinen Kahn mußten wir über die Stremme rudern und Verwandte besuchen. Wir kamen uns wie Könige vor. Und Großvater Eggert, er besaß einen Schleppkahn, schipperte damit auf Elbe und Havel Frachtgut. Bis Hamburg kam er. Er konnte so viel Geschichten von seinen Fahrten erzählen. Wenn er bei uns war, fand sich auch die Jugend ein. Es dauerte nicht lange und er nahm sein Schifferklavier. Und während die Eltern und Freunde sich vor dem Haus auf der Bank unter der Linde von der schweren Arbeit ausruhten, tanzten die Jungen unter der Friedenseiche all die alten Volkstänze "Mutter Wisch, ich nahm die Brille von meinen Augen, ick sehe di", "Dreimal Samtband um Rock" oder wie all die alten Volkstänze hießen, bis mein Vater "Schluß" sagte. Am nächsten Tag früh um fünf Uhr begann ja die Arbeit wieder. Es waren schöne Jahre ...
Und dann begann der Krieg ... Auch wir Kleinen spürten, daß es furchtbar war. Plötzlich hatten wir keine Pferde mehr. Ochsen wurden eingespannt. Der Vater schickte Karten aus Frankreich. Der Lehrer verlegte den Unterricht nach draußen, die ganze Klasse schnitt Brennessel oder schüttelte Maikäfer, ich glaube, es wurde zu Futter für die Pferde verarbeitet. Und bei Herrn von Katte fehlten die Arbeitskräfte, also verzogen wir Schulkinder die Rüben oder pflanzten Kiefern. Ja, wir Kinder kamen uns so wichtig vor.
Zuerst sangen wir noch: Siegreich wolln wir Frankreich schlagen. Unsere Kriegsgefangenen spuckten aus, wenn sie uns hörten. Meine Mutter, wenn wir früher den Vater fragten "Wo ist sie denn?", dann hat er lachend geantwortet: "Horcht wie sie pfeift oder singt." Aber dann hatte auch das aufgehört. Wenn wir aus der Schule kamen, war nur die Frage wichtig: "Hat der Vater geschrieben?" Für viele Familien hieß es: Gefallen für Volk und Vaterland. Das war der erste Weltkrieg.
Vater kam als letzter aus französischer Gefangenschaft zurück. Da hatte es schon Revolution gegeben. Unseren Soldaten und vor allen Dingen den Offizieren, die zurück kamen, hatte man ins Gesicht gespuckt und die Orden und Ehrenzeichen herunter gerissen.
Aber das Leben ging weiter. Wir in den Dörfern hungerten wenigstens nicht. Aber die Kontrolleure kamen: Wieviel Getreide haben Sie noch!? Mutter, sie hatte immer viel Temperament, antwortete: Gerade soviel, daß die Kinder, das Vieh und ich nicht verhungern. - Zeigen Sie uns den Dachboden. - Der große Dicke schob die beiden anderen zur Seite und stieg als erster hoch. Ich kletterte neugierig hinterher. Ich sah gerade noch, wie er den Deckel der großen alten Truhe ein klein wenig hob. Schnell ließ er ihn wieder fallen, schnappte mich und setzte mich und sich selbst auf die Truhe. "Gründlich kontrollieren," befahl er den beiden. Dann stieg er mit mir auf dem Arm als letzter wieder runter. Als sie dann weg waren, fragte ich Mutter völlig durcheinander: "Aber der Große hat ja den Weizen gesehen!?" "Dumme Pute," fauchte mich mein Bruder an. Doch Mutter sagte - und plötzlich konnte sie wieder lachen: "Später!!" Nun, später brauchte sie es mir nicht mehr erklären, das Leben nahm uns damals in eine harte Schule.
Diese Geschichte möchte man für kaum glaubhaft halten. Mußten man damals Getreide abliefern und wurde dafür kontrolliert? Aber an dem Hunger infolge der britischen Hungerblockade starben damals hunderttausende von Menschen in Deutschland (7). Da wird dann schon nachvollziehbar, was Historiker für das Jahr 1918 berichten (8, S. 281):
Die Kommunalverbände ergriffen alle ihnen zu Gebote stehenden Mittel, um die Getreideversorgung zu stabilisieren und veranlaßten auf dem Lande "Nachprüfung der Getreidebestände durch militärische Kommandos". Im Mai 1918 konstatierte die Landesbehörde für Volksernährung in ihrem Monatsbericht an das Ministerium des Innern, daß diese Vorgehensweise zu Beschwerden der Landbevölkerung geführt habe, da "infolge des vielfach rücksichtslosen Vorgehens die Bevölkerung stark erregt" sei.
In einem Fall wurden bei drei Ackerbürgern fast zehn Zentner Hafer und acht Zenter Roggen konfisziert. Man erwartete aber von Amtsseite von solchen Konfiskationen langfristig mehr Nachteile als Vorteile infolge der großen Unzufriedenheit bei der Landbevölkerung. - - - Meine Oma berichtet weiter:
Dann waren die Streiks, Generalstreik. "Was ...," sagte mein Vater nur, er spannte ein, die Hilfskräfte konnten sich die Bauern doch gar nicht leisten. "Mach das Tor auf," sagte er nur zu Mutter. Als zwei Burschen, die man als Streikposten aufgestellt hatte - natürlich waren es Städter -, Vater hindern wollten, auf den Acker zu fahren, lachte Vater sie freundlich an. "Warum streikt ihr denn?" - "In den Städten hungern wir." - "Ja," sagte Vater, "mit Streiken allein wachsen auch bei uns Bauern weder Kartoffeln noch Korn. Also müssen wir wohl statt zu streiken die Kartoffeln in die Erde bringen, damit ihr wenigstens im Herbst zu essen habt. Hü," sagte Vater und mit roten Köpfen sprangen die beiden zur Seite.
Auch daß auf dem Land bei den Bauern gestreikt wurde, höre ich hier zum ersten mal. So richtig glauben kann ich es zunächst nicht. Ich glaube, ich habe früher meiner Oma zu wenig zugehört, wenn sie erzählt hat oder zu wenig gefragt.

Die Inflation und der Wandervogel (1920er Jahre)


Weiter berichtet sie:
Und dann bekamen wir auch noch die Inflation. Ich erinnere mich noch. Vormittags verkaufte Vater einen Wagen Korn und Mutter sauste auf einem alten Fahrrad nachmittags nach Rathenow. Zurück kam sie tatsächlich abends mit zwei schrecklichen, großkarierten Kleidern, meine Schwester hat noch ein Bild, wo wir diese scheußlichen Kleider tragen. Und ausgerechnet in diesen Tagen war Großmutter so krank geworden, daß Mutter beschloß, wir nehmen sie zu uns.
Es handelte sich um jene Eggert-Großmutter aus Bützer, die dauernd Kopfschmerzen hatte, weil sie einmal vom Heuwagen herunter gefallen war. Sie war ursprünglich eine Müllerstochter aus Kirchmöser gewesen (geborene Parey) (siehe unten). Oma berichtet weiter:
Also wurde das Grundstück, das direkt neben unserem Garten lag, verkauft. Und als der Käufer kam, um es zu bezahlen, hatte der geforderte Betrag fast seinen Wert verloren. Aber da hat sie die Fassung gründlich verloren. Noch nach Jahren grüßte sie diese Familie nicht. Und alle Menschen wußten, so geht es nicht weiter.
Aber zuerst - ich war wohl gerade 13 Jahre - bekamen wir einen neuen Lehrer. Er und seine Frau gehörten dem Wandervogel an. Welch eine schöne Zeit für uns. Wir lernten mit vollem Eifer und halfen zu Hause so viel wir konnten. Natürlich durchschauten uns die Eltern. Aber sie schmunzelten, wenn wir vorsichtig davon anfingen, daß der Lehrer übers Wochenende wandern wollte. Es gab ja schon Jugendherbergen und um ein gutes Beispiel zu nennen: Tangermünde. Dort kletterten wir die Stiegen in einem hohen Turm hoch und oben waren einfach Holzbänke und ein Tisch aufgestellt. Nebenan war der Schlafraum. Stroh aufgeschüttet und wir schliefen wie die Murmeltiere.
Vielleicht ist es auch diesem Geist des Wandervogels geschuldet, daß es von meiner Oma aus ihrer Jugendzeit eine Fotografie in Turnerkluft gibt (Abb. 8). Eine solche Fotografie gibt es aber auch von meinem Opa. Das Turnen scheint damals auf dem Land eine sehr populäre Freizeitbeschäftigung gewesen zu sein. Bei dieser fertigte man gerne auch einmal Fotografien an.

Abb. 8: Meine Oma links als junges Mädchen (etwa 1926)

Wilhelm Bleis, der Vater meiner Oma, war also Kossathe in Zollchow und besaß als solcher etwa 15 Hektar Land. Er wurde in Zollchow geboren und starb dort auch 1947. Über seine Vorfahren wurde schon - anhand des Briefes von Tante Friedel - berichtet.

Die Vorfahren meiner Uroma Frieda Eggert aus Bützer


Nun soll noch etwas über die Vorfahren der Mutter meiner Oma gesagt werden, also von Frieda Bleis, geborene Eggert (1888-1970), Schifferstochter aus Bützer. Von ihr sind mehrere Fotografien erhalten geblieben (Abb. 4-6, 10). Ihre Mutter - die mit den Kopfschmerzen - Marie Luise, geborene Parey (1856-1936) stammte aus der Müllerfamilie Parey in Kirchmöser. Deren Vorfahren waren über mehrere Generationen hinweg wieder alle Vollbauern (in den Kirchenbüchern als "Ackermann" verzeichnet) (3). Sie wurde - wie gerade von meiner Oma berichtet - während der Inflation krank. 13 Jahre später starb sie 1936 in Zollchow im 79. Lebensjahr.

Sie hatte den Schiffer Ferdinand (Karl Adolf) Eggert (1851-19..) aus Bützer geheiratet. Dessen Vater Ferdinand Eggert (1826-1905) war wiederum ein Büdner und Schiffer in Bützer, der ursprünglich aus Schmetzdorf stammte, einem Dorf vier Kilometer nördlich von Zollchow (3). Und dieser war wiederum mit einer Vollbauerntochter (Familienname Blücher) aus Klein-Mangelsdorf verheiratet, zwölf Kilometer westlich von Zollchow. Ihr Vater und Großvater waren Ackermänner in Klein-Mangelsdorf (3). Der Großvater des Großvaters Eggert meiner Oma war der Kossate Johann Martin Eggert (1868-1858), der 1858 "als Ortsamer" in Schmetzdorf starb, wo er auch geboren worden war. Sein Sohn war zu diesem Zeitpunkt 32 Jahre alt und war offenbar nicht in der Lage oder willens, sich um seinen Vater zu kümmern. Der Ferdinand Eggert (1826-1905) und seine Frau stammten beide nicht von Vollbauern ab, sondern wiederum von einem Kossathen (Eggert in Schmetzdorf), bzw. einem "Musquetier" (Güldenpfennig in Premnitz), sowie in der Großeltern-Generation von einem Tagelöhner (Eggert aus Groß Wudicke, gestorben 1742) und einem Schneidermeister (Güldenpfennig in Premnitz, gestorben vor 1788).

Abb. 9: Meine Oma als Haushaltsgehilfin eines Landwirtschafts-Rats in Rathenow - Ostsee um 1929

Sowohl auf Seiten der Mutter wie des Vaters meiner Oma gab es also einerseits in langer Generationenreihe Vollbauern (Familiennamen u.a. Bleis, Blücher, Parey) als auch in langer Generationreihe Angehörige anderer ländlicher Berufe (Familiennamen u.a. Wollbrügge, Rahne, Eggert). Die Vorfahren ihres Vaters waren zu drei Vierteln keine Vollbauern, die ihrer Mutter zu einem Viertel. Meine Oma war also etwa zur Hälfte Nachfahrin von Vollbauern, zur anderen Hälfte Nachfahrin anderer Berufsgruppen. Dem Verständnis nach fühlten sich meine Oma und ihre Eltern - soweit ich das übersehen kann - immer einfach nur als Bauern.

Nach ihrem Schulbesuch machte meine Oma eine Ausbildung als Hauswirtschaftlerin. Es gibt noch eine Fotografie, auf der sie gemeinsam mit der Familie eines Landwirtschaftsrats aus Rathenow um 1929 herum Urlaub - vermutlich - an der Ostsee macht (Abb. 9).


Abb. 10: Frieda Bleis und die Kinder Ernst, Frieda und Johanna (meine Oma), etwa 1914

Heirat nach Bahnitz (1932)


1932 heiratete meine Oma nach Bahnitz an der Havel auf den Hof Nummer 5 (1). Während ihr elterlicher Hof 15 Hektar Land hatte, hatte der Hof ihres Ehemannes 44 Hektar. Aber die bäuerliche Tätigkeit an sich war auf beiden Höfen im Grunde dieselbe. In Bahnitz hatte meine Oma zudem aber mit einer resoluten Schwiegermutter auf dem Hof zu tun und mit Knechten und Mägden, denen gegenüber sie sich Autorität verschaffen mußte. Über das Leben meiner Oma erfuhr man schon viel nebenher in den Beiträgen über meinen Opa (1, 2). Meine Oma hat das Leben meines Opas voll geteilt. Als er 1935 den damals sicherlich noch sehr ungewöhnlichen Schritt vollzog und aus der Kirche austrat, als er Ludendorff-Anhänger wurde, tat sie das auch. Die Initiative dazu ging aber sicher von meinem Opa aus (1).

Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg als die Familie nichts über das Schicksal meines Opas wußte, der sich aber in französischer Kriegsgefangenschaft befand, schickte meine Oma ihren ältesten Sohn noch in den Konfirmandenunterricht und ließ ihn konfirmieren. Dort mußte er sich vom Pfarrer sagen lassen, daß solche Leute wie sein Vater schuld daran wären, daß Deutschland den Krieg verloren habe. Meine Oma verlangte von ihren Kindern auch, daß sie zu Hause nur Hochdeutsch und nicht Platt sprachen. Sie legte viel Wert auf Korrektheit. Sie war die Genaue, während mein Opa der Großzügige war, der gerne auch einmal fünfe grade sein lassen konnten. Im Grunde waren sie vom Menschentyp her sehr unterschiedlich.

Abb. 11: Meine Oma Johanna Bading, Bäurin in Bahnitz - im Hintergrund der neu angelegte Obstgarten mit Hausgänsen, 1930er Jahre

Kennzeichnend finde ich, daß mein Opa ihr schon gleich nach dem Krieg aus der Kriegsgefangenschaft im Elsaß schrieb, sie möchte doch mit der Familie zu ihm ins Elsaß kommen, sie könnten sich dort eine neue Existenz aufbauen. Mein Opa sah sehr früh, daß es ein dauerhaftes Bleiben unter der Herrschaft des Kommunismus für ihn nicht geben könne und würde. Meine Oma war viel konservativer, hing viel zäher an ihrer Heimat, für sie war das zu diesem Zeitpunkt noch sehr wenig vorstellbar.

Abb. 12: Johanna Bading mit ihren vier Kindern in Bahnitz, 1944


Altersjahre in Westdeutschland (1953 bis 1985)


Oma und Opa verbrachten ihre Altersjahre im alten Pfarrhaus in Wernswig bei Homberg/Efze, wo sie im Erdgeschoß eine schöne geräumige Wohnung hatten. Im ersten Stock wuchs ich selbst in der Familie auf, darüber lebte die Großmutter, die Mutter meiner Mutter. Oma konnte von ihrer Küche aus auf die Gartenterrasse blicken, dahinter lag ein Fischteich umstanden mit alten Bäumen. Sie liebte es, die Vögel zu beobachten.

Abb. 13: Meine Oma Anfang der 1970er Jahre in Südafrika bei ihrem Neffen Willy Bleis

Ansonsten hatte sie immer viel Kindergeschrei und Familienleben um sich. In der Scheune hielt sie Hühner, im großen Garten baute sie Kartoffeln an. Alle paar Jahre kam ihre Tochter aus Amerika mit ihren Kindern zu Besuch.

Mit meiner Oma sah ich nach Opas Tod (1979) zusammen manchen wertvolleren Film im Fernsehen. Ich erinnere mich an die Verfilmung des Fontane-Romans "Vor der Sturm", den wir gemeinsam sahen. Meine Oma las gerne Fontanes "Wanderungen in der Mark Brandenburg", natürlich insbesondere Kapitel über Gegenden, die sie selbst kannte. Sie las "Kartoffeln mit Stippe" von Ilse von Bredow und "Sprechen wir über Preußen - Die Geschichte der armen Leute" von Joachim Fernau. Sie schenkte mir einmal das Buch "Meines Vaters Pferde" von Clemens Laars. Das war so die gedankliche Welt, in der sich meine Oma gerne bewegte. Auch in ihren Altersjahren fühlte sie sich ihrer Heimat und der Welt, in der man "Kartoffeln mit Stippe" aß, sehr verbunden. Nachdem mein Opa gestorben war, wurde sie sogar ein wenig geistig selbständiger und unabhängiger in ihrem Denken und Handeln und begann in diesem Sinne auch mehrere schöne Gedichte zu schreiben.

Mit ihr zusammen sah ich mir auch einmal eine Fernsehaufzeichnung an der Wagner-Oper "Der Ring des Nibelungen" in Bayreuth. Dabei las ich den Text mit.


Abb. 14: An der Atlantikküste, USA, 1978

Eine meiner frühesten Kindheitserinnerungen ist, wie ich bei Oma und Opa in Espelkamp wohl zum ersten mal allein zu Besuch bin und wie morgens zum Aufwachen die Kirchenglocken läuteten. In ihrer Wohnung fühlte man sich so wohl. Es war so still, die Uhr tickte ... Ein solches Wohlfühl-Wohnen, das zugleich von einer gewissen Herzenswärme getragen ist, kennt man heute wohl gar nicht mehr. Wohnungseinrichtung und die Gemütsstimmung der Menschen gehörten zueinander. Meine Oma hatte einen stoffbezogenen Lehnstuhl, den sie nach hinten kippen konnte. Sie legte sich eine Decke über die Beine und machte so Mittagsschlaf. Oma und Opa stammten aus einer Gesellschaft, in der viel geplaudert und gelacht wurde in Wohnungen, in der man bei Mittagessen, Kaffee und Kuchen Familien- und Nachbarschaftsgespräche führte, in der Gäste gerne willkommen geheißen wurden.

Abb. 15: Auf dem Muttertag in den USA bei ihrer Tochter Hildegard

Zwei ihrer Töchter waren früh und nach Washington D.C. ausgewandert und hatten dort Familien gegründet. Oma flog mehrmals hinüber und es haben sich schöne Fotografien von diesen Besuchen erhalten. Sie wurde dort von ihren Töchtern und Enkelkindern sehr herzlich und überschwenglich begrüßt.

Abb. 16. Auf Muttertag in den USA bei ihren Töchtern

Auf den Fotos sieht man richtig wie sie dort aufblühte, wie sie stolz war auf ihre Töchter und Enkelkinder. Für den 2. April 1985 hatte Oma noch Anfang Dezember einen Flug von Frankfurt am Main nach Baltimore gebucht, ein naheliegender Flughaften zu Washinton D.C., wo ihre Töchter lebten. Der Flug mußte storniert werden, nachdem sie Anfang Februar 1985 sehr überraschend wegen Nierenbeschwerden (?) ins Krankenhaus mußte. Dort ging es ihr bald schlechter aufgrund des Versagens mehrere Organe. Sie verstarb am 6. Februar 1985.

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*) Es muß übrigens nicht sein, daß der Pfarrer 1892 bei seiner Aufstellung (5) einzelne Personen der Familie Bleis, die er in den Kirchenbüchern vorfand, immer dem jeweils richtigen der beiden Höfe den richtigen Personennamen zugeordnet hat.
**) Er starb aber schon mit 51 Jahren. Bei dem genannten Regiment handelt es sich sicherlich um das "Altpreußische Infanterieregiment No. 5 (1806)" (Wiki), dessen Garnison im 18. Jahrhundert in Magdeburg lag. Als der Siebenjährige Krieg (1756-1763) 1756 ausbrach, war Valentin Mewes 22 Jahre alt. In der Zeit des Siebenjährigen Krieges stand das genannte Regiment unter dem Befehl von Ferdinand von Braunschweig-Wolfenbüttel (1721-1792) (Wiki). Dieser machte sich im Krieg sehr verdient. (Außerdem war dieser auch ein bekannter Freimaurer.) Erst nach dem Siebenjährigen Krieg stand das Regiment unter dem Befehl der beiden anderen genanntenRegimentskommandeure. Aber es sollte doch eigentlich unwahrscheinlich sein, daß der Nitzahner Valentin Mewes erst mit 29 Jahren Grenadier geworden ist? Das Regiment stand von 1766 bis 1785 unter Befehl von Friedrich Christoph von Saldern (1719-1785) (Wiki), ebenso ein im Krieg sehr verdienter General Friedrichs des Großen. 1785 bis 1789 stand es unter Befehl von Christian August von Lengefeld (1728-1789) (Wiki), ebenfalls von Friedrich dem Großen sehr geschätzt. Wenn Lengefeld genannt wird, macht es den Anschein, als ob Valentin Mewes bis an sein Lebensende mit 51 Jahren Grenadier war. - - - Die Eltern und Großeltern von Valtentin Mewes waren übrigens alle Vollbauern aus Nitzahn. Die Eltern waren Ackermann Joachim Mewes und Sophia Zander, seine Großeltern waren der Ackermann Hans Mewes und dessen Frau Anna Jerichow, sowie der Ackermann Johann Zander und dessen Ehefrau Maria Mewes. Das erstere Großelternpaar heiratete 1696 und hatte sieben Kinder, das zweite Großelternpaar heiratete 1679 und hatte 14 Kinder.
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  1. Bading, Ingo: Mein Opa - ein gewöhnlicher Ludendorff-Anhänger als Beispiel - Wie mein Opa Ludendorff-Anhänger wurde  - Oder: Beim Blättern in alten Familienalben. Studiengruppe Naturalismus, 1. September 2012, http://studiengruppe.blogspot.de/2012/09/mein-opa-ein-gewohnlicher-ludendorff.html
  2. Bading, Ingo: Mein Opa - ein gewöhnlicher Ludendorff-Anhänger als Beispiel (Teil 2) Das Deutschland der 1950er Jahre aus der Sicht eines westfälischen Ziegeleiarbeiters und Nachtwächters (1958 bis 1961). Studiengruppe Naturalismus, 8. August 2015, http://studiengruppe.blogspot.de/2015/08/mein-opa-ein-gewohnlicher-ludendorff.html 
  3. Vorfahren der Familien Bading und Bleis im Havelland und Elb-Havelwinkel. Als Manuskript, Bahnitz 2003 (nach Familienforscher Bernhard Bleis [gebürtig aus Schönhausen an der Elbe], 21682 Stade, Niederelbe, Triftgang 24, (04141) 85377)
  4. zu Bernhard Bleis siehe auch: Schleusner-Reinfeld, Anke:  Opfer des Zweiten Weltkrieges - Gedenkbücher enthalten Erinnerungen an Schönhausener. In: Volksstimme (Magdeburg), 20.11.2012, https://www.volksstimme.de/nachrichten/lokal/havelberg/969288_Gedenkbuecher-enthalten-Erinnerungen-an-Schoenhauser-die-ihr-Leben-verloren.html 
  5. Nachtigall, Pfarrer: Die Bewohner von Zollchow (1892). Anhang zu: ders.: Pfarrbuch der Parochie Sydow. Zollchow 1890
  6. Bading, Ingo: Der 4. Mai 1945: Das Kriegsende in den Dörfern des Havelbogens Möthlitz, Kützkow und Bahnitz - Eine regionale Studie zu den letzten Kämpfen des Zweiten Weltkrieges. Studium generale, 7. August 2011, http://studgendeutsch.blogspot.de/2011/08/der-4-mai-1945-das-kriegsende-in-den.html
  7. Asmuss, Burkhard: Die Lebensmittelversorgung im Ersten Weltkrieg. Deutsches Historisches Museum, 8.6.2011, https://www.dhm.de/lemo/kapitel/erster-weltkrieg/alltagsleben/lebensmittelversorgung.html
  8. Strahl, Antje: Das Großherzogtum Mecklenburg-Schwerin im Ersten Weltkrieg. Von der Friedens- zur Kriegswirtschaft. Böhlau Verlag, Köln, Weimar, Wien 2015 (GB)  

Mittwoch, 3. Mai 2017

"Auf Poesie ist die Sicherheit der Throne gegründet"

Das wussten die preußischen Reformer vor 200 Jahren

1837 vertonte der Lieder-Komponist Carl Loewe das Lied "Fridericus Rex, unser König und Herr", hier 1998 sang es in dem beistehenden Video Günter Wewel. "Auf Poesie ist die Sicherheit der Throne gegründet," hatte der preußische Militärreformer August Graf Neithardt von Gneisenau in einer Denkschrift aus dem Jahr 1811 an seinen König geschrieben, als der König auf eine vorhergehende Denkschrift, die durchgreifende Reformen vorgeschlagen hatte (Aufstellung einer Miliz), die Randbemerkung gesetzt hatte: "Als Poesie gut." (Lexikus.de)




Fridericus Rex, unser König und Herr,
der rief seine Soldaten allesamt ins Gewehr,
zweihundert Bataillons und an die tausend Schwadronen,
und jeder Grenadier kriegt sechzig Patronen.

"Ihr verfluchten Kerls", sprach seine Majestät,
"dass jeder in der Bataille seinen Mann mir steht! 
Sie gönnen mir nicht Schlesien und die Grafschaft Glatz
und die hundert Millionen in Meinem Schatz."

"Die Kais'rin hat sich mit dem Franzosen allirt,
und das römische Reich gegen mich revoltiert,
die Russen seind gefallen in Preussen ein.
Auf, lasst uns sie zeigen, dass wir brave Landskinder sein."

"Meine Generale Schwerin und Feldmarschall von Keith,
und der Generalmajor von Zieten sind allemal bereit.
Potz, Mohren, Blitz und Kreuz-Element,
wer den Fritz und seine Soldaten noch nicht kennt."

Nun adjö, Luise, wisch ab das Gesicht, 
eine jede Kugel, die trifft ja nicht;
denn träfe jede Kugel apart ihren Mann,
wo kriegten die Könige ihre Soldaten dann!

Die Musketenkugel macht ein kleines Loch,
die Kanonenkugel ein weit grösseres noch; 
die Kugeln sind alle von Eisen und Blei,
und manche Kugel geht manchem vorbei.

Unsre Artillerie hat ein vortrefflich Kaliber, 
und von den Preussen geht keiner nicht zum Feinde hinüber;
die Schweden, die haben verflucht schlechtes Geld,
wer weiss, ob der Östreicher besseres hält.

Mit Pomade bezahlt den Franzosen sein König,
wir kriegen's alle Woche bei Heller und Pfenning.
Potz, Mohren, Blitz und Kreuz-Sapperment,
wer kriegt so prompt wie der Preusse sein Traktament.

Fridericus mein König, den der Lorbeerkranz ziert,
ach hätt'st du nur öfters zu plündern permittiert,
Fridericus Rex, mein König und Held,
wir schlügen den Teufel für dich aus der Welt!
Fridericus Rex, mein König und Held,
wir schlügen den Teufel für dich aus der Welt!



Gneisenau antwortete 1811 auf die Randbemerkung des Königs (Lexikus.de):
Es sind nicht immer die stehenden Heere gewesen, die Throne und Staaten gerettet haben, häufig war es die Liebe eines für seinen Herrscher begeisterten Volkes. König Alfred von England hatte nichts mehr übrig als ein Bauerngewand, und dennoch rettete er Thron und Volk aus der Gewalt der damals allfurchtbaren Dänen. Ew. Majestät werden mir, indem ich dieses sage, abermals Poesie Schuld geben, und ich will mich gern hiezu bekennen. Religion, Gebet, Liebe zum Regenten, zum Vaterland sind nichts anderes als Poesie, keine Herzenserhebung ohne poetischen Schwung. Wer nur nach kalter Berechnung handelt, wird ein starrer Egoist. Auf Poesie ist die Sicherheit der Throne gegründet. Wie so mancher von uns, die wir mit Bekümmernis auf den wankenden Thron blicken, würde eine ruhige, glückliche Lage in stiller Eingezogenheit finden können, wie mancher selbst eine glänzende erwarten dürfen, wenn er statt zu fühlen nur berechnen wollte. Jeder Herrscher ist ihm dann gleichgültig. Aber die Bande der Geburt, der Zuneigung, der Dankbarkeit, des Hasses gegen die Fremdlinge fesseln ihn an seinen alten Herrn, mit ihm will er leben und fallen, für ihn entsagt er den Familienfreuden, für ihn gibt er Leben und Gut ungewisser Zukunft preis. Dies ist Poesie, und zwar der edelsten Art. An ihr will ich mich aufrichten mein lebelang, und zur Ehre will ich mir es rechnen, der Schar jener Begeisterten anzugehören, die alles daran setzen, um Ew. Majestät alles zu retten, denn wahrlich, zu einem solchen Entschluss gehört Begeisterung, die jede selbstsüchtige Berechnung verschmäht. Viel sind der Männer, die so denken, und weit stehe ich ihnen an Adel der Gesinnungen nach, aber ich will mich bestreben, ihnen ähnlich zu werden.
Für heutige Zeiten müssen solche Gedanken natürlich ein wenig umformuliert werden. Zu Zeiten Friedrichs des Großen war sein Staat einer der fortschrittlichsten seiner Zeit, heute wäre er das natürlich keinesfalls. Und für heutige Zeiten ist zu formulieren: Auf Poesie ist die Sicherheit gerechter und ihrem Volk mit Wohlwollen gegenüber stehender Regierungen gegründet. Die Sicherheit von Regierungen, die ihrem eigenen Volk feindlich gegenüber stehen und ihm Verderben und Untergang bringen, ist auf reiner Unkultur gegründet.

Ein poetisch beflügeltes Volk im Bündnis mit anderen poetisch beflügelten Völkern würde den blitzartigen Abtritt solcher zutiefst abartiger Regierungen bedeuten.

Samstag, 29. April 2017

Eine Dorfkirche in Brandenburg - Ihr Architekt und ihre Geschichte (1788-1960)

Der Königliche Baumeister Johann Christian Friedrich Keferstein in Brandenburg/Havel und die von ihm erbaute Dorfkirche von Bahnitz

Die Geschichte des protestantischen Kirchenbaus, sowie des Baus von protestantischen Schulgebäuden hat in der Literatur seit über hundert Jahren manche Aufmerksamkeit gefunden (etwa Schmitz 1922). Anregungen für eine solche Bautätigkeit auf den Dörfern konnten ja durchaus auch von den Landesherren selbst ausgehen, etwa von König Friedrich II. von Preußen. 1775 wurde die Dorfkirche in Reesdorf bei Beelitz errichtet (Wiki):
Friedrich II. (1712–1786) soll bei einer Reise durch das Dorf auf diesen Bau aufmerksam geworden sein und einen prächtigeren Neubau angeregt haben.
Ein auf den Dörfern rund um die Städte Potsdam und Brandenburg tätiger Architekt war im letzten Lebensjahrzehnt des Königs Friedrich II. und in den beiden Jahrzehnten danach Johann Christian Friedrich Keferstein (1752-1805) (Wiki). Er wirkte in der Stadt Brandenburg an der Havel und in Potsdam. Wir begannen uns für ihn zu interessieren, weil er der Erbauer der Dorfkirche von Bahnitz ist (Bading 2017). Seine Biographie bietet nichts Spektakuläres oder Außergewöhnliches. Dennoch soll im folgenden Beitrag einmal zusammen getragen werden, was man über sein Leben in der Literatur finden kann (Google Bücher bietet da eine ganz gute Hilfe). Sie scheint nämlich noch wenig aufgearbeitet zu sein. Immerhin lässt eine ganz neue Veröffentlichung aus dem Jahr 2017 (Kitschke 2017) einige Umrisse zu seinem Leben deutlicher hervortreten. Ebenso zusätzliche freundliche Mitteilungen ihres Autors Andreas Kitschke, für die wir an dieser Stelle danken.

Abb. 1: Die Dorfkirche in Bahnitz (1780-1960) - in Farbe (von einem Dia) (ohne Aufnahmedatum)
Der Autor dieser Zeilen darf insofern ein persönliches Interesse an der Geschichte der Bahnitzer Dorfkirche geltend machen, als etwa fünfzig seiner leiblichen Vorfahren diesen Kirchturm 150 Jahre lang vor ihrer Nase stehen hatten. Ihre Glocke läutete in die Träume ihrer Kindheit und begleitete die Stationen ihres Erwachsenenlebens. In diese Kirche brachte sie ihre Kinder zur Taufe, in ihr drückten sie allsonntäglich - womöglich nicht immer mit der größten Freude - die Kirchenbänke, in ihr wurden sie konfirmiert, in ihr heirateten sie und um sie herum ruhen sie schließlich auch allesamt von ihres Lebens Mühsal aus. (Es sei zu ihrem Andenken am Ende dieses Beitrages noch das Gedicht "Weggefährten" gebracht.)

Nun also zu dem Architekten Keferstein. Er wurde am 4. März 1752 in Cröllwitz an der Saale, einem Dorf drei Kilometer nördlich der Altstadt von Halle geboren. Er war der erste Sohn unter 17 Kindern des Papiermüllers Georg Christoph Keferstein (1723-1802). Seine Mutter stammte aus Veckenstedt am Harz (Wiki), wo deren Vater Pastor war. Es muss also nicht ausgeschlossen sein, dass Keferstein auch architektonische Anregungen aus der Harzregion empfangen haben kann, wo er womöglich gelegentlich Verwandte besucht hat. Sonst aber empfing er natürlich seine Jugendeindrücke in Halle an der Saale.


Abb. 2: Die Dorfkirche von Bahnitz an der Havel - Erbaut 1780
Aufnahme um 1900
die Kirche wurde 1960 wegen Baufälligkeit bis auf Reste abgetragen

Bei der Familie Keferstein hat es sich um eine damals sehr tüchtige bürgerliche Familie gehandelt. Es gibt zahlreiche namhafte Verwandte und Nachkommen (Wiki). Ein jüngerer Bruder von Keferstein wurde Bürgermeister von Halle (Gabriel Wilhelm Keferstein [Wiki]), ein anderer jüngerer Bruder übernahm den väterlichen Betrieb (Adolph Keferstein [Wiki]). Ein Neffe von allen dreien war der Mineraloge Christian Keferstein (Wiki). Unser Keferstein selbst, der älteste Sohn, hat in Halle an der Saale Jura studiert. Zum Universitätsstudium konnte er ja auch kaum einen besseren Ort finden als seine Heimatstadt, hat doch daselbst zum Beispiel auch ein so bedeutender Berufskollege, der 20 Jahre ältere Schlesier Carl Gotthard Langhans (1732-1808), studiert, der nachmalige Erbauer des Brandenburger Tores. Von diesem heißt es auf Wikipedia:
Er studierte von 1753 bis 1757 Jura in Halle, daneben auch Mathematik und Sprachen, und beschäftigte sich autodidaktisch mit der Architektur.
Ähnlich womöglich Keferstein. Die 1694 gegründete Universität Halle (Wiki) galt als Zentrum von Pietismus und Aufklärung und als eine der bedeutendsten Universitäten in Deutschland. Die Angabe auf Wikipedia, Keferstein hätte mit seinem Studium 1776 begonnen, passt nicht so richtig zu den anderen Lebensdaten. Womöglich hat er es in diesem Jahr eher beendet, bzw. abgebrochen.

Abb. 3: Hochzeit in Bahnitz Anfang des 20. Jahrhunderts, im Hintergrund die Kirche

1773 - Die Dorfschule in Reckahn


Angesichts der großen Zahl seiner Geschwister wollte oder musste Keferstein womöglich sogar baldmöglichst auf eigenen Füßen stehen. Schon 1773 jedenfalls, als er 21 Jahre alt war, wurde nach seinen Plänen jene Dorfschule in Reckhahn, zehn Kilometer südlich von Brandenburg, erbaut, die heute Schulmuseum ist (Wiki) (Kinder/Porada, S. 329):
Sie stellte lange Zeit das bauliche Vorbild für viele Dorfschulen dar.
Natürlich wäre interessant zu erfahren, aufgrund welcher Umstände er diesen Auftrag erhielt. Keferstein war spätestens ab 1775 Mathematiklehrer am Ritterkollegium in Brandenburg. Und sein dortiger Vorgänger, der Direktor und Mathematiklehrer Joachim Christoph Heinsius (auch Heinß) (1697-1771) (Grab), hatte 1739 die Dorf- und Schlosskirche zu Reckahn gebaut (Wiki). Aus dem Jahr 1775 gibt es eine gründliche Beschreibung der Stadt Brandenburg an der Havel, in der es heißt (Büsching 1775, S. 251):
Die ganze Beschreibung wird durch den Grundriß erläutert, den der geschickte Mathematickus des Rittercollegii, Herr Keferstein verfertiget, und mir gütig mitgetheilet hat.
In dieser Reisebeschreibung heißt es weiterhin (Büschung 1775, S. 276):
Das Rittercollegium ist in dem alten Kloster der Prämonstratenser, welches an die Domkirche stößet, über dem Kreutzgange angelegt. Es ward 1704 von dem Domkapitel, insonderheit auf des Dechanten Friedrich von Görne Vorschlag, unter dem Namen einer Schule gestiftet, (...) und wurde 1705 eröffnet. 
Abb. 4: Dorfkirche Bahnitz, vielleicht 1930er Jahre
Als Lehrer werden der Direktor Breymann, der Domprediger und ein reformierter Prediger genannt und es wird dann fortgefahren (Büsching 1775, S. 278):
Die Herren Keferstein und Arnold, und ein Tanzmeister machen jetzt die übrigen Lehrer des Collegii aus. (...) Vom Herrn Keferstein, welcher Lehrer der Mathematik ist, habe ich mir seine Zeichnung von einem sehr vortheilhaft eingerichtetem steinernem Bauerhause ausgebeten, um sie meinen Lesern durch einen Kupferstich mittheilen zu können. Diese seine Erfindung hat des Domherrn von Rochow Beifall gefunden und wird ohne Zweifel vielen gefallen, welche ihm auch dieselbige verdanken werden. 
Der Domherr von Rochow hatte ja schon der durch Keferstein erbauten Dorfschule von Reckahn Beifall gespendet. Auch an der Regimentsschule von Brandenburg hat Keferstein Unterricht gegeben, wie es heißt (Büsching, 1775, S. 286):
Es würde mir sehr angenehm gewesen seyn, wenn ich Zeit und Gelegenheit gehabt hätte, in der Stadt Brandenburg auch die Schule für die Soldatenkinder des hiesigen Füsilierregiments zu sehen, für deren jetzige gute Einrichtung, der Herr Generalmajor von Kleist, oberster Befehlshaber des Regiments, rühmlich gesorget hat. (...) Das Regiment hat 567 Kinder von 1 bis 18 Jahren, von welchen jetzt 125 in die Schule gehen, die (...) in drei Klassen getheilet sind. (...) Und der oben gerühmte Lehrer der Mathematik bei dem Rittercollegio, Herr Keferstein, leitet wöchentlich ein paarmahl einige dazu fähige Knaben unentgeltlich zu militärischen Zeichnungen an.
Als "Lehrer der Mathematik in Brandenburg" veröffentlichte dieser rühmeswerte Keferstein ein Jahr später mit 24 Jahren ein Buch mit einem - damals üblichen - langen Titel (s. Abb.). Es war mit den "Anfangsgründen der bürgerlichen Baukunst" befasst und handelte sich um ein außerordentlich praxisorientiertes Buch. Dies geht sowohl aus dem Titel hervor und ist auch leicht aus dem im Internet durchblätterbaren Text zu erkennen.


Abb. 5: Titelsteite von J.C.F. Keferstein - Anfangsgründe der bürgerlichen Baukunst, 1776

In seinem Buch bringt er im Anhang auch eine Skizze "Grundris und Aufris einer Land-Kirche". Auch bringt er im Anhang einen Plan des Dorfes Schmerzke, fünf Kilometer südlich von Brandenburg, das gerade erst ein Jahr zuvor, im Juni 1775, abgebrannt war, um zu zeigen, dass man ein Dorf so nicht bauen dürfe wie es bis dahin gebaut worden war. In einer Rezension wird dazu geschrieben (Allg. dt. Bibl. 1777):
Mit wahrem Vergnügen kündigen wir unsern Lesern dis gute Buch an. (...) Es fehlte uns noch immer ein Buch, worinn alles, was zur Baukunst auf dem Lande gehöret, zusammengefasset (...) wurde. Der Grundriß des verunglückten Dorfes Schmerzke bey Brandenburg hat uns sehr wohl gefallen, ob wir gleich die mehr wie vorher zerstreuten Häuser bei einem Brande vor dem Flugfeuer der Strohdächer noch nicht völlig gesichert finden.



Abb. 6: "Aufris einer Land-Kirche"
aus: Keferstein, Anfangsgründe, 1776


1777 - Der Neubau der Dorfkirche in Bahnitz


Wieder ein Jahr später, 1777, heiratet Keferstein die Tochter eines Brandenburger Stadt- und Justizdirektors. Im selben Jahr sollte er Gelegenheit haben, Entwürfe zu einer Land-Kirche anzufertigen. Nördlich der Stadt Brandenburg, in dem Dorf Bahnitz an der Havel, sollte eine neue Dorfkirche erbaut werden. Nach den "Akten des Pfarramtes" wird in der Dorfchronik dieses Dorfes berichtet (Pape/Chronik 1941):
Von der alten Kirche wissen die Akten des Pfarramts nichts zu erzählen. Im Jahre 1777 wurden von dem Landbaumeister Keferstein - Brandenburg Zeichnungen und Anschläge für den Neubau der Kirche angefertigt. Veranschlagt wurde der Bau mit 3.600 Talern. In den Jahren 1778 - 1781 wurde der Bau ausgeführt und im Jahre 1782 abgenommen. Die Wetterfahne trägt die Jahreszahl 1780 und ein „v G“ (von Görne).
In Nitzahn war damals Pastor Schäfer, Kirchenvorsteher in Bahnitz der Kossat Andreas Rohrschneider (Hof 32), gestorben am 29. Januar 1786 im Alter von 93 J. 5 Monaten. Patron der Kirche war der Besitzer des Rittergutes Kützkow von Görne, dessen Wappen über der Kirchtür ist. Baumeister Keferstein erhielt für seine Bemühungen 136 Taler, nämlich:
1. drei Zeichnungen auf Befehl des Ministers von Görne und verschiedene Anschläge zum Kirchen- und Turmbau, der ausgeführte Anschlag 3.600 Taler, davon 1 Prozent = 36 Taler,
2. für sämtliche Reisen, Beaufsichtigung des Baues, Kontrakte mit den Handwerkern schließen, Rechnung führen, für diese 6 jährigen Besorgungen die mäßige Summe von 100 Talern, zusammen 136 Taler.
Handwerker, die am Bau mitgewirkt haben, waren: Maurermeister Meyer, Zimmermeister Gottfried Strohbach - Brandenburg, Tischler Ladeburg, Klempner Gottlieb Kühling, Schmied Benicke in Kützkow, Glas-Meister Christoph Weber. Für jährliche Reparierung der Kirchenuhr bekam der Uhrmacher Horch - Pritzerbe - 1 Taler. Als Lehrer wirkte zu der Zeit in Bahnitz der Schulmeister Johann Philipp Vogeler.
Der Kirchenpatron Friedrich Christoph von Goerne (1734-1817) (Dt. Dig. Bibl.) war im Jahr 1777 in Berlin ein mächtiger Minister unter Friedrich dem Großen. Just 1777 war dieser Minister von Goerne mit dem Umbau des 1775 von ihm erworbenen Palais Unter den Linden 36 befasst (Wiki(Hahn, 2006, S. 2-4). Hierbei lag die Gestaltung eines prächtigen Saales in den Händen von Carl Gotthard Langhans (1732-1808). Ob es zur persönlichen Begegnung Kefersteins mit von Goerne gekommen ist und wenn ja, ob es im Palais in Berlin geschehen ist, wissen wir nicht. Der Umbau des Palais in Berlin kostete von Goerne (wenn man es recht versteht) 12.179 Taler (Hahn, 2006, S. 4). Das war im Grunde "nur" das Dreifache der Baukosten der Bahnitzer Kirche.

In einem Prozeß eines seiner Nachfolger als Rittergutsbesitzer von Kützkow und Bahnitz, nämlich eines von Schnehen Mitte des 19. Jahrhunderts gegen den Rittergutsbesitzer von Möthlitz um anderweitige Baukosten wurde in einem Sitzungsbericht (Archiv für Rechtsfälle, 1865, S. 274-282 [GB]) ausgeführt, dass der Kirchenpatron nur die reinen Baumaterialien bei einem Kirchenbau zu zahlen hatte. Somit werden die angeführten Kosten für den Baumeister Keferstein und die genannten Handwerker von der Kirchengemeinde Bahnitz bezahlt worden sein.


Abb. 7: Die Dorfkirche von Bahnitz - Erbaut 1780
Aufnahme 1938

Der Architekturhistoriker hält über die Dorfkirche Bahnitz 2011 fest (Kitschke 2011, S. 21):
Der stattliche, spätbarocke Kirchenbau wurde 1782 eingeweiht. Sein im Erdgeschoss mit paarigen Lisenen und darüber mit gekuppelten Pilastern geschmückter Westturm trug eine konkav geschwungene Haube mit dekorativen Uhrgaupen an allen vier Seiten und auf der überkuppelten Laterne eine Wetterfahne mit der Jahreszahl 1780.

Abb. 8: Grundriss der Bahnitzer Dorfkirche
mit rückseitiger Erläuterung
angefertigt durch den Bahnitzer
Lehrersohn Reinhard Vogeler 1857

Aus einem Grundriss dieser Kirche, den der Bahnitzer Lehrersohn  Reinhard Vogeler 1857 anfertigte und rückseitig beschriftete, geht unter anderem die damalige Sitzordnung hervor. Offenbar war die Schullehrer-Familie die einzige, die einen besonderen Platz in der Kirche hatte, auf dem Grundriss mit e.1 und e.2 markiert: "Der Stuhl für den Schullehrer" und auf der gegenüberliegenden Seite: "Stuhl für das weibliche Personal des Schullehrers". (Wahrscheinlich war zu jenem Zeitpunkt noch der Schwager von Reinhard Vogeler Lehrer in Bahnitz und womöglich war die mit ihm verheiratete Schwester von Reinhard Vogeler schon verstorben, weshalb nur von dem Personal die Rede ist.) Neben dem Stuhl für den Lehrer war mit f markiert
Die Stelle, wo das Denkmal für den Schullehrer Joh. Ph. Vogeler angebracht werden soll. 
Das war der Vater von Reinhard Vogeler, der während der Bauzeit der Kirche Lehrer in Bahnitz war. Der Sohn wollte hier offenbar eine Gedenktafel anbringen lassen. Da diese Tafel später nirgendwo mehr erwähnt wird, ist es fraglich, ob es zu der Anbringung derselben noch gekommen ist. Weiterhin ist der Skizze zu entnehmen, dass die Kirche damals von Maulbeerbäumen umgeben war. Diese wurden für die Zucht von Seidenraupen allerorts in den Dörfern angepflanzt. Außerdem scheint sie eingezäunt gewesen zu sein. In der Dorfmitte stand eine Linde. Zugänge zum Kirchhof gab es durch einen Eingang neben der Linde und einen Eingang neben dem Lehrerhaus. Für die Kirche gab es zwei Eingänge, einmal von Westen durch den Turm (wohl der Haupteingang), zum anderen von Osten (wohl für den Nitzahner Pfarrer und den Organisten). Wie wir weiter unten noch hören werden, sollte Keferstein 1802, 25 Jahre später, einen ähnlichen Kirchenbau wie er ihn in Bahnitz errichtet hatte, auch für das Dorf Bornstedt bei Potsdam vorschlagen. Hierüber schreibt uns Andreas Kitschke, dem wir zuvor die Hypothese unterbreitet hatten, dass doch auch Langhans als Berater von Goernes in Berlin Einfluss genommen haben könnte auf die Gestaltung der Bahnitzer Dorfkirche:
Es gibt für mich keinen Zweifel daran, dass Keferstein der entwerfende Architekt der Bahnitzer Kirche war. Die Form der Turmhaube auf der Turmlaterne ist m. E. identisch mit jener, die sich auf der Entwurfszeichnung Kefersteins auf S. 134 (Bildmitte, über dem Kirchendach) meines Potsdamer-Kirchen-Buches findet. (...) Zur Grundriss-Skizze (Abb. 5 in Ihrem Aufsatz) fällt mir auf, dass es auch hier Ähnlichkeiten zu dem nicht verwirklichten Bornstedter Entwurf gibt, nämlich die Anordnung einer vor der Ostwand offenbar mit einer Bretterwand abgeschlagenen Sakristei. Der Ostzugang war also in der Tat für den Pfarrer und (falls sich über dem Altar die Orgel befinden sollte) den Organisten bestimmt.
Auf der Skizze ist übrigens außerdem mit k markiert links oben "Der Schuppen für Feuer-Lösch-Gerätschaften". Vielleicht ist auch dieser von Keferstein in Anregung gebracht worden, der ja viel mit der Problematik von Blitzeinschlägen und Dorfbränden befasst gewesen ist.

1780 erhält die Kirche in Bahnitz ihre Wetterfahne, 1781 ist sie fertig gestellt, 1782 wird sie abgenommen und eingeweiht. Im Frühjahr 1782 hatte das Schicksal des Kirchenpatrons von Bahnitz, des Ministers von Goerne, eine dramatische Wendung genommen (Straubel 2014). Er wurde zunächst unter Arrest gestellt und noch im Frühjahr auf die Festung Spandau in Haft verbracht, zu der er dann lebenslänglich verurteilt worden ist. Durch eine Heirat war der zuvor verschuldete Brandenburger Gutsbesitzerssohn in Breslau zu einem reichen Mann geworden, hatte dann als Außenwirtschaftsminister den Handel mit Polen auf der Weichsel unter sich und - unter Einfluss der damaligen polnischen Magnaten, die ihm offenbar Hoffnungen auf die polnische Königskrone gemacht hatten - über seine Verhältnisse gelebt. Er hatte sich der Veruntreuung von Staatsgeldern schuldig gemacht und seinen alternden König Monate, wenn nicht Jahre lang hinters Licht geführt (Straubel 2014). Es ist kennzeichnend für die persönliche Regierungsweise Friedrichs II., dass er den Betrügereien seines Ministers schließlich doch noch durch sehr kritische eigene Prüfung der von ihm vorgelegten Rechnungen auf die Schliche gekommen ist.

Aber diese Wellen der großen Politik werden so ungestüm nicht nach der Stadt Brandenburg und auf die umliegenden Dörfer geschwappt sein, wo das Leben seinen gemächlicheren Gang weiter ging. Man hatte Vertrauen zu seinem König. Und durfte es haben. Am 13. Dezember 1778 war Keferstein in Brandenburg an der Havel die erste Tochter geboren worden. Sie hatte die Namen Caroline Friederike Henriette erhalten. In der Folge sollte in der Familie Keferstein etwa alle zwei Jahre ein Kind geboren werden, die ersten beiden waren Töchter, dann folgten vier Söhne, dann wieder eine Tochter und ein Sohn (dazu mehr unten).


1787- Der Neubau der Dorfkirche Rietz



1779 nannte sich Keferstein "Königlicher Landbaumeister und Mathematiklehrer an der Ritterakademie in Brandenburg".  Offenbar war er schon ab diesem Zeitpunkt Bauinspekteur des Amtes Bornstedt bei Potsdam, eine Stellung, die er, wie wir noch sehen werden, viele Jahre ausgeübt hat. Über Keferstein wurde vor einigen Jahren festgehalten (Büsching/Zuchold 2006, S. 671):
Er hat wohl nur wenige Bauten hinterlassen, ist aber bekannt geworden durch das Werk "Anfangsgründe der bürgerlichen Baukunst".
Dies Aussage geschah in Unkenntnis der Tatsache, dass er immerhin die Bahnitzer Dorfkirche hinterlassen hat, die in der architekturgeschichtlichen Literatur bislang Keferstein offenbar noch nicht zugeordnet war. Auch scheint seine Mitwirkung an der Dorfkirche Rietz und an der Dorfschule Caputh noch nicht ihm zugeordnet gewesen sein, von denen gleich zu berichten ist. Und so mag es ja durchaus noch das eine oder andere weitere Gebäude geben, das von ihm stammte, ihm bislang aber noch nicht zugeordnet worden war.

Abb. 9: Dorfkirche Bahnitz, im Vordergrund Schulgebäude

1787 baute Keferstein den Saalbau der Dorfkirche Rietz, sieben Kilometer südlich von Brandenburg, dem Nachbardorf von Schmerzke (Dt. dig. Bibl., 2009):
Der im späten 18. Jh. errichtete Saalbau (...). Aus den Akten zum Neubau des Schiffs ergibt sich, dass der Vorgänger ein (...) mit Mauersteinen verblendeter Holzbau war. Bei dem zwei Geschosse hohen Turmoberteil handelte es sich um eine 1782 einsturzgefährdete Fachwerkkonstruktion mit Ziegelausfachungen und abschließender "Kuppel". Über den komplizierten Entstehungsprozess des Kirchenneubaues geben die Schriftquellen detailliert Auskunft. 1780 wird die Initiative des für Rietz zuständigen Predigers Michael Lenz für einen dringend benötigten Kirchenneubau aktenkundig. Daraufhin untersuchte Bauinspektor Wittke die alte Kirche, die er in einem Bericht 1782 als baufällig und zu klein bezeichnete. Zugleich legte er den Entwurf für einen Neubau vor. Die massive Bauweise, je drei Fenster auf den Längsseiten, die Einbeziehung des alten Turmunterbaues und der mit Dachsteinen belegte Rücksprung an dessen Oberkante sowie der Turmabschluss mit Zeltdach finden sich beim ausgeführten Bau wieder; abweichend sind hingegen der gerade Ostschluss, der Haupteingang in der Mitte der Südseite, die flachbogigen Schiffsfenster und die Gestaltung der neuen Turmobergeschosse. (...) Auf Antrag der Kurmärkischen Kriegs- und Domänenkammer fertigte Landbaumeister Keferstein 1787 einen neuen Entwurf, da der von Wittke als zu aufwendig empfunden worden war. 1788-90 erfolgte die Bauausführung durch Maurermeister Martin Vogt (nach dessen Tod weitergeführt durch Maurermeister Friedrich Bernhard) sowie Zimmermeister Daniel Becker, alle aus Spandau.
Wenn man diesen Text recht versteht, hat sich Keferstein bei dem verwirklichten Entwurf sehr deutlich an dem von Wittke orientiert. Für den Turm wurden die bisherigen Grundmauern weiter verwendet. Er erhielt im übrigen eine ganz schlichte Form.

1788 - Der Neubau der Kirche in Saarmund


1786 starb König Friedrich II.. Sein Nachfolger wird König Friedrich Wilhelm II. (1744-97). Als Bauinspekteur des Amtes Bornstedt war Keferstein mit den Kirchen und Schulgebäuden in unmittelbarer Umgebung von Potsdam befasst. So 1788 mit dem Neubau der Kirche in Saarmund, zehn Kilometer südlich von Potsdam (Denkmalpflege 1996, S. 144):
Schließlich wurde der Brandenburger Baumeister Johann Chr. Friedrich Keferstein aufgefordert, einen Entwurf zu fertigen. Er lieferte am 20. März 1788 einen "Anschlag zur Erbauung einer neuen hölzernen Kirche und Glockenthurms, in der Stadt Saarmund (...) nach beigefügter Zeichnung an die Stelle der alten ganz desolaten schon seit 7 Jahren unbrauchbaren Kirche" vor.
Und weiter ist zu erfahren (Kitschke 2017, S. 53):
1788 liefert Friedrich Keferstein mehrere Entwürfe zu einer neuen Fachwerkkirche. Sein Entwurf einer geräumigen massiven Kirche mit Turm vom 4. April 1789 wird ausgeführt.
Ob er aufgrund seiner Tätigkeit in Potsdam auch seinen Wohnsitz nach dort verlegt hat, muss einstweilen offen bleiben. Da er aber 1803 Ratsherr in Brandenburg wird, wird er seinen Lebensmittelpunkt in Brandenburg behalten haben. Jedenfalls war er dann über die Jahre hinweg vor allem auch immer wieder mit der Reparatur von Dorfkirchen befasst. So erfahren wir über die Dorfkirche von Bornim, fünf Kilometer nördlich von Schloß Sanssouci (Kitschke/2017, S. 99):
Eine Reparatur der schindelgedeckten welschen Turmhaube veranlasste Bauinspektor Keferstein 1790.
(Zum Begriff "welsche Haube" übrigens: Wiki.)

Abb. 10: Kirche in Bahnitz (1780-1960)

1788 - Die Dorfschule in Caputh


Die Dorfschule in Caputh, ein Dorf zehn Kilometer südwestlich von Potsdam, war baufällig geworden (Hohlfeld 2000, S. 22):
Am 20. September 1788 überreichte der damalige Landesbaumeister Keferstein aus Brandenburg der Churmärkischen Kriegs- und Domänenkammer einen Kostenvoranschlag "zur Erbauung eines neuen Schulhauses für das Colonisten Dorf Caput, dessen Einwohner meistens so arm sind, dass sie nicht das mindeste außer denen Handdiensten zu diesem Bau beytragen können. (...) Da der Schulmeister den Seidenbau versteht und in diesem neuen Gebäude dazu Platz findet, so könnte es zugleich doppelten Nutzen haben." Keferstein hatte ein Fachwerkhaus mit im Wesentlichen zwei Räumen vorgesehen. Dafür waren 372 Reichstaler veranschlagt. 
Auf dem Dorf lebten, so erfährt man weiter, keine Bauern, nur 70 Büdner. Der Bau wurde zunächst als zu teuer beurteilt, worauf hin Keferstein die - schon angedeutete - Beteiligung des Seidenbau-Departements vorschlug. Die Verhandlungen gingen hin und her. Das letztere übernahm einen Anteil an den Baukosten. Schließlich standen
534 Taler zur Verfügung. Das war ja mehr, als Keferstein zuletzt hatte hoffen und errechnen dürfen! 
1791 war das Schulhaus fertiggestellt, zu dem auch die Bauskizzen vorliegen (Hohlfeld 2000).

1791 brachte er auch sein Buch in erweiterter Form erneut heraus (mit etwas verändertem Titel "Anleitung zur Landbaukunst et."). Auf der Titelseite bezeichnet er sich weiterhin als "Königlicher Landbaumeister in Brandenburg".

1793, 1796 - Reparaturen in Grube und Babelsberg


1793 nahm er die Reparatur der Dorfkirche Grubow ab (Kitschke 2017, S. 97):
Baurat Keferstein bestätigt, dass "solche Reparaturen tüchtig und anschlagsmäßig befunden worden"
Das Dorf Grubow heißt heute Grube und liegt sieben Kilometer nordwestlich des Schlosses Sanssouci in Potsdam. Im gleichen Jahr fertigte er von der Dorfkirche in Dorf Eiche, zweieinhalb Kilometer westlich des Schlosses Sanssouci (Kitschke 2017, S. 116):
Aufmaßzeichnung mit Ostansicht und Grundriss
an. 1796 ist er mit der Friedrichskirche in Babelsberg befasst, drei Kilometer östlich der Stadt Potsdam (Kitschke 2017, S. 102):
Eine erste größere Instandsetzung der Kirche veranschlagt Bauinspektor Keferstein 1796, denn der Sandboden ist vom Wind derart weggeweht, dass die Fundamente freiliegen und verstärkt werden müssen.
1801 heißt es in "Geographisches Statischtisch-Topographisches Lexikon" zum Eintrag Brandenburg (S. 86 [GB]):
Nach dem ehemaligen Mathematikus des Ritterkollegiums, Keferstein, beträgt der Flächeninhalt oder die Größe der Altstadt 44 Morgen (...) und die der Neustadt 86 Morgen. 
Womöglich war die Tätigkeit als Bauinspekteur von Bornstedt nicht mehr mit einer Lehrtätigkeit am Ritterkollegium zu vereinbaren.

Abb. 11: Eine Hochzeitsgesellschaft kommt aus dem Eingangsportal der Bahnitzer Dorfkirche, um 1950


1802 - Kefersteins Bahnitzer Architektursprache gilt als "veraltet"


1801 ist die Dorfkirche Bornstedt, zwei Kilometer nördlich des Schlosses Sanssouci, so baufällig, dass ein Nutzungsverbot ergeht. Keferstein ist nun 50 Jahre alt und reicht als Vorschlag für den Neubau der Kirche einen Plan ein, der ziemlich dem für die Bahnitzer Dorfkirche, die er 25 Jahre zuvor verwirklichte, glich (Kitschke 2017, S. 133):
Der Bauinspektor des Amtes Bornstedt, Johann Friedrich Christian Keferstein, beschreibt sie am 30. September 1802 so: "Kirche mit hohen holzernen Thurm, welche Kirche (...) von Feldsteinmauern, so aber überall gesprungen und versakt sind, mit 60 Schichten doppelten schadhaften Ziegeldach gedekt, der Thurm darauf ist (...) von Holz mit Bretterbekleidung und Spandach alles ganz schadhaft drohet auf die Kirche zu fallen. Daran ist hinten ein Anhangs Gebäude zum Eingange und Leichenbaare." (...) Der mit Neubauentwürfen beauftragte Keferstein reicht der Oberbaudeputation in Berlin am 13. April 1802 Anschlag und Zeichnungen zur Revision ein. Die Geheimen Bauräte Berson, Seidel und Horn bemängeln jedoch "Den Anschlag (...) haben wir nicht revidieren können, weil das nöthige Profil vom gedachten Thurm, ohne welches der Verband deßselben nicht beurtheilet werden kann, mit beyzufügen vergessen ist. Außerdem sind die Mauern der Kirche so wohl als des Thurms viel zu schwach veranschlagt und kann hiernach der Bau nicht dauerhaft ausgeführt werden." (...) Darauf reicht Keferstein am 19. Januar 1803 einen zweiten Plan ein. (...) Doch im Schreiben der Oberbaudeputation vom 30. Januar 1803 wird auf wesentliche Konstruktionsfehler und auf die veraltete Turmausbildung verwiesen. "Wenn also wegen der Nähe von Sans Souci zu Bornstedt ein beßerer Thurm erbauet werden soll, so wird solcher nach dem jetzigen Geschmack eingerichtet, und von unten auf, beßer gezieret werden müßen. Weil dieses aber von dem Keferstein nicht zu erwarten ist, so sind wir gedrungen, dafür allerunterthänigst anzutragen, dem jetzigen Departements Bau Bedienten Bau Inspector Quednow (...) einen andern, mehr detaillierten Anschlag anzufertigen."
Buchautor Andreas Kitschke schreibt uns hierzu freundlicherweise noch (Email vom 27.4.17):
Gerügt wurde seitens der Oberbaudeputation jedoch vor allen die veraltete Konstruktion mit eingemauertem Fachwerk im Inneren des Turmschaftes. Die negativen Äußerungen über Keferstein, die ich zitiert habe, sind nicht als Unfährigkeitserweis misszuverstehen, sondern deuten lediglich darauf hin, dass seine Entwürfe nicht mehr zeitgemäß, also unmodern waren. 
Dass er aber 1802 keinen anderen Gestaltungsentwurf für einen Kirchturm vorlegt als jenen, den er schon 25 Jahre zuvor in Bahnitz verwirklicht hatte, mag doch darauf hinweisen, dass Keferstein sein Haupttalent nicht im dem Erschaffen von Neuem gesehen hat. 1803 wird Keferstein Ratmann in Brandenburg (laut Genealogisches Handbuch bürgerlicher Familien, Bd. 5. Görlitz 1912, S. 155-157)*). 1805 stirbt er in Brandenburg mit 53 Jahren.

Soweit die bislang uns bekannt gewordenen Zeugnisse zum Leben des Landbaumeisters Johann Christian Friedrich Keferstein. Die Kinder von Keferstein sollten, soweit übersehbar, alle bürgerliche Berufe ergreifen oder - soweit sie Töchter waren - Männer mit bürgerlichen Berufen heiraten, und zwar in Brandenburg, in Barnewitz (20 Kilometer nördlich von Brandenburg), in Potsdam und in Berlin.*) Ein Sohn fiel als Freiwilliger Jäger in der Schlacht bei Ligny (Wiki). Diese fand am 16. Juni 1815, zwei Tage vor der Schlacht von Waterloo statt (nicht 1814). Die befehlenden preußischen Generale waren Blücher und Gneisenau.

Da das Lebensschicksal des preußischen Ministers von Goerne oben erwähnt worden war, soll es hier auch noch zu Ende erzählt werden. Er ist 1791 nach mehreren Bittgesuchen aus der Haft entlassen worden, war aber die ersten Jahre danach völlig besitzlos und konnte erst nach dem Tod seines Vetters sein väterliches Gut in Gollwitz wieder erwerben, das aber auch verschuldet war. Wegen dort verübter Homosexualität mit mehreren jungen Männern aus Gollwitz wurde er 1805 erneut für ein Jahr Haft auf der Festung Magdeburg verurteilt. Nach einem Leben voller Höhen und Tiefen - er hatte angeblich die polnische Königskrone angestrebt - starb er 1817 im 83. Lebensjahr.

Woher stammt die konkave Dachform des Bahnitzer Kirchturms?


Abb. 10: Der Rote Turm in Halle (Saale) um 1824
(Wiki)
Mit allen bislang angeführten biographischen Daten gelang es uns noch nicht, die Frage zu klären, woher die künstlerische Idee zur Gestaltung der Bahnitzer Dorfkirche stammte. Da Keferstein sie 1802 erneut in Vorschlag brachte, muss es ja im wesentlichen schon seine eigene Idee aus Jugendtagen gewesen sein. Aber woher hatte er Anregungen für sie erhalten?

Insgesamt ist es gar nicht so einfach, im Internet spätbarocke Kirchenbauten zu finden, die wenigstens eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Bahnitzer Kirchturm aufweisen, und die eine Vorstellung geben könnten, woran sich der Entwurf für die Bahnitzer Kirche orientiert haben könnte, mag man nun barocke Kirchenbauten in Brandenburg (Wiki), Berlin (Wiki) oder Sachsen-Anhalt (Wiki) durchgehen.

Ein solcher Überblick macht aber immerhin deutlich, dass es eine große Vielfalt an Kirchenbauten in jener Zeit gab und dass vorgegebene Muster und Normen nicht sehr eng gezogen waren, und dass - soweit übersehbar - die Bahnitzer Kirche sehr einzigartig war und wenig Vorbilder aufwies. Insbesondere scheinen Beispiele für eine so ausgeprägt konkave Dachform bei Kirchtürmen sehr selten zu sein. Vielleicht ist sie auch häufiger bei nicht sakralen Türmen zu finden. So findet sich diese Dachform etwa an dem Roten Turm in Halle an der Saale (Wiki), wie er 1824 bestand (Wiki), und wo Keferstein natürlich seine Anregung bekommen haben könnte. Wenn man weit gehen möchte, könnte man darauf verweisen, dass sich die konkave Form auch in den Rokokotreppen der Schloßterrasse von Sanssouci findet. Diese stammen von Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff (1699-1753) (Wiki), der auch sonst gern mit konkaven Formen arbeitete. Dafür ist sowohl seine Neptungrotte von Sanssouci als auch die Dachform des Schlosses Mosigkau ein Beispiel. All dies nur, um wenigstens einige vage Anhaltspunkte zum Überdenken zu geben.

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*) Vollständig lautet dort der Eintrag zu ihm (laut freundlicher Mitteilung von A. Kitschke):
Johann Friedrich Christian (Cröllwitz 4.3.1752-1805 Brandenburg), Architekt, BI Amt Bornstedt, 1803 Ratmann in Brandenburg, verm. 1777 mit der Tochter des Stadtdirektors Schütte zu Brandenburg; 8 Kinder - Verfasser des Buches „Anleitung zur Landbaukunst“, Leipzig 1791.
Und zu seinem Vater:
Georg Christoph (4.12.1723-1802 Cröllwitz), Papiermühlenpächter, verm. 11.5.1751 m. Christine Henriette Jacobi (?-22.9.1806), Tochter des Pastors zu Veckenstädt. 
Und zu seinen Kindern:
  1. Caroline Friederike Henriette (13.12.1778-?), 
  2. Caroline Wilhelmine (19.11.1780-?), verm. m. Binder, Prediger in Barnewitz 
  3. Keferstein, Friedrich Leberecht (25.7.1785-?), Kaufmann in Potsdam,
  4. Carl Ludwig Ferdinand (17.10.1787-1790),  
  5. Keferstein, August Wilhelm (4.9.1789-1852), Kaufmann in Berlin,
  6. Carl Ludwig Ferdinand II (8.11.1791-1814), fiel als Freiwilliger Jäger bei Ligny, 
  7. Friederike Wilhelmine (8.4.1794 [??? Carl Gustav am 6.12.1794???]-7.4.1830) verh. m. Giesebrecht, Dir. d. Gymn. z. Grauen Kloster, Berlin,
  8. Carl Gustav (6.12.1794-20.7.1865), Direktor der Strafanstalt Brandenburg.
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Literatur

  1. Büsching, Anton Friderich (Königl. Preuß. Oberconsistorialrath): Beschreibung seiner Reise von Berlin über Potsdam nach Rekahn unweit Brandenburg welche er vom dritten bis achten Junius 1775 gethan hat. Verlag der Haude und Spenerschen Buchhandlung zu Berlin, Leipzig 1775 (GB)
  2. Keferstein, Johann Christian Friedrich: Anfangsgründe der bürgerlichen Baukunst für Landleute oder Anleitung wie Landbewohner neue verbesserte Gebäude mit feuersichern Dächern, ingleichen neue Dörfer, Wasserleitungen und holzsparende Back- und Stubenoefen ohne Zuziehung eines Baumeisters entwerfen, zeichnen, Anschläge dazu machen und erbauen können. Nebst einer kurzen Anzeige die Gewitter abzuleiten. Mit 15 Kupferplatten. Verlag bei Adam Friedrich Böhme, Leipzig 1776 (Archive)
  3. o.V.: Rezension von Keferstein/Anleitung 1776 in: Allgemeine deutsche Bibliothek, Band 32, herausgegeben von Friedrich Nicolai 1777, S. 263f (GB)
  4. Keferstein, Johann Christian Friedrich: Anleitung zur Landbaukunst: welche lehret wie wohleingerichtete, bequeme und dauerhafte Wohn- und Wirthschaftsgebaude, auch ganze Gehöfte und Dörfer, mit feuersichern Dächern, Wasserleitungen zum Wirthschaftsbedarf, holzsparende Backhäuser und Stubenöfen, auch Brücken, Mahlmühlen u. dergl. zu entwerfen, zu zeichnen und zu erbauen; auch die Anschläge von den Baukosten und Materialien dazu anzufertigen, ingleichen Gewitter-Ableiter ganz einfach anzulegen. Mit 26 Kupfern. Im Verlage bey Adam Friedrich Böhme, Leipzig 1791 (GB)
  5. Eintrag Brandenburg in: Geographisches Statistisch-Topographisches Lexikon. 1801, S. 86 (GB)
  6. Keferstein, Christian: Erinnerungen aus dem Leben eines alten Geognostes u. Ethnographen mit Nachrichten über die Familie Keferstein. Verlag Ed. Anton, Halle 1855 (GB)
  7. Vogeler, Reinhard: Grundriss der Bahnitzer Dorfkirche, 1857 (erhalten von der letzten seiner direkten Nachfahren)
  8. v. Schnehen gegen v. Königsmark. Nichtigkeitsbeschwerde. Sitzung vom 13. Januar 1865. In: Archiv für Rechtsfälle, die zur Entscheidung des Königlichen Ober-Tribunals gelangt sind. Hrsg. von Kammergerichtsrat Theodor Striethorst. Berlin. 2. Jg., 4. Bd. 1865, S. 274-282 (GB)
  9. Genealogisches Handbuch bürgerlicher Familien, Bd. 5. Görlitz 1912, S. 155-157, http://www.rambow.de/deutsches-geschlechterbuch.html (nach freundlicher Mitteilung von Herrn Andreas Kitschke)
  10. Schmitz, Hermann: Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland. 1922, http://kunstmuseum-hamburg.de/kunst-und-kultur-des-18-jahrhunderts-in-deutschland-der-protestantische-kirchenbau/
  11. Pape, Hermann (Lehrer in Bahnitz 1922 bis 1945): Chronik des Dorfes Bahnitz. Ausführliche handschriftliche Eintragungen in einem vorgedruckten Lederprachtband (die Nutzung desselben wurde im "Nationalsozialistischen Mitteilungsblatt des Gauamtes für Kommunalpolitik Sachsen" aus dem Jahr 1936 befürwortet, wie es einleitend heißt). Geschrieben 1939 bis 1941
  12. Saarmund. Die Kirche - ein unbekannter Bau. In: Brandenburgische Denkmalpflege, Bände 5-6. Arenhövel, 1996, S. 143-148
  13. Bading, Friedrich: Heimlich geraucht - Feuer. Leserbrief in: Märkische Allgemeine Zeitung, 5.1.1995 [zur Dorfkirche Bahnitz]
  14. Bading, Friedrich: Kirche kostete einst 3600 Taler. Leserbrief in: Brawo, 7.4.1999 [zur Dorfkirche Bahnitz]
  15. Hohlfeld, Carmen: Geschichte der Schule im Königlichen Amtsdorf Caputh. Von der Einklassenschule bis zum siebenstufigen Lehrsystem. Eine Interpretation der archivalischen Quellen. Mit einem Vorwort von Prof. Dr. Hanno Schmitt und Dr. Frank Tosch. Amtsarchiv Caputh, Caputh 2000 (GB)
  16. Kinder, Sebastian; Porada, Haik Thomas (Hg.): Brandenburg an der Havel und Umgebung. Eine landeskundliche Bestandsaufnahme im Raum Brandenburg an der Havel, Pritzerbe, Reckahn und Wusterwitz. Böhlau-Verlag, Köln u.a. 2006 [Landschaften in Deutschland - Werte der deutschen Heimat] 
  17. Büsching, Anton Friedrich: Beschreibung seiner Reise nach Reckahn. 1775; mit Anmerkungen, Einschüben aus der zweiten Auflage von 1780 und einer biographischen Skizze versehen. Hrsg. v. Gerd-H. Zuchold. Berlin Story, 2006 (753 S.) (GB)
  18. Hahn, Matthias: Palais Görne. In: Akademie der bildenden Künste und mechanischen Wissenschaften, In: Virtuelles Berlin um 1800, „Berliner Klassik. Eine Großstadtkultur um 1800“, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften 2006, URL: http://www.berliner-klassik.de/bk_stadtplan/gui/pdfexport.php?id_ort=74, Datum des Zugriffs: 26.04.2017
  19. o.V.: Dorfkirche Rietz. In: Denkmaltopographie Potsdam-Mittelmark, Bd. 14.1, 2009, S. 498 ff, https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/item/AW5XSJR25F3QYHSGFJJEU65SUJREPJU5
  20. Kitschke, Andreas: Kirchen des Havellandes. Hrsg. v. W. Bader und Ingrid Bargel. bebra-Verlag, Berlin 2011, S. 21, https://issuu.com/be.bra.verlag/docs/9783937233789_kirchen-havelland
  21. Straubel, Rolf: Friedrich Christoph von Goerne (1734-1817) - Selbstherrlicher Minister König Friedrichs II. oder Spielball seiner Sekretäre und fremder Magnaten? BWV Berliner Wissenschaftsverlag, Berlin 2014 (GB)
  22. Kitschke, Andreas: Die Kirchen der Potsdamer Kulturlandschaft. Lukas-Verlag, Berlin 2017 (GB)
  23. Bading, Ingo: Bahnitz an der Havel, ein preußisches Bauerndorf - Einiges zu seiner Geschichte. Auf: Preußenblog, 21. April 2017, http://preussenlebt.blogspot.de/2017/04/zur-geschichte-des-dorfes-bahnitz-der.html
  24. Kitschke, Andreas: Email an den Verfasser vom 27. April 2017



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Weggefährten

Abends, wenn ich heimwärts schreite
Auf dem rauen Ackerpfad,
Hat ein sonderbar Geleite
Oft sich heimlich mir genaht.
Müdes Volk; gebeugt im Nacken
Und die Arme schlaff und schwer,
Wandeln sie mit Karst und Hacken,
Stille Leute, nebenher.
Abgestorbne Werkgenossen,
Die den gleichen Grund bebaut,
Gleicher Sonne Glanz genossen,
Gleichen Sternen stumm vertraut.
Der dort mit der Axt, der breiten,
War’s der einst den Wald erschlug
Und auf kaum verglühten Scheiten
Bresche legte für den Pflug.
Andre folgen; Schwert und Spaten
Glitzern in der gleichen Hand.
Müdling jeder. Ihre Taten
Hat kein Sang, kein Buch genannt.
Jener, steif und ungebrochen,
Ist mein Ahne, hart wie Stein,
Der das trotz’ge Wort gesprochen:
Laßt uns stolze Bauern sein! –
Wenn der Heimstatt Lichter funkeln,
Winkt mir nah des Herdes Glück,
Dann bleibt ohne Gruß, im Dunkeln
festgebannt, die Schar zurück.
Einer lächelt: Hold und teuer
Sei dir Erdenlicht und Sein!
Kehrt ein andrer einst ans Feuer,
Ziehst du wunschlos mit feldein.
                              Alfred Huggenberger


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Zit. n. "Diverse Gedichte". Erläuterung: Der Schweizer Bauer und Schriftsteller Alfred Huggenberger (1867-1960) ist 1907 mit seinem Buch "Hinterm Pflug" deutschlandweit bekannt geworden. Er ist von Hermann Hesse und Ludwig Thoma gefördert worden. Heute ist er nur noch in seiner engeren Heimat bekannt (Hugenberger-Gesellschaft).