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Freitag, 21. April 2023

Ostseebad Horst in Pommern

Die einstigen Fischerdörfer an der Pommerschen Ostseeküste Poberow, Putschow, Hoff, Rewahl, Horst und Liebelose liegen grob 20 Kilometer östlich der Odermündung an der Ostsee.

Abb. 1: Seebad Horst - Brücke über das idyllische Flüßchen Liebelose (Postkarte, vor 1945)

Ab 1900 etwa wurden sie alle zu "Seebädern" und waren dann bis 1945 beliebte deutsche Seebäder, die zum Beispiel von Stettinern gerne aufgesucht wurden.

Abb. 2: Seebad Horst - Das Ufer nach der Sturmflut 1914 (Postkarte)

Auf alten Postkarten kann man sich einen Eindruck verschaffen von dem Aussehen dieser Dörfer vor und um das Jahr 1900 und danach.

Abb. 3: Die Liebelose bei Seebad Horst

Die natürlichen Gegebenheiten - Gewässer und Steilküste - haben sich bis heute erhalten. Ebenso die alte Bausubstanz, zumindest in den Ortskernen der genannten Ortschaften.

Abb. 4: Seebad Horst (Postkarte)

Vielleicht am anmutigsten im Ostseebad Horst.

Abb. 5: Der Eiersberger See bei Horst, von dem aus die Liebelose in die Ostsee fließt - In der Bildmitte ist der Leuchtturm an der Küste zu erkennen

Ansonsten kann man aber auch heute noch in allen anderen Dörfern den alten Kern deutscher Bausubstanz erkennen.

Abb. 6: Ostseebad Horst - Steilküste und Leuchtturm

Rundherum um diese alte Bausubstanz ist heute aber alles - in der Regel eher unschön - "überbaut" und erweitert worden.

Abb. 7: Altes Rauchhaus im Seebad Horst (Postkarte) (s. Wiki)

Und zwar mit einem vielfältigen Kunterbunt an Bauten. Von diesem "Kunterbunt" bringen wir hier in diesem Beitrag keine Abbildungen.

Abb. 8: Seebad Horst - Strand und Küste (Postkarte)

Der Leuchtturm vom Seebad Horst wurde in den 1860er Jahren erbaut und hat sich in seiner historischen Form bis heute erhalten (Abb. 6). Von seiner Aussichtsplattform aus hat man einen herrlichen Blick auf die Ostsee, die ganze Küste in beiden Richtungen entlang und in das Innenland. 

Rewahl

Vor dem alten Leuchtturm wird mit Geldern der Europäischen Union gegenwärtig ein Freilichtmuseum eingerichtet mit alten Pommernhäusern wie eines sich auf Abbildung 7 noch im Originalzustand findet.

Abb. 9: Pension "Zufriedenheit, Ostseebad Rewahl, Postkarte, vor 1945

So manche schmucke Ferienpension aus der Zeit vor 1914 hat sich bis heute erhalten ...

Abb. 10: Ostseebad Rewahl - schön wieder hergerichtete Pension (Aufnahme: Ostern 2023)

Etwa diese ...

Abb. 10: Blick von Rewahl hinunter zum Meer (Aufnahme: Ostern 2023)

Und der Blick auf die Ostsee ist so berauschend wie eh und je ... 

Abb. 11: Blick von Rewahl hinunter zum Meer (Aufnahme: Ostern 2023)

... Zum Beispiel wenn die Frühlingsstürme wehen ... 

Abb. 12: Ortskern von Rewahl - Blick hinunter zum Strand, wo noch heute die Fischerboote im Sand liegen (Aufnahme: Ostern 2023)

Mitunter findet sich noch eine Ahnung der räumlichen Verhältnisse in den einstigen Fischerdörfern ... 

Abb. 14: Ostseebad Rewahl, Weg zum Strand, Postkarte, vor 1945

Geduckt hinter den Dünen - so lagen einst die reetbedeckten Fischerhäuser.

Samstag, 23. Juli 2022

Die schöne Stolperin

Flüchtige Einblicke in die Kunstgeschichte der Stadt Stolp in Pommern

Die mächtige Marienkirche in Stolp in Pommern hat als eines der wenigen Gebäude den Stadtbrand des Jahres 1945 überstanden. Sie war Mittelpunkt und Ausdruck des Lebenswillens dieser Stadt. 

Abb.: 1: Die schöne Stolperin

In dieser findet sich eine hölzerne Kreuzigungsgruppe aus der Zeit um 1520 (1). Das ist die Zeit des Tilman Riemenschneider in Würzburg und des Veit Stoß in Krakau und Nürnberg. Die Kreuzigungsgruppe besteht aus dem gekreuzigten Jesus, der trauernden Maria, dem Evangelisten Johannes und drei Engeln. 1927 wurde von Seiten der Kunsthistoriker vermutet (1):

Anscheinend unter Nürnberger Einfluß, doch schwerlich fränkischer Import. (...) Holz polychromiert, Figuren lebensgroß.

2009 ist dieses Kunstwerk restauriert worden. Dabei ist versucht worden, die ursprüngliche Farbigkeit wiederherzustellen (2, 3). In dem Zusammenhang wird gemutmaßt, daß die Kreuzigungsgruppe von dem Bildhauer Meister Paul in Danzig geschaffen worden sein könnte, der dort einen Christopherus geschaffen hat, und der sich an dem berühmtem Veit Stoß aus Krakau orientiert hätte.

Abb. 2: Die trauernde Maria und der Evangelist Johannes, Marienkirche in Stolp, geschaffen um 1520

Die Figuren der Maria und des Evangelisten Johannes sind Ausdruck der Frömmigkeit wie sie in der Zeit um 1520 gelebt wurde.

Es ist ja auch denkbar, daß eine der Bewohnerinnen der Stadt Stolp aus dem Jahr 1520 für diese Figur Modell gestanden hat.

Überraschenderweise beginnt die Kunstgeschichte der Stadt Stolp in Pommern schon im Mesolithikum, nämlich 8.500 bis 6.500 v. Ztr.. 1887 ist beim Torfstechen nahe der Stadt die zehn Zentimeter lange Bernsteinfigur eines Bären gefunden worden, der sogenannte "Stolper Bär" (Wiki).

Abb. 3: Der Stolper Bär, Bernsteinfigur, 8500 bis 6500 v. Ztr., gefunden 1887 beim Torfstechen

Diese kleine Bären-Figur dürfte von Menschen der Maglemose-Fischer-Jäger-Sammler-Kultur geschaffen worden sein. Sie paßt ganz hervorragend zu dem Umstand, daß bei dem noch Anfang des 20. Jahrhunderts mesolithisch lebenden Fischer-Jäger- und Sammler-Volk der Chanten und Mansen in Westsibirien der Bären-Kult eine ganz besondere Rolle spielt. Es gibt sogar Vermutungen, daß unser Weihnachtsfest auf diesen Bärenkult zurück geht, da in seinem Zusammenhang auch ein Kiefernbäumchen in das Versammlungshaus mitgebracht wird, in dem der Bär verehrt wird (Stgen2022). 

Ein bedeutender Maler der Stadt Stolp in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war Otto Priebe (geb. 1886 in Schlawe; gest. am 10. Juli 1945 in Karpinz / Ural) (Wiki, Stolp.de, Museum). Sein Gemälde "Wintertag in Stolp" fällt ins Auge.

Abb. 4: Wintertag in Stolp - Gemälde von Otto Priebe aus dem Jahr 1928 (Mus.) (Mittelpommersches Museum in Stolp) (auch in: 4)

Das Gemälde entstand im Jahr 1928. Man gewinnt den Eindruck daß dder Maler sehr glücklich in Stolp gewesen ist. So viel Wärme und Liebe spricht aus diesem Bild. Liebe zum Schönen an sich, Liebe aber auch zu dieser Stadt, Liebe zu dem Land, zu der sie gehört.

Dieses Bild mag besser als jede Fotographie nachfolgenden Generationen jenen emotionalen Bezug nachempfinden lassen, den die Bewohner dieser Stadt ihr gegenüber hatten. Historische Fotografien können demgegenüber leicht zu kalt und nüchtern wirken.

Aber wie ist es eigentlich sonst um Deine Maler, um deine Künstler bestellt, Pommern, so fragt man sich beim Anblick dieses Gemäldes. Ist nicht der Weg über das gemalte Bild der unmittelbarste zu einer Landschaft, die uns so vergleichsweise fern gerückt ist wie die Pommersche? Wir hatten schon versucht, über das Wirken des Malers Max Pechstein (1881-1955) (Wiki) zwischen 1920 und 1945 in Pommern einen Bezug zu diesem Land herzustellen (Prbl2022).

Abb. 5: Winterlandschaft - Gemälde von Otto Priebe (um 1928) (Mus.) (Privatbesitz)

2010 und 2012 erschienen zwei Bände des Buches "Maler, Orte und Landschaften in Hinterpommern in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts". Autorin war Edda Gutsche. Wir können über das Buch erfahren (Biblio):

Es stellt Künstler vor, die entweder aus Pommern stammten oder sich zeitweilig dort aufhielten. Fast alle waren Landschaftsmaler, doch ihre Lebenswege verliefen sehr unterschiedlich. Die meisten pommerschen Künstler waren nur regional bekannt und sind heute so gut wie vergessen. Von den Malern, die ihre Sommermonate in Pommern verbrachten, erlangten einige Weltruhm. Mit welchen Orten waren sie besonders verbunden und was ist noch da von ihren Werken?

Über die Geschichte der Kunst in Stolp und in Pommern gibt es auch sonst schon allerhand neuere Literatur (5-8). Bei Gelegenheit wollen wir sie durchsehen und dann den vorliegenden Beitrag um weitere Angaben ergänzen.

Abb. 6: Stolpmünder Fischer - gezeichnet von Otto Priebe

An dieser Stelle begnügen wir uns zunächst mit dem Hinweis auf Otto Priebe. Er stammte aus Schlawe in Pommern. Das ist ein Städtchen 30 Kilometer südwestlich von Stolp.

Abb. 7: Pommersches Bauernmädel - Otto Priebe (1920)

Seine künstlerische Ausbildung erhielt er im München nach der Jahrhundertwende. Kunstreisen hatten ihn nach Frankreich und Italien geführt. Als der Erste Weltkrieg kam, ist Otto Priebe - wie die meisten Männer seiner Generation - Soldat geworden. Als solcher kämpfte er an der Westfront. Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges hat es Zeichnungen gegeben, die er während des Ersten Weltkrieges im Schützengraben anfertigte. Auch die Kathedrale in Reims soll er dabei gezeichnet haben. Seit 1945 sind diese Zeichnungen verschollen. Ein damals entstandenes Portrait eines Regimentskameraden ist immerhin inzwischen aufgetaucht (Stolp.de).

Abb. 7: Fischerboote - Otto Priebe

Als freischaffender Künstler kam Otto Priebe 1919 zurück nach Stolp in Pommern, seine Heimat, wo er sicherlich auch eine weitreichende Verwandtschaft besaß.  Otto Priebe wurde Mitglied des Städtischen Kunstvereins von Stolp.

Abb. 8: Die Fischer von Stolp - Gemälde von Otto Priebe

1920 etwa entstand ein Porträt seines zweitältesten Bruders, nämlich von Hugo Priebe. Es stellt ihn in Offiziersuniform dar. Es hat das Jahr 1945 ebenso überstanden wie ein Porträt der Ehefrau von Hugo Priebe, nämlich von Alma Priebe. Beide Gemälde wurden von der Tochter dem Heimatmuseum Stolp in Bonn geschenkt (Museum Stolp):

Weitere Porträts, die ihr Onkel gemalt hatte, sind im Krieg verschollen, genau wie er selbst. Er wurde beim Einmarsch der sowjetischen Truppen "abgeholt" und nach einigen Wochen Haft Ende März ins Sammellager nach Graudenz verladen. Von dort gingen Transporte nach Sibirien. Otto Priebe soll im Juli 1945 am Ural gestorben sein.

Ergänzung (6.8.23): Ein anderer Bernsteinfund ist das Woldenberger Bernsteinpferdchen (Woldbg2011) aus der Neumark, dem vormaligen östlichsten Teil der Mark Brandenburg. Es wurde 1858 gefunden und bis 1945 in der Wissenschaft erörtert und der Zeit um 3000 v. Ztr. zugeordnet. Richtiger wird aber die heutige Datierung laut dem Museum für Vor- und Frühgeschichte in Berlin (Wiki):

Pferdefigur, Bernstein. (Nachbildung). Original zur Zeit als Kriegsbeute in Rußland. Woldenberg (Dobiegniew, Polen). Jüngere Altsteinzeit, Magdalénien. Ca. 18.000-12.000 v. Ztr..

Abb. 9: Woldenberger Bernsteinpferdchen (Wiki) - (Fotograf: Einsamer Schütze)

 

____________

  1. Pommern. Aufgenommen von der Staatlichen Bildstelle. Eingeleitet von Martin Wehrmann. Beschrieben von Fritz Adler, Carl Fredrich und Otto Schmitt. Deutscher Kunstverlag, Berlin 1927 (GB), erneut 2020 (GB)
  2. Capar, Łukasz: Die Kreuzigungsgruppe in der Marienkirche - Eine Perle der Bildhauerkunst in Stolp, 2009 (gp24.pl) 
  3. Tomczyk, Jan Feliks: Die Kreuzigungsgruppe, 2020, https://polska-org.pl/8594589,foto.html  
  4. Stolper Heft 2021, herausgegeben vom "Stolper Heimatkreis e.V.", Seite 110
  5. Gwiazdowska-Banaszek, Ewa: "Echte deutsche" oder "echte pommersche" Kunst 1933 bis 1945. In: Hartel, Brigitte (Hg.): Architektur und bildende Kunst von 1933 bis 1945 (Kunst im Ostseeraum; Band 2), Frankfurt am Main 1997, S. 133 bis 1942 (pdf) 
  6. Edda Gutsche: Maler, Orte und Landschaften in Hinterpommern in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert. Pruszcz Gdanski : Wydawn Jasne (Zweisprachige Ausgabe: deutsch/polnisch) 2010, 2012 (199 S.) (behandelt im 1. Teil: Dahlen Paul; Dekkert Eugen; Feininger Lyonel; Gross Wilhelm; Grosz George; Hardow Rudolf; Hartig Hans; Holz Paul; Kuhfuss Paul; Kuske Otto; Laabs Hans; Lang-Wollin Otto; Levin Julo; Machemehl Günter; Meister Alfred; Neuss-Stubbe Margarete; Pechstein Hermann Max; Priebe Otto; Rades Hedwig; Reich an der Stolpe Siegfried; Schmidt-Rottluff Karl; Wimmer Gustav; Zenke Richard; Zitzewitz Heinrich Eugen von; im 2. Teil: Ulrich Bewersdorff, Gottfried Brockmann, Martin Gscheidel, Max Kühn, Rudolf Muchow, Elfriede Springer, Paul Stubbe, Julius C. Turner, u.a.)
  7. Isabel Sellheim, Gabriela Włodarska, Ilona Zwierz: Słupsk i Pomorze w rysunku i grafice Rudolfa Hardowa. Wydanie: Kluki, maj-czerwiec 2006 Oprawa: miękka, wersja polsko-niemiecka
  8. Andrzej Czarnik: Pomorskie plenery Maxa Pechsteina. Deutscher Text von Isabell Sellheim, Pommersche Pädagogische Akademie (Pomorska Akademia Pedagogiczna) Stolp 2003

Freitag, 17. Juni 2022

"... gelangte man an die geliebte Ostsee"

Rowe - Einst
- Ein Ostseebad in Pommern und seine Umgebung

Da sich das einstige, deutsche Fischerdörfchen Rowe in Pommern seit 1945 sehr stark verändert hat (Pr22), macht es Sinn, sich auch das historische Rowe vor 1945 vor Augen zu führen, so wie es Maler wie Max Pechstein (Pr2022) oder der aus Stolp gebürtige Maler Jürgen Wegener (1901-1984) (Wiki) kennen und lieben gelernt haben.

Abb. 1: Jürgen Wegener - Die Lupow-Mündung bei Rowe (Zustand vor 1945)

Es mag ja immerhin auch kunstgeschichtlich von Bedeutung sein, von diesem historischen Zustand des Ostseebades Rowe zu wissen.

Abb. 2: Rowe - Badestrand und Lupowmündung, 1928

Heute ist zum Beispiel die Lupow-Mündung in die Ostsee und der Verlauf der Lupow durch das Dorf hindurch völlig einbetoniert, ebenso das geschaffene Hafenbecken daselbst. All das scheint - den Bildern nach zu schließen - vor 1945 nicht der Fall gewesen zu sein (Abb. 1 bis 5).

Um wie viel schöner muß es also vor 1945 in diesem Ostseebad gewesen sein. Um wie vieles geruhsamer.

Abb. 3: Ostseebad Rowe, Fliegeraufnahme, 1920er oder 1930er Jahre

Wir sehen da Bauernhäuser, zum Teil noch mit Schilf gedeckt, wir sehen Stallgebäude und Scheunen. Wir sehen das sandige Ufer der Lupow. 

All das ist heute völlig umgestaltet. Alle Häuser im Ortskern von Rowe sind heute mehrstöckige Hotels und Ferienanlagen oder flache, ebenerdige Lagerhallen.

Abb. 4: Idyllisches Klein-Rowe, Blick über den Lupow-Fluß

Wie sehr sich heute alles gegenüber dem früheren Zustand verändert hat! Nur die Ostsee spült wie einst und je an den Strand der Küste, nur der Wind weht über die Dünen - wie einst und je.

Abb. 5: Ostseestrand bei Rowe (mit Hakenkreuzfahnen)

In diesen Blogbeitrag wollen wir nach und nach noch Auskünfte über die Geschichte der Umgegend von Rowe einpflegen.

Auf dem Weg von Rowe nach Stolpmünde kommt man über Schönwalde und Wobsde in das Dorf Klein Machim (Wiki), vier Kilometer vom Ostseedörfchen Neustrand (heute "Poddąbie") und vom dortigen Ostseestrand entfernt (Wiki):

Der Wohnplatz Neu Strand ist ein von Friedrich dem Großen gegründetes Kolonisten-Dorf. Der Gründungsurkunde von 1772 zufolge wurden auf dem zum Gut Klein Machmin gehörigen Terrain zwölf Kossäten angesetzt. 

Von Schönwalde aus ist dieses Dörfchen noch heute nur durch einen Sandweg durch den Wald hindurch zu erreichen.

Neu Strand

Über dieses Neu Strand wurde 1936 geschrieben (Ü):

"... Und in all dieser Schönheit findet der Naturfreund ein kleines Dorf, das im Mittelpunkt dieser Gegend liegt: Neu Strand, das rings umgeben ist von großen Wäldern. Steil fällt hier die Küste ab zum Meer. Neu Strand wird wohl den meisten Stolpern nicht unbekannt sein. Frieden Iiegt über dem Dörfchen, aber hart und schwer ist hier die Arbeit."

In solchen Dörfern könnten also auch die Vorfahren in Stolp gerne Urlaub gemacht haben. Wir lesen weiter (Ü):

Das idyllische Fischerdorf Neu Strand war für die Feriengäste der Inbegriff aller Urlaubsfreuden. Der kleine Ort bestand nur aus wenigen Häusern, die alle mit ihren teils rohrgedeckten Dächern an einer Seite der sandigen Dorfstraße Iagen. Lieselotte Albrecht erinnert sich: "Schon einige Wochen, bevor die ersten Feriengäste nach Neu Strand kamen, herrschte in allen Häusern ein emsiges Leben und Treiben. Die Fischer zogen mit ihren Familien in die Sommerhäuser, wo sie dann meistens nur ein Zimmer und die Küche bewohnten. Jeder verfügbare Raum wurde für die Sommergäste freigemacht. Nach dem Umzug ging es an das Großreinemachen. Die Küche wurde geweißt, die Gardinen gewaschen, der Fußboden geschrubbt, und wenn die ersten Gäste kamen, blitzte alles vor Sauberkeit. In der Wahl der Gäste waren die Neu Strander sehr konservativ. Alle hatten jahrelang "ihre" Gäste, und es wäre unvorstellbar gewesen, daß einmal einer seine Wohnung an einen Fremden vermietet hätte, auch wenn dieser ihm einen höheren Mietpreis geboten hätte. Dadurch, daß immer dieselben Leute zu den Fischern kamen, hatte sich zwischen Einheimischen und Gästen eine wahre Freundschaft und tiefe Verbundenheit herausgebildet."

Die letzten deutschen Besitzer des Rittergutes in Klein Machim, vier Kilometer von Neustrand entfernt, waren der im Jahr 1945 68-jährige Rittmeister Dr. Günther von Zitzewitz (1877-1945) (Geni) und seine Frau Helene von Zitzewitz, geb. von der Marwitz (1884-1970).

Klein Machim

Sie hatten zwei zu der Zeit schon verheiratete Kinder, Angelika von Zitzewitz (geb. 1907) und Jürgen von Zitzewitz (1911-1988). Erstere war mit Konrad von Uckermann auf Bedlin verheiratet, letzterer hatte 1938 Alberta von Brandenstein geheiratet. Die Liebe zu ihrer Heimat brachte Helene von Zitewitz nach 1945 folgendermaßen zum Ausdruck (Ü):

"Die Lage von Machmin war berückend schön. Das Gutshaus lag dicht umgeben von großen Rasenflächen mit alten Baumgruppen, in englischem Stil gehalten. Das wellige Terrain ging in 200 Morgen parkartig gehaltenen Wald über, den Wiesen umgaben, auf denen die Rehe ästen und im Herbst die Hirsche schrien ... Durch 4 ½ km Feld- und Waldgelände gelangte man an die geliebte Ostsee. Bis an den Rand der Steilküste reichte der Buchenwald und ohne Dünengelände kletterte man hinab an den sehr breiten schneeweißen Strand, den die Wellen umspülten."

"Aber Grauen sank drüber wie Dünensand ...," so möchte man mit den Worten der Dichterin Ostpreußens, Agnes Miegel, sagen. 

"Grauen sank drüber wie Dünensand ..."

Denn über das Jahr 1945 erfahren wir (Ü):

Anfang Januar 1945 wurden in Klein Machmin erste Räumungsvorbereitungen getroffen. Doch als die Russen kamen, konnten sich nur zehn Bewohner mit dem Schiff über Stolpmünde und Danzig retten. Die Frau des Gutsbesitzers verließ mit ihren Angehörigen Machmin in einem Wehrmachtsauto am 3. März. Günther von Zitzewitz harrte weiter aus.

Und wir lesen weiter (Ü):

Am Tage vor der Besetzung waren sämtliche Straßen verstopft. Die Tracks kamen in den letzen 24 Stunden nur fünf bis sechs Kilometer voran. Die letzten deutschen Soldaten waren Kanoniere der Flak und Angehörige des Volkssturms vom Schießplalz Stolpmünde. "Am frühen Vormittag des 9. März zogen dann die ersten russischen Truppen in östlicher Richtung durch Klein Machmin. Es waren Infanterie und Panzerabwehr. Kämpfe fanden nicht statt . . ." Zu dieser Zeit war das Dorf voller Flüchtlinge. An den folgenden Tagen kam es immer wieder zu Plünderungen und Vergewaltigungen. Russische Kommandos verschleppten mehrere Dorfbewohner, von denen einige zurückkehrten. Auch Rittergutsbesitzer von Zitzewitz wurde in Stolp im Magazin eingekerkert. Am 26. Mai 1945 ist er im Hospital St. Spiritus gestorben. Die Schule wurde teilweise zerstört. Ende März mußten die Bewohner den Ort verlassen, weil er innerhalb der militärischen Sperrzone an der Ostsee lag. Die Evakuierten zogen zehn Kilometer südwärts und kamen vorübergehend auch nach Stolp, wo sie in die Kasernen an der Gumbiner Chaussee eingewiesen wurden, die auch von Soldaten belegt waren. Im Mai durften alle wieder nach Hause. Die polnische Besetzung begann am 1. August 1945 mit der Einsetzung eines Bürgermeisters, eines polnischen Amtsvorstehers und dem Erscheinen polnischer Miliz. Bis Ende 1945 ließ sich auf jedem Hof eine polnische Familie nieder. "Die Ausplünderung wurde durch die Polen verstärkt fortgesetzt". Druck und Terror im Dorf nahmen seit Ende 1945 immer mehr zu. Im Juni 1946 wurden die ersten Deutschen aus Klein Machmin abtransportiert. Nach der wochenlangen Unterdrückung empfanden die Dorfbewohner die Vertreibung aus ihrer Heimat fast schon als Erlösung. Bis Ende 1946 mußte etwa die Hälfte der Bewohner das Dorf verlassen, unter ihnen auch Bürgermeister Below. Ein Transport ging am 15. Dezember 1946. Im Jahre 1952 gab es in Klein Machmin noch 71 Deutsche. Darunter waren zehn deutsche Familien aus Saleske, die man zwangsumgesiedelt hatte, damit sie das Gut bewirtschafteten. Es gab 1952 eine deutsche Schule, die etwa fünf Jahre bestanden hat. Die Heimatortskartei Pommern ermittelte später 253 Bewohner in der Bundesrepublik Deutschland und 157 in der DDR. Aus Klein Machmin wurde Machowinko. Kriegs- und Vertreibungsverluste: 14 Gefallene, 10 Ziviltote und 24 Vermißte ("ungeklärte Fälle").

Stolpmünde

Nun sei abschließend nur noch ein Foto von Stolpmünde gebracht, auf dem der bescheiden-mondäne Charakter dieser liebenswürdigen Stadt vielleicht am besten zum Ausdruck kommt (Abb. 6).

Abb. 6: Stolpmünde vor 1945 - Bescheiden und mondän zugleich - Nirgendwo "Überladenes", Protziges, Beleidigendes

1945 haben sich auch in Stolpmünde unwahrscheinlich dramatische, unendlich entsetzliche Szenen abgespielt (Ü):

In den letzten Tagen sind aus Stolpmünde noch 18.310 Flüchtlinge, Soldaten und Verwundete herausgekommen, seit dem 15. Januar insgesamt 32.780 Menschen. (...) In panikartiger Flucht verließen 3.000 Flüchtlinge den Ort auf den Ausfallstraßen in Richtung Osten. Ein Fluchtweg führte entlang der Küste nach Schönwalde, der andere über Strickershagen und Weitenhagen nach Gambin. Auch die mit Pferd und Wagen Flüchtenden wurden schon nach Stunden oder Tagen von den schnell vorstoßenden Russen eingeholt. 

Auch zu den Quälereien der zurückgebliebenen Deutschen in Stolpmünde gibt es ausführliche Beschreibungen (Ü):

Kriegs- und Vertreibungsverluste: 123 Gefallene, 58 Ziviltote und 729 Vermißte ("ungeklärte Fälle").

So viel deutsche Vergangenheit in jeder einzelnen Ortschaft Pommerns, in jeder deutschen Familie Pommerns.

Pommern heute - Ein Fahrtbericht

Stolp und Ostseebad Rowe  
- Acht Tage Pommernurlaub, Juni 2022

Samstag, 4. Juni: Fahrt mit dem Auto über Stettin und Stolp zu der gemieteten Ferienwohnung am Ortsrand des Ostseebads Rowe. 

Schon seit Monaten war davon die Rede, das Land der Vorfahren einmal besuchen zu wollen. Endlich die Umsetzung.

Abb. 1: Ostseestrand bei Schönwalde in Pommern - Blick nach Süden, Richtung Stolpmünde (polnisch heißt Schönwalde Dębina)

Der Maler Max Pechstein hat zwischen 1927 und 1945 in Rowe viele Monate malend und wandernd verbracht (Pr2022). Ein Grund für die Wahl dieses Urlaubsortes. Von hier aus kann man den Revekol sehen, einen der höchsten Berge Pommerns. Er findet sich auf vielen Bildern von Max Pechstein. Rowe selbst liegt auch nicht weit von der Stadt Stolp entfernt, in der Vorfahren gelebt haben. 

Rowe

Auf den bedeutenden europäischen Maler Max Pechstein fanden sich im Ortszentrum des heutigen Ostseebades Rowe nirgendwo auffallendere Hinweise. Womöglich müßte man sich dieserhalben noch längere Zeit umsehen.

Rowe als Ortschaft ist häßlich. Bunt zusammen gewürfelte Hotelbauten und ein Jahrmarkts-Rummel als Einkaufsstraße. Nur die bescheidene alte Kirche, gelegen inmitten dieses strukturlosen Durcheinanders vermittelt einen Eindruck von dem Dörfchen in der Zeit vor 1945, das ja Gegenstand zahlreicher berühmter Gemälde von Max Pechstein und anderer Maler ist. 

Im Gegensatz zum Zustand vor 1945 (Pr2022) ist das vormals schöne Flußbett der Lupow innerhalb von Rowe und bei der Mündung ins Meer einbetoniert. Dabei entstand ein kleiner Hafen. Er wirkt aber eher wie der Hinterhof eines herunter gekommenen Industrieunternehmens. Alte Bauernhäuser scheint es Rowe kaum noch zu geben. Das Ortszentrum mit dem Jahrmarkts-Rummel möchte man meiden. Es erinnert in so gut wie nichts mehr an das Rowe aus der Zeit vor 1945. Es war einer der unfreundlichsten Orte der ganzen Reise. 

Der erste Tag brachte eine Wanderung durch den Wald zum Strand, am Strand entlang nach Rowe und durch das Ortszentrum zum wunderschönen, einsam gelegenen Garder See. Von dort dann abends zurück zur Ferienwohnung am südlichen Ende des heutigen Rowe. 

Jahrtausende lang hat sich die Ostseeschiffahrt am weithin sichtbaren Revekol orientiert. Er ragt südlich des Garder See's auf (1). Der Garder See, der für Schiffe von der Ostsee aus über die Lupow zu erreichen war, wurde von diesen gerne bei stärkeren Stürmen aufgesucht. Er galt im Mittelalter als Seeräuber-Versteck.

Der folgende Tag (Sonntag, 5. Juni): Fahrt mit dem Auto durch Rowe über die Brücke auf die andere Seite der Lupow, Wanderung den Strand entlang nach Nordosten. Herrlicher, einsamer Strand. Sonnenbrand vorprogrammiert (Abb. 6). Auf dem Rückweg durch den Wald eine schön angelegte Aussichtsplattform. Von ihr blickt man über den einsamen Garder See. Eine Urlaubsregion, die sehr beliebt ist. Im Wald gibt es viele Fahrradfahrer.

Montag, 6. Juni: Ostseestrand in Schönwalde (Abb. 1), ein Dorf südlich von Rowe. Schönwalde hat - im Gegensatz zu Rowe - viele schöne Ecken, erhaltene, alte Gebäude, aber mitunter sogar schöne, neu errichtete Gebäude. Der Strand ist vom Parkplatz am Ortsrand in nur fünf Minuten zu erreichen. Geprägt ist er von einer eindrucksvollen Steilküste, bewachsen von herrlichem Buchenwald.

Wobesde, Weitenhagen, Stolpmünde

Dienstag, 7. Juni: Fahrt nach Stolpmünde (G-Maps). 

Abb. 2: Kriegerehrenmal in Wobesde in Pommern für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges - Offenbar erst seit wenigen Jahren restauriert und wieder hergestellt

Zu Anfang durchfährt man das Dorf Wobesde (Wiki). In seinen Gebäuden ähnelt es einem ganz normalen deutschen Straßendorf. Es wirkt nur ein wenig mehr herunter gekommen als das heute "im Westen" noch der Fall ist. Da es noch heute so unglaublich wenig in deutscher Sprache in Pommern zu finden gibt, große Überraschung, auf ein wiederhergestelltes Ehrenmal zum Gedenken der Gefallenen des Ersten Weltkrieges aus der Gemeinde Wobesde vor der ebenfalls schön restaurierten Kirche zu stoßen (Abb. 2). Hinter der Kirche ist - unzugänglich - der ausgedehnte, schöne Gustpark gelegen. Er erstreckt sich bis zu einem großen Gutshaus, das sich aber - verfallen und unzugänglich - innerhalb eines eingezäunten Grundstücks befindet. Die Strukturen des Gutshofes und seiner vielen wirtschaftlichen Nebengebäude sind gut zu erkennen.

Bis 1945 war hier die Gutsbesitzersfamilie Kutscher ansässig. Ihrer Familienangehörigen wird im Kirchhof neben der Kirche in neu angebrachten Gedenktafeln gedacht. Ihre Gräber waren also vermutlich zwischenzeitlich zerstört worden. Es ist naheliegend, daß Nachkommen dieser Familie das genannte Kriegerehrenmal und die Kirche haben renovieren lassen.

Ein bedeutenderer Angehöriger dieser Familie war der Oberpräsident von Ostpreußen unter der Regierung von Papen 1932/33 Wilhelm Kutscher (1876-1962) (Wiki). Bei ihm handelte es sich um einen preußischen Beamten, der auch sonst in seinem Leben hohe Ämter inne hatte. 

Ein auffallender Umstand der Dorfgeschichte ist außerdem, daß hier christliche Sekten wie die Mormonen seit 1900 viele Anhänger haben werben können, sogar durch Missionare, die in den 1920er Jahren aus den USA gekommen waren. "Abgelegenes" Pommern? Von wegen.

Abb. 3: Die Kirche von Weitenhagen in Pommern (vier Kilometer östlich von Stolpmünde)

Kurz vor Stolpmünde durchfährt man das schöne Dorf Weitenhagen (Wiki). Auch hier neben einer renovierten Fachwerkkirche (Abb. 3) ein (wieder hergestellter?) deutscher Gedenkstein für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges. 

Anrührend an Stolpmünde ist, daß es in seiner Architektur so bescheiden geblieben ist, wie es sich bis 1945 dargeboten hat. Nur als eine leichte "Firnis" ist über alles "das Polnische" gelegt. Leicht kann man sich in das Stolpmünde zurück versetzen in jene Zeit, wie es dort vor 1945 ausgesehen hat. In bei Deutschland verbliebenen Ostseebädern ist das keineswegs mehr so gut möglich wie hier. 

Stolpmünde bietet sich dar als eine sehr eigentümliche Kombination eines kleinen Fischer- und Handelsstädtchens, auch mit Lager-, Speicher- und Fabrikgebäuden einerseits und eines kleinen, mondänen Badeortes mit Strandhotels im Jugenstil der Zeit um 1900. 

Gerne möchte man hier in diese Zeit ruhiger, beschaulicher, unbeschwerter Urlaubsatmosophäre der Zeit vor 1945 hineintauchen. Viel anspruchsloser und bescheidener mutet da alles an. Auch nicht so "überlaufen", so "überdreht" und mit so viel Neubau-"Boom" wie es in den heutigen deutschen Badeorten an der Ostsee (etwa Bansin, Hennigsdorf und so weiter) der Fall ist. Und wie es auch in Rowe - freilich noch in der etwas anderen Form einer Art "Billig-Tourismus" - zu besichtigen ist.

Schönwalde und Neustrand

Mittwoch, 8. Juni: Wieder am Ostseestrand von Schönwalde. Beeindruckend immer wieder, durch den Wald zur Ostsee zu kommen, einmal versperrt durch herrliche Dünen versperrt, einmal direkt über die bewaldete Abbruchkante hinaus blickend.

Donnerstag, 9. Juni: Mit dem Auto auf einem Sandweg im Wald von Schönwalde in Richtung des Dörfchens Neustrand (Ü), dort Auto im Wald stehen gelassen und zum Strand gewandert. Neustrand leider nicht angesehen. Berichte aus der Zeit vor 1945 (Ü) zeigen, wie die Pommern in diesen Dörfern ihren Urlaub verbracht haben (Pr2022).

Groß Garde, Schmolsin, Revekol und Scholpin

Freitag, 10. Juni: Fahrt über Groß Garde (Wiki, Stolp) nach Schmolsin (Wiki). Groß Garde war ursprünglich ein Fischerdorf am Ufer des Garder Sees, herrlich gelegen. 

/ Einfügung 20.2.23: Auf Youtube findet sich eine Dokumentation zu in Pommern verbliebenen Deutschen, wobei auch eine Frau Charlotte Judaschke-Skuriat aus Groß Garde interviewt wird (3; 2'49):

"Nur fünf Familien blieben hier in Garde, Behnke, Kipert, Judaschke, Kretsch und Kowalski." 

Und (3; 5'20): 

"Bis 1945 war es ein ruhiges Dorf. Es waren nur Fischer und Landwirte hier." 

Sie geht von ihrem Haus hinunter zum Garder See und erzählt dort (3; 7'50): 

"Hier war ein großer Platz, das war ein Tanzplatz. Da hat die Jugend abends immer getanzt mit Schifferklavier. Die älteren Menschen haben gesessen und zugeguckt. Es wurde gesungen." 

Während des Zweiten Weltkrieges war das aber verboten. Denn in jeder Familie gab es Gefallene. Sie erzählt (13'20), daß sie sich 1945 am Seeufer im Kahn ihres Vaters, eines Fischers, versteckt hat, um nicht von den russischen Soldaten vergewaltigt zu werden. Schließlich wurde sie doch noch vergewaltigt und davon schwanger. Sie wollte abtreiben, aber aus Sorge, danach keine Kinder mehr bekommen zu können, tat sie es nicht. Ihre Tochter wurde dann von ihrer Schwester aufgezogen. Die Polen haben sie dann aus ihrem Haus vertrieben. Sie durften aber nicht nach Deutschland aussiedeln, da ihr Vater in der Fischereigenossenschaft gebraucht wurde. Schließlich heiratete sie einen Polen. /

Abb. 4: Blick vom Seeufer auf Groß Garde

Vor der Kirche inmitten des Ortes findet sich das Kriegerehrenmal (Stolp). Es trägt noch die deutsche Inschrift:

Wo ihr schlummert nach Gottes Rat,
künftiger Ernte blutige Saat,
nimmer vergessen im deutschen Land,
ruhet in Frieden in Gottes Hand,
dort in der Heimat bei Jesu.
Dies war eine Anfang der 1920er Jahre auf Kriegerehrenmalen in Deutschland beliebte Inschrift (GB2014). Der Verfasser derselben ist einstweilen nicht festzustellen. Auf den Kriegerehrenmalen damals wurde dieses Gedicht mal mit (Wiki, a), mal ohne (a, b) die letzte Zeile genutzt. In Groß Garde mit der letzten Zeile.

Abb. 5: Kriegerehrenmal in Groß Garde

Auf der Tafel vor der Kirche steht unter anderem (und zwar auch in deutscher Sprache):

Die am Tor wachsenden roten Eichen wurden 1910 von Kaiser Wilhelm II. persönlich eingepflanzt.

Weiter nach Schmolsin. Besteigung des 115 Meter hohen, von Max Pechstein aus vielen Richtungen gemalten Revekol (Wiki). Auf dem Aussichtsturm herrlicher Ausblick auf den zu Füßen liegenden Garder See, die Ostsee dahinter, die Dünen vor der Ostsee, auf den Lebasee und nach Südosten weit in das "Blaue Ländchen" hinein Richtung Lauenburg und in den Landkreis Stolp. Außerdem Blick auf den Verlauf der Lupow rund um den Berg herum. Die Begeisterung für diesen Ausblick, festgehalten in einer zugänglichen Schrift von 1934 (1), kann völlig geteilt werden.

Angenehme Überraschung im Restaurant Kopernika "u Bernackich" in Schmolsin. Freundlich, sauber und ordentlich geführt. Es bietet auch ein reichhaltiges und bezahlbares Angebot veganer und glutenfreier Gerichte (Wiki):

Im 19. Jahrhundert waren Scholsin und der Revekol mit seinem Aussichtsturm beliebte Ausflugsziele, auch von Sommerfrischlern, zumal das Dorf von Stolp und Stolpmünde aus leicht mit dem Fahrrad zu erreichen ist

Nachmittags in den Dünen hinterm Strand bei Scholpin (Wiki) (Abb. 6).

Abb. 6: In den Dünen an der Ostsee nordöstlich von Rowe - Oder bei Scholpin (?) (auf Polnisch heißt Scholpin Czołpino)

Samstag, 11. Juni: Abreise von Rowe. Für einige Stunden noch einmal am Strand von Schönwalde. 

Stolp

Fahrt nach Stolp. Zunächst in die Pionkestraße 11 (heute "Pogodna 4") (Abb. 7) (Pr2022). Das Zusammenbringen des Stadtplanes von 1940 mit Google Maps ist nicht ganz einfach und dauert eine Weile. 

Auf Streetview war vormals noch zu sehen war, daß das einstige Kopfsteinplaster noch bis vor wenigen Jahren erhalten war. Die ruhige Straße ist heute sehr schön erneuert. Auch die Häuser rechts und links sehen heute in der Wirklichkeit angenehmer aus als man das auf den etwas älteren Bildern auf Streetview hat erahnen können.

Abb. 7: In der Pionkestraße 11 in Stolp, einem Neubauviertel von 1936, geprägt von Einfamilienhäusern mit - ziemlich modernem - Flachdach

Klingeln am Haus der Pionkestraße 11. Es öffnet ein ziemlich alter Mann. Er kann kein Deutsch oder Englisch. Wir können kein Polnisch. Es kommt keine Verständigung zustande. Vielleicht lebt er in diesem Haus schon seit 1945, geht uns durch den Kopf. Zu jedem Haus gehört nicht nur der auf Abb. 7 erkennbare Vorgarten, sondern auch noch hinter dem Haus jeweils ein kleiner Garten. 

Das heute noch eindrucksvolle Gebäude der Blücher-Kaserne (Pr2022) angesehen.**) Schließlich in die Innenstadt gefahren. Die Schloßkirche angesehen und den Eingangsbereich des daneben gelegenen Mittelpommer'schen Landesmuseums. An öffentlichen Gebäuden gibt es in seltenen Fällen auch Erläuterungstafeln in deutscher Sprache, ebenso im Museum. So richtig herzlich willkommen geheißen fühlt man sich als Deutscher, der von der langen Kulturgeschichte Pommerns weiß und sich mit ihr identifiziert, an diesem Ort nicht. 

Man liest zum Beispiel auf der Erläuterungstafel an der Schloßkirche vom "Lutherian riot" und fragt sich, in welchem Jahrhundert man sich hier gerade befindet. Die Reformation einer "riot" zu nennen, einen "Aufruhr", eine "Randale", das klingt nicht gerade respektvoll gegenüber einer anderen Konfession. Da scheint doch noch allzu viel aus der Sichtweise des Geistes der Gegenreformation heraus formuliert zu sein.

Von einem Mittelpommer'schen Landesmuseum erwartet man sich - schon im Eingangsbereich - viel mehr Eingehen auf die einstigen deutschen Bewohner dieser Provinz. Auch viel mehr freundliche Ansprache derselben. 

In Pommern fürchtet man offenbar immer noch, daß die Deutschen, "wieder kommen" und alles zurück haben wollen.

Dann an der Stolpe entlang zu Fuß Richtung Marktplatz. Der größte Teil der alten Stadt Stolp, der Altstadt aus der Zeit vor 1945, ist vernichtet, bewußt angezündet von den russischen Truppen im Jahr 1945. Was für eine Schande. Danach ist die Stadt außerordentlich häßlich wieder aufgebaut worden. Sie kann deshalb auch als sehr anstregend erlebt werden. Das eindrucksvolle Kreishaus in Stolp an der Stolpe-Brücke steht noch und läßt ein wenig den Geist dieser Stadt in der Zeit vor 1945 erkennen. Es ist schön renoviert und lädt zum Fotografieren ein (Abb. 8).

Abb. 8: Das Kreishaus in Stolp

Der ehemalige Marktplatz von Stolp ist greulich. Wenn man es nicht wüßte, würde man gar nicht ahnen, daß dies einst der ehrwürdige Marktplatz einer uralten deutschen Stadt gewesen ist, Jahrhunderte lang der Mittelpunkt des Lebens der Menschen vor Ort. Rundum häßliche, nichtssagende Neubauten. 

Ebenso rund um die Marienkirche, die nur wenige Meter zu Fuß entfernt liegt. Nur die Marienkirche selbst - sie steht uralt, breit, behäbig und ehrwürdig, liebenswert wie eh und je inmitten all dieser städtebaulichen, schändlichsten Kulturwüste (Abb. 9).

Abb. 9: Die Marienkirche in Stolp

Dann das Haus des Maurers Willi Blum und seiner Frau Minna, geborene Domke aufgesucht (Pr2022). Sie wohnten zwischen 1914 und 1936 in der Großen Auckerstraße 38 in Stolp (Abb. 10).

Abb. 10: Die Große Auckerstraße 38 in Stolp (Blick nach Osten)

Der heutigen Großen Auckerstraße ist anzusehen, daß dort auch schon vor 1945 eher Handwerker und Arbeiter wohnhaft waren. Sie führt an ihrem Ende direkt ins Grüne der Flußaue der Stolpe. Falls die Hausnummer aus der Zeit vor 1945 beibehalten worden sein sollten, befindet sich in der "Großen Auckerstraße 38" heute im Erdgeschoß ein Friseurgeschäft.

Abb. 11: Die Große Auckerstraße in Stolp mit Blick nach Westen auf die zu ihr quer verlaufende Bütower Straße - Rechts die - einstige - Luther-Kirche

Die Große Auckerstraße ist vom Schloß (heute Mittelpommersches Landesmuseum) und seiner Schloßkirche in fünf bis zehn Minuten Fußweg zu erreichen. Richtung Osten (Abb. 12) waren das Schwimmbad und die Schrebergärten in der Stolpe-Niederung, ebenfalls nicht weit entfernt.

Abb. 12: Die Große Auckerstraße in Stolp mit Blick Richtung Osten (Richtung Stolpe-Niederung)

Dann das Wohnhaus des Lehrers Nemitz und seiner Frau Minna und ihrer drei Kinder aufgesucht, nämlich in der Goethestraße 2, das Haus, in dem sie zwischen etwa 1901 und 1935 gelebt haben (Abb. 13) (Pr2022).

Abb. 13: Goethestraße 2 in Stolp (heute "Władysława Reymonta 2")

Sollten die Hausnummern aus der Zeit vor 1945 beibehalten worden sein, dann handelt es sich um das Haus in Abb. 13, das heute von allen Häusern in dieser Straße das sorgfältigst renovierte ist, ähnlich wie die vormalige 3. Gemeindeschule in der Friedrichstraße gleich um die Ecke (Abb. 15). 

Ansonsten atmet die Goethestraße heute den "Charme" eines ein wenig herunter gekommenen Stadtviertels.***)

Abb. 14: Ecke Schillerstraße/Goethestraße in Stolp mit Blick nach Süden in die Schillerstraße - Das große spitze Dach, ebenso wie das kleine im Hintergrund gehören zu Bürgerhäusern

Gleich um die Ecke in der Friedrichstraße findet sich überraschenderweise die ehemalige Gemeindeschule 3 (Abb. 15). An ihr hat der Lehrer Nemitz zwischen 1901 und 1914, sowie im Jahr 1916 als Lehrer gewirkt. Auf diese Schule werden auch seine drei Kinder in den ersten Schuljahren gegangen sein. Das große eindrucksvolle Gebäude wird bis heute als Schule genutzt.

Abb. 15: Die ehemalige Gemeindeschule 3 in Stolp in der Friedrichstraße, an der Ecke zur Goethestraße

Mit keinem Wort wird auf den zahlreichen Tafeln rund um das Portal der Schule der Geschichte dieser Schule in deutscher Zeit gedacht.

Gegenüber von der Gemeindeschule 3 findet sich ein - noch heute gelber - Bau. Er beherbergte 1940 - laut damaligem Stadtplan - das Finanzamt. Wenn dies das Finanzamt war, dann fand es damals noch in einem vergleichsweise kleinen Gebäude Platz. Heute ist darin eine Polizeistation untergebracht.

Klein Strellin und Zanow

Der Aufenthalt in Stolp und das Zurechtfinden in seinen bunten Mischmach von zugleich fremden und bekannten Straßen war sehr anstrengend. 

Übernachtung von Samstag auf Sonntag in einer schönen, ruhigen Ferienwohnung in Klein Strellin. Dies ist ein ehemaliges, kleines Bauerndörfchen einige Kilometer außerhalb von Stolp. Dort waren auch zwei Fahrradfahrer untergekommen. Sie befanden sich auf einer Tour von Swinemünde bis zur Halbinsel Hela. Einer von ihnen konnte recht gut Deutsch, arbeitete als Architekt in Berlin. Er fragte ein wenig besorgt, wie uns der Aufenthalt in Pommern gefallen habe. Sehr gut, antworteten wir. Ansonsten sind wir nur sehr wenigen Polen begegnet, die Deutsch oder Englisch sprechen konnten. Es ist sehr geraten, auf einer solchen Fahrt die Google Übersetzer-App zu nutzen, die den Austausch vermutlich vereinfacht hätte.

Auf der Rückfahrt am nächsten Tag Durchfahrt durch das Städtchen Zanow (Wiki) (Abb. 16), kurz vor Köslin.

Abb. 16: Ortsdurchfahrt Zanow in Pommern

Pommern. "Gleich hinter Berlin". Gar nicht weit weg. 

Wer glaubt, daß es auf die Deutschen in der Weltgeschichte nicht ankommt, wer glaubt, die Weltgeschichte hätte eh keinen Sinn, ebensowenig wie das Leben einen allgemein gültigeren Sinn hat, der muß die Lieblosigkeit nicht beachten und nicht auf sich wirken lassen, die ein sehr vorherrschendes Element in der Völkergeschichte der letzten hundert Jahre gewesen zu sein scheint. Schließen wir mit dem deutschen Dichter Ernst Bertram (1884-1957) (Wiki):

Aber erst Gräber
Schaffen Heimat.
Erst unsre Toten
Geben uns Licht.
 
Erst wo auf Hügeln
Klagende knien,
Erst über Särgen
Werdet ihr Volk.
 
Erst wo auf Trümmern
Herrlichen Erbes
Ihr in Euch einkehrt,
Werdet ihr Licht.

 

/ leicht überarbeitet: 
20.2.23 /

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*) Die heutige Straße "Pogodna" führt nämlich nicht mehr hindurch bis zur einstigen Kattenborn-Straße im Norden, sondern in einem Bogen nach Westen bis zum vormaligen Reiterweg. Der Bebauung nach zu schließen, könnte diese Straßenführung noch während des Zweiten Weltkrieges entstanden sein. 
**) Dieses suchten wir ebenfalls zunächst am ganz falschen Ort. Es findet sich in der ehemaligen Blücher-Straße, nicht in der Nähe des ehemaligen Regiments-Sportplatzes, wo wir es irrtümlich zuvor verortet hatten.
***) Gegenüber von Goethestraße 2 befindet sich heute ein Laden des Rotlichtmilieu's, von denen es gleich mehrere in den umliegenden Straßen gibt.
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  1. Bading, I.: Am Garder See in Pommern, 5.6.2022, https://youtu.be/b1x3zQ_h738
  2. Witt, Walter: Der Revekol und seine Umgebung in vor- und frühgeschichtlicher Zeit, Stolp i. Pommern o.J. [1934?], http://bibliotekacyfrowa.eu/dlibra/doccontent?id=38235
  3. Majerski, Michael: Meiner Mutter Land / I was once a German, Arkonafilm 2022, https://youtu.be/vfegWSKiivg.