Samstag, 23. Dezember 2017

Der Amalthea-Garten in Neuruppin

Ein edler Rokoko-Garten im Sinne Friedrichs des Großen sieht anders aus als die heutige Gestaltung des Gartens

1768 ließ Friedrich der Große in der Nähe des Neuen Palais im Schlosspark Sanssouci zur Erinnerung an seine Schwester Wilhelmine von Bayreuth den Freundschaftstempel errichten, der dort heute noch unverändert steht. Es ist zu erfahren (Wiki):
Als Vorbild für den Freundschaftstempel diente der Apollotempel im Amaltheagarten in Neuruppin. Das Erstlingswerk des Architekten Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff entstand 1735 in einem Zier- und Nutzgarten, den Kronprinz Friedrich (der Große) an seinem Wohnsitz in der brandenburgischen Stadt anlegen ließ, wo er von 1732 bis 1735 Befehlshaber eines Regiments war. Der Apollotempel war ein offener Rundtempel, der jedoch 1791 durch Ausmauerung der Säulenzwischenräume geschlossen wurde. Im August 1735 schrieb Friedrich an seine Schwester Wilhelmine: „Das Gartenhaus ist ein Tempel aus acht dorischen Säulen die eine Kuppel tragen. Auf ihr steht die Statue des Apollos. Sobald es fertig ist, werden wir Opfer darbringen - natürlich Dir, liebe Schwester, der Beschützerin der schönen Künste.“

Abb. 1: Freundschaftstempel, Sanssouci, Potsdam
(Fotograf Paul Odörfer, Herkunft: Wiki)

Der Apollotempel von Friedrich dem Großen in Neuruppin wurde also schon fünf Jahre nach seinem Tod - ohne allen Respekt vor seinem Andenken - baulich sehr stark verändert. Man versteht nicht, warum diese bauliche Veränderung nicht wenigstens heute, anlässlich der gründlichen Renovierung dieses Tempels wieder rückgängig gemacht worden ist. Und das in einer Zeit, wo doch so viel in den historisch ursprünglichen Zustand zurück versetzt wird.

Wer sich also in Neuruppin erinnern will an die Art, wie der dort zu besichtigende Apollontempel von seinem Erbauer eigentlich gedacht gewesen ist, der ist am besten beraten, sich an dem Freundschaftstempel in Sanssouci orientieren.


Abb. 2: Plan von Knobelsdorff für den Apollontempel in Neuruppin, 1734
(Herkunft: Wiki)

Die Stadt Neuruppin in der Prignitz, eine Autostunde nördlich von Berlin auf dem Weg nach Hamburg, war zu Friedrichs Zeiten und ist bis heute von einer mittelalterlichen Stadtmauer aus Backsteinen umgeben. Dieser Stadtmauer vorgelagert waren zu Friedrichs Zeiten und sind bis heute zwei parallel verlaufende Wassergräben (1), die mit hohen Bäumen bewachsen waren - ebenfalls damals wie heute. Der dadurch entstandene fast geschlossene Grünstreifen schloß und schließt sich zu weiten Teilen rund um den mittelalterlichen Stadtkern.

Ab 1732 wurde die Stadt Neuruppin für mehrere Jahre von der großen Weltgeschichte gestreift. Es geschah das, ohne daß dies den Zeitgenossen selbst wirklich zu Bewußtsein kam, noch auch, daß ihre Nachfahren ein echtes Gespür für dieses Geschehen bekommen hätten bis heute. Der Kronprinz Friedrich, der nachmalige preußische König Friedrich der Große, war von seinem Vater zum Kommandeur des hier stationierten Regiments ernannt worden.

Er hatte ein Haus ("Palais") im nördlichen Teil der mittelalterlichen Stadt bezogen, in der Nähe des nach Norden gehenden Rheinsberger Tores. Der Garten des Palais stieß damals an die Stadtmauer. Der Kronprinz ließ sich eine Pforte in die mittelalterliche Stadtmauer schlagen, damit er nach Dienstschluß vor derselben unter den Bäumen lustwandeln konnte. Zu jener Zeit wollten die Neuruppiner gerade damit beginnen, diese Bäume über den genannten Wassergräben zu fällen. Auf Wunsch des Kronprinzen blieben die Bäume erhalten - bis heute. Dem Kronprinzen ist es also wohl zu danken, daß dieser Grünstreifen rund um die Stadt bis heute erhalten geblieben ist. Allerdings ist nicht erhalten geblieben die damalige Ruhe, denn der Grünstreifen wird heute von einer viel befahrenen Straße begleitet und es bietet sich nicht mehr wie früher ein Ausblick mehr hinaus in die Landschaft. Denn hinter der Straße kommen heute viele Häuser.


Abb. 3: Erläuterungstafel im Amaltheagarten in Neuruppin

Damals gefiel dem Kronprinzen die Gegend vor der Stadtmauer so gut, daß er vor der Südwestecke derselben ein größeres Gartengrundstück erwarb und zwar dort, wo die Mauer und der sie begleitende Stadtgraben seine Richtung wechselten von Südwesten nach Südosten, wo er also von der einen zur anderen Richtung abknickte.*) An dieser Ecke ließ er zwischen den beiden Stadtgräben einen Hügel aufschütten und errichtete auf diesem Hügel den schon genannten antiken Apollo-Tempel.

Die heutigen Gartengestalter glauben trotz eifrigster historischer Studien die früheren Gartenanlagen, die der Kronprinz hier anlegen ließ, seinen Zier- und Nutzgarten nicht mehr rekonstruieren zu können. Steht man allerdings heute auf dem Hügel vor dem Tempel und blickt von dort nach Südwesten auf den Garten hinunter, so kann man sich vor seinem inneren Auge doch vergleichsweise leicht einen sich dort entfaltenden Rokoko-Garten hinzaubern nach der Art wie er später ebenfalls in Sanssouci oder anderwärts Verwirklichung gefunden hat. Dabei ist womöglich zu berücksichtigen, daß der Kronprinzen-Garten nicht die Länge des heutigen Gartens hatte. Denn die heutige diesen Garten begrenzende 1787 angelegte Straße (Präsidentenstraße) verläuft womöglich mehr zurück verlegt als die historische Straße vor der Stadtmauer (1). Das innere Auge sieht vor sich vor allem parallele, abgestufte Reihen und dann auch - wohl vor allem über die heutige Gartenmauer Richtung Nordwesten hinausgehend und wie vom Kronprinzen beschrieben - Beete, in denen Gemüse und Obst angebaut worden ist. Im Hintergrund Weiden mit Kühen.

Es konnten damals auch keineswegs so viele große Bäume so willkürlich in dem Garten gestanden haben und so viel Schatten geworfen haben wie heute. Denn sonst hätten sie ja den angelegten Beeten mit Melonen, Weintrauben, Kirschen und Spargel die Sonne genommen. Und man weiß ja von den anderen Gartenanlagen des großen Königs und auch sonst, wie sehr er die Sonne und das Licht liebte. Das innere Auge sieht also vor sich einen sonnigen, heiteren, lichtdurchfluteten Garten, keinen vor allem schattigen.


Abb. 4: Der Amaltheagarten in Neuruppin,
der in seinem jetzigen Zustand eine fürchterliche Halbheit repräsentiert

Die heutige Gestaltung des Gartens stammt von der Neuruppiner Unternehmer- und Künstlerfamilie Gentz**). Sie weicht in ihrem ganzen Charakter allzu deutlich von der Gestaltung eines Rokoko-Gartens ab wie er nur von dem Kronprinzen selbst hatte gestaltet sein können. Da aber die Künstlerfamilie Gentz so viel Bausubstanz in Gebäuden und Gartenmauer schuf und da man - vielleicht etwas gar zu phantasielos? - glaubte, keine rechten und konkreten Anhaltspunkte zu finden zur Rekonstruktion des Gartens wie er zu Zeiten des Kronprinzen bestanden hat, hat man sich nicht dazu durchringen können, einen in seiner Gestaltung einigermaßen einheitlichen Rokoko-Garten wieder zu konstruieren wie es allein der Erinnerung an den großen König und die weltgeschichtliche Epoche, die er prägte, allein angemessen gewesen wäre.

Man muß sich doch schließlich klar machen, daß dieser Garten - heute - niemals so viel Aufmerksamkeit erhalten würde, wenn man sich in ihm nur an die Künstlerfamilie Gentz erinnern könnte. Dann hätte er höchstens stadt- oder regionalgeschichtliche Bedeutung. Allein die Tatsache, daß hier eine weltgeschichtliche Persönlichkeit vom Format des späteren Königs Friedrichs II. einen Garten mit Tempel angelegt hatte, erhebt diese Stätte - und damit die angrenzende Stadt - in die Sphäre der Weltgeschichte.

Und wenn es denn keine konkreten historischen Anhaltspunkte mehr gibt, wie der Garten des Kronprinzen gartenarchitektonisch ausgesehen haben könnte, so besteht doch zumindest ein großes Interesse daran zu erfahren, wie man diesen Garten rekonstruiert hätte, wenn man eben nicht auf die Neugestaltungen und Überbauungen durch die Stadtplanung von 1787 und durch die Künstlerfamilie Gentz hätte Rücksicht nehmen müssen oder auch nur: glaubte Rücksicht nehmen zu müssen. Gibt es dazu Ideen? Es hätte dann ein Einfühlen stattfinden müssen in die Formensprache der Gartengestaltung zur Zeit des Kronprinzen. So schwer kann das doch für Gartenbauhistoriker nicht sein. Der gegenüber dem heutigen Garten andere Grundriß kann doch offenbar konstruiert werden. Und dann kann sich doch vor dem inneren Auge der entsprechende Garten entfalten.

Uneinheitlichkeit und Unruhe der heutigen Gartengestaltung


Eines ist klar: Vor allem durch die in den heutigen, von der Familie Gentz ummauerten Garten "hineinragenden" Stadtgräben - in denen zudem im 19. Jahrhundert von biederen Bürgern - und in respektloser Weise - eine Kegelbahn angelegt gewesen war, die man im übrigen natürlich heute ebenfalls noch glaubt, in Erinnerung halten zu müssen - erhält der Gesamteindruck des Gartens eine Unruhe und eine Uneinheitlichkeit, wie man sie nur schwer mit dem ganzen Wesen des Kronprinzen und des nachmaligen preußischen Königs glaubt, vereinen zu können. Kurz gesagt: Man findet Friedrich den Großen in dem heutigen Garten einfach nirgendwo wieder. Sogar sein Apollo-Tempel bleibt weiter vermauert! Noch nicht einmal das einzige originale Bauwerk Friedrichs an diesem Ort wurde also in den Originalzustand zurück versetzt. Alles atmet "Gentz".

Diese heutige Unruhe mag der - im Vergleich mit dem Kronprinzen wohl wenig sensiblen - "Künstlerfamilie" Gentz nicht störend gewesen sein. Demjenigen, der sich an den heiteren Kronprinzen der Jugendjahre zurück erinnern möchte, ist sie zutiefst störend bis verstörend. Man bleibt auf Rheinsberg angewiesen, wenn man sich architektonisch und gartenarchitektonisch an den Kronprinzen erinnern möchte.

Man wird doch annehmen dürfen, daß die Stadtgräben, die zu des Kronprinzen Zeiten an des Kronprinzen Garten endeten, zumindest durch Hecken und Büsche blickdicht vom übrigen, von ihm angelegten Garten getrennt waren. Denn die Unruhe, die schon allein von diesen Gräben heute ausgeht, weil sie in die Gentz'sche Gartenanlage und ihre Ummauerung in ihren Endteilen mit einbezogen sind, paßt doch gar nicht zu der Ruhe eines Rokoko-Gartens im Sinne des Kronprinzen. Das kann man sich kaum vorstellen. Bekanntlich sind auch in Rheinsberg und in Sanssouci Wassergräben oft blickdicht von anderen Gartenbereichen getrennt. Das fiel ja den Gartengestaltern des Rokoko auch nicht so schwer.

Ähnliche Unsensibilitäten wie in diesem Bereich des heutigen Gartens gibt es auch in den anderen Teilen. Nirgendwo ist der Geist des Rokoko im Sinne des Kronprinzen auch nur flüchtig spürbar trotz der aufgestellten Skulpturen, die womöglich auch der Kronprinz selbst nicht von sich gewiesen hätte, die er aber doch auch mit mehr ästhetischem Sinn aufgestellt hätte als sie heute in dem Garten aufgestellt sind. Die jetzige Aufstellung mutet zu simpel an.

Der jetzige Zustand des "Tempelgartens" stellt eine Halbheit dar. Es fällt einem - anders als in Rheinsberg und Sanssouci - schwer, sich vor Ort in das ästhetische, künstlerische Wollen des Kronprinzen bei der Anlage dieses Garten zurück zu versetzen. Hören wir deshalb wenigstens noch über einiges historisch Bezeugte über den Aufenthalt des Kronprinzen in Neuruppin (Tempelgarten.de):
Am 28. Juni 1732 rückte der Kronprinz in Neuruppin ein. Er wurde feierlich und festlich von den Bürgern der Stadt begrüßt. Eine königliche Order seines Vaters hatte dafür gesorgt, daß zuvor der Abputz der Häuser vorgenommen und der Kot aus der Stadt geschafft wurde. Auch den Militärgalgen auf dem Neuen Markt, wo man die Deserteure zu hängen pflegte, hatte man aus der Stadt entfernt. Gleich nach seinem Einzug in Neuruppin ließ Friedrich auf den Wallanlagen seinen „Amalthea-Garten“ anlegen, der zunächst vor allem als Nutzgarten diente, in dem u.a. Spargel, Melonen, Weintrauben und Kirschen geerntet wurden. Sogar Milchwirtschaft und Hühnerzucht fanden Platz. Der Garten war aber auch Stätte der Kontemplation, musischer Darbietungen und nicht zuletzt Treffpunkt für geselliges Treiben mit den Offizieren. Amalthea ist jene griechische Nymphe, deren abgebrochenes Horn als Inbegriff für reichen Überfluss, als „Füllhorn“ gilt.
Im Jahre 1735 errichtete ein befreundeter, bis dahin eher als Maler in Erscheinung getretener junger Baumeister dort nach den Vorstellungen Friedrichs einen Apollo-Tempel, der (...) noch heute das Zentrum des Gartens bildet (...). Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff erhielt danach noch vielfach Gelegenheit, sich in Aufträgen für Friedrich auszuzeichnen: Unter anderen sind Sanssouci, die Lindenoper, die französische Kirche in Potsdam und der Neue Flügel des Schlosses Charlottenburg sein Werk. (...) Hier in Neuruppin begann der Kronprinz seinen Antimachiavell. Kurz vor seinem Umzug nach Rheinsberg im August 1736 eröffnete er die Korrespondenz mit Voltaire.
Ab 1853 wurde dieser Amalthea-Garten von Alexander Gentz nicht nur erworben, um das Andenken an den König Friedrich von Preußen zu ehren, sondern um den Garten in verunstalteter Form wieder herzurichten, wobei nur wenig originalen Erinnerungen an den preußischen König und die Gartengestaltung zu seiner Zeit übrig blieben. Die von Gentz aufgestellten barocken Figuren stammten zumeist aus Dresden. Immerhin waren sie zu Lebzeiten von Friedrich geschaffen worden.

Heute versucht man, an diesem Ort sowohl die von Gentz errichteten "Kleinodien orientalischer Baukunst" zu erhalten wie an den originalen Zustand des Amalthea-Gartens zur Zeit des Kronprinzen zu erinnern. Der Geist der Gentz'schen Bauten ist aber ein ganz anderer, gegensätzlicher als der Geist all dessen, was zunächst der Kronprinz und dann der König gestaltet hat. Daraus kann nur Halbheit entstehen.

Es ist bei der heutigen Gestaltung ein Mischmasch von Stilen heraus gekommen. Es fehlt eine einheitliche Gestaltung der Anlagen. Wäre es nicht besser, die Gentz'sche Gestaltung der Anlagen an anderem Ort neu aufzubauen (wenn sie einem denn so "kleinodienhaft" vorkommen) und die Örtlichkeit hier ganz nach dem Sinne der Gestaltung des Kronprinzen wieder herzurichten so weit das aufgrund der veränderten Straßenführung heute noch möglich ist? Dadurch würde doch wenigstens die jetzt fehlende Einheitlichkeit zurück gewonnen werden. Vor allem aber würde auf Neuruppin wieder ein wenig des weltgeschichtlichen Glanzes fallen, den der Kronprinz einige Jahre über in diese Stadt getragen hatte und an den zu erinnern Deutschland und der Welt nur gut tun kann.

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*) Nach dem großen Stadtbrand wurde an dieser Stelle die Stadtmauer verlängert und damit die Stadt vergrößert, sie knickt also heute nicht mehr an der früheren Stelle ab (1). Im Mauerwerk ist aber erkennbar, wo die ältere Mauer auf die jüngere Mauer stößt. Womöglich führte der Bau der neuen Stadtmauer auch über einen Teil des vorherigen friderizianischen Amalthea-Gartens. In jener Zeit war man ja auch so roh und mauerte die Zwischenräume zwischen den Säulen des Apollo-Tempel zu.

**) Der Neuruppiner Geschäftsmann Johann Christian Gentz (1794-1867) (Wiki), sowie seine Söhne, der Orient-Maler Karl Wilhelm Gentz (1822-1890) (Wiki) und der Unternehmer Ludwig Alexander Gentz (1826-1888) (Wiki).
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  1. Stadtbrand Neuruppin und Aufbauplan Neuruppin 1787. Spreevideo, 31.1.2016, https://www.youtube.com/watch?v=55kfscxtX-4
  2. Reyk Grunow: Tempelgarten wird völlig umgekrempelt. In: Märkische Allgemeine, 26.7.2016, http://www.maz-online.de/Lokales/Ostprignitz-Ruppin/Tempelgarten-wird-voellig-umgekrempelt

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